Grußbotschaft zum 500. Lutherjubiläum

In den letzten Tagen geisterte die Vorstellung durchs Internet, Papst Franziskus könne möglicherweise 2017 das „Reformationsjubiläum“ feiern oder etwas dergleichen (etwa hier). Laut Vatikan ist noch keine Entscheidung gefallen.

Es folgt ein kleiner bescheidener Vorschlag von Catocon: Wir schicken den Lutheranern keinen Papst, sondern ein Grußwort des Papstes. Vielleicht könnte man ja schreiben:

„Liebe Lutheraner, getrennte Brüder in Christo

wie dem verlorenen Sohn wenden Wir Uns euch anlässlich des 500. Jahrestags des Beginns des lutheranischen Schismas in väterlicher Liebe zu. Wir sehen freilich keine Veranlassung, den Abfall einer großen Anzahl Christen vom wahren Glauben Jesu Christi und Seiner Kirche, der katholischen Kirche, zu feiern. Vielmehr verharren Wir in tiefer Trauer ob des Unwillens, der Uns von lutheranischer Seite entgegenschlägt, wenn Wir – wie Wir das unermüdlich getan haben – euch zur Rückkehr in die Kirche Christi aufrufen.

Solange das Schisma des Häretikers Martin Luther und seiner heutigen Anhänger sich weiter fortsetzt, ist es Unser Wille, gute freundschaftliche und diplomatische Beziehungen zu euch und allen Irrenden zu führen, jedoch ohne jemals die Fragen ausklammern zu können, die Uns leider von Euch trennen. Wir bieten anlässlich des genannten Jahrestags allen Lutheranern guten Willens die Möglichkeit einer Rückkehr in die katholische Kirche an, bei der sie ihre legitimen Traditionen fortführen können, die in 500 Jahren gewachsen sind. Wir gedenken dabei analog dem Modell zu verfahren, das Unser Vorgänger Benedikt XVI. für die Anglikaner entworfen hat. Selbstverständlich gehört zu einer solchen Rückkehr immer die vollständige Unterwerfung unter die gesamte Wahrheit des katholischen Glaubens, wie er sich in heiliger Schrift und heiliger Überlieferung findet. Interessierte Lutheraner müssen natürlich allen Irrlehren widersagen, denen sie sich unter der geistlichen Leitung Martin Luthers hingegeben haben, könnten jedoch ihre eigenen legitimen Traditionen fortführen, an denen vielen gutwilligen Lutheranern so viel liegt.

Wir sind auch eingedenk der Tatsache, dass viele von euch sich niemals persönlich für Schisma und Häresie entschieden haben, da ihr in Familien mit langer lutheranischer Tradition hineingeboren worden seid. Wir sind daher zu großer Milde bereit, wenn ihr euch dazu entschließt, zum wahren Glauben zurückzukehren und eure großen geistlichen Gaben, die der Herr euch gegeben hat, in den Dienst des Herrn und Seiner Kirche zu stellen. Die verfahrenstechnischen und kirchenrechtlichen Details seien an anderer Stelle im Detail ausgearbeitet, sollen Euch aber keine unangemessenen Hindernisse in den Weg legen.

Wir enthalten Uns eines Gedenkens des Schismas Martin Luthers, um euch nicht mehr gegen Uns aufzubringen als nötig. Nicht enthalten können Wir Uns jedoch einiger Worte über die absurden Erwartungen, die manche von lutheranischer Seite hinsichtlich der ökumenischen Gespräche hatten. Wir wissen, dass euch von katholischer Seite falsche Hoffnungen gemacht worden sind, es sei vielleicht eine „Interkommunion“ möglich ohne die vollständige Rückkehr der verirrten Schäfchen unter das Primat des Nachfolgers Petri und den durch ihn garantierten überlieferten Glauben. Dasselbe gilt für andere Fragen des sogenannten ökumenischen Dialogs. Leider ist es den Katholiken nicht möglich, die Wahrheitsfrage aus dem ökumenischen Dialog auszuschließen, oder über die Wahrheit des katholischen Glaubens zu diskutieren als sei sie eine offene Frage, die erst noch der Beantwortung oder eines Urteils seitens ökumenischer Dialoge bedürfte. Diesen schrecklichen Irrtum glauben Wir mit diesen klaren Worten ausgeräumt zu haben.

Es bleibt Uns dann nur noch übrig, denjenigen unter euch, die wenigstens noch am natürlichen Sittengesetz und den Elementen der Wahrheit, die Luther aus dem Schatz der Kirche übernommen hat, festhalten, Unseren ehrlichen Dank für diese, wenn auch begrenzte, Treue auszusprechen, und euch mitzuteilen, dass Wir mit großer Freude erwarten, in allen Dingen, die wir ohne Kompromisse gemeinsam haben, eine Periode gedeihlicher Zusammenarbeit zu beginnen, auf dass die antichristlichen Angriffe, denen wir alle in unserer modernen Zeit ausgesetzt sind, vor dieser vereinten Front unverfälschter christlicher Sittenlehre zurückschrecken werden und dadurch dem christlichen Europa sein Antlitz zurückgegeben und der ganzen Welt ein christliches Antlitz gegeben werde.

Diejenigen unter euch, die weder an dem natürlichen Sittengesetz noch an der lutheranischen Überlieferung festgehalten haben, werden sicher nicht erfreut ob dieser klaren Worte sein, und Wir sehen auch keine Möglichkeit, euch entgegenzukommen, ohne von der Wahrheit des Glaubens der Kirche abzuweichen. Uns bleibt nur, euch die Hand des Friedens und der Versöhnung entgegenzustrecken. Das Tor der Kirche ist immer offen für euch und niemals wird man euch abweisen, wenn ihr auf den Weg der Wahrheit, die Christus ist, zurückkehren wollt. „Klopfet an, so wird euch aufgetan“. Das gilt für den Eintritt in die Kirche Gottes, die katholische Kirche, ebenso wie für den Eintritt ins Himmelreich.

Papst [xxx]“

Ziemlich unwahrscheinlich, dass es dazu kommen wird, aber es wäre vielleicht heilsam und klärend. Klarheit ist die erste Voraussetzung der Wahrheit.

Tradi-Ökumene

Seit Monaten, wenn nicht gar Jahren, kündigt sich dieses Ereignis schon an. Jetzt ist es geschehen – Bischof Williamson ist aus der Piusbruderschaft ausgeschlossen worden, wie man in diesem Kommuniqué des Generalhauses der Bruderschaft nachlesen kann. Ein notorischer Quertreiber, der große Schwierigkeiten mit dem Gehorsam hat, der direkte Anordnungen seines legitimen Oberen nicht befolgt, selbst wenn diese überhaupt nicht im Widerspruch zu Glaube oder Sittenlehre stehen, ist ein großes Problem für jede kirchliche Vereinigung.

Für eine Gruppe wie die Piusbruderschaft, die unter Bischof Fellay den ernsthaften Versuch unternimmt, Widerstand bis zum Ungehorsam gegen die als grenzwertig modernistisch empfundenen Neuerungen des Konzils zu leisten, ohne dadurch einen Bruch mit Rom zu vollziehen, ist so jemand umso schlimmer. In diesem Sinne ist es gut, dass Williamson nun ausgeschlossen worden ist.

Was jetzt passieren wird, ist noch unklar. Williamson und einige (wenige) andere Fellay-Gegner werden vielleicht eine eigene Gruppe eröffnen, vielleicht auch als unabhängige Traditionalisten durch die Welt geistern, und den Abfall der Piusbruderschaft von der Tradition verkünden. Vermutlich wird die Piusbruderschaft sich in Zukunft stärker gegen „williamsonistische“ Strömungen abgrenzen. Ebenso haben sich andere traditionell-katholische Gruppen wie die Petrusbrüder lange von der Piusbruderschaft abgegrenzt, weil diesen – anders als jenen – die kirchenrechtliche Legitimation fehlt.

Trotz wachsender Priesterzahlen und steigender Tendenz bei den Messorten und Messzentren sind die verschiedenen traditionellen bis traditionalistischen Gruppierungen ineffektiv und zum langsamen Tod verurteilt, wenn sie sich immer weiter zersplittern. Wenn wirklich eine Aussicht bestehen soll, der Tradition in Messe, Spiritualität, Theologie usw. wahres Heimatrecht in der Kirche zu verschaffen, auch in der alltäglichen Gemeindepraxis, dann wird das nur funktionieren, wenn die Anhänger der katholischen Tradition entschlossen und einheitlich dafür kämpfen, oder doch zumindest „getrennt marschieren und vereint schlagen“.

Sicher gibt es entscheidende Differenzen zwischen WIlliamson, Fellay, der Petrusbruderschaft und Traditionstreuen, die anderen Gruppierungen angehören, oder innerhalb der diözesanen Strukturen ihren allzu oft vergessenen und einsamen Kampf gegen Banalisierung und Beliebigkeit führen. Williamsons absurde historische Theorie über den Holocaust, die kirchenrechtliche Stellung der FSSPX, die Tatsache, dass einige Petrusbrüder bereit sind, unter bestimmten Umständen den Novus Ordo zu zelebrieren, und die Tatsache, dass die in diözesanen Strukturen tätigen Traditionstreuen dies fast immer tun müssen – all diese Differenzen und viele mehr sollten wir nicht vergessen.

Doch haben wir nicht alle den gleichen Glauben? Gehören wir nicht alle zur gleichen Kirche (weder Williamson noch die FSSPX sind exkommuniziert)? Wäre es nicht besser, wenn alle traditionstreuen Kräfte koordiniert für ihre gemeinsamen Ziele streiten würden, statt ihre Kräfte darauf zu verschleudern, sich praktisch gegenseitig zu exkommunizieren? Die modernistische Strategie ist divide et impera – teile und herrsche. Bisher haben sie Erfolg, weil die Traditionalisten sich teilen, spalten lassen.

Traditionelle Katholiken legen zurecht großen Wert auf die Reinheit der kirchlichen Lehre und Überlieferung, und verweigern Kompromisse, um diese Reinheit nicht zu kompromittieren. Aber in welchen Glaubenssätzen, in welcher Theologie des Messopfers, um nur ein Beispiel zu nennen, unterscheiden sich die Pius- und Petrusbrüder? Ja, ich weiß, die Piusbrüder haben eine irreguläre kirchenrechtliche Stellung, und das ist ein Problem. Doch es ist kein unübersteigbares Problem. Niemand verlangt von den Petrusbrüdern, dass sie den Messbesuch in Pius-Kapellen empfehlen (und umgekehrt). Niemand verlangt von Williamson, dass er sich mit Fellay versöhnt und seine Differenzen inhaltlicher Natur vergisst. Niemand verlangt von den Piusbrüdern, dass sie so tun sollen, als hätte Bischof Williamson sich nicht absolut unerträglich verhalten, und die legitime Autorität des Generaloberen mit Füßen getreten.

Ich fürchte, dass diese Differenzen, diese internen Grabenkämpfe innerhalb der traditionellen katholischen Gemeinschaften, die volle Wiederverankerung der Tradition in lehramtlicher Theologie und pastoraler Praxis, im alltäglichen Leben der Gemeinden, verhindern werden. Ich fürchte, dass in Zukunft jede Äußerung von Williamson aus der FSSPX ebenso negativ kommentiert werden wird, wie es seit langem zwischen Pius- und Petrusbrüdern geschieht. Die einen sind Schismatiker und die anderen haben die Tradition an die Modernisten verkauft. Was für ein Unsinn! Sie alle sind Anhänger der einen, unteilbaren katholischen Tradition, und was sie auch trennen mag, es eint sie ein und derselbe Glaube, die Anhänglichkeit an denselben Papst, und die Feier derselben Sakramente.

Alle, die in Glaube, Papsttum und Sakramenten untereinander geeint sind, und für die Restituition der Tradition in der Kirche eintreten, sollten den Wert etwas ganz pragmatischer, ganz undogmatischer Ökumene lernen. Das mag für traditionalistische Ohren provokativ klingen und ist es vermutlich auch. Doch es geht nicht um dogmatische Kompromisse, sondern um pragmatische Zusammenarbeit.

Mit Zähnen und Klauen verteidigen die verschiedenen Gruppen die katholische Tradition und arbeiten unermüdlich an ihrer Wiederherstellung, wo immer sie beschädigt worden ist. Doch was wäre, wenn sie es schafften, zusammenzuarbeiten? Was wäre, wenn sie nicht mehr ihre Energien darauf verschwendeten, jedem haarklein darzulegen, warum der Traditionalist von Nebenan kein WAHRER Traditionalist ist – sondern ein Schismatiker, oder ein verborgener Modernist?

Vielleicht könnte die Verankerung der Tradition schon viel weiter sein, wenn wir das Feuer unserer Argumente und unserer Tatkraft allein auf die echten Feinde der Tradition – die Neoreformatoren und Modernisten – richten würden.

Wenn die Traditionalisten Erfolg haben wollen, dann müssen sie aufgrund unterschiedlicher Schwerpunkte und Überzeugungen in vielen Einzelfragen vermutlich getrennt marschieren, aber sie müssen auch (aufgrund fundamentaler Einigkeit im Glauben und in den Sakramenten) vereint schlagen. Und das bedeutet: Sie müssen etwas Tradi-Ökumene betreiben. Vielleicht einige inter-traditionalistische Gebetstreffen abhalten, wenn auch sicher nicht in Assisi…

Wahrscheinlich wird die FSSPX jetzt keine Gelegenheit versäumen, um sich von Williamsons Getreuen abzugrenzen – und umgekehrt – so wie es seit Jahren zwischen FSSPX und FSSP geht. Ich habe keine große Hoffnung, dass es diesmal anders laufen wird als sonst.

Während wir uns in internen Scheingefechten zerfleischen, brennt die Kirche, unsere Mutter. Wer würde nicht der Mutter helfen, wenn sie brennt, weil er sich lieber mit seinem Bruder über Details streitet? Nein, alle Brüder, die sich der Tradition verbunden fühlen, müssen mit Wassereimern herbeilaufen, um den Brand zu löschen, auch wenn es unterschiedliche Wassereimer sind. Jeder muss dazutun, was er eben geben kann, auch wenn sein Beitrag den anderen nicht gefällt. Wichtig ist nur, dass wir dabei helfen, den Brand zu löschen.

Ein Fall für interreligiöse Solidarität

Das Landgericht Köln hat kürzlich ein Urteil gefällt, demzufolge die Beschneidung von jüdischen Jungen als Körperverletzung zu gelten habe und zudem die religiöse Selbstbestimmung der Beschnittenen verletzt worden sei. Kath.net berichtet über dieses Urteil und fasst auch einige der Reaktionen verschiedener Religionsgemeinschaften, darunter Juden, Christen und Muslime, zusammen.

Wir haben hier wieder einmal einen typischen Fall, bei dem ein angebliches, totalisiertes Selbstbestimmungsrecht des Einzelnen nicht nur über die Religionsfreiheit der Eltern und ihr legitimes, in der Verfassung verankertes Erziehungsrecht gestellt wird, sondern auch noch zur Grundlage der Kriminalisierung eines Initiationsritus einer der großen Weltreligionen verwendet wird.

„Religionsfreiheit“

Regelmäßige Leser des Blogs werden sich entsinnen, dass der Autor sehr wenig von der liberalen Religionsfreiheit hält, und selbst ihre abgeschwächte und qualifizierte Version, wie sie das II. Vatikanische Konzil zu unterstützen scheint, durchaus kritisch sieht. Ich bin durchaus nicht der Meinung, dass die Religionsfreiheit, also das Recht, seine Religion auch öffentlich auszuleben, ein Naturrecht ist. Es kann also legitim sein, wenn es dafür gute Gründe gibt, die Ausübung bestimmter religiöser Präferenzen zu untersagen und sogar staatlich zu bestrafen. Dies ist jenseits aller radikalen Freiheitsrhetorik auch vollkommen unstrittig. Natürlich muss die Polizei gegen Menschenopfer vorgehen, die etwa von Satanisten durchgeführt werden könnten. Strittig wird das erst, wenn man die Frage stellt, nach welchen Kriterien der Staat bei dieser Beschränkung der Religionsfreiheit vorzugehen hat. Wendet man dies relativistisch, so beschränkt der Staat die Ausübung von Religionen, die sich zu weit von den gesellschaftlichen und kulturellen Normen der Gesellschaft entfernt haben. Dies wird der Vorwand für die zukünftige Verfolgung der katholischen Religion sein.

Wendet man dies im traditionellen Sinne und bezieht es auf die Existenz objektiver Wahrheit, dann landet man bei der traditionellen katholischen Position. Der Staat beschränkt die Ausübung der Religionen, die zu weit von der Wahrheit entfernt sind, und daher durch ihre Irrlehren und falschen Riten das Gemeinwohl der Gesellschaft gefährden.

Doch egal wie man es wendet: Absolute Religionsfreiheit gibt es nicht, kann es nicht geben, wird es nicht geben, und fordert auch überhaupt niemand wirklich.

Die Frage lautet also immer nur: Welche Religionen sollen frei sein? Diejenigen, die sich besonders gut mit dem gerade herrschenden Stimmungsbild der Gesellschaft und ihrer Eliten decken, oder diejenigen, die sich am besten mit der Wahrheit decken?

„Selbstbestimmungsrecht des Einzelnen“

Ebenso ist auch das Selbstbestimmungsrecht des Einzelnen, auf das das Landgericht abhebt, leider ein Mythos. Niemand will, dass der Einzelne immer über alles bestimmen kann. Der Einzelne, der sich für Mord entscheidet, der kann das wohl bestimmen, aber andere bestimmen dann, dass er in Zukunft eingesperrt wird. Niemand hält das für falsch. Die Frage ist also wieder nur: Über welche Handlungen soll der Einzelne bestimmen dürfen?

Wieder stellt sich bloß die Frage nach dem Kriterium für die Beschränkung dieses vorgeblichen „Selbstbestimmungsrechts“. Der moderne Relativist wird nur die Standards der Kultur, der Gesellschaft, oder ihrer Elite angeben können. Was gerade als akzeptabel gilt, das kann jeder tun. Was als inakzeptabel gilt, das wird verfolgt oder verboten. Die Kirche hat traditionell immer den Standard der Wahrheit angelegt. Jeder kann selbst bestimmen, solange er nicht gegen die Wahrheit handelt und dadurch das Gemeinwohl der Gesellschaft, das in dieser Wahrheit verankert ist, gefährdet.

Doch ob man relativistische oder christliche Kriterien anlegt – es bleibt dabei, dass niemand ein unbeschränktes Selbstbestimmungsrecht des Einzelnen auch nur ernsthaft fordert. Alle sind sich einig, dass es Grenzen geben muss. Die Frage ist nur, wo sie verlaufen sollen.

Das Erziehungsrecht der Eltern

Das Erziehungsrecht der Eltern ist in der heutigen Kultur nicht gerade hoch angesehen. Eltern können ihre Kinder aus vollkommen trivialen Gründen verlieren, oder von staatlichen Institutionen so stark in ihrer Tätigkeit behindert werden, dass sie über das Kind gar nicht mehr wirklich selbst entscheiden können. Spätestens ab dem sechsten Schuljahr werden die Kinder in die staatliche Indoktrinationsanstalt namens Schule eingewiesen – Eltern werden ihre natürlichen Rechte an ihren Kindern genommen oder so stark beschnitten, dass man sie kaum noch als solche zu erkennen vermag.

Diese Art Beschneidung scheint das Landgericht nicht schlimm zu finden.

Die Entscheidung des Landgerichts ist allerdings vollauf verständlich, wenn man die heute geltenden Standards der modernen westlichen Welt anlegt. Die „körperliche Unversehrtheit“ des Kindes ist auf eine geradezu perverse Weise von Jugendbürokraten zum Fetisch erhoben worden, dass es ausreicht, wenn Kinder übergewichtig sind, oder die Eltern bewährte Erziehungsmethoden wie die Tracht Prügel anwenden, damit der Staatsapparat ihnen ihre Kinder entreißt. Wenn diese „Vergehen“ der Eltern ausreichen, um sie an den Pranger zu stellen und gar strafrechtlich zu belangen, dann nimmt es nicht Wunder, wenn die Beschneidung als „Verstümmelung“ erscheint.

Denn der „versohlte“ Hintern heilt nach ein paar Tagen wieder ganz von allein. Die Beschneidung bleibt. Und dass Eltern, denen man das Recht zur maßvollen Anwendung der Körperstrafe abspricht, auch nicht die Befugnis haben können, ihr Kind zu „verstümmeln“ – dauerhafte Veränderungen an ihm vorzunehmen –  ist so pervers wie folgerichtig.

Das Skandalurteil des offensichtlich in Allmachtsvorstellungen des Staates schwelgenden Landgerichts ist damit Ausdruck eines breiteren gesellschaftlichen Trends zur staatlichen „Verwaltung“ und „Betreuung“ der Kinder auf Kosten des natürlichen Erziehungsrechts der Eltern.

Die Selbstbestimmung in der Religion

Für das Judentum ist das jüdische Volk mit der jüdischen Religion eng verbunden. Ein Volk besteht aus vielen Generationen, in denen eine gemeinsame Tradition von Eltern zu Kindern immer weitergetragen wird. Das jüdische Volk trägt seit Jahrtausenden seine Traditionen auf diese Weise immer weiter, von Generation zu Generation. Wenn Eltern ihre Kinder nicht mehr beschneiden dürfen, dann verbietet ein tyrannisch agierender Staat den jüdischen Eltern die Weitergabe der Zugehörigkeit zu dem Volk, das nach jüdischer Auffassung das Bundesvolk Gottes ist. Die Beschneidung als sichtbares und wirksames Zeichen dieses Bundes ist daher ein notwendiger Teil des Judentums. Eltern, die ihre Kinder nicht beschneiden lassen, verstoßen gegen ein höheres, nämlich religiöses, Gesetz. Kein Staat kann dazu verpflichten – die Eltern hätten die subjektive religiöse Pflicht des Ungehorsams gegen ungerechte weltliche Autoritäten.

Die Beschneidung entscheidet im übrigen nicht, ob ein Beschnittener später auch dem jüdischen Glauben anhängt. Das kann er schon weiterhin frei entscheiden. Nur, beschnitten bleibt er natürlich immer. Wir haben hier eine offensichtliche Parallele zur Taufe: Der Getaufte kann nicht entscheiden, ob er getrauft wird. Meist geschieht das ja in ganz jungem Alter. Er kann zwar später aus der Kirche austreten, doch er bleibt für den Rest seines Lebens getauft, er bleibt mit dem Zeichen der Taufe bezeichnet, oder sollte man sagen, gezeichnet.

Das Landgericht müsste nach dem modernen Verständnis der Religionsfreiheit mit demselben Recht also auch gegen die sakramentale Taufe aus Gründen der „religiösen Selbstbestimmung“ vorgehen können, wie es die Juden mit ihrer Beschneidungsvorschrift jetzt erfahren müssen.

Antisemitismus oder Imperialindividualismus?

Ich bin mit dem Vorwurf des Antisemitismus immer sehr vorsichtig. Und auch hier scheint er mir nicht angemessen. Das Urteil ist zwar falsch und sogar skandalös, aber es lässt nicht auf Antisemitismus oder Antijudaismus schließen. Das mag zwar vielleicht auch im Spiel sein, doch es scheint mir von nachrangiger Bedeutung. Das Urteil speist sich aus der üblichen Abneigung gegen das natürliche Erziehungsrecht der Eltern, wie sie unter Sozialisten grüner, roter, brauner und jeder anderen Färbung verbreitet ist. Hinzu kommt eine damit verwandte hysterische Übertreibung der Selbstbestimmungsrechte des Einzelnen. Der Einzelne ist eben nicht nur Einzelner, sondern als Person immer schon Teil einer, auch hierarchischen, auch autoritären Gemeinschaft von Personen. Er ist kein leeres, unbeschriebenes Blatt, das sich langsam selbst beschreibt, sondern immer bereits vorgeprägt durch seine Bindungen.

Und ebenso ist der jüdische Junge eben immer schon vorgeprägt durch seine Beschneidung, wie das christliche Kind immer schon durch das Zeichen der Taufe vorgeprägt ist. Wenn das eine gegen die Selbstbestimmung verstößt, dann tut es auch das andere.

Ein Fall für interreligiöse Solidarität

Hier haben wir die klassische Situation, in der Zusammenarbeit zwischen den Religionen über alle Glaubensdifferenzen hinweg wirklich sinnvoll ist. Alle Christen und alle Menschen anderer Religionsgruppen sollten an dieser Stelle wie ein Mann hinter den jüdischen Mitmenschen stehen, die nun durch exzessive, tyrannisch eingesetzte staatliche Gewalt wieder einmal an die Wand gedrängt und womöglich gar kriminalisiert werden sollen. Es ist dies ein Vorgeschmack dessen, was allen ernsthaft religiösen Menschen droht, wenn sie sich der Woge des Säkularismus nicht entschlossen entgegenstellen. Sie holten die Juden, doch es störte mich nicht, weil ich kein Jude war. Sie holten die Salafisten, doch es störte mich nicht, weil ich kein Salafist war.

Und am Ende holten sie uns Christen, und es war niemand mehr da, der sich daran hätte stören können.

In diesem Sinne: Solidarität mit den Anhängern der falschen Religion des Judentums!

Kontinuität oder Bruch?

Papst Pius XI.:

10 Daraus geht hervor, ehrwürdige Brüder, aus welchen Gründen der Apostolische Stuhl niemals die Teilnahme der Seinigen an den Konferenzen der Nichtkatholiken zugelassen hat. Es gibt nämlich keinen anderen Weg, die Vereinigung aller Christen herbeizuführen, als den, die Rückkehr aller getrennten Brüder zur einen wahren Kirche Christi zu fördern, von der sie sich ja einst unseligerweise getrennt haben. Zu der einen wahren Kirche Christi, sagen Wir, die wahrlich leicht erkennbar vor aller Augen steht, und die nach dem Willen ihres Stifters für alle Zeiten so bleiben wird, wie er sie zum Heile aller Menschen begründet hat. Die mystische Braut Christi ist ja im Laufe der Jahrhunderte niemals befleckt worden, und sie kann nie befleckt werden nach den schönen Worten Cyprians: „Zum Ehebruch lässt sich die Braut Christi nicht führen, sie ist unbefleckt und züchtig. Nur ein Haus kennt sie, die Heiligkeit eines Schlafgemaches bewahrt sie in keuscher Scham (21). Dieser heilige Märtyrer wunderte sich deshalb auch mit Fug und Recht, wie jemand glauben konnte, „diese der göttlichen Festigkeit entstammende und mit himmlischen Geheimnissen engverbundene Einheit könne bei der Kirche zerrissen und durch den Widerstreit einander widerstrebender Meinungen aufgelöst werden“ (22). Der mystische Leib Christi, das ist die Kirche, ist ja eine Einheit (23), zusammengefügt und zusammengehalten (24) wie der physische Leib Christi, und so ist es unangebracht und töricht zu sagen, der mystische Leib könne aus getrennten und zerstreuten Gliedern bestehen. Wer mit dem mystischen Leib Christi nicht eng verbunden ist, der ist weder ein Glied desselben, noch hat er einen Zusammenhang mit Christus, dem Haupte (25)

11 In dieser Kirche Christi kann niemand sein und niemand bleiben, der nicht die Autorität und die Vollmacht Petri und seiner rechtmäßigen Nachfolger anerkennt und gehorsam annimmt.

— Papst Pius XI., Enzyklika Mortalium Animos

Das II. Vatikanische Konzil:

3. In dieser einen und einzigen Kirche Gottes sind schon von den ersten Zeiten an Spaltungen entstanden (15), die der Apostel aufs schwerste tadelt und verurteilt (16); in den späteren Jahrhunderten aber sind ausgedehntere Verfeindungen entstanden, und es kam zur Trennung recht großer Gemeinschaften von der vollen Gemeinschaft der katholischen Kirche, oft nicht ohne Schuld der Menschen auf beiden Seiten. Den Menschen jedoch, die jetzt in solchen Gemeinschaften geboren sind und in ihnen den Glauben an Christus erlangen, darf die Schuld der Trennung nicht zur Last gelegt werden – die katholische Kirche betrachtet sie als Brüder, in Verehrung und Liebe. Denn wer an Christus glaubt und in der rechten Weise die Taufe empfangen hat, steht dadurch in einer gewissen, wenn auch nicht vollkommenen Gemeinschaft mit der katholischen Kirche. Da es zwischen ihnen und der katholischen Kirche sowohl in der Lehre und bisweilen auch in der Disziplin wie auch bezüglich der Struktur der Kirche Diskrepanzen verschiedener Art gibt, so stehen sicherlich nicht wenige Hindernisse der vollen kirchlichen Gemeinschaft entgegen, bisweilen recht schwerwiegende, um deren Überwindung die ökumenische Bewegung bemüht ist. Nichtsdestoweniger sind sie durch den Glauben in der Taufe gerechtfertigt und Christus eingegliedert (17), darum gebührt ihnen der Ehrenname des Christen, und mit Recht werden sie von den Söhnen der katholischen Kirche als Brüder im Herrn anerkannt (18).

Hinzu kommt, daß einige, ja sogar viele und bedeutende Elemente oder Güter, aus denen insgesamt die Kirche erbaut wird und ihr Leben gewinnt, auch außerhalb der sichtbaren Grenzen der katholischen Kirche existieren können: das geschriebene Wort Gottes, das Leben der Gnade, Glaube, Hoffnung und Liebe und andere innere Gaben des Heiligen Geistes und sichtbare Elemente: all dieses, das von Christus ausgeht und zu ihm hinführt, gehört rechtens zu der einzigen Kirche Christi.

(…)

Ebenso sind diese getrennten Kirchen (19) und Gemeinschaften trotz der Mängel, die ihnen nach unserem Glauben anhaften, nicht ohne Bedeutung und Gewicht im Geheimnis des Heiles. Denn der Geist Christi hat sich gewürdigt, sie als Mittel des Heiles zu gebrauchen, deren Wirksamkeit sich von der der katholischen Kirche anvertrauten Fülle der Gnade und Wahrheit herleitet.

— II. Vatikanisches Konzil, Unitatis Redintegratio

Alle Hervorhebungen von Catocon.

Assisi (3/3) – Entweltlichung

Dies ist der dritte und letzte Teil einer Artikelserie über das interreligiöse Treffen in Assisi. Hier geht es zum ersten und zweiten Teil.

Entweltlichung

Bei seinem Besuch in Deutschland betonte der Papst in seiner Ansprache vor kirchlich aktiven Laien die Notwendigkeit einer „Entweltlichung“. Damit ist nicht gemeint, dass die Kirche sich nicht mehr um die Belange und Sorgen der Menschen außerhalb der Kirche kümmern soll, sondern dass sie sich nicht an die Wünsche, Irrtümer und Fehler der Welt anpasst. Sie soll sich frei von weltlichen Bindungen an staatliche Strukturen, aber auch, wie viele hinterher spekuliert haben, frei von finanziellen Reichtümern, die immer auch Abhängigkeiten mit sich bringen, wie etwa im Fall der deutschen Kirchensteuer, um ihren wesentlichen Auftrag kümmern. Und was ist dieser Auftrag?

Er ist nicht in erster Linie sozial-karitativ, sondern geistlich. Die Kirche soll den Menschen Gott näherbringen, wie man formulieren könnte. Dies geschieht durch die Vermittlung des Wahren Glaubens, die Sakramente, unter diesen besonders das Allerheiligste Sakrament des Altares, und auch durch soziale Hilfestellung, also praktische Nächstenliebe. Alle drei Wege, auf denen die Kirche Gott zu den Menschen bringt, haben gemeinsam, dass es, wenn man sie korrekt versteht, immer zuerst um die Liebe zu Gott geht. Aus dieser Liebe ergibt sich dann die Liebe zum Menschen.

Genauso, also unter den Vorzeichen der Entweltlichung, zu der der Papst aufgerufen hat, können wir die Frage nach dem Frieden wieder aufgreifen, um die es im zweiten Teil des Artikels ging. Wir hatten allerlei Unterschiede zwischen dem weltlichen und dem Frieden Christi aufgeführt, und diese am Beispiel eines Orchesters verdeutlicht. Jetzt können wir noch einen Schritt weiter gehen und den Frieden Christi als entweltlichten Frieden erkennen, also als Frieden, der sich nicht in erster Linie um den weltlichen Frieden der Menschen kümmert, sondern um die Liebe zu Gott.

Dieser wahre christliche Friede hängt eng mit der Entweltlichung zusammen. Denn wer nach diesem wahren Frieden strebt, der strebt zuerst gar nicht nach dem, was man heute unter Frieden versteht. Sein Wirken mag dem oberflächlichen Betrachter (und heute sind die meisten Betrachter oberflächlich) gar nicht als um Frieden bemüht erscheinen. Wer nach dem Frieden Christi strebt, der strebt nach Einklang seines Willens mit Gottes Willen. Die Mittel zum Frieden Christi finden sich im Gebet, in den Sakramenten, im Leben im und aus dem Glauben, wie manche es heute formulieren wollen.

Selig sind diejenigen, die Frieden stiften – aber wer sind diese Friedensstifter? Sind es die verweltlichten Diplomaten, die einen Waffenstillstand aushandeln? Sie mögen ja einen guten und wichtigen Dienst tun, aber sie können höchstens den arg defizitären weltlichen Frieden stiften, welcher ein Friede ist, der, wenn er anhält, zu Apathie, Anspruchsdenken, und, besonders wenn er noch mit materiellem Wohlstand einhergeht zur Mentalität einer „Made im Speck“ einlädt. Es ist ein materieller, aber kein geistlicher Friede, der dort von den Diplomaten ausgehandelt wird.

Die wirklichen Friedensstifter sind hingegen die Heiligen, die Frieden mit Gott gemacht haben. Sie lieben zuerst Gott, und weil sie Gott lieben, haben sie Frieden mit ihm und tun seinen Willen. Er ist die Liebe und ruft zur Nächstenliebe auf. Da die Heiligen das richtige Verhältnis zu Gott haben, sind sie auch imstande, das richtige Verhältnis zum Nächsten zu finden. Zwischen dem Heiligen und seinem nächsten herrscht daher auch bloß weltlicher Friede, sofern sich sowohl der Heilige als auch der Nächste im richtigen Verhältnis zu Gott befinden. Wenn nicht, wird der betreffende Nächste den Heiligen oft genug verfolgen. So entstehen Märtyrer.

Die wirklichen Friedensstifter, die Heiligen, sind Friedensstifter, weil sie Frieden mit Gott gemacht haben, und damit auch Frieden mit sich selbst, und Frieden mit ihrem Nächsten. Weil sie Frieden mit Gott haben, achten und bewahren sie auch die Schöpfung. Weil sie Frieden mit Gott haben, helfen sie ihren Nächsten, und verhindern so die sozialen Katastrophen, an die wir uns in einer Welt voller säkularer Besserwisser, die alle den neuesten Plan im „Kampf gegen den Hunger“ haben, natürlich schon längst gewöhnt haben.

Die wirklichen Friedensstifter sind die Heiligen, und ihr Friede ist umfassend. Doch wer sind diese Heiligen? Sind das nicht irgendwelche Menschen, die einmal hier auf Erden waren, aber heute nicht mehr sind? Die wenigen Auserwählten? Eine besondere Gruppe mit heroischer Stärke? Nein, das sind sie nicht.

Die Heiligen, das sind die Menschen, die sich entschlossen haben, Gottes Willen zu tun, und nicht ihren eigenen. Das sind die, die gesagt haben, „Dein Wille geschehe“. Heiligkeit ist nicht schwer und jeder Mensch ist zu ihr berufen. Wir müssen es nur wollen, und dann nach diesem Willen handeln. Wenn wir beten, „Dein Wille geschehe“, und es wirklich so meinen, wer kann uns dann noch auf diesem Weg zur Heiligkeit aufhalten?

Wir sind also diejenigen, die zur Heiligkeit berufen sind, und wenn wir noch nicht zu heldenhafter Tugend gelangt sind, so nur deswegen, weil wir nicht wirklich wollen, weil irgendwo in unserem Herzen noch eine Ecke ist, die „non serviam“ sagt. Doch weil wir zur Heiligkeit berufen sind, sind wir, jeder von uns, auch berufen, Friedensstifter zu sein, indem wir den Frieden Christi stiften.

Daher ist der beste Weg zum Frieden tatsächlich das Gebet, in Verbindung mit den Sakramenten und dem wahren Glauben, aber es ist kein Gebet um bloßen Waffenstillstand (so gut das für sich genommen auch sein mag). Es ist ein Gebet um den Mut zur bedingungslosen Kapitulation vor Gott.

Ein solches Friedensgebet wird es in Assisi nicht geben, weil dem kaum ein anwesender Vertreter einer Weltreligion zustimmen könnte. Daher ist das Treffen, selbst wenn alle negativen Befürchtungen, über die ich in den beiden ersten Teilen geschrieben habe, nicht eintreten sollten, nicht allzu sinnvoll.

Beten wir also um diesen Mut zur bedingungslosen Kapitulation vor Gott und zusätzlich, so es denn Gottes Wille ist, um etwas Waffenstillstand in unserer Zeit.

Assisi (2/3) – Pax Christi oder Pax Romana?

Dies ist der zweite Teil eines dreiteiligen Artikels über das interreligiöse Treffen in Assisi. Der erste Teil findet sich hier.

Pax Christi oder Pax Romana?

Wie im ersten Teil gesehen ist Assisi III ein Stolperstein für einige, Munition für viele, und wird nichts bringen.

Doch mehr noch: Wahrer Friede wird nicht durch Konferenzen entstehen, selbst wenn diese sich manchmal nicht vermeiden lassen. Wahrer Friede ist immer der Friede Christi, ein Friede, der mehr ist, als nur die formale Abwesenheit von Krieg.

Bloß weltlicher Frieden ist schön, wenn wir ihn haben, und man kann sicher auch für ihn beten. Aber er ist immer nur für kurze Zeit gegeben, weil unter der scheinbar friedlichen Oberfläche die fehlgeordneten Leidenschaften des Menschen, die Sünden, die Gottferne weiterbrodeln. Die Staaten führen keinen Krieg mehr gegeneinander. Aber die Menschen werden immer noch Opfer von Verbrechen, es gibt immer noch so viel Unfrieden in einer „friedlichen“ Welt. Der Traum der säkularen Aufklärung und ihrer Schüler vom Weltfrieden bezieht sich leider nur auf diese Art. Der Weltfriede ist bloß ein weltlicher Friede, also die Fortführung des Krieges mit anderen Mitteln.

Mehr ist weltlicher Friede, äußerer Friede, niemals. Er erfasst nur die Oberfläche. Die Menschen schießen nicht mehr aufeinander, zumindest nicht mit Waffen. Zumindest nicht in Armeen. Aber heißer Krieg weicht kaltem Krieg, kalter Krieg weicht psychologischem, wirtschaftlichem oder irgendeinem anderen Krieg. Der Traum der besten unter den modernen Säkularisten ist mehr als dieser bloß formale Frieden. Ihnen geht es auch um wahren Frieden – Frieden mit weltlichen Mitteln, der tiefer geht.

Doch dazu ist die Natur des Menschen nicht geeignet. Die Idee, man könne durch weltweite Institutionen, durch gerechte Verteilung der Ressourcen, durch die Abschaffung von Armut, Ungleichheit, Diskriminierung, usw. Frieden schaffen, ist eine Schnapsidee. Natürlich führen Armut, Ungleichheit, Diskriminierung, politische Ideologien, Religionen usw. oft genug zu Kriegen. Aber sie sind nicht die Ursachen der Kriege, sondern nur die Anlässe. Nimmt man dem Menschen seine Armut, mit der er eine gewaltsame Revolution rechtfertigt, dann wird er andere Gründe finden.

Der Mensch, so wie er heute existiert, ist nicht friedensfähig.

Doch wie kann der Mensch friedensfähig gemacht werden? Durch genetische Umgestaltung? Durch Sublimierung von Aggressivität? Durch die Umerziehung der „aggressiven“ Jungen zu geschlechtslosen, neutralen Schwächlingen, weil ja angeblich Gewalt so „männlich“ ist, wie Fortschrittliche nicht müde werden zu betonen? Durch Bildung, Wohlstand, Pädagogik? Diese weltlichen Mittel haben alle nur einen Nachteil. Sie doktern am Symptom herum und verwechseln es mit der Krankheit. Die Krankheit ist nicht Aggressivität, sondern falscher Umgang mit Aggressivität; nicht die Leidenschaft, sondern die Fehlordnung der Leidenschaft. Ähnliches gilt für alle anderen Vorschläge.

Wirklicher Friede ist immer der Friede Christi – ein Frieden der Seele, ein Frieden, der dadurch entsteht, dass der Mensch im Einklang mit Gott steht. Dieser Einklang mit Gott führt dann natürlich auch dazu, dass er im Einklang mit anderen Menschen steht, die sich wiederum im Einklang mit Gott befinden. Und diese Gruppe von Menschen wird dadurch auch im Einklang mit Gottes Schöpfung stehen. Die Welt ist ein Orchester. Wenn jeder nur die Noten spielt, die auf seinem Notenblatt für sein Instrument vermerkt sind, und auf die Anweisungen des Dirigenten achtet, dann wird das Orchester ganz von allein harmonisch zusammenspielen.

Das Notenblatt ist das moralische Gesetz, und der Dirigent ist Jesus Christus. Wir sind die Musiker. Unser Leben ist dazu da, uns auf den großen Auftritt vorzubereiten, darauf, uns an der Musik des Himmels zu beteiligen.

Mit diesem Bild im Hinterkopf schauen wir uns nun an, was die Welt uns für einen Frieden zu bieten hat. Es ist ein Frieden, in dem die Musiker sich in internationalen Gremien darauf einigen, ihre Instrumente nichtauf den Köpfen der anderen Musiker zu zertrümmern. Das ist, soweit wie das geht, eine gute Sache. Doch da es ein Frieden ohne Rückbezug auf das ist, was auf dem Notenblatt seht, und was der Dirigent sagt, wird keine Symphonie herauskommen. Nachdem die Musiker alle verstanden haben, dass sie ihre Instrumente nicht auf dem Kopf des Nachbarn zertrümmern sollen, setzen sie sich hin und spielen, unter Ausübung ihrer „individuellen Freiheit“ oder „Gewissensfreiheit“ die Musik, die ihnen gerade spontan in den Sinn kommt. Das moralische Gesetz auf dem Notenblatt wird ignoriert, der Dirigent Christus ebenfalls, und das Ergebnis ist keine Symphonie, sondern Chaos, kein echter Frieden, sondern einfach gleichgültiges Desinteresse an den anderen Musikern.

Aufgrund der immensen Unterschiede zwischen den eingeladenen Vertretern beim interreligiösen Treffen in Assisi kann nun sicher keine Einigkeit auf den oben beschriebenen wahren Friedensbegriff erzielt werden, glauben doch die meisten Vertreter nicht an die Existenz des Dirigenten Christus, sprechen ihm seine Autorität als Dirigent ab, und manche leugnen sogar die bindende Kraft des Notenzettels, auf dem das moralische Gesetz abgedruckt ist.

Der einzige Friede, für den man in Assisi also ernsthaft gemeinsam eintreten kann, ist der individualistische Friede der Gleichgültigkeit, der Friede als Abwesenheit von Krieg, der Friede, der zum Pazifismus führt. Für sich genommen ist dieser Friede natürlich besser als nichts. Aber er hat den großen Pferdefuß, dass er darauf basiert, dass alle Musiker bereit sind, alle anderen Musiker spielen zu lassen, wie auch immer sie wollen, dass sie also bezüglich der zu spielenden Musik auf den absoluten Standard der Partitur verzichten. Die Musik ist damit der individuellen Kreativität der Musiker untergeordnet, ebenso wie es dem moralischen Gesetz durch den rein weltlichen Frieden geschieht.

Ein solcher Friede ist bequem, aber nicht dauerhaft; und selbst seine Bequemlichkeit wird nur um den hohen Preis eines zumindest taktischen Zugeständnisses an den Relativismus erkauft. Wäre es da nicht besser, friedlich für den wahren Frieden zu werben, selbst wenn dann nicht so viele verschiedene Vertreter nach Assisi kommen könnten?

Hier endet der zweite Teil einer dreiteiligen Artikelserie über das interreligiöse Treffen in Assisi.

Assisi (1/3) – Vom Sinn des interreligiösen Dialogs

Interreligiöser Dialog im Allgemeinen:

Wer meinen Blog über längere Zeit gelesen hat, wird wissen, dass ich dem Ökumenismus wie er in der Kirche über die letzten Jahrzehnte praktiziert worden ist, nicht viel abgewinnen kann. In einem Artikel sprach ich sogar von „ökumanischen Irrwegen“. Generell lehne ich den religiösen und moralischen Relativismus ab, der oft zumindest durchscheint, wenn ökumenische Treffen abgehalten werden.

Und was für die innerchristliche Ökumene gilt, trifft in noch größerem Maße auf den interreligiösen Dialog zu. Die Gemeinsamkeiten sind deutlich kleiner, die Differenzen größer. Die Gefahr, auf wichtige religiöse Wahrheiten zu verzichten, um auf jeden Fall eine Einigung zu erzielen, oder sich aneinander anzunähern, ist immens, und nur allzu leicht entsteht der Eindruck, eigentlich verhandelten doch alle Religionen wie in einer Art Koalitionsgespräch auf „Augenhöhe“ – und man verzichte auf Wahrheitsansprüche. Hier bricht sich spätestens der mit dem katholischen Glauben unvereinbare Relativismus fröhlich Bahn.

Ich bin generell der Auffassung, dass sowohl innerhalb der traurigerweise zersplitterten Christenheit als auch im Umgang mit anderen Religionen immer die Menschenwürde respektiert werden sollte – das bedeutet, wir sollten den Irrenden als Menschen sehen, der unseren Respekt als Abbild Gottes verdient, und gerade deswegen sollte es uns besonders wichtig sein, ihm den Irrtum seiner Wege aufzuzeigen, durch Argumente, aber vor allem durch das Vorbild der Heiligkeit. Respekt vor der Menschenwürde bedeutet aber keinesfalls Respekt vor den Irrtümern der Menschen. Im Gegenteil: Der Katholik kann niemals die Frage nach der Wahrheit ausklammern, eben weil der WAHRE Glaube, und nicht irgendein diffuser Glaube an irgendetwas oder irgendjemanden, heilsnotwendig ist.

Ferner wird der organisierte Dialog zwischen Vertretern verschiedener Religionen generell nicht fruchtbar sein, von seltenen Ausnahmen, wie etwa im katholisch-orthodoxen Verhältnis, abgesehen. Wahre Ökumene kann darin bestehen, dass man praktisch mit Menschen zusammenarbeitet, mit denen man ähnliche Auffassungen teilt, wie dies etwa zwischen katholischen und protestantischen Christen in der Lebensrechtsbewegung der Fall ist, aber auch, auf höherer Ebene, in den diversen Gremien der UNO, wo der Vatikan im Verbund mit der islamischen Welt und (bis zur Wahl Obamas) auch den Vereinigten Staaten gegen die Abtreibungs- und Genderlobbyisten kämpft. Wo es Gemeinsamkeiten gibt, kann man zusammenarbeiten.

Auch wenn ich an dieser Stelle noch nicht darüber geschrieben habe, sehe ich aus ähnlichen Erwägungen heraus das kommende interreligiöse Treffen in Assisi sehr reserviert. Ich vertraue dem Heiligen Vater; er ist kein Relativist und er wird ernsthaft versuchen, den Relativismus aus diesem Treffen fernzuhalten. Doch auch hier liegt das Problem wieder in einem riesigen Treffen von Personen, die als offizielle Vertreter ihrer jeweiligen Religionen fungieren, und damit nicht nur sich selbst, sondern auch ihre Religion repräsentieren. Selbst wenn sie nur zusammenkommen, um sich für den Frieden auszusprechen, tun sie dies immer noch als Vertreter ihrer Religion – der Eindruck eines Welt-Religionsparlamentes wird sich für oberflächliche Betrachter nicht vermeiden lassen.

Und leider sind fast alle Journalisten und Medien sehr oberflächliche Betrachter, und daher auch fast alle Menschen nur oberflächlich informiert. Ein relativistischer Eindruck wird also entstehen.

Dies ist die große Gefahr des interreligiösen Dialogs. Manche Traditionalisten werfen dem Papst vor, er verstoße durch die bloße Ausrichtung eines interreligiösen Treffens bereits gegen das erste Gebot. Doch kann man wirklich gegen das erste Gebot verstoßen, wenn man dies gar nicht will? Wenn man wirklich nur zu dem einen wahren Gott in drei Personen betet, nicht zu den Götzen anderer Religionen? Papst Benedikt verstößt nicht gegen das erste Gebot, indem er in einem Raum mit Vertretern anderer Religionen ist, und nicht einmal, wenn er persönlich, während die Vertreter anderer Religionen ebenfalls beten, zum einen wahren Gott in drei Personen betet.

Man verstößt ja auch nicht gegen das sechste Gebot, wenn der Nachbar Ehebruch begeht.

Aber selbst wenn der Papst nicht gegen das erste Gebot verstößt (und davon bin ich fest überzeugt), so fordert er durch das Treffen in Assisi, so unzweideutig man es auch gestalten will, zumindest entsprechende Spekulationen heraus, stößt besonders zarte, empfindsame Gemüter von sich (etwa die oben zitierten Traditionalisten), und gibt einer feindseligen Medienlandschaft sowie den innerkirchlichen Relativisten neue Munition, so oberflächlich diese auch sein mag, die diese sofort verwenden werden, um den Glauben an die Heilsnotwendigkeit der Kirche (extra ecclesiam nulla salus) weiter zu erschüttern.

Hier endet der erste Teil eines dreiteiligen Artikels über das interreligiöse Treffen von Assisi.

FSSPX und der Zentralrat der Juden – Reaktion von Pater Schmidberger

Zum Thema Antisemitismus, Kritik seitens des Zentralrats der deutschen Juden am Kurs der Aussöhnung Roms mit der Piusbruderschaft und ähnlichen Fragen bezieht der Distriktobere der Piusbruderschaft, Pater Franz Schmidberger, nun ausführlich in einem Brief an Dieter Graumann, den Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland Stellung. Unabhängig von den derzeitigen innerkirchlichen Verhältnissen hinsichtlich der Bruderschaft, und wie man zu ihnen stehen mag, ist es ein schönes, klares, eindeutiges Schreiben, das den Ausgleich zwischen dem Bekenntnis zur christlichen Wahrheit und dem nötigen Respekt vor den Differenzen und dem Mitgefühl mit dem schrecklichen Schicksal des jüdischen Volkes unter dem Nationalsozialismus ohne Weiteres schafft.

Weil es die durch Graumanns Auftreten während des Papstbesuchs aufgeworfenen Fragen so hervorragend beantwortet, werde ich es hier im Volltext wiedergeben:

Stuttgart, 11. 10. 2011
Sehr geehrter Herr Dr. Graumann,

Anlässlich Ihrer Begegnung mit Papst Benedikt XVI. bei seinem Deutschlandbesuch brachten Sie die Sprache auch auf die Piusbruderschaft. Wörtlich sagten Sie:

„Das Thema Piusbrüder, die (nach) unserer Meinung nach wie vor für Fanatismus, Fundamentalismus, Rassismus, Antisemitismus, ja schlicht für finsterstes Mittelalter und für Unversöhnlichkeit pur stehen, schmerzt uns nach wie vor.
Lassen Sie mich hierzu einige Anmerkungen machen“.

Am 17. 9. 2011 stellte Ihnen die F.A.Z. nach Ablauf des ersten Jahres Ihrer neu angetretenen Aufgabe als Vorsitzender des Zentralrates einige Fragen. Unter anderem auch, ob es ihnen gelungen sei, eine neues „frisches, fröhliches Judentum“ zu zeigen, wie sie dies vor Ihrer Amtsübernahme angekündigt hatten.

Ihre Antwort war:

„Aber ja – und wie sogar! Denn wenn ich sehe, wie unglaublich positiv und kraftvoll sich das neue plurale Judentum in Deutschland entwickelt, ist meine Begeisterung nur ganz schwer zu bremsen.“

Was verstehen Sie, so lautet meine erste Frage, unter „pluralem Judentum“? Pluralismus steht im westlichen Wertekatalog für eine Vielfalt der Meinungen. Ist dieses plurale Judentum nur vielfältig nach innen? Heißt das, es gibt in ihrer Amtsführung eine Vielfalt, aber sie erstreckt sich allein auf die unterschiedlichen Strömungen innerhalb des Judentums?

Sie wissen so gut wie ich, Herr Dr. Graumann, dass Ihre Gemeinschaft nicht homogen ist. Am 10. März 2009 verbrannten orthodoxe Juden in Brooklyn (New York) die israelische Flagge. Ein orthodoxer Jude verlas dazu eine Erklärung:

„By burning the Israeli-Flag we are symbolically declaring that the Israeli State is not representative of the jewish people.“

In der Tat, Herr Dr. Graumann, hier ist ihr Pluralismus gefordert. Aber ist das neue Judentum, das sie verkünden, auch bereit, einen Pluralismus innerhalb der nichtjüdischen Welt anzuerkennen?

„Natürlich“, werden Sie sagen, oder mehr noch: Sie werden diese Frage mit Entrüstung zurückweisen. Der Zentralrat steht für Toleranz und Weltoffenheit, ja für freundschaftliche Beziehungen zu allen Menschen.

Anscheinend findet Ihr Pluralismus in Bezug auf die Piusbruderschaft eine Grenze. Mit der oben zitierten massierten Aufzählung von negativ konnotierten Schlagworten haben Sie klar und unmissverständlich die Grenzen Ihrer eigenen Toleranz abgesteckt.

In diesem Augenblick machen Sie sich zum Gegenpol des Papstes, der 2009 mehr Entgegenkommen gegenüber der Priesterbruderschaft St. Pius X. gefordert hat:

„Mit väterlichem Empfinden gegenüber den Betroffenen hat Papst Benedikt XVI. beschlossen, die kirchenrechtliche Situation der Bischöfe [der Piusbruderschaft] zu überdenken. Mit dieser Maßnahme möchte man die gegenseitigen vertrauensvollen Beziehungen stärken und die Verbindung zwischen der Bruderschaft St. Pius X. und dem Heiligen Stuhl festigen.“

Wer ist in diesem Augenblick der von Ihnen geforderten Pluralität der Meinungen näher: Papst Benedikt XVI. oder Sie, Herr Dr. Graumann?

Man könnte jetzt eingehen auf den Schlagwort-Katalog, mit dem Sie den Papst unpassender Weise konfrontierten. Man könnte beispielsweise fragen: Wie „fanatisch“, „fundamentalistisch“ und „antisemitisch“ es ist, wenn orthodoxe Juden – wie eingangs erwähnt – eine Israel-Flagge öffentlich verbrennen?

Doch das wäre zu einfach. Dann würden ich dort enden, wo Sie angefangen haben: Bei den inhaltsleeren Hülsen von Schlagworten, die deswegen so medienwirksam sind, weil sie ohne Reflexion nachgeplappert werden können. Sie haben in dem vorhin erwähnten Interview selber angekündigt, als neuer Vorsitzender des Zentralrates gerade nicht auf diesem Niveau verweilen zu wollen. Ihre Worte waren:

„Das Judentum darf nicht verengt werden auf Formeln wie Schoa plus Antisemitismus. Niemand muss mir sagen, dass diese Themen wichtig sind. Aber wir Juden dürfen uns doch von ihnen nicht dominieren lassen. Wir können nicht in der Vergangenheit und nicht in den uns widerfahrenen Katastrophen leben. Schon gar nicht dürfen diese unsere Identität ausmachen. Wir dürfen uns nicht auf den Status einer Opfergemeinschaft, die wir schon lange nicht mehr sind, reduzieren lassen und schon gar nicht immerzu chronisch melancholisch Trauer zelebrieren.“

Was sind Ihre Worte in der Gegenwart des Papstes anderes, als das gebetsmühlenartig Wiederholen der „Formeln wie Schoah plus Antisemitismus“, wie Sie es selbst ausdrücken? An jenem 22. September im Bundestag sind Sie Ihrem selbst gestellten Anspruch nicht gerecht geworden.

Um also dieser „Formeln“ endgültig zu überwinden frage ich Sie offen: Wie kommen Sie dazu, der Priesterbruderschaft St. Pius X. „Antisemitsmus“ vorzuwerfen?

Sie wissen genauso gut wie ich, dass die Priesterbruderschaft St. Pius X. sich längst klar und unmissverständlich von den Verirrungen des Bischof Williamsons distanziert hat. Sie wissen so gut wie ich, dass Bischof Williamson wegen seiner verletzenden Äußerungen von seinem Amt als Leiter des Priesterseminars in La Reja (Argentinien) abberufen wurde, nicht zuletzt wegen des Schmerzes, den solche Worte all jenen zufügen, welche die sinnlose Verfolgung der Schoah selbst erlebet haben, ihre Nachkommen mit eingeschlossen.

Es ist also nicht glaubwürdig, wenn Sie ob der Äußerungen von Bischof Williamson die Piusbruderschaft als „antisemitisch“ bezeichnen wollten. Dann könnte man, um es in einem Vergleich zu sagen, auch die SPD als „Kinderschänderpartei“ bezeichnen, weil der ehemalige SPD- Bundestagsabgeordnete Jörg Tauss wegen des Besitzes von kinder- und jugendpornografischen Material rechtskräftig verurteilt wurde.

Nein, das ist es nicht. Wir wollen offen sprechen, Herr Dr. Graumann: Der Stein des Anstoßes ist nicht Williamson; auch nicht der Islam, oder eine an den Haaren herbeigezogene „Frauenfeindlichkeit“, wie Sie dies im Anschluss an Ihr Treffen in der ARD äußerten. Der Stein des Anstoßes ist einzig und allein die Frage: Ist Jesus Christus, der Sohn Mariens, der dem Judenvolk verheißene Erlöser oder nicht.

Schon Ihre Vorgängerin, Charlotte Knobloch, hat versucht, die Diskussion auf diesen Punkt zu bringen:

„Insbesondere die Karfreitagsfürbitte der tridentinischen Liturgie mit der Bitte um die Missionierung und Erleuchtung der Juden stellt für mich eine noch größere Diskriminierung dar als die Äußerungen des Herrn [Bischof ] Williamson.“

Sie wissen so gut wie ich, dass die Priesterbruderschaft St. Pius X. hier nicht den Vorgaben einer nachkonziliaren „political correctness“ folgt.

Die stillschweigende, nachkonziliare Übereinkunft besteht darin, Jesus Christus wohl als den Erlöser für die Heiden, nicht jedoch für die Juden gelten zu lassen. Für das jüdische Volk gebe es, so lautet die neue Formel, einen „separaten Heilsweg“. Daher sei es nicht statthaft, für die „Bekehrung des jüdischen Volkes“ zu beten, wie dies die katholische Kirche 2000 Jahre lang getan hat, und Papst Benedikt in seiner erneuerten Karfreitagsfürbitte wieder betont.
Dieser selbstauferlegten Umdeutung des Heilsgeschehens können wir aus Gewissensgründen nicht folgen. Im Gegenteil: Wir weisen sie entschieden zurück.

Die Begründung ist klar und besonders für Sie als Juden evident: Es gibt keinen unterschiedlichen Heilsweg für Juden und Nichtjuden, weil Jesus Christus selber seiner Herkunft nach Jude ist.

Der Erlöser, an den wir glauben, ist geboren von einer jüdischen Mutter (Lk 1,26), ist aufgewachsen in einer jüdischen Familie (Mt 2,23), war einem jüdischen Stamme zugehörig (Haus David; Lk 2,4), hat sich an die jüdischen Gesetze gehalten (Lk 2,39), seine Jünger waren Juden (Lk 10,1), seine Kirche wurde zu allererst auferbaut auf Juden, nämlich den zwölf Aposteln (Mt 10,2). Ja, die Verwurzelung war so tief, dass zunächst nur jene Christen als „Vollchristen“ bezeichnet wurden, die zugleich jüdischer Abstammung waren (u.U. sogar beschnitten, vgl. Timotheus) und die Taufe empfangen hatten.

Die Spaltung kam allerdings schon zur Zeit Jesu. Die Oberpriester und Pharisäer waren nicht bereit, das Evangelium des Messias anzunehmen. Es erfüllte sich das Wort des Psalmisten: „Der Stein, den die Bauleute verwarfen, ist zum Eckstein geworden“ (Ps. 117,22). Baruch Rabinowitz fasst es in einem Satz zusammen: „Aus dem biblischen Judentum entstand das rabbinische Judentum“.

Wie kann man widerspruchsfrei behaupten: Es gibt einen jüdischen Messias – Jesus Christus – für die ganze Welt, nur für sein eigenes Volk, das Volk der Juden, sei er ohne jede Bedeutung? Wenn Jesus der Messias ist, dann ist er es gerade und besonders für das jüdische Volk, denn das ist das Volk seiner Herkunft.

Trotz ihrer, unserer Meinung nach, gehässigen Äußerungen anlässlich des Papstbesuches, steht die Priesterbruderschaft St. Pius X. nach wie vor voll und ganz zu den Worten des heiligen Paulus, der selber Jude war:

„Liebe Brüder, meines Herzens Wunsch ist und ich flehe auch zu Gott für sie [die Juden], dass sie gerettet werden.“ (Röm 10,1)

Ja, Herr Graumann, die Bischöfe und Priester der Priesterbruderschaft St. Pius X. haben eine Sehnsucht danach, dass auch das jüdische Volk Christus anerkennt als den „baruch ha ba’a b’schem haschem“ (Ps 117,26), den „Gepriesenen, der kommt im Namen des Herrn“. Diese Worte werden im lateinischen Messopfer nach dem dreimaligen Sanctus gebetet.

Im Namen Jesu gibt es keine Gewalt, wie dies Kirchenhasser unserer modernen Gesellschaft immer wieder zu behaupten suchen. Die ersten Christen haben ihren Glauben ausgebreitet, nicht weil sie Gewalt angewendet, sondern weil sie Gewalt in Liebe ertragen haben. Zu hunderttausenden wurden sie in den Arenen des römischen Imperiums getötet, während ein vom Blutrausch angestacheltes Volk grölte. Sie haben es ertragen, weil unser Messias ein gekreuzigter Messias ist.

Vielleicht lächeln sie über diesen gekreuzigten Messias, wie der bekannte jüdische Schriftsteller Heinrich Heine in seiner Dichtung „Deutschland. Ein Wintermärchen“, als er bei Paderborn ein Kreuz erblickt:

„Mit Wehmut erfüllt mich jedesmal Dein Anblick, mein armer Vetter, der Du die Welt erlösen gewollt, Du Narr, du Menschheitsretter!“

Was Heine an dieser Stelle – vielleicht ungewollt – bestätigt, ist heute aufs Neue die Stärke unserer Religion. In einer Zeit, da falsche Religionen weltweiten Terror verbreiten, da man sich erdreistet, Terror und Gewalt sogar in den christlichen Glauben zu projizieren, wie unlängst bei den Anschlägen in Norwegen, steht diese Aussage wie ein leuchtender Stern am Himmel: Christus hat im Gegensatz zu allen anderen Weltanschauungen die gewaltlose Bereitschaft gefordert, für die Wahrheit einzustehen. Also nicht „töten um des Glaubens willen“, sondern leiden um des Glaubens willen, wenn es sein muss unter Hingabe des eigenen Lebens. Das ist die eigentliche Symbolik des Kreuzes und die Lehre des Christentums.

Der Sohn Gottes mag am Kreuz machtlos erscheinen, seine Wahrheit aber ist voller Kraft und gleichzeitig Vorraussetzung für das Wirken des Heiligen Geistes. Das bringt den wahren Frieden auf Erden, nicht eine sich ewig wiederholende Gewaltspirale von „heiligem Krieg“ und „Vergeltungsschlag“, wie dies heute im Land Ihrer Väter praktiziert wird.

So will ich angesichts der von Ihnen öffentlich zitierten Schlagworte nicht aufs Neue Gräben des Hasses ausheben, sondern die Lösung zum Frieden auch und gerade für das Land der Verheißung zitieren, die aus dem Lukas-Evangelium stammt:

„Als Jesus die Stadt [Jeruschalaim] sah, weinte er und sprach: ‚Wenn doch auch du erkannt hättest, was dir zum Frieden dient“ (Lk 19,41).

Ich möchte schließen mit der Reminiszenz an die heilige, jüdische Ordensschwester, Dr. Edith Stein – Sr. Theresia Benedicta a Cruce. Das Schicksal dieser Frau ist zudem die Antwort auf Ihre völlig falsche Beurteilung von Pius XII, dessen Seligsprechung Sie in Ihrer Rede ablehnen.
Ihr Tod in Auschwitz ist der schmerzliche Beweis dafür, dass das Schweigen von Papst Pius XII. vielen Hundertausenden von Juden das Leben gerettet hat. Edith Stein wurde am 2. August 1942 aus dem Karmel von Echt (NL) deportiert als Racheakt auf ein offizielles Hirtenschreiben der holländischen Bischöfe. Pius XII. wusste, dass die Klöster in und um Rom zum Bersten gefüllt waren mit Juden, die man dort versteckte, um sie vor dem sicheren Tod zu bewahren. Was die holländischen Bischöfe durch ihr unkluges Schreiben verursacht haben, hat Pius XII. durch seine Klugheit verhindert: Jede Provokation hätte die Deportation aller „nichtarischen“ Klosterinsassen und damit den sicheren Tod für tausender Ihrer Vorfahren bedeutet. Die Kirche hat – das zu Ihrem geschichtsverfälschenden Vorwurf des „Schweigens“– bereits in der Enzyklika „Mit brennender Sorge“ unter Pius XI. den Nationalsozialismus verurteilt, zu einer Zeit also, da England und andere europäische Länder noch mit Hitler paktierten.

Es war am letzten Tag vor ihrem Ordenseintritt in den Karmel. Es war Ediths Geburtstag und zugleich jüdischer Festtag, der Abschluss de Laubhüttenfestes. Auf dem fast einstündigen Heimweg von der Synagoge versucht die Mutter vergeblich, Edith Stein von ihrer Berufung als Ordensschwester zurückzuhalten. Die Worte dieser alten Frau bringen die gesamte theologische Auseinandersetzung auf einen Punkt:

„Warum hast du es [den katholischen Glauben] kennengelernt. Ich will nichts gegen ihn [Jesus Christus] sagen, er mag ein sehr guter Mensch gewesen sein. Aber warum hat er sich zu Gott gemacht?“

Wegen ihrer jüdischen Herkunft wird Sr. Maria Benedicta neun Jahre später von der Gestapo verhaftet. In einem Brief an ihre Ordensoberin schreibt sie:

„Bitte erlauben [Sie] mir, mich dem Herzen Jesu als Sühnopfer für den wahren Frieden anzubieten: Dass die Herrschaft des Antichristen wenn möglich ohne einen neuen Weltkrieg zusammenbricht und eine neue Ordnung aufgerichtet werden kann“.

Mögen die Worte dieser heiligen Ordensfrau in Erfüllung gehen.

Pater Franz Schmidberger, Stuttgart

Quelle: kath.net

Ökumanische Irrwege

Erklärtermaßen sollte der Papstbesuch im Zeichen der Ökumene stehen. Zumindest dies, so kann man feststellen, ist wohl auch gelungen. Ökumene und interreligiöser Dialog machten einen signifikanten Anteil der Zeit aus – die ewigen Debatten mit den diversen Gremien der christlichen und nichtchristlichen Religionen haben den Papst beansprucht.

Allerdings hat mir noch niemand erklären können, was das eigentlich soll. Wir leben in einem Land, in dem über 40% der Menschen überhaupt nicht mehr an Gott glauben, und selbst ein großer Teil der anderen 60% keine Gottesvorstellung mehr hat, die auch nur annähernd als christlich zu erkennen wäre. Ein ähnliches Bild ergibt sich leider auch in der katholischen Kirche – 90% der katholischen Christen in Deutschen besuchen nicht mehr die Messe, sind also nicht einmal bereit, eine Stunde pro Woche explizit für die Verehrung Gottes bereitzustellen. Von den 30% Katholiken sind nur 10% Kirchgänger – also nur 3% der Bevölkerung. Das Bild in der evangelischen Glaubensgemeinschaft sieht noch schlimmer aus – dort besuchen teilweise weniger als 5% der Mitglieder die Gottesdienste am Sonntag. 3% der Bevölkerung sind katholische Messbesucher, vielleicht 1,5% evangelische Gottesdienstbesucher. Alles in allem weniger als 5%. Die anderen 95% sind in keinem erkennbaren Sinne am christlichen Glauben interessiert. Unter ihnen sind sicher einige, die für ein solches Interesse offen wären, doch darum geht es hier gar nicht.

Dazu kommt eine kleine, ebenfalls voll und ganz säkularisierte jüdische Gemeinde, und einige Millionen Moslems – vermutlich die größte Religionsgruppe, wenn man aktive Gläubige als Berechnungsgrundlage nimmt.

Wenn nun, aus welchen mir intransparenten Gründen auch immer, der Papst unbedingt einen Hauptschwerpunkt seines Besuchs auf „Gespräche“ mit anderen Religionen legen wollte, warum hat er sich dann auf so winzige und spätestens in 10 oder 20 Jahren praktisch vollkommen ausgestorbene Gruppen wie die EKD-Protestanten konzentriert? Wäre es nicht viel sinnvoller gewesen, sich mit der faktisch gut 90% umfassenden Mehrheit der Nichtgläubigen zu befassen?

Doch selbst darüber hinaus erscheint es mir nicht allzu sinnvoll, sich mit irgendwelchen Gremienvertretern der Evangelischen „Kirche“ Deutschlands zu treffen – solche Gremiendebatten sind sinnlos im „Dialogprozess“ der katholischen Kirche, und sie sind ebenso sinnlos bei den Seelenverwandten der Gremienkatholiken am anderen Ufer des Luthermeers. Die Vertreter der EKD glauben ebensowenig an Christus und seine Lehre wie ihre verbandskatholischen Genossen – und ich gebrauche angesichts der vertretenen politischen Ideologien dieses Wort durchaus mit Bedacht. Und weder die einen noch die anderen haben auch nur die Absicht, sich auf eine ernsthafte Diskussion mit dem Papst über die Irrtümer des Protestantismus einzulassen.

Scheinbar war es dem Papst aber auch nicht so wichtig, irgendjemanden vom Irrtum seiner Wege zu überzeugen. Die Ökumene auf Augenhöhe – das sich selbst vorgaukeln, die lutheranische Häresie sei irgendwie besonders ehrenwert oder gar ein möglicher Weg zur Erlösung – ist nicht nur dogmatisch gesehen zumindest höchst problematisch, sondern nicht einmal praktisch.

Auf evangelischer Seite wird ohnehin nicht verstanden, warum die Kirche nicht einfach einen diplomatischen Kompromiss schließt und sich dann alle in die Arme nehmen. Die evangelische Kirche hat nur ein Dogma (die Dogmenlosigkeit), nur einen absoluten moralischen Grundsatz (den Relativismus). Selbst dort wo früher evangelische und katholische Gläubige hätten kooperieren können – etwa beim Lebensschutz – stehen die Protestanten der EKD heute auf der Seite des Zeitgeists, nicht auf der Seite der Christen und vernünftigen Atheisten. Die moralische Ebene war, bis tief ins 20. Jahrhundert hinein, der eine Lichtblick am Horizont der Kirchenspaltung. Heute ist selbst das entfallen. Ökumenischer Dialog kann daher ohne jeden Verlust ebenso entfallen.

Dasselbe gilt auch für das was heute unter interreligiösem Dialog verstanden wird. Natürlich wird man Gremienvertretern des Judentums, allein schon aufgrund der deutschen Geschichte, einen Besuch abstatten. Man könnte ihnen „Guten Tag“ sagen und einander viel Glück wünschen. Doch warum setzt man einen besonderen Schwerpunkt auf diese Tagesordnungspunkte, so als ob doch etwas dabei heraus kommen könnte, etwas anderes als die üblichen unsachlichen, böswilligen Vorwürfe Antisemitismus, Rassismus, Mittelalterlichkeit usw. usf. gegen alle, die nicht auf Linie des Zeitgeistes sind?

Was könnte man im Sinne von Ökumene und interreligiösem Dialog machen? Nun, ein Papst hätte sicher durch ein Treffen mit einer traditionellen lutheranischen Gruppe (etwa der SELK) Akzente setzen können. Er hätte ihnen sogar ein Ordinariat anbieten können, ähnlich wie den Anglikanern vor zwei Jahren. Auch sind Gespräche mit der Orthodoxen Kirche auf möglichst hoher Ebene sinnvoll und notwendig. Was die nicht-christlichen Religionen betrifft, so könnte man sich mit orthodoxen Juden (nicht dem Zentralrat des Jüdischen Zeitgeists) wenigstens über viele Fragen der Sittenlehre verständigen, und gemeinsam für das Leben, traditionelle Familienwerte und gegen die Diktatur des Relativismus kämpfen. Da gibt es Gemeinsamkeiten, und es spricht nichts dagegen, auf der Basis dieser Gemeinsamkeiten auch zu handeln.

Wofür kann man mit ZdK, EKD, ZdJ und den anderen Buchstabensuppen-Gruppen kämpfen (außer natürlich für Mülltrennung und gegen die Piusbruderschaft)?

Der Ökumene-Fetisch der derzeitigen katholischen Kirche besonders in Deutschland, aber, wie man bei diesem Papstbesuch leider wieder feststellen musste, auch in Rom, hat keinen objektiven Sinn und bringt nichts als Schaden.

Immer wieder war in den Ansprachen, Reden und Predigten des Papstes von Umkehr die Rede. Und darum muss es wirklich gehen. Wenn wir den Willen Gottes tun, wie er in Schrift und Lehre überliefert ist, wenn wir wirklich glauben, ihm wirklich nachfolgen, unser Kreuz wirklich tragen, dann werden die Menschen wieder erkennen – wie sie schon einmal erkannt haben – wo Liebe und Wahrheit sind. Und sie werden um Einlass bitten.

Die beste Ökumene ist die Heiligkeit eines jeden einzelnen Menschen. Jeder Mensch ist zur Heiligkeit berufen. Ein knappes Dutzend Heilige ist ausreichend, um die ganze westliche Welt zu bekehren, das zeigt die Geschichte. Selbst ein einziger Heiliger kann viele Menschen zum Glauben führen. Doch selbst zehntausend Gremientreffen überzeugen niemanden.

Der Wahlspruch bleibt also: Katechese statt Dialog.

Und viel wichtiger noch: HEILIGKEIT STATT DIALOG!

Rezept zur Papststörung: Noch eine Prise Interkommunion…

Am Vorabend des Papstbesuchs wird es einen ökumenischen Gottesdienst mit Abendmahlfeier… Verzeihung, eine „gültige Eucharistiefeier in einer evangelischen Kirche“ unter Leitung zweier katholischer Priester, natürlich homosexuelle Lebenspartner (wie diese Dinge doch immer zusammenpassen, nicht wahr?), geben. Die beiden Priester sind, kath.net unter Berufung auf evangelisch.de zufolge, nicht mehr in der Kirche aktiv, sondern haben „ihr Amt niedergelegt“.

Andere Blogger haben dieses Thema bereits angesprochen – auf diese möchte ich für andere Meinungsäußerungen und Gedanken zum Thema erst einmal verweisen, unter anderem Tiberius und Alipius.

Abgeschlossen wird der Artikel von dieser interessanten Information:

Christoph Schmidt und sein Lebenspartner Norbert Reicherts werden den Gottesdienst gemeinsam leiten. Diese beiden geweihten katholischen Geistlichen haben nach eigenen Angaben ihr Amtspriestertum 1998 aufgegeben. Sie selbst verstehen sich aber weiterhin als freiberuflich tätige Priester.

Dieser eine Absatz zeigt gleich einen großen Teil der Probleme auf, mit denen man als Katholik heute zu kämpfen hat. (Nicht dass die guten Menschen bei kath.net etwas dafür könnten – sie berichten das ja nur)

1. Sie haben ihr Amtspriestertum aufgegeben: Das bedeutet allerdings, dass sie irgendwann einmal ein Amtspriestertum innegehabt haben müssen. Zwei Homosexuelle haben sich, in dem Wissen, dass sie homosexuell waren, und damit in eindeutigem Widerspruch zu den Regeln der Kirche, ins Priesterseminar begeben können, dort fünf oder mehr Jahre verbracht, und sind zu Priestern geweiht worden. Das alles, ohne dass jemandem ihre Sexualneigung aufgefallen wäre? Das wäre ja vielleicht bei keusch lebenden Homosexuellen, die wirklich die Lehre der Kirche glauben und ernstlich zu befolgen suchen, denkbar. Doch wirft die ganze Angelegenheit ein SEHR unglückliches Licht auf den Zustand der Priesterseminare in Deutschland. Möchte jemand Schätzungen abgeben, wie hoch der Anteil der Homosexuellen unter den deutschen Priestern ist? In den USA waren etwa 80% der von Priestern missbrauchten Opfer im Missbrauchsskandal männlich, d.h. der fragliche Akt homosexueller Natur. Ist ein vergleichbarer Prozentsatz der deutschen Täter auch homosexuell? Sind homosexuelle Priester unter den Tätern überrepräsentiert, oder stellen sie auch ähnliche Anteile an der gesamten Priesterschaft? Von 100 Priestern, wie viele sind ähnlich wie diese beiden laisierten Exemplare homosexuell? Wir wissen es nicht, können daher nur spekulieren, lassen dies aber vornehm sein.

Fest steht jedenfalls: Um die Priesterausbildung in Deutschland ist es schlecht bestellt.

2. Das sie das Amtspriestertum aufgegeben haben, wird seine Gründe haben. Irgendwie kann ich mir nicht vorstellen (lasse mich aber gerne vom Gegenteil überzeugen), dass dieselben Bischöfe, die in ihren Seminaren massenhaft homosexuelle und häretische Priesteramtskandidaten dulden, besonders eilig dabei wären, derartige Priester zu suspendieren oder zu laisieren. In diesem Fall scheint es jedoch geschehen zu sein – unter welchen Umständen ist mir nicht bekannt. Doch offenbar ist es in Deutschland ziemlich leicht, als aktiver Homosexueller Priester zu werden, und als aktiver Häretiker auch – denn eine Eucharistiefeier, zu der „alle eingeladen“ sind, wie man auf Evangelisch.de verspricht, entspricht nicht der katholischen Lehre. Ich weiß wie gesagt nicht warum die beiden laisiert worden sind, doch geht es mir hier auch gar nicht in erster Linie um diese Einzelfälle, sondern um die allgemeine Tendenz zur Beliebigkeit unter Priestern, die hier besonders gut sichtbar gemacht werden kann.

3. Der Termin der Feier direkt vor dem Papstbesuch. Will irgendjemand wirklich behaupten, das sei Zufall? Die nicht gläubigen Massen außerhalb und innerhalb der Kirche werden durch diesen Akt noch einmal wundervoll zeitlich passend daran erinnert, wie schrecklich doch die „Amtskirche“ mit ihrer Rückständigkeit und ihrer exklusivistischen Haltung zu Homosexualität und Interkommunion ist. Das zieht immer wieder. Wie viele Berichte wird es dazu in den deutschen Leit- und Leidmedien geben? So viele wie nötig, um die Ereignisse in Umlauf zu bringen und während des Papstbesuchs zusammen mit den anderen rechtzeitig aufgebauschten Skandälchen und Skandalen am köcheln zu halten. Seitens der zuständigen Verwaltung hat man ja schon im Vorfeld des Papstbesuchs dafür gesorgt, dass nicht zu viele Menschen an den Messen des Papstes teilnehmen können und generell die Teilnahme so schwer wie möglich gemacht.

Einflussreiche Kräfte innerhalb der Kirche haben ein Interesse daran, den Dialogprozess zur Formung einer protestantischen Nationalkirche, die nur noch dem Namen nach katholisch ist, voranzutreiben – ein erfolgreicher Papstbesuch ist dabei nur hinderlich. Je mehr Nebelkerzen vorher geworfen werden können, je mehr kleine Debatten wieder angeheizt werden können, desto unwahrscheinlicher wird es, dass die Menschen sich nachher überhaupt noch an den Besuch des Papstes erinnern, statt an das sorgfältig aufgebaute Nebenprogramm.

Dass die evangelische Kirche durch ihr Nachrichtenportal evangelisch.de, auf das ich hier NICHT verlinken werde, kräftig daran mitwirkt, vermag niemanden mehr zu überraschen.

4. Wie sähe wahre Ökumene aus? Nun, vor einiger Zeit habe ich auf der Webseite von Father Z folgenden Artikel gefunden: Die deutsche Fassung der betreffenden Enzyklika, Mortalium Animos, findet sich hier (und auch auf der Seite zur Lehre der Kirche in der oberen Leiste dieses Blogs.

5. Wird sich unser Heiliger Vater davon beeindrucken lassen? Natürlich nicht. Aber wie sieht das mit seinem Zielpublikum aus? Bei vielen sicherlich ähnlich – doch die meisten Katholiken erfahren ihre Nachrichten aus den Mainstreammedien – und wie das aussehen kann, haben wir ja beim Weltjugendtag gesehen. Hoffen wir auf einen guten Ausgang und einen erfolgreichen Papstbesuch.