Antikatholizismus: Eine Zukunftsperspektive (Teil 1)

Einleitung: Anlässe

Die offizielle Internetseite des Weltjugendtages in Madrid ist offenbar Opfer eines Hackerangriffs beworden, wie kath.net unter Berufung auf die spanische Zeitung „El Mundó“ berichtet. Die Täter sind derzeit noch unbekannt, niemand weiß also, ob ein speziell antikatholischer Hintergrund oder die übliche allgemeine Zerstörungswut breiter (und breiter werdender) Bevölkerungsschichten hinter dem Cyberanschlag steckt.

Doch der Internetangriff auf die Seite des Weltjugendtages ist, ebenso wie die teils gewalttätigen Proteste radikaler Antikatholiken gegen den Besuch des Papstes und den Weltjugendtag allgemein, nicht die Ursache für diesen Artikel, sondern nur der Anlass. Denn mehr und mehr setzt sich ein gesellschaftliches Klima der Bigotterie und des scharfen Antagonismus gegen den ernsthaften katholischen Glauben in Europa durch. Dies äußert sich in der Art und Weise wie über katholische Themen berichtet wird – oder auch nicht berichtet wird – in den Medienorganen der herrschenden Elite („Mainstream-Medien“). Es äußert sich auch in wütenden Protesten, teils gewalttätiger Natur und in sinnlos destruktiven Internetangriffen. Doch das alles ist nur die Spitze des Eisbergs.

Tiefgreifende Differenzen

Was sich unter dieser Spitze verbirgt, ist wesentlich größer und tiefgreifender als alles, was durch bloße mediale Desinformation und Ausschreitungen einzelner Minderheitengruppen beschreiben ließe. Einen Einblick in die Volksstimmung bekommt man oft in den Kommentarspalten der Internetausgaben diverser Zeitungen. Es herrscht bei den meisten Europäern, und in besonderem Maße unter den Deutschen, eine fundamentale, fast schon fundamentalistische Abneigung gegen alles, was nur nach katholischem Glauben riechen könnte – solange es sich nicht „modern“ geriert und dadurch jegliche Bedeutung und potenzielle Strahlkraft einbüßt. (Denn eines hat der modernisierte „Reform-Katholizismus“ nicht: Strahlkraft, mögliche Anziehungskraft für eine neue Generation. Daher ist er tolerabel für den heutigen Anti-Katholizismus – er birgt keine Gefahr).

Wann immer vom Papst die Rede ist, fällt das Urteil negativ aus. Der Papst ist gegen Verhütung, gegen die „Entscheidungsfreiheit“ oder „Wahlfreiheit“ der Frau, wenn es um die Tötung ungeborener Menschen geht, gegen die „Errungenschaften“ der modernen Bioethik, darunter die Tötung von Menschen im embryonalen Entwicklungsstadium zu Forschungszwecken sowie die ebenfalls lebensvernichtende Künstliche Befruchtung und vieles, vieles mehr.

Allenfalls zu ökonomischen und umweltpolitischen Themen stimmt der Deutsche mit dem Papst überein – und das auch nur, weil er nicht allzu genau hinhört.

Und was auf den Deutschen zutrifft, das trifft, zumindest in der Tendenz, auch auf den Engländer, den Niederländer, den Franzosen, den Spanier und die anderen Westeuropäer zu. Das ist es, womit Katholiken es in Zukunft zu tun bekommen werden, wenn sich die derzeitigen Entwicklungslinien inicht umkehren.

Es sind nicht bloß „die Mainstream-Medien“ – die mögen an der Entstehung dieser Stimmung mitgewirkt haben, konnten dies aber nur, weil entsprechende Propaganda auf fruchtbaren Boden fiel. Wie die Mainstream-Medien heute über den ernsthaften Katholiken und seine Ansichten berichten, ist natürlich ungerecht – aber es entspricht den Vorurteilen und Wünschen der breiten Bevölkerungsmehrheit. Die Menschen werden durch die unausgeglichene, tendenziöse Berichterstattung getäuscht, sagt der Katholik. Doch das ist nur zum Teil wahr. Denn was wir als Täuschung ansehen, als ungerechtes Foulspiel des Journalismus, das verkauft sich einfach gut. Die Leute wollen den Priester als Bösewicht, den Papst als rückwärtsgewandten Fanatiker sehen, es bestätigt ihre eigenen Vorurteile.

Und langfristig werden die Medien sich immer nach dem Willen der Zuschauer und Leser richten, da die Medien sonst auf dem Markt nicht bestehen könnten – und dasselbe gilt auch für die Politik.

Was derzeit beim Weltjugendtag geschieht, wird nicht oder nur sehr unzureichend berichtet. Die Beschwerden diverser, verglichen mit der großen Zahl anwesender junger Katholiken, winziger Protestgrüppchen stehen im Vordergrund, nicht die Katholiken und ihr Ereignis selbst. Sympathische Berichterstattung gibt es kaum, und selbst die neutrale Variante ist rar gesät. Der Angriff auf die Webseite des Weltjugendtages und die teils gewalttätigen Proteste selbst stoßen in dieselbe Richtung. Die Feindseligkeit, die dem Katholiken außerhalb seines Milieus – und oft genug von Verbandsfunktionären der Kirche auch innerhalb desselben – entgegenschlägt, ist ein weiteres Indiz für den Eisberg, auf den unsere Gesellschaft mit großem Tempo zuzudriften begonnen hat.

Droht die neue Verfolgung?

Doch diese verschiedenen Einzelereignisse treffen nicht den Kern der Sache. Hinter den Eruptionen der Abneigung, die von kleinen Minderheiten der Gesellschaft ausgehen, steht im Großen und Ganzen mit nickendem Haupt die Mehrheit. Die schweigende Mehrheit in Deutschland sympathisiert keinesfalls mit dem Katholizismus, und nicht einmal mit einem allgemeinen „Christentum“. Zwar bezeichnen sich immer noch fast 60% der Deutschen als „Christen“, doch die allermeisten von ihnen haben keine Ahnung, was dieser Begriff überhaupt bedeutet. Immerhin leben wir in einem Land, in dem die Hälfte der Menschen nicht weiß, was an Ostern eigentlich gefeiert wird – und darunter sind auch sehr viele getaufte Christen. Eine andere Umfrage von Infratest dimap zeigt, dass 30% der evangelischen und 15% der katholischen Christen nach eigener Aussage nicht an Gott glauben – also dem Wortsinne nach als Atheisten zu gelten hätten.

In einer derart glaubensfernen Gesellschaft ist die instinktive Sympathie, die man mit dem verspürt, was man kannt, die intuitive Vertrautheit, die das Christentum in Europa lange genossen hat, nahezu vollständig verschwunden. Man kann sich nicht mehr darauf verlassen, dass selbst die Nichtchristen doch im Wesentlichen ein christliches Wertesystem durch das allgemeine gesellschaftliche Klima und ihr Umfeld aufsaugen werden. Im Gegenteil: Heute kann man sich selbst bei Christen dessen nicht mehr sicher sein. Doch ohne diese instinktive Vertrautheit fehlt ein ganz wesentlicher Stützpfeiler, der Christen bislang vor den Auswirkungen der schon lange anhaltenden Glaubenskrise noch weitgehend geschützt hat. Es ist, ob uns das gefällt oder nicht, nun einmal so, dass Menschen mit dem Vertrauten, dem Bekannten, anders umgehen als mit dem Fremden. Viel Ablehnung von Schwarzen oder Ausländern kommt sicher daher. Doch es ist eine kaum zu leugnende Tatsache, dass der überzeugte Katholik heute als Fremdling in dieser europäischen Gesellschaft zu gelten hat – ihm wird also die gleiche Art gesellschaftlicher Exklusion zuteil wie dem Ausländer historisch oft zuteil geworden ist, sofern man ihn als solchen identifizieren kann.

Vielleicht ist dieses Niveau noch nicht erreicht – und ganz sicher noch nicht überall in Europa oder auch nur in Deutschland gleichmäßig. Doch die Trendlinie ist eindeutig. Es ist nicht nur so, dass immer weniger Menschen in diesem Land an Gott glauben, und nicht einmal nur, dass die offiziellen Christen faktisch leben, als ob es Gott nicht gäbe, sondern dass aufgrund dieser Ablösung der christlichen durch eine latent spiritualistisch-heidnische Kultur mit einem kräftigen Schuss zur Schau getragener Gottlosigkeit, selbst unter den Gegnern des Christentums mehr und mehr die eben erwähnte instinktive Sympathie fehlt – es ist nicht mehr selbstverständlich, die christlichen Denkkategorien überhaupt zu kennen.

Doch wenn der Katholizismus (in Treue zum Papst und dem überlieferten Glauben) faktisch als Fremdkörper wahrgenommen wird, dann kann es dem Gläubigen passieren, dass er genau so behandelt wird, wie andere unzivilisierte Völker (nicht zuletzt die Deutschen selbst zuweilen in der Vergangenheit) fremde Völker und Einwanderer behandelt haben – mit Verachtung und Ausgrenzung im besten Fall, mit offenem Hass bis hin zu Pogromen im schlimmsten Fall.

Wird es mit Sicherheit dazu kommen? Nein, Sicherheiten gibt es keine. Eine Trendwende ist immer möglich. Aber wie der Versuch, das Beichtgeheimnis in Irland auszuhebeln, zeigt, sind selbst katholische Stammländer nicht mehr sicher vor kruden Versuchen der Unterdrückung katholischer Menschen. Der katholische Priester der Zukunft wird, wenn er sich denn der Öffentlichkeit als solcher zu erkennen gibt, womöglich wieder einmal Märtyrer werden – vielleicht anfangs noch im übertragenen Sinne durch aggressive Ausgrenzung seitens der Mehrheit, doch das muss nicht so bleiben.

Eine Gesellschaft, die sich so weit vom Glauben entfernt hat, dass der Antikatholizismus sich fast so gut verkauft wie Sex, hat auch schlicht nicht mehr die moralischen Ressourcen eine solche neue Christenverfolgung als eindeutig moralisch falsch zu bewerten. Wer sich bereit findet, die Tötung unschuldiger Kinder im Mutterleib nicht nur zu legalisieren, sondern als Frauenrecht zu verteidigen und durch die Krankenkassen zu finanzieren, der wird vor dem wesentlich kleineren Unrecht der Unterdrückung einer katholischen Minderheit ebenfalls nicht zurückschrecken. Und da die Tötungshemmschwelle bereits gefallen ist – siehe Abtreibung – wird man auch vor dem letzten Schritt nicht unbedingt zurückschrecken.

Wir dürfen hoffen, dass sich die Lage in der Zukunft durch eine neue Generation junger Katholiken bessert, doch selbst wenn es stimmt, dass die jungen Katholiken zurück zum wahren Glauben wollen, so bleibt es doch ebenso wahr, dass die kirchentreuen Katholiken unter der nachwachsenden Generation eine verschwindend kleine Minderheit ausmachen – die breiteste Mehrheit ist völlig kirchenfern und eine größere Minderheit islamisch. In dem dadurch entstehenden Klima wird die kleine glaubenstreue Minderheit eher noch stärker als Fremdkörper erscheinen als selbst von heute aus absehbar, besonders dann, wenn sie wieder katholisches Profil zeigt, mit der nötigen Schärfe das wachsende Unrecht anprangert und den mehrheitsfähigen Irrlehren argumentativ entschlossen entgegentritt.

(Hier endet der erste Teil der Artikelserie zum Thema Antikatholizismus im Zusammenhang mit diversen Ereignissen beim Weltjugendtag und in seinem Umfeld. Der zweite Teil wird voraussichtlich am Montag veröffentlicht.)

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