Keine natürliche Hoffnung (Teil 1/2)

Dies ist der erste Teil einer zweiteiligen Artikelreihe. Der zweite Teil wird voraussichtlich morgen veröffentlicht.

Betrachtet man die Lage der westlichen Kultur und der christlichen Religion, auf der sie basiert, so muss man eigentlich zu dem Ergebnis kommen, dass es keine Hoffnung mehr gibt. Seit dem 16. Jahrhundert, in dem allgemein die Entstehung der Moderne angesetzt wird, geht es eigentlich mit der Christenheit bergab. Erst die protestantische Revolte gegen die Kirche, die sich einiger real existerender Missbräuche bediente, um gegen die kirchliche Autorität und das Papsttum aufzuwiegeln, dann die geistige Wende fort von der klassischen Philosophie, eingeleitet von so unterschiedlichen Denkern wie Bacon, Descartes, Hobbes und Locke. Beide Tendenzen, sicher nicht unabhängig voneinander, führten gemeinsam zu einer fortschreitenden Auflösung genau jener Weltsicht, die bis dahin die Grundlage der christlichen Religion, und damit eine der wesentlichen Grundpfeiler der westlichen Kultur gewesen war. Hier ist nicht der Ort, auf die genaue Natur dieser sehr vielfältigen Veränderungen einzugehen – ich möchte lediglich auf ein interessantes Buch von Charles Taylor verweisen, in dem wesentliche Aspekte dieser Veränderung betrachtet werden.

Der Paradigmenwechsel hin zur Vorherrschaft des individuellen Gewissens anstelle kirchlicher Autorität zerstörte die Einheit der Christenheit in Europa. Die Spaltung war keine Spaltung der Kirche, sondern eine Abspaltung von ihr, aber sie war eine Spaltung der Christenheit. Als solche war sie schon destruktiv genug, doch das ist nicht alles. Da sich aus der Schrift allein nur sehr wenig schlüssig und ohne möglichen Widerspruch begründen lässt (wie spätestens die modernen ahistorisch-unkritischen Bibel-„Wissenschaftler“ unwiderlegbar beweisen haben), war der protestantische Teil des Glaubens entweder zum Indifferentismus oder zur ständigen Aufspaltung in immer kleinere Sekten gezwungen. Beides geschah unvermeidlich. Die Hoheit des individuellen Gewissens verunmöglichte jede Unterordnung unter die Offenbarung. Denn was die Offenbarung war, bestimmte wieder der individuelle Mensch durch sein imperiales Gewissen. Religion wurde so unvermeidlich, zuerst unbewusst, später mehr und mehr eingestandenermaßen, zum Ausdruck individueller, gewissenhafter Präferenzen, und konnte, sollte, durfte nicht mehr als Unterordnung unter die von Gott geoffenbare Wahrheit verstanden werden.

Vor diesem Hintergrund ist auch leicht verständlich, warum die Kriegswirren des 16. und 17. Jahrhunderts schließlich zur Festigung des Indifferentismus in den gebildeten Kreisen führten, und so den Grundstein für die „Aufklärung“ legten. Warum sollte man sich über bloße individuelle Präferenzen auch streiten? War nicht das Wichtigste, dass wir, egal welche Streitigkeiten über religiöse Dinge wir auch haben mögen, alle unterschiedlichen religiösen Ansichten tolerierten, und uns auf das konzentrierten, was uns einte? Und das war eben das gemeinsame Bekenntnis zur Verbesserung der diesseitigen Welt. Alles andere konnte, sollte nur noch Privatsache sein.

Gleichzeitig lehnte die moderne Philosophie die klassische Konzeption der natürlichen Teleologie ab. Entscheidend waren nicht mehr aristotelische „Zweckursachen“, die einfach geleugnet oder zumindest für überflüssig erklärt wurden. Alles sollte nun einer materiellen, wissenschaftlichen Erklärung zugänglich sein. Für Descartes gab es die denkende Substanz, die rein geistig und körperlos ist, und die materielle, körperliche Substanz, die nichts Geistiges mehr an sich haben dürfte. Diese Radikalisierung des Dualismus von Körper/Materie und Geist/Seele entfernte aus den materiellen Dingen jede Spur des Geistigen, so dass sie auf eine neue Weise grenzenloser Verfügbarkeit durch die entstehende moderne Wissenschaft ausgesetzt waren. Die Welt sollte nach materiellen Prinzipien erklärt werden. Gott war kein materielles Prinzip. Zunächst fand er noch in einigen Systemen Zuflucht, die ihm seine Rolle als Schöpfer durchaus einräumten, auch wenn sie keinen Platz für direkte Eingriffe Gottes in die Welt mehr fanden.

Dieser Deismus war auch nur die Zwischenstufe zu dem wiederum unvermeidlich heraufziehenden theologischen Modernismus. Wenn Gott nicht materiell war, dann musste er rein geistig sein. Die neue Konzeption der Vernunft, die seit dem 16. Jahrhundert heranreifte, beschränkte Vernunftwissen aber auf nach dem naturwissenschaftlichen Paradigma gewonnene Erkenntnisse. Nach dem naturwissenschaftlichen Paradigma, das keine Zweckursachen kennt, kann man aber keine Erkenntnisse über Gott gewinnen, sondern nur über die Welt, die vielleicht – vielleicht aber auch nicht – als Gottes Schöpfung auszudeuten wäre. Man erkennt leicht, wozu der Paradigmenwechsel führt. Ob Gott wirklich ist, ob die Bibel wirklich Gottes Wort ist, ob Christus wirklich auferstanden ist, und alle weiteren Lehren des christlichen Glaubens, können nicht (natur-)wissenschaftlich bewiesen werden. Doch damit werden sie für das neue Verständnis von Rationalität aus dem Bereich des menschlichen Wissens verbannt. Übrig bleibt nur noch, sie als spezifische, von Person zu Person unterschiedliche, relative Sinndeutung zu verstehen. Religion ist damit in den persönlichen, das heißt subjektiven Bereich zurückgedrängt worden. Hier verstärken sich die geistigen Tendenzen der frühen Neuzeit und die kriegerischen Auseinandersetzungen, von denen vorhin bereits kurz die Rede war.

Doch wenn Religion nur noch subjektive Sinndeutung sein sollte, konnte sie keinen objektiven Wahrheitsanspruch mehr aufstellen. Das wäre ohnehin nur spalterisch gewesen, weil man ja als gemeinsames Ziel die Verbesserung dieser Welt (zunehmend nicht nur als die einzige wissenschaftlich erkennbare, sondern als die wichtigste überhaupt, gesehen) hatte. Wenn man sich über diese entlegenen religiösen Fragen nicht einig wird, dann klammert man sie halt aus. Dies ist die Lösung des Liberalismus. Doch da religiöse Fragen letztlich großen Einfluss auf moralische, aber auch rein praktische Haltungen des Menschen haben, können sie aus dem nun unbeschränkt herrschenden persönlichen Gewissen nicht ausgeklammert werden. Da sie aber, dem Liberalismus zufolge, allein schon aufgrund des großen Konfliktpotenzials, aber auch aufgrund ihrer angeblich fehlenden Wahrheitsfähigkeit (als bloß subjektive Sinndeutungen), keine objektiv bindenden Handlungsnormen zu liefern vermögen, muss der öffentlich-politische Diskurs von religiösen Ideen freigehalten werden. Für den öffentlichen Diskurs wird im 19. Jahrhundert noch Rationalität und Objektivität beansprucht – wir sind in der Hochphase der rationalistischen Moderne. Religion kann diese Rationalität und Objektivität nicht (mehr) bieten, also hat sie in der öffentlichen Sphäre nichts verloren. Religionen, die dies nicht anerkennen, sondern an der traditionellen Konzeption festhalten, werden bekämpft, mal offen, mal versteckt, doch immer entschlossen im Namen der Vernunft.

Fortsetzung folgt…

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4 Gedanken zu „Keine natürliche Hoffnung (Teil 1/2)

  1. Für mich ist das größte Rätsel, das durch diesen Artikel noch verstärkt wird, wie es möglich war, dass Priestertheologen, Ordenstheologen im Verbund mit Kardinälen und Bischöfen, die antichristlichen Tendenzen der philosophischen Entwicklung übersehen konnten. Nicht nur das: dass sie glaubten, die Kirche müsse sich anpassen. Wenn die Kirche nur endlich freundlich würde, dialogbereit, ohne Irrtümer der Moderne anzuprangern und zu verurteilen, dass sie dann Einfluss auf diese Entwicklung ausüben könne. Ich spreche wieder von1962 – 1965, vom II. Vatikanischen Konzil. Und dass diese gut organisierte Minderheit von Modernisten bestärkt wurde von den Päpsten Johannes XXIII. und Paul VI.
    Der Fortschrittswahn dürfte sich irgendwann erledigen. Inzwischen nehme ich ab und zu an Gesprächen mit Menschen in der Straßenbahn teil oder werde hineingezogen. Die wissen, dass es so nicht mehr weiter geht, weder in der Politik, noch in der Geselllschaft. Aber wir wissen um unsere Wehrlosigkeit. Ich spreche bewusst nicht von mir nahestehenden Menschen, sondern von Fremden. Die sich dann nicht so fremd sind.
    Doch sowohl in philosophischen und theologischen Hörsälen sowie in bischöflichen Ordinariaten sieht man es mehrheitlich anders. Der Glaube, die Menschheit werde immer vernünftiger, immer humaner, wenn man sie nur nicht mit verbindlichen Glaubenswahrheiten unterdrückt, scheint unüberwindbar. Atheisten kann man das nachsehen. Bischöfen und Theologen auch?

    • Cuppa,
      ich stimme Dir zu, es ist wirklich ein Rätsel. Doch ein großer Strom überzeugt ja auch niemanden – er reißt sie nur mit. Immer gegen den Strom schwimmen zu müssen, ist nicht angenehm. Es ist dann eine große Versuchung, sich fortan einfach treiben zu lassen. Oder, um die Metapher zu wechseln, einfach den Wind im Rücken zu haben, anstatt ihn immer ins Gesicht zu bekommen. Sich anzupassen ist leichter, als an einer unpopulären Meinung festzuhalten.
      Du hast ebenfalls Recht, wenn Du sagst, der Fortschrittswahn sei „auf der Straße“ inzwischen durchschaut worden. Zumindest zum Teil ist das richtig. Doch, auch wenn das fürchterlich „undemokratisch“ klingt, was die Massen glauben, ist vollkommen irrelevant, wenn die Eliten zusammenhalten, weil die von den Eliten gebotenen „Alternativen“ eben alle in dieselbe Richtung weisen – weiter auf dem Weg des „Fortschritts“. Und Eliten sind diejenigen, die die Bildungsstätten kontrollieren – alles andere ergibt sich dann von selbst, weil alle wichtigen Positionen von Menschen gefüllt werden, die an diesen Bildungsstätten geprägt und vorsortiert werden. Wer bestimmt, was wie gelehrt wird, der bestimmt, wie die nächsten Generationen denken. Der hat die Zukunft in der Hand. Deswegen ist der Kampf für das elterliche Erziehungsrecht, für gute katholische Schulen (oder, falls das nicht möglich ist, die Legalisierung des Heimunterrichts – der in den meisten Ländern bereits legal ist, nur in Deutschland und Schweden nicht – , damit Eltern ihre Kinder, notfalls unter großen Entbehrungen, selbst unterrichten können) der allerwichtigste politische Kampf unserer Tage.

  2. Nachtrag:
    „Das große Unglück dieser Welt, der große Jammer dieser Zeit ist nicht, dass es Gottlose gibt, sondern dass wir so mittelmäßige Christen sind“.
    Dieses Zitat von Georges Bernanos hat mich schon in meiner vorkonziliaren Jugend überzeugt.Es ist unleugbar, dass sich die „intellektuellen Eliten“ in Europa vom Christentum immer weiter entfernen. Doch was haben sie stattdessen zu bieten? Einen Vernunftbegriff, der sich vom realen Leben immer mehr entfernt. Die Verwechslung von technischem, auch medizinischem Fortschritt mit ethischem, moralischem Fortschritt, um nur diese Stichworte zu nennen.
    Das Christentum hat einfach mehr zu bieten als Hegel oder Marx, füge ich „küchenphilosophisch“ hinzu. Und Thomas von Aquin mehr als Teilhard de Chardin, Rudolf Bultmann und Karl Rahner, muss ich ebenfalls total verkürzt hinzufügen. Um zum Zitat von Georges Bernanos zurückzukehren…
    Um abschließend auf die große Rede des Papstes von der notwendigen Entweltlichung der Kirche im Freiburger Konzerthaus anlässlich seines Deutschlandsbesuchs zu kommen: Ich bin überzeugt, dass eine solche Kirche, auch als kleine Minderheit, sicher auch verfolgt, eine große Ausstrahlungskraft besitzen würde.

    • Cuppa,
      je eher die „Katakombenkirche“ wiederkehrt, umso eher kehrt auch der Glaube zurück. Da bin ich mir ziemlich sicher. Wenn die Kirche eine gesellschaftlich relevante Kraft sein kann, ist das nicht grundsätzlich abzulehnen. Aber es ist nur dann akzeptabel, wenn die Kirche durch ihre entschlossene Verkündigung der Welt ihren Stempel aufprägt, und nicht umgekehrt. Heute ist die Kirche, wir müssen hier ganz ehrlich sein, einfach viel zu schwach, um die Welt zu prägen, also muss sie sich entweltlichen. Der Heilige Vater hat hier wirklich treffende Worte gesprochen, nur leider haben die Verantwortlichen sie, wie fast alles, was aus seinem Mund oder aus Rom kommt, praktisch ignoriert.

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