Von der Unterscheidungskraft der Sprache

„Die Verurteilung des diskriminierenden Rassismus gehört zur Geschichte der Zivilisation, die Verurteilung des distinktiven Rassismus zur Geschichte der Heuchelei. “

—– Michael Klonovsky

Diesen schönen kleinen Aphorismus fand ich heute auf der Homepage von Eigentümlich frei, der libertären Monatszeitung, über deren Gründer und Herausgeber, Andre Lichtschlag, ich kürzlich schon einmal geschrieben habe.

Bekanntlich kann man einen Aphorismus nicht durch Erklärungen verbessern. Er spricht für sich, ruht in sich und erklärt sich von allein. Deswegen ist die Absicht der folgenden Zeilen auch gar keine Erklärung des obenstehenden Aphorismus, sondern vielmehr eine Reflektion über die sichtbare Differenz zwischen den Begriffen der „Distinktion“ und der „Diskriminierung“, mit denen Klonovsky spielt, und die gerade in der heutigen gesellschaftlichen Situation eine große Rolle spielen müssten, und es deshalb nicht tun.

Zur Rechtfertigung für die folgenden Haarspaltereien kann ich nur vorbringen, dass ich sie für wichtig halte, und mehrfach in den Kommentaren zu früheren Artikeln in dieser Haltung bestärkt worden bin.

Da haben wir zuerst die Erkenntnis, dass die beiden Begriffe ja eigentlich dasselbe, oder zumindest etwas sehr Ähnliches sagen. Sie sprechen beide grob von der Unterschiedung. Zwei Sachen zu distinguieren bedeutet sie zu unterscheiden, sie in ihrem Unterschied kenntlich zu machen. Auf der Duden-Seite steht die Definition „unterscheiden; in besonderer Weise abheben“. Eine Distinktion ist also eine Unterscheidung, die eine Sache von einer anderen Sache in besonderer Weise abhebt. Auf der eben verlinkten Duden-Seite findet sich als Definition des Wortes „Distinktion“ einfach das Wort „Unterscheidung“, wobei als sekundäre Bedeutung eine bestimmte Form der Unterscheidung angegeben wird, nämlich eine der Vornehmheit. Wir haben dieselbe Bedeutung auch im englischen „to distinguish“. Man kann damit einfach aussagen, dass man zwei Dinge unterscheidet, ganz wertneutral, aber es gibt auch die übertragene Bedeutung – „a distinguished man“ („ein distinguierter Mann“).

Wir sehen also, dass die Distinktion zwei Grundbedeutungen hat, die ineinander überfließen. Einmal die Unterscheidung als solche, und dann die Unterscheidung nach Vornehmheit oder Besonderheit. Man könnte sagen: Unterscheidung und Hervorhebung.

Der Begriff der „Diskriminierung“ hat im alltäglichen Sprachgebrauch eine ganz andere Bedeutung. Der Duden gibt uns hier: „durch [unzutreffende] Äußerungen, Behauptungen in der Öffentlichkeit jemandes Ansehen, Ruf schaden; jemanden, etwas herabwürdigen“. Nur als „fachsprachlich“ gilt die eigentliche Bedeutung des Wortes „diskriminieren“ vom lateinischen „discriminare“, was nichts anderes bedeutet als unterscheiden. Zu diskriminieren ist in der modernen Gesellschaft so negativ konnotiert, dass es zuweilen erscheint, als sei die „Diskriminierung“ das einzige verbliebene Tabu. Man darf nicht diskriminieren. Auffallend sind hier die zwei auseinanderklaffenden Bedeutungen. Wenn wir jemanden diskriminieren, dann würdigen wir ihn herab, so will es der allgemeine Sprachgebrauch. Doch Diskrimination heißt einfach nur „Unterscheidung“.

Sprachlich besteht von der direkten Wortbedeutung her gar kein großer Unterschied zwischen der Diskriminierung und der Distinktion. Beide bedeuten „unterscheiden“. Doch das eine Wort wird im negativen Sinn gesehen und ist sehr häufig geworden, während das andere Wort positiv konnotiert ist und langsam veraltet. Wer hat schon, außerhalb bestimmter wissenschaftlicher Diskussionen von der „Distinktion“ gehört? Und wem kann das stetige Gebrüll gegen die „Diskriminierung“ entgehen, wenn er nicht gerade einsam im Walde zu leben pflegt?

Das gebräuchliche Fremdwort für Unterscheidung ist negativ konnotiert, während das andere sich noch etwas von seiner ursprünglichen wertneutralen Bedeutung erhalten hat, und sogar positive Konnotationen des Vornehmseins trägt. Das eine Wort ist ein politischer Kampfbegriff, das andere ein Instrument der feinsäuberlichen Abgrenzung von Verschiedenheiten, das nurmehr in bildungsbürgerlichen oder wissenschaftlichen Texten, aber so gut wie gar nicht alltagssprachlich verwendet wird.

Sagt uns das nicht etwas? Die Sprache ist immer Ausdruck der kulturellen Umstände und Werte, die in einer Gesellschaft gelten. Durch die Verwendung eines bestimmten Sprachgebrauchs wird, das haben die Postmodernisten schon ganz richtig gesehen, reale Macht über andere Menschen ausgeübt. Wer von „Bloggerinnen und Bloggern“ oder „BloggerInnen“ spricht, der spricht natürlich dieselben Menschen an, wie derjenige, der einfach von „Bloggern“ spricht. Keiner von beiden würde auf Nachfrage leugnen, dass es Frauen gibt, die bloggen. Doch der eine verwendet eine kompliziertere Formulierung nicht weil er gern umständlich spricht, sondern weil er eine ganz bestimmte politische, diskursverändernde Absicht damit verfolgt. Wenn man von „Bloggern“ spricht, so erkennt man damit tatsächlich implizit patriarchalische Strukturen an – deshalb vermeide ich hier grundsätzlich die politisch korrekten Bisexualismen.

Sprache ist nicht schlechthin denken, wie manche Denker der Postmoderne erkannt zu haben glaubten, aber sie ist trotzdem kaum vom Denken zu trennen und prägt es grundsätzlich. Und weil Sprache das Denken prägt, und das Denken selbst wieder die Sprache verändert, weil es eine sehr feine, tiefgreifende Wechselwirkung zwischen beiden gibt, können wir an der Sprache einer Kultur erkennen, was sie denkt. Und zwar nicht nur durch die konventionellen Wortbedeutungen, sondern gerade auch „zwischen den Zeilen“. Wer „Bloggerinnen und Blogger“ sagt, der vertritt damit – womöglich gegen seinen Willen – eine feministische These. Wer „Diskriminierung“ im Sinne von Herabsetzung gebraucht, der verkündet damit implizit, womöglich wieder gegen seinen Willen, die herrschende Meinung des Egalitarismus. Er verkündet, dass Unterscheidungen unter dem Generalverdacht stehen sollen, zur Herabsetzung anderer Menschen geschaffen worden zu sein. Selbst wenn er die etymologische Herkunft des Wortes gar nicht kennt, so bleibt sie doch objektiv vorhanden, und hat ihre objektiven Wirkungen.

Wer bewusst gegen den Strich spricht, der geht das Risiko ein, falsch verstanden zu werden. Doch er äußert damit auch, selbst wenn es zuweilen der Klarstellung bedarf, eine implizite Opposition gegen die herrschende Lehre vom Egalitarismus.

Und heute spricht man gegen den Strich, wenn man Unterscheidungen nicht allgemein unter „Diskriminierungsverdacht“ (im modernen Sinne) stellt. Dass jemand eine „Distinktion“ herbeizitiert, ist sehr selten – „Diskriminierungen“ sind, trotz der Unhandlichkeit des Wortes, in aller Munde. Aufgrund der engen Verbindung von Sprache und Denken, liefert uns diese Tatsache nämlich Einblicke in das vorherrschende Denken.

Es ist daher ein Akt revolutionären Widerstands gegen die herrschende moderne Kultur, wenn man, wie Klonovsky, bewusst gegen den Strich spricht. Wenn man sich weigert, hässliche, stilistisch wie inhaltlich unangemessene Konstruktionen zu bilden, nur um psychotisch die linguistische Frauenquote zu erfüllen, wenn man sich weigert, durch den tendenziösen Gebrauch des Wortes Diskriminierung alle Unterscheidung unter den Generalverdacht der ungerechten Herabsetzung zu stellen, vergeht man sich nicht nur an der sprachlichen Schönheit des Ausdrucks, sondern auch an den Grundfundamenten des traditionellen christlichen Denkens.

Sprache kann nun einmal als subversives Werkzeug verwendet werden. Mit Sprache kann man die Gesellschaft verändern, indem man das Denken verändert. Wer den herrschenden Sprachgebrauch übernimmt, der übernimmt damit auch die Bahnen, in denen das herrschende Denken sich zu bewegen pflegt.

Die Egalitaristen haben sich der Sprache zu genau diesem Zweck bedient. Nichts anderes ist die Politische Korrektheit, die in die Sprache triumphal eingezogen ist. Wenn man die Geländegewinne der Egalitaristen auf dem Schlachtfeld des Denkens zurückerobern will, muss man ihre Lufthoheit auf dem Schlachtfeld der Sprache brechen. Erst von dieser strategisch wichtigen Anhöhe aus kann man dann Vorstöße tief in feindliches Gebiet unternehmen und den Kampf gegen den Egalitarismus siegreich beenden. Klingt das zu martialisch? Ich habe hier bewusst kriegerische Metaphern verwendet, um den Eindruck deutlich zu machen, den selbst so wenig subtile stilistische Mittel auf den unvorbereiteten Leser haben können.

Doch der Sache nach steht die Aussage: Solange wir beim „Diskriminieren“ immer die negative Konnotation hören, und nicht zusammenzucken, wenn jemand mal wieder von „BloggerInnen“ oder „Unternehmerinnen und Unternehmern“ spricht, haben wir den kleinen Modernisten tief im eigenen Kopf sitzen.

Und solange ihn selbst seine Gegner im Kopf haben, wird es ihnen nicht gelingen, ihn aus der Gesellschaft zu vertreiben.

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Ein Gedanke zu „Von der Unterscheidungskraft der Sprache

  1. Wie heißt es so schön und so treffend in dem netten Musical „My fair Lady“? Die Sprache macht den Menschen; die Herkunft macht es nicht. Präzis!

    In Korrespondenzen mit pol. Korrekten die z.B. „SchülerInnen“ schreiben, antworte ich immer mit „Schüler(Innen und außen)“. Kommt anschließend nicht wieder vor. Es geht also.

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