Familienidentität

Auf What’s Wrong with the World findet sich derzeit ein faszinierender Artikel von Jeff Culbreath (dessen Worte oft richtig, manchmal provozierend, immer aber lesenswert sind) zum Thema Familienidentität. Wer des Englischen mächtig ist, sollte sich Culbreaths Artikel (und die darin verlinkte Rede zum gleichen Thema) zu Gemüte führen. Wer die Sprache Shakespeares (oder vielmehr, was seit seiner Zeit aus ihr geworden ist) nicht lesen kann, verpasst etwas, aber hier seien die Hauptpunkte kurz (zu kurz) zusammengefasst:

Die Prämisse des Artikels: Weder der moderne Individualismus noch das, was die meisten selbsternannten Konservativen dagegen setzen (die Kernfamilie aus Vater, Mutter und ein bis zwei Kinder) sind in Wirklichkeit geeignet, den notwendigen Familienzusammenhalt und eine eigene Familienidentität zu erschaffen zu beizubehalten. Die hierfür nötigen erweiterten Familieneinheiten mit vielen Kindern, Onkeln, Tanten, Cousins und Cousinen sind aber extrem selten geworden. Meist leben die Kinder, wenn sie erwachsen sind, nicht mehr in der Nähe ihrer Eltern (der Apfel fällt hier weit vom Stamm), und sie haben wenige Geschwister, und kaumj Kontakt zum weiteren Umfeld. Man lebt in selbstgewählten Milieus, die oft genug nicht persönlichkeitsbildend sondern zerstörend wirken, indem sie hinter der Schimäre des Individualismus das schutzlos und ohne Rückhalt umherirrende Individuum immer abhängiger von der Zustimmung des Milieus und langfristig der Massenmedien machen. Widerstand gegen Gruppendruck und massenmedial inszenierten Herdentrieb kann aber nur von starken Persönlichkeiten geleistet werden – solche Persönlichkeiten entstehen in der Auseinandersetzung mit der nicht frei gewählten Familie und den vielfältigen Persönlichkeiten, die sich dort befinden. zudem haben Menschen aus großen Familienclans in der Regel einen gewissen Rückhalt aus ihrer Familie. Sie bedürfen daher nicht im gleichen Maße der Zustimmung von außen – sie sind unabhängiger von ihr. (Culbreath führt das alles weiter aus – Lektüre des ganzen Artikels sei abermals empfohlen, denn meine Zusammenfassung wird ihm nicht gerecht)

Wie kann man also in der modernen Zeit für solche starken Familieneinheiten sorgen, die ihrerseits gesunde Individualität fördern, gerade weil sie kruden Individualismus („Selbstverwirklichung“ um jeden Preis) schwächen? Culbreath nennt einige Möglichkeiten, die man ganz praktisch anwenden kann, wenn man sich glücklich schätzt, in einer solchen Großfamilie zu leben, oder eine aufbauen zu können. Sie alle laufen auf die Stärkung der gemeinsamen Familienidentität heraus. Eine solche Großfamilie bedarf, um die vielfältigen Eigenschaften der ganzen Beteiligten unter einen Hut zu bringen, einer gemeinsamen Identität, eines eigenen Wesens – sie muss etwas Distinktives haben. Sie muss wirklich zu einem Clan zusammenwachsen, mit:

– eigenen Familientraditionen, die von Generation zu Generation weitergegeben werden, und die den Zusammenhalt der Generationen fördern. Familie ist wahrer Generationenvertrag – zwischen den heute Lebenden, ihren zukünftigen Kindern und den Ahnen. Man sollte immer auf dem aufbauen, was vorher kam – radikale Brüche mit der Tradition sind nur ganz selten anzuraten.

– einem gemeinsamen Glauben, durch den und in dem man lebt. Man besucht gemeinsam die Kirche, betet gemeinsam usw. Besonders der katholische Glaube bietet, abgesehen natürlich von seiner Wahrheit, gerade in dieser Hinsicht besonders reiche Möglichkeiten.

– einem gemeinsamen Familiencharakter. Gemeint ist etwas, das die Familie ausmacht. Eine Art Schwerpunkt für die gemeinsamen Aktivitäten, ein Thema, das sich in sehr vielen einzelnen Mitgliedern der Großfamilie immer wieder zeigt, wenn auch in vielfältigen Variationen. Culbreath sagt es aber besser.

– einer großen Zahl von Kindern. Dies ist besonders wichtig, da große Familien eben per definitionem viele Menschen beinhalten. Und Familienclans sind oft weit verzweigt, was nur möglich ist, wenn es in jeder Generation einige Geschwister gibt. Dieser Punkt macht die Ablehnung der Verhütungsmentalität notwendig, die davon ausgeht, Kinder wären ein Gut, das man planen sollte, das man sorgsam und vorsichtig in den Rest seines Lebens einhegen sollte, damit sie nicht so stören (diese Mentalität drückt sich perfekt und präzise in Obamas berüchtigtem Spruch aus dem Wahlkampf von 2008 aus: Er wollte nicht, dass seine Töchter mit einem Kind bestraft würden – „punished with a baby“ – wenn sie ungeplant schwanger würden). Das heißt: Man muss sich entschlossen von der Kultur des Todes (Johannes Paul II.) abwenden.

Ferner ist entscheidend, dass es gelingt, die erweiterte Familie in relativ geringer Entfernung zu halten, damit enger Kontakt zwischen den verschiedenen Familienmitgliedern auf persönlicher Basis möglich bleibt. Ein wichtiger Punkt ist hierbei die gegenseitige Familienhilfe, durch die vielfältige Fähigkeiten intern verfügbar werden, für die man sonst oft teuer bezahlen muss. (Nebenbei gesagt ist der Zerfall der Großfamilie für einen nicht zu kleinen Anteil des angeblichen Wirtschaftswachstums im Westen seit etwa 1960 verantwortlich: Was früher innerhalb der Familie erledigt wurde, geschieht heute außerhalb und geht dadurch erstmals ins Sozialprodukt ein, obwohl die entsprechenden Dienstleistungen immer schon erledigt wurden. Kinder wurden immer schon erzogen. Doch heute erzieht Frau Maier die Kinder von Frau Müller und bezahlt sie dafür. Frau Müller erzieht im Gegenzug die Kinder von Frau Maier und bezahlt sie dafür. Und das nennt man dann Wachstum!)

Ein wesentlicher Einwand gegen die in dem Artikel vertretene These, dass eine solche Rückkehr zu Familienidentitäten und Großfamilien wünschenswert wäre, besteht natürlich in der ökonomischen Realität. Doch ökonomische Realitäten sind, unter der Annahme menschlicher Willensfreiheit, kontingent und vermögen nicht das Handeln des Menschen zu determinieren. Wenn nur genügend viele Menschen sich gegen die angebliche Notwendigkeit, weit weg zu ziehen, um dort zu arbeiten, wendeten, dann entwickelte sich schnell ein großes Interesse auf der Seite der Arbeitgeber, Heimarbeit und dergleichen stärker in den Vordergrund zu stellen. Das bedeutet: Wirtschaftliche Hindernisse sind immer durch entschlossenes Handeln ausreichend vieler Menschen überwindbar. Am Ende richten sich Angebot und Nachfrage in einer freien Marktwirtschaft aufeinander ein.

Dieser Einwand ist damit nicht entkräftet (denn er besteht in der heutigen Lage weiterhin, da wenige Menschen eine Rückkehr zur Großfamilie zu betreiben wünschen), aber es ist zumindest ein Weg aufgezeigt, der ihn obsoletieren könnte.

Doch lassen wir erst einmal alle möglichen Einwände beiseite. Kann denn ernsthaft bezweifelt werden, dass die Folgen einer solchen Gesellschaftsstruktur überwältigend positiv wären? Und dass sie sich in einer tiefen Harmonie mit den Grundprinzipien der katholischen Soziallehre befindet? Innerfamiliäre Hilfe ist die ideale Vereinigung von Subsidiarität und Solidarität, zwei fundamentalen Prinzipien der Soziallehre. Und die Familie ist derselben Soziallehre folgend, die unverzichtbare Keim- und Urzelle der Gesellschaft, die, Papst Leo XIII. in Rerum Novarum folgend, sogar vor dem Staat angesiedelt werden muss, und eigene Rechte besitzt, die der Staat weder einführen, noch beschneiden oder abschaffen kann, sondern die zu respektieren und zu schützen ihm aufgegeben ist.

Culbreaths Artikel ist wahrhaftig ein faszinierender Denkanstoß.

Respondete!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s