Kirsche in Häute senken, oder so

„Kirche im Heute denken“, so oder ähnlich geht eines der Reizwörter des aktuellen Dialogprozesses. Ich möchte an dieser Stelle allerdings nicht auf dessen inhaltliche Dimension eingehen – die versuchte Unterwanderung kirchlicher Strukturen durch etwas, das einer meiner Kommentatoren als „Fünfte Kolonne“ bezeichnet hat – sondern einen sprachlichen Aspekt beleuchten, der an dem oben genannten Satz sehr gut zu erkennen ist.

„Kirche im Heute denken“ – daran finde ich drei Phänomene bemerkenswert:

1. „Kirche“: Die Verwendung des Wortes ohne bestimmten, aber auch ohne unbestimmten Artikel lässt tief blicken. Selbst wenn die moderne philosophische Auffassung, das Denken werde ausschließlich von der Sprache bestimmt, nicht zutrifft, so bleibt es doch unbestreitbar, dass unser Denken wenigstens von der Art und Weise wie wir zu sprechen und was wir zu sagen gewohnt sind, stark beeinflusst wird. Was drückt jemand aus, der von „Kirche“ spricht? Zunächst einmal meint er nicht „eine Kirche“ – sonst könnte er es ja sagen. Es geht also schon um eine irgendwie näher bestimmte Kirche, nicht bloß um „eine“ oder gar „irgendeine“. Aber er meint auch nicht „die Kirche“ – das vermag man mittels der deutschen Sprache ebenfalls zu artikulieren. Er möchte also auch nicht von „der Kirche“, also der katholischen, sprechen. Was sagt also die Redensart von Kirche ohne jeden Artikel aus? Eine gewisse Unbestimmtheit, die selbst in ihrer Unbestimmtheit wieder unbestimmt ist – die sich nicht einmal soweit bestimmen lässt, dass man von „einer Kirche“ sprechen könnte, kurzum: eine undefinierbare Masse, ein amorpher Haufen Knetmasse, aus dem man machen kann was man will.

Es spielt keine Rolle, ob der Sprecher diesen Effekt intendiert oder nicht – der Eindruck wird durch die Formulierung erweckt, nicht durch die Absichten des Redners. Daher ein Appell an alle Leser: Sagen Sie, wann immer möglich, „die Kirche“, nicht bloß „Kirche“.

2. „Im Heute“: Abgesehen von der halsbrecherischen Ungeschicklichkeit einer solchen Formulierung, die Zweifel an der Sprachkompetenz desjenigen aufkommen lässt, „ob er im Heute Sprache überhaupt mächtig ist“, verbirgt sich hinter dem Wort ebenfalls wieder eine versteckte Grundannahme. „Im Heute“ ist etwas fundamental anderes als „im Gestern“ – was gestern war, soll und kann nicht mehr zählen, da die Kirche ja „im Heute“ gedacht werden soll. Oft wird noch das Wörtchen „neu“ hinzugefügt, was den Effekt weiter verstärkt.

3. „Denken“: Manchmal ersetzt durch „gestalten“, was den nun zu beschreibenden Effekt noch deutlicher macht. Hier wird dem Hörer nämlich ohne jedes Argument die Vorstellung untergejubelt, dass die Kirche etwas sei, das man irgendwie „denken“ oder „gestalten“ oder „machen“ müsse – was der katholischen Lehre von der Kirche Gottes diametral entgegensteht. Nach katholischem Verständnis müssen wir die Kirche nicht „denken“, sondern wir haben sie schon, Gott hat sie erdacht, nicht wir.

Der eine Teilsatz, „Kirche im Heute denken“, transportiert schon mindestens drei versteckte Aussagen: (1) „Kirche“ ist eine amorphe, also formbare Masse, nicht etwas Bestimmtes, (2) „im Heute“ ist etwas anderes als „im Gestern“, also sind fundamentale Reformen notwendig, um „im Heute“ ankommen zu können, und (3) „Kirche“ ist etwas, das WIR denken und machen können, wir können uns „unsere Kirche“ noch unserem Bilde erschaffen.

Das gefährliche an diesen Aussagen ist nun, dass sie eben nicht gesagt werden. Sie bleiben ungesagt, sie sickern unbemerkt in die Köpfe der Sprecher und der Hörer – sie verändern langsam und schleichend die Denkweise, wenn man sich dieser versteckten Aussagen nicht bewusst ist. Für sie wird nicht argumentiert – sie werden als unverrückbare Tatsachen vorausgesetzt und dann baut man mit solchen Formulierungen auf ihnen auf. Formulierten die Dialogisten derartige Sätze offen und ehrlich, so wäre das alles akzeptabel. Man müsste dan Argumente vorbringen, begründen, warum man an Formbarkeit der Kirche, Anpassung an den Zeitgeist, und eine bloß menschlich-erfundene Kirche glaubt, und sich gegebenenfalls mit Gegenargumenten auseinandersetzen. Doch Propagandabegriffe wie „Kirche im Heute denken“ ersparen uns derartige inhaltliche Debatten. Wir können einfach unsere Meinung als Wahrheit darstellen, und dann jeden höflichen Diskurs auf unsere Meinungen beschränken.

Das Perfide an politischer Korrektheit ist genau diese Auswirkung auf das Denken der Menschen: Unliebsame Positionen wurden früher verboten, dann kam eine Zeit, in der man sie mit Argumenten zu bekämpfen versuchte, doch heute werden die Menschen durch Sprache so konditioniert, dass sie unliebsame Positionen gar nicht mehr zu denken vermögen. Ihre Begriffe sind so beschränkt, und zugleich so inhaltsleer, dass damit ernsthaftes Denken gar nicht mehr möglich ist.

Ein ähnlicher Effekt tritt bei dem derzeitigen Dialogprozess in der katholischen Kirche auf. Die verwendeten Worte beschränken bereits den Raum der möglichen mit diesen Worten zu vertretenden Thesen. Von Anfang an ist damit sichergestellt, dass „konservative“ oder „traditionelle“ Stimmen sich gar nicht in der Diktion des Diskurses zu artikulieren vermögen, und dass Stück für Stück diese Mentalität auch in konservative, oder lehramtstreue Kreise einsickert – wie sich hervorragend an einem Gastkommentar von Herrn Püttmann bei kath.net ablesen lässt, über den ich vor einiger Zeit einmal geschrieben hatte. Die verwendeten Formulierungen lassen nur eine gewisse Breite an möglichen Meinungen zu. Diese Formulierungen wachsen im Laufe der Jahre und Jahrzehnte zu einem Denkhorizont zusammen, der freies Nachdenken praktisch unmöglich macht.

Im Bereich der Politik haben wir das schon oft erlebt. Ein sachliches Gespräch über Feminismus, Abtreibung, „Soziale Gerechtigkeit“, Klimaveränderung, Einwanderung, Islam, Heimunterricht, privaten Waffenbesitz, Homosexualität und hundert weitere Themen ist gar nicht möglich, weil diese Themen durch bestimmte eingeschliffene Worte und Satzteile dermaßen ideologisch vorgeprägt sind, dass jede zur Ideologie konträre Äußerung sofort als „extremistisch“ eingestuft wird. Ob „Geschlechtergerechtigkeit“, „Wahlfreiheit der Frau“, „Schere zwischen Arm und Reich“, „Wissenschaftlicher Konsens“, „Fremdenfeindlichkeit“, „Islamophobie“, „Sozialisierung“, „Wildwest“ oder „Angeboren“ – ein sachliches Gespräch ist unmöglich. In der Kirche geschieht dasselbe momentan, so dass wir bald nur noch von „Kirche“ sprechen. Selbst konservative, oder lehramtstreue Katholiken, plappern oft unbewusst diese Floskeln nach, und beteiligen sich damit unabsichtlich an der Verbreitung der oben beschriebenen Irrlehren und der Zerstörung jeder echten Diskussionskultur.

Daher nochmal mein Aufruf: Seien Sie politisch inkorrekt, es ist „die Kirche“, es sind Brüder (fratres) nicht „Brüder und Schwestern“, und es ist auch nicht „unsere“ Kirche, sondern Gottes, daher brauchen wir sie auch nicht neu zu denken, weder „im Gestern“ noch „im Heute“ oder „im Morgen“.

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