Von der ewigen Offensive des „Fortschritts“ und ihren Gründen

Überall im Westen, und damit meine ich Westeuropa, Nordamerika und den britisch geprägten Teil Ozeaniens, ist Abtreibung gesellschaftlich weithin akzeptiert. Selbst dort wo, wie in Irland, das Lebensrecht noch verankert ist, befinden sich die Abtreibungsbefürworter in der Offensive. Sie veranstalten Volksabstimmungen, kommen immer näher an eine verbindliche Erklärung eines Grundrechts auf Abtreibung aus den unergründlichen, labyrinthischen Gefilden von EU und UNO, haben Medien, Wirtschaft, die politische Elite, die Intellektuellen usw. hinter sich. Darin ähnelt die Abtreibungsfrage allen anderen modernen Bewegungen des „Fortschritts“, also des Abbaus christlicher Werte zugunsten der zusammengezimmerten neuen Moral des individuellen Hedonismus in einer kollektiv gelenkten Gesinnungsdiktatur. Man sieht dieselbe Dynamik bei der Frage nach der Homosexualität, dem Feminismus oder Gender Mainstreaming, der Auflösung der Familie, aber auch, um einmal den Bereich der Familie zu verlassen, der Einrichtung eines weltweiten Staatsgebildes amoralischer Technokraten.

Woran liegt das? Warum sind in diesen Fragen wirtschaftliche, mediale, politische und Bildungseliten so dicht beieinander, wenn sie doch in so vielen anderen Fragen vollkommen entgegengesetzte Positionen vertreten? Warum gibt es keine Regierung und keine Opposition, sondern nur zwei Flügel derselben Partei, von denen der „konservative“ Flügel für eine etwas langsamere Abwicklung christlicher Substanz steht, und damit als loyale Scheinopposition fungiert, durch die der Rahmen im öffentlichen Diskurs erlaubter Ideen strikt limitiert wird? Wenn wir uns eine solche Frage stellen, so ist es erforderlich, dass wir uns zuerst fragen, was denn die genannten Schichten alle gemeinsam haben: Sie sind fast ausnahmslos Produkte desselben Bildungsmilieus, nämlich der modernen, westlichen, säkularen Hochschule. Selbst der Teil der globalen Elite, der nicht aus dem Westen stammt, steht hinter denselben Positionen, und ist in diesem Fall generell zumindest in den Genuß einer modernen, westlichen, säkularisierten Hochschulbildung gekommen.

Was zeichnet die moderne Hochschule aus? Es ist der absolute, unbegrenzte Triumph der instrumentellen Vernunft. Darunter verstehe ich diejenige Vernunft, die als Mittel zu einem materiellen Zweck gebraucht wird. Die Vernunft wird gebraucht, um Wissen zu erlangen. Doch das Wissen dient nicht mehr der reinen Schau der Ideen (Platon), oder der Kontemplation des Wahren, Guten und Schönen (Aristoteles), nicht mehr der Erkenntnis Gottes (oder selbst „der Götter“). Alles vormoderne Ideen. Wozu dient Wissen in der Moderne? Es dient dem Machtgewinn. „Wissen ist Macht“, gemeinhin einem der Pioniere der modernen Philosophie zugeschrieben, nämlich Francis Bacon, auch wenn der präzise Ausspruch (wohl aber das dahinter stehende Denken) nicht der seine gewesen sein dürfte. Wissen ist Macht: Macht über die natürliche Lebensumgebung des Menschen; Macht über andere Menschen.

Man könnte formulieren: Wissen ist Macht über die Natur des Menschen und die Natur um den Menschen herum. Durch das Wissen vermag der Mensch größeren Einfluss auf die natürlichen Ordnungen und Zustände zu nehmen. Es geht um die „Beherrschung der Natur“, wobei Natur in dem umfassenden Sinn der traditionellen Philosophie verstanden werden muss. Wissen wird als Mittel zum Zweck des Umsturzes natürlicher (göttlicher) Ordnungen zugunsten vom Menschen konstruierter Ordnungen gesehen. Dieser Prozess charakterisiert treffend, was gemeint ist, wenn der heutige Mensch von „Emanzipation“ spricht.

Diese neue Sichtweise kann als zentrales Charakteristikum der Moderne, gar als Unterscheidungsmerkmal zwischen der Moderne und anderen Epochen gesehen werden. Der Mensch handelt nicht mehr nur in der Praxis gegen die natürlichen Ordnungen der Dinge, sondern er bezweifelt systematisch entweder ihre Legitimität oder überhaupt ihre Existenz. Es wird behauptet, es gebe so etwas wie natürliche Ordnungen überhaupt nicht, es handle sich um menschliche Konstrukte. Dies ist eine wesentliche Wurzel des modernen Relativismus.

Diese Denkweise besteht zuerst nur unter den Grundlagendenkern, also den Philosophen, breitet sich aber bald auf die ganze Hochschulkultur aus. Denn die moderne säkularisierte Hochschule verkörpert das Prinzip der Vernunft als Instrument des menschlichen Machtstrebens über sich, andere und die natürliche Lebensumgebung wie keine zweite Institution. Sie mag zwar historisch aus der mittelalterlichen Universitätstradition stammen, aber ihre Struktur und ihr Wesen hat mit dieser nichts mehr gemein. Die diversen „Bildungsexpansionen“ des 19. und 20. Jahrhunderts importierten diese segmentierte, auf Nützlichkeit ausgerichtete Vorstellung von Bildung dann auch in die sich ausbreitenden staatlichen Schulen, die ebenfalls nach demselben Prinzip funktionieren.

Der Siegeszug der instrumentellen Vernunft ist danach nicht mehr aufzuhalten. Mehr und mehr Menschen, bald breite Mehrheiten, kommen über viele Jahre staatlicher Zwangsschule mit dem Gedanken der instrumentellen Vernunft zu einem Zeitpunkt in Berührung, zu dem der Geist noch gut formbar ist. Despoten aller Zeiten haben diese Tatsache zu ihren Gunsten ausgenutzt. Der menschliche Geist lernt also seinen Verstand zu gebrauchen – was der Sinn guter Bildung ist – aber nur im instrumentellen Sinn. Sein Verstand dient diversen Zwecken – seinem Erfolg, Ansehen, Reichtum; dem wahrgenommenen Gemeinwohl, dem Triumph des Sozialismus, der Befreiung der Menschen aus ihrer selbst verschuldeten Unmündigkeit, oder was auch immer. Aber er dient nicht mehr der Wahrheitsfindung. Erkenntnisse werden danach beurteilt, ob sie nützlich sind für das gesteckte Ziel.

Durch den Sieg der instrumentellen Vernunft wird erreicht, dass alle, die sich der Vernunft in einem nicht-instrumentellen Sinne bedienen, die also die natürliche Ordnung der Dinge anerkennen und in diesem von Gott gesteckten Rahmen ein sittlich gutes Leben führen wollen, nicht so sehr abgelehnt werden als unverstanden bleiben. Sie vermögen sich nicht zu artikulieren, weil es kein gemeinsames Vokabular mehr gibt. Der traditionelle Christ, das Paradebeispiel für den nicht-instrumentellen Gebrauch der Vernunft, erscheint in der Vorstellungswelt des modernen Menschen nicht als Feind, sondern als unidentifiziertes Flugobjekt. Mangels gemeinsamer Sprache ist keine Verständigung möglich.

Doch eine der wesentlichen natürlichen Ordnungen ist diejenige der naturrechtlichen Sittenlehre, welche für den modernen Menschen folglich nicht als falsch, sondern als intransparent erscheint. Er kann damit nichts anfangen, also klassifiziert er sie als irrelevant, bedeutungslos, veraltet, oder eine Option unter vielen. (Die Intelligenteren erkennen darin allerdings den natürlichen Feind, den man sich nicht vermehren lassen darf, weshalb die geistige Elite der Moderne genau weiß, dass die Kirche der wahre Feind ist. Nur der Kirche scheint dies bislang entgangen zu sein – oder vielmehr seit einiger Zeit entglitten, man hatte das bis etwa 1960 bereits einmal erkannt).

Ohne das natürliche moralische Gesetz fällt aber jegliche Ordnung des Handelns nach moralischen Prinzipien – was bleibt sind überlieferte Relikte der Moral, die sich nicht mehr rechtfertigen können und daher von Generation zu Generation weiter verblassen, und der darunter immer klarer aufscheindende, alles verschlingende Wille des Menschen zur Macht. Dieser Prozess ist der Grund dafür, dass die gesellschaftliche Bewegung immer nur in eine Richtung geht, seitdem im 16. und 17. Jahrhundert der scheinbar harmlose Paradigmenwechsel in der Philosophie hin zur instrumentellen Vernunft stattgefunden hat. Die Bildungselite ist immer dabei, weitere Teile der natürlichen Ordnungen zu demolieren und emanzipativ neu zu konstruieren, wobei die Bevölkerungsmehrheit meist eher skeptisch ist, aber spätestens nach ein bis zwei Generationen durch die unausweichliche Dominanz derjenigen mit formaler Bildung in der öffentlichen Debatte oder direkt am Epizentrum, also in der modernen, säkularen Hochschule, auf Linie gebracht wird.

Ein unaufhaltsamer Prozess der Abkehr vom natürlichen moralischen Gesetz findet also statt. Der weit verbreitete Fortschrittsglaube besagt nun, diese Abkehr sei an sich gut, und deklariert diese als einen Prozess der Befreiung des Menschen aus traditionellen Beschränkungen. Doch wie auch immer man diesen Prozess bewerten mag, er ist unaufhaltsam, noch längst nicht am Ende, und speist sich aus der modernen, säkularen Hochschule und ihren vielen Metastasen in Bildung, Medien, Wirtschaft und Politik.

Daher kommt der merkwürdige Gleichklang der Meinungen in der Elite und auch der seltsame Gleichschritt der gesellschaftlichen Entwicklungen in allen Ländern, in denen das moderne westliche Bildungsideal sich durchgesetzt hat.

Um diesen Gleichklang und Gleichschritt aufzuhalten, müsste man ein anderes Bildungsideal haben, und zuerst die Diktatur der instrumentellen Vernunft brechen.

Empfehlung: Für ein etwas anderes Bildungsideal, das mit der instrumentellen Vernunft bricht, argumentiert Stratford Caldecott in seinem exzellenten Büchlein „Beauty for Truth’s Sake: On the Re-enchantment of Education“ (Leider gibt es keine deutsche Übersetzung, die mir bekannt wäre). Caldecott vertritt, von einer explizit katholischen Position aus, unter Rückgriff auf die mittelalterliche Tradition der sieben „Freien Künste“, die Vorstellung von Bildung als Einführung oder Initiation der ganzen menschlichen Person in die Schönheit und Wahrheit des Kosmos, also der natürlichen, von Gott gegebenen Welt- oder Schöpfungsordnung. Bildung ist für ihn, wie alle menschlichen Handlungen, ein „liturgischer Akt“. Wie gesagt, hochinteressant und lesenswert.

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