Ein Kardinalproblem der Soziallehre…

… ist, dass der inoffizielle Soziallehrer der DBK, Kardinal Marx, sie verschweigt. Seine Äußerungen muten, wie bereits vorher auf diesem Blog bemerkt, nicht immer allzu christlich an. Zu kritisieren ist nicht, dass seine Worte falsch seien, sondern dass sie die wesentlichen Fragen aussparen und selbst in den angesprochenen Themengebieten den Weg des geringsten Widerstandes gehen. Die Worte des Kardinals, wie sie in diesen beiden Artikeln zitiert werden, sind, so sie denn in den gebotenen Kontext eingeflochten würden, nicht einmal notwendigerweise falsch. Sie sind nicht unbedingt falsch; für sich betrachtet sind sie sogar weitgehend richtig. Aber wer will etwa aus folgenden Worten etwas spezifisch Christliches herauslesen? (Einige Anmerkungen zu einzelnen Punkten von Catocon in roter Schrift, so rot wie die Kleidung eines Kardinals oder die Flagge eines marxistischen Landes:)

Kardinal Marx [erinnerte] daran, dass auch im Vertrag über die Europäische Union die Soziale Marktwirtschaft als ausdrückliches Ziel genannt werde. (Das mag sein. Was ist „soziale Marktwirtschaft“? Tritt der Kardinal mit politisch-gesellschaftlichen Forderungen auf, so wären präzise Definitionen und ein Bezug auf die katholische Soziallehre angemessener als der typisch politische Appell, die EU habe dies oder jenes so gewollt.) Eine solche Marktwirtschaft setze Rahmenbedingungen voraus wie Rechtsstaatlichkeit (Sicher richtig), allgemeiner Zugang zu Kultur („Zugang zu Kultur“? Soll das heißen, dass jeder ins Theater gehen kann? Wodurch – abgesehen von marktwirtschaftlichen Faktoren wie dem Preis – wird dieser „Zugang zu Kultur“ denn beschränkt?) oder Bildung (Das ist nicht richtig. Allgemeiner Zugang zu Bildung ist weder eine Voraussetzung für eine Marktwirtschaft – es kann jederzeit eine Marktwirtschaft geben, die in keiner Form allen den Schulbesuch ermöglicht, noch die Voraussetzung einer guten oder gerechten Gesellschaft. Zumindest hat die Kirche sich nie dem allgemeinen Gesellschaftsbild der heutigen Zeit angeschlossen, das staatliche Bildungszertifikate – wohlunterschieden von tatsächlicher Bildung – irgendeine besondere Relevanz für die Gerechtigkeit einer Gesellschaftsordnung haben. Zugang zu Bildung, d.h. zu echter Bildung, mag eine gewisse Bedeutung für eine gerechte Gesellschaft haben, doch das allgemeine Bildungsverständnis der heutigen Zeit, das vom Kardinal mit keinem Wort kritisiert wird, ist ausschließlich Berufsvorbereitung, und da braucht jeder eben nur Zugang zu den Berufsvorbereitungen, die er später auch braucht. Der Bauer braucht nach dieser vom Kardinal implizit geteilten und nie kritisierten Bildungsvorstellung eben kein Abitur.)

Nachdem sich in den vergangenen 20 Jahren eine Verschiebung zugunsten des Kapitals vollzogen und sich seit der Wende von 1989/90 „ein gewisser Kasino-Kapitalismus“ durchgesetzt habe, gelte es, nun wieder verstärkt „die Würde der Arbeit und die Würde des Menschen in den Mittelpunkt zu stellen“.  (Und worin besteht die Würde der Arbeit? Worin besteht die Würde des Menschen? Und jetzt bitte nicht das übliche „Mehr Lohn für weniger Arbeit“ oder so. Auch härteste körperliche Arbeit kann würdig sein, nämlich dann, wenn sie einem würdigen und menschengemäßgen Zweck dient. Und leichte Bürotätigkeiten können aus demselben Grund vollkommen unwürdig sein. Würdige und unwürdige Arbeit kann es sowohl im Kapitalismus als auch in allen anderen Wirtschaftssystemen geben, wobei sich die Frage stellt, was der Kardinal gern an die Stelle des arg gescholtenen Kapitalismus setzen würde.

Eine weitere Frage: Wer soll denn bestimmen, was nun „in den Mittelpunkt gestellt“ wird? Sind wir inzwischen wieder bei der Kommandowirtschaft angekommen?)

Dazu gehöre, durch Bildung jedem „die Möglichkeit zu geben, das in die Gesellschaft einzubringen, was in ihm steckt“. (Wenn der Kardinal damit sagen möchte, dass es eben unterschiedliche Fähigkeiten gibt, und daher Schluss mit der Gleichmacherei im Bildungssystem, mit dem sozialistischen Einheitsschulmodell, gemacht werden soll, dann hätte er Recht. Wenn er damit, was ebenfalls oft hinter dieser Floskel steckt, meint, dass es höhere Bildung für alle geben sollte, dann irrt der Kardinal. Nicht alle Menschen besitzen die für eine sinnvolle höhere Bildung notwendigen geistigen Fähigkeiten, und diesen Menschen das Gefühl zu vermitteln, sie müssten diesen oder jenen Abschluss machen, wird ihnen nicht helfen, selbst wenn sie dadurch vielleicht etwas mehr Geld verdienen.) Hierbei sei „gerade auf die zu achten, die schwach sind“. Daneben forderte Kardinal Marx, dass „Familienzeit und Arbeit in ein besseres Verhältnis“ gebracht werden. (Und dieses Verhältnis soll worin bitte bestehen? Wenn der Kardinal fordern möchte, dass die unselige Trennung der Mütter von ihren Kindern rückgängig gemacht werden sollte, dann könnte er das sagen. Er wäre auf dem richtigen Weg. Will er damit das übliche CDU-Lied von der besseren „Vereinbarkeit“ von Familie und Beruf singen, dann wäre es für alle Beteiligten vielleicht besser, er enthielte sich einer Äußerung.) „Erwerbsarbeit als die einzige Arbeit zu betrachten, ist eine Überziehung“ (Kardinal Marx betrachtet sie nicht als die „einzige“ Arbeit; ebenso wenig wie Frau von der Leyen, von dessen Politik der Kardinal seine Inspiration zu beziehen scheint. Schade. Dabei gibt es so schöne Sozialenzykliken von Leo XIII. über Pius XI. bis zu Benedikt XVI.), so Marx. Die Pflege Angehöriger oder die Erziehung müsse daher auch stärker bei der Rente berücksichtigt werden. (Sicher eine gute Idee. Sollte man vielleicht der Bundesregierung mal sagen. Der Kardinal gäbe einen ganz guten Landes- oder Bundespolitiker von CDU oder CSU ab.)

Mit Bezug auf den wachsenden Anteil prekärer Arbeitsverhältnisse warnte Marx vor einer „Spaltung des Arbeitsmarkts in feste Arbeitsverhältnisse und unsichere Beschäftigungen“. (Es hat immer derartige Diskrepanzen gegeben, und es wird sie immer geben. Eine solche Spaltung ist nicht neu.) Aus sozialethischer Sicht müssten durch sichere Arbeitsverhältnisse Lebensperspektiven, zum Beispiel für die Gründung einer Familie, eröffnet werden. (Das Problem ist jedoch, dass in Wirklichkeit – im Gegensatz zu der Ideologie des Namensvetters Seiner Eminenz – das Sein nicht das Bewusstsein bestimmt, sondern das Gegenteil viel näher an der Wahrheit liegt. Es ist nicht der Fall, dass man bloß sichere Beschäftigungsverhältnisse bräuchte, und dadurch erst der Weg zu einer Familiengründung offen stünde. Es ist nämlich gar keine Unsicherheit hinsichtlich existenzieller Faktoren, die die Menschen von der Familiengründung abhält. Jeder Deutsche hat eine garantierte Existenzsicherung auf einem sowohl im globalen als auch im historischen Vergleich immens hohen Niveau. Familiengründung findet nicht statt, weil das inhaltliche, ideenbezogene Fundament dafür fehlt. Die Vorstellung von einem guten Leben ist heute bei den meisten Menschen anders als zu Zeiten, als sich Bischöfe noch trauten, über die Soziallehre und den Glauben der Kirche zu sprechen, ohne sie an den Zeitgeist anzupassen. Eine Familie zu gründen ist heute ein Luxusgut, das in der Priorität weit nach dem jährlichen Urlaub, der „Selbstverwirklichung“ beider Ehepartner in einer meist abhängigen Erwerbsarbeit für irgendeine gesichtslose private oder staatliche Bürokratie und dergleichen mehr kommt. Kinder sind eine Option unter vielen – nicht zuletzt auch, weil heute allgemein anerkannt ist, dass der Mensch entscheidet, wann der Sexualakt fruchtbar sein darf und wann nicht, und eben diese Entscheidung nicht mehr Gott überlassen wird, wie die Kirche lehrt, und Kardinal Marx freundlicherweise unerwähnt lässt, damit seine Popularität in den liberal-bürgerlichen Kreisen, in denen er scheinbar anzukommen wünscht, nicht sinkt.)

Schließlich plädierte Kardinal Marx für eine Stärkung des Sonntagsschutzes. (Gute Idee. Es könnte damit anfangen, dass in der Diözese des Kardinals an jedem Sonntag Messfeiern wieder Priorität haben und die unseligen „Wort-Gottes-Selbstaustobungsarbeitskreise“ an Sonntagen wegfallen. Der Sonntag kann nur geschützt werden, wenn der Zweck des Sonntags klar und unverschämt verkündet wird. Nicht irgendein diffuses „ach wir müssen uns ausruhen, weil Arbeit nicht alles ist“, sondern Dienst am Herrn. Der Sonntag ist der Tag, der für den Herrn beiseite gelegt wird, an dem alle weltliche, knechtliche Arbeit ruhen soll, um ganz für den Herrn bereit zu stehen. Das wäre echter Sonntagsschutz. Sonst könnte man auch am Montag ruhen.) „Die Arbeit soll den Menschen nicht beherrschen“, unterstrich Marx. Der Sonntag müsse ein „sichtbares Symbol“ bleiben dafür, „dass Arbeit und Alltag nicht alles sind“. (Ein „sichtbares Symbol“ soll der Sonntag also sein, dass Alltag und Arbeit nicht alles sind. Nun, das ist richtig. Aber es ist einfach nur die säkularisierte Version einer christlichen Idee.)

Der ganze Artikel könnte, von vorn bis hinten, auch von einem Atheisten berichten, der für die soziale Besserstellung der Benachteiligten kämpft. Hätte dies der Vorsitzende irgendeiner humanistisch-atheistischen Stiftung gesagt, so sollten wir ihm ein Lob dafür aussprechen. Doch diese völlig säkularisierten Worte stammen von einem Kardinal der Kirche Christi, der katholischen Kirche.

Und zwar von einem Kardinal, der von unserem Heiligen Vater ins Kardinalskollegium berufen worden ist, und damit den nächsten Papst mitwählen wird.

Wird Kardinal Schönborn, oder jemand, der so denkt wie er, vielleicht doch Papst Paul VII.?

Angesichts solch säkularisierter Haltungen, wie Kardinal Marx sie verkündet, schämt sich Martin Luther in seinem Grab gerade, weil er viel zu katholisch für Teile der heutigen deutschen Kirchenhierarchie wäre. Luther – ein konterrevolutionärer Katholik. Es kommt nur darauf an, mit wem man ihn vergleicht.

Bei den Worten des Kardinals von „Protestantisierung“ der Kirche zu sprechen, ist ein Schlag ins Gesicht jedes ehrlichen und ehrenhaften Protestanten.

6 Gedanken zu „Ein Kardinalproblem der Soziallehre…

  1. Es scheint mir einleuchtend, dass unsere Bischöfe als Politiker agieren, denn schließlich haben wir mit der Aufgabe des Zentrums und dem Entschluss ökumenisch Politik zu machen, jegliche katholische Position im öffentlichen Raum und in der Politik verloren. Die Bischöfe stoßen hier also in ein selbst verschuldetes Vakuum.
    Prof. Hoeres zählt aus gutem Grund Marx zu den progressiven Bischöfen in Deutschland, der jedoch als einer der wenigen verstanden hat mit den säkularen Medien umzugehen,- er gefällt fast allen. Somit kann er am Ausbau seiner Machtbasis arbeiten und bald zum Generalsekretär des dt. Bischofssowjets aufsteigen, um weiterhin die Verweltlichung der Kirche voranzutreiben….

  2. Pingback: Christliche Zivilisation « Exsurge Domine!

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