Philosophie ist unheilbar…

Die meisten modernen Menschen stellen sich die großen, grundsätzlichen, wesentlichen Fragen überhaupt nicht mehr. Sie haben ja so viel „Zeug“ – sie hätten gar keine Zeit zur Reflektion. Stille, so der dänische Philosoph und protestantische Christ Søren Kierkegaard bereits im 19. Jahrhundert, sei das, was dem Menschen besonders fehle. In unserer Zeit trifft dies sicher noch mehr zu. Ohne Stille keine Refektion, ohne eine solche Reflektion keine Einsicht. Das gilt für philosophische Einsichten ebenso wie für eher religiös-mystische. Der Geist der Kontemplation ist in der modernen Welt vollkommen geschwunden.

All unser „Zeug“, und der stete Drang nach mehr, obwohl wir es eigentlich nicht bräuchten, der ständige Wunsch, das ganze „Zeug“ auch zu konsumieren, treibt uns in eine ungesunde Eile. Noch nie hatten wir so viel Freizeit und noch nie so wenig freie Zeit.

Doch es bleibt immer eine Gruppe, so mag man vielleicht denken, die die großen Fragen noch stellt. Dem dieser Welt verhafteten Durchschnittsmenschen mögen philosophische Konzepte nichts mehr sagen, doch, so mag man denken, es gibt ja noch die professionellen Philosophen. Noch nie gab es so viele Philosophieprofessoren wie im 20. und 21. Jahrhundert. Noch nie gab es so wenig gesunde Philosophie. Denn die heutige, moderne Philosophie befindet sich in einer fundamentalen Sinnkrise, oder besser gesagt, Sackgasse. Heutige Philosophen fragen nämlich gar nicht mehr nach dem Grundsätzlichen. Sie beschäftigen sich nicht mehr, in den Worten eines bekannten Sinnspruchs, „Gott und der Welt“. Womöglich verzehren sie sich in der haarspalterischen Analyse logischer Sprachstrukturen oder der existenzialistischen Infragestellung aller objektiven Realität. Sie „konstruieren“ sich erklärtermaßen ihre eigene Welt.

Der moderne Philosophiestudent lernt, dass es in der Philosophie im Wesentlichen um die Frage geht, ob der Tisch vor unseren Augen wirklich da ist, oder nur eine Projektion unseres Verstandes sei.

Kein Wunder, dass der Philosophie unter allen nicht geisteskranken Menschen die Reputation der Belanglosigkeit und Lächerlichkeit anhängt. Ich möchte damit nicht leugnen, dass es auch heute noch ernstzunehmende Philosophen gibt, und nicht einmal, dass die heutige Philosophie durchaus ihren Wert hat.

Doch das ist nicht wirklich der Zweck der Philosophie. Platon zufolge geht die Philosophie aus dem Staunen des Menschen hervor. Der Mensch fragt nach dem Gründen hinter den Dingen, weil er sie verstehen möchte. Doch die moderne Philosophie leugnet mittels ihres allumfassenden Subjektivismus (alles ist Sprache, alles ist sozial konstruiert) entweder die Möglichkeit des wirklichen Verstehens der Dinge (alles ist durch die Sprache gefiltert), oder gleich die objektive Existenz der Dinge (alles wird durch die Sprache konstruiert). Platon würde die heutige Philosophie, wie sie an den meisten säkularen Universitäten betrieben wird, wohl nicht mehr als Philosophie erkennen, weil dort nicht mehr die Freunde der Weisheit tätig sind. Dort wird nicht mehr nach den Urgründen der Dinge gefragt, weil man sich lieber zurücklehnt und den staunenden Zuhörer darüber belehrt, dass der Gedanke, es könne so etwas wie „Urgründe der Dinge“ geben, gar nicht allzu weit hergeholt sei – immerhin entstamme er nichts als der eigenen Vorstellungskraft. Nach den Urgründen der Dinge zu suchen verlangt zunächst einmal einen Glauben daran, dass die Dinge, die wir mit unseren Sinnen wahrnehmen, mit unserem Verstand untersuchen und mit unseren Worten ausdrücken, tatsächlich real sind, und dass wir sie wirklich wahrnehmen, nicht nur konstruieren; untersuchen, nicht nur erschaffen; und ausdrücken, nicht nur erfinden können.

Dieser Glaube ist unter modernen Philosophen mausetot. Die moderne Philosophie, angetreten im 17. Jahrhundert mit der Absicht, den „scholastischen“ Dogmatismus zu überwinden, der traditionellen Philosophie durch rationale Wissenschaft den Garaus zu machen, hat sich totgelaufen an der unübersteigbaren Tatsache, dass ohne einen außermenschlichen Bezugspunkt, an dem man sich festhalten kann, alles Wissen letztlich der Beliebigkeit anheim fällt. Unsere Sinne können sich täuschen, unser Verstand ist nicht unfehlbar und kann überhaupt nur unter Zuhilfenahme der Sinne arbeiten, und die Worte, in denen wir zu denken gezwungen sind, entspringen bloß menschlicher Schöpfung. Ferner variieren nicht nur die Worte, sondern offenbar auch die dahinter stehenden Konzepte. Eine Übersetzung von der einen Sprache in eine andere ist selten verlustfrei möglich. Die andere Sprache konstruiert, so könnte man sagen, die Realität eben etwas anders als die eine. Dieser Unterschied wird bei nicht miteinander verwandten Sprachen sehr groß. Es gibt keinen festen Haltepunkt mehr, kein Fundament, auf dem sich menschliches Denken unter diesen Voraussetzungen aufbauen ließe. Also ist alles relativ. Doch das eigene Denken ist ebenfalls von diesem umfassenden „alles“ nicht ausgenommen. Es ist also auch relativ. Es kann keine objektive Gültigkeit beanspruchen, so wie alles andere auf der Welt. Selbst die Einsicht in die objektive Gültigkeit ist nicht objektiv gültig.

Es gibt also keine objektive Wahrheit – nicht in der Religion, nicht in der Ethik, nicht im täglichen Leben. Doch man kann nicht einmal sagen, es gebe keine objektive Wahrheit. Auch das wäre ja wieder ein objektiver Wahrheitsanspruch.

Ein universelles Schwindelgefühl ist die Folge dieses universellen Schwindels.

Nichts, absolut nichts, kann diese Philosophie noch retten. Kein logisches Argument für die objektive Wahrheit oder die wirkliche Existenz der Außenwelt kann einen konsequenten modernen Philosophen überzeugen – denn das Argument basiert unvermeidlich auf den Gesetzen der Logik, deren wirkliche Gültigkeit Voraussetzung für die Gültigkeit des Arguments ist. doch wirkliche Gültigkeit kann es nicht geben.

Nicht alle Philosophen sind so extrem – was daran liegt, dass nicht alle Philosophen die moderne Philosophie bis ans logische Ende gedacht haben. Doch sie kann zwangsläufig, wenn man konsequent ist, nur zum gerade angedeuteten Nihilismus führen, weil es keinen objektiven, festen Anhalt gibt, an dem man sozusagen das gesamte Denken aufhängen kann.

Die moderne Philosophie ist also in einer tiefen Sackgasse ohne Ausweg. Wie kommt man aus einer Sackgasse also heraus? Indem man wendet und zurückfährt. Eine Rückkehr zur traditionellen Philosophie ist notwendig, damit die Philosophie wieder die Fragen stellt, die zu stellen ihre eigentliche Aufgabe ist, und damit sie die Antworten liefert, zu denen sie fähig ist.

Glücklicherweise ist Philosophie unheilbar. Die großen Fragen sind nicht auszurotten. Wenn auch nur eine Minderheit, so wird es immer Menschen geben, die nach „Gott und der Welt“, nach den Urgründen der Realität fragen, und nicht bereit sind, sich defätistisch mit dem Argument abspeisen zu lassen, alle Realität sei nur sozial konstruiert. Auf Dauer wird der Mensch sich diesem imperialistischen Quasi-Solipsismus nicht beugen.

Wenn doch ohnehin alles relativ ist, nichts wirklich wahr und nichts wirklich falsch, und überdies nichts wirklich wirklich ist, dann definieren wir doch einfach einige Sätze als wirklich wahr. Wirklich falsch kann das ja wohl auch nicht sein, wenn nichts wirklich falsch sein kann, weil wir nicht einmal wissen können, ob die Wirklichkeit wirklich wirksam ist.

Aber ernsthaft: Wenn alle Argumente das Resultat sprachlicher oder sozialer Konstruktionen sind, wenn alle Wahrheiten nicht wirklich wahr sind, dann ist auch das Argument, mit dem die Relativisten und Konstruktivisten diese These zu etablieren gedenken, nicht wirklich, sondern nur sozial konstruiert. Es kann daher keine Gültigkeit beanspruchen, die über den individuellen Verstand des einzelnen Konstruktivisten hinaus ginge. Wir können es also getrost ignorieren und stattdessen sinnvolle Fragen stellen.

Philosophie, die Liebe zur Weisheit, ist eine unheilbare Gesundheit des Menschen.

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5 Gedanken zu „Philosophie ist unheilbar…

  1. Dieses epistemologische Schachmatt kommt mir vor wie das Paradox von Achill und der Schildkröte. Viele der Weisheitsfreunde sind tatsächlich so kindisch, dass sie überzeugt davon sind, Achill könne die Schildkröte niemals überholen; denn ihre ausgeklügelte Methodik gibt es nicht her. Und den lachenden Achill, der an der Schildkröte vorüberrennt, schimpfen sie einen Betrüger.

  2. Sehr schöner Beitrag. Jedenfallsch scheint es eine der größten Schwächen der Theologie unserer Tage zu sein, dass sie keine Philosophie mehr betreibt und das gleichermaßen Philosophie sich nur noch auf das Erkenntnistheoretische beschränkt. Katholisch gesprochen ist in dieser Hinsicht das letzte Sinnvolle wohl von Josef Pieper gekommen und danach nur noch modernistisch verbrämtes.
    Zwei Gedankengänge hab ich dabei nie verstanden: Die Kritik an der Scholastik: Nach dem was ich sehen kann die wohl objektivste und wissenschaftlichste Herangehensweise an Sachen überhaupt: konkrete Fragestellung, Objectio (Anzweiflung), Argument. Sollte etwas dabei auf der Strecke bleiben hat man immer die Möglichkeit einzusteigen und konkrete Kritik zu leisten. Genau für dieses vorgehen liebe ich auch die Neoscholastiker insbesondere Chesterton, dessen Streitgespräche (z.B. mit Bernhard Shaw) einfach nur wunderbar sind!
    2. Es widerspricht doch der eigenen Erfahrung, dass es keine objektive Wahrheit gibt!? Wenn man Menschen auf der Straße fragt, ob sie glauben, dass was sie sehen auch echt ist, würde kaum einer mit diesem konstruktivistischen Unsinn kommen. Mehrheit ist kein Unterpfand für Wahrheit, jedoch ein Argument für funktionierenden Hausverstand, dessen sich der Katholik gerne und immer bedienen sollte.

    • ed,
      Willkommen in der Kommentarspalte!
      Ich weiß nicht, ob die „zwei nie verstandenen Gedankengänge“ rhetorisch oder als echte Fragen gemeint waren, ich gebe einfach mal meinen „Senf“ dazu:
      Für den Konstruktivisten ist Erfahrung kein Argument, da wir immer nur gefiltert durch die Brille unserer eigenen Wahrnehmung überhaupt Erfahrungen machen können. Strenggenommen würde dadurch allerdings nicht nur die Theologie, sondern auch die Naturwissenschaft unmöglich, was viele der Konstruktivisten lieber ausblenden, auch wenn sich eine Minderheit dieser Schlussfolgerung unterwirft.
      Die Theologie wird zum Ausdruck persönlicher religiöser Empfindungen (die von Person zu Person verschieden sein können – Relativismus) und entbehrt jeglicher rationaler Grundlage. Wenn sich dann also die Empfindungen und Intuitionen („Gotteserfahrungen“) ändern, dann ändert sich die Theologie gleich mit. Dies ist natürlich im eigentlichen Sinn gar keine Theologie mehr, sondern bestenfalls Psychologie.
      Der „weltfremde“ Scholastiker geht im Gegensatz zum „modernen“ Konstruktivisten von den konkreten Alltagserfahrungen zumindest insofern aus, als er sie nicht rundheraus als Täuschung ablehnt. Wenn man, wie die Konstruktivisten, alle Erkenntnisse subjektiviert sehen möchte, kann der scholastische Ansatz nur noch als einer unter vielen erscheinen, und dann auch noch als ein besonders ungeeigneter – immerhin behauptet er aus der Sicht des Konstruktivismus so etwas wie die objektive Existenz gültiger logischer Schlussformeln.
      Dem Konstruktivisten geht es letztendlich nicht mehr um die Beschreibung der objektiven Wirklichkeit, sondern um die Beschreibung der menschlichen Wahrnehmung einer prinzipiell unbeweisbaren und subjektiv gefärbten (konstruierten) Wirklichkeit.
      Aus der Suche nach der Wahrheit (adaequatio intellectus et rei, nach der klassischen Definition) wird die Suche nach der Authentizität, also der Übereinstimmung zwischen dem, was ich sage, und dem was ich empfinde. Diese Kluft ist unüberbrückbar, da es keine gemeinsame Sprache, kein Kommunikationsmedium gibt, in dem Konstruktivisten und „Realisten“ (oder Scholastiker) sich miteinander verständigen könnten. Ein echtes „Verstehen“ zwischen beiden kann es gar nicht geben.

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