Vom Geräusch aus Luthers Grab

Immer wieder hört man aus traditionsverbundenen Kreisen innerhalb der Katholischen Kirche, es habe eine Protestantisierung der Liturgie und des Glaubenslebens stattgefunden. Und das ist sicher auch richtig – vor allem wenn man den Protestantismus nimmt, wie er sich heute in Europa darstellt. Und doch werde ich das Gefühl nicht los, dass der Begriff „Protestantisierung“, so treffend er in vielen Zusammenhängen auch ist, zwei Aspekten nicht wirklich gerecht werden kann.

1. Wirklich gläubige Protestanten

Es gibt sie, vor allem in den freikirchlichen, konservativen Gruppierungen. Sie haben zwar nicht die Fülle der katholischen Überlieferung (und die meisten können wenig dafür, da sie die Wahrheit nie beigebracht bekommen haben, und ihnen nie ein guter Grund gegeben wurde, ihre Irrtümer zu überdenken), aber sie folgen oft treu der Überlieferung, die sie haben. Sie ist fehlerhaft, aber sie bemühen sich um ein gutes Christenleben. Das ist mehr als man von 90% der Katholiken, mindestens 80% der Gremienkatholiken und vielen Priestern und Bischöfen sagen kann. Als ich 2007 erstmals positiv mit einem ernsthaften Christentum per Internet in Berührung kam, waren es amerikanische „Southern Baptists“, die mich zuerst in ihren Bann zogen. Ohne diesen Einfluss hätte ich wahrscheinlich niemals zum Glauben gefunden. Sie boten mir etwas, das ich bei den deutschen Katholiken noch immer nicht gefunden habe: Sie glaubten wirklich und scheuten sich auch nicht es zu bekennen. Dafür bin ich ihnen dankbar.

2. Martin Luther

Wann immer ich mir den Zustand der katholischen Kirche (und auch der diversen protestantischen Religionsgruppen) anschaue, meine ich diffus ein Geräusch aus der Richtung des Luther-Grabs zu hören: Er hat sich im Grabe umgedreht! Ich bin mir ziemlich sicher, dass es einen unfehlbaren Weg gegeben hätte, die Reformation zu verhindern: Man hätte zurück in die Zeit reisen und Luther Einblick in die Folgen seiner Aktivitäten gewähren müssen. Hätte man Luther gesagt, sein Schisma werde zu homosexuellen PastorInnen in evangelischen Pfarrhäusern, nahezu totaler Apathie unter nahezu allen Gläubigen und einer Spaltung des Protestantismus in mehr als 20000 Denominationen führen, wäre er sofort aufgebrochen und sich selbst geißelnd, barfuß, nach Rom gewandert, um dort auf Knien um Vergebung zu bitten!

Konklusion:

Ja, Protestantisierung trifft die Aktivitäten der heutigen Neo-Reformatoren und Modernisten in der Kirche auf den Kopf. Und wenn man sich mit dem letzten Konzil und den Folgen beschäftigt, so findet man heraus, dass viele bewusst eine Protestantisierung der Liturgie (und zumindest in der Praxis auch der Theologie) angestrebt haben. Daher hat der Begriff „Protestantisierung“ seinen historischen Sinn. Doch da der heutige Mainstream-Protestantismus völlig säkularisiert ist, sollte man vielleicht Martin Luther in Frieden in seinem Grabe ruhen lassen und den Prozess der Kirchendeformation als „Verweltlichung“ bezeichnen. Man tut ihm wirklich Unrecht, wenn man ihn mit Menschen wie Margot Käßmann, Hans Küng und den diversen Gremienkatholiken vergleicht.

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