EFSF im Kontext der Moderne (1/2)

Aus aktuellem Anlass unterbreche ich hier auf Kreuzfährten das übliche Programm katholischen Kommentars eines Konvertiten, um auf einen signifikanten Vorgang hinzuweisen, der durch die Entscheidung zugunsten des sogenannten Rettungsschirms EFSF zwar nicht in Gang gesetzt, aber doch auf eine neue Stufe gehoben worden ist: Die Zentralisierung der politischen Macht in Europa.

Modernisierung und Zentralisierung

Wie ich auf Kreuzfährten bereits dokumentiert habe, besteht eine der zentralen Entwicklungstendenzen der Moderne in der immer weiter fortschreitenden Zentralisierung der Gesellschaft. Waren es im Mittelalter größtenteils kleine lokale Fürsten, die in einem komplexen Netz von Verantwortlichkeiten, Rechten und Privilegien eingesponnen, und zudem noch von der Macht der Kirche eingeschränkt waren, so entwickelte sich dieses hochkomplexe System bald zur Monarchie, also der Herrschaft eines einzelnen Herrschers. Dieser Herrscher reklamierte mehr und mehr quasi-göttliche Autorität für sich, was sich in der Innovation des Herrschers „von Gottes Gnaden“ sowie der Nationalkirchenbewegung des 16. und 17. Jahrhunderts zeigte.

Während die französische Revolution mit ihren Nachwehen in ganz Europa zuerst als eine Art Gegenbewegung gegen die am Hofe zentrierte Macht erscheinen mag, zeigt sich bei genauerer Betrachtung doch auch diese quintessentiell moderne Revolution als eine Entwicklung hin zur Zentralisierung. Später führen das Effizienzdenken im 19. Jahrhundert, die Industrialisierung, sowie dann die Ausbildung der Wohlfahrtsstaaten und zwei Weltkriege in dieselbe Richtung. Mit dieser Entwicklung einher gingen die Zentralisierung von Bildungssystem und Eherecht in den Händen des säkularen Staates.

Dieser nahezu universellen Tendenz zur Zentralisierung liegt allerdings ein anderes Phänomen zugrunde, das man vielleicht so beschreiben könnte: Alle Institutionen zwischen dem Individuum und dem Staat, die das Individuum vom Einfluss des Staates abschirmen, sind mit fortschreitender „Modernisierung“ der Gesellschaft immer schwächer geworden. Was für Institutionen sind gemeint? Alle Institutionen, die für den Bürger alltägliche Bedeutung besitzen, ein Zugehörigkeitsgefühl im Bürger auslösen, ihm einen Platz in einer geordneten Gesellschaftsstruktur zuweisen. An erster Stelle gehören natürlich die Kirche (besonders die katholische Kirche) und die Familie (besonders die Großfamilie mit ihren vielen Verästelungen) in diese Kategorie. Auch vormoderne Gildenvereinigungen, eng geknüpfte lokale Gemeinschaften, ethnische Gruppen und einige mehr passen hinein.

Sie alle haben gemeinsam, dass sie den Bürger vor dem Staat schützen. Sie geben dem Bürger ein dicht geknüpftes Netzwerk von Verbindungen in die Hand, die ihm eine gewisse Resistenz gegenüber staatlichem Druck verleihen. Zudem vermitteln sie ihm eine staatsunabhängige Loyalität, die oft selbst durch direkten staatlichen Zwang nicht zu beeindrucken ist. Das beste Beispiel dafür sind natürlich die Märtyrer der Kirche, denen mit mehr Gewalt nie beizukommen war. Doch auch die Loyalität gegenüber seiner Familie, seiner lokalen Gemeinschaft usw. kann den Menschen unempfindlich gegen mögliche Repressionen machen. Kurzum: Diese vermittelnden Institutionen geben dem Menschen Orientierung, Halt und Sicherheit.

Zum modernen Staat

Der moderne Staat kann mit dieser Art Menschen nichts anfangen. Sie sind zu sperrig, zu störrisch, zu stur für seinen Geschmack. Er kann sie nicht nach seinem Willen formen. Sie müssen umerzogen werden. Also werden sie so früh wie möglich aus ihrer natürlichen Familienumgebung entfernt (am Besten haben sie erst gar keine, was auch erklärt, warum alleinerziehende Eltern oder homosexuelle Adoptionen heute so positiv gesehen werden). Je weniger sie frühzeitig in ihrer Familie Halt finden, umso leichter können sie später im Sinne des Staates geformt werden.

Die Kinder müssen ferner nicht nur in destabilisierten Familienverhältnissen aufwachsen, sondern auch möglichst früh in staatliche oder zumindest staatlich reglementierte Bildungsinstitutionen eingewiesen werden – und dort einen möglichst großen Anteil ihrer Zeit verbringen. Damit sie sicher vor dem Halt sind, den eine Religion bieten kann, ist die Erziehung entweder komplett religionslos und atheistisch zu halten, oder, besser noch, aus einer Vielzahl religiöser Überlieferungen zusammenzustückeln. (Selbst ein konsequent materialistisch denkender Atheist, der wirklich von seiner Weltanschauung überzeugt ist, vermag noch Widerstand gegen die Formung durch den Staat zu leisten. Die ideale Formbarkeit wird erreicht, indem der werdende Bürger überhaupt keine festen Überzeugungen entwickelt, sondern nur ein dumpfes Ressentiment gegen Alles und Nichts, das später je nach Bedarf entweder in irrationalen Hass oder existenzielle Angst umgewandelt werden kann.) Diese Bildung, man könnte von „staatsbürgerlicher Erziehung“ sprechen, ist besonders effektiv, wenn der Schüler wenig tatsächliches Wissen, besonders im Feld der Geschichte, vermittelt bekommt. Die stetige Repetition einiger pseudohistorischer Floskeln verhindert wenigstens, dass der werdende Bürger Wurzeln in der Geschichte seines Vaterlandes schlägt, die wiederum hinderlich für die spätere Nutzbarkeit des Bürgers sein könnten.

Damit das staatliche Bildungssystem diese Früchte aber wirklich tragen kann, muss es von einer Destabilisierung des natürlichen Gewissens begleitet werden. Diese tritt bis zu einem gewissen Grad bereits in der beschriebenen Umgebung mangels moralischer Anhaltspunkte von selbst auf, doch es braucht noch einen weiteren Anstoß, um zur wirklichen Amoralität zu gelangen (und diese ist erstrebenswert, da jeder moralische Grundsatz wiederum eine Bindung an etwas anders als die Wohltätigkeit des Staates bietet und zudem dem Bürger staatsfremde Handlungsanreize gibt).

Dieser Anstoß muss so beschaffen sein, dass der Schüler möglichst früh lernt, sich nicht auf seinen Verstand zu verlassen, sondern auf seine Triebe. Um ersteren zu überzeugen braucht es Argumente, für zweitere reichen Stimuli, die sich problemlos herbeischaffen lassen. Je weniger der Schüler sich selbst verstandesgemäß zu kontrollieren weiß, umso leichter kann er von außen über seine Triebe gesteuert werden. Auf diese Weise kann der lästige Freie Wille des Menschen nahezu ausgeschaltet werden, da die solcherart übermächtig gewordenen Triebe gezielt in die Richtungen gelenkt werden können, in die der Staat möchte.

Einige Effekte der Sexualisierung

Bestens geeignet für diese Aufgabe ist der Sexualtrieb. Er zählt zu den mächtigsten Trieben im Menschen, er verspricht bei korrektem, verstandesgemäßem Einsatz eine der höchsten irdischen Freuden (man kann also leicht alle Gegner des hemmungslosen Umgangs mit ihm als „sexualfeindlich“ und damit freudlos einstufen) und er ist aufgrund seiner Zentralität und Stärke in der Lage den Menschen vollständig zu beherrschen. Ferner kann er jederzeit hervorgerufen werden, selbst durch geschickt placierte Bilder, Worte, oder, sofern die Zöglinge entsprechend trainiert sind, sogar durch noch geringere Stimuli.

Daher lernt der Schüler sehr früh mit seinem Sexualtrieb umzugehen, er lernt, dass es immer gut ist ihn auszuleben, solange man verhütet. Dies hat den schönen Nebeneffekt, dass diese Art der Auslebung des Sexualtriebs oft zu ungewollten Schwangerschaften, und damit zur Nachfrage nach Abtreibung führt – damit kann das Gewissen des werdenden Bürgers weiter abgestumpft werden, indem man ihn dazu bringt, die Tötung der Unschuldigen im Namen seines imperialen, allmächtigen Sexualtriebs zu rechtfertigen. Umwertung aller Werte ist immer gut, da es Bindungen zerstört, die vollständige Kontrolle des Staates über den Menschen verhindern. Nicht vergessen: Solange es auch nur eine Bindung gibt, die den Menschen mit einem anderen Menschen ohne Umweg über den Staat verbindet, ist der Sieg der Zentralisierung (und damit des modernen Projektes) noch nicht total.

Zum Feminismus als Teil des modernen Projekts

Aufgrund der ungewöhnlichen Stärke der Mutter-Kind-Beziehung ist besonders die Frau als Ziel für weitere Umerziehungsmaßnahmen auszumachen. Die Mütterlichkeit der Frau muss aus dem natürlichen Ort ihrer Erfüllung in der Familie heraus umgelenkt werden, da sonst der Kern der Familie mit all ihren schädlichen Bindungseffekten noch nicht beseitigt worden ist. Wo kann diese Mütterlichkeit einen besseren Einsatz finden als in der Berufswelt? Die Berufswelt, besonders in ihrer modernen, flexiblen, computerisierten Büroversion, ist unpersönlich. Aufgrund hoher Personalfluktuation, dem stetigen Wunsch nach Aufstieg (auf Kosten der Anderen, falls nötig), Konkurrenzdenken usw. entstehen nur sehr selten wirklich dauerhafte Bindungen der Freundschaft oder gar der Liebe. die Mütterlichkeit der Frau, die ihr Kind wie eine Löwin verteidigt, wird sich daher ganz von selbst an den einzigen Ort begeben, an der sie in dieser Umgebung Platz finden kann: Sie wird nicht mehr ihre Kinder wie eine Löwin verteidigen, sondern ihren eigenen beruflichen Platz, oder den ihres Unternehmens, ihrer Filiale usw. Die engste natürliche Bindung zwischen Mutter und Kind ist damit umgeleitet auf weitläufigere und vor allem nutzenbasierte Beziehungen. Aus Mutterliebe ist Berechnung geworden, und aus leidenschaftlichem Einsatz für das Kindeswohl brachiale Konkurrenz mit allen Mitteln und angespitzen Ellbogen. Diese Bindung ist damit neutralisiert, und vermag dem Staat nicht mehr gefährlich zu werden – besonders, wenn das neue Objekt der löwenhaften Mütterlichkeit nicht ein eigenes Unternehmen, sondern eine Behörde oder ein Schreibtisch in einem Großunternehmen ist.

Die Mobilisierung möglichst aller Frauen für das Berufsleben ist daher ganz entscheidend für den langfristigen Erfolg der Moderne und der Zentralisierung.

Nun, da die Kernfamilie gesprengt, und ihr Herz herausoperiert worden ist, verstärkt sich der Kreislauf, der oben schon angesprochen worden ist: Denn die nächste Generation wird nun noch bindungsloser sein als die vorige, wächst sie doch mit noch weniger familiärem Halt auf.

Hier endet der erste Teil des Artikels. Teil 2 wird in Kürze veröffentlicht.

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