Ein paar Worte zum Islam…

… anlässlich der aus vielerlei Richtung kritisierten Koran-Verteilungsaktion.

25 Millionen Exemplare des Korans sollen also verteilt werden. Die Piusbruderschaft, mit ihrem vielgescholtenen Verständnis vom Christlichen Staat, verurteilt dies natürlich auf genau dieser Basis, und steht mit ihrer Argumentation auf sicherem Boden. Man muss ihre Prämissen nicht teilen. Aber die massenhafte Verteilung des Korans, aus Sicht der Bruderschaft das Buch einer falschen Religion, ist aus dieser Perspektive heraus in jedem Fall verwerflich.

Doch nicht nur die Piusbrüder und andere Traditionalisten regen sich über die Aktion auf. Kritik kommt auch von Anhängern diverser Versionen der Religionsfreiheit. Vertreter von CSU und SPD haben sich kritisch dazu geäußert. Ebenso auch Stimmen aus dem Umfeld der deutschen Bischofskonferenz. Dies kommt natürlich nicht unerwartet, doch gibt es eigentlich rationale Gründe für dieses Verhalten? Unter der Annahme der Religionsfreiheit müssten alle Religionen tun und lassen können, was sie wollen, solange sie sich an die weltanschaulich neutral formulierten Gesetze halten. Wenn in einem „religiös neutralen“ Staat das Verteilen von Bibeln erlaubt ist, muss auch das Verteilen des Korans erlaubt sein. Warum dann auf einmal die Kritik? Warum der Ruf nach „Überwachung“ der Aktion? Selbst wenn man sich an den Initiatoren der Aktion, den als radikal geltenden Salafisten, hochzieht – der Koran ist der Koran, egal wer ihn verteilt, und kann doch eigentlich für einen religiös neutralen Staat nicht mehr und nicht weniger gefährlich sein als die Bibel, oder?

In unserem „religiös neutralen“ Staat dürfte es diese Debatte gar nicht geben. Es sei denn man ist der Meinung, dass religiöse Aussagen generell – dann aber alle religiösen Aussagen gleichermaßen – der staatlichen Zensur bedürfen. In diesem Falle wäre auch das Verteilen von Bibeln zu untersagen oder zu überwachen. Darauf wird es in Zukunft auch hinauslaufen, sobald die Christen es schaffen, mal wieder etwas zu missionieren, statt nur im ermatteten Siechtum zu verharren.

Dass sich manche sonst immer auf Religionsfreiheit pochenden gesellschaftlichen Kräfte auf einmal gegen die Verteilung des Korans wehren, liegt nicht an der Natur des Korans – denn die darf ja unter der Annahme religiöser Neutralität keine Rolle spielen – sondern in der Natur des religiösen Glaubens allgemein. Der Islam ist gefährlich für den deutschen Staat. Nicht aufgrund irgendeiner besonderen dem Islam innewohnenden Eigenschaft, sondern einfach, weil seine Anhänger tatsächlich daran glauben.

Die Moslems glauben an ihren Gott und ihre Heilige Schrift, und deswegen stellen sie für den modernen Westen eine Bedrohung dar.

Die traditionellen Katholiken und konservativen Protestanten glauben an ihren Gott und ihre Heilige Schrift, und deswegen stellen sie für den modernen Westen eine Bedrohung dar.

Die orthodoxen Juden glauben an ihren Gott und ihre Heilige Schrift, und deswegen stellen sie für den modernen Westen eine Bedrohung dar.

Doch die Bedrohung durch gläubige Juden und Christen ist gering, weil ihre Anzahl winzig ist. Die bei weitem größte Gruppe von tatsächlich gläubigen Menschen stellt in Deutschland der Islam.

Das Problem der säkularen, liberalen Islamkritiker ist nicht speziell der Islam, sondern der Wahrheitsanspruch einer außerstaatlichen Instanz, die den Menschen an etwas bindet, das über dem Staat steht. Der religiös neutrale Staat kann alles tolerieren, nur keine Religion, die wirklich geglaubt wird. Solange die Menschen friedlich zur Kirche gehen und dort eine entschärfte, „moderne“ Version ihrer Religion vorgesetzt bekommen, stellen sie keine Gefahr für den Staat dar. Das wäre auch für eine „modernisierte, verwestlichte“ Moschee nicht anders. Eine solche Religion, ein solcher „Gott“ ist keine Konkurrenz.

Aber wenn die Menschen tatsächlich glauben und ihre Religion tatsächlich für wahr halten, dann steht die Religion über dem Staat und die Loyalität der Gläubigen gilt in erster Linie der Wahrheit, und eben nicht dem „toleranten“, „modernen“ Staat.

Der Islam ist heute das beste Beispiel für diesen Effekt. In Westeuropa ist er auf dem Vormarsch. Er wird von einigen wenigen Konservativen und Traditionalisten aus ehrenwerten, durchaus zutreffenden theologischen Gründen angegriffen. Meist ist Islamkritik jedoch Lob für die „Errungenschaften der modernen Gesellschaft“, darunter besonders Feminismus, religiöser Indifferentismus, Individualismus, Atheismus und Säkularisierung. Diese sollen gegen den Islam verteidigt werden. Für viele Islamkritiker ist das die westliche Kultur, die sie schützen wollen. Und so ist es. Das ist heute die reale „westliche Kultur“.

Man müsste diese „westliche Kultur“ allerdings auch gegen das Christentum verteidigen.

Wenn dieses nicht weithin in Ehrfurcht vor den Götzen der Moderne zur Salzsäule erstarrt wäre.

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23 Gedanken zu „Ein paar Worte zum Islam…

  1. Ich teile viele Ihrer Einschätzungen, die in diesem Blog geäußert werden und auch viele (politischen und philosophischen) Standpunkte Papst Benedikts. Diesen Artikel verstehe ich weder von den Fakten, noch von der Wertung eines gläubigen Christen.

    1) Ich kann mich diesem Gegensatz zwischen Glauben und Aufklärung nicht anschließen.

    Papst Benedikt hat sich in einer Grundsatzrede in Prag zur Trennung von Staat und Kirche bekannt. Aufklärung und reinen Positivismus ohne Moral (und Glaube) hält er hingegen für steril und inhärent totalitär. Wie ich das verstehe, meint der Papst (richtigerweise) eine solche Einseitigkeit führe eine seelenlose Gesellschaft, der unbegrenzten Selbstbestimmung und den Befreiungstheologen: “ Ich habe das grausame Antlitz dieser atheistischen Frömmigkeit unverhüllt gesehen“. Anderseits warnte er in seinem legendären Treffen mit Jürgen Habermas im Januar 2004 in München vor Verzerrungen der Religion“ entstünden immer dann, „wenn der reinigenden und strukturierenden Rolle der Vernunft im Bereich der Religion zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird.“ Sein Kernargument ist „Vernunft und Glaube bräuchten sich; sie seien „zu gegenseitiger Reinigung und Heilung berufen“. Nicht einmal Christus stellt Religion in allen Punkten über den Staat: „Gebt des Kaisers was des Kaisers ist“.

    Genau deswegen stellen Gläubige von Religionen die Ihren „Frieden mit der Aufklärung gemacht haben, für den modernen Westen keine Bedrohung dar. Die Loyalität der Gläubigen gilt in erster Linie der Wahrheit.

    2) Nach dem Grundgesetz sind wir (Deutschland – die EU schon eher) kein “religiös neutraler” Staat, sondern ein demokratischer Staat mit Freiheit der Religionsausübung. Keineswegs setze ich “Errungenschaften der modernen Gesellschaft”, mit religiöser oder moralischer Indifferenz, mit grenzenlosem Individualismus und Atheismus (eine Ersatzreligion) gleich. Ich meine “westliche Kultur” basiert auf Christentum. Kernsätze der Rede im Deutschen Bundestag von Papst Benedikt XVI:
    – “Die Kultur Europas ist aus der Begegnung von Jerusalem, Athen und Rom – aus der Begegnung zwischen dem Gottesglauben Israels, der philosophischen Vernunft der Griechen und dem Rechtsdenken Roms entstanden”.
    – “Der Mensch ist nicht nur sich selbst machende Freiheit.”
    -” Ist es wirklich sinnlos zu bedenken, ob die objektive Vernunft, die sich in der Natur zeigt, nicht eine schöpferische Vernunft, einen Creator Spiritus voraussetzt?”
    Eine elegante Rede. Ich bezweifle allerdings, dass diese Perlen bei unseren Abgeordneten und in unserer größtenteils wertelosen Gesellschaft ankamen.

    3) Ich bin strikt dagegen Bücher zu verbieten. Eine Demokratie hat aber meine Erlaubnis, sich gegen jede Gruppe zu wehren, auch wenn sie sich als religiös definiert, welche mittels politischer Majorisierung und kultureller Unterwanderung unsere Freiheit und Errungenschaften der Aufklärung gefährdet. http://stottilien.wordpress.com/2012/04/16/papst-benedikt-xvi-herzlichen-gluckwunsch-zum-85ten/

    • Vielen Dank für diesen Kommentar!
      Zu den einzelnen von Ihnen angesprochenen Punkten:
      Aufklärung:
      Die real existierende Aufklärung, wie sie sich durch die Handlungen ihrer Anhänger ausdrückt, ist vollkommen inkompatibel mit dem christlichen Glauben, und mehr noch mit jeglicher brauchbaren sittlichen Haltung. Sie äußert sich paradigmatisch in der Genozid an der katholischen Bauernschaft in der Vendée, dem Tugendterror Robespierres, der Enteignung der Kirchengüter und der Aufrichtung der Göttin Vernunft anstelle des christlichen Gottes im Zuge der frz. Revolution. Das ist das wahre Gesicht der Aufklärung. Und die Folgen? Seit der „Aufklärung“ wechseln sich mörderische Ideologien und grausame Völkermorde im ehemals christlichen Europa mit beängstigender Geschwindigkeit ab. Der Kommunismus ist, nach einem Wort Dávilas, die historische und logische Folge des Liberalismus, und der Liberalismus ist die wesentliche Ideologie der Aufklärung. Ihr Ziel ist die „Befreiung des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“ (Kant) und ihr Hauptgegner die katholische Religion, da sie die ihrem Wesen nach letztlich moralfreie „Autonomie“ des Menschen ablehnt. Der Mensch gibt sich nach christlicher Auffassung eben nicht selbst die Gesetze, wie die Aufklärer meinten.
      Es mag sinnvoll und möglich sein, auch in der Aufklärung positive Elemente zu finden, und ich stimme dem Papst zu, dass ein robustes Bekenntnis zur Wichtigkeit der Vernunft ganz entscheidend ist. Jedoch ist es Geschichtsklitterung, Vernunft und Aufklärung gleichzusetzen, so als ob es vor der Aufklärung nur unvernünftigen Glauben gegeben hätte. Im Gegenteil. Das Zusammenspiel von Vernunft und Glaube, wie es sich etwa in der Philosophie des hl. Thomas von Aquin und vielen anderen großen christlichen Denkern vor 1789 äußert, ist das Paradebeispiel für die Vereinbarkeit von Glaube und Vernunft, während die moderne Aufklärung Vernunft und Glaube geradezu als Antithesen behandelt.

      Grundgesetz:
      Wir sind sehr wohl ein religiös neutraler Staat, wenn auch einer, der formal in der Präambel des Grundgesetzes seine christlichen Wurzeln anerkennt. Doch nach dem Selbstverständnis der BRD sind alle Religionen gleichberechtigt und der Staat hat zwischen ihnen Neutralität zu bewahren. Es mag noch Rückstände aus einem früheren Staatsverständnis geben, wie etwa die Anhänglichkeit an das Kruzifix in bayerischen Schulen, aber im Wesentlichen ist die BRD religiös neutral, wenn auch (noch) nicht so militant wie Frankreich.

      Westliche Kultur:
      Die heutige westliche Kultur ist zu unterscheiden von der Kultur, aus deren Ruinen sie emporgestiegen ist. Die traditionelle westliche Kultur basierte auf Athen, Rom und Jerusalem, wie Sie richtig schreiben. Sie verkörperte, wie der Heilige Vater richtig sagt, die Einheit von Religion, philosophischer Vernunft und Rechtsdenken. Ihr Zerfall setzte vor ungefähr 500 Jahren ein. Die protestantische Revolte wandte sich von der wahren Religion ab, die von der Kirche durch die Zeit getragen wird, um das individuelle Gewissen über die Wahrheit zu stellen. Die Philosophie wandte sich im 17. und spätestens im 18. Jahrhundert von ihren traditionellen Wurzeln ab. Die Hauptvertreter dieser Abwendung waren Bacon, Descartes, Locke, Hume und Kant, sowie die französischen Aufklärer. Durch den Fortfall der religiösen und philosophischen Grundlage einer naturrechtlichen Ethik bröckelt das Rechtsverständnis in der Gegenwart immer mehr. Der Kommunismus war und ist zusammen mit anderen totalitären Ideologien Vorreiter für ein ideologisches Recht, in dem verboten ist, was der Ideologie, der Partei, der Rasse, dem Fortschritt, oder wem auch immer schadet.
      Der Zerfall der traditionellen Westlichen Kultur hat Fragmente hinterlassen. An jedes Fragment klammern sich einige Menschen. Manche beharren auf ihrem Glauben unter Ausschluß der Vernunft; bei manchen ist es umgekehrt. Manche haben sich in einen moralischen Puritanismus geflüchtet, für die meisten ist Moral einfach nur Sozialkonvention. Und so weiter.
      Die moderne westliche Kultur hat als Grundpfeiler den materiellen Wohlstand und die Verehrung wechselnder ideologischer Ersatzreligionen. Sie ist allenfalls historisch die Nachfolgerin der traditionellen westlichen Kultur, oder womöglich ihr gilftiges Zerfallsprodukt. Der Heilige Vater kämpft durch sein Wirken gegen diesen Zerfall an und versucht die Synthese aus Glauben, Vernunft und Recht zu bewahren bzw. wo sie zerstört ist, wiederherzustellen.

      „Errungenschaften der modernen Gesellschaft“
      Ich glaube Ihnen jederzeit, dass Sie persönlich sie nicht mit Indifferentismus usw. gleichsetzen. Die breite Mehrheit der Gesellschaft und sehr viele säkulare Islamkritiker (Wilders, Broder usw.) tun es jedoch. Schauen Sie sich das real existierende 20. Jahrhundert an, dann sehen Sie, was für „Errungenschaften“ die Moderne gebracht hat.

      „Frieden mit der Aufklärung“
      Wer wirklich Frieden mit der Aufklärung machen will, der muss ihre Grundprinzipien als richtig anerkennen. Die „kopernikanische Wende“ in der Philosophie, die von dem Aufklärer Kant ausgerufen wurde, bricht radikal mit der Vorstellung, der Mensch könne überhaupt objektive Wahrheiten über die Welt aussagen. Wir können nur darüber etwas aussagen, wie uns die Welt erscheint, so lautet die neue These. (Subjektivismus) Die aufklärerische Vorstellung von Religion kommt in Lessings Ringparabel zum Ausdruck – alle Religionen sind gleich und keiner weiß, welche wirklich wahr ist. Dies sind nur zwei Beispiele für die Unvereinbarkeit aufklärerischen Denkens mit dem Christentum. Viele weitere ließen sich anführen. Frieden mit der Aufklärung ist daher Kapitulation des christlichen Glaubens und macht ihn fade, uninteressant, nutzlos und damit überflüssig. Wir sehen dies im langsamen Tod der angepassten, modernisierten, „aufgeklärten“ Religionsgruppen und im explosionsartigen Wachsen der unangepassten, die an ihrem traditionellen Glauben und ihrer Religion entschlossen festhalten.

      Zu Ihrem 3. Punkt:
      Ihre Aussage trifft traditionelle Katholiken, Protestanten, Juden ebenso wie die primär wohl gemeinten Moslems. Die oben skizzierten Errungenschaften der Aufklärung, die nun scheinbar mit dem Knüppel der Staatsgewalt durchgesetzt werden sollen, sind in direktem Widerspruch zu jeglichem monotheistischen Glauben, der sich selbst ernst nimmt. Man kann nicht dem Prinzip des religiösen Indifferentismus, der absoluten Autonomie des individuellen Gewissens, dem radikalen Rechtspositivismus und der dadurch stattfindenden Loslösung des positiven Rechts vom moralischen Gesetz usw. zustimmen, ohne wesentliche Grundlagen seines religiösen Glaubens zu opfern.
      Die wehrhafte Demokratie soll sich nun also gegen die „kulturelle Unterwanderung“ durch religiöse Menschen, die die „Errungenschaften“ der Aufklärung ablehnen, wehren. Was soll das bedeuten? Verbot von Missionsarbeit? Glaube nur noch in Gotteshäusern? Verbot von Kruzifixen, Kopftüchern, jüdischen religiösen Zeichen oder was auch immer? Abschaffung von religiösen Schulen, die sich nicht an die herrschende Ideologie anzupassen wünschen? Das konkrete Programm, mit dem sich die „Demokratie“ gegen die „Unterwanderung“ wehren soll, kann eigentlich nur totalitär ausfallen.
      Und die Ablehnung „politischer Majorisierung“ ist einfach nur noch Selbstaufhebung der Demokratie durch Aufhebung des Mehrheitsprinzips.

      • Danke. Wir sind wesentlich weiter auseinander als ich dachte. Sie giessen Ihre Wertung des Ist-Zustandes eines dekanten Lands in Begriffe wie Aufklärung, Westen, Religionsneutral. Kant ist auch kein Zeuge gegen Religion oder gar Gott. Kant misstraute genauso der alleinigen Vernunft und stellte nur klar das man mit den Sinnen die Welt nicht richtig erfassen kann. Das war entscheidend für Kopernikus und Kepler. Richtig ist, ohne diese Wende, auch ohne Trennung von Kirche und Staat wären der Westen (als Hochkultur) noch in einer fundamentlaistischen, rückständigen Welt in der kein Unterschied zwischen Salafisten und Christen besteht. Sind wir aber nicht. Ich verstehe wo Sie hinwollen, aber Ihre Aussagen und Ihrer Einstellung zur Religion will ich nicht folgen. So wichtig Christentum und Gott für den Westen in der heutigen Zeit wäre und für mich sind.
        P.S. Zum Punkt D ist religionsneutral. Sie vergessen das Konkordat. Wenn Sie D heute damit meinen, es ist religionsleer und orientierungslos. Bereit zur Aufnahme einer jeglichen primitiver Religion oder totalitärer Systeme, seien es politischer oder religiöser Art oder voraufklärerischen Religionen die eine Mischform sind. Der meisten im Westen sind im totalen Indifferentismus, sie sind zu Transzendenz nicht mehr fähig.

        • Ja, wir sind sehr weit auseinander. Sie ignorieren nämlich jegliche Vernunftleistung vor der Aufklärungsperiode. Sowohl Kopernikus als auch Kepler waren übrigens lange vor Kant und der Aufklärung, und können deswegen nicht „entscheidend“ von ihren „Errungenschaften“ abhängig gewesen sein. Wenn Sie ernsthaft behaupten, die Gelehrsamkeit des mittelalterlichen Klosters, der mittelalterlichen Universität, die Theologie und Philosophie der Scholastik, Augustinus, die geistigen Leistungen der Renaissance usw. seien auf einer Ebene mit den Salafisten, dann kann ich Ihnen nur empfehlen, sich ernsthaft mit der Geschichte des christlichen Mittelalters zu beschäftigen, anstatt einige Vorurteile einfach zu repetieren.

          Zu Kant: Kant ist ein Zeuge gegen die objektive Wahrheit Gottes, so wie er ein Zeuge gegen die objektive Erkennbarkeit der Wirklichkeit überhaupt ist. Sowohl Sinne als auch Vernunft sind nach Kant gar nicht zur objektiven Erkenntnis in der Lage. Kant nimmt dann Gott als „Postulat der praktischen Vernunft“ an. Das heißt, wir brauchen Gott als Arbeitshypothese für die praktische Vernunft, und besonders die Ethik. Aber die Frage seiner wirklichen Existenz außerhalb unserer Vernunft kann Kant nicht beantworten. Wer Kant folgt, kann damit Gott höchstens noch als menschliches Postulat annehmen, das real sein könnte, oder auch nicht.

          Zur Trennung von Kirche und Staat: Kirche und Staat waren in der christlichen Tradition immer getrennt. Dies ist keine Erfindung der Aufklärung. Es waren immer zwei verschiedene Institutionen, die immer unterschiedliche, wenn auch überlappende, Aufgabenbereiche hatten. (Daher war die Trennung zwar vorhanden, aber nicht absolut.) Bereits Augustinus spricht von dieser Trennung. Die Kirche ist für geistliche Aufgaben, der Staat für das diesseitige Gemeinwohl zuständig. Natürlich gibt es Felder, wo beide Zuständigkeiten besitzen, weil sie sowohl für das geistliche als auch das weltliche Wohlergehen nötig sind. Dort fordert die christliche Tradition eine gedeihliche Zusammenarbeit zwischen beiden. In Fragen des Glaubens und der Sittenlehre ist die Kirche zuständig, und soweit der Staat in diesen Bereichen überhaupt zu handeln unternimmt, muss er es im Einklang mit dem Glauben der Kirche tun. Aber es gibt auch eine Aufgabensphäre, zu der die Kirche nichts sagen kann, und dort ist der Staat vollkommen unabhängig von der Kirche.
          Die katholische Tradition hat diese Trennung immer anerkannt und ist nur selten, wie etwa durch die Zweischwerterlehre, an einen Punkt gekommen, wo sie zweifelhaft wurde. Calvins Theokratie, die protestantischen Nationalkirchen usw. haben mit der katholischen Religion gebrochen und diese Trennung weitgehend aufgegeben.
          Die Salafisten erkennen diese Trennung nicht an. Der tradtionelle Katholizismus tut es, allerdings in gemäßigter, nicht absoluter oder radikaler Form. Das ist der himmelweite Unterschied.
          Seit der Aufklärung wird nun etwas Neues gefordert. Es geht nicht mehr um die in der katholischen Tradition größtenteils selbstverständliche Trennung von Kirche und Staat im oben beschriebenen Sinne, sondern um die Trennung von Religion und Staat. Dies bedeutet, dass religiöse Belange, Ideen und Vorstellungen (wie etwa das menschliche Seelenheil) keine Rolle für die Politik des Staates mehr spielen dürfen, sich alles rein „säkular“ zu rechtfertigen hat. Das ist die „religiöse Neutralität“ des Staates, die ich ablehne. Wenn religiöse Vorstellungen, wie etwa die des Katholizismus, wirklich wahr sind, dann haben sie natürlich einen Einfluss auch auf das weltliche Wohlergehen der Menschen, auf das weltliche Gemeinwohl. Man kann die Religion dann nicht komplett aus der Staatsführung heraushalten.

          • Sie bewegen sich ja schon einige Millimeter in die richtige Richtung. Sie dürfen sicher sein, dass ich die Leistungen von Wissenschaft und Philosophie in der Zeit des Hellenismus und Mittelalter d.h. vor der Aufklärung richtig einschätze und datiere. Wissenschaftsgeschichte und Astronomie sine unter vielem anderen meiner Interesse. Der Einfachheit halber verweise ich auf meine Rezensionen zu diesem Thema: https://www.amazon.de/gp/pdp/profile/AOTI9HNPOKGDI?ie=UTF8&ref_=sv_ys_5
            Die sehr eingeschränkte Anerkennung Gottes von Kant ist ebenfalls klar. Was mir hier wichtig war – Kopernikus durchbrach, wie erwähnt, mit Hilfe eines Konzeptes welches Kant dann formulierte, das ptolemäisches Weltbild. Im Gegensatz zum Islam, der teilweise bis zum Anfang des 19. Jahrhundert daran festhielt. Die Zeit der und nach der Aufklärung führte den drei Kränkungen des Menschen:

             Kopernikanische Kränkung (Erde/Mensch nicht Zentrum der Welt).
             Darwinistische Kränkung (Mensch nicht Krone der Schöpfung).
             Freud (Mensch nicht Herr im eigenen Haus, das Ich vom Unbewussten fremdgesteuert).

            Mein Religionsbegriff komme gar nicht von Kant, noch gar von Freud sondern von C.G. Jung, der seinen Kant aber gut kannte. C.G. Jung ist durchaus üblich (na ja geduldet) in der heutigen katholischen Kirche, auch in dem Teil der nicht den Verirrungen der Verbandskatholiken unterliegt. Allerdings am anderen Ende des Spektrums, als Sie es vermutlich sind. Ich bin wie schon erwähnt papsttreu – dem derzeit lebenden (und dem vorherigen) Papst kann ich intellektuell folgen. Das Weltbild, das ich bei Ihnen spüre, hat mehr mit einem fundamentalistischen Entwurf zu tun als mit einem Christentum, welches den Frieden mit der Aufklärung gemacht hat. Es war hochinteressant mit Ihnen zu diskutieren, denn ein ferner Punkt kann der Ortsbestimmung dienlich sein. Und ja, der Staat steht in den letzten Fragen nicht über dem persönlichen Glaubensbekenntnis der Religion. Aber die Religion steht nur in Religionsdiktaturen über dem Staat. „Gebt dem Kaiser was des Kaisers ist…“

            Und – das glauben Sie doch selber nicht, das im Mittelalter Staat und Kirche getrennt waren. Den Weg dahin können Sie in einem guten Buch lesen – die Kirche der Apostel und Märtyrer. Bschreibt manches was wir heute erleben.

            Mit freundlichen Grüßen http://stottilien.wordpress.com/

  2. Gut auf den Punkt gebracht.

    Der moderne liberale Staat lebt von der deutlichen Abkühlung religiöser Empfindungen in den letzten Jahrhunderten in Europa, unterstützt durch ungeheuren Wohlstand. Dennoch hat auch dieser Staat eine ‚inoffizielle‘ , aber faktisch wirksame Staatsreligion, nämlich den Atheismus, genauer gesagt das Antichristentum. Das wird im Verhalten gegenüber der Kirche immer deutlicher.

    Jetzt bringt dieser Staat selber ‚heiße‘, geglaubte Religion in die europäische Mischung ein, indem er gläubige Einwanderer anlockt. Mal sehen, was geschieht.

    Es ist durchaus vorstellbar, daß gläubige Muslime auch so manchen Christen anfeuern, wieder selber stärker zu glauben. In einem solchen Fall würde sich der Staat dann zur verstärkten Unterdrückung von Christen entschließen, aber den Islam vermutlich fördern, da er ein Feind des Christentums ist und man sich einbildet, diesen Geist danach wieder in die Flasche stopfen zu können.

    • nk,
      es ist ein Pulverfass, das früher oder später hochgehen wird. Der alte chinesische Fluch („mögest Du in interessanten Zeiten leben“) ist wirklich ein Fluch. In der Tat hat die „religiöse Neutralität“ eine kaum zu bremsende Tendenz, zum Atheismus überzugehen. Ob der deutsche Staat bereits inoffiziell atheistisch ist, weiß ich nicht. Er ist jedenfalls auf dem Weg dahin.

  3. „Gib dem Kaiser, was des Kaisers ist…“ Dieses Christuswort wird oft angeführt, auch von höchsten römischen Autoritäten, um angeblich nachzuweisen, dass Jesus Christus selbst, wenigstens ansatzweise, der Religionsfreiheit zugestimmt habe, zumindest der Trennung der staatlichen und der religiösen Sphäre. Mir scheint das absurd. Davon abgesehen, dass Jesus Christus hier auf eine Fangfrage reagiert, war der römische Kaiser der Repräsentant der Besatzungsmacht, welche dem Volk Israel eine begrenzte Freiheit gewährte, den Kult auszuüben und nach den Gesetzen zu leben, die sich aus den Geboten Gottes ergaben.
    Es gibt keine Zeile in den Evangelien, in denen Jesus sich gegen die Grundordnung Israels auch nur ansatzweise gewehrt hätte. Hier standen die Gebote Gottes an erster Stelle, aus diesen Geboten ergaben sich die Gesetze.
    Jesus Christus hat sich zwar gegen eine kleinliche, engstirnige Gesetzes-Geboteauslegung gewehrt, nie aber heidnischen religiösen Vorstellungen irgendeinen Raum gegeben, als wären sie ein Menschenrecht. 🙂 Als gäbe es ein Menschenrecht auf den Irrtum.
    Dass der katholische Glaube niemandem aufgezwungen werden darf, lehrten alle Päpste vor dem Konzil, das vertritt natürlich selbstverständlich auch die Piusbruderschaft.
    Dass es die christliche Nächstenliebe verbietet, Andersgläubigen mit Zwang ihre irrtümliche Religion zu nehmen, ist ebenfalls Lehre der Kirche. Dieses selbstverständliche Gebot der Toleranz heißt aber nicht, die wahre Religion mit den falschen Religionen auf eine Stufe zu stellen und daraus ein Menschenrecht auf den Irrtum zu postulieren. Wie es das II.Vatikanum leider getan hat.

    • Cuppa,
      in unserer heutigen Gesellschaft gilt für uns Christen, dass wir dem Kanzler geben, was des Kanzlers ist. Wir leben in einer heidnischen Gesellschaft, die die Christen allenfalls (noch) toleriert. Dafür ist das Wort Jesu gedacht. Wie Du richtig sagst, kann man damit keine allgemeine Religionsfreiheit begründen, außer man geht schon mit einer relativistischen Religionsauffassung an das Wort heran.

    • Das tut es nicht. “Gib dem Kaiser, was des Kaisers ist…” Dieses Christuswort ist für mich ein Schlüsselzitat der Trennung von Kirche und Staat. Umgang mit anderen Religionen leitet sich von dem Gebot der Liebe ab, heißt aber nicht, die wahre Religion mit anderen Religionen auf eine Stufe zu stellen. Das tut der heutige Papst sicher nicht.

      • Genau. Umgang mit anderen Religionen leitet sich vom Gebot der Liebe ab. Die Irrenden werden toleriert, während sie gleichzeitigzur Umkehr aufgerufen werden, um ihres Seelenheils Willen („extra ecclesiam nulla salus“). Eine komplette, vollständige Trennung von Kirche und Staat (im Gegensatz zu der in meiner obigen Antwort auf Ihren anderen Kommentar beschriebenen teilweisen Trennung) bedeutet, dass der Staat, d.h. in der Demokratie das Staatsvolk, die Wahrheitsfrage ignoriert und damit alle Religionen absolut gleich behandelt. Doch alle Religionen gleich zu behandeln, bedeutet sie auf eine Stufe zu stellen.
        Dem Kaiser zu geben, was des Kaisers ist, bedeutet keine totale Trennung von Kirche und Staat. Es besagt nur, dass es bestimmte Dinge gibt, in denen der Staat echte Unabhängigkeit von der Kirche besitzt. Es besagt nicht, dass der Staat nicht die wahre Religion bekennen oder sie fördern sollte. Es deutet dies nicht einmal an, außer man geht bereits davon aus, dass es so ist, und sucht nur noch eine Rechtfertigung für die vorgefertigte Meinung.

  4. Lieber catocon,

    ich fürchte, ich habe eine ganz andere Einschätzung der Lage als Du:

    Wer Telefon benutzt oder neuerdings Computer, muss zwar nicht aufhören, an göttliche Wunder zu glauben, Gott bewahre, aber kann er ernsthaft davon absehen, in modernen Zeiten zu leben und von diesen Zeiten durchdrungen zu sein? Die Moderne ist eine Wirklichkeit, nicht nur Ideologie, die mittels einer anderen Ideologie aus den Angeln zu heben wäre. Und was ist die Moderne? M. E. beides: Aufklärung und (als Gegenbewegung) Romantik, Materialismus und Spiritualismus, religionsfreundlich und religionsfeindlich, wissenschaftlich und abergläubisch, permissiv und repressiv. Man könnte diese Liste fortsetzen und in dem Paradox zusammenfassen: Die Moderne ist die Einheit von Moderne und Antimoderne.

    Ferner: Kann man es als Zufall abtun, dass moderne Gesellschaften auf christlichem Boden erwachsen sind? Ja, ist diese säkulare Gesellschaft nicht ein Kind des Christentums, wenn auch aus orthodoxer Sicht ein illegetimes? Mir fällt es jedenfalls schwer die „Moderne“ oder moderne westliche Gesellschaften in toto zu verketzern, es sind m. E. korrigierende Eingriffe erforderlich. M. E. ist das auch die Linie von Papst Benedikt XVI.

    Zum Islam kann ich eigentlich wenig sagen, dazu kenne ich mich kaum oder nur rudimentär aus, sowohl was seine Theologie als auch seine soziale Ausprägung anbelangt (so weit ich weiß, gibt es eben mehrere Ausprägungen und Auslegungstraditionen, also wahrscheinlich nicht den Islam schlechthin). Was ich jedoch kenne, hat meine religiöse Neugier kaum geweckt, ich stufe die Faszinationskraft der christlichen Botschaft prima vista wesentlich höher, aber auch als anspruchsvoller ein – insofern sehe ich abstrakt wenig Grund, mich vor dem Islam zu „ängstigen“ oder vor Koran-Verteil-Aktionen (beunruhigend daran dürfte ja wohl allenfalls sein, dass diese salafitische Bewegung offenbar über potente Geldgeber verfügt), die Kirche müsste eben die christliche Botschaft offensiver verkünden. Religionsfreiheit hin oder her: Das geht doch. Die Kirche nutzt doch die vorhandenen Freiheitsräume zu wenig. Sie ist m. E. nicht in erster Linie von modernen Götzen gelähmt, sondern von sich selbst: Man hofft, die institutionelle Ausprägung durch Anpassung zu erhalten, das ist doch der Punkt. Außerdem meine ich zu beobachten, dass die Kirche sich nur sehr langsam auf neue Lagen einstellen kann und der Zeit so hinterherhinkt. Einstellen heißt nicht anpassen – oder so, wie man sich in einem Kampf auf die Angriffe des Feindes einstellen muss, um sie parieren zu können. Außerdem sollte man selbst mal in die Offensive gehen: Die Zeit des Catenaccio ist auch im Fußball vorbei.

    • ChB,
      „Wer Telefon benutzt oder neuerdings Computer, muss zwar nicht aufhören, an göttliche Wunder zu glauben, Gott bewahre, aber kann er ernsthaft davon absehen, in modernen Zeiten zu leben und von diesen Zeiten durchdrungen zu sein?“
      Telefon und Computer sind an sich neutrale technische Geräte. Sie zu benutzen gehört zu dem, was ich „in der modernen Welt leben“ nennen würde. Ich glaube, Katholiken sollten „in der Welt“ sein, also auch die technischen Innovationen nutzen, aber nicht „von der Welt“. Und die modernen Irrtümer zu übernehmen, wäre ein Beispiel für das letztere.
      Du beschreibst sehr schön, wie die Moderne im Grunde immer aus zwei entgegengesetzten Tendenzen besteht. Das ist vollkommen richtig. Die Moderne stellt den Zerfall einer vollständigen, integrierten christlichen Weltsicht dar. So zerfällt die Synthese zwischen Vernunft und Glauben in eine rationalistische Aufklärung und eine gefühlsduselige Romantik. Beide für sich genommen ganz nett. Aber sie müssten einander ergänzen. Das tun sie in der Moderne eben nicht. Dieser Zerfall ist charakteristisch für die Moderne und der Hauptgrund, weshalb ich sie so vehement ablehne.
      Die Moderne ist das, was herauskommt, wenn die Christenheit zersplittert. Das ist auch der Grund, warum die Moderne gerade hier entstanden ist. Das ist tatsächlich kein Zufall. Sie ist der Scherbenhaufen, der von der Zerstörung einer christlichen Kultur übrig bleibt. Alle guten Eigenschaften kommen weiterhin in ihr vor, aber nunmehr in scheinbar unversöhnlichen Gegensatzpaaren, Fragmenten der Wahrheit, wie Du einige nennst. Individualismus und Kollektivismus, Nationalismus und Internationalismus, und viele mehr ließen sich hinzufügen. Wenn wir uns mit diesem Scherbenhaufen, mit diesen vielen kleinen Fragmenten des Guten und Wahren abfinden, wie Du – soweit ich Dich verstanden habe – empfiehlst, geben wir das Ziel auf, die Scherben wieder zusammenzusetzen.
      In diesem Sinne geht es auch nicht darum, die Moderne als Ganze „zu verketzern“, sondern den Scherbenhaufen wieder zusammenzusetzen und zu reparieren. Das erfordert allerdings weit mehr als nur ein paar „korrigierende Eingriffe“. Fast alle heute öffentlich geführten Debatten gehen an den eigentlich bedeutsamen Fragen vorbei. Es wird gestritten, ob das eine oder das andere Fragment nun richtig sei, und die Anhänger der verschiedenen Fragmente steigern ihr Bruchstück der Wahrheit zu einer (nicht selten mörderischen) Ideologie. In Wahrheit gehören diese Fragmente alle zu einem kohärenten Ganzen. In einem anderen Bild ausgedrückt ist die Moderne so etwas wie ein universelles Lösungsmittel; eine Säure, die alles auflöst, was mit ihr in Berührung kommt. In dieser Säure zu baden, heißt selbst aufgelöst zu werden. Wie wir an den Religionsgruppen sehen, deren Anpassung an die Moderne über die Nutzung mancher ihrer technischen Fortschritte hinausgeht. Sie schmelzen immer mehr zusammen, und eines Tages wird es sie nicht mehr geben. Sie werden aufgelöst worden sein.
      Dass die Kirche die Botschaft offensiver verkünden sollte, dürfte zwischen uns allerdings Konsens sein. Das Fehlen der offensiven Verkündigung ist eine Folge der langsamen Zersetzung durch die Anpassung an die Moderne. Der Glaube ertrinkt im See des Relativismus, wenn er erst einmal hineingestiegen ist, um nicht als unmodern (oder, Gott bewahre, „antimodern“) zu gelten.

      • Hui – da sind jetzt viele Themen angesprochen: Verzettelungsgefahr!

        Mein Eingangssatz bezog sich auf einen der Väter moderner Bibel-Exegese, Bultmann, der eben meinte, wer Telefone benutzt, könne nicht an göttliche Wunder glauben. Dieser Ansicht bin ich natürlich nicht. Aber nicht der Meinung, dass technische Innovationen einfach neutral sind. Sie entstehen ja schon in einem bestimmten, keineswegs neutralen Kontext und also zu einem bestimmten Zweck. Es macht einen Unterschied, ob in einer Gesellschaft das Buch oder das Fernsehen oder das Internet Leitmedium ist. Die Beschleunigung „modernen Lebens“ wäre ohne technische Innovationen gar nicht möglich, und der geistige Zustand einer Gesellschaft verändert sich durch diese Beschleunigung, um ein simples Beispiel zu wählen. (Das meine ich jetzt keineswegs im Sinne eines marxistischen Materialismus, im Gegenteil, diese technischen Innovationen werden ja durch einen bestimmten Geist angezettelt). Das aber nur am Rande.

        In Bezug auf die Moderne: Diese Aufspaltung, die in der Moderne stattfindet, ist genau mein Kritikpunkt. Da stimme ich mit Dir überein. Ich stimme auch mit Dir überein, dass es darum geht, diese Splitter zusammenzufügen. Als einzelner Christ bin ich ja zu einer integralen Sicht aufgerufen – wobei ich unter integral verstehe: Alle (meine) Lebensbereiche auf den Dreifaltigen Gott zu beziehen bzw. von Gott her bestimmen zu lassen.

        Nun ein paar Aber:
        1. diese moderne Aufspaltung setzt Kräfte frei. Der Vergleich mag zwar hinken, trotzdem musste ich unweigerlich an Kernspaltung denken: So wie ein Atom gespalten wird und dadurch Energie gewonnen, wird der Mensch atomisiert (individualisiert), gespalten und setzt Energie frei. Daraus gewinnen moderne Gesellschaften ihre Produktivität. Das ist so hochgefährlich wie effizient. Zerstörung ist aber eben ein produktiver Faktor.
        2. ist die Moderne nicht nur die Zerstörung christlicher Kultur, man kann darin auch ihre säkulare Nachahmung sehen, nur ohne jede transzendente Ausrichtung. Man will das Reich Gottes mit rein irdischen, also technischen Mitteln errichten.
        3. bin ich skeptisch, was den (Wieder-)Aufbau einer christlichen Kultur betrifft. Das christliche Mittelalter ist für mich Geschichte: So wie’s war, wird’s nie mehr sein. Trotz aller Mittelalter-Romantik sollte man sich damit abfinden, jedenfalls sich nicht davon verhexen lassen oder darin ein verlorenes Paradies sehen. Es gibt auch keinen Masterplan zum Aufbau einer christlichen Kultur (und wenn es einen gibt, ist der Gott vorbehalten und insofern verborgen). Praktisch ist es auch kaum vorstellbar, dass sich alle christlichen Gemeinschaften wieder unter dem Dach der einen Kirche vereinen.
        4. wenn man gewisse apokalyptische Winke aus der Hl. Schrift beachtet, ist die Zerstörung der Kirche oder des Christentums Teil der göttlichen Vorsehung, vgl. 2 Thessalonicher 2.
        5. gehört auch die säkulare Moderne zur göttlichen Vorsehung, was nicht heißt, die Moderne einfach zu affimieren: Aber erinnert die Moderne den Christen nicht daran, dass die Welt für ihn nicht der Schlusspunkt ist? Rein spekulativ: Hat Gott die Zerstörung einer christlichen Kultur nicht zugelassen, weil auch in einer christlichen Kultur die Gefahr groß ist, dass der Christ sich irdisch einrichtet und vergisst, dass er ein Fremdling auf Erden ist, wie es im Hebräerbrief heißt. Auf eine andere Ebene transponiert: Die irdische Existenz eines Christen bleibt immer Fragment, jede christliche Kultur bleibt bis zur Wiederkunft Christi Fragment. Das Fragmentarische ist insofern dem Christentum inhärent.

        • ChB,
          was die Technik betrifft, sind wir uns einig. Natürlich hat sie selbst wieder Auswirkungen auf die Gesellschaft und entsteht in einem bestimmten gesellschaftlichen Kontext. Ich meinte, dass ihre Nutzung moralisch und theologisch neutral ist.
          Nun zu deinen durchnummerierten „Abers“
          1. Ja, Zerstörung ist produktiv. Sie setzt Energie frei. Aber das, woraus die Energie freigesetzt wird, ist am Ende immer noch zerstört. Das heißt: Es gibt eine relativ kurzlebige Kreativität, die ins nichts fällt, wenn die Substanz einmal verzehrt ist. Die Moderne lebt von einer Substanz, die sie nicht selbst bereitstellen kann.
          2. Einverstanden.
          3. Ich bin auch skeptisch, was die Wiederherstellung der christlichen Kultur betrifft. Meine bisher sehr geringfügige Beschäftigung mit der, sagen wir mal, endzeitlichen Thematik bringt zu der (natürlich spekulativen, und keineswegs datierbaren!) Annahme, dass wir uns ihr langsam aber sicher nähern könnten, und dass sie näher ist, als wir vielleicht meinen würden. Doch das ist nur ein Eindruck, und wirklich viel können wir darüber nicht wissen. Zu 3. bin ich also auch eher einverstanden.
          4. Einverstanden.
          5. Auch hier sind wir uns einig. Die Gefahr des Sich-Einrichtens in einer christlichen Gesellschaft ist tatsächlich groß. Insofern kann man die Moderne als Segen betrachten, weil sie uns aus der Lethargie herauszwingt, wenn wir der Kirche und ihrem Herrn weiter treu bleiben wollen. Doch in diesem Szenario ist die Moderne, wie der Heilige Vater sagt, Herausforderung, und nicht etwas, an das man sich positiv anpassen, oder mit dem man sich abfinden müsste. Ein möglicher Vergleich wäre eine Häresie, die die Kirche dazu zwingt, den eigenen Glauben präziser und schärfer zu fassen, wie es in der Geschichte ja oft vorgekommen ist. Die Kirche müsste sich nach diesem Verständnis dann von der Moderne abgrenzen, ihre gedankliche Grundlage als Irrweg bekämpfen, und natürlich zugleich die guten Elemente, wie etwa medizinischen Fortschritt usw., akzeptieren und gut heißen.
          Dass die Kirche und die anderen christlichen Gemeinschaften heute eher dazu neigen, die Moderne unkritisch hinzunehmen und sich ihr folgsam anzupassen, liegt aus meiner Sicht auf der Hand. Und das ist eine falsche Herangehensweise. Hier haben die Salafisten uns tatsächlich etwas voraus. Sie begreifen den Gegensatz zwischen ihrem Glauben und der modernen Gesellschaft des Westens kristallklar. Christen könnten dies auch tun, wenn sie wollten, und dann wäre ihr Glaubenszeugnis weitaus schärfer als heute. Und die moderne Gesellschaft und ihre Anhänger würden ein solches klares Zeugnis als Kampfansage verstehen. Natürlich könnten die Christen noch weitaus mehr. Sie könnten eine sinnvolle Synthese bieten, die den Salafisten vollkommen fehlt.

          Ich glaube, wir sind am Ende gar nicht so weit auseinander, wie es auf den ersten Blick erscheint. Du kannst mir natürlich gern widersprechen.;)

          • Grundsätzlich sind wir wahrscheinlich nicht weit auseinander; in der Anwendung dieser Grundsätze vielleicht schon:

            Der (Pierre Vogel-) Salafismus erscheint mir auf den ersten Blick ziemlich geistlos. Auf diesem Niveau kann man es, meine ich, nicht mit modernem Denken aufnehmen. Allerdings erscheint mir die salafistische Idee selber schon ziemlich modern: Zu denken, dass man – so verstehe ich die Idee des Salafismus – nahtlos, über einen zeitlichen Graben von mehr als 1000 Jahren, an die Zeit des Propheten anknüpfen könnte. Für eine Buchreligion mag das noch plausibel erscheinen, wenn auch von einem reflektierten Standpunkt aus völlig naiv. Offenbar hat man ein Lese-Verständnis, als würde ein Text sich selber auslegen und könnte von sich aus diesen zeitlichen Graben überbrücken. Das ist weder modern noch vormodern, sondern dumm. (Man vergleiche damit die Auslegungstradition, wie sie im rabbinischen Judentum oder im katholischen Christentum gepflegt wird).

            Auf das Christentum übertragen, landet man dann im Protestantismus. Ich weise darauf hin, dass die Reformatoren die Kirche nicht „modernisieren“, nicht „der Zeit anpassen“ wollten, sondern, im Gegenteil, sie wollten zum Ursprung. Sie wollten die Tradition durchstreichen oder zumindest an einem idealen „Ursprung“ messen. Dieses Experiment ist wohl gründlich schiefgegangen: Entweder verschwimmt der Ursprung, will man ihn allein anhand von Texten rekonsturieren, im Ungefähr oder man landet bei einem höchst zeitgenössischen Bild dessen, was man für den Ursprung hält. Entweder hat man also nichts oder eine Fiktion.

            Andere Beispiele:
            Die Liturgiereformer haben sich bei ihrer Reform ja, soweit ich weiß, an der frühchristlichen antiken Gestalt der Liturgie orientieren wollen, wie sie aus Texten rekonstruierbar ist, das Ergebnis könnte zeitgenössischer nicht sein, das heißt, es ist in meinen Augen überhaupt nicht zeitgenössisch, sondern eher im Irgendwo angesiedelt.
            Daneben gibt es theologische Strömungen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, das Christentum von (angeblich) hellenistischen Einflüssen zu befreien, mit dogmatisch weitreichenden Konsequenzen (Ganztodtheorien etc.), auch dagegen kämpft Benedikt XVI. vehement als Papst und als Theologe, und neuere Forschungen bestätigen ihn darin. Auch das: ein Grille.

            Der Katholik glaubt aber, dass der Ursprung in der Kirche stets gegenwärtig ist, am sinnfälligsten wohl in der Hl. Eucharistie. Für den Katholiken, würde ich sagen, kann der Ursprung deshalb nur in der Gestalt gefunden werden, die er durch die Tradition gewonnen hat. Es mag Elemente geben, die diesen Ursprung verdunkeln, aber bei der Entfernung dieser Elemente ist höchste Vorsicht geboten, es bedarf dafür eines Neurochirurgen und keiner Abrißbirne. Anders gesagt: Der Katholik glaubt an das organische Wachstum aus der Tradition, die er unter Obhut des Hl. Geistes weiß.

            Das, meine ich, ist der Standpunkt, von dem aus man die Moderne kritisiert: dass sie die christliche, organisch gewachsene Tradition meint abschütteln zu können und! durch künstliche (heidnische Antike) oder gar andere Kulturen (Buddhismus) oder Traditionslosigkeit ersetzen zu können, sich eine eigene Traditon nach Belieben schaffen zu können, als wären Traditionen und Kulturen irgendwelche Substanzen in Reagenzgläsern.

            Es ist natürlich eine Frage, wie man Begriffe definiert, aber letztlich denke ich, dass es gar nicht notwendig ist, sich gegen die „Moderne“ abzusetzen. Wer sich mit modernen Einwänden gegen den christlichen Glauben auseinandersetzt, wird doch schnell feststellen, dass diese Einwände gar nicht so modern, im Sinne von neu sind. Über die leibliche Auferstehung Christi hat man auch schon in apostolischer Zeit die Nase gerümpft; dass der Mensch Maß aller Dinge sei, ist eine sophistische These; die Theodizee-Problematik findet sich auch schon bei Epikur? (bin mir nicht ganz sicher) formuliert.

            Letztlich ist die Überzeugung eines Christen doch, dass das Neue vor 2000 Jahren in der Inkarnation des Gottessohnes, seines erlösenden Kreuzestodes und seiner leiblichen Auferstehung stattgefunden ist. Diese Botschaft hat in diesen 2000 Jahren nichts von ihrer Neuheit eingebüßt und ist insofern modern und fortschrittlich. (Das klingt sowohl bei Papst Benedikt XVI. als auch bei Chesterton des Öfteren an). Nicht die Christen, die daran glauben, hinken somit der Zeit hinterher, sondern diejenigen, die so tun, als könnten sie diese Botschaft ignorieren. Diese befinden sich zwar auf einer Jagd nach Neuem, finden aber immer nur das Alte.

            • ChB,
              der Islam ist, wenn man die Parallele einmal ziehen möchte, so etwas wie eine „sola scriptura“ Religion. Dem Islam fehlt ein Lehramt, eine verbindliche Autorität, die den islamischen Glauben festlegt. Chesterton und Hilaire Belloc bezeichnen, soweit ich weiß, den Islam als „christliche Häresie“; in diesem Sinne wäre die Verwandtschaft mit dem Protestantismus besonders augenfällig. Es gibt ja auch protestantische Fundamentalisten, die in vielen Dingen an die radikalen Islamisten erinnern (wenn sie auch seltener terroristische Akte begehen).

              Natürlich ist die christliche Botschaft im wahren Sinn des Wortes fortschrittlich, und die der Salafisten rückschrittlich, weil sie dem Menschen den Weg weist, auf dem sich das Fortschreiten allein lohnt. Sie ist das einzige, was den Menschen von der Sklaverei abhält, ein Kind seiner Zeit zu sein, wie Chesterton das formuliert. Dennoch ist der vom Christentum gedachte und gewünschte Fortschritt von ganz anderer Art als der falsche Fortschritt, den die Moderne uns zu bieten hat. Fortschritt bedeutet in der Moderne immer Kampf gegen natürliche und göttliche Ordnungen, um sie durch vom Menschen erzeugte Ordnungen zu ersetzen, mit dem Ziel der Schaffung eines irdischen Paradieses, das sich allerdings in materiellem Wohlstand und subjektivem Wohlbefinden erschöpft.

              Die Feinde des Christentums übernehmen dabei natürlich die alten Argumente, die längst alle ausführlich diskutiert worden sind. Da hast Du vollkommen recht. Trotzdem bleibt dem Gegensatz zwischen Moderne und Christentum eine herausgehobene Stellung. Der Gegensatz ist besonders grundsätzlich. Er geht an die Substanz, wie man sagt. Nicht nur dieses oder jenes Dogma wird geleugnet, sondern die Möglichkeit von Dogma, von verbindlichen Wahrheiten, überhaupt. Nicht diese oder jene moralische Regel, liturgische Form, gesellschaftliche (oder kirchliche) Tradition usw. wird bezweifelt, sondern die Existenz des moralischen Gesetzes, des Ritus, der Tradition usw. überhaupt. In allen Zeiten haben die Menschen z.B. gegen das moralische Gesetz verstoßen. Aber nur in der Moderne, bzw. Postmoderne, finden wir die Ablehnung des Gesetzes auch in der Theorie durch die große Masse der Menschen.

              Die Anhänger der Moderne werden nicht eher ruhen, bis jede Spur einer höheren Ordnung, die vom Menschen Gehorsam verlangt, vom Antlitz der Erde getilgt und durch die Schöne Neue Welt ersetzt worden ist, in dem alles vom Menschen, durch den Menschen und für den Menschen ist. Ähnelt nicht dieses Unterfangen in beunruhigender Weise dem globalen Nachvollzug der Handlung, die in Gen 3 beschrieben wird und erweist sich dadurch als direkte Antithese und (trotz aller oberflächlichen Ähnlichkeiten) totale Negation der christlichen Religion?

              • Ich stimme Dir weitgehend zu. Die Moderne bildet natürlich einen krassen Gegensatz zum Christentum, soweit sie eine „Los von Gott“-Bewegung darstellt oder mit Nietzsches tollem Menschen den Tod Gottes verkündet.

                Vielleicht ein paar Einwände oder Ergänzungen:

                So wie der Islam hat die Moderne auch kein Lehramt. Es ist daher schwierig, modernes Denken auf bestimmte Positionen festzunageln. Und wenn man so etwas wie ein modernes Lehramt annimmt und so etwas wie unumstößliche Axiome extrapoliert, würde man ja bei einem Dogmatismus landen, den modernes Denken, wie Du ja richtig sagst, eigentlich negiert.

                Wenn man sich umguckt, stößt man aber tatsächlich auf so etwas wie moderne Dogmen. Dass Gott keine Wunder wirken soll, wäre so ein Dogma, auch wenn es das christliche Dogma negiert. (Zugleich aber umarmt man Bäume oder glaubt an ein Wassermannzeitalter). Oder: Wenn Homosexuelle dafür eintreten, ihre sexuelle Präferenz für natürlich und normal zu halten, behaupten sie damit eine zeitübergreifende Wahrheit. Auch wenn das so formuliert wird, als ginge es um Zeitgemäßheit. Derjenige, der eine solche Position vertritt, meint doch wohl recht verstanden folgendes: Zu keiner Zeit gab es rationale Gründe dafür, Homosexualität als moralisch verfehlt anzusehen, diese Erkenntnis hat sich aber erst mit der Zeit durchgesetzt. Mag man früheren Generationen diesen Irrtum noch verzeihen, so kann man ihn heutigen Menschen nicht mehr verzeihen. Und er meint doch m. E. nicht: Homosexualität für eine natürliche, normale, nicht-pathologische Variante menschlicher Sexualität zu halten, ist heute zeitgemäß, morgen kann das schon wieder ganz anders aussehen, wenn uns die Wissenschaft andere Erkenntnisse liefert oder sich die Mehrheitsmeinung wandelt, aber der heutige Mensch hat sich an das Heute zu halten. Man ist wohl auch nicht kulturrelativistisch bereit, islamischen Staaten die Tötung von Homosexuellen zuzugestehen. Nein, das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung wird universell, kulturübergreifend und insofern absolut proklamiert.

                Ein moralischer Subjektivismus oder Relativismus ist in sich unlogisch, jedenfalls dann, wenn er normative Geltung beansprucht. Ich traue keinem modernen „Relativisten“ die Dummheit zu, im Angesicht seines Möders zu sagen: Gut, ich trete zwar für Leben und körperliche Unversehrtheit ein, finde es aber okay, wenn du aus deiner Perspektive eine andere Ansicht hast und mich jetzt tötest. (Damit wird auch deutlich, wohin eine solche Position führt: zum Recht des Stärkeren.)

                Insofern denke ich nicht, dass modernes Denken die Möglichkeit von Dogmen leugnet. Was der Kirche zusetzt, ist doch, dass sie bestimmte Positionen – z. B. zu Homosexualität und Frauenordination – ändern soll. Dieses Ansinnen kann aber nicht ernsthaft vertreten, wer nicht von verbindlichen Normen – etwa vom Gleichheitsgrundsatz oder einer kurzsichtigen Interpretation desselben – ausgeht. Denn nur relativistisch kann man nicht begründen, wieso die Kirche ihre Standpunkte ändern sollte. Hinter diesem Relativismus verbirgt sich doch ein gar nicht so zahmer Absolutismus – und die Frage stellt sich dann, was hinter diesem Absolutismus steht: Wenn der christliche Gott als Quelle wegfällt, weil man ihn für inexsistent hält, bleibt dem abendländischen Menschen nur die Vernunft. Die Zulänglichkeit menschlicher Vernunft oder überhaupt die Vorstellung einer universellen (kultur- und zeitunabhängigen) Vernunft ist jedoch wiederum nagenden (postmodernen) Zweifeln ausgesetzt (und allein durch sein Vertrauen in die menschliche Vernunft wird Papst Benedikt XVI. zum Exoten, dieses Vertrauen hängt aber an der Annahme eines Schöpfergottes, wobei es nicht ausreicht, diesen Gott, wie Kant, lediglich als regulative Idee zu installieren): Woher sollte die menschliche Vernunft ihr Vermögen, verbindliche Wahrheiten und verbindliche Normen zu erkennen, beziehen? Wodurch ist diese Vernunft gerechtfertigt? Nietzsche, meine ich, hat dieser Selbstrechtfertigung der Vernunft eine deutliche Absage erteilt.

                Wenn man dem modernen Denken folgt, gerät man, denke ich, unweigerlich an folgende Gabelungen: Entweder brütet man mit der menschlichen Vernunft darüber, ob die Vernunft wahrheitsfähig ist, und richtet sich also in der Unentscheidbarkeit ein (wohl: Agnostizismus); oder man geht, wie einige Denker, tatsächlich ins Nichts. (Dieser Nihilismus wäre konsequent, ist aber sozial nicht praktikabel und unbequem. Dieser würde auch jeden Subjektivismus und Humanismus tilgen.) Oder man entscheidet sich für Gott. Jedenfalls muss man sich entscheiden; dass man sich entscheiden muss, ist christliche Überzeugung.

                Oh je, das ist doch ziemlich ausgeufert.

                Dennoch einen schönen Sonntag.

                • ChB,
                  kein Problem, Kommentare müssen so lang sein, dass man das sagen kann, was man sagen möchte.

                  Inhaltlich kann ich Dir auch im Wesentlichen zustimmen. Die Moderne hat kein Lehramt, sie ist in der Praxis auch gar nicht relativistisch, sondern vertritt ihre Überzeugungen mit dem Eifer des von ihr verteufelten religiösen Fundamentalisten. In diesem Sinne leugnet sie die Möglichkeit von Dogmen in der Praxis tatsächlich nicht, auch wenn sie in der Theorie darauf besteht. Es ist ein Selbstwiderspruch. Woher kommt er? Sie vermag zwar außerhalb der materiellen Sphäre keine eigenen positiven Werte hervorzubringen (siehe „The Abolition of Man“ von C.S. Lewis), aber sie kann mit religiösem Eifer die positiven Werte des Christentums und jede nicht vom Menschen erfundene Ordnung angreifen, um sie zu zerstören.

                  Die Moderne hat keine eigene Substanz. Sie lebt von der Negation. Die Negation ist daher notwendig von dogmatischem Charakter. Alles ist erlaubt, außer an einer nicht vom Menschen erfundenen Ordnung festzuhalten, der der Mensch sich unterwerfen soll.

                  Natürlich kann man nicht alle modernen Ideen in einen Topf werfen, und es gibt sinnvolle und notwendige Differenzierungen zwischen verschiedenen Denkrichtungen, wie etwa den Rationalisten, Postmodernen, Nihilisten usw. Doch sie haben alle gewisse Gemeinsamkeiten, die meines Erachtens diese zusammenfassende, fast pauschale Art des Sprechens von „der Moderne“ rechtfertigen.

                • Zustimmung. Kenne deinen Feind und kenne dich selbst, und in hundert Schlachten wirst du nie in Gefahr geraten (Sun Tsu). Ein klasse Idee den „Feind“ zu definieren. Die sogenannte böse Moderne, definiert wie ich es im Blog verstand: Kant, Postmoderne, Nihilismus, Relativismus, Aufklärung, Wetelosigkeit usw. Nur leider ist die deutsche Misere – die „böse antireligöse Moderne“ ( ich vermute gemeint ist hauptsächlich die Postmoderne) eben nicht in Kants Idealismus un in der Vernunft begründet, sondern im deutschen Nihilismus (Nietsche) und französischem Jakobinertum (Rousseau). Der deutsche Idealismus mündete ja in den Mythos eines Vernunftglaubens mit starken Bezügen zur deutschen Romantik die Kant eigentlich auf den Kopf stellt. Nach Nietzsche braucht nur der Schwache eine Religion und Moral. Der freie Mensch fordert heute den starken Staates mit institutionalisierten Positivismus, der einen Religionsersatz darstellt. Ziemlich viele Widersprüche? Korrekt, daher würde ich das „Böse Moderne“ für Deutschland so definieren

                  -Absage an Aufklärung und Vernunft (ratio)
                  -Hinwendung zu Emotionalität und Mythos eines (heimlich abgelehnten)Vernunftglaubens
                  -Ablehnung eines universalen Wahrheitsanspruchs im Bereich Philosophie und Religion
                  -Hinwendung zu moralischem Subjektivismus oder Relativismus mit Fraktionalisierung in widersprechende Gruppen
                  -Absage an traditionelle Bindungen und Solidarität mit Bekämpfung des autonomen Subjekts durch Bevormundung
                  -Hinwendung zu radikaler Pluralität mit Unterdrückungstendenzen (oft der Mehrheit) im Namen von Toleranz und Freiheit
                  -Feminismus und Multikulturalismus
                  -Dekonstruktion als Mittel der Manipulation

                  Dieses Moderne hat dabei eine eher irrationale Substanz und lebt in der Tat von der Negation und Dünkel des Übermenschen der Gott nicht braucht. Einzig positive besetzte Konzept sind die des „edlen Wilden“ von Rouseau und „Ich leide also bin ich“ (Bruckner).
                  Wer weiterlesen will (und wenn der Moderator den Link erlaubt) http://wp.me/p2bcCT-kV

  5. Der Islam ist absolut demokratiefeindlich und absolut intolerant gegen jede andere Religion. Der Koran ruft aktiv zum Töten von Juden und „Gottlosen“ auf. Deshalb – und nur deshalb! – muss das Verteilen des Korans als Aufruf zum Kampf gegen die Demokratie und als Aufruf zum Töten von Juden oder Andersgläübigen, bzw. „Gottlosen“ gewertet und ernstgenommen werden und kann mit keiner Gesetzesgrundlage eines westlichen Staates als erlaubt gelten.

    • Thysus,
      das ist eine zu respektierende theologisch-moralische Argumentation, dass eben nicht alle Religionen gesetzlich gleich zu behandeln sind, sondern manche Religionen (namentlich der Islam) ihrer Natur nach gewalttätig sind. Ich würde das etwas differenzierter sehen, weil es nachweislich auch Auslegungstraditionen im Islam gibt, die eine andere Deutung vornehmen, ebenso wie es auch in der Bibel Stellen gibt, die sich, mit der richtigen Ideologie oder bösem Willen im Hintergrund, ähnlich auslegen lassen. Es bleibt trotzdem eine logische, sinnvolle Ansicht.
      Es ist nur nicht die Argumentation, die generell in der Öffentlichkeit vorgebracht wird, und gegen die sich der Artikel hauptsächlich richtete, dass nämlich der Islam vornehmlich eine Bedrohung für die moderne westliche Kultur sei. Das ist nämlich das Christentum, wenn es nicht angepasst und abgeschwächt wird, auch.

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