Lügen in der Abtreibungsfabrik

Lila Rose, die Gründerin von „Live Action“

Der Hochwürdige Herr Alipius hat kürzlich die in der englischsprachigen katholischen Blogosphäre schon seit langem tobenden Kampf um die Rechtmäßigkeit der Lüge als Teil einer Undercover-Operation gegen Abtreibungsorganisationen wie „Planned Parenthood“ in die deutsche Blogozese importiert. Die Details der aktuellen Situation kann man sich bei Alipius abholen, aber im Prinzip hat die amerikanische Lebensschutzgruppe „Live Action“ Undercover-Operationen durchgeführt, um die selbst nach dem liberalen amerikanischen Abtreibungsregime nicht akzeptablen Zustände bei Planned Parenthood aufzudecken. Zu diesem Zweck kreuzte man bei einer Niederlassung der Abtreibungsförderer auf, und gab sich fälschlich als Kunde aus, der eine Abtreibung wolle, und zwar jeweils aus selbst in den USA noch als verwerflich geltenden Gründen. Die Reaktion der Mitarbeiter von PP filmte man mit versteckter Kamera und veröffentlichte sie später.

Die Moralität dieser Taktik ist natürlich sehr umstritten. Bereits vor einigen Monaten, als ein vergleichbares Video veröffentlicht wurde, explodierte die englische Katholosphäre angesichts der Frage, ob das Vorgehen von Live Action moralisch zulässig sei. Manche behaupteten, es sei eine Lüge, und Lügen sei immer moralisch falsch, so sage es der Katechismus. Andere erklärten, die Abtreiber bei PP hätten „kein Recht auf die Wahrheit“, und man dürfe ihnen deswegen auch Falsches erzählen, ohne dadurch im strengen Sinne zu lügen. Wieder andere brachten philosophische Argumente vor, die mal so und mal so ausgingen. Die Debatte steigerte sich so weit, dass nach endlosen Kommentarschlachten am Ende die halbe englische katholische Blogosphäre in Aufruhr war, und die eine Seite die andere beschuldigte, sie sei utilitaristisch, indem sie das Böse rechtfertige, damit Gutes daraus komme, und die andere Seite die eine beschuldigte, sie sei von einem unerträglichen, pharisäerhaften moralischen Rigorismus befallen, der jenseits jeglicher gesunder Moral liege.

Man konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass allen Beteiligten die Lektüre des alten Gleichnisses mit dem Splitter im Auge des anderen und dem Balken im eigenen Auge gut getan hätte.

Angesichts der radikalen Verurteilungen der sündhaften Lügner von Live Action gerieten die Abtreibungen leider ganz in Vergessenheit. Man hatte halt wichtigeres zu tun…

Nun haben wir die Debatte auch hier in der Blogozese. Glücklicherweise ist sie hier bislang sachlich geblieben, und wir wollen hoffen, dass dies auch so bleibt. Doch eine Frage bekomme ich einfach nicht aus dem Kopf. Wo ist die Verhältnismäßigkeit in dieser Diskussion? Ja, ich gestehe jederzeit zu, dass die Lüge, verstanden als vorsätzliche Falschaussage mit Täuschungsabsicht, immer und überall moralisch falsch ist. Die folgenden Zeilen sind nicht als Kritik an dieser Auffassung zu verstehen, sondern als Kritik an der Verhältnismäßigkeit der Debatte.

Wir haben zwei Handelnde, A und B.

A verdient sein Geld mit dem Töten unschuldiger kleiner Kinder, und B findet das nicht gut. A ist aber der Meinung, dass das Töten der Kinder nicht so schlimm ist, weil ihre Eltern sie ja nicht gewollt haben, und weil er außerdem viel Geld damit verdient, und sich den Jaguar leisten kann, mit dem er jetzt zur Arbeit fährt. B findet es aber besonders schlimm, wenn jemand kleine Kinder für Geld tötet. Sie ist der Meinung, sie müsse etwas dagegen tun. Doch die Menschen sind nicht an dem Leben der Kinder interessiert, weil es ihnen hinderlich wäre, wenn sie ihre Kinder nicht mehr töten lassen könnten. Also denkt B sich einen Plan aus. Sie geht in die Fabrik, wo A die kleinen Kinder tötet, und behauptet, sie wolle ihr Kind auch töten lassen. A ist ganz begeistert. Aber jederzeit doch, sagt er ihr mit breitem Lächeln, und zählt im Kopf schon das Geld, von dem er sich sein neues Urlaubshaus in den Bergen kaufen will. Da bist du hier richtig.

Es gibt da nur ein Problem, sagt B. Ich will mein Kind töten lassen, weil es ein Mädchen ist. A wird bleich. Kinder töten zu lassen finden die Menschen da draußen zwar ganz okay, aber etwas gegen Mädchen zu haben, nicht. Doch er denkt wieder an sein Urlaubshaus in den Bergen und nickt und lächelt wieder. Kein Problem, sagt er. Wir fragen da nicht weiter nach. Wir machen, was du willst, solange du nur zahlst. B nickt ebenfalls. Kein Problem. Unser Präsident hat ja jetzt ein Gesetz gemacht, durch das meine Versicherung dich für die Tötung meiner kleinen Tochter bezahlt, damit ich sie mir auch leisten kann. Hoch lebe unser Präsident. Ja, bestätigt A, wir haben einen tollen Präsidenten. Er denkt, vielleicht kann er sich dann ja sogar ein großes Segelboot kaufen, was er schon wollte, seit er ein kleiner Junge war, den seine Eltern nicht haben töten lassen.

A und B sind sich einig. A will die kleine Tochter von B gern töten, und solange man ihn bezahlt, ist ihm egal, warum die Mutter ihre kleine Tochter töten lassen will. Doch er hat einen Fehler gemacht. Denn B hat alles mit der versteckten Kamera aufgenommen. Sie veröffentlicht ihr Video im Internet, und so erfahren die Menschen da draußen von dem, was A und B besprochen haben.

Die Katholiken, die von sich sagen, sie wollten nicht, dass die kleinen Kinder getötet werden, sehen sich das Video an, und sind so richtig empört. Wie kann man nur…, denken sie sich. So etwas kann man doch nicht machen! Man darf nicht Lügen! Das geht doch nicht! Der Katechismus sagt, Lügen ist Sünde! Ihr Blut gerät in Wallung. Sie schreiben lange Artikel, in denen sie sagen, dass man gar nicht lügen darf Und dass B eine schlimme Frau ist, die schlimme Sünden begeht, und sich für diese Sünden vor Gott verantworten muss.

Unterdessen tötet A weiter.

Welch eine Absurdität! Erzählen Sie das Ihren Kindern, und sie werden sofort erkennen, wie lächerlich diese ganze Debatte ist. Ja, die Lüge von B ist moralisch nicht ganz makellos. Es ist eine winzige, lässliche Sünde. Und sie bekommt 95% der Aufmerksamkeit.

Das ist als ob nur darüber diskutiert würde, dass der kleine Hans eine Tafel Schokolade gestohlen hat, während in der Nachbarschaft ein Kettensägenmörder umgeht. Einfach grotesk.

Der Teufel hätte es nicht besser gekonnt. Wir greifen Live Action für ihr nicht ganz makelloses Verhalten an, während die Abtreiber sich eins grinsen – sie haben es mal wieder geschafft. Wir rufen: Haltet die Lügner, während die Kronjuwelen gestohlen werden. Wir rufen: nieder mit der lässlichen Sünde, während die Todsünde fröhliche Urstände feiert.

Advertisements

8 Gedanken zu „Lügen in der Abtreibungsfabrik

    • Ultramontanus,
      es ist eine Sache der Verhältnismäßigkeit. Die Lüge wird dermaßen aufgebauscht, während die Abtreibungen dabei praktisch überhaupt nicht beachtet werden. Ja, die Lüge ist falsch. Doch wenn wir unsere knappe Zeit damit verbringen, lässliche Sünden anzupragern, und die Todsünden praktisch vergessen, handeln wir nicht rational. Und in diesem Fall, in dem die Schwere der Schuld bei Live Action minimal und die Schuld der Abtreiber maximal ist, wird diese Missachtung des angemessenen Verhältnisses geradezu grotesk oder lächerlich. (Wenn es nicht so traurig wäre…)

  1. Der Punkt ist schon klar. (die Diskussion um die Moralität will ich jetzt gar nicht vertiefen).
    Nur frage ich mich, was denn diese Aktion von Life Action überhaupt erreichen soll, außer zu belegen, daß diese Abtreibungsfirma bestehende Gesetze zu mißachten bereit ist? Es kommt mir überspitzt so vor, als prangere man einen Auftragskiller dafür an, daß er bereit war, einen Angehörigen einer Gruppe zu töten, die unter Diskriminierungsschutz steht.
    Mag so eine Aktion auch einen gewissen Imageverlust dieser Tötungsfirma zeitigen, dann wirbt eine andere: wir töten Babies nur mit politisch korrekter Begründung der Mutter, kreuzen Sie bitte hier auf dem Formblatt einfach eine an.
    Also ich meine, die besseren Adressaten für Abtreibungsgegner sind die potentiellen Kunden dieser Tötungsfabriken, die Politiker, die solchen Frevel legalsieren und alle zwingen, ihn mitzufinanzieren, sowie die Öffentlichkeit überhaupt. Und ich fürchte, der Kampf gegen Abtreibung ist nur durch einen Bewußtseinswandel möglich. (womit nicht gesagt sein soll,daß ich das ich das Tun der Mitarbeiter dieser Tötungsanstalten billige, nur weil es leider und unfaßbar, juristisch legal ist)

    • L.A.
      im konkreten Fall hat die durch das Video hervorgerufene Diskussion in den USA dazu beigetragen, dass das Repräsentantenhaus mit großer Mehrheit für ein Verbot geschlechtsselektierender Abtreibungen gestimmt hat (es wurde zwar eine Zweidrittelmehrheit benötigt, die von vielen Demokraten und einigen Republikanern knapp verhindert worden ist, doch es hat das Thema Abtreibung wieder ins Gespräch gebracht.
      Die letzte Aktion von Live Action hat zu Gesetzesinitiativen auf Ebene der Bundesstaaten geführt, durch die Planned Parenthood staatliche Fördermittel gestrichen wurden. Soweit ich weiß, sind einige dieser Initiativen auch durchgekommen. PP erhält enorme Fördermittel aus den Staatskassen, was ihnen ermöglicht, bundesweit Abtreibungskliniken bereitzustellen. Zudem haben die Republikaner seitdem auf eine Streichung solcher Fördermittel auch auf Bundesebene hingewirkt (sie aber wegen der demokratischen Mehrheit im Senat und der Vetomacht von Präsident Obama noch nicht umsetzen können).
      In manchen Bundesstaaten sind zudem so strikte Kontrollen von Abtreibungskliniken eingeführt worden, dass manche Kliniken dieser Art schließen mussten, oder bald, wenn die neuen Vorschriften umgesetzt werden, in arge Schwierigkeiten geraten dürften.
      Man muss bedenken, dass es in der politischen Lage der USA eine starke Lebensschutzbewegung gibt, die auch über politischen Einfluss verfügt, und solche „Vorlagen“ in „Tore“ umwandeln kann. Doch da die Republikaner sich lieber mit ihren lieben Freunden von der Wall Street (denen Abtreibung völlig egal ist) herumtreiben, statt sich für die pro-life-Interessen ihrer Basis einzusetzen, braucht es immer wieder den Anstoß durch negative Schlagzeilen (die selbst Abtreibungsbefürwortern negativ erscheinen) für Abtreibungsorganisationen, bevor wieder etwas geschieht.
      Live Action hat in diesem Sinne schon sehr viel erreicht, oder vielmehr ermöglicht, dass andere sehr viel erreichen. Sie wollen auch nicht PP überzeugen. Diese Aktionen richten sich in erster Linie an die Öffentlichkeit. Sie sind Sprungbretter für andere Lebensschützer.

Respondete!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s