Überflüssig wie ein Kropf

In der konservativ bis traditionell ausgerichteten katholischen Landschaft tobt scheinbar ein erbitterter Krieg. Das katholische Nachrichtenportal kath.net streitet gegen die Piusbruderschaft und die Piusbruderschaft gegen kath.net. Seinen Anfang genommen hatte dies mit einem Interview, das Pater Schmidberger, der Distriktobere der Piusbruderschaft, kath.net gegeben hatte. In diesem Interview vertrat er unter anderem zur Religionsfreiheit, aber auch zu anderen Themen die traditionalistische Position der Bruderschaft und behauptete die Diskontinuität einiger Konzilsaussagen mit der Tradition.

Kurze Zeit später veröffentlichte kath.net einen Beitrag von Pater Lugmayr von der Petrusbruderschaft, der eine andere Position vertrat als Pater Schmidberger, was nicht weiter überraschend war. Bereits hier wurde jedoch ein Tonfall deutlich, der in die Debatte nicht hereingehört, wenn sie sachlich und konstruktiv sein soll. Die Thesen des Paters Schmidberger mögen falsch sein, aber sie sind nicht „völliger Unsinn“. So debattiert man nicht – so gießt man Öl ins Feuer. Und das ist schädlich für den sachlichen Austausch.

Soweit hätte man noch denken können, es habe sich jemand etwas im Ton vergriffen und das alles sei nicht problematisch. Doch danach eskalierte die Lage schnell. Ein der Piusbruderschaft nahestehender Jurastudent schrieb eine Antwort auf Pater Lugmayrs Beitrag, in dem er wiederum die andere Seite des „Unsinns“ zieh. Doch Pater Lugmayrs Thesen mögen wiederum falsch sein – Unsinn sind sie nicht, sonst erübrigt sich das Gespräch.

Betreffender Jurastudent ging jedoch noch weiter, beschuldigte die FSSP einer „Lebenslüge“, was selbst wenn man die Position der Piusbruderschaft teilt, noch als unnötiger Angriff erscheinen muss. Ferner drückt der betreffende Student die Position, die Pater Schmidberger in seinem Interview freundlich, sachlich und treffend charakterisiert hatte, mit unnötiger Schärfe in der Sprache und dafür Undeutlichkeit und Missverständlichkeit in der Argumentation aus. Der Beitrag des Jurastudenten ist also, wenngleich wiederum nicht „Unsinn“, so doch zumindest intellektuell nicht auf demselben Niveau wie derjenige des Paters Schmidberger.

Kath.net verweigerte nun die Veröffentlichung des Kommentars des Jurastudenten, was natürlich jederzeit das gute Recht des Internetportals ist. Damit hätte man die Sache ruhen lassen, doch auch kath.net ließ es sich nicht nehmen, noch mehr Öl ins Feuer zu gießen. Ein Beitrag mit dem Titel „Tradibeben“ wurde veröffentlicht. Der Tonfall wurde nochmals schärfer und als Grund für die Ablehnung des Kommentars des erwähnten Jurastudenten Löhmer gab man nicht nur fehlende theologische Versiertheit, sondern auch „merkwürdige Aussagen des Autors im Internet“ an. Als Beispiel wurde folgende Passage aus einem anderen Artikel des Herrn Löhmer zitiert:

„Gestrenge Tugendwächter wachen an den Gräbern der NS-Opfer und verteidigen mit heiligem Zorn die Singularität des Holocaust gegen jeden revisionistischen Zweifler wie das Allerheiligste eines postmodernen Tempels, doch zugleich gehen die Abtreibungszahlen in die Millionen und kehrt das „lebensunwerte Leben“ unter dem Mantel des selbstbestimmten und humanen Todes klammheimlich zurück“. (Hervorhebungen stammen von kath.net)

Da nun das Wort Holocaust gefallen war, wurde die Wortmeldung des Autors natürlich in Zusammenhang mit Bischof Williamson gestellt, und mit keinem Wort dem dadurch angedeuteten Generalverdacht der „Holocaustleugnung“ entgegengetreten. Nun ist jedoch kath.net schlicht einem sachlichen Irrtum aufgesessen, wenn man dort glaubt, die Worte des Herrn Löhmer seien vergleichbar mit der Leugnung der Gaskammern oder des ganzen Holocaust. Herr Löhmer spricht von einer „Singularität des Holocaust“, und das bedeutet seine „Einzigartigkeit“. Die Einzigartigkeit des Holocaust ist immer unter Historikern umstritten gewesen. Man erinnere sich nur an den sogenannten „Historikerstreit“, der in den 1980er-Jahren tobte und seitdem sporadisch wieder aufflammt. Wenn man sagt, der Holocaust sei nicht einzigartig gewesen, sondern es habe andere Verbrechen gegeben, die ebenfalls auf derselben Stufe der Schrecklichkeit stehen wie der Holocaust – Stalins und Maos Massenmorde werden da gern als Beispiele genannt – dann leugnet man nicht den Holocaust, sondern stellt ihn in eine Reihe mit anderen grausamen staatlich verordneten Massenmorden mit Opferzahlen in Millionenhöhe.

Genau dies tut Herr Löhmer in dem zitierten Beitrag – er leugnet die Singularität des Holocausts, um den Holocaust in eine Reihe mit einem anderen Verbrechen zu stellen, das Millionen von Opfern gekostet hat, nämlich die Abtreibung. Er vergleicht die „Vernichtung lebensunwerten Lebens“ im Dritten Reich mit ihrer „Wiederkehr“ in der heutigen Zeit unter „dem Mantel des selbstbestimmten und humanen Todes“. Als vor einiger Zeit der Bischof von Shrewsbury praktisch dasselbe sagte, berichtete kath.net sehr freundlich darüber und zieh den Bischof nicht der Holocaust-Leugnung (Kreuzfährten kommentierte). Hier ein Zitat aus dem damaligen Artikel:

„Seit dem Holocaust hätten Massenmorde und Völkermorde „weiterhin die Geschichte verunstaltet“. Und „wir können nicht vergessen, dass sich die Rückkehr“ der Eugenik „direkt gegen die Ungeborenen und die Schutzlosen richtet, die man ‚lebensunfähig‘ nennt oder die mit dem ‚Gnadentod‘ bedroht werden.“

Wenn das keine Holocaust-Leugnung ist, dann sind die „merkwürdigen Aussagen“ des Herrn Löhmer dies auch nicht.

Und der Vorwurf, man wolle „revisionistische Geschichtsschreibung“ betreiben, sei also ein „revisionistischer Zweifler“, wie Herr Löhmer dies in seinem Artikel nennt, wurde auch im bereits erwähnten Historikerstreit denjenigen Historikern gemacht, die den Holocaust nicht als absolut einzigartiges Verbrechen interpretierten, sondern als eines von einigen wenigen besonders scheußlichen Verbrechen, also seine Einzigartigkeit, seine „Singularität“ leugneten. Auch hier liegt kein Hinweis auf Leugnung des Hoocausts vor – denn die revisionistischen Zweifler, in deren Glied sich Herr Löhmer einreihen möchte, zweifeln nicht an der Existenz des Holocaust, sondern an seiner Singularität, seiner Einzigartigkeit.

Und wenn übrigens die Idee einer die Idee der Singularität des Holocausts mit heiligem Zorn verteidigenden Tempelelite gestrenger Tugendwächter anstößig erscheint – man lese einmal die noch vor wenigen Wochen von vielen gläubigen Katholiken im Fall Oblinger gegen den Vorwurf des Rechtsextremismus verteidigten Jungen Freiheit, in der solches Gedankengut regelmäßig Ausdruck findet. Auch dort glaubt man nämlich nicht an die Singularität des Holocaust, wohl aber an seine Existenz und seine moralische Verwerflichkeit in höchstem Maße.

Die Reaktion von kath.net war also eine weitere Portion Öl ins Feuer, überflüssig wie ein Kropf, und zeugte nicht gerade von historischem Verständnis.

Doch damit nahm dieser Streit immer noch kein Ende. Die Piusbruderschaft wäre nicht die Piusbruderschaft, wenn sie es dabei hätte bewenden lassen, den Jurastudenten Herrn Löhmer gegen die auf Basis der vorliegenden Informationen einfach sachlich falsche Unterstellung der Holocaust-Leugnung in Schutz zu nehmen und sachlich nachzuweisen, warum diese Unterstellung falsch ist. Stattdessen goß man weiteres Öl ins Feuer, indem man einen weiteren Beitrag auf seiner Homepage veröffentlichte. Auch dieser Beitrag war durchsetzt von bewusst polarisierenden Formulierungen, die wiederum nicht zu einer sinnvollen Debatte beitragen. Man warf kath.net unter anderem vor, kritische Kommentare gelöscht zu haben. Dies mag stimmen oder auch nicht, aber es ist das gute Recht von kath.net Kommentare zu löschen, die ihnen nicht passen. Genauso wie es das gute Recht der Piusbruderschaft ist, wenn sie es denn wünschen, kath.net Unsachlichkeit zu unterstellen, fehlende Objektivität in der Berichterstattung, und dann selbst unsachlich zu werden. Der Artikel „Tradibeben“ sei „peinlich“ und ein „menschenverachtender Hassartikel gegen Herrn Löhmer“.

Ist dies nun das letzte Wort in diesem überflüssigen Streit? Können wir es nicht endlich dabei bewenden lassen? Müssen gläubige, traditionsverbundene Katholiken wirklich über solche Dinge streiten? Wäre es nicht besser, wir tauschten uns über unsere legitimen Meinungsverschiedenheiten sachlich wie erwachsene Menschen aus, statt uns mit Beschimpfungen zu belegen, die nicht nur keinen Beitrag zur Lösung der Differenzen darstellen, sondern darüber hinaus den Häretikern und Säkularisten weitere Munition liefern? „Seht nur, selbst die konservativen Katholiken halten die Piusbrüder für Holocaustleugner, wie kann man mit denen nur eine Einigung anstreben?“ – „Seht nur wie unsachlich die Piusbrüder selbst mit Leuten umgehen, die doch in vielen Dingen einer Meinung mit ihnen sind. Wie dünnhäutig und lieblos sie mit anderen Menschen umgehen!“ Und so weiter, und so weiter, und so weiter.

Das alles ist doch überflüssig wie ein Kropf. Lasst uns debattieren, streiten, unsere Meinungsverschiedenheiten ausfechten. Aber können wir das nicht mit Diskussionskultur, in gegenseitigem Respekt und ohne unnütze Provokationen tun?

Liebe Redakteure von kath.net, liebe Piusbrüder, setzen wir uns doch einfach um ein gemeinsames Lagerfeuer und singen Kumbayah

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2 Gedanken zu „Überflüssig wie ein Kropf

  1. Mir ist das in kath.net auch negativ aufgefallen und ich habe das dort auch entsprechend kommentiert. Als wenn die Traditionalisten in der Kirche keine anderen Gegner hätten als die jeweils andere Gruppe. Es ist ein Trauerspiel.

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