Zeichen der Zeit (Teil 2)

Gestern schrieb ich über die Zeichen der Zeit, was sie sind und was sie nicht sind, und nannte einige Beispiele für solche Zeichen, die in riesiger Leuchtschrift quer über die ganze Welt geschrieben sind, wenn man sie denn nicht zu ignorieren wünscht. Dies ist der zweite Teil des Essays über die Zeichen der Zeit.

Die Früchte der Anpassung

Wir müssen wirklich die Zeichen der Zeit erkennen – und wir sollten ihnen auch Folge leisten: Wir sehen die Früchte von einem halben Jahrhundert Anpassung an die Zeit. Wir haben, zumindest in der Praxis (die theoretische Debatte über Kontinuität des Konzils sei einmal beiseite gelassen) einen immensen Bruch erlebt. Der Glaube wird selbst in den Kirchen nicht mehr verkündigt, er wird in katholischen Familien – wo es sie noch erkennbar gibt – nicht mehr gelebt, er wird in der Praxis von Priestern, Bischöfen und Laien gleichermaßen geleugnet und in der Liturgie in vielen Fällen geradezu lächerlich gemacht. Es ist nicht nur, dass wir heute mehr sündigen als früher, sondern dass wir unsere Sünden nicht mehr als Sünden zu sehen vermögen, und sie deswegen auch nicht bereuen können. Es sieht düster aus um eine Generation, die das Beichten verlernt, beziehungsweise in geradezu vulgärer Weise säkularisiert, ins Fernsehen verlegt und zu einer journalistischen Kunstform herabgewürdigt hat.

Und dabei ist die Kirche noch fast eine Insel der Seligen. Allein im 20. Jahrhundert haben Staaten durch ungerechte Kriege und industrialisierte Völkermorde mehrere hundert Millionen Menschen ermordet. Allein in den letzten vierzig Jahren sind, belastbaren Schätzungen zufolge, mehr als eine Milliarde Menschen – tausend Millionen – zweimal die Bevölkerung der Europäischen Union, das Dreizehnfache der Bevölkerung von Deutschland – durch Abtreibung ums Leben gekommen, durch eine Praxis also, deren ungehinderte Ausübung von den Eliten weltweit und breiten Mehrheiten im „christlichen Abendland“ als unverzichtbares Frauenrecht gesehen wird (und die in Deutschland von allen Krankenkassen – und damit von den (auch katholischen) Beitragszahlern – finanziell mitgetragen wird). Währenddessen untergraben die entsprechenden Lobbys gesetzesmächtig das Fundament einer jeden menschlichen Gesellschaft, nämlich die natürliche Familie von Mann und Frau durch Scheidung, „Homo-Ehe“, Gender Mainstreaming, Feminismus (also Entwürdigung der Frau) und vieles mehr.

Martyrium

Die Zeichen der Zeit sind klar. Die Verfolgung läuft schon in manchen Regionen der Welt auf Hochtouren und nimmt weiter an Schärfe zu. Im Westen haben wir es mit einem schleichenden Tod des christlichen Glaubens zu tun, welcher irgendwann in eine Verfolgung der verbliebenen Reste ganz natürlich und per demokratischer Mehrheitsentscheidung münden wird. In einer zunehmend globalen Gesellschaft, in der nicht nur Kommunikation und Güterverkehr weltweit zugenommen haben, sondern auch der Ruf nach einer Weltregierung und einem Weltstaat – leider nicht ohne Zutun mancher kirchlicher Instanzen – immer lauter wird, droht nicht nur eine Verfolgung, sondern die erste globalisierte Verfolgung. Man stelle sich nur eine Gesellschaft vor, in der der Zahlungsverkehr elektronisch abliefe, alle Daten elektronisch gespeichert und global abgeglichen und ausgetauscht werden können, durch Satellitentechnologie eine hochauflösende Überwachung auch der entlegenen Schlupfwinkel denkbar wäre, in denen Christen während früherer Verfolgungen immer noch Zuflucht finden konnten.

Man stelle sich eine Christenverfolgung vor, die globalisiert abläuft, und modernste Technik einsetzt. Wie gründlich, wie präzise, wie industriell wäre sie – was ein Wunder des technischen Fortschritts, ein Weltwunder der Moderne.

Das sind die Zeichen der Zeit, wie ich sie sehe, wie ich sie zu erkennen glaube. Sie sind nicht unausweichlich. Doch abgesehen von einem direkten Gnadenakt Gottes sehe ich nicht, wie wir an dieser Entwicklung vorbeikommen können. Gesellschaftliche Trends entwickeln eine Eigendynamik, und die gesellschaftlichen Trends, von denen hier die Rede ist, werden systematisch durch interessierte Kreise verstärkt. Sie werden ebensowenig von selbst aufhören, wie sie in den letzten gut dreihundert Jahren von selbst aufgehört haben. Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass sich alles von selbst wieder zum Guten wenden wird, und unsere verbliebene menschliche Kraft ist zu gering, um den Kurs der Weltgeschichte auch nur um eine Bogensekunde zu beeinflussen.

Solange es keinen außerordentlichen direkten Eingriff von Ganz Oben gibt, wird es zu dieser Verfolgung kommen – vielleicht etwas früher, vielleicht etwas später. Aber sie wird kommen.

Und dann wird das Blut der Märtyrer wieder zur Saat der Kirche, und ein neuer Tag bricht an und die Krise wird vorüber sein

4 Gedanken zu „Zeichen der Zeit (Teil 2)

  1. „Im Westen haben wir es mit einem schleichenden Tod des Christentums zu tun…“.
    Erlaube mir, Catocon, dass ich Deinen Satz abändere in meine Version: Im Westen haben wir es mit einem schleichenden Suizid des christlichen Glaubens zu tun.
    Eine Glaubensgemeinschaft, die aufhört, ihren Glauben an die jüngeren Mitglieder weiterzugeben, hat nicht mehr zu leugnende suizidale Tendenzen. In jeder „normalen“ Gemeinde in unseren Breitengraden wird der Glaube nur noch rudimentär weitergegeben, und dabei spreche ich nicht von Pfarrern und pastoralen Mitarbeitern die rebellieren, sondern wirklich von denen, die sich noch redlich mühen.
    Wie konnte es dazu kommen? Ich versuche diese Krise zu verstehen, und ich habe es Schritt für Schritt versucht, weil die Wahrheit auf einmal zu schmerzlich ist. Sie ist bald unerträglich, eine für Katholiken fast nicht zu ertragende Prüfung.
    Zunächst glaubte ich, bei uns seien unsere Gremienkatholiken das Problem, natürlich auch die Theologen. Dann waren häretisch-schismatische Züge bei unseren Bischöfen nicht mehr zu übersehen. Bei einer genaueren Lektüre der Konzilstexte, was wegen der überwiegenden Schwurbelsprache ein Opfer ist, musste ich feststellen, diese legen Konzilstexte vielleicht ein wenig extrem aus, aber sie erfinden nichts Neues, der Ausgangspunkt liegt lehramtlich in den Jahren 1962 – 1965. Das ist dramatisch gefährlich für die katholische Kirche. Schlimmer noch: Beide Konzilspäpste haben aktiv die „konziliaren Tendenzen“ gewollt, gestützt, gefördert, in einem nicht mehr zu begreifenden Fortschritts-Optimismus. Noch schlimmer: Sie haben in der Folgezeit, die zerstörerischen nachkonziliaren Entwicklungen noch weitergetrieben, gerade Johannes Paul II. Seine Frömmigkeit steht außer Frage. Doch wenn ich z.B. seine Ansprachen zu Assisi 1986 lese, bin ich mir sicher: Dafür wäre er von allen Päpsten exkommuniziert worden bis Papst Pius XII. Er hätte es – als Bischof – nicht gewagt, zu solchen Treffen einzuladen und so zu sprechen. Undenkbar!
    Papst Benedikt sehe ich mit einem Bein noch in diesem Sumpf, mit dem anderen auf festem Boden. Ein komisches Bild, ich kann mich jetzt nicht anders ausdrücken.
    P. Matthias Gaudron FSSPX schreibt,es habe so etwas in der Kirchengeschichte noch nicht gegeben: Rom als Ausgangspunkt der Glaubenskrise (sinngemäß).
    Es ist dramatisch, es ist unerträglich, für mich nur noch im Gebet zu ertragen…

  2. „dass wir unsere Sünden nicht mehr als Sünden zu sehen vermögen,“

    Nach Jahrzehnten bin ich dabei, das Beichten neu zu lernen und es macht mir wirklich grosse Schwierigkeiten die Sünden zu erkennen. In den Augen der Welt habe ich nichts Böses getan, aber wenn ich genau hinschaue sieht die Sache doch etwas anders aus. Man muss wieder lernen zu unterscheiden, das Gewissen zu schärfen und hinter die Dinge zu blicken.

    • Kassandra,
      „Nach Jahrzehnten bin ich dabei, das Beichten neu zu lernen“
      Als Konvertit und früherer Atheist kann ich das nur zu gut nachempfinden. Mein Gewissen wurde jahrelang größtenteils ignoriert – es beginnt sich erst langsam unter den heilenden Einflüssen des Herrn wieder zu erholen. Ich laufe wie ein kleines Kind, das gerade erst das Laufen lernt, falle ständig, und stehe mit Mühe immer wieder auf, aber nicht aus eigener Kraft!

      • Wie es scheint, sind es häufig die Konvertiten, die noch zu einem „ethnologischen“ Blick auf die Kirche fähig sind. Ich bin es gewohnt einen Glauben zu haben, der kaum noch von jemanden verstanden wird. Aber dass ich mich in meiner eigenen Kirche wie ein Fremder fühlen würde, hätte ich nie gedacht.

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