Homosexualität (4/5)

Der rechte Abgrund

Natürlich, wenn ein Homosexueller stolz auf seine Sexualneigung ist, dann hat er in unserer Gesellschaftsordnung das Recht dazu. Und er kann auch die liebevolle Belehrung durch die Kirche jederzeit ignorieren. Zwang ist grundsätzlich abzulehnen – Bekehrung, Umkehr, Kampf gegen die Sünde kann nicht erzwungen werden, sondern nur aus einer Haltung der Einsicht und einer Willensanstrengung erwachsen.

Wir dürfen den Menschen nicht so lassen wie er ist, denn er ist ein Sünder. Wir müssen den Menschen so annehmen wie er ist, bis auf die Sünde. Doch auch wenn diese Gefahr – die linke Seite des Abgrundes in unserer Metapher – real ist, so gibt es doch auf der anderen Seite eine weitere Gefahr. Denn es gibt – auch in der katholischen Kirche – immer wieder Personen, die Homosexualität an sich als Sünde titulieren, die zum Himmel schreie, als schecklichste Perversion und einiges mehr. Doch auch hier liegt ein nicht ganz falsches, aber eben auch nicht ganz richtiges Fragment der Wahrheit vor. Ja, gelebte Homosexualität ist moralisch verwerflich, und sie ist von Natur aus fehlgeordnet, selbst wenn sie nicht gelebt wird (doch an der natürlichen Fehlordnung trägt der einzelne Homosexuelle keine Schuld). Doch diese „rechte Seite des Abgrunds“ übersieht ein wesentliches Prinzip: Wir sollen zwar die Sünde (in diesem Falle gelebte Homosexualität) hassen, doch den Sünder lieben. Denn der Sünder ist ein unnachahmliches, einzigartiges Abbild Gottes, ein Mensch, eine Person. Doch die Sünde ist nichts dergleichen. Die Sünde ist die schreckliche Perversion, die zum Himmel schreit. Die Sünde, nicht der Sünder, verdient unsere Ablehnung. Der Sünder verdient unser Verständnis, unsere Unterstützung und (wenn er es wünscht) unsere Hilfe. Er verdient all das in seinem Kampf gegen die Sünde.

Der Fehler derjenigen, die radikal gegen Homosexuelle predigen, die (vor allem in manch vergangener Zeit) wirklich den Eindruck erweckten, als kämen Homosexuelle automatisch in den wärmsten Teil der Hölle, besteht darin, dass sie es unterlassen den Sünder von der Sünde zu trennen. Der Arzt trennt das Krebsgeschwür von seinem Patienten – er hasst den Krebs und liebt den Krebskranken. Er tut sein Möglichstes (wenn der Patient das will), um zu heilen, um den Patienten von seinem Krebs zu befreien. Im Felde der Chirurgie ist die Mitarbeit des Patienten während der Operation eher hinderlich, doch im Felde der Bekämpfung von Sünden ist sie unerlässlich. Das ist der Unterschied zwischen den beiden Fällen. Doch die Gemeinsamkeit ist wesentlich größer als der Unterschied. Sowohl der Arzt als auch der besorgte Katholik kämpft gegen etwas, das eindeutig übel ist (Krebs im einen Fall, Sünde im anderen) und vermag wohl zwischen dem Üblen und dem Guten zu unterscheiden. Der Arzt lehnt den Krebs ab, aber er lehnt den Krebs gerade deswegen ab, weil der Krebs den Patienten tötet. Er hasst den Krebs, weil er den Menschen liebt. Dasselbe gilt für den Katholiken. Er lehnt die Sünde (in diesem Fall gelebte Homosexualität) ab, nicht weil er etwas gegen den Homosexuellen hat, sondern weil er etwas für ihn hat. Er hasst die Sünde, weil er den Sünder liebt. Er hasst die Sünde, weil er den Sünder retten will.

Dies vergessen radikale Prediger gern. Sie verdammen den Sünder, weil er sündig ist, doch werfen dabei Sünder und Sünde in einen Topf. Der gute Katholik folgt allerdings dem Lehramt der Kirche und unterscheidet scharf, wie mit dem Skalpell, zwischen beidem. Er liebt den Sünder und hasst gerade deswegen die Sünde so sehr. Allerdings gebietet die Liebe gegenüber dem Sünder auch, dass man ihn als Person mit einer unveräußerlichen Menschenwürde anerkennt, und nicht gegen seinen Willen handelt. Man sollte also niemanden „umerziehen“ oder „ummodeln“. Aber man sollte jeden Menschen im Geiste brüderlicher Korrektur auf seine Schwächen, die man an ihm entdeckt, aufmerksam machen und ihm beim Kampf gegen sie helfen. Das gebietet die Nächstenliebe. (Freilich muss man dann auch in der Lage sein, mit einer ähnlichen Kritik, die sich gegen die eigenen Schwächen richtet, umzugehen. Man kann nicht den Splitter im Auge des Nächsten kritisieren, solange man vor dem Balken im eigenen Auge davonläuft, statt ihn zu bekämpfen. Und mit diesem Teil der Gleichung haben wir Menschen oft die größten Probleme.)

Liebt den Sünder – Hasst die Sünde

Zusammenfassend kann also gesagt werden, dass die kirchliche Position eine vorbildliche Balance zwischen Exzessen auf der linken und der rechten Seite darstellt. Auf der einen Seite sind diejenigen, die in ihrem wohlmeinenden Eifer, alle Menschen so anzuerkennen wie sie sind, die Sünde gleich mit in den Rang des Würdesubjekts, das gefeiert werden soll, erheben. Auf der anderen Seite sind diejenigen, die in ihrem genauso wohlmeinenden Eifer nicht nur die Sünde selbst, sondern auch den schwachen Menschen, der sich in ihrem gierigen Griff befindet, verdammt. Doch oft genug können Menschen gar nichts für die Antriebe, mit denen sie aus Gewohnheit, aus psychologischen oder aus genetischen Gründen geschlagen sind, und vor denen sie immer wieder einknicken. In diesem Fall darf man niemals das Kind mit dem Bade ausschütten. Der Homosexuelle bleibt ein Sünder (wie wir alle), aber er bleibt auch ein Würdesubjekt, eine Person, die unsere unbedingte Anerkennung und unsere Liebe verdient. Die Kirche wendet sich mit gleicher Entschiedenheit gegen beide wohlmeinenden Irrtümer und propagiert die authentische Lehre Jesu Christi, durchzogen von größter Liebe gegenüber dem schlimmsten Sünder und daraus folgend einer tiefsitzenden Abneigung gegen die hässlichen Sündennarben, die das Antlitz Gottes in ihm verunzieren.

Advertisements

2 Gedanken zu „Homosexualität (4/5)

  1. Du schreibst:

    > Der Fehler derjenigen, die radikal gegen Homosexuelle predigen,
    > die (vor allem in manch vergangener Zeit) wirklich den Eindruck
    > erweckten, als kämen Homosexuelle automatisch in den
    > wärmsten Teil der Hölle, besteht darin, dass sie es unterlassen
    > den Sünder von der Sünde zu trennen.

    Wen konkret hast du im Blick?

    • Ultramontanus,
      genau diese Frage hatte ich irgendwie schon erwartet, als ich diesen Teil schrieb. Ich habe nämlich keine konkrete Person im Auge, sondern eher eine Tendenz, die zumindest in den Köpfen der meisten heutigen Menschen vielen Predigern in der Vergangenheit zugeschrieben wird. Ich wollte deutlich sagen, dass eine solche Predigtweise nicht der Lehre der Kirche entspricht. Sicher gibt es, wenn man danach sucht, genug Beispiele, in denen diese Trennung (zwischen Sünde und Sünder) nicht vorgenommen wurde, und dadurch der entsprechende Eindruck entstanden ist. Ob diese Tendenz jemals vorherrschend war, weiß ich nicht.
      Nicht im Blick habe ich jedenfalls die durchgehende christliche und katholische lehramtliche Verkündigung zum Thema.

      Mein Eindruck ist, dass sehr viele Menschen nicht mehr zwischen Sünde und Sünder unterscheiden können, sondern beides in einen Tops werfen. Und da sie den Sünder nicht – wie das heute genannt wird – „verteufeln“ wollen, rehabilitieren sie einfach die Sünde. Sie flüchten vor einer Haltung, die Sünder und Sünde gleichermaßen verurteilt (unabhängig davon, wie verbreitet eine solche Haltung tatsächlich ist oder war) in den entgegengesetzten Irrtum.

      Insofern könnte man den zitierten Abschnitt tatsächlich als ungeschickt formuliert bezeichnen, weil er offenbar suggeriert, ich hätte ganz konkret diesen Bischof, jenen Papst und den alten Stadtpfarrer von… im Auge. So ist es nicht gemeint gewesen.

Respondete!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s