Operation Schönborn

Katholiken werden es heute gewohnt sein, dass viele in der Welt ihren Glauben ablehnen, wenn nicht gar verhöhnen. Nicht nur viele Atheisten, sondern auch nicht wenige, die sich selbst jederzeit als christgläubig bezeichnen würden, lehnen das Lehramt der Kirche mitsamt ihrer hierarchischen Verfassung ab. Dies mag im Einzelfall durch psychologisch verständliche Geschehnisse in der persönlichen Vergangenheit gerechtfertigt werden können, und selbst unter getauften Katholiken ist oft heute einfach Unwissen die Ursache solcher Auffassungen (oder zumindest möchte man das hoffen). Doch derlei subjektive Milderungsumstände treffen keinesfalls auf die Hirten selbst zu, die durch ihre Weihe eine besondere Aufgabe erhalten haben: Die Schäfchen über die schmale Brücke hinweg zum ewigen Leben mit Gott zu führen. Dies wird ihnen aber nicht gelingen, wenn sie sich selbst nicht an die elementarsten Grundsätze solcher Tätigkeiten halten möchten – obschon sie selbst es sicher besser wissen.

In diesem Zusammenhang komme ich auf die sogenannte „Pfarrer-Initiative“ zu sprechen, der inzwischen mehrere hundert österreichische Priester und Diakone angehören. Sie haben in ihrem plakativ „Aufruf zum Ungehorsam“ genannten Schreiben einen guten Teil des üblichen und für einen Konvertiten wie mich einfach nur nervigen Waschzettels an Alt-68er-Forderungen untergebracht und nennen dies Kirchenreform. Sie sprechen damit wohl hauptsächlich Alt-68er und solche, die sich dafür halten an. Ferner alle, die längst mit der Kirche gebrochen haben, und von mit dem Strom schwimmenden Priestern sicher nicht zurückgeholt werden können, da man, wenn man dem Zeitgeist hinterherläuft, eben immer HINTER dem Zeitgeist ist. Wer heute noch als junger Mensch der Kirche treu bleibt, der ist nicht an diesen unsinnigen Forderungen interessiert (dann hätte er ja auch evangelisch werden können!), sondern an dem authentischen Glauben der einen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche Jesu Christi und ihrem zeitlichen Oberhaupt, den Bischof von Rom auf dem Stuhle Petri.

Doch das alles sind nur praktische Erwägungen. Es wird diesen „ungehorsamen“ Pfarrern langfristig keinen Zulauf bringen, außer unter den, um den Heiligen Vater zu zitieren, Berufskatholiken. Ich möchte aber noch auf einen viel wichtigeren Punkt verweisen, nämlich die Reaktion der Kirche auf diesen „Aufruf zum Ungehorsam“. Kardinal Schönborn hat darauf reagiert, indem er nach einigen Wochen einen windelweich formulierten offenen Brief geschrieben hat, indem er den selbsternannten „Ungehorsamen“ die offensichtlich aus dem Geschehen noch nicht klar beantwortbare Frage vorlegt, ob sie denn noch „gehorsam“ gegen ihren Bischof seien? Kardinal Schönborn scheint leider den Titel des Aufrufs überlesen zu haben: „Aufruf zum Ungehorsam“. Lieber Unterzeichner des Aufrufs zum Ungehorsam: Möchtest du gehorsam oder ungehorsam sein? Was für eine Frage!

Eine alternative Erklärung für Schönborns Verhalten bietet Mundabor an: Er ist in Wahrheit ein Sympathisant der Ungehorsamsaufrufer, der nur so viel wie eben nötig gegen sie unternimmt (nämlich einen Brief zu schreiben), ihnen dadurch zu mehr Öffentlichkeit verhilft, ohne irgendeinem Unterzeichner ernsthafte Konsequenzen für sein Verhalten angedeihen zu lassen. Wie würde wohl ein Unternehmer reagieren, wenn seine Mitarbeiter massenhaft „Aufrufe zum Ungehorsam“ gegen grundlegende Aspekte der Firmenpolitik verfassten? Würde er ihnen gut zureden? Vielleicht. Aber was, wenn das nicht hilft? Würde er offene Briefe schreiben, ein öffentliches Ritual des Händeringens vollführen und sie dann weiter beschäftigen? Ich vermute, er würde sie schlicht feuern, so schnell wie möglich. Schönborn selbst deutet in seinem Brief so etwas an. Aber warum handelt er dann nicht? Je mehr man darüber nachdenkt, umso plausibler erscheint Mundabors Vermutung, zumal der Kardinal in der Vergangenheit nicht gerade ein treuer Wächer der Orthodoxie war. (Man denke nur an die sogenannten „Westernmessen„, die er über Jahre hinweg zugelassen hat, bis der Druck auf ihn so groß wurde, dass er mit großem Bedauern die diesjährige Ausrichtung dieser öffentlichen Blasphemie absagen musste.)

Ist Schönborn also ein Sympathisant der Tendenzen, die in der sogannten Pfarrer-Initiative zum Ausdruck kommen? Zumindest erweckt er mit seinen Handlungen den Eindruck, dass er sich alle Türen in alle Richtungen offenhalten will.

Und dabei gibt es auch den anderen Schönborn – einen, der in Treue zur Lehre der Kirche zu stehen scheint. Manchmal hat man den Eindruck, es gebe zwei Kardinäle mit demselben Namen. Wie passen etwa die beiden folgenden Tatsachen zusammen?

1. Kardinal Schönborn hält eine bewegende Predigt, die unter anderem den folgenden politisch inkorrekten Gedanken enthält:

Ich möchte euch eine Sache sagen, die ich im Herzen trage. Ich denke, es ist ein Wort des Heiligen Geistes, das ich sagen muss. Welche ist die Schuld Europas? Die Schuld Europas, die Hauptschuld, ist das Nein zum Leben. Vor einigen Tagen habe ich im österreichischen Fernsehen auf die Frage eines Journalisten geantwortet: „Europa hat dreimal Nein zu seiner eigenen Zukunft gesagt“. Das erste Mal im Jahre 1968, wir feiern jetzt 40 Jahre, durch das Ablehnen von Humanae Vitae. Das zweite Mal im Jahre 1975, als die Abtreibungsgesetze Europa überschwemmt haben. Das dritte Mal zur Zukunft und zum Leben. Gerade gestern habe ich aus Österreich die Nachricht bekommen, dass die Regierung der homosexuellen Ehe zugestimmt hat, auch in Österreich: das ist das dritte Nein. Und dies ist nicht zuerst eine moralische Sache, sondern eine Frage der Gegebenheiten, der Fakten: Europa ist im Begriff zu sterben, da es Nein zum Leben gesagt hat.

Es gibt in meinem Herzen folgendes zu sagen: gerade dies ist der Ort, wo Jesus uns gesagt hat, dass wir die Vergebung unserer Sünden empfangen, denn ich denke, dass dies auch eine Sünde von uns Bischöfen ist, auch wenn niemand von uns im Jahre 1968 Bischof war. Heute haben in Deutschland bei Hundert Eltern 64 Kinder und 44 Enkelkinder: das bedeutet, dass in einer Generation die deutsche Bevölkerung – ohne Einwanderung – sich halbiert. Wir haben „Nein“ gesagt zu Humanae Vitae. Wir waren nicht Bischöfe, aber es waren unsere Mitbrüder. Wir haben nicht den Mut gehabt, ein klares „Ja“ zu Humanae Vitae zu sagen.

und weiter:

Aber wir Bischöfe, verschlossen hinter den Türen wegen der Angst, nicht wegen der Angst vor den Hebräern, sondern wegen der Presse, und auch wegen des Unverständnisses unserer Gläubigen. Wir hatten nicht den Mut! In Österreich hatten wir „Die Mariatroster Erklärung“ – wie in Deutschland „Die Königsteiner Erklärung“. Das hat den Sinn des Lebens im Volke Gottes geschwächt, dies hat entmutigt, sich für das Leben zu öffnen. Wie dann die Welle der Abtreibung gekommen ist, war die Kirche geschwächt, da sie nicht gelernt hatte, diesen Mut des Widerstands, den wir in Krakau gesehen haben, den Papst Johannes Paul II. während seines ganzen Pontifikates gezeigt hat, diesen Mut, JA zu sagen zu Gott, zu Jesus, auch um den Preis der Verachtung. Wir waren hinter den verschlossenen Türen, aus Angst. Ich denke, auch wenn wir damals nicht Bischöfe waren, so müssen wir diese Sünde des europäischen Episkopats bereuen, des Episkopats, der nicht den Mut hatte, Paul VI. mit Kraft zu unterstützen, denn heute tragen wir alle in unseren Kirchen und in unseren Diözesen die Last der Konsequenzen dieser Sünde.

Das klingt wie jemand, der das Problem erkannt hat und es nun besser machen wird, nicht wahr? Jemand, der erkannt hat, dass Verhütung, Abtreibung und die natürlicherweise grundsätzlich unfruchtbare Homo-„Ehe“ untrennbar zusammengehören, und das beharrliche Schweigen der Kirche aus Angst vor dem Zeitgeist als falsch erkannt hat, nicht wahr?

2. Und dann das:

„Josef Pröll ist ein großer Politiker, er hat der Republik mit ehrlichem Herzen gedient, er ist ein aufrichtiger Christ“: Dies betonte Kardinal Christoph Schönborn am Mittwoch im Vatikan im Gespräch mit „Kathpress“ im Hinblick auf den Rücktritt des Vizekanzlers, Finanzministers und ÖVP-Parteichefs;

Wer ist Joseph Pröll? Man lese die Berichte hier und hier. Pröll ist einer der Verantwortlichen für die weiter voranschreitende Auflösung der traditionellen Ehe in Österreich; als hohes Tier in der ÖVP hat er sich unermüdlich für immer weitere staatliche Privilegierung homosexueller Partnerschaften eingesetzt und brachte es sogar zu dieser Perle:

Für ÖVP-Chef Josef Pröll ist das ganze eine „gangbarer Kompromiss“ wie der „Kurier“ berichtet. Als Leiter der ÖVP-„Perspektivengruppe“ hatte sich Pröll 2007 übrigens sogar noch für eine Eintragung homosexueller Partnerschaften am Standesamt ausgesprochen. Dass dies nun an der Volkspartei gescheitert ist, sieht er allerdings nicht als Niederlage: „Ich habe es geschafft, das Thema voranzutreiben.“, erklärt er stolz.

Schönborn erkennt also den Irrtum des „europäischen Episkopats“, nicht gegen die ersten zwei lebensfeindlichen Kulturrevolutionen (künstliche Verhütung und Abtreibung) vorgegangen zu sein, und erkennt auch, dass der Feldzug für die „Homo-Ehe“ von genau demselben Kaliber ist. Und dann geht er hin und ehrt einen radikalen Aktivisten in dieser Richtung als „großen Politiker“ und „aufrechten Christen“? Warum läßt er die Chance verstreichen, ein paar passende Worte zu sagen?

Das ist nur ein Beispiel unter vielen. Mundabor hat auf seinem Blog (Link siehe oben) noch mehr davon. Schönborn ist ein Karrierekardinal – das ist das Wahrscheinlichste. Er sagt immer das, wovon er glaubt, dass es ankommt und ihm Chancen bietet, die Karriereleiter nach oben zu fallen. Was das allerdings damit zu tun haben soll, ein „Diener Gottes“ zu sein,  „cum petro et sub petro„, um mit Schönborn zu sprechen?

Ich ende wie ich begann: Katholiken müssen es heute gewöhnt sein, wenn sie von außen verhöhnt werden. Das gehört einfach dazu – tragt euer Kreuz. Aber was ist, wenn die Hirten selbst entweder kein Interesse an ihrer Aufgabe als Hirten haben – sondern sich lieber in der Öffentlichkeit beliebt machen – oder, schlimmer noch, aktiv an der Aufweichung der Wahrheit arbeiten? Welcher Hohn ist schlimmer? Der des Nichtgläubigen oder der von innen?

P.S. Was sagt es über den Zustand der Kirche in Deutschland, wenn die Hauptdialogpartner der krampfhaft um Beliebtheit bemühten Deutschen Bischofskonferenz praktisch alle Ziele der Revoltenpfarrer aus Österreich teilen?

KYRIE ELEISON!

Catocon.

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5 Gedanken zu „Operation Schönborn

  1. Alles sehr schoen gesagt, Catocon!

    Die (eigentlich schoene) Worte des Kardinals, die Sie zitiert haben, waeren mehr glaubwuerdig, wenn der Kardinal sich nach ihnen auch ausrichten wuerde. Wie es jetzt steht, halte ich es fuer wahrscheinlicher, dass der Mann einfach einen ziemlich guten Redeverfasser hat; einer der, wie sein Vorgesetzter, seine jeweiligen Zuhoerern gut bedienen kann. Wie Sie zu Recht sagen, er muss besser wissen.

    Nein, ich glaube, dass hier die offenkundig mehr als gesund entwickelte Eitelkeit des Mannes eine Rolle spielt; insbesondere aber den Wunsch, die Alt-68er (und die Junggeschiedenen; und die Armee derjenigen, die nie vernuenftig ausgebildet wurden) als zahlende Mitglieder eines massgeschneiderten Haeretikervereins zu behalten.

    Ich gratuliere zum schoenen Blog. Deutschland braucht mehr davon.

    Mundabor

    • Mundabor,
      Sie haben in diesem Kommentar einen Gedanken aufgebracht, der mir gar nicht gekommen war. Das gesunkene Bildungsniveau hatte ich zwar bislang als Problem gesehen, und auch die fehlende religiöse Bildung als eines der Grundübel der heutigen Zeit erkannt, aber in diesem Bereich gibt es scheinbar noch einen weiteren wichtigen Zusammenhang: Wer nie richtig ausgebildet worden ist (selbst in weltlichen Dingen), der hat einfach die notwendigen Grundlagen für das Verständnis des katholischen Glaubens nicht. Und das einzige was solches Verständnis vielleicht teilweise ersetzen könnte – ein gesunder Geist des Gehorsams gegen das Lehramt und seine Verkünder – fehlt aus anderen Gründen ebenfalls. Die Frage, inwiefern die Kirchenkrise mit dem Verfall der säkularen Bildung in Zusammenhang steht, verdient irgendwann in der Zukunft einen eigenen Essay. Einen Aspekt dieser Idee habe ich heute in meinem Essay über die Verdienste des Lateinischen angesprochen.
      Catocon.

  2. Pingback: Sancta Missa: The Tridentine Mass In Your Home. « Mundabor's Blog

  3. Pingback: Klare Worte: Petrusbruder zur Pfarrer-Initiative | Kreuzfährten: Wahrheit statt Mehrheit

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