Der Götzendienst der Wissenschaft (Teil 1 von 7)

1. Von den verschiedenen Wissenschaften

Oft wird gesagt, man müsse dieses oder jenes ändern oder abschaffen, weil die Wissenschaft dies so empfehle. Wir sollen unsere Kinder jetzt anders erziehen, weil irgendwelche meist kinderlosen Sozialpädagogen bedeutungsschwangere Studien durchgeführt haben, nach denen Kinder angeblich besser aufwachsen, wenn die Erziehung sich zufälligerweise am gerade herrschenden Paradigma orientiert. Welches Paradigma das ist, hängt von der Zeit ab, in der die Studie verfasst wird, und dem gesellschaftlichen Klima, in dem der die Studie verfassende „Wissenschaftler“ lebt.

Ebenso funktioniert das in jeder „Sozialwissenschaft“, oder, genauer gesagt, in jeder Wissenschaft, die als Gegenstand den Menschen als Menschen (nicht als bloßes materielles Ding, sondern in seiner Eigenschaft als Mensch) hat. Sobald man nicht mehr nur betrachtet, wie bestimmte physikalische Teilchen miteinander interagieren, sondern die Betrachtung auf Menschen ausdehnt, hat man es nicht mehr mit Wissenschaft im strengen Sinne zu tun. Physikalische Experimente können wiederholt werden. Sie laufen unter streng kontrollierten Bedingungen ab, die jederzeit in entsprechenden Laboren reproduziert werden können. Es gelten bestimmte mathematische Gesetze bei der Bildung physikalischer Theorien. Wissenschaften, die nach diesem Paradigma funktionieren, können uns Erkenntnisse liefern, die nicht (oder nur in sehr geringem Maße) von den Vorurteilen des Wissenschaftlers abhängen. (Obwohl die Neutralität selbst der Naturwissenschaften wissenschaftstheoretisch sehr umstritten ist.)

Doch die Sozialwissenschaften sind in diesem strengen Sinn keine Wissenschaften. Ihr Gegenstand ist der Mensch oder der Mensch in Gesellschaft, was aufgrund der Sozialnatur des Menschen letztlich dasselbe ist, nur unter einem anderen Gesichtspunkt.  Doch der Mensch hat freien Willen. Er trifft Entscheidungen, die weder physikalisch determiniert sind, noch ausschließlich ansozialisiert wurden. In ihm gibt es komplexe Wechselwirkungen zwischen natürlichen Voraussetzungen, gesellschaftlichen Erwartungen, internalisierten Vorstellungen und dem letztlich freien Willen. Diese Wechselwirkungen sind sozialwissenschaftlicher Erkenntnis prinzipiell nicht zugänglich. In „That Hideous Strength“ lässt C.S. Lewis den Chemiker Hingest sagen: „You can’t study men; you can only get to know them, which is quite a different thing.“ („Man kann Menschen nicht studieren, man kann sie nur kennenlernen, was etwas völlig anderes ist.“)

Lewis hat hier, wie meistens, eine tiefe Einsicht auf den Punkt gebracht. Das, was im modernen Sinn des Wortes als Wissenschaft gelten kann, vermag den Menschen als Menschen nicht zu studieren, weil ihr das Wesentliche entgeht. Materielle Wissenschaft kann den Menschen nicht erfassen, weil der Mensch nicht nur Materie ist, sondern auch Geist; weil im Menschen Materie und Geist eng und untrennbar zusammenwirken. Der Mensch ist beseelt, anders als das Elementarteilchen. Die Seele, aristotelisch gesprochen die Form des Körpers, kann nicht vom Menschen getrennt werden (außer durch den Tod). Doch die materielle Wissenschaft kann die Seele nicht sehen, weil sie nur Materie untersuchen kann.

Um den Menschen mit wissenschaftlichem Anspruch zu untersuchen, benötigt man ein anderes, nämlich ein geistiges Instrumentarium. Und damit kommen wir zu den sogenannten Geisteswissenschaften. Im Kontext der säkularen Hochschule sind sie weitgehend deformiert und kaum noch als solche zu erkennen, weil sie sich dem modernen wissenschaftlichen Paradigma ihren Wesensgehalt aufgebend auf der Jagd nach wirtschaftlichem Nutzwert angepasst haben, um überhaupt überleben zu können. Sie führen ein erbärmliches Schattendasein. Die faktische Apostasie eines guten Teils der universitären Theologie ist nur Teil eines breiteren Phänomens, das den Niedergang aller Geisteswissenschaften umfasst. Diese Wissenschaften haben das Instrumentarium, nämlich vornehmlich den menschlichen Geist, um etwas über den Menschen als beseeltes Lebewesen herausfinden zu können. Doch sie sind im modernen Sinn keine Wissenschaften, da sie weder empirisch noch formal mathematisch oder formal logisch vorgehen. Sie sind „nur“ in einem älteren Sinne „Wissenschaft“. Sie stellen einen geordneten Korpus von Wissen dar, doch er wurde nicht nach der modernen wissenschaftlichen Methode gewonnen, sondern durch die Verwendung des menschlichen Geistes etwa in Form philosophischer Reflektion.

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10 Gedanken zu „Der Götzendienst der Wissenschaft (Teil 1 von 7)

  1. Doch die Sozialwissenschaften sind in diesem strengen Sinn keine Wissenschaften.

    Nach Ihren Kriterien ist die Theologie, die Wissenschaft von Gott, keine Wissenschaft mehr, die an eine Universität gehört, sondern nichts weiter als wilde, primitive Spekulation und Spökenkiekerei. Gespensterkunde at its best! Danke, aber danke NEIN!

    • Ich habe gar keine Kritierien aufgestellt. Ich habe die Kritierien, nach denen allgemein heute Wissenschaftlichkeit im öffentlichen Diskurs beurteilt wird, mit den Möglichkeiten der Sozialwissenschaften verglichen und ein Defizit festgestellt. Ich gebe freimütig zu (tue das tatsächlich sogar in dem von Ihnen offenbar nur flüchtig gelesenen Artikel!), dass nach dem modernen Paradigma Theologie keine Wissenschaft ist. Da haben wir keinen Streit.

  2. Ein Fundstück aus dem Nachbarblog:

    Diese Ergebnisse legen nahe, daß bestimmte psycho-soziale Faktoren dazu beitragen, zumindest einen Teil der Verbindung zwischen körperlicher Aktivität und psychischer Gesundheit zu erklären.

    Andere Faktoren wie die physiologischen Auswirkungen im Gehirn, die durch Bewegung „in Gang“ kommen (vgl. die kürzlich publizierte Studie in Neuroscience (2012: 215. 59–68), spielen ebenfalls eine Rolle.

    „Diese Erkenntnisse sind für die Politik wichtig. Unsere Ergebnisse zeigen, dass körperliche Aktivität ein wirksames Instrument für die Prävention von psychischen Problemen in der Pubertät sein kann“, sagt Monshouwer.

    Die Soziologin und ihre Kollegen hoffen auf weitere Studien, um die Zusammenhänge zwischen körperlicher Aktivität und geistiger Gesundheit besser zu verstehen.

    Quelle: http://charismatismus.wordpress.com/2012/10/09/studie-korperliche-bewegung-macht-kinder-auch-seelisch-stabiler/#comment-5804

    Aber das kann ja alles gar nicht stimmen; weil Soziologie gar keine Wissenschaft sein kann.

    • 1. Ich teile Ihren Szientismus nicht. Erkenntnisse können wahr sein, ohne dass sie wissenschaftlich sind. Erkenntnisse können wissenschaftlich sein, ohne dass sie wahr sind (vgl. die Newtonsche Physik, die in wesentlichen Punkten durch die Relativitätstheorie korrigiert werden musste). An keiner Stelle habe ich gesagt, dass soziologische Ergebnisse nicht auch wahr sein können – ich sagte, sie genügen nicht dem modernen wissenschaftlichebn Paradigma, das die Menschen im Kopf haben, wenn sie erzählt bekommen, etwas sei „wissenschaftlich“.
      2. Es handelt sich um eine triviale Wahrheit. „Mens sana in corpore sano“. Seit Jahrhunderten bekannt. Die genauen physikalischen bzw. neurologischen Prozesse usw., die dabei eine Rolle spielen, sind hochinteressant, aber mit dem naturwissenschaftlichen Paradigma zu erforschen. Sie betreffen nicht den Menschen als Menschen oder die Gesellschaft.
      3. Die Schlussfolgerung im letzten Teil des Zitats zeigt sehr schön die Richtigkeit meiner These, um die es mir in dem siebenteiligen Artikel, dessen ersten Teil Sie flüchtig gelesen haben, hauptsächlich gehen wird, dass nämlich eine mit den Mitteln der „Wissenschaft“ geschaffene, optimierte Gesellschaft, eine Art Utopia oder Paradies auf Erden geschaffen werden soll. „Wissenschaft“ wird hier dazu verwendet, politische Maßnahmen zu rechtfertigen, die gleich hilfreicherweise von den „Wissenschaftlern“ selbst gefordert werden. Ich kritisiere die Obsession des heutigen Menschen mit der zentralen Planung irreduzibel komplexer, individueller, nicht deterministisch erklärbarer Menschen und des Zusammenlebens derselben in der Gesellschaft.
      4. Die Art Mensch, die eine „Studie“ braucht, um zu wissen, dass Bewegung auch für den Kopf gesund ist, wird wahrscheinlich auch ein Forschungsteam beauftragen, um herauszufinden, dass Kinder erst viele Monate nach ihrer Geburt laufen lernen… Wie gesagt, nichts gegen die Erforschung der Gründe für die Richtigkeit dieser Selbstverständlichkeiten. Das Streben nach Erkenntnis ist ebenso gut und gesund wie der Bewegungsdrang. Solche Gründe kann man erforschen, ob die verwendeten Methoden dem modernen wiss. Paradigma entsprechen, oder nicht. (Die politische Forderung, die in dem Zitat abgeleitet wird, basiert nur auf dem Dass der Erkenntnis, nicht auf dem Warum.

  3. Ich weiß jetzt nicht, was es an dem Beitrag auszusetzen gibt. Man kann dem nur zustimmen. Wissenschaftsgläubigkeit halte ich für völlig verfehlt; zwar firmiert Wissenschaftlichkeit unter den Errungenschaften der Aufklärung, führt aber paradoxerweise zur Entmündigung des Menschen. Bestes Beispiel: wenn einige Neurowissenschaftler bestreiten, dass der Mensch einen freien Willen hat. Aber auch schon dann, wenn so getan wird, als könnte wissenschaftliches Wissen individuelle oder kollektive Entscheidungen determinieren. Ich halte das für einen Versuch, sich aus der eigenen Verantwortung zu stehlen.

  4. catocon: (vgl. die Newtonsche Physik, die in wesentlichen Punkten durch die Relativitätstheorie korrigiert werden musste).

    Dieser Satz ist schon ein Schmuckstück von Wissen um die Wissenschaft. Vielleicht hat es Ihnen noch keiner gesagt, aber dass die Newtonsche Physik „korrigiert“ werden musst ist schlichtweg falsch. Richtig ist, dass die Relativitätstheorie und die Quantenphysik, wie alle wissenschaftliche Erkenntnis nach Newton dessen Physik ERGÄNZT und erweitert haben, so wie zum Beispiel die Synthese von Dobzhansky die von Charles Darwin begründete Evolutionstheorie in die Erkenntnisse der Genetik, die Darwin wegen damals noch fehlenden Wissens um die Molekularbiologie noch nicht haben konnte, integriert hat.

    Im übrigen kann man mit der von Ihnen als der „Korrektur“ bedürfenden Newtonschen Physik ganz wunderbar zum Mond und wieder zurück fliegen. Oder zum Mars und dort landen. Oder auf einen sich schnell bewegenden Kometen. Die Newtonsche Physik funktioniert ganz wunderbar in diesen Fällen. Für andere Fälle ergänzen wir die Physik durch neue Erkenntnisse; genannt spezielle und allgemeine Relativitätstheorie; und Quantenmechanik. Etc. pp

    • Naja, Sie können sich gern auf den Standpunkt stellen, die Korrekturen seien bloß „Ergänzungen“ gewesen. Tatsächlich wurde allerdings die ganze Physik auf den Kopf gestellt durch die Erkenntnisse Einsteins und der nachfolgenden Entwicklungen. Was vorher als unbeschränkt gültig gesehen wurde, galt nur noch in engen Grenzen als praktisch brauchbare Approximation. Sie werden im übrigen keinen ernstzunehmenden Wissenschaftsphilosophen oder Wissenschaftshistoriker finden, der dies bestreitet. Kuhn führt diesen Paradigmenwechsel in seinem Werk über wissenschaftliche Revolutionen sehr schön aus. Eine Kontinuität der fortschreitenden Erkenntnis der Wahrheit gibt es in der Naturwissenschaft einfach nicht.
      Dasselbe gilt übrigens auch für die Evolutionstheorie: Vergleichen Sie einmal die Vorstellungen von Darwin mit denen, die heutige Evolutionsbiologen vertreten.

      Durch Ihr szientistisches Weltbild, das der Wissenschaft praktisch den Status der Unfehlbarkeit einräumt (sie kann höchstens „ergänzt“ oder „erweitert“ werden…) sind Sie natürlich zu solcher Verbalakrobatik gezwungen; dies ist allerdings eher eine Schwäche des Szientismus.

  5. Tatsächlich wurde allerdings die ganze Physik auf den Kopf gestellt durch die Erkenntnisse Einsteins und der nachfolgenden Entwicklungen.

    Aber ja doch! Der Erkenntnissprung durch die moderne Physik war gewaltig. Insofern haben Sie völlig Recht, wenn Sie dies so sehen; und die Quantenphysik kann man mit Newtonschen Modellen natürlich absolut NICHT erklären. Trotzdem funktioniert die Newtonsche Physik, in ihren Definitionen ganz wunderbar. Oder gauben Sie die Kosmonauten, Taikonauten und Astronauten beamen sich per Quantenphysik ins All und zurück? Mitnichten! Die berechnen ihre Navigation völlig altmodisch mit der Newtonschen Mechanik. Bis hin zum Swingby an Himmelskörpern. Funktioniert auch auf den Kopf gestellt bestens. Die Quantenmechanik brauche die für völlig anderes Zeugs.

    Eine Kontinuität der fortschreitenden Erkenntnis der Wahrheit gibt es in der Naturwissenschaft einfach nicht.

    Auch völlig richtig! Über lange, manchemal sehr, sehr lange Zeiträume bleibts völlig ruhig an der wissenschaftlichen Erknntnisfront; und dann kommt plötzlich alles auf einmal. Erlebe das gerade persönlich in der Forschung zur Alzheimer-Krankheit. Lange Zeit lief man nur in Sackgassen; ein ums andere mal. Und plötzlich überschlagen sich die positiven Ergebnisse in den Tabellen. So ist Wissenschaft.

    Dasselbe gilt übrigens auch für die Evolutionstheorie: Vergleichen Sie einmal die Vorstellungen von Darwin mit denen, die heutige Evolutionsbiologen vertreten.

    Auch da ist es nach Alfred Russel Wallace und Charles Darwin nur langsam weiter gegangen. als dann die Genetik Fortschritte machte (nach Mendel, Correns, Tschermak und de Vries) und die Molekularbiologie langsam auf die Füsse kam, war es unter anderem das Verdienst des tief gläubigen Theodosius Dobzhansky und des völlig atheistischen Ernst Mayr die Synthese, die Integration der Darwinschen Linie der Erkenntnisse mit denen der Genetik zu erreichen, Das war einer der dicken Knoten die aufgebunden worden sind. Wenn Sie so wollen, hat das die von Darwin begründete Evolutionstheorie auf den Kopf gestellt. Trotzdem gilt auch hier, dass die Fundamente, die Charles Darwin gelegt hat das ganze Gebäude immer noch tragen oder, um mit Dobzhansky zu sprechen: „Nichts in der Biologie macht Sinn außer im Licht der Evolution!“

    • F.M.
      Selbstverständlich: Teilweise kann man auf früheren Erkenntnissen aufbauen, teilweise nicht. Sie kennen sich wahrscheinlich mit den Details der Evolution der Evolutionstheorie (wenn wir das einmal so nennen wollen) besser aus als ich, aber manches in Darwins Theorie wird man verworfen haben, viele Grundlagen konnte man beibehalten.
      Was die Stoßrichtung Ihres Kommentars angeht, sind wir uns einig. Wenn Sie das „Auf-den-Kopf-Stellen“, das in der Wissenschaft immer wieder geschieht, wenn man neue Erkenntnisse erlangt, als „Ergänzung“ oder „Erweiterung“ beschreiben möchten, und ich als „Korrektur“, dann scheint unsere Meinungsverschiedenheit an diesem Punkt hauptsächlich semantischer Natur zu sein.

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