Spaemann über Menschenwürde in der modernen Gesellschaft

Die folgenden Ausführungen stammen von Robert Spaemann und sind der Aufsatzsammlung „Grenzen: Zur ethischen Dimension des Handelns“ (S. 120-122) entnommen. Die Hervorhebungen und Kommentare stammen von Catocon.

„Ich möchte folgende These vertreten: Die moderne Zivilisation stellt für die Würde des Menschen eine Bedrohung dar, wie sie bisher niemals existiert hat. (Moderne ist ein schillernder Begriff. In historischem Sinne ist die Moderne eine Epoche, die etwa mit dem 17. Jahrhundert beginnt, und mehr oder weniger bis heute andauert, doch ist mit der historischen Moderne auch eine typische, charakteristische Denkart verbunden, die weitaus schwerer zu fassen ist. Spaemanns folgende Interpretation des Begriffs ist jedoch sehr instruktiv.) Die moderne Zivilisation hat dem Gedanken gleicher Minimalbedingungen für alle hinsichtlich ihrer Rechte zum Durchbruch verholfen. Sie enthält jedoch eine mächtige Tendenz zur Eliminierung des Gedankens der Würde überhaupt. Und zwar aus einem Grund, der bereits am Beispiel der Retortenbabyproduktion deutlich wird. Die zentrale Macht der modernen Zivilisation ist ein bestimmter Typus von Wissenschaft, der cartesische Typus. Kennzeichnend für diese Wissenschaft ist die radikale Reduktion ihrer Gegenstände  auf ihre Gegenständlichkeit, der Ausschluß aller Ähnlichkeit der res extensa mit der res cogitans, das Verbot des Anthropomorphismus zugunsten eines radikalen Anthropozentrismus.(Die Entwicklung dieses Wissenschaftstypus fällt historisch gesehen ins 17. Jahrhundert und geht nicht nur auf Descartes, sondern auch auf Francis Bacon zurück, dessen Satz „Wissen ist Macht“ nicht nur treffend die Mentalität der Schlange am Anfang des Buches Genesis, sondern auch jene Geisteshaltung, von der Spaemann hier schreibt, charakterisiert) Dieser hat die Herrschaft des Menschen über die Natur in bis dahin ungeahntem Ausmaß gesteigert. Der Gedanke, dies bedeute notwendigerweise ebenso die wachsende Befreiung des Menschen, setzte allerdings voraus, daß der Mensch selbst nicht zur Natur gehört. (Diese Entgegensetzung Mensch-Natur ist bereits im philosophischen Gegensatz „res cogitans“ und „res extensa“ angelegt – das eine ist die denkende Substanz, ganz und gar körperlos (und naturfern), das andere die ausgedehnte, körperliche Substanz, ein bloßer Mechanismus, ganz und gar seelen- und geistlos. Diesen Dualismus zwischen Körper und Geist oder Körper und Seele hat Descartes natürlich nicht erfunden. Auch die klassische griechische Philosophie spricht bereits davon, jedoch in einem weniger ausschließlichen Sinne. Die Seele ist die Form des Körpers in der aristotelischen Tradition, d.h. das, was den Menschen zum Menschen macht. Bei Aristoteles ist dies eine rein analytische Unterscheidung – der Mensch ist ganzheitlich, also als Einheit gedacht, und die strikte Trennung zwischen Geist oder denkender Substanz auf der einen Seite und Körper oder Materie auf der anderen Seite besteht nicht. Für Aristoteles ist die Form einer Sache nicht etwas, das neben oder zusätzlich zu ihrer materiellen Ausdehnung besteht, so als wären Materie und Form zwei Bestandteile des Gesamtdings, sondern eben das, was die Materie zu dem macht, was sie ist. Die Philosophie der frühen Neuzeit entdeckte nicht umsonst in der aristotelischen Tradition, hauptsächlich vertreten durch die Scholastik, ihren Erzfeind und wendete sich furios gegen sie.) Inzwischen aber hat die wissenschaftliche Vergegenständlichung auch den Menschen als natürliches Wesen erreicht. Und damit auch das Verbot des Anthropomorphismus. (Der Mensch darf nicht mehr als Mensch gedacht werden, sondern wird als eines unter vielen wissenschaftlichen Untersuchungssubjekten gesehen. Was im 17. Jahrhundert noch als Skandal galt, wenn man es mit Toten machte, ist im 20. Jahrhundert am lebenden Menschen zum Normalfall in vielen Staaten geworden.) Der Mensch selbst wird zum Anthropomorphismus. Menschliche Betrachtung des Menschen ist unwissenschaftlich und hat allenfalls heuristischen Wert. Biologische Anthropologie, Psychologie, Soziologie können Kunst, Sittlichkeit, Religion, ja sogar Wissenschaft selbst nur unter dem Gesichtspunkt von Überlebensstrategien deuten. („That’s what happens when you study men: you find mare’s nests. I happen to believe that you can’t study men; you can only get to know them, which is quite a different thing. – C.S. Lewis – That Hideous Strength, S.69.) Und hierbei ist, wie der berühmte Psychologe Skinner gezeigt hat, eine archaische Idee wie die der Würde nur hinderlich. In einer Welt (wie der unseren), die ihr einziges Ziel darin sieht, subjektives Wohlbefinden möglichst vieler wissenschaftlich zu organisieren( Blessed are the legend-makers with their rhyme //of things not found within recorded time. //It is not they that have forgot the Night,// or bid us flee to organized delight, //in lotus-isles of economic bliss // forswearing souls to gain a Circe-kiss //(and counterfeit at that, machine-produced, //bogus seduction of the twice-seduced // – J.R.R. Tolkien – Mythopoeia). , ist ein Gedanke unzweckmäßig, der dasjenige betont, was Wissenschaftler mit den Objekten ihrer Manipulation verbindet. Zum Beispiel so etwas wie ein gemeinsames Ethos. Das Ethos wird ja selbst zu einem zweckrational oder systemfunktional variierbaren Objekt. (Ethischer Relativismus. Moral ist, je nach Geschmacksrichtung dieser modernen Idee, entweder das Mittel, mit dem die Starken die Schwachen unterdrücken (und die Unterwanderung der herrschenden Moral gerät dadurch marxistisch zum Mittel der Befreiung), oder einfach das Resultat der Anpassung des Menschen an seinen Lebensraum (und durch die zunehmende Macht des Menschen, seinen Lebensraum zu verändern wird sie überflüssig.))Wissenschaft als Wissenschaft hat kein Ethos. Aber wenn das Ethos, das der Wissenschaftler hat, selbst zum Gegenstand von Wissenschaft wird, bedeutet das die radikale Emanzipation vom Medium des Humanen, welches die Bedingung von so etwas wie Würde ist. Niemand hat das eindrucksvoller beschrieben, als C.S. Lewis in seinen drei Vorträgen, die im Büchlein „The Abolition of Man“ (Deutsch: Die Abschaffung des Menschen. In der Tat eine der wichtigsten Schriften des 20. Jahrhunderts) bereits 1943 publiziert wurden. Nicht von ungefähr hat Skinner Lewis als den wichtigsten Gegner der Skinner-Box-Welt erkannt.

Worum es geht, will ich an zwei Beispielen erläutern. An einem alltäglichen und einem radikal utopischen. Das alltägliche: Es ist charakteristisch für die wissenschaftlich-technische Zivilisation, daß sie einerseits schwere körperliche Arbeit beseitigt, andererseits aber viele menschliche Handlungsvollzüge ihrer immanenten Sinnstruktur beraubt und damit der Möglichkeit, daß sich in ihnen menschliche Würde darstellt. (Dies ist einer der Ansatzpunkte für den Marxismus gewesen. Arbeit in Fabriken wurde zurecht als unwürdig empfunden. Der Marxismus gab vor, dieses Übel bekämpfen zu können, und dabei war er nur ein weiteres Produkt desselben Übels, dessen Symptom die „entfremdete Arbeit“ ist, die Marx beklagte.) Die zweckrationale Zerlegung von Arbeitsvorgängen in kleinste Einheiten, deren jede einzelne nichts mehr von einer sinnvollen Gestalt hat, läßt den Begriff von der Würde der Arbeit sehr abstrakt werden. (Man möge übrigens nicht glauben, dass die moderne Büroarbeit besser wäre als die Fabrikarbeit der Industrialisierungsperiode im 19. und 20. Jahrhundert. Auch hier ist der Mensch von dem Produkt seiner Arbeit vollkommen getrennt, ein sinnlos schaffendes Rädchen im Getriebe des Kollektivs, ob dieses sich nun als Konzern oder Staat bezeichnet.) Und die Weltraumfahrer, strikt eingepaßt in vorgeplante Apparaturen, genötigt, sich in einem Medium zu bewegen, das vion der ökologischen Nische weit entfernt ist, in welcher der menschliche Körper sich entwickelt hat, sie repräsentieren zwar die kollektive Emanzipation der Menschheit von ihren natürlichen Ausgangsbedingungen, aber sie können zweifellos weniger Würde darstellen als ein Beduine in seinem Zelt und unter seinesgleichen. Denn die Macht des Menschen, die sich hier realisiert, ist wesentlich eine kollektive. (Die Macht des Ameisenhaufens.) Würde dagegen ist ebenso strikt an die individuelle Person gebunden. (Noch einmal Tolkien: I bow not yet before the Iron Crown, //
nor cast my own small golden sceptre down.)

Um aber zu zeigen, was hier letzten Endes auf dem Spiel steht, gebe ich ein Beispiel, das bewußt utopisch und extrem ist, aber eben darum die Tendenz, von der ich spreche, deutlich werden läßt. (Und ob es langfristig wirklich allzu utopisch ist, sei einmal dahingestellt. Vor 50 oder 100 Jahren hätte man sehr vieles von dem, was der Mehrheit heute selbstverständlich erscheint, für utopisch gehalten. Man hätte 1900 nicht für möglich gehalten, daß es einmal zur industriellen Vernichtung von Menschenleben kommen würde, und daß allein die in Kriegen und Völkermorden durch Staatshandeln hervorgebrachte Opferzahl im dreistelligen Millionenbereich liegen würde.) Stellen wir uns eine Welt vor, in der die Reproduktion der Menschheit durch Apparaturen weitgehend sichergestellt ist. Sie ist vor allem dadurch sichergestellt, daß die Mittel für die Reproduktion der Menschheit extrem reduziert wurden und daß die Koordination ihres Verhaltens kein Problem mehr darstellt. Menschen werden nämlich in Retorten „gezeugt“, in einem künstlichen Uterus entwickelt, und wenn sie ein gewisses Reifestadium erreicht haben, werden ihre Köpfe abgetrennt, in eine Nährlösung gelegt und die Gehirne mit Drähten verbunden. Durch diese Drähte werden bestimmte Impulse geleitet, die im Bewußtsein eine dauernde Euphorie erzeugen. Subjektiv sind diese „res cogitantes“ völlig zufrieden. (Und das ist alles, worum es dem modernen Relativisten gehen kann – er erkennt ja keine objektiven Standards an) Sie vermissen auch keinen Respekt vor ihrer Würde, weil sie deren Abwesenheit ja gar nicht wahrnehmen. Einige Wissenschaftler halten dieses System aufrecht. Sie allein sind noch „Menschen“ im traditionellen Sinne, aber durch ihre Emanzipation von dem umgreifenden „Tao“ – wie Lewis es genannt hat – sind sie es in Wirklichkeit auch nicht. Sie wissen, daß das, was sie veranlaßt, Euphorie statt Schmerz zu erzeugen, nur anerzogene Vorurteile(manche Teile der postmodernen Philosophie sprechen von „Dekonstruktion“ moralischer Vorurteile. Weniger Utopie als man denken mag.) sind, und so erzeugen sie zu Forschungszwecken oder auch zum Amüsement ebenso nach Belieben Schmerz oder Verzweiflung. (Und wer sind wir, sie dafür zu kritisieren? Moral ist relativ – es gibt keine intersubjektiv verbindlichen Standards, die nicht im Diskurs immer neu demokratisch ausgehandelt werden, sagt uns die moderne Ethik. Und wenn solche Standard eben im Diskurs – oder Dialog – ausgehandelt worden sind, dann sind sie auch gültig.) Und sie sind es auch, die über das jeweilige Ende des Lebens eines Kopfes entscheiden. („Because you study [men] you want to take away from them everything which makes life worth living and not only from them but from everyone except a parcel of prigs and professors“ – C.S. Lewis – That Hideous Strength, S.69) Diese Horrorutopie wird wohl für immer Utopie bleiben. (Ja? Die meisten Dystopien werden nie in exakt dieser Form Realität – aber auch Huxleys Brave New World ist weitgehend dabei Realität zu werden – ist „am Realität werden“, wie man da sagen würde, wo ich herkomme – obwohl die spezifischen wissenschaftlichen Techniken, die er beschreibt, natürlich absurd sind.)Der Widerstand gegen diese szientistische Entwürdigung des Menschen ist sogar parallel zum Anwachsen der Bedrohung bereits gewachsen. Die Verteidigung freier Interaktionsstrukturen gegenüber wissenschaftlicher Kontrolle organisiert sich. Aber es ist bisher mehr ein diffuses Gefühl, das hier rebelliert und eine elementare Anarchie verteidigt, zum Beispiel im Bereich des Datenschutzes. (Daß etwas falsch läuft, ist inzwischen Allgemeingut, nur der Protest ist Stimmung, nicht Gedanke. Deswegen lässt er sich so leicht instrumentalisieren.) Weil man oft gar nicht genau weiß, was man eigentlich gegen wen zu verteidigen hat, gewinnt diese Verteidigung oft sogar irrationale Züge, so beim Widerstand gegen eine Volkszählung. Dies wiederum führt dazu, daß der Widerstand selbst wissenschaftlich vergegenständlicht und zum Problem der Erzeugung von „Akzeptanz“ umformuliert wird (Politik soll „vermittelt“ werden, ein Bewusstsein für von der szientistischen Elite gewünschte „Reformen“ geschaffen werden usw. Ein Paradebeispiel für diese Haltung ist die Europadebatte, die in den letzten Jahren inszeniert worden ist.), was von neuem das Ethos als umgreifendes Medium der Verständigung neutralisiert und durch Sozialpsychologie ersetzt. Der Gedanke der Würde ist indessen ein fundamental ethischer, der sich prinzipiell jeder wissenschaftlichen Vergegenständlichung entzieht.

Das heißt nicht, daß er jeder theoretischen Reflexion entzogen bleiben müßte. (Diese Reflexion ist aber philosophischer Natur, nicht im modernen Sinne wissenschaftlich – sehr wohl jedoch im Sinne des traditionellen Wissenschaftsbegriffs, bei dem die Philosophie die höchste weltliche Wissenschaft ist, die wiederum auf das Studium der Theologie vorbereitet, die als Krone der Wissenschaften gelten kann.) Wäre dies der Fall, so wäre der Würdegedanke seiner wissenschaftlichen Vergegenständlichung ohnmächtig ausgeliefert und könnte sich ihr gegenüber sozusagen nur in einer fanatischen Trotzhaltung  behaupten. Diese Trotzhaltung wäre ehrenwert (und als Schutzreflex notwendig), aber doch ein Ausdruck der Ohnmacht und eines Begründungsdefizits. Seine theoretische Begründung findet der Gedanke der Menschenwürde und ihrer Unantastbarkeit allerdings nur in einer metaphysischen Ontologie, das heißt in einer Philosophie des Absoluten. Darum entzieht der Atheismus dem Gedanken der Menschenwürde definitiv seine Begründung und so die Möglichkeit theoretischer Selbstbehauptung in einer Zivilisation. Und nicht von ungefähr haben sowohl Nietzsche wie Marx Würde als ein erst Herzustellendes und nicht als ein zu Respektierendes bezeichnet. (Dies ist eine Wurzel der Unzahl moderner Ideologien, die diese Epoche heimsuchen – vom Liberalismus über den Nationalismus, den Sozialismus, Kommunismus, Feminismus bis hin zum Ökologismus mancher Teile der modernen Umweltbewegung, soweit sie sich der „Kultur des Todes“ angeschlossen haben. Die Würde muss erst durch politische Handlungen hergestellt werden – dieser Gedanke ist fatal.)

Die Präsenz des Gedankens des Absoluten in einer Gesellschaft ist eine notwendige, nicht jedoch eine hinreichende Bedingung dafür, daß die Unbedingtheit der Würde auch jener Repräsentation des Absoluten zuerkannt wird, die „Mensch“ heißt. (Keine Würde ohne Gott, auf eine Kurzform gebracht.) Hierzu bedarf es weiterer Bedingungen, darunter der rechtlichen Kodifizierung. Eine wissenschaftliche Zivilisation bedarf – ihrer immanenten Selbstbedrohung wegen – dieser Kodifizierung mehr als jede andere.“

Soweit Robert Spaemann über die einzigartige Bedrohung der Menschenwürde durch die Moderne.

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4 Gedanken zu „Spaemann über Menschenwürde in der modernen Gesellschaft

  1. Gut, Catocon, dass Du wieder da bist…
    Und dann gleich philosophisch so anspruchsvoll…Nun muss ich eingestehen, dass ich philosophisch nicht so gebildet bin, dass ich Einwände gegen diese Darstellung erhebe könnte, ich setze sie als richtig dargestellt voraus…
    Was mir allerdings zu fehlen scheint: Es gibt doch auch massive philosophische Kritik an der Moderne, ich denke z.B. an Günther Anders und an sein Hauptwerk: “ Die Antiquiertheit des Menschen“.
    Spontan fällt mir auch Adorno ein, der Prof. Hoeres darauf aufmerksam machte, dass die katholische Kirche die Moderne bewundere, während sie philosophisch erledigt sei (sinngemäß).
    Und jetzt kommt „mein eigentlicher Punkt“: Wenn ich die Konzilstexte lese mit ihrem „Moderne-Optimismus“, der regelrecht dogmatisch vertreten wird, wenn ich dazu lese – Roberto de Mattei sei Dank – wie unglaublich naiv Papst Paul VI. dieser Moderne anhing, so als bedeute technischer Fortschritt automatisch ethischer Fortschritt, dann kann ich je nach Stimmungslage darüber lachen oder fassungslos sein…Zumal ich nicht erkenne,dass irgendein Papst grundsätzlich diese Linie verlässt…Für mich ein Rätsel.

    • Cuppa,
      philosophisch gesehen ist Adorno mit seinem Kommentar im Recht. Descartes und seine Zeitgenossen grenzten sich mit ihrem wissenschaftlich daherkommenden Rationalismus von der traditionellen antiken und mittelalterlichen Philosophie ab, doch spätestens seit dem 19. Jahrhundert läuft eine Gegenbewegung gegen diese quintessentiell moderne Philosophie. Nietzsche, Marx, Max Weber, Plessner, Heidegger, die Frankfurter Schule, Freud, Sartre und der ganze französische Existenzialismus, Derrida und seine Anhänger, der philosophische Überbau der Umweltbewegung, bis hin zu Leuten wie Habermas – sie alle haben durchaus erkannt, dass dieser ins 17. Jahrhundert zurückgehende Denkansatz abzulehnen ist, und, jeder auf seine Weise, dagegen Stellung bezogen.
      Leider fehlt den verschiedenen modernen Alternativen das notwendige Rüstzeug, um wirklich effektiv gegen das zentrale Problem der Moderne vorzugehen – ihr Wert erschöpft sich in der Kritik der Moderne. Die vorgeschlagenen Alternativen machen alles nur schlimmer. In einem Kommentar kann ich natürlich nicht begründen, warum es der (zeitlich gesehen) modernen Philosophie grundsätzlich nicht gelingt und auch gar nicht gelingen kann, die (gedanklich-philosophische) Moderne zu überwinden, aber Du hast schon Recht. Die moderne Philosophie ist – als Philosophie – praktisch erledigt und gar widerlegt. Doch es gibt keine Alternative zu ihr, die derzeit ernsthaft diskutiert werden könnte.
      Was den Fortschritts- und Moderneoptimismus der „Konzilszeit“ (in der wir ja immer noch leben) betrifft: Unter bösen Zungen gibt es den Satz, dass derjenige, der dem Zeitgeist hinterherläuft, eben immer hinter ihm ist. Spätestens 1968 war die Moderne mit ihrem wissenschaftlichen Rationalismus auch gesellschaftlich gescheitert, doch die Kirche hatte gerade mitbekommen, dass die Moderne, nun ja, „modern“ ist, und wollte hinterher. Aber sieh es doch positiv: Wenn das letzte Konzil ein „Pastoralkonzil“ war, und als solches sich den spezifischen Bedürfnissen der modernen Zeit zuwenden wollte, dann können wir es getrost für irrelevant erklären, denn die moderne Zeit ist inzwischen vorbei, und gesiegt hat der eben nicht mehr rationalistisch-wissenschaftliche, sondern irrationalistische, „neuheidnische“ Zeitgeist post-1968, mit wieder je eigenen pastoralen Bedürfnissen, die sich von denen, die das Konzil besüprechen wollte, weit entfernt haben… 😉

  2. Dein Wort, Catocon, in des Papstes Ohr 🙂 ! Ich schätze Papst Benedikt überaus, das möchte ich betonen, aber all seine Äußerungen „zur Moderne“ lassen mich befürchten, dass er nicht sieht, dass die Kirche nur noch taumelt, wenn ihre Theologen glauben, die Glaubenswahrheiten mit Hilfe der „modernen Philosophie“ ausdrücken zu müssen.
    Im übrigen habe ich das auch schon gedacht, und zwar ohne zu lachen: Ein Pastoralkonzil von 1962 – 1965 als heutige Bezugsgröße ist in sich paradox. Die Zeit schreitet fort, aber die Kirche ist fixiert auf 1965. Wobei zu fragen wäre,wie pastoral ein Konzil war, das den Kommunismus bzw. Bolschewismus mit keinem Wort erwähnte, der millionenhaften Opfer mit keiner Silbe gedachte…

    • Cuppa,
      es fällt mir nicht leicht, das zu sagen, aber ich fürchte, der Papst hat trotz seiner immensen geistigen Kraft nicht erkannt, dass es letztlich keine Verständigung mit der alles zersetzenden Säure der Moderne geben kann. Er erkennt das Problem, sucht die Lösung aber leider in einer Art drittem Weg zwischen traditionellem Glauben und moderner Gesellschaft, den schon das Konzil zu beschreiten versucht hat. Glaubenswahrheiten werden nicht aufgegeben, aber mehr oder weniger subtil umgedeutet, damit es nicht zum Bruch mit der Moderne kommen muss. Dies ist notwendigerweise ein Irrweg. Mit der Moderne, oder um das Wort Correa de Oliveiros und de Proenca Sigauds zu verwenden, mit der „Revolution“ gibt es keine Koexistenz.

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