Abtreibung und Subjektivismus

In der heutigen Diktatur des Relativismus tauchen solche Fragen schon einmal auf:

Wenn die Einstellung zur Abtreibung entweder modern oder antimodern ist und nicht der Würde der menschlichen Natur entsprechend oder widersprechend, muß man sich dann überhaupt noch wundern?

Wir leben in einer Gesellschaft, die als wesentlichen Standard der moralischen Bewertung menschlichen Verhaltens entweder emotionale Bedürfnisse oder „gesellschaftlichen Fortschritt“ anlegt. Die Würde der menschlichen Natur ist ein objektives Kriterium, dessen Anwendbarkeit – wie alle objektiven Kriterien – notwendigerweise auf der Existenz einer objektiven, d.h. vom Beobachter unabhängigen Außenwelt beruht, über die wir mit den Mitteln der naturwissenschaftlichen oder philosophischen Rationalität etwas erfahren können. Ferner setzt sie voraus, dass diese objektive Außenwelt ebenfalls objektiv eine natürliche moralische Ordnung beinhaltet.

Derartige Annahmen sind seit dem 17. oder 18. Jahrhundert in der Philosophie außer Mode. Stattdessen gehen Philosophen seitdem davon aus, dass wir gar nicht fähig sind, objektive Muster in der Außenwelt wahrzunehmen, sondern dass alles durch den Filter unseres Wahrnehmungsapparates möglicherweise bis zur Unkenntlichkeit verfremdet worden sein könnte. Auf dieser Basis kann eine objektive Menschenwürde ebensowenig angenommen werden wie allgemein ein objektives moralisches Gesetz. Und wer jetzt glaubt, diese philosophischen Abstraktionen seien für das Alltagsleben der Menschen irrelevant, der irrt sich gewaltig. Natürlich denken die wenigsten Menschen bewusst über ihre Philosophie nach. Aber das heißt nicht, dass sie keine hätten. Wer nicht über seine Philosophie nachdenkt, der bekommt sie unbemerkt durch seine Umgebung, durch Massenmedien, durch die dominanten Paradigmen in Schule und Universität usw. „aufgedrängt“.

Und was für eine Philosophie bekommen wir aufgedrängt, wenn wir uns nicht aktiv mit solchen Fragen befassen? Diejenige, die sich in den letzten 250 Jahren von den Philosophen und einigen damals modernen Theologen über die Universitäten und von dort in alle gesellschaftlichen, medialen und politischen Bereiche ausgebreitet hat – eben die oben beschriebene Philosophie des Relativismus und Subjektivismus.

Diese Philosophie ist, soviel steht außer Frage, inkompatibel mit jeglichem traditionellem Christentum, da sie uns sicheres Wissen über eine natürliche Schöpfungsordnung ebenso verbaut wie sicheres Glaubenswissen über Gott. Alles was uns dann bleibt, sind religiöse „Erfahrungen“, die ihrem Charakter nach immer subjektiv und anfechtbar bleiben. Glaube wird damit zur bloßen „subjektiven Präferenz“, und da es in allen Religionen Mystiker und Visionäre gibt (Menschen mit tiefgreifenden religiösen Erlebnissen) kann keine Religion für sich das Mantel der Wahrheit behaupten. Das ist die Wurzel des religiösen Indifferentismus, der heute so viele öffentliche Einlassungen „progressiver“ Theologen entscheidend prägt.

Diese Philosophie ist ebenso inkompatibel mit traditionellen moralischen Werten, da die rationale Argumentation für sie unausweichlich auf der Annahme natürlicher Zwecke („Finalursachen“ in der technischen Terminologie) beruht, welche letztlich nur dann objektiv in der Wirklichkeit feststellbar sein können, wenn wir uns zumindest teilweise auf die Zuverlässigkeit unserer Wahrnehmungsorgane berufen können. Doch genau diesen Schritt macht die Philosophie des Subjektivismus unmöglich. Jede Wahrnehmung ist nur (persönlich gefärbte) Erfahrung, keine besitzt irgendeinen Wahrheitsanspruch. Das gilt auch für die Wahrnehmung natürlicher Zwecke oder natürlicher Funktionen in der Außenwelt. Biologisch gesehen ist etwa Sexualität zur Fortpflanzung da. Doch ohne natürliche Zwecke ist dies ein bloßes Faktum ohne jede moralische Schlussfolgerung – so wie etwa in der modernen Evolutionsbiologie und -psychologie. Nur wenn es Finalursachen, natürliche Zwecke, gibt, d.h. wenn die Funktion der Sexualität objektiv, unabhängig von den persönlichen Wünschen und Emotionen des Beobachters, den Zweck der Fortpflanzung hat, dann kann man es als moralischen Fehler qualifizieren, wenn jemand vorsätzlich gegen diese Zwecke handelt.

Solange aber der Subjektivismus in den Köpfen der Menschen herrscht, wird es immer dabei bleiben, dass der eine sagt, er sehe den Naturzweck der Sexualität in der Fortpflanzung und der Andere, er sehe ihn in etwas anderem, vielleicht in der Freude, die durch den Sexualakt entsteht, und ein dritter leugnet die Existenz von Naturzwecken vollständig. Gegeben die Annahme des Subjektivismus, ist es vollkommen unmöglich, dass einer der drei im Recht und die anderen im Unrecht sein könnten. Eine objektive, wahrhaft gültige Moralität kann es damit ebensowenig geben wie eine objektiv wahre Religion.

Der Subjektivismus macht daher die christliche Religion und christliche Moral zu einem Ding der Unmöglichkeit.

Ein überzeugter Subjektivist kann Abtreibung nicht objektiv als Verstoß gegen die moralische Ordnung oder die Menschenwürde sehen, sondern höchstens eine „persönliche Meinung“ zu dem Thema haben, die er „natürlich niemandem aufzwingen will“. Er ist „persönlich gegen Abtreibung“, aber „tolerant“. Und wenn diese Art Toleranz modern ist, ja dann ist Abtreibung tatsächlich „modern“ und Abtreibungsgegner „antimodern“.

Denn auch Begriffe wie „Fortschritt“, „Rückschritt“, „modern“ oder „antimodern“ sind wieder rein relativistische oder subjektivistische Begriffe – sie basieren auf den persönlichen Präferenzen des Redners. Insofern gesellschaftliche oder moralische Ordnung auf sich gestellt ähnlich der physikalischen Entropie immer zum Zerfall tendiert, ist in der Tat Abtreibung „fortschrittlich“, insofern sie ein fortgeschrittenes Stadium der moralischen und gesellschaftlichen Entropie darstellt.

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