Gift und Gegengift – Ein Einschub (Teil 6)

In den ersten fünf Teilen dieser längeren Artikelserie über den atheistischen Kommunismus haben wir uns an einer Passage aus der einschlägigen Enzyklika „Divini Redemptoris“ von Papst Pius XI. aus dem Jahr 1937 orientiert. In dieser Passage wurden wesentliche Grundkennzeichen des Kommunismus und die Bewertung derselben durch die Kirche dargestellt. Man konnte erkennen, dass für die Verurteilung des Kommunismus durch das kirchliche Lehramt bei weitem nicht nur die Frage nach der Legitimität des Privateigentums ausschlaggebend ist, sondern auch eine Vielzahl weiterer Merkmale dieser Ideologie sehr negativ bewertet werden müssen.

In meinem Kommentar hatte ich immer wieder hervorgehoben, dass, abgesehen von der Abschaffung des Privateigentums, sehr viele kommunistische Ideen auch heute noch weithin positiv bewertet und umgesetzt werden, und teilweise sogar nahezu unumstritten als Konsens der Mehrheitsgesellschaft gelten. Dies betrifft einen sehr großen Teil dessen, was heute unter dem Begriff „Feminismus“ läuft, aber auch viele sozialdemokratische Ideen. Weniger offensichtlich, aber nichtsdestoweniger sehr gefährlich sind jene aus dem geistigen Umfeld des Kommunismus stammenden, selbst von Liberalen und vielen selbsternannten Konservativen geteilten geistigen Grundannahmen, darunter das vorherrschende materialistische Weltbild und der universelle Evolutionismus (im Unterschied zur biologischen Evolutionstheorie, über deren Richtigkeit und weder das Lehramt noch irgendeine Ideologie urteilen kann).

Der logisch nächste Schritt, der auch schon im fünften Teil der Serie angekündigt worden ist, besteht nun darin, die inhaltliche Antwort der Kirche aufzuzeigen. Wir wissen nun, dass der Kommunismus zu verurteilen und jegliche Zusammenarbeit mit ihm unzulässig ist. Doch offensichtlich sprechen die diversen Teile der kommunistischen Ideologien real existierende Probleme, wie etwa die Verarmung weiter Teile der Menschheit, an. Diesen Problemen kann man nicht bloß lehramtliche Verurteilungen entgegensetzen. Wir brauchen also einen Gegenentwurf zum kommunistischen Gesellschaftsmodell. Ein solcher Gegenentwurf findet sich in der katholischen Soziallehre, und zumindest zum Teil entwickelte sich diese auch in expliziter Gegenüberstellung zum Kommunismus.

Dies wäre, wie gesagt, der logisch nächste Schritt. Es ist jedoch angemessen, bevor wir diese Aufgabe in Angriff nehmen, einige Worte über andere Gegenentwürfe zum Kommunismus, namentlich den Liberalismus, zu verlieren. Nicolás Gómez Dávila, ein kolumbianischer Autor und Reaktionär, schreibt in einem seiner Scholien, der Kommunismus sei aus dem Liberalismus entstanden. Dies stimmt in historischer Perspektive, aber auch zum Teil ideengeschichtlich und logisch. Und so kann mit Fug und Recht behauptet werden, dass auch die katholische Soziallehre nicht nur eine Antwort auf den Kommunismus, sondern auch auf den Liberalismus ist und ebenfalls zur Abwehr der liberalistischen Gesellschaftsmodelle dient. Das oft fast als Inbegriff der Sozialenzykliken gesehene Rundschreiben „Rerum Novarum“ von Leo XIII. befasst sich hauptsächlich mit der Arbeiterfrage und positioniert sich ebenso klar gegen den damals vorherrschenden Liberalismus, wie „Quadragesimo Anno“ und die anderen Sozialenzykliken bis heute sich von den zu ihren jeweiligen Zeiten vorherrschenden Spielarten des Liberalismus abgrenzen.

Daher folgt nun ein kurzer Einschub über den Liberalismus, dessen Zweck darin besteht, jenen kurz zu definieren, und dann zu erklären, warum der Liberalismus ebenso wie der Kommunismus abzulehnen ist. Dabei werde ich mich hauptsächlich auf die Enzyklika „Libertas Praestantissimum“ von Papst Leo XIII. aus dem Jahre 1888 beziehen, in welchem die Verurteilung des Liberalismus ausführlich begründet und das richtige Verständnis der Freiheit dargelegt wird.

Da es dem Liberalismus inhaltlich wie dem Namen nach um die Freiheit als höchstem Grundwert geht, ist es hilfreich, zunächst den Begriff der Freiheit zu definieren. Doch bereits daran scheiden sich Liberalismus und Katholizismus. Die wichtigste Freiheit des Katholiken ist die Freiheit von der Sünde, also die Freiheit zur Heiligkeit. Alle Freiheiten, welche mit dieser Freiheit in unauflöslichen Widerstreit treten, sind aus diesem Grund abzulehnen. Worin besteht nun das Wesen der Freiheit nach katholischem Verständnis? Es ist immer Willensfreiheit, also die Freiheit des Willens sich so oder anders zu entscheiden, zwischen Optionen zu wählen. Diese Willensfreiheit besitzt jeder Mensch, sie ist unbeschränkt, soweit er die Fähigkeit zur Umsetzung seines Willens besitzt. Doch ist nach katholischem Verständnis die Willensfreiheit immer an die Wahrheit und an die Sittlichkeit gebunden, weil sie ansonsten mit der Freiheit von der Sünde in Konflikt gerät. Es kann also kein unbegrenztes natürliches Freiheitsrecht auf Irrtum oder auf Sünde geben.

Das bedeutet, um ein häufiges Missverständnis auszuräumen, übrigens nicht, dass alle Sünden vom menschlichen Gesetz verboten werden müssten oder sollten. Es ist oft angemessen und sinnvoll, den Irrtum und die Sünde insofern zu tolerieren, als man von ihrer strafrechtlichen Verfolgung absieht. Dies ist ein Unterschied zwischen Naturrecht und menschlichem Recht. Eine menschliche Freiheit zu Irrtum und Sünde ist sehr oft ganz sinnvoll. Sie erspart uns den Tugendterror, den ein fehlbarer Staat unzweifelhaft einrichtete, gäbe man ihm die Vollmacht, jede Sünde und jeden Irrtum zu verfolgen. Doch ist diese Klugheitsregel, die uns etwa in gemischt-konfessionellen Staaten nahelegt, die falschen Religionen zu dulden und ihre freie ungehinderte Ausübung unbeschränkt zu gestatten, oder die die Sünde des Homosexuellen und die Irrlehren der Kommunisten vor Verfolgung schützen, so wichtig und unverzichtbar sie auch ist, keinesfalls ein natürliches Recht. Ein natürliches Recht auf Irrtum und Sünde kann es nicht geben, da Irrtum und Sünde Unvollkommenheiten sind, und ein natürliches Recht auf eine Unvollkommenheit bedeuten würde, dass Gott diese Unvollkommenheit aktiv gewollt hat. Das natürliche moralische Gesetz sagt uns, was wir tun sollen. Hätten wir die natürliche Freiheit zu sündigen oder zu irren, so wären weder Irrtum noch Sünde falsch oder schlecht. Und ein Recht zu Irrtum und Sünde ist nichts anderes als die Freiheit zu irren oder zu sündigen.

Ein menschliches Recht zu irren oder zu sündigen ist oft eine notwendige Konzession an die Unvollkommenheit dieser gefallenen Welt, und ist als solche akzeptabel.

Nach katholischem Verständnis besitzt jeder Mensch Willensfreiheit, doch bestimmte Äußerungen dieser Willensfreiheit sind unzulässig nach natürlichem oder göttlichem Gesetz (Irrtum und Sünde) und eine Teilmenge dieser Äußerungen müssen auch durch das menschliche Gesetz als unzulässig bezeichnet werden (Mord, Diebstahl…). Die Größe dieser Teilmenge kann je nach Bedürfnis der Gesellschaft in gewissem Maß variieren.

Die Freiheit von der Sünde bedarf aufgrund der menschlichen Tendenz zur Sünde immer des Schutzes, welchen bereitzustellen unter anderem Aufgabe der moralischen Erziehung und – hier besonders entscheidend – des bürgerlichen Gesetzes ist. Auch das menschliche Gesetz hat also nicht nur die Aufgabe, die öffentliche Ordnung aufrecht zu erhalten, wie das gern genannt wird, sondern darüber hinaus – in Art und Umfang durchaus variabel – den sittlichen Charakter des Volkes zu stärken. Dies geschieht auf zwei Weisen: Entweder das bürgerliche Gesetz kodifiziert das natürliche oder göttliche Gesetz, indem es bestimmte von diesem untersagte Verhaltensweisen auch unter die Strafe des menschlichen Gesetzes stellt, oder, wie es Papst Leo formuliert:

Andere Gesetze der bürgerlichen Obrigkeit aber fließen nicht unmittelbar und zunächst aus dem Naturrecht ab, sondern in weiterem Abstande und indirekt; sie behandeln verschiedene Dinge, für welche die Natur nur im allgemeinen und ohne genauere Detaillierung Sorge getragen hat. So befiehlt z.B. das Naturgesetz, dass die Bürger sorgen müssen für die öffentliche Ruhe und Wohlfahrt; wie viel sie beisteuern müssen, in welcher Weise, was sie zu leisten haben, wird nicht durch das Naturgesetz, sondern durch menschliche Weisheit genauer bestimmt.

In jedem Fall bedarf also das menschliche Gesetz der Verankerung im natürlichen oder göttlichen Gesetz. Dies verunmöglicht jede positivistische Rechtsauffassung, nach der nur dasjenige falsch wäre, was das Gesetz auch verbietet. Diese Auffassung ist heute sehr weit verbreitet und hat ihre Wurzel im Liberalismus, wozu wir weiter unten noch kommen werden. Das Gegenteil ist jedoch richtig: Nur das menschliche Gesetz, das seine Fundierung in jenem höheren Gesetz hat, vermag überhaupt den Menschen in seinem Gewissen zu binden.

Und hier sind wir an einem grundlegenden Konflikt mit dem Liberalismus angelangt, für den nämlich ein ganz anderer Freiheitsbegriff maßgeblich ist, und der Religion und Moral zur Privatsache erklärt, welche keine Rolle für die menschlichen Gesetze spielen dürfe. Doch dazu mehr im nächsten Teil der Reihe.

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2 Gedanken zu „Gift und Gegengift – Ein Einschub (Teil 6)

  1. Sehr interessante und kluge Gedanken. Nur ein paar Anmerkungen:

    a) Das Staatsverständnis von Libertas Praestantissimum erscheint mir – gelinde gesagt – nicht im Einklang mit dem aktuellen Standpunkt des kirchlichen Lehramts zu stehen. Eine staatliche Pflicht, die katholische Religion zu fördern und zu privilegieren und die Kultusfreiheit anderer Religionen im Hinblick darauf einzuschränken, wird m. E. nicht mehr postuliert. Wenn das 2. Vatikanische Konzil die Religionsfreiheit an die Menschenwürde bindet, dann erscheint mir die staatliche Gewährung von Religionsfreiheit mehr als nur ein Gebot der Klugheit. Man mag dazu stehen, wie man will, berücksichtigen sollte man das schon.

    b) Der Rechtspositivismus erscheint mir ein wenig schnell beiseite geschoben. Ich sehe – ganz praktisch – nicht, wie man am Rechtspositivismus vorbei will. Mich würde es jedenfalls empören, wenn ich angeklagt wäre und der Richter sagte, ich hätte zwar nach positivem Recht kein Verbrechen begangen, allerdings nach dem Naturrecht. Kurzum: Nulla poena, sine lege – ein m. E. sehr sinnvoller Grundsatz, der zudem Verfassungsrang besitzt.

    c) Nicht alle, die sich über die Existenz eines Naturrechts sind, sind sich auch über dessen Inhalt einig. Es interpretiert sich offenbar nicht von selbst.

    d) Der Begriff Naturrecht führt m. E. heute leicht zu Mißverständnissen und Unverständnis, weil der Naturbegriff sich erheblich gewandelt hat. Der Naturbegriff ist keineswegs identisch mit dem Naturbegriff, der modernen Naturwissenchaften (und auch aufgeklärter Philosophie) zugrunde liegt. Die Natur ist nach modernem Verständnis moralisch völlig indifferent und weist auch kein irgendwie geartetes Telos oder überhaupt ein Sollen auf. Am Augenscheinlichsten wird das, wenn über Sexualnormen diskutiert wird. Der katholische Standpunkt, dass Homosexualität der natürlichen Ordnung widerspreche, wird überhaupt nicht verstanden und erntet Gelächter, weil man davon ausgeht, dass, wenn Homosexualität gegen die Natur wäre, es sie überhaupt nicht gäbe.

    • ChB, vielen Dank für den Kommentar. Einige kurze Antworten:
      zu a) Es ist richtig, dass seit dem II. Vaticanum ein anderer Schwerpunkt in diesen Fragen seitens des Lehramts betont wird. Hätte ich ausführlich über die Religionsfreiheit geschrieben, so wäre ich sicherlich auf diesen Komplex auch eingegangen. Bei dem Artikel handelte es sich jedoch um den (ersten Teil eines) Versuchs – weitere Teile folgen in den nächsten Tagen – den Liberalismus als Ganzen vom katholischen Standpunkt aus zu bewerten. Und hier scheint mir die meines Wissens einzige explizit gegen den Liberalismus geschriebene Enzyklika doch trotz allem noch der wesentliche Ansatzpunkt zu sein.
      Ich will jedoch nicht verheimlichen, dass ich die Vorstellung von der unbegrenzten Religionsfreiheit (im Unterschied zur religösen Toleranz) als Naturrecht nicht für richtig halten kann, wenn ich zugleich an den Wahrheitsanspruch der Kirche und ihr überliefertes Lehramt denke. Dies ist eine Debatte, die weit über den Zweck meines Artikels hinausführte, weshalb ich sie, vielleicht unklugerweise, gar nicht erst zu führen versucht habe. Stattdessen habe ich mich auf eine Darstellung von Libertas Praestantissimum weitgehend beschränkt. Späteren Artikeln bleibe eine Konkretisierung dieses Spannungsverhältnisses überlassen.

      b) Zum Rechtspositivismus kommt im nächsten Teil noch etwas mehr. Ich schiebe ihn am Ende dieses Teils nur deswegen so schnell beiseite, weil an dieser Stelle des Aufsatzes noch wesentliche Gedanken nicht entwickelt sind, die für eine weitere Begründung der Ablehnung des Rechtspositivismus erforderlich wären.
      Dieser Teil Deines Kommentars scheint jedoch von einem einfachen Missverständnis betroffen zu sein. Keinesfalls möchte ich den alten römischen Rechtsgrundsatz nulla poena sine lege kritisieren. Es ist wahr, dass man nur einer rechtlichen Strafe unterworfen werden darf, wenn es auch ein menschliches Gesetz gibt, das das Verhalten bereits zum Zeitpunkt der Tat mit Strafe bedrohte. Man spricht tatsächlich in diesem Zusammenhang oft vom „positiven Recht“. Was allerdings unter „Rechtspositivismus“ verstanden wird, zumindest in diesem Artikel, ist etwas ganz anderes: Es ist die Vorstellung, dass das Recht die entscheidende Kategorie sei, die keiner weiteren Fundierung im Naturrecht bzw. in der Moral mehr bedürfe. Ich gebe zu, ich hätte dies etwas deutlicher machen sollen, vor allem, da ich eine Verurteilung des Rechtspositivismus einfach so am Ende eines Artikels dahingeworfen habe, deren Hintergrund erst im nächsten Teil weiter erläutert wird.

      c) Es ist korrekt, dass es Streitigkeiten darüber gibt, was denn nun im Naturrecht sozusagen „drinsteht“. Zwei mögliche Antworten darauf sind: (1) Wie etwa C.S. Lewis in The Abolition of Man [dt.: Die Abschaffung des Menschen], aber auch Robert Spaemann in vielen seiner Schriften darlegt, ist der totale Unterschied der großen ethischen Denker der Weltgeschichte vergleichsweise klein, so dass es einen konstanten Kern von Regeln gibt, die in jeder Interpretation des Naturrechts vorkommen.
      (2) Vom katholischen Standpunkt aus gesehen gibt es sehr wohl klare Aussagen über den Inhalt des Naturrechts und von diesem speziellen Standpunkt aus besehen müssen Verdeckungen bestimmter Aspekte des Naturrechts in bestimmten ethischen Vorstellungen z.B. als Folge der Erbsünde angesehen werden, durch die es den menschlichen Leidenschaften usw. gelungen ist, das eigentlich klar ins Herz geschriebene Naturrecht zu übertönen und teilweise unhörbar zu machen.

      d) Über die Differenzen zwischen modernem und traditionellem Naturbegriff könnte ich einiges schreiben – das ist eines meiner Lieblingsgebiete in der Philosophie. Es ist in der Tat angemessen, diesen Unterschied einmal ausführlicher zu erläutern, um die von Dir beschriebenen Missverständnisse auszuschließen. Auch hier erforderte eine allgemeinverständliche Darlegung jedoch mindestens den Umfang einer weiteren Artikelserie. Mein Vorschlag wäre: Du bezahlst mich dafür, dass ich den ganzen Tag Artikel schreibe und ich mache es, okay? 😉

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