Der Götzendienst der Wissenschaft (Teil 2 von 7)

2. „Sozialwissenschaft“ als Ideologie

Den Menschen kann man nur als Ganzheit von Leib und Seele verstehen. Wenn die modernen Sozialwissenschaften, Erziehungswissenschaften, Psychologie, aber auch die Ökonomie (außerhalb streng ökonometrischer Erfassung wirtschaftlicher Daten), uns die Ergebnisse ihrer Studien als „Erkenntnisse“ oder „Wissen“ verkaufen, dann können sie diesen Anspruch nur selten erfüllen. Alasdair MacIntyre schreibt darüber, geradezu am Rande, aber dennoch sehr instruktiv, in seinem hauptsächlich moralphilosophischen Werk „After Virtue“, besonders im 7. und 8. Kapitel, wobei er sich auf die empirisch feststellbare Abwesenheit verlässlicher Ergebnisse im Felde der Sozialwissenschaften konzentriert, ohne den grundsätzlicheren Einwand zu erheben, den ich hier formuliert habe.

Weil es an einer Methode mangelt, mit der der Mensch als Leib-Seele-Ganzheit auch nur wahrgenommen wird, sind die Ergebnisse dieser Wissenschaften notwendigerweise nicht allzu ergiebig. So wie jemand, der versucht, mit einer Gabel Suppe zu essen, sich nicht zu wundern braucht, wenn das nicht richtig funktioniert. Es landet vielleicht etwas Suppe auf der Gabel, so wie auch der Sozialwissenschaftlicher manchmal auf richtige Ergebnisse stößt. Doch zumeist findet er entweder triviale Wahrheiten (wie dass Mann und Frau verschieden sind), für deren Erkenntnis man seine Studien nicht gebraucht hätte, oder absurde Unwahrheiten (wie dass Mann und Frau gleich wären), die auch durch seine Studien nicht wahrer werden.

Die wichtige Einsicht ist, dass man diesen Studien überhaupt kein Vertrauen zu schenken braucht, weil dahinter zwar ausgefeilte Methoden stehen, die jedoch, so ausgefeilt sie auch sein mögen, schon prinzipiell nicht geeignet sind, den Menschen als Leib-Seele-Ganzheit auch nur wahrzunehmen. Wer Mikroorganismen mit bloßem Auge untersucht, wird keine finden. Er braucht ein Mikroskop. Wenn besagter Biologe uns nun erklärte, seine Untersuchungen hätten gezeigt, es gäbe keine Mikroorganismen, wäre ein Lachanfall gerechtfertigt, wenn auch vielleicht nicht gerade höflich. Wir würden niemandem glauben, der uns erklärt, er habe tausend Menschen angeschaut und viele erbauliche Gespräche mit ihnen geführt, und nie eine Lunge gesehen, und dies als Indiz dafür anführte, dass Menschen keine Lunge hätten. So ist es auch mit den Studien der Sozialwissenschaftler. Sie untersuchen den Menschen und die Gesellschaft (also viele Menschen, die strukturiert zusammenleben) mit einem Instrumentarium, das den Menschen in seinem wesentlichen Merkmal gar nicht erfassen kann. Da sie den Untersuchungsgegenstand nicht wirklich untersuchen können, hängen die Ergebnisse sozialwissenschaftlicher Studien hauptsächlich von den Vorurteilen der Wissenschaftler ab, die sie produzieren, und von den Geldgebern, die sie bezahlen.

„Glaube keiner Statistik, die Du nicht selbst gefälscht hast“, lautet ein etwas plumper Satz, der eine verwandte Aussage macht, nämlich dass man die meisten sozialen Tatbestände statistisch so darstellen kann, dass sie beim Leser ideologisch richtig gefiltert ankommen. Meist handelt es sich dabei gar nicht um bewusste Fälschungen; es geschieht ganz unbewusst, aufgrund der natürlichen Tendenz von Menschen, zu sehen was sie sehen wollen.

Ein feministischer Soziologe wird also „herausfinden“, dass Mann und Frau gleich sind, und die linksliberalen Medien werden sich über die Ergebnisse stürzen als „Beweis“ für die Richtigkeit ihres Egalitarismus. Er wird auch „wissenschaftlich“ bestätigen können, dass Frauen glücklicher sind, wenn sie sich in Lohnsklaverei verdingen, und dass es Kindern in Krippen weit besser geht als bei ihren eigenen Eltern. Er kann ein langes Lied davon singen, alles „wissenschaftlich“ untermauert, mit mehr als 834 unabhängigen Studien, dass Kinder in homosexuellen Lebensgemeinschaften genauso gut aufwachsen wie in traditionellen Familien. Sein ebenso feministischer Kollege aus der Psychologie wird bestätigen, dass die traditionelle Familie für den autoritären Charakter verantwortlich ist, und deshalb zu Hitler und Ausschwitz geführt habe, und dass, wie Freud das ausdrückte, das Christentum eine Art Geisteskrankheit ist. Und alle diese Aussagen sind „wissenschaftlich oftmals bestätigt“.

Ein christlicher Soziologe und sein ebenso christlicher Psychologenkollege können sich ebenfalls „wissenschaftlich“ mit den genannten Themen auseinandersetzen. Sie werden herausfinden, dass Kinder am besten bei ihren Eltern aufwachsen, dass Frauen eigentlich doch ziemlich traditionelle Ansichten haben, dass Kinder, die in homosexuellen Beziehungen, bei Alleinerziehenden oder in vergleichbaren Verhältnissen aufwachsen, überdurchschnittlich oft Opfer sexuellen und anderen Missbrauchs werden, weitaus schlechtere Bildungschancen haben und vieles mehr, als vergleichbare Kinder aus traditionellen Familien. Sie können feststellen, dass christliche Menschen länger leben, einen ausgeglicheneren Charakter und viele andere Vorzüge haben, die ganz sicher das nächste Ausschwitz verhindern würden, so wie sie das letzte nicht verhindert haben.

Soziologen, Psychologen, Erziehungswissenschaftler mit noch anderen Ansichten werden zu noch anderen Ergebnissen kommen. Das funktioniert ja sogar in der noch relativ empirisch-naturwissenschaftlichen Klimatologie (wo die Studien der Umweltschützer und an globaler Macht interessierten Regierungen behaupten, der Klimawandel sei vom Menschen gemacht, während die Interessengruppen der anderen Seite ebenso wissenschaftlich herauszufinden glauben, der Klimawandel sei auf natürliche Faktoren zurückzufügen und in der Summe gar kein großes Problem). Es funktioniert erst recht in den „weichen“ Wissenschaften vom Menschen.

Aufgrund der Studienschwemme kann man nicht sagen, welche Position richtig ist. Der Feminist wird sich durch einen riesigen Haufen Studien und Untersuchungen aller Fachrichtungen bestätigt fühlen; der traditionelle Christ wird auch genug Studien finden, an denen er sich hochziehen kann, wenn ihm danach ist. Es gibt mehr pro-feministische Studien, weil es mehr pro-feministische Wissenschaftler an der säkularen Hochschule gibt, und weil sowohl Arbeitnehmer- als auch Arbeitgeberverbände ebenso wie die Regierung und alle wesentlichen Oppositionsgruppen die feministische Position unterstützen – manche aus Ideologie, andere aus einfacher ökonomischer Kalkulation. Doch Wahrheit und Mehrheit sind, das sagt schon der Untertitel des Blogs Kreuzfährten, von dem ausnahmslos alle Leser dieser Zeilen schon mindestens einmal gehört haben dürften, zwei völlig verschiedene und oft entgegengesetzte Dinge.

2 Gedanken zu „Der Götzendienst der Wissenschaft (Teil 2 von 7)

  1. Wiederum volle Zustimmung. Eigentlich müsste das Spiel jeder durchschauen. Trotzdem wird das Spiel – mangels Alternativen? – weitergespielt.

    Aus dem, was Du schreibst, entnehme ich, dass Du auch Psychologen prinzipiell nicht zutraust, den Menschen als Leib-Seele-Einheit zu erfassen, obwohl sie doch beides prinzipiell im Blick haben (wobei es ja in der Psychologie eine weite Spannweite von Theorien gibt; erst in letzter Zeit – so habe ich mir als Nicht-Experte sagen lassen – setzt sich eine biologistische, neurowissenschaftlich fundierte Sichtweise durch; die therapeutische Praxis sieht wiederum ganz anders aus). Und was sagst Du den Wissenschaftlichern, die sagen, dass Deine Anthropologie – der Mensch als Leib-Seele-Einheit – auf einer metaphysischen Mucke beruht, will sagen: eine unbewiesene Hypothese darstellt, auf die man – wie auf die Hypothese Gott – getrost verzichten kann. Um nicht mißverstanden zu werden: Ich halte die Tendenz der Wissenschaft für fatal, dass Höhere aus dem Niederen herzuleiten, dass Bewusstsein aus der materiellen Evolution, das moralische Bewusstsein aus dem Überlebenskampf etc. Mir scheint das evident falsch, ja vulgär, es gelingt mir nicht, mich so zu begreifen.

    Das Problem würde sich m. E. nicht stellen, wenn Wissenschafter bei ihren Leisten bleiben würden. De facto ist es aber so, dass durch die Wissenschaft mehr und mehr die Lebenswelt als auch das Selbstverständnis des Menschen geprägt wird. Tatsächlich hat mir jemand mal gesagt, dass er sich als die neuronalen Erregungsmuster seines Gehirns begreift.

    • ChB,
      ich möchte dem „neuronalen Erregungsmuster“ mein Beileid für seinen Reduktionismus im Endstadium aussprechen…😉

      Was würde ich demjenigen sagen, der meine metaphysische These vom Menschen als Leib-Seele-Ganzheit für verzichtbar und unbewiesen hält? Ich würde ihm sagen, dass er recht hat. Ich kann nicht im modernen, wissenschaftlichen Sinn des Wortes „beweisen“, dass der Mensch tatsächlich eine Ganzheit von Leib und Seele ist. Metaphysik ist Philosophie und Philosophie funktioniert nicht nach der „wissenschaftlichen Methode“.

      Allerdings, so würde ich antworten, hat jeder Mensch eine Metaphysik. Daran kommen wir nicht vorbei. Jeder Mensch hat bestimmte Grundannahmen über die allgemeine Beschaffenheit des Seienden als solchem. Sonst wäre überhaupt keine Wissenschaft möglich. Reduktionismus ist auch eine metaphysische These – kein wissenschaftliches Experiment kann diese These prüfen; sie ist nicht das Ergebnis wissenschaftlicher Experimente, sondern eine Voraussetzung ihrer Interpretation. Die Frage ist also nur, ob wir eine durchdachte, rationale Metaphysik haben sollen, oder eine, die uns geradezu nebenbei und zufällig zugewachsen ist. Wollen wir unreflektierte Grundannahmen machen, oder reflektierte?

      Wenn wir aber nun eine Metaphysik haben müssen, dann ist es vernünftig, dass wir über unsere Metaphysik nachdenken, damit sie möglichst adäquat ist. In diesem Fall zieht die Ablehnung der Leib-Seele-Ganzheit bloß aufgrund ihres Charakters als metaphysischer These nicht mehr. Der fragliche Wissenschaftler müsste, um die These mit Recht ablehnen zu können, zeigen, dass es sich nicht nur um eine metaphysische These, sondern um eine FALSCHE metaphysische These handelt. Es reicht dabei nicht, zu behaupten, die Wissenschaft habe keine Seele gefunden, und deswegen gebe es keine. Der fragliche Wissenschaftler setzt dabei die Richtigkeit SEINER metaphysischen These vom Szientismus (dass man nur durch empirische Wissenschaft rationale Erkenntnis erlangen kann) stillschweigend voraus. Das Argument hat also keine Beweiskraft.

      Der fragliche Wissenschaftler müsste also seine eigene metaphysische These (gegeben seine Ablehnung der Seele, vermutlich eine Art Materialismus) verteidigen und die meine untergraben. Doch dies kann er wieder nur durch metaphysische Argumente tun, die er bislang nicht beigebracht hat.

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