Erzbischof Woelki beklagt Intoleranz der Linken

Wie kath.net berichtet, ist der frisch ins Amt eingeführte Erzbischof von Berlin, Rainer Maria Woelki, „erstaunt“ über die Intoleranz der Linken. Anlass des Erstaunens ist scheinbar der Aufruf von mehr als der Hälfte der Politiker der Linkspartei, den Papst im Bundestag zu boykottieren. „Seit ich Erzbischof von Berlin bin, höre ich überall, dass Berlin eine offene, liberale, tolerante Stadt ist. Der Papst hat es verdient, dass man ihm in genau dieser Offenheit, mit Respekt und Toleranz begegnet“, erklärte Woelki dem oben verlinkten Bericht zufolge.

Was der sprichwörtlichen Toleranz der modernen, aufgeklärten, nicht-so-rückständigen Linken noch die Krone aufsetzt, ist dass einige der Anhänger eines Boykotts gegen den Papst noch nicht sicher sind, ob sie wirklich seiner Rede fernbleiben werden – manche wollen vielleicht auch einen Protest im Bundestag starten, vielleicht mit Kondomen am Finger, wie laut kath.net die Süddeutsche Zeitung berichtet.

Was also ist mit der Toleranz der Linken? Wo ist sie? Scheinbar wird sie ja nur dann eingefordert, wenn es um das „Tolerieren“ von moralisch wie gesundheitlich unsinnigen sexuellen Aktivitäten geht – in allen anderen Bereichen ist die heutige Linke (und damit meine ich jetzt nicht nur die Mitglieder der „Linkspartei“, sondern die gesamte Linke, was faktisch alle im deutschen Bundestag vertretenen Parteien mit einschließt) extrem intolerant. Ich weiß natürlich nicht, ob Seine Exzellenz diese offensichtliche Tatsache gerade erst bemerkt hat, oder derartige Einsichten schon länger hat, aber an erster Stelle ist ihm für diese wichtige Einsicht zu gratulieren.

Dass einige linksradikale, rot-totalitäre Bundestagsabgeordnete nicht einmal den minimalen Anstand besitzen, abweichende Meinungen von anderen Staatsoberhäuptern oder religiösen Persönlichkeiten wenigstens schweigend anzuhören, um sie später zu kritisieren, folgt letztlich notwendig aus der sittlichen Verrohung, welche mit der konsequenten Umsetzung der Ideologie des moralischen Relativismus einhergeht, und wird vom Papst als „Diktatur des Relativismus“ bezeichnet. Unser Heiliger Vater kennt den Geist der Linken sehr genau, da er anständig genug ist, sich ihre Worte anzuhören, und wird daher am besten wissen, wie mit solchen ungezogenen Kindlein umzugehen ist. (Ich als Traditionalist bin allerdings der Ansicht, ihr Vater sollte ihnen einfach mal den Hintern versohlen…)

Warum kommt es zur Diktatur des Relativismus, wann immer die Linke die Macht erlangt? (Und, erneut, „Linke“ im Zusammenhang der folgenden Ausführungen bezeichnet nicht nur die Mitglieder der gleichnamigen Partei, auch wenn diese die entsprechende Ideologie gleichsam paradigmatisch verkörpern, sondern gerade auch die Linken, die sich nicht in der Linkspartei beheimatet fühlen, und manchmal weniger aggressiv dieselbe Ideologie verfolgen – dazu gehören alle im deutschen Bundestag vertretenen Parteien. Denn Sozialismus und Liberalismus entspringen beide derselben ideologischen Wurzel, nämlich den Zielen der französischen Revolution, die ein sehr frühes Beispiel für die Diktatur des Relativismus im Völkermord gegen die königstreuen Bauern in der Vendée und im Wohlfahrtsausschuss, darstellt)

Die Ideologie der heutigen Linken in nichts anderes als die politische Umsetzung des Sündenfalls mit den Mitteln des Staates. Beim Sündenfall waren Adam und Eva nicht bereit, sich Gottes Willen unterzuordnen, und wollten für sich, unabhängig von Gott, ihr Glück machen. Modern formuliert wollten sie sich selbst verwirklichen, sie erstrebten die Befreiung von Autoritäten. Eva war die erste Achtundsechzigerin, Adam, indem er seine Frau ganz freiheitlich machen ließ, der erste Liberale. Ich möchte damit nicht bezweifeln, dass es in allen Zeiten wohlmeinende Sozialisten und Liberale gegeben habe. Einem Friedrich Ebert oder einem Walther Rathenau wären derartige Geschmacklosigkeiten, wie sie heute auf der Linken zum guten Ton gehören, niemals eingefallen. Doch sowohl der Liberalismus als auch der Sozialismus verengen den Menschen letztlich aufs rein Materielle, auf materiellen Wohlstand, materielle Gleichheit, materielle Rechte; damit widersprechen sie nicht nur fundamental dem katholischen Glauben (wie diverse Päpste immer wieder klargestellt haben, besonders die Enzykliken Libertas Praestantissismum und Quod Apostolici Muneris von Leo XIII. zeigen die Fehler dieser Lehren hellsichtig auf), sondern sogar dem Licht der natürlichen Vernunft, leugnen sie doch zumindest die öffentlich-gesellschaftliche Bedeutung der aus der natürlichen Vernunft erkennbaren Existenz Gottes, indem sie alle religiösen Fragen als reine Privatsache auffassen und derartige Betrachtungen aus dem Reich der Politik und der Moral zu verbannen unternehmen.

Diese Verengung aufs Materielle ist letztlich fatal, nicht nur für die Religion, sondern gerade auch für die liberale oder sozialistische Ideologie selbst. Denn woher nimmt der Liberalismus seinen Wert der Freiheit, woher der Sozialismus sein Gleichheits- und Gerechtigkeitsideal, wenn nicht aus dem Sittengesetz der natürlichen Vernunft, welches aber eben nicht materiell zu begründen ist, sondern nur unter Rückgriff auf Naturzwecke (Teleologie im klassischen aristotelischen Sinne), welche seit Beginn der Moderne in der Philosophie systematisch geleugnet werden? Letztlich gibt es außerhalb des moralischen Gesetzes weder Freiheit noch Gleichheit, und erst recht keine Brüderlichkeit, da alle moralischen Werte letztlich aus diesem gemeinsamen Schatz stammen, wie C. S. Lewis in seinem kleinen, aber immens bedeutenden Buch „The Abolition of Man“ (deutscher Titel: Die Abschaffung des Menschen) überzeugend dargelegt hat.

Ohne Rückgriff auf diese Verankerung im natürlichen moralischen Gesetz verselbständigt sich die Freiheitsidee des Liberalismus, indem sie andere wesentliche Güter ignoriert, und wird daher zur Ideologie. Ähnlich, nur in noch schlimmerem Maße, verhält es sich mit dem Gleichheitsideal des Sozialismus. Ohne die Ergänzung durch konkurrierende Prinzipien führt diese Ideologie zu der Vorstellung, man müsse durch menschliche Macht alles „gleichmachen“ – Einkommen, Geschlecht, Bildung usw.

In beiden Fällen kann Dissens nur im Rahmen der Ideologie geduldet werden. Wer gar nicht im Sinne des Liberalismus „frei“, d.h. im Wesentlichen ein ungebundener, moralisch beliebiger Produzent oder Konsument sein will, der stört im Liberalismus. Es ist eine ganz natürliche Entwicklung, dass der Liberale früher oder später fordert, gesellschaftliche Traditionen zu bekämpfen, die zwar auf natürliche Weise und ohne staatlichen Zwang gewachsen sind, aber dem Ideal des Liberalismus entgegenstehen (wie etwa die Kirche und die traditionelle Familie mit Hierarchien und lebenslangen Treuebindungen). Der Mensch muss zu seiner „Freiheit“ gezwungen werden. Der Sozialismus ist eine wesentlich krudere und gefährlichere Ideologie, da Gleichheit viel weiter geht als nur Freiheit. Gleichheit ist absolut grenzenlos – es gibt immer noch mehr Eigenschaften, die man einebnen kann, und von Natur aus treten ständig neue Ungleichheiten auf, da die Menschen von Natur aus eben nicht gleich, sondern grundverschieden sind. Sozialismus ist daher eine besonders virulente Ideologie, die besonders stark zu Intoleranz gegenüber Abweichlern neigt, auch da ihr Ziel besonders unplausibel und widernatürlich ist. Nicht zwei Menschen, die es je gegeben hat, waren „gleich“, aber der Sozialismus will tendenziell die ganze Menschheit in eine amorphe Gleichheitsmasse umformen. Ein sozialplanerischer Zoo mit gleich großen Käfigen für alle.

Und wer nicht in diese Käfige will? Nun, der ist einer dieser ekelhaften Bremser, ein Volks- oder Klassenfeind, je nach Färbung des angestrebten sozialistischen Paradieses.

Nun ist die katholische Kirche nicht bloß das stärkste, sondern sogar beinahe das einzige verbliebene Gegengewicht gegen die Ideologien des Sozialismus und des Liberalismus im „modernen Westen“. Sozialismus und Liberalismus sind Geschwister, auch wenn sie sich zuweilen im stark beschränkten heutigen politischen Diskurs wie Gegner benehmen und sich zu Gegensätzen hochstilisieren. Und die einzige ernstzunehmende Institution, die bis heute entschlossen beide Irrlehren ablehnt, ist eben die katholische Kirche. Deswegen sind intelligente Liberale und Sozialisten sich ihres echten Gegners bewusst. Die Gefahr kommt sozusagen aus Rom.

Nun leben wir in einer Zeit, in der die jahrzehntelange Arbeit von Sozialisten und Liberalen Früchte getragen hat, und fast alle Menschen einer der beiden Ideologien anhängen – was durch unser Bildungssystem, die Hauptmedien, und besonders durch den Appell an die Todsünden Hochmut, Gier und Wollust sichergestellt worden ist. Deswegen können Liberale und Sozialisten ganz offen gegen die Kirche (und die Familie) kämpfen, denn es ist keine gesellschaftliche Strömung da, die stark genug wäre, die Ideologen an ihrem Zerstörungswerk zu hindern. Die nur noch von einer kleinen Minderheit unterstützte katholische Kirche ist also nicht nur das logische Hauptziel der Angriffe der Ideologen, sondern stellt auch noch ein besonders leicht angreifbares Ziel dar.

Das Resultat ist dann der Fall von Hemmschwellen, die bei früheren Generationen von liberalen und sozialistischen Politikern aufgrund ihrer Erziehung noch verankert waren, auch wenn es in ihren jeweiligen Ideologien keinerlei Rechtfertigung für sie gab. Doch solche Hemmschwellen sind ja durch die freie Erziehung, frei von Regeln, frei von Disziplin, frei von Strafen und frei von Vernunft, längst abgeschafft worden – schließlich wollte man ja die Persönlichkeitsentwicklung von Kindern nicht mit so trivialen und altmodischen Vorstellungen wie Vernunft, Sittlichkeit, Wissen oder gar Wahrheit einschränken. So macht nun heute jeder seine eigenen Regeln, je nach subjektiv empfundenem Nutzen – mit bekannten Resultaten.

Die Intoleranz der „Papstgegner“ im Bundestag und anderswo hat aber neben der grundsätzlich unmoralischen ideologischen Basis der Kritiker und dem Verfall von Erziehung und Hemmschwellen in allen Bereichen noch einen viel tieferen philosophischen Grund, durch den der Begriff von der „Diktatur des Relativismus“ erst richtig erfüllt wird – es geht um die Leugnung absoluter Wahrheit. Gern wirft man den „Absolutisten“ vor, ihre starre Haltung sei die Ursache für Kriege und Terror. Doch wenn es ein absolutes moralisches Gesetz gibt, an das die Menschen gebunden sind, das sie erkennen und durch Vernunftgebrauch einsehen können, dann gibt es objektiv wahre Richtlinien, an denen man einzelne Handlungen messen kann. Erst durch die Existenz solcher objektiver moralischer Gesetze ist die Beurteilung einer Handlung als „verwerflich“ überhaupt erst möglich. Wenn sich ganz modern und freiheitlich jeder seine eigenen Regeln macht, wer kann ihm dann etwas vorwerfen, egal was er tut? Denn seine Taten befanden sich ja in Übereinstimmung mit dem von ihm anerkannten Wertesystem. Niemandes Taten können dann jemals als wirklich falsch angesehen werden – alles ist damit zulässig. Der moralische Relativismus ist damit nicht nur falsch, sondern zerstört sich selbst. Denn der Satz „es gibt keine objektive Wahrheit“ behauptet ja von sich selbst, objektiv wahr zu sein. Über diese elementaren Selbstwidersprüche hinaus führt er jedoch grundsätzlich zu einer langsamen Abstumpfung des Gewissens, das ja nun den Versuchungen nicht mehr das unbeugsame objektive moralische Gesetz entgegenzustellen vermag, sondern nur noch subjektive, von Person zu Person verschiedene, jederzeit veränderbare Prinzipien. Das Gewissen wird damit faktisch ausgeschaltet; bloß persönliche Präferenzen sind kaum in der Lage, starken Versuchungen lange zu widerstehen.

Auch objektive Moral kann natürlich missbraucht werden. Der Unterschied ist nur, dass solcher Missbrauch nach den eigenen Prinzipien falsch ist, während der Relativist einfach seine Moral ändern kann, wenn sich seine Präferenzen verändern.

In der Praxis sind nicht alle sittlich verrohten Menschen Relativisten und nicht alle Relativisten sittlich verroht. Aber das aus dem moralischen Relativismus entstehende gesellschaftliche Klima der sittlichen Beliebigkeit, das mehr und mehr die westlichen Gesellschaften erobert, begünstigt sittliche Verrohung nicht nur aus den hier aufgeführten Gründen, sondern auch noch auf andere Weise, etwa durch den Zerfall von Bindungen an traditionelle Institutionen wie die Kirche und die Familie, was ich im Detail anderswo behanden werde.

Abschließend kann man festhalten, dass die heute herrschende gesellschaftliche Sittenlosigkeit, der Fall von noch vor kurzem als selbstverständlich betrachteten Hemmschwellen, nicht zur Entstehung der von Erzbischof Woelki beklagten Intoleranz geführt hat, sondern ihr nur zum hemmungslosen Durchbruch verhilft. Die Intoleranz selbst wird aber vom moralischen Relativismus verstärkt, da erstens Toleranz selbst vom Relativismus auch wieder nur als relativ begriffen werden kann, und zweitens da durch den Wegfall objektiver moralischer Gesetze das Gewissen entmachtet und durch flackernde persönliche Vorlieben ersetzt werden. Und wenn eine der Vorlieben eben eine Abneigung gegen die Kirche ist, dann wird man auch diese ausleben.

Erzbischof Woelki beklagt zurecht die dem Papst entgegengebrachte Intoleranz, und er wird noch erleben, dass diese sich auch gegen ihn richtet, sobald er erstmals die Lehre der Kirche wahrnehmbar in der Öffentlichkeit vertritt. Wenn sich die aktuellen gesellschaftlichen Trendlinien fortsetzen, woran ich nicht zweifle, wird diese Intoleranz noch stärker werden, und sich vielleicht irgendwann einmal in Gewaltausbrüchen gegen Menschen statt gegen Sachen oder den allgemeinen Anstand niederschlagen. Verwundern würde es jedenfalls nicht.

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2 Gedanken zu „Erzbischof Woelki beklagt Intoleranz der Linken

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