Wer hat das Kirchensteuer in der Hand?

Nach dem Papstbesuch geht nun die Schlacht um die korrekte Interpretation seiner Worte los. Erzbischof Zollitsch hat, laut kath.net, behauptet, der Papst habe nichts gegen die Kirchensteuer einzuwenden. Regelmäßige Leser dieses Blogs wissen, dass ich den Erzbischof von Freiburg schon früher öfters kritisiert habe. Und auch diesmal komme ich nicht umhin, dem Erzbischof mitzuteilen, dass der Papst ganz sicher nicht der Auffassung ist, das deutsche Kirchenfinanzierungsmodell sei wunderbar und nicht reformbedürftig.

Ob es uns gefällt oder nicht, die faktische Entscheidungsmacht trägt derjenige, der das Geld in der Hand hat. Fast 90% der Katholiken in Deutschland sind, gemessen am Kirchenbesuch schlicht kirchenfern, aber sie sind für die überwältigende Mehrheit der Kirchensteuersumme verantwortlich. Das bedeutet: In Deutschland lebt die Kirche größtenteils vom Geld derjenigen, die nicht viel von der Kirche halten, die sie lieber als Zeitgeistreligion neu erfinden möchten, die wollen, dass die Kirche ihnen nach dem Mund redet, statt sie mit der Wahrheit herauszufordern.

Entweder das, oder sie sind einfach apathisch und befassen sich mit dem Thema Kirche und Glaube überhaupt nicht mehr.

Doch wenn etwa 90% des Kirchensteueraufkommens von kirchenfernen Katholiken stammt, dann bedeutet das im Umkehrschluss, dass dieses Geld größtenteils fortfiele, wenn die Zwangssteuer abgeschafft wird. Die nun von der Kirchensteuer befreiten kirchenfernen Katholiken wären mehrheitlich nicht an freiwilligen Spenden interessiert, und selbst wenn, so wäre die Hauptbegünstigte sicher nicht die Kirche, sondern diverse säkulare Hilfsorganisationen, die in der Gunst der Mehrheit stehen.

Es ist also nicht zu übersehen, dass der Lebensstil der heutigen Hauptamtlichen (und auch der geweihten Priester) massiv bedroht wäre, sobald die Kirchensteuer abgeschafft würde. Ebenso müssten auch die ganzen „karitativen“ Gruppen (deren katholisches Profil entweder ziemlich blass ist oder ganz geleugnet wird) kürzer treten. Die Kirche müsste sich wieder auf ihr Kerngeschäft beschränken, überschüssiges Personal abbauen, das derzeit noch mit der endlosen Produktion von Dokumenten und Gremiensitzungen beschäftigt gehalten werden kann, sich radikal entbürokratisieren und verschlanken. Vielleicht wäre es sogar wieder möglich, eine Kirche zu erreichen, die sich weniger an Umfragen ausrichtet als am Evangelium (doch das wäre wohl arg utopisch).

Wenn der Papst von Ent-Weltlichung spricht, davon, dass die Kirche sich weniger weltlichen Besitztümern verpflichtet wissen müsse, dann hat er vollkommen Recht. In dieser Hinsicht können wir von den Katholiken anderer Kontinente sehr viel lernen. Doch nicht nur exzessive Besitztümer charakterisieren die Welt, sondern auch eine ganz gewisse Mentalität, die ich schon oft an dieser Stelle mit dem Begriff „Zeitgeist“ charakterisiert habe, eine Mentalität, der neuesten Mode hinterherzulaufen, weil sie neu ist, nicht weil sie wahr und gut ist. Sowohl Besitztümer, Reichtümer, die finanzielle Basis der Kirche, als auch ihre Verwurzelung im bequemen Chefsessel der höflichen Gesellschaft mit ihren kleinen politisch korrekten Dogmen und Orthodoxien müssen dringend erschüttert werden.

Dies ruft den Widerstand der Hüter des Status Quo auf den Plan – welche sich natürlich als „fortschrittlich“ sehen, während sie zugleich jede wirkliche Reform eifrig blockieren. Die Hüter des Jetztzustands sehen sich selbst immer als fortschrittlich, weil sie glauben, dass die Geschichte in ihre Richtung läuft. Wahre Revolutionäre sind immer unbeliebt, nicht respektabel, und werden von der Mehrheit und Elite immer belächelt, wenn nicht verachtet oder zuweilen gar verfolgt. Wahre Revolutionäre sind anfangs immer unpopulär und in der höflichen Gesellschaft inakzeptabel – bis ihre Ideen Verbreitung gefunden haben, bis sie sich durchgesetzt haben. Erst dann werden sie respektabel.

Das ist der Weg jeder friedlichen Revolution in der Weltgeschichte – erst unpopulär, belächelt, verfolgt, dann mehr und mehr akzeptabel, dann selbstverständlich. Nicht umgekehrt. Wer dem Zeitgeist hinterhereilt, der wird ihn niemals einholen, er wird immer hinter der Zeit sein, er wird immer unmodern bleiben. Nur wer unabhängig vom Zeitgeist und den Ansichten von Mehrheit und Elite mit Überzeugung die Wahrheit spricht, der kann vielleicht überzeugen. Und dann wird er (im nachhinein) als Reformer oder Revolutionär gesehen.

Heute halten die meisten Menschen die Ideen der Französischen Revolution für gut, richtig und selbstverständlich. Doch das war nur möglich, weil die Revolutionäre von 1789 eben NICHT sich dem herrschenden System von Adel, Privilegien, Königtum und Kirche angepasst haben. Sie sind nicht dem Zeitgeist hinterher gelaufen, also konnten sie einen neuen Zeitgeist schaffen, dem dann die ANDEREN hinterherzueilen unternahmen.

Dasselbe gilt auch für die 1968er. „Freie Liebe“ und all die anderen Parolen waren 1968 noch längst nicht akzeptabel. Sie richteten sich gegen den damaligen bürgerlichen Zeitgeist, und konnten so einen neuen Zeitgeist schaffen, hinter dem heute die Bürgerlichen herlaufen, ohne ihn jemals einzuholen.

Egal was man von den Zielen der Revolution oder ihren zuweilen unmoralischen Methoden halten mag – und ich halte nicht viel von beiden – sie konnten nur Erfolg haben, weil sie sich widerborstig dem Zeitgeist entgegengestellt haben, um einen neuen Zeitgeist zu schaffen.

Von dieser Methode kann man lernen.

Die Kirche kann nur dann wieder gesellschaftlich relevant werden, wenn sie der Gesellschaft eine Alternative zum derzeitigen besinnungslosen Wettlauf um Geld, Macht, Spaß und Sex entgegenstellt. Und dann werden die von den leeren Versprechen der Welt Enttäuschten einen Zufluchtsort haben, an dem sie eine Heimat finden können.

Um aber dieses Niveau an Unabhängigkeit gegenüber der Welt zu erreichen, darf die Kirche keinerlei Verquickungen mit einem Staat haben, der mehr und mehr zum Knecht der radikalen Elemente des Säkularismus wird. Ebenso darf sie nicht von den Bevölkerungsschichten abhängen, die letztlich keine Loyalität zur katholischen Kirche haben, sondern nur zu einem verweltlichten Idealbild ihrer medial angeheizten Vorstellungskraft. Nur eine unabhängige Kirche kann die Welt verändern, und nur eine entweltlichte Kirche kann unabhängig sein.

Doch wie soll sich die Kirche in Deutschland entweltlichen, solange sie finanziell am Tropf der vollkommen verweltlichten Mehrheit hängt?

Erzbischof Zollitsch realisiert das wahrscheinlich auch – dumm ist er ja nicht. Das lässt dann allerdings sein Verhalten in einem anderen, weniger positiven, Licht erscheinen.

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