Mosebach über Unglauben, Islam und Wohlstand

Es folgt ein langer Auszug aus dem Interview der WELT mit Martin Mosebach, dem bekannten Schriftsteller und Anhänger der traditionellen Messe. Herr Mosebach hat einige sehr interessante Sachen zu Themen wie Islam und Atheismus zu sagen. Wir üblich sind die Kommentare in roter Schrift gehalten, Hervorhebungen durch Unterstreichung stammen von Catocon.

Welt Online: Herr Mosebach, waren Sie Karfreitag in der Kirche?

Martin Mosebach: Selbstverständlich. In Frankfurt wurde in diesem Jahr erstmals seit der katholischen Liturgiereform 1968 wieder die Karfreitagsliturgie nach altem lateinischem Ritus gefeiert. Daran habe ich teilgenommen. (Schön, dass sich die traditionelle Messe auch in Deutschland langsam wieder ausbreitet.)

Welt Online: Dann haben Sie ja auch für die Atheisten gebetet. Die Kirche bittet an Karfreitag: „Lasst uns auch beten für alle, die Gott nicht erkennen, dass sie mit seiner Hilfe ihrem Gewissen folgen und so zum Gott und Vater aller Menschen gelangen.“ Warum erhört Gott das immer seltener?

Mosebach: Er hat das doch schon sehr vielfältig erhört. Die Kirche ist über die Jahrtausende in einem ständigen Wachstum befindlich. (Auch heute wächst die Kirche weltwelt gesehen Jahr für Jahr, wenn sie auch in Europa schrumpft.) Es gibt sehr viel mehr Christen auf der Welt als noch vor hundert Jahren und erst recht als noch vor 500 Jahren.

Welt Online: Aber das Wachstum ist regional unterschiedlich. Laut der neuen Studie der Universität Chicago sind in Ostdeutschland 46 Prozent der Menschen überzeugte Atheisten. Warum engagiert sich Gott dort nicht stärker? (Gott zeigt sich denen, deren Herz für Ihn offen ist. Wessen Herz ist in unserer gottlosen Zeit noch offen für etwas, dass sich nicht nach Effizienz- und Wohlstandsgesichtspunkten messen lässt?)

Mosebach: Die große Regel von Gracián lautet: Den göttlichen Mitteln so vertrauen, als gäbe es die menschlichen nicht, und den menschlichen so vertrauen, als gäbe es die göttlichen nicht. Die Kirche – und das heißt jeder einzelne Getaufte – hat die Aufgabe, für den Glauben zu werben. (Jeder Getaufte. Hier, nicht in der ständigen Forderung nach diesem oder jenem offiziellen Amt, findet sich die Aufgabe der Laien.) Nicht nur dadurch, dass er über seinen Glauben spricht, sondern indem er ein Leben führt, das auf Ungläubige so überzeugend wirkt, dass sie nachdenklich werden. (Das ist das Wichtigste. Missionsarbeit ist umso erfolgreicher, je heiliger der Missionar ist.) Mission hat eine göttliche und eine menschliche Seite. Auf der menschlichen Seite wird manches geleistet, aber vieles auch nicht.

Welt Online: Laut der Studie ist Ostdeutschland die atheistischste Region der Welt. Ist das eigentlich schlimm? (Was für eine Frage! Aber Herr Mosebach beantwortet sie grandios.)

Mosebach: Für die Christen ist es immer schlimm, wenn Menschen die Verbindung zu Christus verlieren. Weil sie davon überzeugt sind, dass diese Verbindung die Fähigkeit, Mensch zu sein, erst zur Vollendung bringt. Diejenigen, die religiös unmusikalisch sind – wie man das heute so flott formuliert –, sind in ihrer Vollausbildung als Menschen beeinträchtigt. (Religion ist keine Zugabe, sondern das Wesentliche, von dem alles andere abhängt.) Unglaube ist ein Mangel. Ein Leben in völliger Abkehr von Gott ist eine reduzierte Existenz. Die seelische und auch die rationale Fülle des Menschseins ist dann nicht gegeben, wenn die Verbindung zum Schöpfer verödet ist.

Welt Online: Ist die DDR schuld am Rückzug des Glaubens in Ostdeutschland? (Ist der Rückzug des Glaubens schuld an der DDR bzw. dem Kommunismus als solchem?)

Mosebach: Die Entwicklung hat lange vor der DDR begonnen. Der Sozialismus war zwar sehr eifrig in der strammen atheistischen Erziehung (unser heutiges Bildungssystem müht sich nach Kräften und nähert sich in dieser Hinsicht der DDR immer mehr an.) , aber das war er auch in anderen Ländern, in Russland, Polen oder Rumänien. Dort ist die Kirche wieder erstarkt, als der Sozialismus gestürzt war. Moskau hat heute Hunderte von Kirchen. Zur bolschewistischen Zeit gab es dort nur drei Kirchen, in denen noch die Liturgie gefeiert wurde.

Welt Online: Warum ist das in Ostdeutschland anders?

Mosebach: Weil es das Erbe Preußens hat. Es gab in Preußen seit dem 18. Jahrhundert einen die Kirche aushöhlenden Prozess. Friedrich II., dessen religiöse Toleranz in diesem Jahr so gefeiert wurde, war ja nur deswegen so tolerant, weil er die Religion verachtete, sich geradezu vor ihr ekelte. Dann kamen preußische Philosophen wie Friedrich Julius Stahl mit Formeln wie „Staatsdienst ist Gottesdienst“ (eine treffende Charakterisierung des totalitären Staatsverständnisses, das, in leicht abgewandelter Form, heute Allgemeingut ist), man konzentrierte sich auf Ethik, wollte weg vom Übernatürlichen. (Entmythologisierung. Modernismus. Anpassung an den „wissenschaftlichen“ Zeitgeist) In Goethes „Buch des Parsen“ kam der Zeitgeist zum Ausdruck: „Schwerer Dienste tägliche Bewahrung, sonst bedarf es keiner Offenbarung.“ Das war ein Protestantismus, der die Verbindung zu Sakralität und lebendiger Christus-Beziehung weitgehend verlassen hat. (Kann es wundern, dass die Protestantisierung der Kirche dieselben Ergebnisse gezeitigt hat?)

Welt Online: Ist es mehr als eine Laune der Geschichte, dass der Atheismus in dem Teil Deutschlands so stark ist, von dem auch die Reformation ausging? (Nein. Das eine folgt logisch aus dem anderen. Oder die lehramtliche Garantie ist die Offenbarung der Bibel beliebig flexibel und kann im Laufe der Zeit nicht mehr ernst genommen werden.)

Mosebach: Das ist keineswegs eine Laune der Geschichte. Das hat seine Logik. Deutschland war immer ein geteiltes Land. Schon als es in die Geschichte eintrat, bestand es aus einem römisch beherrschten Teil und einem barbarisch gebliebenen Teil. Tatsächlich laufen unsere heutigen religiösen Grenzen teilweise an den alten römischen Militärgrenzen entlang. (Eine sehr interessante Beobachtung, die in Zeiten minimaler historischer Kenntnisse wohl viele überraschen dürfte.)  Im Osten gab es schon vor der Reformation einen antirömischen Affekt, den Luther dann verstärkte. Auch die Staatsreligiosität mit dem König als Bischof und dem Landesherrn als oberstem religiösem Chef ist durch die Reformation entstanden. (Im Katholizismus waren Staat und Kirche nie in eins gesetzt, sondern immer verschieden, selbst wenn sie eng zusammengearbeitet haben. Die heute geforderte radikale Trennung von Kirche und Staat ist eine übertriebene Gegenreaktion gegen die reformatorische Nationalkirche: Das Pendel schlägt in die entgegengesetzte Richtung aus.)Dann hat das Bündnis mit der Aufklärung die Religion Stück für Stück entkernt.

Welt Online: War die Reformation Voraussetzung für den Atheismus?

Mosebach: Keineswegs zwangsläufig. Es gibt ja auch den evangelikalen Protestantismus, in den USA zum Beispiel.  Es gibt in Deutschland fromme protestantische Bewegungen wie die Pietisten oder die Herrnhuter. Aber tatsächlich ist es so, dass der Protestantismus, so wie er sich im Osten entwickelt hat, mit seinem Hang zur Säkularisierung fast notwendig zur Schwächung des Glaubens geführt hat. Sonst hätte der Kommunismus den Glauben dort nicht so nachhaltig zerstören können.

Welt Online: Als Zeitungsleser verbindet man mit Ostdeutschland höhere Arbeitslosigkeit, niedrigere Löhne und sinkende Einwohnerzahlen. Haben wirtschaftliche Faktoren auch etwas mit Glauben zu tun? (Das hat etwas mit einem Kamel und einem Nadelöhr zu tun. Die Reichen passen nicht hindurch.)

Mosebach: Es ist jedenfalls ein Faktum, dass sich bei der Religiosität in Deutschland die sozialen Verhältnisse umgekehrt haben: Im 19. Jahrhundert waren für den aufgeklärten, religiös bereits distanzierten Preußen die katholischen Regionen die rückständigen. Dort wohnten die Faulen, Ineffizienten, die an die Moderne nicht Adaptierten. Frömmigkeit war was für arme Leute. (Damals gab es in Deutschland noch richtig arme Leute. Heute nur noch „relative“ Armut, die verglichen mit wirklicher Armut als Reichtum erscheinen muss, für den das Wort mit dem Kamel und dem Nadelöhr wieder gilt.) Das hat sich verblüffenderweise umgedreht. Gegenwärtig ist Religion dort stabiler, wo der wirtschaftliche Erfolg ist, wo es ein etabliertes Bürgertum gibt. Die Erfolgreichen, die mit der modernen Welt Zurechtkommenden sind heute eher auch die Gläubigen. (Sind sie? Oder sind sie nicht viel eher die Anhänger des status quo, die einfach in der Kirche bleiben, weil es ihnen Trost und Nutzen bringt, während die Ärmeren eher austreten? Ich fürchte, Herr Mosebach irrt sich an dieser Stelle. Man kann im heutigen Deutschland Kirchenmitgliedschaft und Glaube nicht gleichsetzen. Das wohlhabende Bürgertum ist seltener konfessionslos; es ist nicht unbedingt religiöser.) In Ostdeutschland leben immer mehr Atheisten – und man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die neuen Bundesländer nicht gerade Horte der Innovation, des Produzierens und der Vitalität sind. (Der Atheismus ist auch nicht gerade Ausdruck einer gesunden gesellschaftlichen Lage.) Das Beunruhigende für die Kirche liegt darin, dass sie ihre alte Verbindung zu den Armen verloren hat – die Armen galten immer als der Schatz der Kirche. (Das sind sie auch heute noch. Man sehe sich nur die Regionen der Welt an, wo es noch wirklich arme Menschen gibt. Dort ist die Kirche stark. Nur in unserer nivellierten Wohlstandsgesellschaft, wo man als arm gilt, wenn man sich mal keinen Urlaub oder kein neues Auto leisten kann, ist die Kirche schwach. Das hat wieder mit dem Kamel und dem Nadelöhr zu tun.)

Welt Online: Müssen sich die Religionen angesichts des wachsenden Atheismus fragen lassen, ob sie attraktiv genug sind für die Menschen? (Schönheitswettbewerbe sind nicht wünschenswert.)

Mosebach: Zuerst muss ich sagen: Ich habe ganz andere Erfahrungen. Ich habe viele Menschen kennengelernt, die sich haben taufen lassen. (Ja, aber es sind trotzdem sehr wenige.)Aber wir müssen sowieso anders über Religion sprechen. Entweder die Religion besitzt die Wahrheit über das Wesen des Menschen, seine Herkunft und sein Ziel – oder sie besitzt sie nicht. Und wenn sie diese Wahrheit besitzt, muss man nicht über sie sprechen wie über eine Kaufhoffiliale, die Kunden verliert, sodass sich der Filialleiter fragt, woran das wohl liegen kann. Die Wahrheit unterliegt nicht einer Mehrheitsabstimmung. Es ist gut für den, der sie erkennt, es ist schlecht für den, der sie nicht erkennt. Die Wahrheit ist auf Zustimmung nicht angewiesen. (So ist es. Die Wahrheit allein genügt. „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.“)

Welt Online: Warum sehen so viele Menschen in Deutschland den Islam als Konkurrenz, obwohl sich immer weniger zum Christentum bekennen?

Mosebach: Die Sorge vor dem Islam in Deutschland ist weniger eine Sorge von Christen als von Leuten, die sich von der Kirche schon sehr weit entfernt haben.  Die empfinden Religion an sich als gefährlich, und im Islam sehen sie eine Rückkehr der Religion. (Sehr treffend formuliert! Nicht der Islam, sondern ernsthafte Religion, ist die wahre Gefahr für den modernen Westen, dessen sittlicher Verfall nur noch von seiner Gottlosigkeit übertroffen wird.)

Welt Online: Ist Ihnen aus christlicher Sicht ein Muslim lieber als ein Atheist? (Natürlich.)

Mosebach: Was heißt lieber. Er ist mir auf jeden Fall näher. Selbstverständlich.

Welt Online: Sie fürchten nicht, dass der Islam das Christentum in Europa verdrängt? (Nein. Es gibt kein zu verdrängendes Christentum in Europa. Der „Kulturkampf“ wird zwischen den Moslems und den Gralhütern der Aufklärung ausgefochten, und die Christen werden die Dritten sein, die sich freuen, wenn zwei sich streiten.)

Mosebach: Dem Christentum ist ja nicht der historische Erfolg geweissagt. In den verschiedenen Apokalypsen ist ihm geweissagt, dass die Kirche in den letzten Tagen vor dem Ende der Welt fast vollständig verschwinden wird. (Die Frage drängt sich auf, ob es bald soweit ist. Die Zeichen der Zeit sollten unsere Aufmerksamkeit erhalten.) Die Kirche ist ja auch aus Kernregionen, aus denen sie entstanden ist, vollständig verschwunden. (Und die Reste, etwa in Ägypten, dem Irak und Syrien, wo es sehr alte christliche Wurzeln gibt, werden gerade mit freundlicher Beihilfe der sogenannten westlichen Befreier und Demokratisierer ausgelöscht.) Aus Regionen, in denen sie ihre Prägung empfangen hat. Augustinus kam aus Nordafrika, Basilius der Große kam aus Zentralanatolien, da gibt es heute kaum noch Christen. Dafür gibt es heute in Ländern Christen, die man in der Antike nicht einmal kannte. Das ist eine Wanderungsbewegung. Die Kirche wandert über den Erdkreis. Jetzt entwickelt das Christentum zum Beispiel eine große Strahlkraft in China. (Wo es politisch unterdrückt wird. So ist das immer. Es wird Zeit, dass wir auch mal wieder eine richtige Verfolgung bekommen. Dann werden wir sehen, wer wirklich Christus liebt, und wer nur die Bequemlichkeit. Da werden wir uns noch wundern.) Das dürfte politisch gesehen die interessantere Nachricht sein als die, ob in Cottbus die Kirche voll ist.

Welt Online: Gehört der Islam zu Deutschland, wie es Christian Wulff gesagt hat und wie es Volker Kauder jetzt in Abrede stellt? (Nein. Herr Mosebach erklärt ganz vorzüglich den Grund.)

Mosebach: Wenn ein Politiker sich über den Islam äußert, kann er sagen: Die Deutschen, die sich zum Islam bekennen, haben dieselben Bürgerrechte wie die anderen Deutschen. Das ist eine Selbstverständlichkeit. Aber der Satz „Der Islam gehört zu Deutschland“ ist eine verantwortungslose und demagogische Äußerung. Was hat der Islam zu unserer politischen und gesellschaftlichen Kultur bisher beigetragen? Unser Grundgesetz fußt auf dem Christentum, auf der Aufklärung und auf weit in die deutsche Geschichte zurückreichenden Konstanten, wie etwa dem Partikularismus. Da gibt es kein einziges islamisches Element – woher sollte das auch kommen? Wenn die muslimischen Deutschen die kulturelle Kraft besitzen sollten, der deutschen Kultur islamische Wesenszüge einzuflechten, dann mag man in hundert Jahren vielleicht einmal sagen: der Islam gehört zu Deutschland.

Welt Online: Gehört das Christentum noch zu Ostdeutschland?

Mosebach: Natürlich. Dieses Land ist ein Geschöpf des Christentums. Seine Städte, seine Sprache, seine Kunst, alles. Das vergeht nicht in ein paar Jahrzehnten religiöser Ausdünnung.

(…)

Insgesamt ein sehr interessantes Interview, wobei mir besonders die Aussagen über Armut, Reichtum und ihr Verhältnis zum christlichen Glauben zu denken gibt. Kann das Christentum überhaupt in einer Gesellschaft gedeihen, die so reich ist wie die unsere? Um so reich zu sein, wie wir heute sind, müssen die meisten Menschen das Hauptaugenmerk in ihrem Leben auf die Vermehrung ökonomischer Ressourcen legen. Verlieren sie dabei nicht das Wesentliche, nämlich das Streben nach Heiligkeit? Sind Heiligkeit und Reichtum ohne weiteres zu kombinieren? In Einzelfällen auf jeden Fall, doch gilt das auch für die ganze Gesellschaft? Über diese Fragen lohnt es sich ausführlicher nachzudenken.

Von der ewigen Offensive des „Fortschritts“ und ihren Gründen

Überall im Westen, und damit meine ich Westeuropa, Nordamerika und den britisch geprägten Teil Ozeaniens, ist Abtreibung gesellschaftlich weithin akzeptiert. Selbst dort wo, wie in Irland, das Lebensrecht noch verankert ist, befinden sich die Abtreibungsbefürworter in der Offensive. Sie veranstalten Volksabstimmungen, kommen immer näher an eine verbindliche Erklärung eines Grundrechts auf Abtreibung aus den unergründlichen, labyrinthischen Gefilden von EU und UNO, haben Medien, Wirtschaft, die politische Elite, die Intellektuellen usw. hinter sich. Darin ähnelt die Abtreibungsfrage allen anderen modernen Bewegungen des „Fortschritts“, also des Abbaus christlicher Werte zugunsten der zusammengezimmerten neuen Moral des individuellen Hedonismus in einer kollektiv gelenkten Gesinnungsdiktatur. Man sieht dieselbe Dynamik bei der Frage nach der Homosexualität, dem Feminismus oder Gender Mainstreaming, der Auflösung der Familie, aber auch, um einmal den Bereich der Familie zu verlassen, der Einrichtung eines weltweiten Staatsgebildes amoralischer Technokraten.

Woran liegt das? Warum sind in diesen Fragen wirtschaftliche, mediale, politische und Bildungseliten so dicht beieinander, wenn sie doch in so vielen anderen Fragen vollkommen entgegengesetzte Positionen vertreten? Warum gibt es keine Regierung und keine Opposition, sondern nur zwei Flügel derselben Partei, von denen der „konservative“ Flügel für eine etwas langsamere Abwicklung christlicher Substanz steht, und damit als loyale Scheinopposition fungiert, durch die der Rahmen im öffentlichen Diskurs erlaubter Ideen strikt limitiert wird? Wenn wir uns eine solche Frage stellen, so ist es erforderlich, dass wir uns zuerst fragen, was denn die genannten Schichten alle gemeinsam haben: Sie sind fast ausnahmslos Produkte desselben Bildungsmilieus, nämlich der modernen, westlichen, säkularen Hochschule. Selbst der Teil der globalen Elite, der nicht aus dem Westen stammt, steht hinter denselben Positionen, und ist in diesem Fall generell zumindest in den Genuß einer modernen, westlichen, säkularisierten Hochschulbildung gekommen.

Was zeichnet die moderne Hochschule aus? Es ist der absolute, unbegrenzte Triumph der instrumentellen Vernunft. Darunter verstehe ich diejenige Vernunft, die als Mittel zu einem materiellen Zweck gebraucht wird. Die Vernunft wird gebraucht, um Wissen zu erlangen. Doch das Wissen dient nicht mehr der reinen Schau der Ideen (Platon), oder der Kontemplation des Wahren, Guten und Schönen (Aristoteles), nicht mehr der Erkenntnis Gottes (oder selbst „der Götter“). Alles vormoderne Ideen. Wozu dient Wissen in der Moderne? Es dient dem Machtgewinn. „Wissen ist Macht“, gemeinhin einem der Pioniere der modernen Philosophie zugeschrieben, nämlich Francis Bacon, auch wenn der präzise Ausspruch (wohl aber das dahinter stehende Denken) nicht der seine gewesen sein dürfte. Wissen ist Macht: Macht über die natürliche Lebensumgebung des Menschen; Macht über andere Menschen.

Man könnte formulieren: Wissen ist Macht über die Natur des Menschen und die Natur um den Menschen herum. Durch das Wissen vermag der Mensch größeren Einfluss auf die natürlichen Ordnungen und Zustände zu nehmen. Es geht um die „Beherrschung der Natur“, wobei Natur in dem umfassenden Sinn der traditionellen Philosophie verstanden werden muss. Wissen wird als Mittel zum Zweck des Umsturzes natürlicher (göttlicher) Ordnungen zugunsten vom Menschen konstruierter Ordnungen gesehen. Dieser Prozess charakterisiert treffend, was gemeint ist, wenn der heutige Mensch von „Emanzipation“ spricht.

Diese neue Sichtweise kann als zentrales Charakteristikum der Moderne, gar als Unterscheidungsmerkmal zwischen der Moderne und anderen Epochen gesehen werden. Der Mensch handelt nicht mehr nur in der Praxis gegen die natürlichen Ordnungen der Dinge, sondern er bezweifelt systematisch entweder ihre Legitimität oder überhaupt ihre Existenz. Es wird behauptet, es gebe so etwas wie natürliche Ordnungen überhaupt nicht, es handle sich um menschliche Konstrukte. Dies ist eine wesentliche Wurzel des modernen Relativismus.

Diese Denkweise besteht zuerst nur unter den Grundlagendenkern, also den Philosophen, breitet sich aber bald auf die ganze Hochschulkultur aus. Denn die moderne säkularisierte Hochschule verkörpert das Prinzip der Vernunft als Instrument des menschlichen Machtstrebens über sich, andere und die natürliche Lebensumgebung wie keine zweite Institution. Sie mag zwar historisch aus der mittelalterlichen Universitätstradition stammen, aber ihre Struktur und ihr Wesen hat mit dieser nichts mehr gemein. Die diversen „Bildungsexpansionen“ des 19. und 20. Jahrhunderts importierten diese segmentierte, auf Nützlichkeit ausgerichtete Vorstellung von Bildung dann auch in die sich ausbreitenden staatlichen Schulen, die ebenfalls nach demselben Prinzip funktionieren.

Der Siegeszug der instrumentellen Vernunft ist danach nicht mehr aufzuhalten. Mehr und mehr Menschen, bald breite Mehrheiten, kommen über viele Jahre staatlicher Zwangsschule mit dem Gedanken der instrumentellen Vernunft zu einem Zeitpunkt in Berührung, zu dem der Geist noch gut formbar ist. Despoten aller Zeiten haben diese Tatsache zu ihren Gunsten ausgenutzt. Der menschliche Geist lernt also seinen Verstand zu gebrauchen – was der Sinn guter Bildung ist – aber nur im instrumentellen Sinn. Sein Verstand dient diversen Zwecken – seinem Erfolg, Ansehen, Reichtum; dem wahrgenommenen Gemeinwohl, dem Triumph des Sozialismus, der Befreiung der Menschen aus ihrer selbst verschuldeten Unmündigkeit, oder was auch immer. Aber er dient nicht mehr der Wahrheitsfindung. Erkenntnisse werden danach beurteilt, ob sie nützlich sind für das gesteckte Ziel.

Durch den Sieg der instrumentellen Vernunft wird erreicht, dass alle, die sich der Vernunft in einem nicht-instrumentellen Sinne bedienen, die also die natürliche Ordnung der Dinge anerkennen und in diesem von Gott gesteckten Rahmen ein sittlich gutes Leben führen wollen, nicht so sehr abgelehnt werden als unverstanden bleiben. Sie vermögen sich nicht zu artikulieren, weil es kein gemeinsames Vokabular mehr gibt. Der traditionelle Christ, das Paradebeispiel für den nicht-instrumentellen Gebrauch der Vernunft, erscheint in der Vorstellungswelt des modernen Menschen nicht als Feind, sondern als unidentifiziertes Flugobjekt. Mangels gemeinsamer Sprache ist keine Verständigung möglich.

Doch eine der wesentlichen natürlichen Ordnungen ist diejenige der naturrechtlichen Sittenlehre, welche für den modernen Menschen folglich nicht als falsch, sondern als intransparent erscheint. Er kann damit nichts anfangen, also klassifiziert er sie als irrelevant, bedeutungslos, veraltet, oder eine Option unter vielen. (Die Intelligenteren erkennen darin allerdings den natürlichen Feind, den man sich nicht vermehren lassen darf, weshalb die geistige Elite der Moderne genau weiß, dass die Kirche der wahre Feind ist. Nur der Kirche scheint dies bislang entgangen zu sein – oder vielmehr seit einiger Zeit entglitten, man hatte das bis etwa 1960 bereits einmal erkannt).

Ohne das natürliche moralische Gesetz fällt aber jegliche Ordnung des Handelns nach moralischen Prinzipien – was bleibt sind überlieferte Relikte der Moral, die sich nicht mehr rechtfertigen können und daher von Generation zu Generation weiter verblassen, und der darunter immer klarer aufscheindende, alles verschlingende Wille des Menschen zur Macht. Dieser Prozess ist der Grund dafür, dass die gesellschaftliche Bewegung immer nur in eine Richtung geht, seitdem im 16. und 17. Jahrhundert der scheinbar harmlose Paradigmenwechsel in der Philosophie hin zur instrumentellen Vernunft stattgefunden hat. Die Bildungselite ist immer dabei, weitere Teile der natürlichen Ordnungen zu demolieren und emanzipativ neu zu konstruieren, wobei die Bevölkerungsmehrheit meist eher skeptisch ist, aber spätestens nach ein bis zwei Generationen durch die unausweichliche Dominanz derjenigen mit formaler Bildung in der öffentlichen Debatte oder direkt am Epizentrum, also in der modernen, säkularen Hochschule, auf Linie gebracht wird.

Ein unaufhaltsamer Prozess der Abkehr vom natürlichen moralischen Gesetz findet also statt. Der weit verbreitete Fortschrittsglaube besagt nun, diese Abkehr sei an sich gut, und deklariert diese als einen Prozess der Befreiung des Menschen aus traditionellen Beschränkungen. Doch wie auch immer man diesen Prozess bewerten mag, er ist unaufhaltsam, noch längst nicht am Ende, und speist sich aus der modernen, säkularen Hochschule und ihren vielen Metastasen in Bildung, Medien, Wirtschaft und Politik.

Daher kommt der merkwürdige Gleichklang der Meinungen in der Elite und auch der seltsame Gleichschritt der gesellschaftlichen Entwicklungen in allen Ländern, in denen das moderne westliche Bildungsideal sich durchgesetzt hat.

Um diesen Gleichklang und Gleichschritt aufzuhalten, müsste man ein anderes Bildungsideal haben, und zuerst die Diktatur der instrumentellen Vernunft brechen.

Empfehlung: Für ein etwas anderes Bildungsideal, das mit der instrumentellen Vernunft bricht, argumentiert Stratford Caldecott in seinem exzellenten Büchlein „Beauty for Truth’s Sake: On the Re-enchantment of Education“ (Leider gibt es keine deutsche Übersetzung, die mir bekannt wäre). Caldecott vertritt, von einer explizit katholischen Position aus, unter Rückgriff auf die mittelalterliche Tradition der sieben „Freien Künste“, die Vorstellung von Bildung als Einführung oder Initiation der ganzen menschlichen Person in die Schönheit und Wahrheit des Kosmos, also der natürlichen, von Gott gegebenen Welt- oder Schöpfungsordnung. Bildung ist für ihn, wie alle menschlichen Handlungen, ein „liturgischer Akt“. Wie gesagt, hochinteressant und lesenswert.

Blasphemie, Stinkbomben und Robespierre

Unter dem Titel „The protesters were very young, very angry and very well dressed“ („Die Protestierenden waren sehr jung, sehr wütend und sehr gut angezogen“) berichtet Father Z über einen Protest gegen eine der typischen „provozierenden“, „avantgardistischen“ Ideen des langweiligsten, ideenlosesten künstlerischen Establishments seit Erfindung des Wagenrades.

Es ging um ein Theaterstück, in dessen Verlauf ein großes Portrait Jesu Christi mit Exkrementen beschmiert wurde, vermutlich um die große Liebe aller Beteiligten zur künstlerischen Freiheit auszudrücken.

Die Protestierenden waren nicht nur „sehr jung, sehr wütend und sehr gut angezogen“, und protestierten gegen „Christianophobie“, sondern sie setzten auch Stinkbomben ein, die wohl weniger Gestank absonderten als das Theaterstück selbst… Natürlich ist es nicht der richtige Weg, Stinkbomben ins Publikum eines gotteslästerlichen Theaterstücks zu werfen – aber passend ist es schon, oder? Der Protest war von einigen christlichen Gruppen in Frankreich organisiert worden, darunter das „Institut Civitas“, die wie erwartet von den Medien als „rechtsextrem“ und „fundamentalistisch“ bezeichnet worden sind.

Hier die Bewertung von Father Z:

You know that something has gone dreadfully wrong when young people are defending the image of Our Lord from desecration and their bishops seem to prefer to stand back and defend free speech. („Man weiß, dass etwas schrecklich falsch gelaufen ist, wenn junge Menschen das Bild Unseres Herrn vor Entweihung schützen und ihre Bischöfe es vorzuziehen scheinen, sich zurückzuhalten und die Meinungsfreiheit zu verteidigen.“)

Doch da ist noch mehr: Die Bischöfe haben sich nicht wirklich zurückgehalten, sondern sich ausdrücklich von der Protestaktion distanziert. Das wäre ja vielleicht noch verständlich, wenn man die Methoden des Protests, wie das Werfen von Stinkbomben, ablehnt. Doch das Argument der französischen Bischöfe gegen den Protest war nicht, dass sie falsche oder verwerfliche Methoden angewandt hätten, sondern dass die Kirche „weder fundamentalistisch, oder obskurantistisch, also gegen die Aufklärung“ sei.

Interessant zu erfahren. Fundamentalistisch ist die Kirche natürlich nicht. Obskurantistisch auch nicht – aber dass man in der französischen Bischofskonferenz neuerdings Anhänglichkeit an die Aufklärung, und damit an die Werte von 1789, zum Prüfstein für die moralische Bewertung einer Haltung oder Handlung macht, ist irgendwie bezeichnend. Es zeigt uns, dass ein Kardinal (ich meine, es wäre Suenens gewesen) nicht so ganz im Unrecht war, als er davon sprach, das letzte Konzil sei das „1789“ der Kirche, also das Jahr der Französischen Revolution und des ideologischen Liberalismus, gewesen.

Es ist nicht bekannt, ob der Vorsitzende der französischen Bischofskonferenz Robespierre heißt, und er hat auch definitiv nicht so viel Elan und Überzeugungskraft, dafür viel mehr Apathie als dieser, aber was die Weltanschauung betrifft liegen sie nicht allzu weit auseinander, wie es scheint.

Der Liberalismus mit allem was er impliziert ist allerdings von den Päpsten nie allzu positiv beurteilt worden.Ich schließe mit den Worten eines Papstes:

(23) (…) Es ist in der Ordnung, dass durch die Autorität der Gesetze auch die Irrtümer eines ausschweifenden Geistes, die das unerfahrene Volk geradezu vergewaltigen, ebenso kräftig unterdrückt werden, wie die mit offener Gewalt an den Schwächeren verübten Ungerechtigkeiten. Und dies umso mehr, da sich der weitaus größere Teil des Volkes vor diesen Scheingründen und verfänglichen Trugschlüssen, namentlich wenn sie der Leidenschaft schmeicheln, gar nicht oder doch nur sehr scher zu schützen vermag. Wird unbeschränkte Rede- und Pressefreiheit gestattet, so bleibt nicht[s] mehr heilig und unverletzt; es werden selbst die höchsten und sichersten Urteile unserer natürlichen Vernunft nicht verschont bleiben, trotzdem sie doch das gemeinsame und kostbarste Erbgut des Menschengeschlechtes bilden. Wenn so allmählich die Wahrheit verdunkelt worden ist, gewinnen leicht vielfache und verderbliche Irrtümer die Oberhand. Die Zügellosigkeit wird dabei gerade so viel gewinnen, als die Freiheit Schaden leiden muss; die Freiheit ist eben um so größer und um so gesicherter, je festere Zügel der Zuchtlosigkeit angelegt werden.

Über Fragen, in welchen Gott oder die Kirche kein letztes Wort gesprochen hat, welche Gott der freien Aussprache überlassen hat, kann jeder denken, was er will. Was er für recht hält, mag er auch aussprechen, das ist nicht von der Natur verboten, denn diese Freiheit verleitet niemals die Menschen zur Unterdrückung der Wahrheit, vielmehr verhilft sie uns oft dazu, die Wahrheit zu finden und ans Licht zu ziehen.

(…)

42 Aus dem Gesagten ergibt sich, dass es niemals erlaubt ist, die Gedankenfreiheit, Pressefreiheit, Lehrfreiheit, sowie unterschiedslose Religionsfreiheit zu fordern, zu verteidigen, oder zu gewähren, als seien dies ebenso viele Rechte, welche die Natur dem Menschen verliehen habe. Hätte die Natur diese Rechte verliehen, so wäre es erlaubt, Gottes Oberherrlichkeit zu bestreiten, und der menschlichen Freiheit könnten durch kein Gesetz Schranken gezogen werden. – Ebenso folgt aus dem Gesagten, dass jene Freiheiten, wenn vernünftige Gründe vorhanden sind, geduldet werden können, unter der Bedingung, dass sie nicht schrankenlos sind, auch dass sie nicht in Zügellosigkeit und Frechheit ausarten. Wo aber diese Freiheiten eingeführt sind, da sollen die Bürger sie nur Benutzen, um recht zu handeln und darüber denken, was die Kirche darüber denkt. Jede Freiheit kann nur insoweit als eine rechtmäßige betrachtet werden, als sie eine größere Möglichkeit zum sittlichen handeln bietet; sonst nie.

Soweit Papst Leo XIII. in der Enzyklika „Libertas Praestantissimum“ über die Irrtümer des Liberalismus.

Ich bitte Gott um Gnade und Milde für die blasphemischen Künstler, die für die Besudelung des Angesichts des Herrn verantwortlich sind, „denn sie wissen nicht was sie tun“, und fordere hiermit meine Leser auf, dasselbe zu tun.

P.S. Bei Father Z gibt es auch eine Umfrage unter den Lesern zum Thema. Er hat bestimmt nichts gegen eine rege Teilnahme…