Mosebach über Unglauben, Islam und Wohlstand

Es folgt ein langer Auszug aus dem Interview der WELT mit Martin Mosebach, dem bekannten Schriftsteller und Anhänger der traditionellen Messe. Herr Mosebach hat einige sehr interessante Sachen zu Themen wie Islam und Atheismus zu sagen. Wir üblich sind die Kommentare in roter Schrift gehalten, Hervorhebungen durch Unterstreichung stammen von Catocon.

Welt Online: Herr Mosebach, waren Sie Karfreitag in der Kirche?

Martin Mosebach: Selbstverständlich. In Frankfurt wurde in diesem Jahr erstmals seit der katholischen Liturgiereform 1968 wieder die Karfreitagsliturgie nach altem lateinischem Ritus gefeiert. Daran habe ich teilgenommen. (Schön, dass sich die traditionelle Messe auch in Deutschland langsam wieder ausbreitet.)

Welt Online: Dann haben Sie ja auch für die Atheisten gebetet. Die Kirche bittet an Karfreitag: „Lasst uns auch beten für alle, die Gott nicht erkennen, dass sie mit seiner Hilfe ihrem Gewissen folgen und so zum Gott und Vater aller Menschen gelangen.“ Warum erhört Gott das immer seltener?

Mosebach: Er hat das doch schon sehr vielfältig erhört. Die Kirche ist über die Jahrtausende in einem ständigen Wachstum befindlich. (Auch heute wächst die Kirche weltwelt gesehen Jahr für Jahr, wenn sie auch in Europa schrumpft.) Es gibt sehr viel mehr Christen auf der Welt als noch vor hundert Jahren und erst recht als noch vor 500 Jahren.

Welt Online: Aber das Wachstum ist regional unterschiedlich. Laut der neuen Studie der Universität Chicago sind in Ostdeutschland 46 Prozent der Menschen überzeugte Atheisten. Warum engagiert sich Gott dort nicht stärker? (Gott zeigt sich denen, deren Herz für Ihn offen ist. Wessen Herz ist in unserer gottlosen Zeit noch offen für etwas, dass sich nicht nach Effizienz- und Wohlstandsgesichtspunkten messen lässt?)

Mosebach: Die große Regel von Gracián lautet: Den göttlichen Mitteln so vertrauen, als gäbe es die menschlichen nicht, und den menschlichen so vertrauen, als gäbe es die göttlichen nicht. Die Kirche – und das heißt jeder einzelne Getaufte – hat die Aufgabe, für den Glauben zu werben. (Jeder Getaufte. Hier, nicht in der ständigen Forderung nach diesem oder jenem offiziellen Amt, findet sich die Aufgabe der Laien.) Nicht nur dadurch, dass er über seinen Glauben spricht, sondern indem er ein Leben führt, das auf Ungläubige so überzeugend wirkt, dass sie nachdenklich werden. (Das ist das Wichtigste. Missionsarbeit ist umso erfolgreicher, je heiliger der Missionar ist.) Mission hat eine göttliche und eine menschliche Seite. Auf der menschlichen Seite wird manches geleistet, aber vieles auch nicht.

Welt Online: Laut der Studie ist Ostdeutschland die atheistischste Region der Welt. Ist das eigentlich schlimm? (Was für eine Frage! Aber Herr Mosebach beantwortet sie grandios.)

Mosebach: Für die Christen ist es immer schlimm, wenn Menschen die Verbindung zu Christus verlieren. Weil sie davon überzeugt sind, dass diese Verbindung die Fähigkeit, Mensch zu sein, erst zur Vollendung bringt. Diejenigen, die religiös unmusikalisch sind – wie man das heute so flott formuliert –, sind in ihrer Vollausbildung als Menschen beeinträchtigt. (Religion ist keine Zugabe, sondern das Wesentliche, von dem alles andere abhängt.) Unglaube ist ein Mangel. Ein Leben in völliger Abkehr von Gott ist eine reduzierte Existenz. Die seelische und auch die rationale Fülle des Menschseins ist dann nicht gegeben, wenn die Verbindung zum Schöpfer verödet ist.

Welt Online: Ist die DDR schuld am Rückzug des Glaubens in Ostdeutschland? (Ist der Rückzug des Glaubens schuld an der DDR bzw. dem Kommunismus als solchem?)

Mosebach: Die Entwicklung hat lange vor der DDR begonnen. Der Sozialismus war zwar sehr eifrig in der strammen atheistischen Erziehung (unser heutiges Bildungssystem müht sich nach Kräften und nähert sich in dieser Hinsicht der DDR immer mehr an.) , aber das war er auch in anderen Ländern, in Russland, Polen oder Rumänien. Dort ist die Kirche wieder erstarkt, als der Sozialismus gestürzt war. Moskau hat heute Hunderte von Kirchen. Zur bolschewistischen Zeit gab es dort nur drei Kirchen, in denen noch die Liturgie gefeiert wurde.

Welt Online: Warum ist das in Ostdeutschland anders?

Mosebach: Weil es das Erbe Preußens hat. Es gab in Preußen seit dem 18. Jahrhundert einen die Kirche aushöhlenden Prozess. Friedrich II., dessen religiöse Toleranz in diesem Jahr so gefeiert wurde, war ja nur deswegen so tolerant, weil er die Religion verachtete, sich geradezu vor ihr ekelte. Dann kamen preußische Philosophen wie Friedrich Julius Stahl mit Formeln wie „Staatsdienst ist Gottesdienst“ (eine treffende Charakterisierung des totalitären Staatsverständnisses, das, in leicht abgewandelter Form, heute Allgemeingut ist), man konzentrierte sich auf Ethik, wollte weg vom Übernatürlichen. (Entmythologisierung. Modernismus. Anpassung an den „wissenschaftlichen“ Zeitgeist) In Goethes „Buch des Parsen“ kam der Zeitgeist zum Ausdruck: „Schwerer Dienste tägliche Bewahrung, sonst bedarf es keiner Offenbarung.“ Das war ein Protestantismus, der die Verbindung zu Sakralität und lebendiger Christus-Beziehung weitgehend verlassen hat. (Kann es wundern, dass die Protestantisierung der Kirche dieselben Ergebnisse gezeitigt hat?)

Welt Online: Ist es mehr als eine Laune der Geschichte, dass der Atheismus in dem Teil Deutschlands so stark ist, von dem auch die Reformation ausging? (Nein. Das eine folgt logisch aus dem anderen. Oder die lehramtliche Garantie ist die Offenbarung der Bibel beliebig flexibel und kann im Laufe der Zeit nicht mehr ernst genommen werden.)

Mosebach: Das ist keineswegs eine Laune der Geschichte. Das hat seine Logik. Deutschland war immer ein geteiltes Land. Schon als es in die Geschichte eintrat, bestand es aus einem römisch beherrschten Teil und einem barbarisch gebliebenen Teil. Tatsächlich laufen unsere heutigen religiösen Grenzen teilweise an den alten römischen Militärgrenzen entlang. (Eine sehr interessante Beobachtung, die in Zeiten minimaler historischer Kenntnisse wohl viele überraschen dürfte.)  Im Osten gab es schon vor der Reformation einen antirömischen Affekt, den Luther dann verstärkte. Auch die Staatsreligiosität mit dem König als Bischof und dem Landesherrn als oberstem religiösem Chef ist durch die Reformation entstanden. (Im Katholizismus waren Staat und Kirche nie in eins gesetzt, sondern immer verschieden, selbst wenn sie eng zusammengearbeitet haben. Die heute geforderte radikale Trennung von Kirche und Staat ist eine übertriebene Gegenreaktion gegen die reformatorische Nationalkirche: Das Pendel schlägt in die entgegengesetzte Richtung aus.)Dann hat das Bündnis mit der Aufklärung die Religion Stück für Stück entkernt.

Welt Online: War die Reformation Voraussetzung für den Atheismus?

Mosebach: Keineswegs zwangsläufig. Es gibt ja auch den evangelikalen Protestantismus, in den USA zum Beispiel.  Es gibt in Deutschland fromme protestantische Bewegungen wie die Pietisten oder die Herrnhuter. Aber tatsächlich ist es so, dass der Protestantismus, so wie er sich im Osten entwickelt hat, mit seinem Hang zur Säkularisierung fast notwendig zur Schwächung des Glaubens geführt hat. Sonst hätte der Kommunismus den Glauben dort nicht so nachhaltig zerstören können.

Welt Online: Als Zeitungsleser verbindet man mit Ostdeutschland höhere Arbeitslosigkeit, niedrigere Löhne und sinkende Einwohnerzahlen. Haben wirtschaftliche Faktoren auch etwas mit Glauben zu tun? (Das hat etwas mit einem Kamel und einem Nadelöhr zu tun. Die Reichen passen nicht hindurch.)

Mosebach: Es ist jedenfalls ein Faktum, dass sich bei der Religiosität in Deutschland die sozialen Verhältnisse umgekehrt haben: Im 19. Jahrhundert waren für den aufgeklärten, religiös bereits distanzierten Preußen die katholischen Regionen die rückständigen. Dort wohnten die Faulen, Ineffizienten, die an die Moderne nicht Adaptierten. Frömmigkeit war was für arme Leute. (Damals gab es in Deutschland noch richtig arme Leute. Heute nur noch „relative“ Armut, die verglichen mit wirklicher Armut als Reichtum erscheinen muss, für den das Wort mit dem Kamel und dem Nadelöhr wieder gilt.) Das hat sich verblüffenderweise umgedreht. Gegenwärtig ist Religion dort stabiler, wo der wirtschaftliche Erfolg ist, wo es ein etabliertes Bürgertum gibt. Die Erfolgreichen, die mit der modernen Welt Zurechtkommenden sind heute eher auch die Gläubigen. (Sind sie? Oder sind sie nicht viel eher die Anhänger des status quo, die einfach in der Kirche bleiben, weil es ihnen Trost und Nutzen bringt, während die Ärmeren eher austreten? Ich fürchte, Herr Mosebach irrt sich an dieser Stelle. Man kann im heutigen Deutschland Kirchenmitgliedschaft und Glaube nicht gleichsetzen. Das wohlhabende Bürgertum ist seltener konfessionslos; es ist nicht unbedingt religiöser.) In Ostdeutschland leben immer mehr Atheisten – und man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die neuen Bundesländer nicht gerade Horte der Innovation, des Produzierens und der Vitalität sind. (Der Atheismus ist auch nicht gerade Ausdruck einer gesunden gesellschaftlichen Lage.) Das Beunruhigende für die Kirche liegt darin, dass sie ihre alte Verbindung zu den Armen verloren hat – die Armen galten immer als der Schatz der Kirche. (Das sind sie auch heute noch. Man sehe sich nur die Regionen der Welt an, wo es noch wirklich arme Menschen gibt. Dort ist die Kirche stark. Nur in unserer nivellierten Wohlstandsgesellschaft, wo man als arm gilt, wenn man sich mal keinen Urlaub oder kein neues Auto leisten kann, ist die Kirche schwach. Das hat wieder mit dem Kamel und dem Nadelöhr zu tun.)

Welt Online: Müssen sich die Religionen angesichts des wachsenden Atheismus fragen lassen, ob sie attraktiv genug sind für die Menschen? (Schönheitswettbewerbe sind nicht wünschenswert.)

Mosebach: Zuerst muss ich sagen: Ich habe ganz andere Erfahrungen. Ich habe viele Menschen kennengelernt, die sich haben taufen lassen. (Ja, aber es sind trotzdem sehr wenige.)Aber wir müssen sowieso anders über Religion sprechen. Entweder die Religion besitzt die Wahrheit über das Wesen des Menschen, seine Herkunft und sein Ziel – oder sie besitzt sie nicht. Und wenn sie diese Wahrheit besitzt, muss man nicht über sie sprechen wie über eine Kaufhoffiliale, die Kunden verliert, sodass sich der Filialleiter fragt, woran das wohl liegen kann. Die Wahrheit unterliegt nicht einer Mehrheitsabstimmung. Es ist gut für den, der sie erkennt, es ist schlecht für den, der sie nicht erkennt. Die Wahrheit ist auf Zustimmung nicht angewiesen. (So ist es. Die Wahrheit allein genügt. „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.“)

Welt Online: Warum sehen so viele Menschen in Deutschland den Islam als Konkurrenz, obwohl sich immer weniger zum Christentum bekennen?

Mosebach: Die Sorge vor dem Islam in Deutschland ist weniger eine Sorge von Christen als von Leuten, die sich von der Kirche schon sehr weit entfernt haben.  Die empfinden Religion an sich als gefährlich, und im Islam sehen sie eine Rückkehr der Religion. (Sehr treffend formuliert! Nicht der Islam, sondern ernsthafte Religion, ist die wahre Gefahr für den modernen Westen, dessen sittlicher Verfall nur noch von seiner Gottlosigkeit übertroffen wird.)

Welt Online: Ist Ihnen aus christlicher Sicht ein Muslim lieber als ein Atheist? (Natürlich.)

Mosebach: Was heißt lieber. Er ist mir auf jeden Fall näher. Selbstverständlich.

Welt Online: Sie fürchten nicht, dass der Islam das Christentum in Europa verdrängt? (Nein. Es gibt kein zu verdrängendes Christentum in Europa. Der „Kulturkampf“ wird zwischen den Moslems und den Gralhütern der Aufklärung ausgefochten, und die Christen werden die Dritten sein, die sich freuen, wenn zwei sich streiten.)

Mosebach: Dem Christentum ist ja nicht der historische Erfolg geweissagt. In den verschiedenen Apokalypsen ist ihm geweissagt, dass die Kirche in den letzten Tagen vor dem Ende der Welt fast vollständig verschwinden wird. (Die Frage drängt sich auf, ob es bald soweit ist. Die Zeichen der Zeit sollten unsere Aufmerksamkeit erhalten.) Die Kirche ist ja auch aus Kernregionen, aus denen sie entstanden ist, vollständig verschwunden. (Und die Reste, etwa in Ägypten, dem Irak und Syrien, wo es sehr alte christliche Wurzeln gibt, werden gerade mit freundlicher Beihilfe der sogenannten westlichen Befreier und Demokratisierer ausgelöscht.) Aus Regionen, in denen sie ihre Prägung empfangen hat. Augustinus kam aus Nordafrika, Basilius der Große kam aus Zentralanatolien, da gibt es heute kaum noch Christen. Dafür gibt es heute in Ländern Christen, die man in der Antike nicht einmal kannte. Das ist eine Wanderungsbewegung. Die Kirche wandert über den Erdkreis. Jetzt entwickelt das Christentum zum Beispiel eine große Strahlkraft in China. (Wo es politisch unterdrückt wird. So ist das immer. Es wird Zeit, dass wir auch mal wieder eine richtige Verfolgung bekommen. Dann werden wir sehen, wer wirklich Christus liebt, und wer nur die Bequemlichkeit. Da werden wir uns noch wundern.) Das dürfte politisch gesehen die interessantere Nachricht sein als die, ob in Cottbus die Kirche voll ist.

Welt Online: Gehört der Islam zu Deutschland, wie es Christian Wulff gesagt hat und wie es Volker Kauder jetzt in Abrede stellt? (Nein. Herr Mosebach erklärt ganz vorzüglich den Grund.)

Mosebach: Wenn ein Politiker sich über den Islam äußert, kann er sagen: Die Deutschen, die sich zum Islam bekennen, haben dieselben Bürgerrechte wie die anderen Deutschen. Das ist eine Selbstverständlichkeit. Aber der Satz „Der Islam gehört zu Deutschland“ ist eine verantwortungslose und demagogische Äußerung. Was hat der Islam zu unserer politischen und gesellschaftlichen Kultur bisher beigetragen? Unser Grundgesetz fußt auf dem Christentum, auf der Aufklärung und auf weit in die deutsche Geschichte zurückreichenden Konstanten, wie etwa dem Partikularismus. Da gibt es kein einziges islamisches Element – woher sollte das auch kommen? Wenn die muslimischen Deutschen die kulturelle Kraft besitzen sollten, der deutschen Kultur islamische Wesenszüge einzuflechten, dann mag man in hundert Jahren vielleicht einmal sagen: der Islam gehört zu Deutschland.

Welt Online: Gehört das Christentum noch zu Ostdeutschland?

Mosebach: Natürlich. Dieses Land ist ein Geschöpf des Christentums. Seine Städte, seine Sprache, seine Kunst, alles. Das vergeht nicht in ein paar Jahrzehnten religiöser Ausdünnung.

(…)

Insgesamt ein sehr interessantes Interview, wobei mir besonders die Aussagen über Armut, Reichtum und ihr Verhältnis zum christlichen Glauben zu denken gibt. Kann das Christentum überhaupt in einer Gesellschaft gedeihen, die so reich ist wie die unsere? Um so reich zu sein, wie wir heute sind, müssen die meisten Menschen das Hauptaugenmerk in ihrem Leben auf die Vermehrung ökonomischer Ressourcen legen. Verlieren sie dabei nicht das Wesentliche, nämlich das Streben nach Heiligkeit? Sind Heiligkeit und Reichtum ohne weiteres zu kombinieren? In Einzelfällen auf jeden Fall, doch gilt das auch für die ganze Gesellschaft? Über diese Fragen lohnt es sich ausführlicher nachzudenken.

Ein Kardinalproblem der Soziallehre…

… ist, dass der inoffizielle Soziallehrer der DBK, Kardinal Marx, sie verschweigt. Seine Äußerungen muten, wie bereits vorher auf diesem Blog bemerkt, nicht immer allzu christlich an. Zu kritisieren ist nicht, dass seine Worte falsch seien, sondern dass sie die wesentlichen Fragen aussparen und selbst in den angesprochenen Themengebieten den Weg des geringsten Widerstandes gehen. Die Worte des Kardinals, wie sie in diesen beiden Artikeln zitiert werden, sind, so sie denn in den gebotenen Kontext eingeflochten würden, nicht einmal notwendigerweise falsch. Sie sind nicht unbedingt falsch; für sich betrachtet sind sie sogar weitgehend richtig. Aber wer will etwa aus folgenden Worten etwas spezifisch Christliches herauslesen? (Einige Anmerkungen zu einzelnen Punkten von Catocon in roter Schrift, so rot wie die Kleidung eines Kardinals oder die Flagge eines marxistischen Landes:)

Kardinal Marx [erinnerte] daran, dass auch im Vertrag über die Europäische Union die Soziale Marktwirtschaft als ausdrückliches Ziel genannt werde. (Das mag sein. Was ist „soziale Marktwirtschaft“? Tritt der Kardinal mit politisch-gesellschaftlichen Forderungen auf, so wären präzise Definitionen und ein Bezug auf die katholische Soziallehre angemessener als der typisch politische Appell, die EU habe dies oder jenes so gewollt.) Eine solche Marktwirtschaft setze Rahmenbedingungen voraus wie Rechtsstaatlichkeit (Sicher richtig), allgemeiner Zugang zu Kultur („Zugang zu Kultur“? Soll das heißen, dass jeder ins Theater gehen kann? Wodurch – abgesehen von marktwirtschaftlichen Faktoren wie dem Preis – wird dieser „Zugang zu Kultur“ denn beschränkt?) oder Bildung (Das ist nicht richtig. Allgemeiner Zugang zu Bildung ist weder eine Voraussetzung für eine Marktwirtschaft – es kann jederzeit eine Marktwirtschaft geben, die in keiner Form allen den Schulbesuch ermöglicht, noch die Voraussetzung einer guten oder gerechten Gesellschaft. Zumindest hat die Kirche sich nie dem allgemeinen Gesellschaftsbild der heutigen Zeit angeschlossen, das staatliche Bildungszertifikate – wohlunterschieden von tatsächlicher Bildung – irgendeine besondere Relevanz für die Gerechtigkeit einer Gesellschaftsordnung haben. Zugang zu Bildung, d.h. zu echter Bildung, mag eine gewisse Bedeutung für eine gerechte Gesellschaft haben, doch das allgemeine Bildungsverständnis der heutigen Zeit, das vom Kardinal mit keinem Wort kritisiert wird, ist ausschließlich Berufsvorbereitung, und da braucht jeder eben nur Zugang zu den Berufsvorbereitungen, die er später auch braucht. Der Bauer braucht nach dieser vom Kardinal implizit geteilten und nie kritisierten Bildungsvorstellung eben kein Abitur.)

Nachdem sich in den vergangenen 20 Jahren eine Verschiebung zugunsten des Kapitals vollzogen und sich seit der Wende von 1989/90 „ein gewisser Kasino-Kapitalismus“ durchgesetzt habe, gelte es, nun wieder verstärkt „die Würde der Arbeit und die Würde des Menschen in den Mittelpunkt zu stellen“.  (Und worin besteht die Würde der Arbeit? Worin besteht die Würde des Menschen? Und jetzt bitte nicht das übliche „Mehr Lohn für weniger Arbeit“ oder so. Auch härteste körperliche Arbeit kann würdig sein, nämlich dann, wenn sie einem würdigen und menschengemäßgen Zweck dient. Und leichte Bürotätigkeiten können aus demselben Grund vollkommen unwürdig sein. Würdige und unwürdige Arbeit kann es sowohl im Kapitalismus als auch in allen anderen Wirtschaftssystemen geben, wobei sich die Frage stellt, was der Kardinal gern an die Stelle des arg gescholtenen Kapitalismus setzen würde.

Eine weitere Frage: Wer soll denn bestimmen, was nun „in den Mittelpunkt gestellt“ wird? Sind wir inzwischen wieder bei der Kommandowirtschaft angekommen?)

Dazu gehöre, durch Bildung jedem „die Möglichkeit zu geben, das in die Gesellschaft einzubringen, was in ihm steckt“. (Wenn der Kardinal damit sagen möchte, dass es eben unterschiedliche Fähigkeiten gibt, und daher Schluss mit der Gleichmacherei im Bildungssystem, mit dem sozialistischen Einheitsschulmodell, gemacht werden soll, dann hätte er Recht. Wenn er damit, was ebenfalls oft hinter dieser Floskel steckt, meint, dass es höhere Bildung für alle geben sollte, dann irrt der Kardinal. Nicht alle Menschen besitzen die für eine sinnvolle höhere Bildung notwendigen geistigen Fähigkeiten, und diesen Menschen das Gefühl zu vermitteln, sie müssten diesen oder jenen Abschluss machen, wird ihnen nicht helfen, selbst wenn sie dadurch vielleicht etwas mehr Geld verdienen.) Hierbei sei „gerade auf die zu achten, die schwach sind“. Daneben forderte Kardinal Marx, dass „Familienzeit und Arbeit in ein besseres Verhältnis“ gebracht werden. (Und dieses Verhältnis soll worin bitte bestehen? Wenn der Kardinal fordern möchte, dass die unselige Trennung der Mütter von ihren Kindern rückgängig gemacht werden sollte, dann könnte er das sagen. Er wäre auf dem richtigen Weg. Will er damit das übliche CDU-Lied von der besseren „Vereinbarkeit“ von Familie und Beruf singen, dann wäre es für alle Beteiligten vielleicht besser, er enthielte sich einer Äußerung.) „Erwerbsarbeit als die einzige Arbeit zu betrachten, ist eine Überziehung“ (Kardinal Marx betrachtet sie nicht als die „einzige“ Arbeit; ebenso wenig wie Frau von der Leyen, von dessen Politik der Kardinal seine Inspiration zu beziehen scheint. Schade. Dabei gibt es so schöne Sozialenzykliken von Leo XIII. über Pius XI. bis zu Benedikt XVI.), so Marx. Die Pflege Angehöriger oder die Erziehung müsse daher auch stärker bei der Rente berücksichtigt werden. (Sicher eine gute Idee. Sollte man vielleicht der Bundesregierung mal sagen. Der Kardinal gäbe einen ganz guten Landes- oder Bundespolitiker von CDU oder CSU ab.)

Mit Bezug auf den wachsenden Anteil prekärer Arbeitsverhältnisse warnte Marx vor einer „Spaltung des Arbeitsmarkts in feste Arbeitsverhältnisse und unsichere Beschäftigungen“. (Es hat immer derartige Diskrepanzen gegeben, und es wird sie immer geben. Eine solche Spaltung ist nicht neu.) Aus sozialethischer Sicht müssten durch sichere Arbeitsverhältnisse Lebensperspektiven, zum Beispiel für die Gründung einer Familie, eröffnet werden. (Das Problem ist jedoch, dass in Wirklichkeit – im Gegensatz zu der Ideologie des Namensvetters Seiner Eminenz – das Sein nicht das Bewusstsein bestimmt, sondern das Gegenteil viel näher an der Wahrheit liegt. Es ist nicht der Fall, dass man bloß sichere Beschäftigungsverhältnisse bräuchte, und dadurch erst der Weg zu einer Familiengründung offen stünde. Es ist nämlich gar keine Unsicherheit hinsichtlich existenzieller Faktoren, die die Menschen von der Familiengründung abhält. Jeder Deutsche hat eine garantierte Existenzsicherung auf einem sowohl im globalen als auch im historischen Vergleich immens hohen Niveau. Familiengründung findet nicht statt, weil das inhaltliche, ideenbezogene Fundament dafür fehlt. Die Vorstellung von einem guten Leben ist heute bei den meisten Menschen anders als zu Zeiten, als sich Bischöfe noch trauten, über die Soziallehre und den Glauben der Kirche zu sprechen, ohne sie an den Zeitgeist anzupassen. Eine Familie zu gründen ist heute ein Luxusgut, das in der Priorität weit nach dem jährlichen Urlaub, der „Selbstverwirklichung“ beider Ehepartner in einer meist abhängigen Erwerbsarbeit für irgendeine gesichtslose private oder staatliche Bürokratie und dergleichen mehr kommt. Kinder sind eine Option unter vielen – nicht zuletzt auch, weil heute allgemein anerkannt ist, dass der Mensch entscheidet, wann der Sexualakt fruchtbar sein darf und wann nicht, und eben diese Entscheidung nicht mehr Gott überlassen wird, wie die Kirche lehrt, und Kardinal Marx freundlicherweise unerwähnt lässt, damit seine Popularität in den liberal-bürgerlichen Kreisen, in denen er scheinbar anzukommen wünscht, nicht sinkt.)

Schließlich plädierte Kardinal Marx für eine Stärkung des Sonntagsschutzes. (Gute Idee. Es könnte damit anfangen, dass in der Diözese des Kardinals an jedem Sonntag Messfeiern wieder Priorität haben und die unseligen „Wort-Gottes-Selbstaustobungsarbeitskreise“ an Sonntagen wegfallen. Der Sonntag kann nur geschützt werden, wenn der Zweck des Sonntags klar und unverschämt verkündet wird. Nicht irgendein diffuses „ach wir müssen uns ausruhen, weil Arbeit nicht alles ist“, sondern Dienst am Herrn. Der Sonntag ist der Tag, der für den Herrn beiseite gelegt wird, an dem alle weltliche, knechtliche Arbeit ruhen soll, um ganz für den Herrn bereit zu stehen. Das wäre echter Sonntagsschutz. Sonst könnte man auch am Montag ruhen.) „Die Arbeit soll den Menschen nicht beherrschen“, unterstrich Marx. Der Sonntag müsse ein „sichtbares Symbol“ bleiben dafür, „dass Arbeit und Alltag nicht alles sind“. (Ein „sichtbares Symbol“ soll der Sonntag also sein, dass Alltag und Arbeit nicht alles sind. Nun, das ist richtig. Aber es ist einfach nur die säkularisierte Version einer christlichen Idee.)

Der ganze Artikel könnte, von vorn bis hinten, auch von einem Atheisten berichten, der für die soziale Besserstellung der Benachteiligten kämpft. Hätte dies der Vorsitzende irgendeiner humanistisch-atheistischen Stiftung gesagt, so sollten wir ihm ein Lob dafür aussprechen. Doch diese völlig säkularisierten Worte stammen von einem Kardinal der Kirche Christi, der katholischen Kirche.

Und zwar von einem Kardinal, der von unserem Heiligen Vater ins Kardinalskollegium berufen worden ist, und damit den nächsten Papst mitwählen wird.

Wird Kardinal Schönborn, oder jemand, der so denkt wie er, vielleicht doch Papst Paul VII.?

Angesichts solch säkularisierter Haltungen, wie Kardinal Marx sie verkündet, schämt sich Martin Luther in seinem Grab gerade, weil er viel zu katholisch für Teile der heutigen deutschen Kirchenhierarchie wäre. Luther – ein konterrevolutionärer Katholik. Es kommt nur darauf an, mit wem man ihn vergleicht.

Bei den Worten des Kardinals von „Protestantisierung“ der Kirche zu sprechen, ist ein Schlag ins Gesicht jedes ehrlichen und ehrenhaften Protestanten.

Gift und Gegengift – Über den atheistischen Kommunismus (Teil 2)

Im ersten Teil dieser Artikelserie hatte ich einige einleitende Bemerkungen zur Aktualität des atheistischen Kommunismus auch in der heutigen Gesellschaftssituation gemacht.

Hier nun eine hervorragende päpstliche Diagnose, worum es sich beim Kommunismus eigentlich handelt, und was die Absicht dieser Ideologie ist, aus der schon erwähnten Enzyklika „Divini Redemptoris“: Ergänzend dazu werde ich einige Abschnitte hervorheben und an manchen Stellen einen roten Kommentar einfügen, wie der Leser dies vermutlich schon gewohnt ist:

Zunächst betrachten wir einige Grundcharakteristika des Kommunismus und seine Weltsicht des materialistischen Evolutionismus, wie sie der Papst in Divini Redemptoris darstellt.

Lehren

Ein falsches Ideal

8. Der heutige Kommunismus birgt in einem höheren Maße, als es bei anderen ähnlichen Bewegungen der Vergangenheit der Fall war, eine falsche Erlösungsidee in sich. Ein falsches Ideal von Gerechtigkeit, Gleichheit und Brüderlichkeit in der Arbeit durchglüht seine gesamte Lehre und Tätigkeit mit einem gewissen Mystizismus(wenn der atheistische Kommunismus wirklich dem wahren Glauben entgegen gesetzt ist, was sich kaum bezweifeln lässt, dann muss auf lange Sicht ein alternativer, direkt gotteslästerlicher Kult etabliert werden, der bewusst oder unbewusst die Verehrung des Teufels beinhaltet. Okkultismus, Satanismus, Esoterik usw. sind in diesem Licht zu sehen), der die mit trügerischen Versprechungen gewonnenen Massen in den suggestiv um sich greifenden Enthusiasmus einer mitreißenden Bewegung versetzt. Das konnte in unserer Zeit um so leichter geschehen, da sie infolge einer fehlerhaften Verteilungder Güter (es ist die wahre Ungerechtigkeit, die wahre Gier, das wahre Elend der Menschen, das wahre Leid, das den Ideologen ihren Nährboden verschafft.) dieser Welt von einem außergewöhnlichen Elend heimgesucht wird. Es rühmt sich auch dieses falsche Ideal, der Anreger eines gewissen wirtschaftlichen Fortschritts gewesen zu sein, der sich in Wahrheit, soweit er echt ist, aus ganz anderen Ursachen herleiten läßt, wie zum Beispiel aus der Steigerung der industriellen Produktion in Ländern, die in dieser Hinsicht wenig entwickelt waren, oder aus der Ausbeutung eines ungeheuren Reichtums an Bodenschätzen, oder auch aus der Anwendung von brutalen Arbeitsmethoden zur Erreichung von Riesenleistungen bei herabgedrückten Löhnen.

Der evolutionistische Materialismus von Karl Marx (Anmerkung: Die wissenschaftliche Evolutionstheorie mag richtig oder falsch sein, sie ist in jedem Fall mit dem katholischen Glauben vereinbar. Dies gilt nicht für die unwissenschaftliche Ideologie des Evolutionismus, welcher das Prinzip der allmählichen Fortentwicklung unter rein materiellen Außenwelteinflüssen zum Erklärungsmaßstab für die Welt erhebt.)

9. Die Lehre, die der Kommunismus oft genug unter täuschenden Hüllen verbirgt, steht im wesentlichen noch heute auf den von Marx verkündeten Grundsätzen des sogenannten dialektischen Materialismus und des historischen Materialismus, dessen allein richtige Auslegung die Theoretiker des Bolschewismus (sie nennen sich heute anders, der Bolschewismus ist wirklich tot. Aber wenn selbst die CDU die Familienpolitik der DDR als vorbildlich ansieht, dann kann die dahinter stehende Lehre nicht tot sein.) zu vertreten glauben. Nach dieser Lehre gibt es nur eine einzige ursprüngliche Wirklichkeit, nämlich die Materie mit ihren blinden Kräften, aus denen sich Pflanze, Tier und Mensch entwickelt haben. Auch die menschliche Gesellschaft ist darnach nichts anderes als eine Erscheinungsform dieser Materie, die sich in der angedeuteten Weise entwickelt und mit unausweichlicher Notwendigkeit in einem ständigen Kampf der Kräfte dem endgültigen Ausgleich zustrebt: der klassenlosen Gesellschaft. (Diesen Satz bitte nochmal lesen, bis er wirklich in all seiner Tiefe verinnerlicht ist. Auf dieser Lehre, die der Heilige Vater hier als kennzeichnend für den Kommunismus herausstellt, basieren alle heute dominierenden gesellschaftlichen Denkmuster. Wenn man nur das angebliche Endziel der Geschichte austauscht, dann passt der Satz sowohl auf Hitlers Rassentheorie, als auch auf den Marxismus, die Ideen der Sozialdemokraten und Liberalen und auf vieles, was heute angeblich christlich motiviert in der evangelischen und teilweise sogar in der katholischen Kirche gesagt wird.) Es leuchtet ein, dass in einem solchen System kein Platz mehr für die Idee Gottes, dass kein Unterschied mehr besteht zwischen Geist und Stoff, zwischen Leib und Seele, dass es kein Fortleben der Seele nach dem Tode mehr gibt, und darum auch keine Hoffnung auf ein anderes Leben. Unter Berufung auf die dialektische Seite ihres Materialismus behaupten die Kommunisten, dass der Kampf, der die Welt zum letzten Ausgleich führt (ein ganz zentraler Gedanke: Der Kampf führt die Welt zum letzten Ausgleich – und darum ist in diesem Kampf jedes Mittel gerechtfertigt. „Wollt ihr den totalen Krieg?“, schallt es aus den Lautsprechern nicht nur der nationalen Sozialisten. Das Konzept der „latenten Gewalt“ der sogenannten Friedensforscher stößt in das gleiche Horn: Wenn stets ein Zustand latenter Gewalt herrscht, dann ist es nicht mehr nötig, den Übergang zu realer Gewalt durch Terrorismus zu rechtfertigen, da es sich dann nur um Gegengewalt, Notwehr, handelt), durch den Menschen beschleunigt werden kann. Darum bemühen sie sich, die Klassengegensätze in der Gesellschaft zu verschärfen, und so wird der Klassenkampf mit all seiner Gehässigkeit und seiner Zerstörungswut zu einer Art Kreuzzug im Dienste des Fortschrittes der Menschheit. Alle Mächte aber, wer immer sie seien, die sich diesen systematisch geübten Gewalttätigkeiten widersetzen, müssen vernichtet werden als Feinde des Menschengeschlechtes.

(Fortsetzung folgt…)

Gift und Gegengift – Über den atheistischen Kommunismus (Teil 1)

Eine der besten und wichtigsten Enzykliken des 20. Jahrhunderts ist aus meiner Sicht „Divini Redemptoris“ von Pius XI. über den atheistischen Kommunismus. Nun mag der eine oder andere Leser denken, seit dem Fall der Mauer 1989 und der Auflösung des sogenannten Eisernen Vorhangs sei der atheistische Kommunismus tot und überhaupt heute kein Problem mehr. Aus zwei Gründen stimmt dies allerdings nicht. Erstens ist das fundamentale Prinzip des Kommunismus in mehr oder minder unveränderter Form auch das fundamentale Prinzip des sogenannten Sozialdemokratismus, welcher nichts ist als der Versuch der Herbeiführung einer klassenlosen Gesellschaft ohne das Mittel einer gewaltsamen Revolution des Proletariats. Und zweitens beruht die sogenannte sexuelle Revolution auf kommunistischen Prinzipien in Reinform. Es führt ein direkter Weg von Marx und Engels über die Frankfurter Schule nach 1968, und von dort in die Parteizentrale der Merkel-CDU und erst recht der anderen Parteien der Bundesrepublik.

Wenn überhaupt, ist der atheistische Kommunismus heute weiter verbreitet als je zuvor. Er kann dies ohne Aufsehen schaffen, weil man ihn nicht mehr als Kommunismus erkennt. Ist Kommunismus nur dann gegeben, wenn jemand die Enteignung der Grundbesitzer fordert und das Privateigentum an den Produktionsmitteln aufheben will? Oder ist es auch Kommunismus, wenn jemand nach dem Ziel der klassenlosen Gesellschaft strebt, ohne diese konkreten Schritte in erster Linie anzustreben? Denn was ist eine „klassenlose“ Gesellschaft? Es ist eine Gesellschaft ohne soziale Hierarchien, ohne Autorität des Höheren über das Niedrigere, in erster Linie eine vaterlose Gesellschaft, wobei ich hier das Wort Vater in seiner größtmöglichen Bedeutungsweite verwende. Eine vaterlose Gesellschaft ist eine Gesellschaft ohne Väter, also ohne Familienväter, ohne starke Priester, die als geistliche Väter für die ihnen anvertrauten Seelen handeln, und ganz besonders eine Gesellschaft, deren Mitglieder sich nicht der gerechten Herrschaft und Autorität des himmlischen Vaters unterstellt sehen wollen.

Eine klassenlose Gesellschaft ist immer auch eine vaterlose Gesellschaft, weil die Existenz von Vätern bereits eine soziale Hierarchie bedeutet, indem Väter von Müttern und anderen Nicht-Vätern unterschieden (lat. discriminare = unterscheiden) werden, und wie im 20. Jahrhundert eine Anzahl marxistischer Denker im Umfeld der psychoanalytischen Ideologie und der Frankfurter Schule erkannt haben, ist die vaterlose Gesellschaft die notwendige Voraussetzung für die Schaffung einer klassenlosen Gesellschaft. Der Arbeiter, so sagten die Kommunisten früher, habe kein Vaterland, doch als der 1. Weltkrieg ausbrach, da hatte er plötzlich doch ein Vaterland, nämlich das Land seines Vaters. Die „Internationale“ war ihm egal. So schloss man messerscharf: Solange der Arbeiter an Gott-Vater, am Heiligen Vater, an seinem biologischen Vater (sprich: an seiner Familie) und am Land seiner Väter hing, würde er dies alles der klassenlosen Gesellschaft des kommunistischen Ameisenhaufens vorziehen. Also musste das alles radikal weg, bevor der Weg in die klassenlose Gesellschaft frei war.

Die Gefahr des atheistischen Kommunismus ist heute nicht mehr so sehr ein gesellschaftlicher Umsturz in Form einer gewaltsamen Revolution. Es ist vielmehr, dass viele der wesentlichen Ziele des Kommunismus, teils in abgewandelter Form, heute unhinterfragbarer gesellschaftlicher Mainstream ist. Ob in der Familie, in der Bildungspolitik, in Steuerfragen, in der faktischen Allzuständigkeit des „demokratischen“ Staates, in der ausschließlichen Fixierung auf bloß materielle Umstände, und ganz besonders und in höchstem Maße in der  in allen westlichen Gesellschaftennahezu universellen Gottvergessenheit – überall sind die einzig akzeptablen Alternativpositionen heute die des gemäßigten und des radikalen Sozialismus. Sollen die Kinder sofort dem Staat übertragen werden, oder soll dies vorerst noch in den ersten Lebensjahren den Eltern freigestellt werden? Ist es gerade noch als Auslaufmodell akzeptabel, wenn eine Mutter sich um ihre Kinder kümmert und Hausfrau ist, oder ist das Verrat an der Gesellschaft, die so-und-soviel Euro in ihre Bildung investiert hat? Ist man offen atheistisch, oder hält man irrational an einem sentimentalen Gottglauben fest, dem man natürlich keine praktische Relevanz für sein Leben einräumt? Darf man private und kirchliche Schulen noch tolerieren, sofern sie sich dem staatlichen Schuldiktat unterwerfen, oder gehören alle Schulen und Universitäten in die Hand der Ersatzgottheit Staat? Ist alles bloß beliebig vom Menschen manipulierbare Materie, oder gibt es bestimmte Dinge, bei denen man noch ein wenig vorsichtig sein muss, weil vielleicht Gefahren drohen könnten, die die technische Vernunft des Menschen noch nicht zu beherrschen gelernt hat?

Die fundamentale Alternative, die in der klassischen objektiven Vernunft des Menschengeschlechts und in der christlichen Offenbarung inklusive ihrer kirchlichen Überlieferung durch das Lehramt besteht, ist faktisch nicht mehr diskutabel. Selbst kirchliche Würdenträger ignorieren diese Alternative in vielen Fällen zugunsten der gerade am wenigsten radikalen Geschmacksrichtung der sozial-materialistischen Einheitsgesinnung.

Im Angesicht dieser Tatsachen erscheint es mir geboten, ja dringlich, die alte Enzyklika „Divini Redemptoris“ wieder hervorzukramen und sie gründlich zu lesen, da das Lehramt zu den Gefahren des Kommunismus, oder wie man die neue Ideologie auch nennen mag, die wesentliche Elemente des Kommunismus auf überraschende Weise mit einer zumindest in Teilen noch marktlichen Organisationsform der Wirtschaft zu verbinden versteht, seit der Wende um 1990 herum weitgehend geschwiegen hat.

(Fortsetzung folgt…)

Von den Vorzügen des Lateinischen

Präludium: Zwei Perspektiven

Wenn man über die Ursachen und Auswirkungen der aktuellen Kirchenkrise nachdenkt, dann kann man generell zwei verschiedene Perspektiven einnehmen. Die eine ist die des gläubigen Katholiken, die auf diesem Blog hauptsächlich zu Wort kommen wird. Doch man kann sich die Sache auch „von außen“ anschauen – aus der Perspektive eines interessierten, aber nicht religiösen Betrachters. In seinem exzellenten Buch (das übrigens jedem zu lesen empfohlen sei) „The Everlasting Man“ sagt G.K. Chesterton: „The next best thing to being really inside Christendom is to be really outside it.“ Davon ausgehend schreibt er über die Kritiker der Christenheit (und das gilt heute ebenso wie damals): „They do not judge Christianity calmly as a Confucian would. He does not judge it as he would judge Confucianism“.

Was meint Chesterton damit? Die Kritiker befinden sich eben nicht, wie sie oft behaupten, auf einem neutralen Boden und betrachten die christliche Religion von außen. Vielmehr befinden sie sich im Stande des Rebellen gegen eine ererbte aber längst abgelehnte Wahrheit. Sie sind nicht neutral – ebensowenig wie ein verbitterter Russe, der zu den Amerikanern im Kalten Krieg überläuft, neutral wäre. Er befände sich in Rebellion gegen die Sowjets. Es wäre lächerlich, wenn er beanspruchte, sein Zeugnis sei eines der wissenschaftlichen Ruhe und Abgeklärtheit. Dasselbe gilt für die meisten heutigen Kritiker der Kirche. Sie betrachten sie nicht ruhig von außen – sie sind wütend. Diese Art von „außerhalb der Kirche sein“ meine ich im Folgenden allerdings nicht. Ich meine die Art, die völlig neutral gegenüber der Kirche ist, die sich weder in Liebe zu ihr noch in Rebellion befindet, und die auch das nötige Wissen und Interesse an der Materie besitzt, um sich eine fundierte Meinung zu bilden. Diese Art von Betrachtern kann die Kirche von außen sehen. Und von dieser Art möchte ich hier kurz sprechen:

Was man von ganz außen sieht

Als in den 1960er Jahren die Neue Messe promulgiert werden sollte, haben sich einige literarische und kulturelle Größen, die nicht für ihren Glauben bekannt und teils gar überzeugte Atheisten waren, gegen die Abschaffung der traditionellen lateinischen Messe ausgesprochen, indem sie einen offenen Brief an Papst Paul VI. sandten. Sie haben nicht viel erreicht, so weit ich das sehen kann, aber sie haben definitiv versucht, die Tridentinische Messe vor der drohenden Zerstörung zu schützen. Es stellt sich die Frage, warum sie das taten. Was sahen sie von außen, was viele Katholiken – auch und gerade unter den Bischöfen und im Vatikan – nicht erkennen konnten? Welche Einblicke hatten sie – wohl gemerkt, viele von ihnen keine Gläubigen – den Katholiken zu dieser Zeit voraus?

Sicher, es gab viele verdienstvolle Katholiken, die sich in der einen oder anderen Weise auch nach 1970 der Traditionellen Messe verbunden gezeigt haben, und ihr Verdienst soll in keiner Weise geschmälert werden – im Gegenteil, wir können ihnen dankbar für ihre Leistung sein. Und wie immer man zu den Piusbrüdern stehen mag, sie haben wenigstens ihren Teil dazu beigetragen, dass der Schatz der Traditionellen Messe heute immer noch existiert und sich sogar wieder ausdehnt.

Doch die breite Mehrheit der Katholiken muss entweder apathisch oder für die Änderungen gewesen sein. Was haben also diese Menschen von innen übersehen, was von außen sichtbar war – sichtbar, heißt das, für alle, die sehen konnten, die wirklich außerhalb und neutral waren, nicht im Stande der Rebellion?

Die Antwort ist ganz einfach: Die Traditionelle Messe ist ein kulturelles Erbe, sie hat viele Generationen in Kunst und Kultur gespeist, sie ist Quelle und Betätigungsfeld weiter Teile der Kulturschaffenden im weitesten Sinn des Wortes für viele Jahrhunderte gewesen. Sie erkannten, dass man solche Schätze hüten und pflegen muss. Zu solchen Schätzen gehört für den wohlwollenden Nichtgläubigen unter anderem an prominenter Stelle auch die lateinische Sprache. Ich hatte das Glück, in der Schule Latein lernen zu können. Latein lernen ist denken lernen. Wer kein Latein kann, der hat etwas verpasst. Die lateinische Sprache ist meines Wissens einzigartig darin, dass jemand, der sie verstehen will, sich an das Durchdringen logisch makelloser Satzkonstruktionen gewöhnen muss. Durch das Studium des Lateinischen ändert sich (bessert sich) die Qualität unserer Argumentationskraft, unserer Artikulationsfähigkeit und vor allem die Klarheit unseres Denkens. Latein, Mathematik und Logik hängen eng zusammen. Latein ist für die Theologie und Philosophie dasselbe wie Mathematik für die Naturwissenschaften – ein wesentliches Ausdrucksmittel. Klares Denken ist auf Latein leichter, weil keine andere Sprache so logisch, so klar und so eindeutig ist wie Latein.

Verfall von Latein = Verfall der Vernunft

Schüler, die in der Schule standardmäßig so früh wie möglich, so gründlich wie möglich, Latein lernen, werden im Schnitt wesentlich bessere Leistungen in allen Fächern aufweisen, in denen Klarheit im Denken und Logik gefordert sind. Latein ist ferner als Grundlage aller Sprachen des romanischen Sprachraums und wesentlicher Einflußfaktor auch der germanischen Sprachen ein wichtiger und unabdingbarer Schlüssel für das Lernen weiterer Sprachen. Es ist völlig unverständlich, warum diese Fähigkeit in, wie ständig gern gesagt wird, „Zeiten zunehmender Globalisierung“ nicht viel stärker gefördert wird. Latein als erste Fremdsprache, so früh wie möglich, danach Englisch und (aufgrund seiner Wichtigkeit für unser kulturelles Erbe) Altgriechisch – das wäre eine sinnvolle Reform.

Einige Argumente für Latein zusammengefasst

1. Latein ist aufgrund seiner kulturellen und historischen Bedeutung unabdingbar für das Verständnis der gesamten westlichen Geschichte mindestens seit den Punischen Kriegen. Ohne Latein kein Geschichtsverständnis – und wenn wir nicht wissen woher wir kommen, woher sollen wir dann wissen, wohin wir gehen? Ford sagte dümmlich: History is bunk. Ich sage: But no History is bunker.

2. Latein ist ferner absolut unverzichtbar für das Verständnis der westlichen Kultur auch außerhalb des Bereichs der Geschichte. Ohne Latein keine Westliche Hochkultur.

3. Latein trainiert das logische Denken, was vielerlei praktische Anwendungen besitzt, mehr aber noch die Voraussetzung schafft, um tiefgreifende Fragen nach dem Warum zu stellen, die die heutige Zivilisation meist ausblendet, da sie nicht mehr die Ressourcen besitzt, um sich gewinnbringend mit ihnen zu befassen.

4. Latein liegt an der Wurzel vieler weiterer Sprachen – Spanisch, Italienisch, Französisch und einige mehr. Wer Sprachen lernen möchte, kann dies natürlich auch ohne Latein tun. Aber wer Latein kann, hat den größten Teil der Arbeit hinsichtlich anderer romanischer Sprachen schon getan – sehr viele Vokabeln kennt er bereits und die Grammatik ist viel einfacher, wenn man sich einmal durch die komplexen Strukturen des Lateinischen durchgewühlt hat.

5. Latein trägt in Zeiten der Globalisierung zur Völkerverständigung bei. Internationalisten aller Schattierungen haben in der Vergangenheit versucht eine Weltsprache zu entwickeln (z.B: Esperanto) und sind kläglich gescheitert. Der heutige Versuch Englisch zu Weltsprache zu erheben ist nichts als ein grenzwertig kulturimperialistisches Produkt der Hegemonie der Angelsachsen und ihrer Nachfahren (und ich sage dies als Freund der Angelsachsen). Die wahre Universalsprache des Westens ist Latein. Sie ist, da sie von keinem Volk heute als Muttersprache betrachtet wird, jederzeit in der Lage kulturelle Diffenzen und Ressentiments zu überbrücken, und verfrachtet alle Menschen auf eine Art neutralen Sprachboden, auf dem keiner ungerechte Vor- oder Nachteile hat.

6. Durch seine komplexe Grammatik muss der Student des Lateinischen ein gewisses Maß an Selbstdisziplin und Leistungsbereitschaft aufbringen, das – ehrlich gesagt – den meisten Schülern heute wirklich gut tun würde. Könnte man ohne Latein kein Abitur machen, so wären viele Schüler, die heute mit Luschenkombinationen auf der Schleimspur zum Abitur gleiten dürfen, gezwungen, wirklich diszipliniert zu lernen. Vor allem, wenn man ferner erwartete, dass die Schüler Latein nicht nur mühevoll übersetzen, sondern auch selbst sprechen und schreiben können.

Ein bescheidener Vorschlag

Ich fordere daher folgende Änderungen am Bildungssystem: sie sind bewusst so formuliert, dass sie international auf verschiedene Schulsysteme passen sollten.

.- Alle Schüler müssen so früh wie Latein lernen. Latein soll den gleichen Stellenwert im Unterricht haben wie Englisch (falls dies eine Fremdsprache ist); sonst soll Latein als erste und wichtigste Fremdsprache gelehrt werden.

– Es wird von allen Abiturienten (oder vergleichbaren Absolventen) erwartet, dass sie Latein verstehen, lesen, schreiben und sprechen können. Dasselbe erwartet man schließlich auch beim Englischen. Und mit Sprechen ist flüssiges Kommunizieren gemeint, nicht gebrochenes Küchenlatein übelster Prägung.

Würden diese zwei kleinen Änderungen systematisch durchgezogen, käme es schnell zu einer Renaissance unserer Kultur, da mehr und mehr junge Erwachsene erstmals seit langer Zeit wieder freien Zugang zu den verborgenen Schätzen des Westens hätten.

Was man stattdessen von innen sieht

Dies alles sind Einsichten, die man schon von einem neutralen Standpunkt außerhalb der Kirche zu gewinnen befähigt ist. Die absolute Wichtigkeit des Lateinischen für unsere Kultur und damit auch unsere Zukunft (denn Kulturen, die sich selbst vergessen, werden bald von allen anderen auch vergessen) kann man ohne jede Einsicht in religiöse Zusammenhänge bereits sicher feststellen. So würde man meinen, dass die einzige Institution, deren offizielle Amtssprache nach wie vor Latein ist, diese offensichtlichen Zusammenhänge auch zu erkennen bereit wäre. Was aber sieht man stattdessen von innerhalb der Kirche?

Nicht nur die Abschaffung des Lateinischen als weltweiter Liturgiesprache (zumindest in der Praxis, wenn auch nicht in der Theorie), sondern auch eine weitgehende Verachtung für die Sprache und alles war mit ihr zusammenhängt. Man erkennt dies an Äußerungen wie dieser:

[Waibel, Mitarbeiter am Deutschen Liturgischen Institut,] betonte, dass er froh sei, dass das Zweite Vatikanische Konzil den Gebrauch der Volkssprache in der Liturgie zugelassen habe. Dass es immer noch Kreise gebe, die „den früheren Formen nachtrauern, ist psychologisch verständlich und – als Auslaufmodel [sic!]– tolerierbar“

Als Auslaufmodell tolerierbar? Tolerieren heißt ertragen, so gerade noch dulden. Waibel möchte also, dass die „früheren Formen“, also das, was der Heilige Vater die „forma extraordinaria“ genannt hat, mit den „Ewiggestrigen“ aussterben. Wie gnädig von ihm, den alten Auslaufmodellen noch wenigstens die Chance zu geben das Zeitliche zu segnen, bevor endlich das Großreinemachen mit den überlieferten Formen beginnt – darunter an prominenter Stelle der weitere Kahlschlag des Lateinischen.

Man wünscht sich, Waibel und seine vielen einflußreichen Gesinnungsgenossen in der Kirche wären wenigstens so weise wie die oben erwähnten Atheisten und Nichtgläubigen, die sich für den Erhalt des Lateinischen und eben dieser ach so rückständigen traditionellen Formen ausgesprochen haben, weil sie in ihnen den unentbehrlichen Kulturschatz erkannten.

Und wenn man dann noch Artikel wie diesen liest, der den grassierenden Relativismus (d.h. die Leugnung objektiver Wahrheit) mit dem Verfall rationalen Denkens (und damit dem Verfall der Lateinkenntnisse) in Verbindung bringt, dann muss man schon fast ins grübeln geraten, ob nicht dieser Kampf gegen die Tradition und ihre lateinische Sprache in Wahrheit dazu dient, den Relativismus auch in der Kirche immer tiefer zu verankern.