Lobt-die-Hirten-Woche: Limburger Nachwuchs (Teil 5/6)

Der Limburger Bischof Franz Peter Tebartz-van Elst, geboren 1959, gehört mit 52 Jahren zum jüngeren Teil des deutschen Episkopats. Zudem ist er oft als Hoffnungsträger für den romtreuen Teil der katholischen Kirche bezeichnet worden. Stimmt das? Nun, wenn man sich einen Spiegel-Artikel aus dem Jahr 2010 anschaut, so muss er wohl irgendwie einen Nerv getroffen haben: Einige Zitate:

Tebartz-van Elst, 50, ist einer der jüngsten deutschen Bischöfe und für manche die derzeit größte Hoffnung: als Mann der Antimoderne, einer mit dem Ideal der „marianischen Berufung“, der fromme Traditionen wiederbelebt und den weltlichen Zeitgeist bekämpft.

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Zügig machte er sich daran, seine Diözese auf Kurs zu bringen. Protagonisten der Kamphaus-Kirche [Kamphaus war Tebartz-van Elsts Vorgänger im Bistum]  verloren ihre Posten oder suchten freiwillig das Weite. Schützenhilfe gab es von seinem väterlichen Ratgeber (Hört sich gut an.) Meisner aus Köln, der seinen Zögling in das Amt eingeführt hat und regelmäßig telefonisch berät. Von ihm bekam Tebartz-van Elst auch bewährtes Leitungspersonal für seine Pressestelle und das Diözesangericht vermittelt. Von einem „guten mitbrüderlichen Verhältnis“ schwärmt denn auch die Pressefrau mit Blick auf ihren alten und ihren neuen Chef. Wenn es gut für ihn läuft, könnte Tebartz-van Elst schon bald Meisners Erzbistum erben. (Wäre zu hoffen. Sonst wüsste ich kaum einen geeigneten Kandidaten.)

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Ob die Proteste im Bistum Limburg dabei im Vatikan als Empfehlung dienen oder schaden, ist vorerst offen. Sicher ist: Der Streit zwischen Bischof, Priestern und Gläubigen ist hier so heftig wie in kaum einer anderen deutschen Diözese. (Ein heftiger Streit zwischen den Verbandskatholiken und der Mehrzahl der Laienfunktionären auf der einen Seite und dem Bischof und kirchentreuen Katholiken auf der anderen Seite ist zwar sicher nicht ideal, aber der Streit ist lange überfällig. Dass er so heftig ausgetragen wird, zeigt uns, woher der Wind unter Bischof Tebartz-van Elst weht. Hier versucht jemand zumindest ein wenig aufzuräumen. Irgendwie trifft der Mann einen Nerv; wir werden gleich noch sehen warum.)

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Der Limburger Bischof stehe „für eine Rolle rückwärts in die Mitte des vorletzten Jahrhunderts“ (Wie gesagt, klingt gut. Wenn man falsch abgebogen ist, dann ist derjenige, der zuerst umkehrt, der wahrhaft fortschrittliche Mensch, wusste schon C.S. Lewis) , bedauert Albert Dexelmann, 63, ebenfalls Pfarrer im Bistum.

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Schnell machte er Karriere, schon im Priesterseminar fiel er durch eine „liturgiefixierte“ Frömmigkeit („Save the Liturgy, Save the World“, um Father Z zu zitieren) auf, in Münster weihte ihn 2004 der damalige, dem Opus Dei nahestehende Ortsbischof zum Weihbischof, vier Jahre später folgte schon der Ruf nach Limburg. (Eine Blitzkarriere. Doch wohin führt sie?)

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„Die Kirche darf nicht in der Welt aufgehen und sich ihr gleichmachen, weil ihre Botschaft über die Welt hinausgeht“, so Tebartz-van Elst, „eine vorschnelle Anpassung an scheinbare Mehrheiten und Meinungen“ dürfe es nicht geben.

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In Limburg wird derweil deutlich, wie Tebartz-van Elst „die Zukunft des gelebten Glaubens“ konkret versteht. Statt 341 Pfarreien soll es künftig nur noch wenige Großgemeinden geben. (Welch eine hervorragende Idee! Dadurch wird der Funktionärskaste so ziemlich das Wasser abgegraben. Wie viele „GemeindereferentInnen“ und „GemeinderätInnen“ da wegrationalisiert werden können! Wie sehr Priester sich wieder auf ihre Pfarrei konzentrieren können, statt mehrere Gemeinden versorgen zu müssen! Dieser Reformplan ist ein großer Wurf, wenn er denn konsequent und ohne Kompromisse durchgezogen wird. Bei etwa 76000 regelmäßigen Messbesuchern braucht man keinesfalls mehr als 100 Pfarreien. Da wundert man sich auch nicht mehr über die wütenden Angriffe gegen den Bischof seitens des verbandskatholischen Apparats.)

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Wer von den Verbandskatholiken, WirrSündKirsche und dem Spiegel dermaßen angegriffen wird, der kann eigentlich kaum ein schlechter Hirte sein…

Der Bischof scheut sich auch nicht, zugunsten von Familien Stellung zu nehmen, wie aus dem kath.net-Artikel hervorgeht, den ich hier anführen möchte. Der Bischof wird dort zitiert:

Eltern tragen eine unabweisbare Verantwortung für ihre Kinder, die ihnen anvertraut sind. (Ihnen, den Eltern, nicht dem Staat.) Um dieser Verantwortung, besonders in den ersten Jahren, gerecht werden zu können, brauchen Eltern eine ausreichend abgesicherte existentielle Grundlage. (Eltern, nicht Krippen, müssen gefördert werden, wenn man denn schon staatliche Sozialprogramme einführen möchte.) Fragt man die Eltern selbst nach ihren äußeren Bedürfnissen für diese Zeit, dann lassen sich die Antworten im Wesentlichen den drei Aspekten Zeit, Geld und Infrastruktur zuordnen. (Wobei nicht ganz klar ist, wie dieser Satz in die Stellungnahme hineinpasst. Klar wollen Eltern Zeit und Geld. Infrastruktur kann sich wohl in diesem Zusammenhang nur auf Krippen und Kindergärten beziehen, worin man sieht, dass selbst der Bischof nicht vor Fehlschlüssen gefeit ist, wenn es um derartige praktische Fragen geht. Eltern mögen – heute ist alles vorstellbar – ihre Kinder lieber an externe Institutionen abtreten als sich selbst um sie zu kümmern. Warum das auch noch positiv erwähnt werden sollte, statt die dahinterstehende gleichgültige Haltung gegenüber dem „Konsumgut Kind“ scharf zu kritisieren, ist mir schleierhaft). Aus der Sicht der Kirche begrüße ich jene Initiativen, die Eltern in ihrem Erziehungsauftrag ausdrücklich unterstützen. Wo Eltern in der Lage sind, ihren Kindern in den ersten Lebensjahren zu geben, was für deren leibliche und seelische Entwicklung erforderlich ist, sollte der Staat dies deutlicher stärken. (Wie viele Jahre? Zwei? Drei? Sechs? Oder sollten Eltern ihren Kindern vielleicht immer das geben, was für „deren leibliche und seelische Entwicklung erforderlich ist“, statt sich egozentrisch selbstzuverwirklichen?) In unserer Gesellschaft ist bei aller Wertschätzung institutioneller Betreuung (warum sollte man, außerhalb von Extremsituationen das Ablegen von Kleinkindern in Betreuungslegebatterien wertschätzen? Vor allem, wenn es sich auch noch um säkularistische DDR-artige Krippen handelt?) das Bewusstsein entschiedener zu fördern, dass eine verlässliche Eltern-Kind-Beziehung gerade in den ersten Lebensjahren nicht einfach institutionell ersetzt werden kann. (Doch der Bischof bekommt die Kurve und sagt wenigstens noch das Wesentliche. Auch wenn er doch arg hinter der traditionellen katholischen Soziallehre der Kirche zurückbleibt, die doch die natürliche Familie etwas höher eingeschätzt hat, als es aus diesem Text deutlich wird.)

Das vor einigen Jahren anstelle des zweijährig gezahlten Bundeserziehungsgeldes eingeführte maximal bis zum 14. Lebensmonat gezahlte Elterngeld stellt viele Eltern nach Ablauf dieser Zeit vor die Entscheidung, die weitere Elternzeit anderweitig finanziell abzusichern oder aber das Kind in Fremdbetreuung zu geben und – ganztägig oder in Teilzeit – wieder in die Berufstätigkeit zurückzukehren. (Diesen schwerwiegenden Missbrauch staatlicher Gewalt hätte Papst Leo XIII. wohl nicht sehr positiv beurteilt, und mit ihm auch die anderen Päpste. Aus der Enzyklika Rerum Novarum: „Wenn Individuum und Familie, nachdem sie im Verbande der staatlichen Gesellschaft sind, seitens der letzteren nur Schädigung fänden statt Nutzen, nur Verletzung des ureigenen Rechtes statt Schutz, so würde der Staatsverband eher als Gegenstand der Abneigung und des Hasses erscheinen müssen denn als ein begehrenswertes Gut.“ Mal sehen wie Bischof Tebartz-van Elst das formuliert:) Viele individuelle Erfordernisse und Problemstellungen, wie etwa die Suche nach einer geeigneten Fremdbetreuungsmöglichkeit, eine Erkrankungsanfälligkeit oder eine langsamere Entwicklung des Kindes, erschwerte berufliche Wiedereinstiegsbedingungen und anderes mehr, machen diese Zeit der Umorientierung zusätzlich schwer. (Was soll daran relevant sein? Ja, es gibt manchmal Hindernisse, die die Zerstörung der natürlichen Familie erschweren. Feiern wir diese Hindernisse, statt ihre Existenz zu beklagen.)

Deshalb ist es – ganz unabhängig von jeder Bewertung elterlicher oder institutioneller Betreuung (aber eine solche Bewertung wäre gerade die Aufgabe eines Bischofs, oder? Das ist seine Kernkompetenz.) – erforderlich, Eltern in dieser Lebensphase zusätzlich zu den bestehenden Leistungen Unterstützung anzubieten. In dieser Hinsicht ist das von der Bundesregierung ab 2013 geplante Betreuungsgeld ein Schritt in die richtige Richtung. (Das kann man wohl sagen. Doch die Prinzipien, die diesen Schluss ermöglichen, hat der Bischof leider verschwiegen oder modern schöngeredet) Zugleich ist die Feststellung des Familienbundes der deutschen Katholiken zu berücksichtigen, dass die vorgesehenen Leistungen von 100 Euro im zweiten Lebensjahr des Kindes (ab 2013) bzw. 150 Euro im zweiten und dritten Lebensjahr (ab 2014) bei weitem noch nicht ausreichend sind, um den Familien eine geeignete Absicherung zu geben. (Die Leistungen mögen nicht ausreichend sein. Ich gebe seiner Exzellenz Recht. Doch offen bleibt die Kernfrage der grundsätzlichen moralischen Bewertung der Abtretung von Kindern an staatliche oder andere säkularisierte Institutionen.)

Bei nüchterner Betrachtungsweise darf es der Politik weder um eine Entlohnung elterlicher Erziehungsleistungen noch um eine Prämie für den Verzicht auf Fremdbetreuung gehen, sondern um eine wertschätzende Ermöglichung notwendiger familiärer Handlungs- und Gestaltungsspielräume zum Wohl der Kinder. (Bei nüchterner Betrachtungsweise müsste der Staat jegliche Familienpolitik nach der katholischen Soziallehre ausrichten, wie sie in den Sozialenzykliken der Päpste dargelegt worden ist. So zu tun als ob Kinderlegebatterien auch nur entfernt vergleichbar mit der Erziehung in einer echten Familie seien, oder ein legitimes Mittel für den Regelfall sein könnten, ist nicht Teil der katholischen Soziallehre, deren Darstellung der Bischof hier bezogen auf das Thema der Kindererziehung zu unternehmen scheint.) Zielrichtung aller Bemühungen um das Wohl des Kindes muss deshalb für die Politik die Stärkung der Eltern in ihrer Erziehungsverantwortung sein. (Hier hingegen trifft der Bischof den Nagel wieder auf den Kopf. Die Erziehungsverantwortung der Eltern muss gestärkt werden).

Was können wir aus diesem Interview ziehen? In Bischof Tebartz-van Elst haben wir einen Hoffnungsträger vor uns, der sich wenigstens zu wichtigen Themen der Soziallehre äußert, statt belanglose Polit- und Soziologenfloskeln zugunsten staatlicher Preiskontrollen auf dem Arbeitsmarkt („Mindestlohn“) abzusondern. Zu bedauern ist allerdings, dass der Bischof eine grundsätzlichere Beschäftigung mit dem Thema Fremdbetreuung und Elternpflicht versäumt, in der es möglich gewesen wäre, auf der Basis der Lehre der Kirche grundlegende ethische Handlungsleitlinien zusammenzustellen, an denen sich eine gerechte, christliche Politik zu orientieren hätte. Dies unterlässt der Bischof, und beschränkt sich auf ein kurzes Statement, das an manchen Punkten in seiner Klarheit lobenswert ist, ohne jedoch die Konfrontation mit der etablierten feministischen Lobby in Politik, Medien und Gesellschaft auf die Spitze zu treiben, wie Bischof Mixa es vor einiger Zeit getan hat, oder wie es manche Hirten in den USA derzeit tun.

Zusammenfassend muss festgestellt werden, dass aus dem Nachwuchs in Deutschlands Bischofskonferenz der Oberhirte von Limburg derzeit herausragt, weil er es schafft, sich mit den Verbänden in seinem Bistum anzulegen und eine richtungweisende Reform der Gemeindestrukturen vorantreibt. Er lässt jedoch noch die inhaltliche Prägnanz und Deutlichkeit eines Kardinal Meisner zu wichtigen Themen vermissen.

Alles in allem ist Bischof Tebartz-van Elst ein guter Hirte, der sich redlich um Treue zum Lehramt und das Heil der Seelen bemüht, und ihm gebührt daher, jenseits aller Ambivalenz und Vorsicht in seinen öffentlichen Äußerungen, über die ich weiter oben gesprochen habe, Lob und Dank.

4 Gedanken zu „Lobt-die-Hirten-Woche: Limburger Nachwuchs (Teil 5/6)

  1. »Vor allem, wenn es sich auch noch um säkularistische DDR-artige Krippen handelt?« – Ich war als Kind in einem Reformkindergarten. Meine Mutter hat mir mal erzählt, wie ihr die geschockten Erzieherinnen mitgeteilt hätten, dass sie mich mit einer Freundin in einem Spielplatzhäuschen beim Vaterunser- oder Avermariabeten überrascht hätten. Auch da gibt es also Möglichkeiten zum Widerstand.😉

  2. Ganz genau: Wer sich mit Verbands-, Gremien- und Funktionärskatholizismus und Kirchenvolksbegehrern derart anlegt und von denen angegriffen wird, der MUSS gut sein. Beten wir für ihn, dass er sich nicht vorzeitig verschleißt!

    • Severus,
      Ausdauer ist die Eigenschaft, die der Bischof Tebartz-von Elst tatsächlich besonders dringend braucht.
      Übrigens: Willkommen in der Kommentarspalte – das ist. glaube ich, dein erster Kommentar hier.

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