Antikatholizismus: Eine Zukunftsperspektive (Teil 2)

(Dies ist der zweite Teil der Artikelserie zum Antikatholizismus anlässlich der diversen Vorfälle beim Weltjugendtag und um ihn herum. Der erste Teil findet sich hier)

Mögliche Gegenmaßnahmen

Wie sollte man als Katholik, besonders als junger Katholik, mit dieser Lage umgehen? Ein Abfall vom Glauben aus politischer Korrektheit sollte überhaupt nicht in Erwägung gezogen werden. Man wird also entschlossen die Wahrheit sagen müssen, sich zugleich auf eine Verschlechterung der Lage einrichten, vorbereiten, so dass man seinen Glauben so gut kennt, dass man ihn auch in einer sehr feindseligen Umgebung entschlossen vortragen und verteidigen kann, und die nötige moralische Festigkeit entwickeln („fortitudo“), auch schwerwiegenden Bedrohungen und selbst einer möglichen neuen Christenverfolgung in Treue zum Glauben und zur Kirche gegenübertreten zu können.

Mit dieser inneren Stärke und Überzeugung sowie dem soliden Glaubenswissen (und den besten Argumenten für den Glauben) ausgerüstet, kann dem Katholiken eigentlich nicht so viel passieren. Historisch haben viele Menschen ihr Leben verloren, sind brutal ermordet worden, nicht weil sie ein Verbrechen begangen hätten, sondern einfach nur, weil sie offen ihren christlichen Glauben bekannt haben. Diese Märtyrer haben die schlimmsten Dinge bereits durchgemacht, die einem Christen auf dieser Erde drohen können – und sie haben in Festigkeit und Treue zum Glauben und zur Wahrheit gestanden. Mehr wird von uns auch nicht verlangt werden können – wahrscheinlich viel weniger. Das sollten wir doch schaffen können.

Der kommende Bruch

Ein Einwand könnte vorgebracht werden: Man könnte sagen, es sei doch viel eher unsere Aufgabe, das gesellschaftliche Klima zu beeinflussen wo wir können, um das Abgleiten der Gesellschaft in offenen Hass und vielleicht gar Verfolgung abwenden zu können, und ihr sogar wieder auf einen besseren Weg zu verhelfen. Das zu tun ist sicher richtig, soweit man dazu in der Lage ist. Doch der faktische Einfluss des Katholizismus auf das Denken und Handeln der breiten Bevölkerungsmehrheit tendiert gegen Null. Ähnliches gilt inzwischen auch für den Einfluss des Glaubens auf die Politik, selbst innerhalb von CDU und CSU. Daher kann man sicher sein Möglichstes tun, und sollte es sogar. Doch ich fürchte, das wird nicht ausreichen – haben denn nicht die gläubigen Katholiken schon bisher in dieser Hinsicht alles versucht und sind glatt gescheitert? Die Kraft der heutigen winzigen Minderheit gläubiger, junger Katholiken wird nicht in erster Linie in der Bekehrung der Gesellschaft durch Argumente und ein gutes Beispiel liegen, sondern in der Bewahrung des Schatzes der Wahrheit für zukünftige Generationen, die wieder ein Interesse daran entwickeln werden, wenn das derzeitige Gesellschaftssystem an seinen schweren Konstruktionsfehlern zerbrochen ist. Böckenförde und andere wussten schon lange, dass die moderne Gesellschaft von Grundvoraussetzungen und Werten lebt, die sie selbst nicht bereitstellen, sondern von denen sie nur zehren kann. Schon heute sehen wir das Modell der relativistischen Wohlfahrtsgesellschaft überall knirschen und knarren – wirtschaftlich, kulturell, ethnisch, in allen Bereichen driftet die europäische Gesellschaft auf einen Bruch- oder Wendepunkt zu. Vor diesem Bruchpunkt wird es keine kulturelle Umkehr geben, keine Abkehr von einem sittlichen Standpunkt der zunehmenden Verrohung, in dem aufgrund seiner moralischen Verwerflichkeit schon latent die Abneigung gegen das gediegene, ausgeglichene Wertesystem des traditionellen Katholizismus steckt, allein schon um seiner Selbstrechtfertigung Willen.

Doch nach diesem Bruchpunkt, nachdem die illusorische Sicherheit nicht mehr existiert, die uns der weitgehend auf Pump und auf Kosten der gesellschaftlichen und familiären Substanz angehäufte Wohlstand oberflächlich zu bieten vermag, werden die Menschen allein schon um der Sicherung ihres physischen Überlebens Willen von ihren derzeitigen Ideologien Abstand nehmen müssen. Wer dann die traditionellen Tugenden noch beherrscht, in einer traditionellen christlichen Gemeinde seine Heimat findet, und sich auf die Unterstützung einer traditionellen Familie verlassen kann, der hat Glück gehabt. Die anderen werden dann, nach dem Wegfall großzügiger Wohlfahrtssysteme, schon eher in Schwierigkeiten geraten.

Das heutige Gesellschaftsmodell ist nicht überlebensfähig. Es basiert auf Voraussetzungen, die es nicht selbst bereitstellen kann. Es kann nur von ihnen zehren – und das tut die gesellschaftliche Moderne schon seit 200 Jahren. Die Reserven sind immer weiter geschrumpft, und mit dem Zerfall der Kernfamilie aus Vater, Mutter und Kindern in den letzten 50 Jahren, sowie der damit einhergehenden Auslagerung elementarer Funktionen aus diesem Familienverbund hin zum Staat (z.B. Kindererziehung, Altenpflege) ist eine weitere Reserve aufgebraucht. Die Substanz, von der die moderne Gesellschaft noch zehren kann, ist, jenseits oberflächlicher Wohlstandsillusionen, die verschwinden, sobald das Finanzsystem endgültig sein Vertrauen in Papiergeld und Papieraktien verliert, die nur so viel wert sind wie das Vertrauen, das „der Markt“ in sie setzen möchte, extrem dünn geworden. Alles ist „vermarktet“, alle sind abhängig von diesem weltweiten Markt – keiner könnte mehr lokal leben. Zugleich sind die ökonomischen Ansprüche so überzogen hoch, dass schon ein kleiner Wohlstandsverlust zu schweren gesellschaftlichen Verwerfungen und massiven bürgerkriegsähnlichen Gewaltexzessen führen kann. Alles das sind Symptome der Substanzlosigkeit einer Gesellschaft, zusammen mit der moralischen Verrohung, und nicht unabhängig von ihr.

Abschluss: Saat und Ernte

Die Abneigung gegen den traditionellen katholischen Glauben ist dem modernen Gesellschaftssystem in der einen oder anderen Form schon seit seiner Erfindung durch die Aufklärer des 18. und frühen 19. Jahrhunderts inhärent. Nicht immer kam es zu virulenten Ausbrüchen, aber latent fehlte sie nie. Vielleicht wird sie noch einmal zu voller Blüte erwachen, wenn die Schwierigkeiten, die sich vor der Moderne auftürmen, immer höher, immer unübersteigbarer, immer unlösbarer werden, wenn sich wieder einmal die Chance ergibt, die Schuld einem Sündenbock zuzuschieben, ob es die „Reaktionären“, die „Juden“, die „Kapitalisten“, die „Banker“ oder wer auch immer sind. Und dass es sehr schwer ist, solchen Versuchungen zu widerstehen, wenn man kein solides Wertefundament hat – und das hat der moderne Westen nicht – ist aus der Geschichte nur zu gut bekannt.

Sollte dieser latente Antikatholizismus noch einmal größte Virulenz erreichen, so wird man in späteren Generationen auf diese unsere Zeit, die ersten beiden Jahrzehnte des 21. Jahrhunderts, als die Zeit zurückblicken, in der die Saat ausgebracht worden ist, deren Ernte die Verfolgung gewesen sein wird.

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2 Gedanken zu „Antikatholizismus: Eine Zukunftsperspektive (Teil 2)

  1. Vielen Dank für diese präzise Analyse. In den letzten Tagen bin ich auf folgenden Artikel von Matthias Matussek im Spiegel online aufmerksam gemacht worden, hier ist der Link:

    http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,778795,00.html

    Es zeigt wie verfault manche Strukturen innerhalb der katholischen Kirche nach über 40 Jahren II. Vaticanum bereits sind. Es ist erschreckend wie frech und unverhohlen der Antikatholizismus innerhalb der Kirche sein Unwesen treibt. Wie nannte man das früher, 5. Kolonne. Kein Wunder, dass der allgemeine gesellschaftliche Hass auf die Kirche immer stärker wird, der Baum ist morsch geworden, von innen ausgehöhlt. Für mich wird ein Schisma immer wahrscheinlicher und mittlerweile würde ich es sogar begrüßen. Man sollte die kranken Äste abschneiden, damit der Baum überlebt.

    • wk1999,
      Mathias Matussek ist einer der wenigen gut lesbaren Mainstream-Kommentatoren. Man fragt sich, wie lange man ihn noch dulden wird, bevor man ihn abserviert, ähnlich wie damals Eva Herman.
      Ich stieß kürzlich auf eine Webseite (ich bin mir nicht ganz sicher, ob sie traditionalistisch oder sedisvakantistisch ist, Vorsicht ist also geboten – http://www.traditioninaction.org/religious/b009rpMichael.htm) auf der das von Leo XIII. geschriebene Gebet zum Hl. Michael diskutiert wird. Auffällig ist, dass dieses Gebet während des letzten Konzils abgeschafft wurde. Wollte man dort nicht, dass der Erzengel Michael uns im Kampfe gegen den Satan verteidigt? Ich weiß natürlich nicht, ob die Geschichte stimmt, aber angeblich hatte Leo XIII. eine Vision, in der er sah, wie Gott dem Satan, je nach Version der Geschichte, ein Jahrhundert, oder 75 bis 100 Jahre einräumte, wo er versuchen dürfe, die Kirche zu zerstören. Dies war in den 1880ern. Könnte natürlich nur eine nachträglich erfundene Legende sein, worauf der englische Wikipediaartikel zu dem Gebet hinweist – passt aber irgendwie zur gegenwärtigen Situation in der Kirche.
      Catocon.

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