Die Zeiten ändern sich…

… nicht.

Mit diesen Worten könnte man wohl diesen Artikel im Vatican Magazin kommentieren, bei dem es sich um eine Eingabe an die deutsche Bischofskonferenz von 1968 handelt.

Fast Wort für Wort kann er auf den heutigen Zustand übertragen werden. Wenn nichts so alt ist wie die Zeitung von gestern, dann ist nichts so neu wie die „Erneuerungs“-Diskussion von vorgestern…

Besonders interessant erscheint mir allerdings die im Artikel gezogene Parallele zu einer anderen Zeit, in der die Kirche sich in einer großen Krise befand und ein Schisma drohte – dem frühen 16. Jahrhundert:

Ohne die damals auch und gerade von der Römischen Kurie  begangenen Fehler und Unterlassungen im geringsten beschönigen zu wollen, muß gesagt werden, daß die Passivität des deutschen Episkopates, der theologisch ganz unzureichend ausgebildet war und in dessen Lebensstil und Bewußtsein (mit wenigen Ausnahmen) der Fürst den Vorrang vor dem Bischof hatte, die nahezu ungehemmten Fortschritte der lutherischen Bewegung erleichtert, ja überhaupt erst ermöglicht hat. So verpaßten die deutschen Bischöfe ihre Stunde; denn nachdem die Mehrzahl der Reichsstädte und der Fürsten die Sache Luthers zu der ihren gemacht hatten (nach 1526), war es zu spät. Unter der Ausschaltung der Bischöfe wurden lutherische Landeskirchen und städtisches Kirchenregiment auf- und ausgebaut. Die lutherische Bewegung organisierte und konsolidierte sich, gab sich ein Bekenntnis und schloss sich zu einem militärischen Bündnis zusammen: Die Kirchenspaltung war Tatsache.
Wir wissen heute, daß der innere Spaltungsprozeß, die Formierung der „Konfession“, nicht Jahre, sondern Jahrzehnte gedauert hat. Melanchthon und Calvin nahmen bis an ihr Lebensende für sich in Anspruch, „katholisch“ zu sein; die Anhänger des alten Glaubens wurden als „Papisten“ diffamiert. Das Kirchenvolk hing weiter an seiner Messe und an seinen Heiligen, und die von den lutherischen  Magistraten eingeführten Kirchenordnungen übernahmen vieles Katholische, sogar Prozessionen und Wallfahrten. Der Masse des einfachen Kirchenvolkes kam daher nicht zum Bewußtsein, dass die „Reformation“ keine Reform der Kirche, sondern die Bildung einer neuen, auf anderer Basis errichteten Kirche war. [Wie es mit der Reformation war, so ist es mit der Neo-Reformation.] Rückblickend muss man also festhalten: Durch nichts ist die Kirchenspaltung so gefördert worden, wie durch die Illusion, daß sie nicht existiere. Sie war verbreitet in Rom und vor allem im deutschen Episkopat, bei vielen Theologen, bei der Mehrzahl des Seelsorgeklerus und im Volk.

Und weiter:

Wir sind aber davon überzeugt, daß das Wahre und Gute, das in dem neuen Aufbruch der Kirche auf dem Konzil und durch das Konzil zu Tage getreten ist, nur dann fruchtbar werden kann, wenn es vom Irrtum getrennt wird. Je länger der schmerzhafte Schnitt hinausgeschoben wird [wie gesagt, das war vor 43 Jahren… Dieser Zug dürfte abgefahren sein], desto größer wird die Gefahr, daß wertvolle Kräfte, weil mit dem Irrtum amalgamiert, verloren gehen und dann nicht nur Abspaltung von der Kirche, sondern Abfall vom Christentum sich bei uns ereignen. Je klarer die Bischöfe sprechen, je entschiedener sie handeln, um so größer ist die Chance, die Aufbruchs-Bewegung innerhalb der Kirche zu halten und damit der Kirche zu erhalten. [Der Gegenbeweis ist angetreten: Die Bischöfe haben, in ihrer großen Mehrzahl weder klar gesprochen noch entschieden gehandelt – selbst heute wird die bloße Existenz des Problems immer noch hinter diplomatisch-bürokratischen Floskeln verborgen. Faktisch hat sich längst ein Theologisches Biotop etabliert, das jeglichen Kontakt zum Lehramt verloren hat. Es ist zum Hasenhüttln…]

Zum Abschluss möchte ich den Lesern eine Frage auf den Weg geben: Hat man Luther damals auch zum freundschaftlichen Gespräch eingeladen, um im Stuhlkreis über die Zukunft von Kirche zu lamentieren? Wenn nicht, so wäre für den deutschen Episkopat des 16. Jahrhunderts trotz seines Versagens wenigstens noch ein gutes Wort einzulegen

 

 

2 Gedanken zu „Die Zeiten ändern sich…

  1. Hat man Luther damals auch zum freundschaftlichen Gespräch eingeladen, um im Stuhlkreis über die Zukunft von Kirche zu lamentieren?

    Natürlich. Er hat sogar freies Geleit zugesagt bekommen.

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