Junius Caesur: Lingua Hominis Catholici

Es folgt ein kurzer Auszug aus dem Bericht des Kulturanthropologen Junius Caesur, der nach einer langen theoretischen Vorbereitung an der angesehenen Elfenbein-Universität von Wolkenkuckucksheim aufgebrochen war, um dem fernen Land, aus dem er stammt, und das noch nie von der katholischen Kirche gehört hatte, Informationen über dieses seltsame Völkchen mitzubringen. Er beschäftigte sich zuerst intensiv mit kirchlichen Dokumenten und verbrachte danach mehrere Jahre in verschiedenen katholischen Gemeinden Europas und Nordamerikas. Er beobachtete scharf, diagnosizierte eifrig, analysierte alles und schrieb es in seinem umfassenden Werk „Kultur und Leben des Homo Catholicus“ nieder. Berühmt geworden ist er für seine Typologie des homo catholicus in Heterodoxe, Orthodoxe, Traditionelle und Traditionalisten.

Der homo catholicus ist, wenn ich einmal kurz aus persönlicher Perspektive sprechen und den Mantel des neutralen Wissenschaftlers ablegen darf, schon ein sehr interessantes Studienobjekt. Denn man sieht bei ihnen oft an kleinen Äußerlichkeiten, scheinbar bedeutungslosen Randerscheinungen, wie sie denken und wo sie stehen. So sagen Heterodoxe nahezu immer „Gottesdienst“ und die Orthodoxen „Messe“. Traditionsgebundene beider Schattierungen bevorzugen jedoch den Begriff „Messopfer“. Dasselbe gilt für den von den Katholiken als Gott verehrten Jesus von Nazareth. Für Heterodoxe ist er einfach nur Jesus – für die anderen viel häufiger auch Christus. Die Bezeichnung „Herr“ für den Zimmermann von Nazareth ist unter Heterodoxen ebenfalls fast unbekannt. Subtile linguistische Differenzen, an denen man die Stammeszugehörigkeit aber nahezu unfehlbar ablesen kann. Ich will hier nur ein Beispiel geben, das mir auf meinen endlosen Reisen begegnet ist.

Vier Katholiken, je ein Repräsentant aller vier kirchlichen Stämme, unterhalten sich gemütlich beim Lagerfeuer über das Leben des Gründers der christlichen Religion. Sie kommen auf den letzten Tag vor der Kreuzigung zu sprechen.

Der Heterodoxe sagt: „Die Evangelisten lassen Jesus beim Abendmahlsereignis vor der Kreuzigung für seine Jünger das Brot brechen.“

Der Orthodoxe antwortet: „Nein, das Abendmahl gab es wirklich. Mehr noch, Christus stiftete die Messe an jenem Gründonnerstag“.

Der Traditionelle erhebt seine Stimme und fügt an: „Wahrlich. Dies war das erste Messopfer, eine unblutige Vorwegnahme des Kreuzesopfers unseres Herrn, ihm sonst in allen Belangen gleich.“

Darauf schüttelt der Traditionalist sein weises Haupt und sagt: „Dieses Heilige Messopfer ist vom Herrn Jesus Christus in Seiner Huld eingerichtet worden, bevor die Konzilstheologen ihn entthront haben!“

Junius Caesur ist Professor für angewandte Kulturanthropologie an der Elfenbein-Universität von Wolkenkuckucksheim. Er ist verheiratet mit Cleomatra Transrubiconiensis und hat Kinder. Wie viele sagt er nicht.

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