Zeichen der Zeit (Teil 1)

Einleitung

Eines der beliebtesten Schlagwörter unserer Tage ist wohl, die Kirche müsse endlich die Zeichen der Zeit erkennen, und sich nach ihnen richten. Gemeint ist in der Regel die Anpassung des kirchlichen Glaubens und der Moral an die herrschenden Trends der Zeit. Doch das hat nichts mit dem zu tun, was der Christ unter dem Erkennen der Zeichen der Zeit versteht, wie jedem klar sein dürfte, der sich die Mühe gemacht hat, die entsprechenden Herrenworte einmal zum Gegenstand des Gebets oder auch nur des logischen Denkens zu machen.

Erkennen der Zeichen der Zeit

Doch es gibt wirklich Zeichen der Zeit, die die Kirche wirklich erkennen muss. Zum Beispiel deuten sich große Krisen, Verfolgungen, in der Regel Jahre und Jahrzehnte vorher an. Sie sind sichtbar für denjenigen, der mit wachem Auge die Welt anschaut, sie kennt, aber ihr nicht verhaftet ist. Ich spreche nicht von Propheten, die durch göttliche Gnadengabe Dinge sehen und prophezeihen können, welche kein normaler Menschenverstand hätte erkennen können – ich meine die Zeichen, die deutlich machen, was geschehen wird, wenn sich nichts ändert, und die durch Gebrauch der Wahrnehmungsfähigkeit und des Verstandes erkannt werden können.

In unserer Zeit sind diese Zeichen mit Leuchtschrift quer über den ganzen Erdball geschrieben, wenn man sie sehen will.

Einige Beispiele

In den Ländern, in denen das Christentum zuerst etabliert wurde, wird es heute mehr und mehr verfolgt. Die koptischen Gemeinden in Ägypten, die irakischen Christen, die es seit der „Befreiung“ von ihrem Diktator sehr schwer haben, generell die Christen des Nahen Ostens und Nordafrikas, schwinden rapide dahin durch Vertreibungen, Verfolgungen und direkten Mord.

Und das angeblich christliche Abendland, so könnte man meinen, schaut tatenlos zu. Bis auf das eine oder andere pflichtschuldige Wörtchen über die Rechte religiöser Minderheiten allgemein, die erschreckend in ihrer Kraftlosigkeit und verstörend in ihrer Beliebigkeit daherkommen, und in ihrer Effektivität dem bekannten Tropfen auf dem heißen Stein noch um einiges nachstehen, geschieht nichts. Und wenn doch, dann begünstigen die Aktionen des „christlichen Abendlandes“ in diesen Ländern eher noch die Vertreibung und Verfolgung der Christen, die von den säkularen Diktatoren, die der achso schöne „arabische Frühling“ zu beseitigen unternimmt, in den meisten Fällen noch zähneknirschend geduldet wurden.

Und in den Ländern des christlichen Abendlandes selbst sieht es zwar aktuell noch besser aus, was die direkte körperliche Bedrohung von Christen angeht, doch im spirituellen Sinne ist dies das wahre „Schlachtfeld“ – denn das Blut der Märtyrer belebt die ganze Christenheit immer wieder neu, während das langsame Entschlafen der westlichen Christen, ihre Gleichgültigkeit und Apathie, keinen solchen Effekt hat. Der Teufel ist nicht dumm – er hat die Lektion gelernt. Direkte Verfolgungen, so gern er sie auch hat, sind für seine Sache auf lange Sicht schädlich. Viel besser ist es für ihn, wenn die Christen nicht durch den Tod als Märtyrer zur Schau des göttlichen Angesichts im Himmel kommen, sondern langsam von ihrem Glauben wegdriften, geistlichen Tod durch die besondere Mischung von fanatischem Amüsement und geisttötender Langeweile erleiden, die die westlichen Gesellschaften kennzeichnet. Denn die geistlich Sterbenden, im Unterschied zu den körperlich sterbenden Märtyrern, erlangen nicht unbedingt die ewige Seligkeit, sondern sind im Gegenteil hervorragende Anwärter für die ebenso ewige Verdammnis.

Die Fehler des Teufels

Doch auch wenn der Teufel dumm ist, er ist doch unverbesserlich. Er wird dieselben Fehler wieder machen, und auch im Westen mehren sich die Zeichen einer bevorstehenden Verfolgung. Das Wort des amerikanischen Kardinals, er werde im Bett sterben, sein Nachfolger im Gefängnis, ist keine unfehlbare Prophezeihung. Aber es scheint, angesichts der gesellschaftlichen Trends, keine allzu weit hergeholte oder unwahrscheinliche Prognose zu sein. Im Gegenteil. Bereits heute sind Christen in einer Vielzahl gesellschaftlicher Bereiche unter Beschuss geraten. In den Vereinigten Staaten kämpft eine schrumpfende Kirche um den Erhalt des Rechts, keine schwerwiegenden moralischen Übel wie Verhütung und Sterilisierung mitfinanzieren zu müssen. Das ist nur eines von sehr vielen Beispielen. War es vor 100 Jahren die Kirche, die die Religionsfreiheit abgelehnt hat, um die Vorrechte des wahren Glaubens zu erhalten, so sind wir heute in der paradoxen Situation, dass der Kampf um Vorrechte, um die Förderung des wahren Glaubens, im Westen verloren ist, und selbst der Kampf um gleiche Rechte für die katholische Religion nicht gerade gut steht. Und die USA haben es weitaus besser als Westeuropa – dort gibt es wenigstens wahrnehmbare Bewegungen zur Verteidigung des Glaubens. Hier in Deutschland haben sich die offiziellen Kirchenvertreter viele Jahre lang geradezu um die Komplizenschaft bei der Abtreibung gerissen, damit sie gesellschaftlich nicht an Anerkennung verlieren, und sind bis heute – von wenigen Ausnahmen abgesehen – stumm angesichts der großen Übel geblieben, die unsere Familien in hochmütiger Verfolgung von „Emanzipation“ und „Selbstverwirklichung“ zerrissen, die Schafe durch religiösen Indifferentismus und Modernismus verstreut, und die Seelen in höchste Gefahr des ewigen Todes gebracht haben.

Was die Effektivität der kirchlichen Antwort auf die moralischen Übel unserer Zeit betrifft, die kann jeder selbst beurteilen, wenn er sich die Abtreibungszahlen, Scheidungsraten und Eheschließungen unter Katholiken anschaut, und sie mit den entsprechenden Zahlen unter den falschen Religionen anschaut. Dasselbe gilt für die religiösen Übel der Zeit – die Kirchen sind leer, und wenn man der durchschnittlichen Glaubensverkündigung tatsächlich glauben möchte, hat das auch seinen guten Grund: Warum soll man das ungünstig gelegene, nicht besonders aufregende Gemeidemahl besuchen, als das das Heilige Messopfer allzu oft dargestellt wird? Warum soll man fest dem wahren Glauben anhängen, wenn doch alle Religionen gleich gut sind, und keine für sich Wahrheit beanspruchen kann? Warum soll man sich gegen die moralischen Übel verwahren, sündhafte Handlungen unterlassen, und nach Heiligkeit streben, wenn Gottes Barmherzigkeit bedeutet, dass es ihn nicht interessiert, was wir tun, solange wir Spaß daran haben, und unser Gewissen nach sorgfältiger Vernachlässigung und Verrohung nicht mehr dagegen aufbegehrt (oder wir es zum Schweigen gebracht haben)?

Und damit lasse ich den Leser für heute allein – morgen folgt der zweite Teil dieser Betrachtung der Zeichen der Zeit

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2 Gedanken zu „Zeichen der Zeit (Teil 1)

  1. Dem kann ich noch hinzufügen, dass Sterbenden, die den sogenannten „Hirntod“ erlitten haben und die, an die entsprechenden Maschinen angeschlossen, über gesunde Organe verfügen, diese Organe entnommen werden, bei schlagendem Herzen, durchblutetem Körper…ohne dass die Kirche für das Recht dieser Sterbenden auf einen natürlichen Tod eintritt…

    Was ich immer belastender empfinde: Dass die Piusbruderschaft nicht ohne Wenn und Aber in die Kirche integriert wird. Wegen der Desinformation gegen die FSSPX, auch im „katholischen Internet“, bin ich gezwungen, ihre Texte im Original zu lesen, gerade auch die Predigten und die Auseinandersetzungen mit Rom von EB Lefebvre. Hier lese ich den unversehrten katholischen Glauben. (Dass er sich nicht selten „unmodern“ ausdrückte, ist unwesentlich).

    Wir haben doch schon eine Kirchenverfolgung durch die Medien. Bischöfe scheinen dieser Verfolgung entgehen zu wollen, indem sie sich bis zur Selbstaufgabe anpassen. Die Kirche lediglich als humanistische Zeremonienmeisterin für eine säkulare, atheistische Gesellschaft wird gern geduldet. Wirklich gebraucht wird sie allerdings nicht.
    Die Worte Unseres Herrn, dass die Pforten der Hölle die Kirche nicht überwinden werden, gilt für die Gesamtkirche, nicht für Teilkirchen. Im Hinblick auf die Zukunft kann ich nur hoffen und beten, dass sich die Pius-Bruderschaft nicht zersplittert angesichts der großen Herausforderung, vor der sie nun steht. Dass die Kirche der Zukunft bei uns nur noch überwiegend in Kapellen und „Prioraten“ überlebt, schließe ich nicht mehr aus, wenn ich versuche, die Zeichen der Zeit zu deuten…

  2. Nachklapp:
    Wem meine nicht mehr zu leugnende Vorliebe für die Pius-Brudeschschaft, die sich im letzten halben Jahr entwickelt hat, auf den Geist geht oder wem sie zumindest unverständlich ist, den verweise ich auf pius-info von heute: „Unfassbar: ‚Altarhunde‘ in den USA“.
    Die „Konzilskirche“ ist in einer Krise, wie man sie sich bald schlimmer nicht mehr vorstellen kann.

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