Mundkommunion: Priester, Protestanten und Canizares

Als ich kurz vor Ostern 2011 ein letztes Mal am Glaubenskurs zur Vorbereitung meines Übertritts in die katholische Kirche teilnahm (ich war der einzige Konvertit, so dass der Kurs eine Art Zweiergespräch zwischen dem Pastor und mir war), ging es unter anderem um die Art des Kommunionempfangs. Ich hatte dem Pastor gegenüber schon mehrfach durchblicken lassen, dass ich in praktisch allen Bereichen traditionelle Normen bevorzuge, und einmal auch schon nach der Mundkommunion gefragt. Da er persönlich nichts dagegen hatte (das wäre ja auch noch schlimmer gewesen, schließlich ist Mundkommunion nicht nur erlaubt, sondern sogar die Norm der Kirche – und Handkommunion die zulässige Ausnahme!), probierten wir beides in einer kleinen Trockenübung aus. Natürlich gab es in unserer Gemeinde keinerlei Vorrichtungen für die Mundkommunion im Knien mehr – man musste sich also direkt auf den Steinboden knien.

Das alles war ja noch halbwegs in Ordnung, doch dann kam es zu einem kleinen Problem: Der Ritus der Messe in der ordentlichen Form sieht vor, dass der Kommunikant nach Empfang des Leibes Christi noch „Amen“ sagt. Und wie soll das bitte geschehen? Mit vollem Mund? Natürlich kann man auch „Amen“ sagen, bevor man den Herrn auf der Zunge empfängt. Aber das erscheint mir wie ein Notbehelf und aus naheliegenden Gründen ziemlich unpraktisch. Im traditionellen Ritus hingegen bleibt der Kommunikant still und empfängt in Andacht und Demut seinen Herrn. Seit dieser Erfahrung in der „Trockenübung“ komme ich nicht umhin zu vermuten, dass dieser Teil des Novus Ordo explizit dazu dient, die Mundkommunion zu erschweren und unpraktikabel zu machen. Ich habe ferner davon gehört, dass schon vor der Einführung des Novus Ordo die Handkommunion, damals noch als echter liturgischer Missbrauch, in vielen Gegenden praktiziert worden sei.

Am nächsten Tag, dem Gründonnerstag, predigte der Pastor „zufällig“ über genau dieses Thema: Mundkommunion oder Handkommunion. (Ich sprach ihn später an, und er erklärte mir, er habe die Predigt größtenteils mit Hinblick auf meine Fragen zum Thema konzipiert – plausibel, denn sonst hat in der Gemeinde absolut niemand ein Interesse an kniender Mundkommunion!) Der zentrale Punkt der Predigt war folgender: Die Mundkommunion ist zulässig, und wer sie nutzen möchte, kann dies tun, aber der Pastor selbst hielt die Handkommunion für symbolisch besonders treffend, da man durch das Stehen mit geöffnet und vor sich hin gestreckten Händen symbolisiere, dass wir „mit leeren Händen“ vor Gott stehen (!) und dies sei ein besonders guter äußerer Ausdruck der korrekten inneren Haltung zum Empfang der Kommunion.

Es versteht sich von selbst, bei solchen Auffassungen und „Argumenten“, dass der Pastor mit keinem Wort die Realpräsenz explizit ansprach (er machte Andeutungen, die man in diese Richtung ausdeuten konnte, wenn man so geneigt war, und widersprach ihr auch nicht, aber er war ziemlich zweideutig in dieser Frage). Alles in allem brachte mir die Predigt tatsächlich ein besseres Verständnis dafür, warum die Anhänger der Handkommunion so denken wie sie denken. Doch von der „Überlegenheit“ der Handkommunion konnte er mich nicht überzeugen. Ich möchte kurz begründen warum:

1. Wir machen eine Kniebeuge vor dem Herrn im Tabernakel, knien vor dem Herrn beim Hochgebet, selbst im Novus Ordo ist das alles so. Offenbar ist also die kniende Haltung in der Liturgie der Kirche die angemessene Form der demütigen Verehrung. Stehend hören wir hingegen das Evangelium, bitten im Kyrie um Vergebung, besingen im Gloria den Ruhm des Herrn und bekennen im Credo unseren Glauben. Wenn also die körperliche Haltung überhaupt etwas bedeutet (und in jeder Form der Liturgie ist das der Fall – unausweichlich, wenn man betrachtet, wie sehr Körper und Seele, Außen und Innen beim Menschen verflochten sind), dann ist offenbar die kniende Haltung angemessen, da der Herr selbst präsent ist.

2. Welche der folgenden Haltungen ist besserer Ausdruck unserer Hilf- und Machtlosigkeit vor dem Herrn: (a) Leere Hände im Stehen oder (b) kniend mit geöffnetem Mund? Erstere erinnert an jemanden, der um Almosen bittet oder bettelt; zweitere erinnert an jemanden, der sich von seinem himmlischen Vater füttern lässt. Ich fürchte, die Sache ist klar. (b) drückt weitaus deutlicher und eindeutiger die angemessene Haltung aus.

3. Der Papst, dessen Liturgien Vorbildcharakter für die Kirche haben, spendet selbst nur die Mundkommunion im Knien.

4. Die Mundkommunion ist jahrhundertelang die einzige Form der Kommunionspendung gewesen, bis sie etwa in den 1960er oder 1970er Jahren durch die Handkommunion weitgehend abgelöst wurde (in der Praxis – theoretisch ist sie immer noch die Norm). Wir leben in einer Zeit, in der die Tradition der Kirche weitgehend zurückgedrängt wird, nicht zuletzt von Kreisen innerhalb der Kirche selbst. Zugleich verfällt die Kirche vor unseren Augen. Dieses Zusammentreffen sollte uns zu denken geben, ob es wirklich eine so gute Idee war, traditionelle liturgische und andere Normen einfach abzustreifen. Die Mundkommunion ist eine dieser liturgischen Traditionen, die aus besseren Zeiten stammen.

5. Spendung des Herrn direkt in die Hand ermöglicht eine Unzahl liturgischer Missbräuche, die nicht möglich wären, erhielte man die Mundkommunion. Es gibt Fälle, bei denen „Gläubige“ die Eucharistie als Souvenir mitnehmen, sie einfach wegwerfen, bewusst entweihen, sorglos mit ihr umgehen, so dass einzelne Partikel auf dem Boden landen und dann zertreten werden (Herr, erbarme dich!) und vieles mehr. Das alles ist bei der Mundkommunion schwieriger.

6. Der Gläubige kann sich durch seine anbetende Haltung und die Tatsache, dass er nicht sofort „dem nächsten in der Reihe“ Platz machen muss (wie bei einer Massenabfertigung), viel besser auf den Akt der Anbetung und der Ehrfurcht konzentrieren. Er muss nicht, während er kommuniziert, einen Fuß vor den anderen setzen, anderen Gläubigen ausweichen usw. sondern kann im Knien andächtig verharren.

Diese sechs Gründe erschöpfen mit Sicherheit nicht die lange Liste der Vorteile der Mundkommunion, aber sie geben doch einen ersten Verdacht, dass die Handkommunion im Stehen in Wahrheit gar nicht dazu dient, „ehrfürchtig den Herrn anzubeten“, sondern den Akt der Kommunion, den Empfang des Leibes unseres Herrn, zu trivialisieren, so wie auch der Rest der Meßliturgie trivialisiert worden ist, und man beinahe schon den Katechismus braucht, um zu erfahren, dass dort ein Opfer stattfindet und worum es sich dabei handelt.

Abschließend möchte ich noch eine Anekdote nicht unerwähnt lassen: Als ich kürzlich mit einem evangelischen Gläubigen sprach, kamen wir zufällig auf das Thema Liturgie und Kommunionspendung. Das evangelische Abendmahl ist ja bloß ein einfaches Erinnerungsmahl, sagte ich, und mein Gesprächspartner stimmte zu. Doch die Katholiken glauben, dass es sich nicht um eine Erinnerung an Jesus handelt, sondern um Jesus selbst, um die Re-Präsentation des Kreuzesopfers. Mein Gesprächspartner konnte mir zwar nicht zugestehen, dass ich mit dieser Auffassung im Recht sei – er blieb bei seiner evangelischen Position des Gedächtnismahls. Er konnte nicht glauben wie die Kirche glaubt, aber sagte in etwa folgendes: „Wenn ich wirklich glauben würde, dass es sich bei diesem Brot um Jesus selbst handelt, dann würde ich vor Jesus niederknien und ihn in aller Ehrfurcht und Andacht empfangen wollen“. Dies war etwa der Sinngehalt seiner Worte. Und wieder einmal fiel mir auf, dass selbst gläubige Protestanten mehr Verständnis für die Tradition der Kirche haben als unsere „fortschrittlichen“ Hirten.

Glücklicherweise scheint sich zumindest in Rom mehr und mehr ein etwas anderer Geist durchzusetzen. Kardinal Canizares, seines Zeichens Präfekt der päpstlichen Liturgiekommisson, und daher keine unwichtige Stimme in solchen Fragen, empfiehlt für die ganze Kirche den Empfang des Herrn kniend und in den Mund.

Jetzt haben also schon die gläubigen Protestanten und die Liturgiekommission in Rom das Prinzip verstanden. Es wird Zeit, dass die deutschen Bischöfe und Priester ihnen folgen und auch zur Besinnung kommen.

3 Gedanken zu „Mundkommunion: Priester, Protestanten und Canizares

  1. Sehr guter Beitrag, volle Zustimmung von mir dazu. Der eintscheidende Punkt ist die Trivialisierung (ich nenne es weiterhin Protestantisierung, obwohl ich Ihren Artikel dazu auch gelesen habe) der Kommunion. Warum ist das so, bzw. warum und wie ist es so weit gekommen? Ich kann mich an meine Kindheit erinnern, meine Erstkommunion in der Bruchphase zwischen der alten Messe und dem Novus Ordo Anfang der 70er Jahre. Die Erstkommunion war noch Mundkommunion aber kurz darauf wurde von den meisten nur noch Handkommunion praktiziert. In meiner Heimatgemeinde gibt es heute niemanden mehr, der noch Mundkommunion praktiziert. Ich selbst kommuniziere dort nicht mehr, ich hatte es bereits erwähnt. Heutige Kommunionkinder lernen Mundkommunion schon nicht mehr, es wird als „altmodisch“ betrachtet, als ob die Kommunion etwas ist, dass man mit Begriffen wie „Mode“ beschreiben kann. Der Glaubensverlust in der deutschen katholischen Kirche ist entsetzlich.

  2. wk1999,
    auch ich werde weiter oft von „Protestantisierung“ sprechen – mein Artikel zu dem Thema wollte nur ins Gedächtnis rufen, dass wir damit zumindest manchen Protestanten Unrecht tun.
    Was die Frage nach den Ursachen der heutigen Lage betrifft, nun, ich fürchte, dass es da drei verschiedene Antworten gibt, jeweils auf unterschiedlichen Ebenen. Die einfachste und deutlichste: Der Mensch ist immer der Versuchung ausgesetzt, den scheinbar einfachsten Weg zu gehen – und dieser Weg führt weg von Gott, weg vom Kreuz, das man tragen lernen muss, weg von der Kirche. Es gibt genug scheinbar befriedigende und oberflächlich erfüllende Aktivitäten in der Welt. Wir können aber weiterfragen: Warum gerade seit den 1960er Jahren ein solch starker Verfall? Darauf gibt uns die zweite Antwort einen Hinweis: Sie betrifft die historischen Umstände der Periode, in der der Abfall vom Glauben endemisch geworden ist. Es ist kein Zufall, dass der radikale Verfall in den 1960er Jahren eingesetzt hat. Als Schlagwörter wären die Verbreitung des Fernsehens, des Kühl- und Gefrierschranks, der Anti-Baby-Pille sowie der universitären Bildung für größere Bevölkerungsgruppen zu nennen. (Ja, ich meine das mit dem Kühlschrank ernst, und nein, ich habe keine verbotenen Substanzen konsumiert!) Diese und einige andere Zeitumstände begünstigten massiv eine Entsakralisierung der Gesellschaft und damit auch der Kirche, besonders nach der enormen Diskreditierung traditioneller Gesellschafts- und Herrschaftsstrukturen, die man für beide Weltkriege verantwortlich machte. Und die Entsakralisierung hatte als eine ihrer Folgen auch die Mundkommunion.
    Doch wiederum können wir weiterfragen: Das mag ja alles so sein, aber warum brach das „alte System“ so abrupt und so total zusammen, sobald es einmal auf heftigen Widerstand stieß? Daher die dritte Antwort: Ein System, das praktisch über Nacht zusammenbricht, nachdem es lange bestanden hat, ist bereits vor seinem Zusammenbruch morsch gewesen. Mein Eindruck ist folgender: Die Menschen in den 1950er-Jahren lebten, so weit sie konnten, gute Christenleben, doch war nicht vieles davon bereits Fassade? War es nicht mehr der Respektabilität vor den Menschen als wirklicher Gottesfurcht oder Gottesliebe geschuldet? Wie viele Eltern konnten ihren nach dem 2. Weltkrieg geborenen Kindern denn mit einfachen klaren Worten die tiefsten Gründe für den Glauben und die „altmodischen“ und „unzeitgemäßen“ Riten der Kirche nennen? Wie viele haben es getan? Die Jugend rebelliert in der einen oder anderen Weise in jeder Generation. Doch in den 1960ern sind die rebellischen Jugendlichen eben nicht mehr zurückgekehrt – es gab für sie keinen Grund. Die Kette der Überlieferung war abgerissen.
    Der Kommentar ist jetzt schon ziemlich lang. Wenn Sie (und andere Leser) möchten, kann ich dazu einen etwas längeren Artikel verfassen. Schon seitdem ich erstmals an meiner atheistischen Weltsicht zu zweifeln begann, beschäftige ich mich intensiv mit der Ursachenfrage – nur wer die richtige Krankheit diagnostiziert kann sie auch heilen.
    Catocon.

  3. Das würde ich sehr begrüßen. Ich habe meine Kindheit und Jugend in den 60ern/70ern verbracht und habe zum Thema auch noch lebhafte Erinnerungen, die ich mit einbringen könnte.
    wk1999

Respondete!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s