Von der „relativen“ Armut Deutschlands

Als ich mir am vergangenen Sonntag eine SPD-Parteitagsrede Predigt zum Thema Caritas und Soziale Gerechtigkeit anhören durfte, ertappte ich mich dabei, wie mir die Melodie der „Internationalen“ durch den Kopf ging. Irgendwie passte die Melodie ganz gut zur Predigt.

Soziale Gerechtigkeit, so nahm der Laie an diesem Sonntag mit nach Hause, ist hauptsächlich über real existierende statistische Gleichheit hinsichtlich ökonomischer Maßzahlen zu definieren. Diese statistische, ökonomische Gleichheit soll durch staatliche Umverteilung erreicht werden, und wer dagegen aufbegehrt, ist unsozial und unchristlich. Natürlich kann und soll auch nach Auffassung des Diakons, der die Predigt gehalten hat, zusätzlich zur staatlichen Umverteilung noch so etwas wie nachbarschaftliche Hilfe stattfinden, aber selbst diese wurde nahezu ausschließlich im Kontext institutionalisierter katholischer Sozialverbände gesehen.

Von einem einzigen Satz abgesehen wurde nicht-institutionelle, unbürokratische Hilfe überhaupt nicht angesprochen.

Das Problem „soziale Gerechtigkeit“ kam im Kontext der Armutsdiskussion auf. Ein schrecklich hoher Prozentsatz der Deutschen gilt ja bekanntlich als arm. Und Armut macht krank, Armut tötet, reduziert die Partizipation am Bildungswesen usw. Die Armut, so die Aussage der Predigt, müsse unbedingt bekämpft werden. Der Diakon schilderte freundlicherweise, wie schrecklich Armut sein kann. Wenn die Menschen nicht genug zu essen haben, wenn sie kein Obdach haben und im Winter erfrieren müssen, und wenn der Zugang zu ganz elementarer medizinischer Versorgung fehlt.

Dass diesen Menschen unbedingt geholfen werden muss, und dass dies in einer weitgehend heidnischen Gesellschaft wohl nur durch staatliche Hilfe funktionieren wird, dürfte unstrittig sein.

Nur sollte man nicht vergessen – wie es in der Predigt leider geschah – dass diese Form existenzieller Armut etwas ganz anderes ist, als die „Armut“, von der in Deutschland über 15% der Menschen betroffen sind.

Das ist der Unterschied zwischen „absoluter“ und „relativer“ Armut. Absolute Armut liegt vor, wenn jemand nicht satt wird, kein Obdach hat oder an einfach heilbaren Krankheiten stirbt, weil er sich die Behandlung nicht leisten kann. Solche absolute Armut ist in der Welt extrem verbreitet, aber in Deutschland, dieser Insel des ökonomischen Reichtums, ist sie glücklicherweise sehr selten. Relative Armut ist eine statistische Maßzahl, die am Durchschnittseinkommen gemessen wird. Wer weniger als z.B. 60% des Durchschnittseinkommens (Medianeinkommens) verdient, der gilt als arm. Und zwar unabhängig davon, ob das Durchschnittseinkommen in einem Land bei 50 oder 5000 Euro im Monat liegt.

Wer in Deutschland in den Armutsstatistiken auftaucht, der hat weniger als einen bestimmten Prozentsatz des Durchschnittseinkommens. Die Armut, die von den Armutsstatistiken gemessen wird, wäre in fast allen nicht-westlichen Ländern gar keine Armut, sondern Reichtum (und zwar auch hinsichtlich der realen Kaufkraft), weil in diesen Ländern das Durchschnittseinkommen weitaus niedriger ist.

Es gebe in Deutschland immer mehr Armut, hört man ständig in den Medien. Immer mehr Menschen seien arm. Doch wenn der normale Mensch das Wort „Armut“ hört, dann hat er existenzielle Armut vor Augen, dann sieht er hungernde Kinder vor sich.

Doch das ist nicht das reale Bild der Armut in Deutschland. Arme Kinder leiden überdurchschnittlich häufig an Überernährung, nicht Unterernährung, haben in der Regel ein Telefon, einen Fernseher, und mehrheitlich auch einen Computer zu Hause. Die Eltern haben ein Auto, wenn auch vielleicht ein älteres. Sie haben eine Wohnung, die ihren Großeltern luxuriös vorgekommen wäre. Diese Menschen gelten in Deutschland aber als arm, weil der Rest der Gesellschaft eben noch reicher ist. Sie sind „relativ“ zu ihren Mitbürgern arm, aber absolut gesehen, sowohl im geographischen als auch historischen Vergleich, sind sie eher wohlhabend. (Aus christlicher Perspektive könnte man auch kritisieren, dass die Gesellschaft einen solchen Zustand materieller Überversorgung noch als Armut begreift, und dadurch ihre eigene Anhänglichkeit an den Mammon-Kult offenbart.)

Diese Art „relativer“ Armut, auch das sollte nicht unterschlagen werden, ist tatsächlich eher die Folge des Wohlfahrtsstaates. Wenn er halbwegs funktioniert, wird der Wohlfahrtsstaat in einem reichen Land existenzielle Armut so weit reduzieren, dass sie zu einem Randphänomen wird, das nur wenige Menschen betrifft, und statistisch gar nicht mehr erfasst werden kann. Was übrigbleibt, sind die Menschen, die zwar absolut gesehen nicht arm sind, die aber vergleichen mit ihren Mitbürgern einen unterdurchschnittlichen Verdienst aufweisen.

Diese Art Armut kann man nur bekämpfen, indem man dafür sorgt, dass sich reale Leistungsunterschiede nicht mehr in realen Einkommensunterschieden niederschlagen dürfen. Denn ansonsten wird es immer Menschen geben, die vergleichen mit ihren Mitmenschen schlechter abschneiden und daher einfach nicht so viel Geld verdienen. Es ist nun einmal eine Tatsache, dass Menschen nicht gleich sind, sondern äußerst verschieden, und das gilt auch hinsichtlich aller Faktoren, die für ökonomischen Erfolg entscheidend sind: Glück, Fleiß, Talent, Leistungsbereitschaft, die richtigen Kontakte… Alle diese Güter sind unterschiedlich verteilt, und kein noch so „sozial gerechter“ Staat kann das ändern, weil er die Menschen nicht ändern kann. (Und was passiert, wenn der Staat den Menschen doch zu verändern versucht, kann man in allen totalitären Diktaturen sehen. Ich hoffe, dass unsere wohlmeinenden „sozial gerechten“ Umverteilungsapostel in Staat und Kirche vor der Aufrichtung eines solchen Systems zurückschrecken werden, selbst wenn das die Aufgabe ihres Gleichmachungsziels bedeutet.)

„Relative Armut“ ist in jeder Gesellschaft gegeben. Und es kann sogar sein, dass relative Armut steigt, wenn alle Menschen reicher werden. Wenn nämlich das Durchschnittseinkommen um 10% steigt, und sich zugleich das Einkommen in unteren sozialen Schichten nur um 5% erhöht, dann sind zwar alle „absolut“ reicher geworden, aber „relativ“ hat sich die Armut erhöht, und die Druckerpressen können wieder anlaufen und apodiktisch verkündigen, dass „die Armen ärmer und die Reichen reicher“ werden und die „Schere zwischen Arm und Reich“ immer weiter anwächst.

Ja, natürlich. Aber trotzdem sind alle reicher geworden, wenn auch in unterschiedlichem Maße. Das, was der heutige Hartz-IV-Empfänger (kaufkraftäquivalent) zur Verfügung hat, kann sich verglichen mit dem Lohn eines einfachen kleinbürgerlichen Arbeitnehmers aus den 50er und 60er-Jahren durchaus sehen lassen. Der kleinbürgerliche, abgesicherte Arbeitnehmer aus der Generation meines Großvaters hatte nicht mehr als der heutige Hartz-IV-Empfänger.

Der entscheidende Unterschied ist: Er wusste damit besser umzugehen.

Worin bestehen diese Unterschiede? Er wusste sparsam zu wirtschaften. Er hatte in der Regel eine Ehefrau (und nur eine!) zu versorgen, und im Schnitt drei Kinder. Er hat fünf Personen von diesem einen Einkommen ernährt, weil er sparsam war. Er hatte keine unrealistischen Erwartungen; er wusste, dass jemand, der einen einfachen Job hatte, keine großen Sprünge erwarten durfte. Er versagte sich und seiner Familie daher jeglichen überflüssigen Luxus, nicht als Asket, sondern als rationaler Hedonist. Er war sparsam, um sich dann später, kalkuliert, wenn es Sinn machte, etwas leisten zu können.

Wenn unsere heutigen Deutschen nach einem Krieg alles wieder aufbauen müssten, würde ihnen nichts besseres einfallen, als Transparente zu greifen und für mehr staatliche Hilfen zu demonstrieren. Und in vollkommener Frustration irgendetwas von der „Schere zwischen Arm und Reich“ zu schwafeln, wenn der Staat ihnen ihre zerbombten Häuser  nicht innerhalb von sechs Monaten größer und besser wieder aufbaut.

Die „relative Armut“ in Deutschland mag größer sein als vor 50 Jahren. Doch das bedeutet nur, dass das Durchschnittseinkommen, an dem „relative Armut“ gemessen wird, gestiegen ist.

Wenn diese Armut für viele Betroffene heute stärker fühlbar ist, als dies noch vor einigen Jahrzehnten der Fall war, dann hat das nichts mit ökonomischen Maßzahlen zu tun, sondern damit, dass die Stützpfeiler einer Gesellschaft (Familie, Nachbarschaftlichkeit, Gemeindesolidarität, freiwillige „mittlere“ Institutionen aller Art usw.) durch eine gezielte, als „Fortschritt“ verkaufte politisch-kulturelle Revolution, systematisch gesprengt worden sind; mit allen Auswirkungen auf die soziale Sicherheit, aber auch die Charakterbildung, die so eine Revolution hat.

Als Folge davon haben wir heute eine wachsende Anzahl Bürger, die ganz einfach unfähig sind, ein sparsames, kleinbürgerliches Leben an dem sozialen Ort, den manche Sozialforscher untere Mittelschicht nennen möchten, zu führen, weil ihnen schlicht die Tugenden – ja, Tugenden! – fehlen, um aus wenigen Ressourcen und einer nicht idealen sozialen Position das beste zu machen.

Es sind die bekannten, viel kritisierten bürgerlichen Tugenden wie Disziplin, Sparsamkeit, Pünktlichkeit, Verlässlichkeit, Bescheidenheit und Aufrichtigkeit, die aus „bitterer, relativer Armut“ eine anständige, respektable Existenz zu machen fähig sind. Und diese Tugenden lernt man eben nur durch Übung, indem man sie immer wieder nachahmt. Normalerweise geschieht dies in der Familie.

So kann es nicht verwundern, dass selbst die „relative“ Kinderarmut unter Kindern, die einen Vater und eine Mutter haben, die verheiratet sind, und von denen mindestens einer berufstätig ist, etwa bei 2% liegt, während fast die Hälfte der Kinder von „Alleinerziehenden“ unterhalb der ominösen „Armutsschwelle“ liegen.

Doch darüber herrscht auf den Kanzeln das große Schweigen, denn man will ja niemandem auf die Füße treten. Am Ende tritt so jemand noch aus der Kirche aus und verkleinert dadurch die steuerlichen Pfründe, auf denen sich die säkularisierte, modernistische Schattenkirche ausruht.

Dabei hat die Kirche doch eine so große Soziallehre, die leider immer mehr in Vergessenheit gerät, weil die offiziellen Vertreter der Kirche sie durch weichgespülten Sozialismus ersetzen.

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13 Gedanken zu „Von der „relativen“ Armut Deutschlands

  1. „…weil die offiziellen Vertreter der Kirche sie durch weichgespülten Sozialismus ersetzen“ ….und damit – entsprechend verzögert – dem Beispiel der politisierenden EKD folgen. Der sicherste Weg, in der Bedeutungslosigkeit einer Blockpartei zu verschwinden. Gleichzeitig wird der Heilige Geist durch den Zeitgeist ersetzt.

    Statt Kathechese wird Gleichheit gepredigt. Wozu braucht es dazu die Kirche?

  2. Pingback: Armut in der BRD. « Ultramontan

  3. Schlüssig argumentierender Artikel. Man könnte da weiter denken. Die Notwendigkeit, unter den sich abzeichnenden Entwicklungen einer fundamentalen Finanzkrise, einen erneuerten „kleinbürgerlichen“ Habitus für das 21. Jahrhundert zu entwickeln. Das heißt m.E.:
    -weniger Mobilität, die Kosten für PKW, Bahn, Nahverkehr sind stark gestiegen. Motto: Wir bleiben mehr zu Hause, in unserem Viertel, Stadt, Dorf. Wir besichtigen nicht mehr die Armut in anderen Ländern, oder tummeln uns in normierten globalen Wellness-Oasen.
    -weniger Mode. Wir werden den Kult der Fummel aus Fernost verweigern.
    -weniger Event beim Essen. Rückkehr zur einfachen Küche im Spiegel der Jahreszeiten und der kirchlichen Feste.
    -weniger „Diskurs und Dialog“, denn wir sind beschäftigt und stolz uns über die Runden zu bringen, ein gläubiges Leben zu führen, unsere eigenen Feste zu feiern. Wir entziehen uns der oben beschriebenen „Sozialindustrie“ und ihren politisch instrumentalisierten Armutsdiskursen und hoffen damit die Existenzgrundlage dieser Armutsgewinner langsam zu verkleinern- wir sollten die Zuschreibung als Klientel zurückweisen. In diesem Zusammenhang sei auf das Buch von Mario Perniola verwiesen: „Wider die Kommunikation“.
    Es gilt den offensichtlichen Widerspruch der Einheitspolitik , die von Öko- und Nachhaltigkeitsdiskursen und eben von „Armutsdiskursen“ in oben beschriebener Weise in Endlosschleife blubbert, gleichzeitig aber mit Hilfe der Mainstreammedien jeden kleinbürgerlichen Habitus diffamiert (spießig, „ultrakonservativ“, populistisch, womöglich Autobahn), heftigst herauszuarbeiten.
    Kürzer: Es könnte wichtig sein, an einer „wehrhaften, selbstbewußten“ katholisch grundierten Askese zu arbeiten, e i n e der praktischen Wendungen der „Entweltlichung“.
    P.S.:
    Mit „wir“ ist hier konkret mein Lebensumfeld gemeint. Also kein revolutionäres O-Mensch Pathos, sondern die Organisation eines realen Abstieges.

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