Abtreibung: Das grundlegende Argument

Einleitung

Abtreibung ist ein meist totgeschwiegenes Thema, das, wenn es überhaupt einmal zur Diskussion steht, zudem noch mit Vorurteilen aufgeladen ist. Wenn man mit Abtreibungsbefürwortern spricht, erschöpft sich das allgemeine Niveau meist in „mein Bauch gehört mir“ und „du bist gegen Frauen“ oder „gegen Entscheidungsfreiheit“. Nur selten hat man die Chance zur sachlichen Entgegnung, aus der dann vielleicht ein freundschaftliches Gespräch entsteht.

Doch aus verschiedenen Diskussionen über das Abtreibungsthema, an denen ich aktiv oder passiv (als Zuhörer) teilgenommen habe, weiß ich auch, wie schwer es Lebensschützern oft fällt, ihre Position auf verständliche, nicht-religiöse Weise zu artikulieren. Natürlich ist das religiöse Argument für ernsthafte Christen so zwingend wie kein anderes. Doch nichts schreckt einen Abtreibungsbefüworter mehr ab als ein „religiöser Fundamentalist“, der „wieder diesen Gott ins Spiel bringt“. Wenn man mit Abtreibungsbefürwortern sprechen will, muss man sie dort „packen“, wo ihre Überzeugung angreifbar ist, und wo eine gemeinsame Basis besteht.

Das fällt vielen christlichen Lebensschützern schwer. Daher erlebe ich immer wieder (hauptsächlich in Internetdebatten, aber auch sonst) einen von zwei Effekten: Entweder der Lebensschützer argumentiert religiös, und der Abtreibungsbefürworter antwortet, die „alten Kerle in der Kirche, diese Kinderf….“ und den Rest kann man sich denken. Oder der Abtreibungsgegner geht auf die Befindlichkeiten des Gegenübers ein, und argumentiert gegen besonders barbarische Formen der Abtreibung, oder gegen Väter, die die von ihnen geschwängerten Frauen zur Abtreibung zwingen, oder gegen Spätabtreibung, oder gegen Abtreibung zur Geschlechterselektion, oder andere Fälle, in denen vielleicht ein Konsens zu erzielen wäre.

Selbst wenn der Lebensschützer mit dieser Strategie Erfolg hat, ist noch nicht viel gewonnen. Die meisten Abtreibungen geschehen nun einmal nicht aufgrund solcher Extremsituationen, sondern einfach, weil das Kind gerade nicht passt, oder die Finanzlage knapp ist, oder die Partnerschaft „einfach kein Kind aushält“ usw. Der Abtreibungsbefürworter wird weiterhin alle diese „normalen“ Abtreibungen befürworten.

Der einzige Weg, einen Abtreibungsbefürworter vom Gegenteil zu überzeugen, ist, in ihm die Erkenntnis reifen zu lassen, dass das ungeborene Leben ein menschliches Leben ist, das wie jedes menschliche Leben unter dem besonderen Schutz der Gesellschaft und des Staates zu stehen hat. Glücklicherweise ist das nicht nur ein Argument, das Abtreibung gleich grundsätzlich als falsch erscheinen lässt, sondern auch noch ganz ohne Zuhilfenahme religiöser Botschaften vermittelbar.

Das grundlegende Argument

Jedes gute Lehrbuch der Biologie oder Embryologie wird bestätigen, dass das menschliche Leben, das heißt das Leben eines Organismus unserer Spezies, mit der Befruchtung der Eizelle beginnt, und zu keinem späteren Zeitpunkt. Alle späteren Vorgänge sind Reifungsprozesse eines bereits bestehenden, existierenden, menschlichen Wesens, eines ganz, ganz kleinen Kindes. Da haben wir schon einen kleinen Menschen, der dann langsam seine Anlagen ausbildet, die ihm genetisch mit auf den Weg gegeben sind. Durch die Ausbildung dieser Anlagen verändert sich dieser Mensch sehr stark. Es kommt zur Diversifikation der Körperfunktionen; „Stammzellen“ differenzieren sich aus, Organe werden geformt, ein kleines Herz fängt nach wenigen Wochen bereits an zu schlagen. Doch das sind alles Veränderungen, die an dem schon existierenden Menschen geschehen.

Und dass das so ist, das lehrt nicht die Kirche, sondern die Wissenschaft. Es ist keine religiöse These, dass das menschliche Leben mit der Zeugung beginnt, sondern eine biologisch sehr gut bestätigte, und wissenschaftlich nicht umstrittee Tatsache. Das menschliche Leben beginnt mit der Zeugung, mit der Befruchtung der Eizelle. Nicht mit der Implantation, nicht nach drei Monaten, nicht wenn das Kind überlebensfähig außerhalb des Mutterleibs wäre, nicht bei der Geburt, sondern im Moment der Befruchtung.

Wollen wir uns wirklich gegen den wissenschaftlichen Erkenntnisfortschritt im Interesse überkommener feministischer Dogmen stellen? Wollen wir der rationalen Wissenschaft folgen, oder der Päpstin Alice Schwarzer dienen?

Und wenn wir einmal anerkennen, dass das, was da in „meinem Bauch“ ist, der „mir gehört“, eben nicht bloß „ein Zellhaufen“ ist, sondern ein individuelles, genetisch einzigartiges, unverwechselbares Lebewesen, nämlich ein kleines Menschenkind, dann können wir nicht mehr sagen: „Mein Bauch gehört mir“. Denn selbst wenn mein Bauch mir gehört – der Mensch in meinem Bauch gehört nicht mir. Und wenn man diesem Menschen keine vorübergehende Heimstatt im „Bauch“ bietet, dann stirbt dieser Mensch. Dann töten wir diesen Menschen.

Also ist Abtreibung die Tötung eines kleinen, unschuldigen, schutzbedürftigen Etwas, das nach eindeutigen wissenschaftlichen – nicht religiösen – Erkenntnissen ein Mitglied der menschlichen Spezies ist.

Und man darf keine Menschen töten. Das erkennt wohl auch der Abtreibungsbefürworter normalerweise abstrakt an.

Doch wenn

(1) Abtreibung die Tötung eines Menschen ist,
und
(2) Tötung eines Menschen moralisch falsch ist und gesetzlich bestraft gehört,
dann gilt:
(3) Abtreibung ist moralisch falsch und muss gesetzlich bestraft werden.

Wissenschaft und Logik führen also zum Abtrebungsverbot – das Festhalten an der legalisierten Abtreibung ist also nur faktenresistentes rückständiges Festklammern an überkommenen Dogmen längst gescheiterter politischer Ideologien.

Natürlich gibt es dagegen auch wieder Einwände von seiten einiger Abtreibungsbefürworter, die nicht mit Stammtischparolen wie „Mein Bauch gehört mir“ argumentieren, doch dazu später mehr.

Zur Tötung der Unschuldigen in Liechtenstein

In Liechtenstein bleibt Abtreibung (vorerst) verboten, zumindest wenn die Mehrheit der Bevölkerung ihren Willen bekommt. So stimmten kürzlich gut 52% gegen eine Legalisierung der Tötung Unschuldiger in dem kleinen Fürstentum während der ersten zwölf Monate des Lebens der Unschuldigen. Doch die Abtreibungslobby, der ja nur noch zwei Prozent am Sieg über das Lebensrecht fehlen, ruht nicht. Bereits jetzt debattieren die Abtreibungslobbyisten in Liechtenstein über einen neuen Angriff auf das Lebensrecht – die Abtreibung soll in Liechtenstein verboten werden, aber nicht, wenn eine Person aus Liechtenstein im Ausland abtreibt.

Damit wäre aber das Lebensrecht in seinen Grundfesten verloren. Denn offensichtlich kann es nicht am Aufenthaltsort der Schwangeren liegen, ob die Tötung ihres Kindes zulässig ist. Wenn also Abtreibung im Ausland zulässig ist, auch für Liechtensteiner, dann muss sie offenbar auch im Inland gestattet werden. Sollte diese in Liechtenstein derzeit diskutierte Regelung sich durchsetzen, so wäre der endgültige Fall des grundlegendsten aller menschlichen Grundrechte nur noch eine Sache weniger Jahre. Die Gegner des Lebensrechts hätten die wesentliche Debatte bereits gewonnen, denn wenn die Tötung der Unschuldigen wirklich falsch ist, dann bleibt sie auch im Ausland falsch. Strafrecht gilt aber für Liechtensteiner im In- und Ausland; also muss man Abtreibung entweder sowohl im In- als auch im Ausland bestrafen, oder gar nicht.

Doch für Deutsche muss die derzeitige Debatte in Liechtenstein geradezu als ein Luxusproblem erscheinen. Denn hierzulande werden jährlich über 110000 unschuldige Kinder vorgeburtlich getötet, mehr als 95% davon aus offenbar niederen Motiven, etwa weil das Kind gerade nicht passt, oder man glaubt, den schon vorhandenen Kindern weniger dekadenten Luxus ermöglichen zu können (selbst der mittlere Hartz IV-Empfänger hat schlicht verglichen mit 90% der Weltbevölkerung, und selbst mit seinen Großeltern um 1950, schlicht ein Luxusleben, auch wenn es unpopulär ist, davon zu sprechen). Doch die Tötung der Unschuldigen liegt in der Dunkelziffer weit höher. Nicht alle Abtreibungen werden gemeldet, und die zuständigen Instanzen haben nicht das geringste Interesse an einer scharfen Durchsetzung einer Meldepflicht. Ferner wirken hormonelle Verhütungsmittel, besonders die sogenannte „Anti-Baby-Pille“ oft frühabtreibend. Manche schätzen, dass durch derartige Wege weitere 200000 Abtreibungen jährlich stattfinden. Doch die genaue Zahl ist unmöglich festzustellen.

Liechtenstein hat noch nicht denselben Grad elementarer moralischer Verrohung erreicht wie Deutschland. Doch fällt das grundlegende Verbot der Tötung Unschuldiger, so ist der weitere Verfall nur noch eine Frage der Zeit.

Diese moralische Verrohung ist nicht so sehr die Folge direkter Unmoral. Vielmehr sind moralische Kategorien komplett aus dem öffentlichen und privaten Bewusstsein der Menschen verschwunden. Mehrheitlich sind die Deutschen für die legale Tötung der Unschuldigen, ob durch Abtreibung, Euthanasie, embryonaler Stammzellenforschung oder auf anderem Wege. Doch diese Mehrheiten sind nicht verhärtete Menschenhasser im Blutrausch – sie sind nicht unmoralisch – sondern schlicht abgestumpft. In Familien, in Kirchen, im Bildungssystem, in den Medien gibt es keinerlei moralische Komponente mehr. Familien, sofern sie überhaupt noch existieren, sind private Spaßvereinigungen ohne moralische Dimension. Alles ist Familie, von Lebensgefährten bis Homosexuellen. Moralische Grenzen sind Vergangenheit. In der Kirche hört man wenig von Moral, wesentlich mehr von Spaß und Lust und Laune, zuweilen auch von direkt sozialrevolutionären, latent marxistischen Ambitionen. Kirchliche Vereinigungen orientieren sich nicht mehr an christlicher Moral, sondern wahlweise an linksextremistischen politischen Zielen, dem Zeitgeist, oder dem Geldbeutel. Das Bildungssystem versucht bloß noch berufsnützliche Kenntnisse zu vermitteln (es scheitert selbst dabei kläglich), und hat nur in einem Punkt Erfolg: Es treibt der großen Mehrheit der Schüler alle Spuren moralischer Orientierung aus, die Eltern und Kirche vielleicht noch aufbauen konnten, indem es Moral durch das Gift der Politischen Korrektheit und Wahrheit durch Toleranz um jeden Preis ersetzt. Die Medien tun ebenfalls ihren Teil, der nicht mehr mit höflichen Worten zu umschreiben ist.

In dieser toxischen Wolke verlieren Menschen nicht so sehr ihre Moral und ihr Gewissen als die Fähigkeit überhaupt in moralischen Kategorien zu denken. Sie sind nicht unmoralisch, indem sie sich gegen die moralischen Normen entscheiden, sondern indem sie weder moralische Normen noch ihr Gegenteil kennen.

Der moderne, verweltlichte Mensch kann nicht einmal mehr so richtig sündigen, weil ihm dazu das Bewusstsein fehlt. Objektiv sind seine Handlungen himmelschreiende Sünden, doch wie verantwortlich ist jemand für seine Sünden, der in einer Gesellschaft lebt, in der abgesehen von Mülltrennung und Atomausstieg moralisch nichts mehr von Bedeutung ist?

Übertreibe ich? Vielleicht. Mit Sicherheit gibt es noch Ecken in Deutschland, in denen moralische Wahrheiten noch erhalten sind. Es gibt auch einige einzelne Menschen, die versuchen nach diesen Wahrheiten zu leben. Doch in der öffentlichen Wahrnehmung kommen sie einfach nicht vor. Und da die breite Mehrheit der Menschen immer schon nicht nach abstrakten manipulationsresistenten Prinzipien gehandelt hat, sondern von Medien, Umgebung, Familie, Ausbildung usw. beeinflusst worden ist, kommen sie auch in der privaten Wahrnehmung der breiten Mehrheit der Menschen nicht mehr vor.

Solange es nicht breite gesellschaftliche Strömungen gibt, die in diesem Punkt gegensteuern, die der Diktatur des Relativismus den Garaus machen, wird sich in Deutschland nichts ändern. Gegen die breite Mehrheit kann keine Staatsform dauerhaft bestehen, nicht einmal eine Militärdiktatur oder eine Monarchie. Eine Rückkehr zu nicht einmal christlichen, sondern allgemein menschlichen, mit den Mitteln der bloßen Vernunft erkenntbaren moralischen Normen wird daher nur durch große, einflussreiche Institutionen möglich sein – die einzige Institution, die aber diese allgemein vernünftigen Normen noch verteidigt, und zugleich über den nötigen Einfluss verfügt, ist die katholische Kirche.

Solange diese sich nicht nur in Rom, sondern auch durch Bischöfe, Priester und Laien in allen möglichen kirchlichen und außerkirchlichen Tätigkeitsfeldern, entschlossen und ohne Zweideutigkeit zu diesem natürlichen moralischen Gesetz bekennt, wird sich nichts ändern. Auch das Verbot der Tötung Unschuldiger in jedem Stadium ihres Lebens – von der Befruchtung bis zum natürlichen Tod – wird erst wieder gesetzlich anerkannt und gesellschaftlich wenigstens im Großen und Ganzen umgesetzt werden, wenn vorher eine allgemeine Umkehr, eine Rückkehr zu den Grundfesten der natürlichen moralischen Normen eingetreten ist.

Doch dafür gibt es derzeit keine Anzeichen. Die knapp 2000 Tapferen in Berlin sind für ihre Entschlossenheit zu loben, doch ein Hoffnungszeichen sind sie nicht. Vielleicht ein Lebenszeichen, aber nicht mehr.

Große Schlachten oder Großes Schlachten?

Wie man auf Katholisches derzeit lesen kann, ist der Versuch eines Abtreibungsverbotes in Polen ganz knapp gescheitert. Mit 191 zu 186 Stimmen bei fünf Enthaltungen fiel das Gesetz, das ein vollständiges Abtreibungsverbot vorsah, und in der Bevölkerung den Rückhalt einer breiten Mehrheit besitzt, aufgrund der strengen Parteidisziplin der sich selbst als konservativ gebenden Regierungspartei PO („Bürgerplattform“) im Sejm durch. Damit bleibt das derzeitige Abtreibungsrecht gültig, das in Polen zu 500 Abtreibungen im letzten Jahr geführt hat, und die Tötung der Ungeborenen nur in seltenen Ausnahmefällen zulässt. Ein Versuch der Sozialdemokraten, die Abtreibung zu liberalisieren (und damit die Tötung der Unschuldigen auf den in Deutschland längst üblichen Stand zu bringen) scheiterte mit riesiger Mehrheit.

Alles in allem hat Polen die nach Irland und Malta besten Abtreibungsgesetze in der ganzen EU – und steht deswegen von derselben massiv unter Druck. Nachdem in diesem Jahr Ungarn eine neue Verfassung beschlossen hat, die das Grundrecht auf Leben ab dem Moment der Befruchtung bis zum natürlichen Tod festschreibt (was mit Sicherheit zu Verfassungsklagen gegen die derzeitige Abtreibungsgesetzgebung in Ungarn führen wird), ist Polen damit das zweite osteuropäische Land, in dem sich etwas für das Lebensrecht bewegt.

Das ist ganz sicher an erster Stelle dem seligen Papst Johannes Paul II. zu verdanken, der in Polen eine ganze Generation junger Wähler bewegt zu haben scheint:

A June 3rd (2011) survey showed 65% of Poles agreeing that the law “should unconditionally protect the life of all children since conception.”  Only 23% supported abortions in cases where unborn children of 24 weeks or less were diagnosed with a “serious disease.”

Significantly, 76% of those aged 15 to 24-years-old wanted total protection for the unborn – the most of any age group.  The lowest level of support came from the oldest age bracket, 55 to 70 years old, but still with 57% supporting total protection.

Mehr als drei von vier Polen unter 25 Jahren unterstützen also das Gesetzesvorhaben, das gerade gescheitert ist. Es ist überhaupt nur darüber abgestimmt worden, weil hunderttausende Polen dafür unterschrieben hatten. Und im Oktober sind Wahlen – vielleicht wird die scheinkonservative in Wahrheit lebensfeindliche Bürgerplattform von Merkel-Verbündeten Donald Tusk für das Katzbuckeln vor der internationalen Abtreibungslobby und ihrem Erfüllungsgehilfen EU an der Wahlurne bezahlen. Wir werden es sehen.

Doch ganz abgesehen von der aktuellen Lage in Polen, die sicher, trotz der vorübergehenden Abstimmungsniederlage ziemlich hoffnungsvoll stimmt, möchte ich an dieser Stelle den Kontrast zu Deutschland ansprechen. Wann hat hier in Deutschland zuletzt ein Politiker gefordert, alle Abtreibungen müssten strafrechtlich ebenso relevant sein wie die Tötung der Unschuldigen in anderen Lebensphasen? Wann hat überhaupt jemand das Lebensrecht in der Öffentlichkeit entschlossen verteidigt, nicht mit technokratischen Phrasen, sondern in eindeutigen unmissverständlichen Worten? Selbst Kardinal Meisner, der ja zuweilen scharfe Worte gegen Abtreibung spricht, bis hin zu der Erkenntnis, es handle sich um einen „Super-Gau“ vor einigen Monaten (und dazu ist ihm zu gratulieren!), hat meines Wissens nicht direkt ein Abtreibungsverbot gefordert. (Man möge mich korrigieren, wenn ich mich täusche).

Darüber spricht man in Deutschland nicht. Auch nicht in der Kirche. Zum Ausstieg aus der Blankovollmacht zur Tötung der Unschuldigen (die fälschlich „Beratungsschein“ genannt wird) musste man die Bischofskonferenz zwingen, und bis heute arbeitet man, wo immer möglich und ohne Aufsehen vertretbar, mit der Abtreibungslobby zusammen.

Eines jedenfalls hat Papst Johannes Paul II. nie getan: Zum Thema Lebensrecht geschwiegen. Seine (meines Erachtens beste) Enzyklika Evangelium Vitae hat er zu genau diesem Thema verfasst. Er hat in Polen viele Menschen inspiriert.

Auch Benedikt XVI. hat zum Lebensrecht nie geschwiegen. Auch er zieht immer wieder die Verbindungslinien von den aktuellen ökonomischen Problemen bis zur Abtreibung, auch er spricht immer wieder in klaren Worten von der gemeinsamen Wurzel so vieler heutiger Probleme, von der Kultur des Todes. Er wandelt in dieser Frage in den Fußstapfen seines Vorgängers. Dieser inspirierte in Polen, seinem Heimatland, sehr viele, er half bei der Entstehung einer neuen Generation mit, die Abtreibung als das sieht, was sie wirklich ist: Als Tötung der Unschuldigen.

Nur eines ist Benedikt bisher nicht gelungen, und nicht weil er es nicht versucht hätte: In Deutschland die Menschen zu inspirieren. Davon ist leider nichts zu spüren. Eher im Gegenteil. Während die Polen „ihrem“ Papst zujubelten, und sehr viele seinem Weg nachfolgen, gerade auch bei so wichtigen Fragen wie dem Lebensrecht für alle, haben die Deutschen nur aus nationalistischen Gründen kurz „ihrem Papst“ zugejubelt, bevor sie sich apathisch wieder ihrem üblichen Alltagstrott aus Sünde, Entertainment und Erwerbsarbeit zugewandt haben, nur um alle paar Monate empört den Kopf zu schütteln über die „antiquierte“ Moral der Kirche, in der Leben wirklich noch etwas zählt, und Menschen wirklich noch Würde besitzen, statt bloß Geld.

Worin besteht der Unterschied? Ist Benedikt unfähig, Menschen von sich zu überzeugen, Menschen mitzureißen? Er ist sicher weniger „telegen“ als sein Vorgänger. Doch der wesentliche Unterschied ist nicht der Papst, sondern das Volk. Die meisten Polen haben ihre Erfahrung mit einer atheistischen Diktatur schon hinter sich, und zu ihren Lebzeiten. Die Ostdeutschen auch. Doch könnte der Unterschied nicht größer sein. Während die meisten Polen heute für das Lebensrecht und stolz auf ihren katholischen Glauben sind, vegetiert der Osten im eigenen Saft vor sich hin, stirbt vor sich hin, im Griff der Kultur des Todes, wenn überhaupt noch mehr als der Westen.

Es sind nicht die Umstände, und schon gar nicht die Leistung des Papstes, sondern schlicht die spirituelle Offenheit der Polen, die es in Deutschland einfach nicht mehr gibt. In gewissem Sinn kann man vielleicht sogar sagen, Wohlstand verneble den Geist. Es ist eben schwer als wohlhabender Mensch in den Himmel zu kommen. Eher geht ein Kamel durchs Nadelöhr, hat einmal ein den meisten modernen Deutschen nicht mehr bekannter Weiser aus dem Nahen Osten gesagt. (Hinweis an alle modernen Leser: Nein, es war nicht Mohammed!)

Die Kultur des Todes hat eine große Schlacht in Polen vorerst gewonnen, doch das letzte Wort ist noch nicht gesprochen.

In Deutschland hat es zum Lebensrecht keine großen Schlachten gegeben, sondern nur das große Schlachten. Bedauerlich, dass eine Kulturnation wie Deutschland in nur 100 Jahren gleich zweimal so tief fallen konnte.