Homosexualität (1/5)

Eine Vorbemerkung

Kurz nach meinem Kirchenbeitritt führte ich ein Gespräch mit einem anderen Gemeindemitglied, in dem es unter anderem auch um die Frage der Homosexualität ging. Ich bekannte mich zur kirchlichen Position der Sündhaftigkeit gelebter Homosexualität und erntete heftigen Widerspruch, das sei ja diskriminierend und überholt. Die anschließende Diskussion führte zu nichts und das Gespräch endete sehr bald zwar höflich, aber ohne besondere Freundschaftlichkeit.

Das Gespräch motivierte mich dazu, einen Text zu schreiben, der die kirchliche Lehre zur Homosexualität kurz erläuterte, gegen einige populäre Missverständnisse bzw. Vorurteile zu verteidigen suchte, und sich dabei auf einem möglichst allgemeinverständlichen Niveau bewegte. Zudem unternahm ich den Versuch, jegliche Polemik zu vermeiden.

Anlässlich der seltsamen Äußerungen von Kardinal Woelki zu diesem Thema habe ich mich entschlossen, diesen alten Artikel wieder hervorzukramen, ihn zu überarbeiten (wodurch er an Länge zugenommen hat) und hier zu veröffentlichen. Er ist insofern ungewöhnlich für diesen Blog, als ihm – zumindest in der Absicht des Autors – jegliche Polemik oder undiplomatische Ausdrucksweise fehlt. Es ist schlicht der Versuch, das Fingerspitzengefühl aufzuweisen, um das Kardinal Woelki bei seinen Worten wohl bemüht gewesen sein dürfte, allerdings ohne dabei zu seltsamen Äußerungen zu kommen, die einen Bruch mit der kirchlichen Lehre suggerieren.

Einleitung

Kaum eine heutige Diskussion über den katholischen Glauben kommt ohne Debatte über Homosexualität aus. Denn selbst wenn der durchschnittliche Deutsche nichts über den Glauben weiß, so ist ihm doch bekannt, dass die Kirche „gegen Homosexuelle“ ist. Dies ist dem Deutschen in den Medien über Jahre hinweg bei jeder Gelegenheit eingehämmert worden, so dass man an dieser festen Überzeugung wahrlich nicht vorbeikommt. Dabei ist sie voll und ganz falsch, auch wenn dies vermutlich absolut unglaubwürdig klingt. Die Kirche ist nicht gegen Homosexuelle, sondern gegen gelebte Homosexualität. Und die Gründe dafür mögen dem Durchschnittsbürger zwar schleierhaft sein, doch es gibt sie. Ich möchte in den folgenden Zeilen zwei Ziele erreichen: Dem Leser erstens ein Grundverständnis vermitteln, was die Kirche zu diesem Thema glaubt (und es kann sich nur um ein Grundverständnis handeln, da das Thema mit fast allen anderen sittlichen Fragen zusammenhängt und eine gründliche Behandlung den Rahmen sprengte), und zweitens warum sie das tut.

Um dies effektiv zu ermöglichen ist allerdings ein kurzer Einschub zu der Frage notwendig, was die Kirche alles NICHT glaubt. Denn da gibt es einige falsche Fährten.

Falsche Fährten: Alle Homosexuellen kommen in die Hölle

Oft hört man, die Kirche lehre, alle Homosexuellen kämen in die Hölle. Dies ist jedoch nicht der Fall. Nach katholischer Lehre ist die Tendenz zur Homosexualität weder verwerflich noch sündig. Aufgrund der natürlichen Ordnung der menschlichen Sexualität auf die Fortpflanzung hin (biologischer Zweck des Sexualakts) widerspricht die homosexuelle Ausrichtung allerdings der natürlichen Ordnung. Sie kann also als fehlgeordnet bezeichnet werden (was keine religiöse, sondern eine rein weltliche Einsicht ist). Allerdings können Menschen in der Regel nichts für ihre Anlagen, egal ob sie angeboren, oder im frühen Kindesalter ansozialisiert wurden. Deswegen ist kein Mensch schuldig oder sündhaft, bloß weil er die Anlage zur Homosexualität hat. Um es zu wiederholen: Die Kirche glaubt nicht, dass Menschen mit homosexueller Triebstruktur per se sündig sind.

Und wenn sie schon das nicht glaubt, dann gilt das umso mehr für die Frage, ob Homosexuelle in die Hölle kommen. Eine homosexuelle Triebstruktur ist keine Sünde, weder eine lässliche noch eine Todsünde. Und selbst wenn, dann gäbe es immer noch das Sakrament der Buße, mit dem sich selbst schwerste Todsünden (bei Vorliegen von Reue) tilgen lassen. Die Kirche lehrt zudem, dass niemand die ewige Verdammnis erfährt, ohne dass er (im Nachhinein) das Urteil als gerecht ansieht.

Falsche Fährten: Verfolgung von Homosexuellen

Ein weiterer häufiger Irrtum ist, dass die Kirche für die Verfolgung oder Ausgrenzung von Menschen mit homosexuellen Tendenzen sei. Niemals hat die Kirche gelehrt, dass jemand nur wegen seiner Triebstruktur zu verfolgen sei. Heute legt sie (vollkommen zurecht) großen Wert darauf, dass es weder sündhaft noch strafbar sein sollte, eine bestimmte Triebstruktur zu haben, auch wenn diese (wie im Fall der Homosexualität) aus Gründen der natürlichen Struktur menschlicher Fortpflanzung objektiv fehlgeordnet ist.

Die Verfolgung von Menschen aufgrund irgendwelcher nicht-selbstverschuldeter Eigenschaften ist grundsätzlich sündhaft und kann niemals gerechtfertigt werden. Und eine Ausgrenzung oder Diskriminierung ist zwar nicht grundsätzlich abzulehnen, aber sie bedarf eines sehr guten Sachgrundes.

Falsche Fährten: Genetik und Sozialisation

Ein dritter Irrtum ist, dass die Lehre der Kirche voraussetzt, dass Homosexualität nicht angeboren ist. Es wird behauptet, wenn Homosexualität genetisch veranlagt sei, dann müsse es in Ordnung sein sie auszuleben. Doch ist die Frage der Ursache von Homosexualität, so wichtig sie für den konkreten Umgang mit der Anlage für die Betroffenen und ihr Umfeld sein mag, für die Frage nach der rein moralischen Bewertung irrelevant. Denn die Ausübung fehlgeordneter Antriebe ist grundsätzlich moralisch verwerflich, unabhängig davon, woher sie auch stammen mögen. Ob angeboren oder nicht, das Ausleben eines fehlgeordneten Triebes ist moralisch nicht zulässig.

Falsche Fährten: Sonderstellung der Homosexualität

Ein vierter Irrtum in der öffentlichen Meinung über die Lehre der Kirche ist, dass die Kirche Homosexuelle „ausgucke“ oder dergleichen. Doch auch dies ist absolut nicht der Fall. Gelebte Homosexualität ist nach der Lehre der Kirche moralisch falsch, und kann, da es sich um eine wichtige Sache handelt (menschliche Fortpflanzung und Sexualität sind für den Fortbestand der Spezies entscheidend, und daher enorm wichtig), das Niveau der Todsünde erreichen, wenn sie wissentlich und willentlich ausgelebt wird. Doch exakt dasselbe gilt auch für alle anderen sündhaften Tätigkeiten in wichtigen Sachen. Homosexuelle sitzen in demselben Boot wie wir alle. Wir alle haben einige Triebe und Wünsche, die nicht vereinbar mit der von Gott gegebenen moralischen Lehre sind, und wir alle machen uns einer Sünde schuldig, wenn wir diese Triebe und Wünsche ausleben. Die Sünde gelebter Homosexualität ist dabei in keiner Weise besonders herauszuheben. (Man muss immer die Sünden betonen, für die das Bewusstsein in der Gesellschaft gerade fehlt, damit dieses Bewusstsein erwacht, und so eine Umkehr der Menschen möglich wird. Heute, in Zeiten der „Normalisierung“ aller möglichen fehlgeordneten Triebstrukturen, ist dies eben die Homosexualität. Dies ist aber kein besonderes Merkmal der Homosexualität, sondern ein besonderes Merkmal unserer Zeit.) Sie ist in dem hier verfolgten Zusammenhang eine Sünde wie jede andere auch.

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