Ein kleiner Selbstversuch

Es wird ja viel über den Zustand der Theologie in Deutschland gesagt. Man verbreitet Memoranden, in denen wesentliche Teile des katholischen Glaubens bezweifelt und zumindest indirekt geleugnet werden, und diese Memoranden finden die Unterstützung hunderter angesehener Theologen. So viel Schlechtes hatte ich bereits über die deutsche Theologie gehört, dass ich es mir nicht verkneifen konnte, einmal den Selbstversuch zu machen. Also habe ich mich einfach in katholische Theologievorlesungen bzw. Seminare gesetzt und den faszinierenden Ausführungen der Dozenten gelauscht. Dieses Experiment ist noch nicht alt – es hat erst in der letzten Woche begonnen – doch eigentlich könnte ich es abbrechen, denn meine schlimmsten Befürchtungen sind bestätigt worden.

Was die Theologen in ihren Büchern an haarsträubend agnostisch klingenden Thesen verbreiten, was sie in ihren Memoranden fordern, nimmt sich fast noch harmlos gegenüber dem aus, was die Theologiestudenten täglich anstelle des katholischen Glaubens präsentiert bekommen. Natürlich steckt in den falschen Lehren dieser Theologen bereits der Kern des Unglaubens, doch so richtig offensichtlich wird dies, wenn sie unterrichten, wenn sie sozusagen die Chance erhalten, eine neue Generation Theologen zu formen. Dann legen sie so richtig los.

In vier Stunden habe ich nunmehr das Folgende „gelernt“:

– Der Anfang des Johannesevangeliums ist verklausulierter Antisemitismus und zusammen mit dem Judenhass der Kirche für „unzählige Judenpogrome“ verantwortlich.

– Die Wunder Jesu haben gar nicht stattgefunden, sondern sind nur „theologisch wahr“, nicht „historisch wahr“. Das bedeutet, dass man aus ihnen zwar metaphorische Einsichten gewinnen kann, sie aber nur nachträgliche Hinzufügungen sind.

– Dass „Johannes“ nicht der Autor des Johannesevangeliums sei, und schon gar nicht der Johannesbriefe oder der Apokalypse.

– Dass das Johannesevangelium eine theologische Meditation und kein historischer Erlebnisbericht des Lebens Jesu sei.

– Dass die Kirche seit dem 2. Vatikanischen Konzil (natürlich!) nicht mehr an die Hölle als Ort der Bestrafung glaubt.

– Dass die Trennung der christlichen von der jüdischen Religion die Folge politischer Notwendigkeiten, und nicht religiöser Differenzen war, und zum Teil aus einem exzessiven Abgrenzungswillen der schon damals „antisemitischen“ Christen folgte.

– Dass es zentrale Aufgabe der katholischen Theologie sei, die Traditionen der Kirche zu „hinterfragen“, also Munition gegen sie zu sammeln.

– Dass Paulus ein Frauenhasser gewesen sei.

– Dass der Teufel nur eine Metapher für das Böse im Menschen sei. [Anmerkung: Dann lassen sich überraschend viele Theologieprofessoren von einer Metapher verführen. Wirklich kläglich.]

Diese kurze Zusammenstellung mag genügen. Sie genügt in jedem Fall, um den christlichen Glauben zu einer Absurdität zu machen, und zwar zu einer abstoßenden Absurdität. Wenn das der christliche Glaube ist, kann man nur noch aus der Kirche austreten. Und weil das als christlicher Glaube gelehrt wird, kann man sich nicht wundern, wenn so viele Menschen aus der Kirche austreten. Sie haben das Christentum nie kennengelernt, also lehnen sie einen weitgehend fiktiven Glauben ab. Und sie lehnen ihn zurecht ab.

Wenn die Wunder Jesu nicht historisch real sind, dann ist das Christentum Unsinn. Denn ein bloß menschlicher Jesus kann uns nicht aus unseren Sünden erlösen. Er kann nicht auferstehen.

Die neue Religion der Theologen ist nicht mehr katholisch, ja nicht einmal mehr christlich. Sie leugnet implizit den einen absolut zentralen Inhalt der christlichen Religion.

Es kann nicht verwundern, dass man einen menschlichen Jesus nicht anbetet, dass die Realpräsenz geleugnet wird, dass die Liturgie bloß eine menschliche Mahlfeier sein soll, die der kreativen Gestaltung unterliegt, wenn Jesus nicht Gott war, nicht auferstanden ist, und bloß nette ethische Geschichtchen erzählt hat.

Es kann nicht verwundern, dass man eine Religion nicht ernst nimmt, die kaum mehr zu sagen hat, als jeder halbwegs weise heidnische Bauer an moralischer Weisheit in seinem eigenen Herzen vorfinden kann.

Es kann nicht verwundern, dass es keinen Priesternachwuchs gibt. Denn wer braucht Priester für eine Ethische Gesellschaft?

Das alles kann nicht verwundern, wenn an katholischen Fakultäten keine katholische Theologie mehr gelehrt wird. Was da gelehrt wird, das ist ein neuer Glaube, eine neue Theologie, eine neue Religion. Es ist weder katholisch noch christlich.

Die Bischöfe dulden es im Großen und Ganzen, zwischen stillschweigender Zustimmung und zustimmendem Stillschweigen schwankend. Es scheint ihnen durchaus nicht negativ aufzustoßen, jedenfalls nicht so negativ, dass sie ein Eingreifen für geboten hielten.

Wir haben eine massive Glaubenskrise. Ihr Ausmaß war mir theoretisch auch schon vor zwei oder drei Wochen bekannt. Aber es praktisch einmal selbst zu erleben, steigert vielleicht nicht die logische Überzeugungskraft, aber doch die subjektive Eindrücklichkeit einer solchen Einsicht.

31 Gedanken zu „Ein kleiner Selbstversuch

  1. Zunächst: Ein Trost ist, dass die Zahl der katholischen Theologiestudenten sinkt und sinkt. Die Bischöfe müssen daher überlegen, welche theologischen Fakultäten geschlossen oder zusammengelegt werden sollen mangels (Laien-)Theologennachwuchses. Sie haben es zumindest thematisiert. Warum sie nicht auf die Idee kommen, sich von der „nachkonziliaren Theologie“ zu trennen, bei der offensichtlichen Erfolglosigkeit, bleibt ihr Geheimnis.
    Nach menschlichem Ermessen müsste es mit der katholischen Kirche zu Ende gehen. Doch es hat Phasen der Selbstzerstörung, der tödlich scheinenden Krisen, schon früher gegeben. Papst Benedikt hat in seinem Interview-Buch „Licht der Welt“ darauf hingewiesen, dass die Kirche ohne Jesus Christus, ohne seinen Beistand, nicht mehr existieren würde.
    Auch die Lage dieses Papstes scheint fast aussichtslos: Er hat die überwiegende Mehrheit der Theologen gegen sich, eine starke Mehrheit der von seinem Vorgänger ernannten Bischöfe und selbst Kurienkardinäle arbeiten gegen ihn. Ist gerade nachzulesen auf „katholisches.info“. Bezüglich des Neokatechumenats.
    Es scheint mir zwar selbst abenteuerlich, aber je tiefer ich diese Krise wahrnehme, umso mehr wächst meine Überzeugung, dass Erzbischof Lefebvre Recht hatte:“Die Vergangenheit ist unsere Zukunft…“
    Die Ecclesia-Dei-Gemeinschaften sind für mich ein Zeichen der Hoffnung. Da sie aber von Bischöfen abhängen, die ihr Apostolat empfindlich einschränken können, muss es auch die unbeugsame Piusbruderschaft geben. Meine ich jedenfalls. Um des Glaubens willen.

    • Cuppa,
      die Vergangenheit ist nicht unsere Zukunft. Aber sie ist die Wurzel, die Quelle, der Schatz, aus dem wir schöpfen können. Und wo es um die göttlichen Dinge geht, um Liturgie und Glaube, da ist sie der Standard, an dem alles spätere gemessen werden muss. Sie ist dieser Standard nicht, weil sie die Vergangenheit ist, sondern weil sie die göttlich verbürgte Wahrheit ist. Unsere Zukunft ist, oder sollte sein, die Wahrheit, gleich in welcher Zeit sie sich auch am besten zeigen mag..
      Aber das weißt Du alles ebenso gut wie ich, und wie Erzbischof Lefèbvre. Er meint, dass die Kirche in der Vergangenheit, liturgisch und theologisch gesehen, auf dem Weg der Wahrheit war, und sehr viele ihrer Mitglieder bis in die höchsten Kreise hinein falsch abgebogen sind. Und dass daher eine Rückkehr auf den Weg der Wahrheit gleichbedeutend ist mit einer weitgehenden Rücknahme der Neuerungen seit dem Konzil. „Die Vergangenheit ist unsere Zukunft“ ist eine Kurzform, und wenn sie richtig verstanden wird, auch durchaus richtig.

      Aber sie birgt die Gefahr reiner Nostalgie, also nach dem Alten zu streben, weil es alt ist, und nicht weil es wahr ist. Und das wäre ein schrecklicher Fehler, denn damit würden wir den Zeitgeistanbetern ähnlich, die das Neue erstreben, weil es neu ist.

  2. Werter Catocon,

    prima Idee, ich rechne mal die 4 Stunden auf 4 Jahre hoch, die müssen dann Busladungen abstrusester Häresien intus haben, die unsereiner nicht mal erahnen könnte. Das werden dann teilweise Religionslehrer oder sogar Priester, nicht zu fassen, daß nichts dagegen unternommen wird. Und in diesem Licht dann das heuchlerische Dialogisieren über die Ursachen des Glaubensschwunds.

    Geht mir aber auch öfter so: wenn ich mal meine „Vorurteile“ durch persönliche Zeugenschaft überprüfen will, dann wird’s meist erst richtig böse😉

    • L.A.,
      oft wird ja nicht einmal zugegeben, dass es eine tiefe Glaubenskrise gibt. Ein Standardargument ist ja, es gehe nur um die („veralteten“) Strukturen und der Rest sei durch eine positiv zu bewertende „Pluralisierung“ der Lebensverhältnisse zu erklären. Heuchelei ist da wohl wirklich das angemessene Wort.

  3. Mich interessiert sehr, an welcher theologischen Fakultät diese gruseligen Erfahrungen gemacht wurden. Ist es eine staatliche? Münster? Tübingen? Bonn?
    Oder ist es gar eine kirchliche? Benedikt-Beuren? St. Georgen (Frankfurt)? Vallendar?

  4. Also machen wir uns auf, lieber Freund und schwimmen wir gegen den Strom, in dem wir wenigstens mit unseren kleinen Bloggermitteln das Katholische, seine Strahlkraft, Schönheit und Würde so gut wir können, darlegen. Jetzt erst Recht, sollte die Devise heißen. Schließlich ist die Theologie der Kirche in ihrer Gesamtheit immer noch, was sie immer war. Es sind nur die Hiesigen, die das Spinnen angefangen haben. Und dass die Blogger von Seiten des Vatikans einst eingeladen und ermutigt wurden, war ein starkes und ermutigendes Zeichen.
    Dort wurde genau gesagt, wohin die Reise zu gehen hat: Die Blogger sind gerufen, die eigentliche Botschaft des Papstes verständlich zu machen; an jenen vorbei, die es eigentlich tun müssten und nicht wollen oder können.

  5. Pingback: catocons Selbstversuch | Johannes Roger Hanses

  6. Ich weiß nicht was mich mehr gruselt: dass so was tatsächlich stattfindet, oder dass es mich nicht mehr wundert. Im Grunde müssten noch viel mehr gute (!) Priester und Professoren aus anderen Ländern und Kontinenten (z.B. Afrika, oder Indien) hier Aufbauarbeit (und ich sage bewusst nicht Wiederaufbau) leisten, aber soviele können die bei sich wahrscheinlich gar nicht entbehren, dass es hier zumindest eine kleine Wirkung hätte.

    • Miriam,
      mich gruselt besonders, dass die Bischöfe und andere zuständige Stellen nichts dagegen unternehmen. Mit unseren finanziellen Mitteln müsste man doch wenigstens die ordentliche Ausbildung der Theologen und Priester gewährleisten können, wenn man wollte.
      Priester und Theologen aus anderen Ländern könnten ebenfalls helfen, sind aber nur eine Notlösung. „Einheimische“ wären aus diversen Gründen (Sprachbarriere usw.) besser.

  7. Ich bin geneigt zu widersprechen. Die vorhandenen finanziellen Mittel sind eher das Problem als die Lösung; die Krise gerade in den Ländern mit der sogenannten Kirchensteuer am grössten, und die fruchtbaren Impulse kommen genau von denen, die nicht von der Simonie profitieren, namentlich eine gewisse Priesterbruderschaft, für die wir wohl alle beten. Kirchensteuer und von derselben finanzierte (Laien)Gremien abschaffen, und in ein paar Jahren wird alles von selbst besser, wenn die glaubenslosen Profiteure des Systems nicht mehr wie die Madem im Speck leben können werden wie heute.

    • Moretto,
      zunächst einmal willkommen im Kommentarbereich!
      Ihrer Auffassung zur Kirchensteuer kann ich nur zustimmen. In der Praxis hat sich dieses System nicht bewährt.
      Aber selbst ohne Kirchensteuer wären die Katholiken in Deutschland weitaus wohlhabender als diejenigen in Aftrika oder Südostasien.

  8. Pingback: Wer sich | katholon

  9. Catacon, an Deiner Reaktion sehe ich, dass man es lassen sollte, Zitate aus dem Zusamenhang zu reißen, wie ich es mit dem Lefebvre-Zitat getan habe. Wenn ich mich richtig erinnere, ging es bei dem Zitat um die Alte Messe. In ihr sehe ich allerdings die Zukunft. Nicht nur, weil sie schöner, feierlicher, ehrfürchtiger ist. Sondern auch, weil sie theologisch richtig ist. Weil sie das Dogma lebendig macht. Weil sie den katholischen Glauben widerspiegelt. Bis 1962…Nein, 1965…

  10. Danke für den Bericht!
    es ist so und es geht schon lange so!
    Das Wunder ist, das es immer noch Leute gibt die katholisch sind und bleiben!
    Aber das gemeine ist halt auch, das da viele junge Leute die eigentlich ganz fromm und wie das halt in der Jugend so ist und sein muss, an die Uni gehen, um Preister, Relilehrer oder sonstwas kirchliches zu werden (auch die Orden schicken ihre Leute ja teilweise auf die Unis), dort mit dem Unfug vergiftet werden und dann ihre Berufung vor lauter Zweifel an den Nagel hängen, was einem fast besser vorkommt, als wenn sie den Unfug multiplizieren………..

    • Ester,
      es ist richtig, die Berufung an den Nagel zu hängen mag manchmal „das kleinere Übel“ sein. Aber was für ein großes Übel es trotzdem noch bleibt!

      • Ja, es ist so ein großes Übel, das man schier weinen könnte.
        Aber die wenigsten „überleben“ halt die Priesterseminare.
        Und man kann so einem jungen Mann auch schlecht sagen „Da musste halt durch.“
        Das sind ja geistlige Auseinandersetzungen die da zu führen sind und so eine moderne Theologie kommt ja wissenschaftlich, argumentativ und ach so vernünftig und gut und nett und „gesichert“ daher.
        Ich meine schon Guardini äußert sich schwer negativ über das mainzer Priesterseminar seiner Zeit.
        Klar gibt es die Blogger und eine Menge guter Leute und an Literatur kommt man auch leicht heran.
        Ich wollte nur sagen, es ist ein Drama, aber die Person die die Berufung an den Nagel hängt, kann man fast verstehen.
        Ich finde immer Don Reto Nay hat in dem schon etwas älteren Artikel hier http://www.theologisches.net/naypoelten.htm den Nagel auf den Kopf getroffen

  11. Von so einem Selbstversuch aus alle theologischen Fakuläten Deutschlands über einen Kamm zu scheren und pauschal zu verurteilen wird ihnen nicht gerecht – man kann ja meiner Erfahrung nach nicht einmal alle Professoren einer Fakultät in einer Schublade unterbringen. Und wie Peter Winnemöller bereits sagte: Es ist heutzutage ein Leichtes, sich via Internet vorher zu informieren, auf was man sich einläßt.

    • Silvia,
      wo sehen Sie eine Pauschalverurteilung? Ich beschreibe einfach, was ich gehört habe und ziehe daraus die Schlussfolgerung, dass diese Religion der Theologen (nicht aller Theologen, aber doch sehr vieler) nicht mehr mit dem katholischen Glauben zusammenpasst. Wo sage ich, dass alle Theologieprofessoren an einer bestimmten Fakultät, oder die Mehrheit an allen Fakultäten, eine neue Theologie vertreten, die nicht mehr christlich ist? Es geht auch nicht darum, ob ich oder jemand anders sich richtig vorher informiert hat. Ich bin ja nicht einmal Theologiestudent! Mein Selbstversuch war genau das, ein Selbstversuch, nicht das Resultat fehlender Vorinformation.

      Ich bin allerdings der Ansicht, dass man von einer Fakultät, die sich „katholisch“ nennt, auch verlangen können muss, dass der Name etwas darüber aussagt, was dort gelehrt wird. Der Biologiestudent wäre auch sehr überrascht, wenn er plötzlich Literaturwissenschaft beigebracht bekäme. Er wäre auch etwas empört, wenn man ihm mitteilte, das sei ja sein Problem, denn er hätte sich ja per Internet vorher informieren können. Katholische Theologie hat nun einmal bestimmte Inhalte. Theologie, die den Glauben der Kirche nicht mehr vertritt, ist keine katholische, sondern evangelische Theologie. Wenn nicht drin ist, was drauf steht, nennt man das Etikettenschwindel.
      Auch wenn es sicherlich noch gute katholische Fakultäten gibt, und an den schlechten Fakultäten einige gute Lehrer/Professoren.

      Zudem schreiben Sie so, als ob mein Selbstversuch der einzige Anhaltspunkt für die in dem Artikel zum Ausdruck gebrachte Haltung sei, so als ob nicht gerade der Grund für den Selbstversuch darin bestanden hätte, sich einmal selbst einen Eindruck zu verschaffen, ob das, was ich gehört hatte, nicht vielleicht übertrieben wäre. Sie sagen „von einem Selbstversuch aus“ verurteilte ich irgend etwas. Nein, der Selbstversuch ist nur eine weitere Bestätigung, ein weiteres Indiz.

      • Lieber Catocon,

        die Pauschalverurteilung habe ich aus pauschalen Formulierungen abgeleitet wie:
        „Was >die Theologender Theologen< ist…"
        Dies sind allgemeine Ausführungen, die nicht auf die von Ihnen gehörten Theologen eingeschränkt worden sind, jedenfalls liest sich das so für mich. Die Einschränkung, "nicht aller Theologen aber vieler" haben Sie erst im Kommentar zugefügt. Ich will auch gar nicht abstreiten, daß "Etikettenschwindel", wie Sie formuliert haben, ein Problem ist. Ich wollte mich nur gegen die pauschal scheinende Verurteilung der Theologie wenden. Ich habe mir selber anhören müssen, "Theologie studieren macht bloß den Glauben kaputt, laß lieber die Finger davon" – und das stimmt so allgemein gesagt einfach nicht. Von daher bin ich vielleicht (über)sensibilisiert und habe etwas gelesen, was Sie nicht sagen wollten – was für mich aber im Ausgangspost immer noch so drinsteht.
        Im Übrigen stehen auch die von Ihnen angeführten Beispiele nicht auf derselben Ebene – der Leugnung der Wunder muß man klar widersprechen, aber was an der Aussage, das Johannesevangelium sei "eine theologische Meditation und kein historischer Erlebnisbericht des Lebens Jesu" so skandalös ist, erschießt sich mir zB nicht.
        Eine gute Nacht für heute.

        • Silvia,
          ich gebe zu, dass der bestimmte Artikel in gewisser Weise als Pauschalaussage gedeutet werden kann. Ich hatte es im Kontext dieses Blogs jedoch nicht für notig gehalten, zu erwähnen, dass es selbstverständlich auch rechtgläubige Theologen gibt, auch an deutschen Universitäten. Mein persönlicher Weg zum katholischen Glauben führte jedenfalls über die Beschäftigung mit philosophischen und theologischen Fragestellungen, und die Theologie als solche herabzusetzen liegt mir fern. Theologen, die unverändert der katholischen Religion anhängen, sollten sich also von meiner Kritik an der „Religion der Theologen“ nicht angesprochen fühlen.

          Tatsache ist und bleibt aber, dass das, was heute an deutschen theologischen Fakultäten gelehrt wird, wenig mit dieser authentischen, rechtgläubigen katholischen Theologie zu tun hat. Und dies ist keine seltene Ausnahme, sondern eher die Regel. Durch solche Theologie kann man tatsächlich den Glauben verlieren, wenn man sie nicht zu durchschauen weiß, und in diesem Fall wirklich lieber die Finger davon lässt (oder an einer rechtgläubigen Fakultät studiert, wobei man eine solche dann finden müsste, was in Zeiten des Internets machbar wäre).

          Um noch zu Ihrem zweiten Einwand zu kommen: Wenn das Johannesevangelium kein historischer Erlebnisbericht war, sondern bloß eine spätere theologische Meditation, dann kann man aus ihm keine Schlussfolgerungen über historische Ereignisse ziehen. Die Spezifika des Johannesevangeliums gegenüber den Synoptikern müssen dann als theologische Ausschmückungen erscheinen, man könnte auch direkt von „Lügen“ sprechen.
          Die Kirche hat das Johannesevangelium zudem nie als bloße theologische Meditation gesehen. Mit dieser Auffassung zu brechen, würde den ganzen Glauben der Kirche plötzlich radikal zweifelhaft erscheinen lassen. Wieso sollte man annehmen, dass die Kirche, die „versehentlich“ die theologischen Abhandlungen des Johannes für einen historischen Bericht über Leben und Sterben Jesu Christi gehalten hat, in anderen Fragen nicht ähnlichen Irrtümern aufgesessen ist?
          Die Entmythologisierer und ihr geistiger Vater Bultmann wissen schon, warum sie die historische Grundlage des Johannesevangeliums immer besondern angegriffen haben.

          • Lieber Catocon,
            wieso gehen Sie davon aus, daß jeder Leser eines Ihrer Posts den Kontext Ihres ganzen Blogs vor Augen hat? Ich selber lese hier nur gelegentlich und bin über einen Link von Alipius und Peter Winnemöller auf diesen konkreten Post aufmerksam geworden. Wenn Sie etwas nicht so meinen, sollten Sie es auch nicht so formulieren! Darum ging es mir, deshalb habe ich kommentiert. Ich habe ja auch bereits angedeutet, daß in der deutschen Theologie insgesamt einiges im Argen liegt – da müssen Sie mich nicht von überzeugen🙂 Aber noch einmal: Es wird der Sache insgesamt nicht gerecht, wenn man sie mit solchen Pauschalformulierungen schief darstellt.

            Und noch einmal zu Johannes: Es gilt für alle Evangelien, daß das erste Interesse der Evangelisten nicht war, einen genauen historisch-chronologischen Bericht abzuliefer, sondern Jesus als den Christus zu verkündigen! Damit will ich NICHT sagen, daß sie keine historischen Fakten enthalten und alles erstunken und erlogen ist – aber von daher macht es mir keine Probleme, wenn sich die Evangelien historisch nicht komplett harmonisieren lassen – es geht zB in Bezug auf das letzte Abendmahl und die Kreuzigung Jesu nicht, daß sowohl die Synoptiker als auch Johannes Recht haben – entweder das Ganze fand am Vorabend statt oder am Fest selbst – wer ist also der „Lügner“? Noch einmal: Ich will nicht sagen, daß es unwichtig ist, daß das alles tatsächlich passiert ist (einschließlich der Wunder), aber dieser Blickwinkel war nicht das Hauptanliegen der Evangelisten – deshalb halte ich es nicht für falsch, das Johannesevangelium als theologische Meditation zu bezeichnen und zu sagen, es sei kein historischer Erlebnisbericht – letzteres war einfach tatsächlich nicht das Anliegen des Johannes. Und eine solche Bezeichnung schließt nicht aus, daß es auch „mehr“ als das ist – nämlich Wort Gottes.
            Ich muß allerdings zugeben, daß es schwierig ist, von so kurzen Aussagen, wie Sie sie oben gepostet haben, zu beurteilen, wie „schief“ oder richtig das ist, was Sie gehört haben – ich habe jetzt nur versucht zu erklären, wie man eine solche Aussage für sich genommen nicht in den Papierkorb hauen muß…

            • Silvia,
              ich erwarte nicht, dass alle Leser den Kontext dieses Blogs vor Augen haben. Aber ein Blog mit dem Titel „Kreuzfährten“ ist ziemlich eindeutig als Blog eines gläubigen Christen gekennzeichnet. Und wer als Untertitel „Credo ut intellegam“ wählt, wird vermutlich einer intellektuell-theologischen Beschäftigung mit dem Glauben nicht generell abgeneigt sein, und daher rechtgläubige Theologie für gut, richtig und wichtig halten, sich zumindest oberflächlich mit ihr beschäftigt haben usw. Aus diesen Gründen bleibe ich dabei, dass aus dem auch für gelegentliche Leser offensichtlichen Kontext klar wird, dass sich meine Worte nicht auf alle deutschen Theologen ohne Ausnahme beziehen können. Aber wenn man schreibt kann es zuweilen zu Missverständnissen kommen, die dann ausgeräumt werden müssen. Dazu sind ja unter anderem Kommentare möglich. Es freut mich, dass wir das haben ausdiskutieren können.🙂
              Ich will mich mit Ihnen nicht über das Johannesevangelium streiten. Wir können uns darauf einigen, dass es „auch“ oder sogar „vornehmlich“ eine theologische Meditation ist, aber eben auf der Basis tatsächlicher Ereignisse, die im Wesentlichen historisch richtig dargestellt werden. Worauf wir uns nicht einigen können, ist dass es „nur“ oder „bloß“ eine theologische Meditation ist, deren historischer Wahrheitsgehalt hochgradig zweifelhaft wäre. So wie ich Sie jetzt verstanden habe, ist das auch in etwa Ihre Position, so dass wir uns im Kern einig sind.

  12. Pingback: Drei Abwehrriegel der modernen Theologie | Kreuzfährten: Wahrheit statt Mehrheit

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