Das pastorale Problem des Dialogprozesses

Eigentlich ist Dialog ja etwas Gutes. Wir kommen miteinander ins Gespräch, lernen uns besser kennen, tauschen Meinungen und Positionen aus, hören dem anderen in Respekt und mit menschlicher Achtung zu. Was kann man nur dagegen haben?

Wenn der Dialog überhaupt stattfinden soll, und als Ergebnis so etwas wie einen Plan erbringen soll, welcher der Kirche neuen Auftrieb in Deutschland und der westlichen Welt geben könnte, dann muss er ergebnisoffen sein. Stünde sein Ergebnis vorher fest, wäre der ganze Dialog nicht mehr nötig – oder wenn doch, dann nur als manipulatives Instrument zur Vermittlung der bereits längst beschlossenen Ergebnisse der Eliten.

Ist der Dialog nicht ergebnisoffen, so wird er entweder zwecklos oder Mittel der Manipulation.

Doch Ergebnisoffenheit setzt voraus, dass das, worüber man streitet, so oder so entschieden werden könnte, es dabei also kein objektives Richtig oder Falsch geben kann. Man kann also von einem ergebnisoffenen Dialog nur sprechen, wenn von vornherein vorausgesetzt wird, dass das Ergebnis, welches auch immer es sein mag, für sich keine objektive Wahrheit beanspruchen, sondern sich allein auf die Autorität des demokratischen Willensbildungsprozesses berufen wird. Mit anderen Worten: Wenn der Plan, welcher herauskommen soll, von vornherein durch alle Teilnehmer als Konstrukt des Dialogs und nicht als Konsequenz außermenschlicher Lehrsätze oder Erkenntnisse verstanden wird.

Ein ergebnisoffener Dialog – und das ist der einzig sinnvolle Dialog – ist immer, seiner Natur nach, relativistisch. Alle Teilnehmer akzeptieren durch ihre Teilnahme bereits den „herrschaftsfreien Raum“ als den Raum, in dem der Dialog situiert sein soll. Niemand entscheidet vorher oder während der Gespräche, was am Ende herauskommen soll – das wird durch den Dialog und mit ihm und in ihm als allein akzeptabler Entscheidungsform entschieden.

Ein ergebnisoffener Dialog, in dem die Teilnehmer am Ende keine Beschlüsse fassen, sondern nur unverbindliche Vorschläge äußern können, ist seinem Wesen nach ein Selbstwiderspruch. Die ganze Struktur eines Dialogs setzt voraus, dass durch den Dialog reale Sachentscheidungen getroffen werden, die dann auch alle Beteiligten binden. Das ist auch die Erwartung der Teilnehmer eines solchen Dialogs. Wird am Ende des Dialogs nicht das umgesetzt, was durch die breite Mehrheit der Dialogteilnehmer beschlossen oder gefordert worden ist, führt dies verständlicherweise zu einer massiven Unzufriedenheit seitens der Dialogteilnehmer.

Entweder führt also der ergebnisoffene Dialog in seinem herrschaftsfreien Raum zur Umsetzung des durch den Dialog entstandenden Programms durch die zuständigen Autoritäten, oder er führt zu Frustration, Unzufriedenheit und letztlich Wut auf Seiten der Mehrheit der Dialogteilnehmer, die trotz ihrer dominanten Stellung im Dialogprozess letztlich ihren Willen nicht haben durchsetzen können.

Der Dialog eignet sich, um Kompromisse in Bereichen zu finden, in denen Interessen oder entgegengesetzte menschliche Willen aufeinanderstoßen, zwischen denen ein Ausgleich gefunden werden soll, welcher keine unveränderlichen Prinzipien berührt. Auch dann ist er nicht perfekt, aber hat zumindest hier seine Berechtigung.

Kommen wir nun auf den Dialogprozess in der Katholischen Kirche. Hier soll ebenfalls „ergebnisoffen“ diskutiert werden. Mehrfach haben zuständige Bischöfe in Aussicht gestellt, die Ergebnisse des Dialogs – und die sind offen, man weiß also genau genommen gar nicht, worin sie bestehen werden – ernst nehmen zu wollen. Dies kann in den Augen der Dialogteilnehmer nur bedeuten, dass eine Erwartung entsteht, man werde sich seitens der Bischöfe den Anliegen, die im Dialog sich durchzusetzen vermögen, weitgehend Folge leisten.

Doch dies kann innerhalb der Kirche nicht geschehen, geht es doch bei vielen der Dialogthemen um Grundfragen des Glaubens, die nicht die Bischöfe, und auch nicht einmal der Papst ändern könnten. Deswegen kann das Ergebnis dieses Dialogprozesses nur eines von zweien sein:

Entweder entscheiden sich die Bischöfe, dem Ruf des Dialogs nicht zu folgen und seine Ergebnisse weithin zu ignorieren. In diesem Fall werden sich Frustration und Wut der an einer weiteren „Modernisierung“ und Verweltlichung innerhalb der Kirche interessierten Kreise – Verbandskatholiken und kirchenferne Taufscheinchristen – weiter verstärken.

Oder die Bischöfe kommen den Anliegen der Dialogteilnehmer – was auch immer sie am Ende Prozesses genau sein mögen – nach. In diesem Fall begäben sie sich ins offene Schisma mit der Weltkirche.

In beiden Fällen wäre eine weitere schwere Beschädigung der Kirche in Deutschland nicht abzuwenden.

Aus schwerwiegenden pastoralen Gründen ist also der derzeitige Dialogprozess, selbst unter Ausklammerung der immensen in Dialogistan gärenden dogmatisch-theologischen Häresien, abzulehnen. Er vermag der Kirche nicht zu helfen, wird ihr aber mit Sicherheit in pastoraler Hinsicht schwere Schäden zufügen.

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6 Gedanken zu „Das pastorale Problem des Dialogprozesses

  1. Absolute Übereinstimmung! Es ist wohl am sinnvollsten die Teilnehmer selbst einmal zu Worte kommen zu lassen und da ließt man bei meinem Lieblingsverein „Wir-sind-Kirche“ in Bezug auf den Dialogprozess: „Wenn die bischöflichen Repräsentanten der Kirche wieder Vertrauen gewinnen wollen, dann muss der seit Langem überfällige Dialog mit dem Kirchenvolk schnell begonnen sowie ohne Denkverbote und ergebnisoffen gestaltet werden. Dabei dürfen auch die von den in Deutschland vorhandenen „Laien“-Strukturen und Reformgruppen vorliegenden konkreten Vorschläge für eine spirituelle und strukturelle Erneuerung der Kirche nicht ignoriert werden.“
    …nur dummerweise haben Laien nichts bei struktureller Erneuerung verloren, zumindest nicht auf der bischöflichen Ebene. Pius X. schreibt in „vehementer nos“ ziemlich klar, dass es eine gegliederte kirchliche Hierarchie gibt und dann die Gläubigen, die ihr zu folgen haben…..dass man sich bei wsk schon lange von diesem Gedanken entfernt hat zeigt dieser Satz: „Für den demokratisch geschulten Staatsbürger sind die Defizite mit Händen zu greifen. Solange die Bischöfe die vom Konzil geforderten Prinzipien von „Dialog“ und „Communio“ verweigern, wird die Kirche in den Negativschlagzeilen bleiben und immer mehr Menschen verlieren. Scheindialoge ohne Transparenz, ohne Gleichheit auf Augenhöhe und ohne Ergebnisse werden kein Vertrauen schaffen.“
    Demokratie………….Augenhöhe…………Konzil……………
    Die dt. Bischöfe unterstützen diese Irrtümer auch noch, anstatt endlich ihres Amtes zu walten und zu lehren und Ordnung zu schaffen!

  2. Was den innerkirchlichen Gesprächsprozess angeht, bin ich im wesentlichen Deiner Ansicht: Die Erwartungen werden (wahrscheinlich) frustriert werden, auch weil die Teilnehmer offenbar ganz unterschiedliche Erwartungen daran knüpfen, und jedenfalls mir nicht ganz klar ist, welcher Sinn und Zweck damit verfolgt wird. Es scheint nicht allen klar zu sein, dass die „Dialogversammlung“ (oder wie die richtige Bezeichnung lautet) überhaupt nicht legitimiert ist, irgendwelche verbindlichen Entscheidungen zu treffen, zumal dafür auch keine Verfahrensregeln existieren.

    Das liegt aber nicht am „Wesen“ des Dialogs. Die meisten Dialoge verlaufen doch ergebnislos oder mit dem Ergebnis: We agree to disagree – ohne deshalb gleich sinnlos zu sein. Man kann doch Argumente austauschen, ohne am Ende einen Konsens finden zu müssen. Ein Dialog unterliegt auch nicht per se dem demokratischen Mehrheitsprinzip.

    • ChB,
      Ja, viele Dialoge stellen sich nachher als sinnlos heraus, indem man nicht weiterkommt, die zu lösenden Probleme nicht löst usw. Aber worin besteht der Sinn eines Dialogs, wenn nicht in der Absicht irgendein Problem irgendeiner Art zu lösen? Einfach nur die Zeit totschlagen kann man mit einem solchen Dialog, aber sonst nichts. Ich vermute, das wäre auch ein „Sinn“, den der Dialog haben könnte – und damit hast Du formal Recht.

      Was das demokratische Mehrheitsprinzip betrifft: Nein, wenn in einem Dialog gar nichts entschieden werden soll, dann wird es auch nicht nach dem demokratischen Mehrheitsprinzip entschieden. Auch hier bist Du formal wieder im Recht. Aber wenn durch den Dialog erklärtermaßen eine Lösung für irgendein Problem gefunden werden soll, dann ist der Dialog sinnlos, wenn nicht die Beteiligten am Ende des dialogs über die Lösung abstimmen können. Sonst ist es höchstens eine Beratung, aber kein Dialog in dem spezifischen hier verwendeten Sinn des Wortes.

      Die Ursache des Missverständnisses liegt wohl darin: Ich hatte den Dialog als Mittel zur Problemlösung betrachtet, und durch die Verwendung des Wortes „Wesen“ ist der Eindruck entstanden, als ob ich von jedem beliebigen Dialog zu jedem beliebigen Zweck ganz allgemein gesprochen hätte. Ich muss meine These als einschränken – sie gilt nur für Dialoge, die sich mit der Lösung von Problemen beschäftigen sollen, und nicht für Diskussionen, Beratungsgespräche zwischen Untergebenen und Vorgesetzten usw.

      Danke für Deinen ähm… Dialogbeitrag… 😉

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