Freiheit oder Sozialismus?

Die Ausspruch der Grünenpolitikerin Claudia Roth, zu dem ich hier bereits geschrieben habe, hat auch auf anderen Blogs Resonanz und Diskussion gefunden. In einer dieser Diskussionen wurde die recht grundsätzliche Frage aufgeworfen, ob und inwiefern Demokratie überhaupt etwas Gutes sei, oder ob ihre Auswirkungen nicht auch sehr negativ interpretiert werden könnten.

Es ist wichtig, hierbei einige Unterscheidungen zu treffen, die bei einer flüchtigen Debatte nur allzu gern unberücksichtigt bleiben, um die Teilnehmer wechselnd als „Faschisten“, „Totalitaristen“, „Reaktionäre“, „Monarchisten“, „Demokratisten“ usw. zu bezeichnen, oder eigentlich eher zu beschimpfen. Wir müssen erst einmal klären, was wir mit dem Wort „Demokratie“ überhaupt meinen. Grob gesagt lassen sich mindestens drei verschiedene Bedeutungen unterscheiden.

1. Demokratie bedeutet Herrschaft des Volkes und besteht darin, dass das Volk entweder direkt oder durch seine gewählten Vertreter die der politischen Sphäre zugehörigen Entscheidungen trifft. In diesem Sinn ist Demokratie einfach eine von vielen Möglichkeiten, zu solchen politischen Entscheidungen zu kommen, und ebenso legitim wie andere Formen der Entscheidungsfindung, etwa durch einen König, oder eine ungewählte Ratsversammlung. Schon Aristoteles und Platon wussten aber, dass eine so verstandene Demokratie dazu tendiert, unweise, von der Leidenschaft der Massen beeinflusste Entscheidungen zu treffen, die nur selten mit dem tatsächlichen Gemeinwohl übereinstimmen. Direkte Demokratien tendieren zusätzlich noch zur Instabilität, repräsentative Demokratien sind generell etwas stabiler, und haben durch die Wahl von Repräsentanten auch eine weitere Sicherung gegen die Ochlokratie. Demokratien dieser Art möchte ich Demokratien im eigentlichen Sinne oder einfach nur Demokratien nennen.

2. Demokratie bedeutet eine Herrschaft des Volkes im obigen Sinne, bei der das Volk jedoch durch eine sorgfältig formulierte (und selbst nicht wieder vom Volk veränderbare) Verfassung in der Ausübung seiner Macht begrenzt ist, indem legislative, exekutive und judikative Gewalt getrennt und auf unterschiedlichen Wegen legitimiert werden, um die vorhandene Macht auf möglichst viele Teilnehmer zu verteilen, und dadurch die Gefahr der Regierung durch Leidenschaften zu vermeiden. Zudem stellt eine so verstandene Demokratie durch die Verfassung bestimmte Grundrechte für ihre Bürger fest, durch die der Bürger vor dem Zugriff durch das Kollektiv / den Staat geschützt werden soll. Und schließlich wird die Machtbefugnis des so begründeten demokratischen Staates auf eine streng begrenzte Kompetenzsphäre beschränkt, so dass totalitäre Gesamtzugriffe auf das Volk, auf Minderheiten usw. nicht möglich sind. Eine Demokratie in diesem Sinne nenne ich in Anlehnung an die amerikanischen Gründerväter eine „Republik“.

3. Demokratie kann aber auch noch in einem dritten Sinn verstanden werden, nämlich dass das Volk als Ganzes, als Kollektiv, alle Entscheidungen selbst trifft. Dann stünde Demokratie nicht mehr im Gegensatz zur Monarchie, sondern im Gegensatz zur individuellen Freiheit – Herrschaft des Volkes, soweit es als Kollektiv Volk ist, gegen Herrschaft des Einzelnen. Die eigentliche Macht liegt beim Kollektiv, nicht beim Individuum oder irgendeiner kleineren Gruppe innerhalb des Volkes (wie Familie, Kirche, Unternehmen…) Diese Form der Demokratie ist generell unverträglich mit Beschränkungen der Macht des Kollektivs, weil das Kollektiv diese jederzeit zurücknehmen würde. Es handelt sich um die „totale Demokratie“, um eine radikale, ideologische Übersteigerung der Demokratie im eigentlichen Sinne. Eine solche Demokratie könnte man treffend Kollektivismus nennen, entspricht aber auch dem Demokratieverständnis der Sozialisten und Kommunisten.

Die Demokratie im eigentlichen Sinn ist moralisch neutral – ihre Bewertung hängt von den Ergebnissen, den Resultaten ab. Macht eine solche Demokratie gute Politik, ist sie gut, macht sie schlechte Politik, ist sie schlecht. Meist machen Demokratien dieses Typs aufgrund der erwähnten Probleme jedoch schlechte Politik, bringen Instabilität, Chaos und Korruption hervor, und führen entweder zum Sturz der Demokratie, oder zu ihrer faktischem Umwandlung zur Ochlokratie.

Die Republik vermeidet die Schwierigkeiten der Demokratie und ist generell sehr stabil. Machtwechsel finden durch Wahlen statt, aber es gibt auch nicht aus dem Volk stammende Legitimationen, wie etwa die Verfassung, die generell sogar über dem Willen des Volkes steht. Das Volk wird an einer totalen Herrschaft gehindert. Das beste Beispiel für eine Republik waren die frühen USA, jedoch zeigt die Geschichte auch hier, dass die Republik auf lange Sicht zu einer Demokratie im eigentlichen Sinn wird, weil Verfassungen letztlich nur Worte auf Papier sind, und Papier geduldig ist. Der Damm gegen die ochlokratischen Leidenschaften kann nicht dauerhaft halten. Somit ist die Republik, so positiv sie auch sonst zu bewerten ist, nicht ohne Schwierigkeiten und auch keine endgültige Staatsform für die Ewigkeit, wie manche zu glauben scheinen.

Der Kollektivismus oder Sozialismus ist als Staatsform vollkommen ungeeignet, weil er unfähig ist, individuelle Freiheiten und die Rechte gewachsener vermittelnder Körperschaften wie Familie, Privatunternehmen und alle anderen freiwilligen Zusammenschlüsse und ganz besonders der Kirche zu respektieren. Alle Macht geht vom Volke aus. Und zwar vom Volk als Volk, als Kollektiv. Dies ist das Demokratieverständnis einer Person, die sich zu der Aussage versteigt, es dürfe keine demokratiefreien Räume geben, wie Frau Roth dies gegenüber Bischof Zdarsa im speziellen und gegen die Kirche im allgemeinen getan hat. Wo immer noch etwas ist, das nicht nach dem Willen des Kollektivs, vertreten durch seine intellektuelle Avantgarde, geregelt und geordnet ist, kann der Kollektivist nicht ruhen, er muss kämpfen, unterwandern, zerstören, bis alles eine Wüste gleich großer, staatlich zertifizierter Käfige für alle ist.

In diesem kollektivistischen Sinn ist die Demokratie sogar der Inbegriff des Totalitarismus. Totalitarismus bedeutet totale Staatsherrschaft und ist daher durchaus kein Sondermerkmal der „rechten“ Nationalsozialisten. Das Wörtchen „Sozialisten“ ist übrigens auch hier verräterisch, denn es sagt aus, wofür diese Bewegung hinsichtlich der Demokratie stand. Für ein kollektivistisches System, in dem das Volk, vertreten durch seinen per Akklamation bestätigten Führer, alles regulierte und alles gleichschaltete. Dass ein solches System meist zu schrecklichen Verbrechen wie dem Holocaust, oder auf der anderen Seite des politischen Spektrums zu den Massenmorden Stalins und Maos führt, ist bekannt. Doch selbst wenn solche Mordtaten in dem einen oder anderen totalitaristischen System ausbleiben, ändert dies nichts an der fundamentalen Verwerflichkeit dieses Systems.

Die Soziallehre der Kirche hat immer daran festgehalten, dass die Freiheit der vermittelnden Gemeinschaften, besonders der Kirche, und direkt danach der Familie, aber auch die Freiheit von Eigentümern und Unternehmern, ganz wichtig für eine gerechte Ordnung der staatlichen Gemeinschaft ist. Diese Ordnung war in der Vergangenheit in christlichen Staaten meist monarchistisch, wobei das Wort irreführend ist, denn es herrscht im Staate zwar nur einer, aber dieser eine muss sich trotzdem mit einem oft widerspenstigen Adel auseinandersetzen, und seine Machtmittel waren historisch gesehen meist so gering, dass er wenig bewirken konnte. Ein Totalitarismus ist das jedenfalls nicht.

Doch auch wenn in der Vergangenheit meist monarchisch regiert wurde, ist eine demokratische Staatsform jederzeit legitim und akzeptabel, solange es sich um eine Republik im oben definierten Sinne handelt. Auch eine eigentliche Demokratie wäre akzeptabel, aber aufgrund ihrer Instabilität meist nicht wünschenswert. Grundsätzlich muss die kirchliche Soziallehre aber den Kollektivismus ablehnen, und hat dies immer wieder ausdrücklich getan. Diese Ablehnung ist eine Ablehnung aus Prinzip, eine Ablehnung, die völlig unabhängig von den Umständen ist. Dass das Volk durch Wahlen einige Dinge selbst entscheidet, ist akzeptabel und durchaus sinnvoll. Dass das Volk als Kollektiv alle Macht haben soll, oder doch zumindest alle Macht ohne Beschränkungen von ihm ausgehen soll, ist nicht nur sinnlos, sondern auch inakzeptabel.

Das Problem an Frau Roths Äußerung ist nicht ihr Einsatz für Demokratie, sondern ihr Einsatz für eine kollektivistische oder sozialistische Demokratie, in der das Volk, vertreten durch seine Führer, über alle Macht verfügt, und daher individuelle Personen, kleinere Gebietskörperschaften wie Städte, Landkreise, Bundesstaaten, und gebietslose unabhängige Körperschaften wie Kirche, Familien, Privatunternehmen, letztlich auch Gewerkschaften, vollkommen entmachtet und unter die Knute des Kollektivs gezwungen werden. Eine solche Demokratie ist nicht nur antichristlich, antikatholisch und antikirchlich, sondern auch noch antiliberal und antifreiheitlich.

Es lohnt sich daher, einen alten Slogan wieder hervorzukramen. Wir wissen, dass Frau Roth kein Interesse am Wohlergehen der Kirche hat und mit christlichen Argumenten hinsichtlich der monarchischen Führung der Kirche nicht wird überzeugen lassen. Doch sie bekennt sich immer wieder zur Freiheit. Frau Roth muss sich fragen lassen, was sie denn nun will: Freiheit oder Sozialismus.

Die totale Demokratie als grüner Antiliberalismus

Bischof Zdarsa, der nach wie vor den Maulkorb gegen den kirchentreuen Pfarrer Oblinger  (hier seine Kolumnen bei der Jungen Freiheit) nicht aufgehoben hat, erfährt gerade, wie weit es mit der Loyalität der Säkularisten her ist, selbst wenn man ihnen in manchem durchaus entgegenkommt. Selbst wenn man katholische Pfarrer mundtot macht, die nur den Glauben der Kirche und scharfsinnige Analysen in einem konservativen Wochenblatt veröffentlicht haben, ist man noch längst kein angesehenes Mitglied der modernden Modernen.

Wenn man aus der Reihe tanzt, beginnt der Spießrutenlauf. Vielleicht wird der Bischof in Zukunft wissen, wer auf seine Seite ist, und wer eben nicht. Zu wünschen wäre es dem ganzen Bistum Augsburg.

Wie kath.net berichtet, ist nämlich der hochwürdige Bischof Zdarsa des Verrats an der totalen Demokratie schuldig, die im Moment alle zeitgeistigen Menschen dringend herbeizwingen wollen. Dort wird der Bischof zitiert:

„Kirche ist keine Demokratie. Das ist leider ein Missverständnis. Sondern wir sind ausgerichtet auf Christus. Jeder hat seine Aufgabe, seinen Dienst, und den darf er nicht durchführen aus Selbstherrlichkeit oder Machtbewusstsein, sondern im Dienst an Christus und den Gläubigen.“

An diesen Worten ist nichts auszusetzen – weder vom Standpunkt eines Katholiken noch vom Standpunkt eines liberalen Demokraten, der die selbst propagierte „Religionsfreiheit“ ernst nimmt. Die Kirche kann sich aus dieser Sicht so organisieren wie sie will, und da ja Kirche und Staat im Liberalismus strikt getrennt sein sollen, hat der Staat der Kirche nicht in ihre inneren Strukturen hereinzureden. Wenn die Kirche und der Staat getrennt sind, dann gehört der Staat nicht zur Kirche – aber die Kirche auch nicht zum Staat. Und also kann man eine demokratische Staatsordnung durchaus für wünschenswert halten – und trotzdem für die Kirche eine andere Struktur befürworten.

Genau das tut Bischof Zdarsa. Er ist kein Antidemokrat im Staate, aber gegen Demokratie in der Kirche. Denn die Kirche hat einen König, und den abzusetzen sind wir nicht befugt. Jesus Christus ist das Haupt der Kirche, und er hat einen irdischen Stellvertreter, den Papst, eingesetzt, dem damit die Vollmacht der Herrschaft zukommt. Die Unterordnung unter den König Christus ist damit fundamental für die Kirche, und ein Staat, der sich Religionsfreiheit und Liberalismus auf die Fahnen schreibt, sollte die Fähigkeit besitzen, dies zu respektieren.

Doch das ist immer weniger der Fall. Denn Claudia Roth möchte keine Religionsfreiheit und keine Trennung von Staat und Kirche, sondern eine Staatskirche. Sie kritisiert laut kath.net den Bischof:

„Wir wollen keine demokratiefreien Räume in unserer Gesellschaft.“ Als Teil einer demokratischen Gesellschaft müsse die Kirche deren Kern widerspiegeln.

Man lasse sich dieses antiliberale, freiheitsfeindliche, geradezu inquisitorisch-mittelalterliche Staatsverständnis nur einmal auf der gespaltenen Zunge zergehen. „Wir“, Königin Claudia I:, „wollen keine demokratiefreien Räume“. Alles hat sich nach „unserer“ Präferenz zu richten, weil „wir“, Königin Claudia I. ganz demokratisch der Staat sind. Die Sonnenkönigin gesteht der Kirche gnädig – dank sei ihrer durchlauchtigsten Majestät – zu noch ein „Teil einer demokratischen Gesellschaft“ zu sein, aber nur, wenn sie „deren Kern“ widerspiegelt. Also wenn sie sich nicht von der breiteren Gesellschaft unterscheidet.

Solange alle Institutionen nach dem Bilde der totalen Demokratie erschaffene Abziehbilder des demokratischen Staates, also Klone der Krone ihrer durchlauchtigsten Majestät sind, dürfen sie weiterexistieren.

Ungesagt bleibt, was geschieht, wenn sich die Gallier gegen diesen Gleichschaltungsimpuls wehren sollten.

Kardinal George hatte recht: Er wird im Bett sterben, sein Nachfolger im Gefängnis. Wenn die deutschen Katholiken nicht bald die Kurve kriegen, wird es Bischof Zdarsa ähnlich ergehen, und da kann er noch so viele Besänftigungsgesten an die Modernisierer schicken. Denn es geht ums Ganze, um den ganzen, zusammenhängenden Glauben, der per Salamitaktik amputiert werden soll. Und wer nicht für den Glauben ist, der ist gegen ihn. Und wer nicht für die totale Demokratie ist, der ist gegen sie.

Am Ende wird man sich entscheiden müssen. Der Liberalismus ist nur eine Übergangsphase. Kirche und Staat sind nun einmal ihrer Natur nach verschieden, haben unterschiedliche Aufgabenbereiche, die aber nicht vollkommen getrennt werden können. Und wenn es zum unausweichlihen Konfikt kommt, muss man entweder zusammenarbeiten, oder einander bekämpfen. Wenn der Staat bei einer Zusammenarbeit unter den Vorzeichen der liberalen Trennung von Kirche und Staat aber nicht die Autonomie der Kirche ebenso respektiert wie er es umgekehrt von der Kirche verlangt, greift der Staat einfach nach der Macht über die Kirche.

Bischof Zdarsa sollte mal privat mit den Anglikanern reden, die jetzt gerade zur Kirche zurückkehren, und aus dem brennenden Haus des Anglikanismus dank Anglicanorum Coetibus zu entkommen versuchen. Die werden ihm schon sagen, wie wunderbar die Eingliederung der Kirche in den totalen Staat ist.

Und sich dann überlegen, wie er handeln würde, wenn die Avantgarde der antikatholischen Revolution den logischen nächsten Schritt tut und ihre Rhetorik umzusetzen versucht.

Pfarrer Oblinger und der Zeitgeistwahn

Vor ein paar Wochen schrieb ich an dieser Stelle über das seltsame Schreibverbot für Pfarrer Oblinger seitens des Bistums Augsburg. Seitdem haben viele katholische Persönlichkeiten zu diesem recht einhellig als unverständlich und falsch eingeschätzten Verbot Stellung bezogen. Beispielhaft könnte die folgende Wortmeldung des katholischen Philosophen Walter Hoeres erwähnt werden:

„Im Blick auf das Verbot, das gegenüber Pfarrer Oblinger ausgesprochen worden ist, stellt sich die Frage, ob die falsch verstandene Anpassung der katholischen Kirche an den Zeitgeist so weit geht, daß es in der Kirche nicht mehr erlaubt ist, konservative Positionen zu vertreten“

Dieser Satz fasst das wesentliche Problem mit dem Schreibverbot zusammen. Wir hinterwäldlerische, traditionstreue, reaktionäre, antimodernistische Fossilien sind nicht prinzipiell gegen Schreibverbote. Wenn jemans häretische Sauereien verbreitet, und er dies als katholischer Pfarrer tut, dann ist ein solches Schreibverbot nicht nur zulässig, sondern auch die einzig richtige Handlungsweise. Das Problem ist also nicht das Schreibverbot an sich, sondern gegen wen – oder vielmehr: gegen welche Ansichten – es sich richtet. Da wird einem Pfarrer Oblinger, immer treu zu Kirche und Lehramt, Papst und Glaube, das Schreiben in der Jungen Freiheit verboten, obwohl er nie etwas gesagt hat, was man als kirchenfeindlich, häretisch oder sonstwie verwerflich bezeichnen könnte. Pfarrer Oblinger ist nach allem was wir wissen einfach ein guter katholischer Konservativer, der in einer konservativen Wochenzeitung schreibt.

Ich sagte eben, Pfarrer Oblinger sei mit einem Schreibverbot belegt worden, obwohl er nie etwas gegen die Kirche gesagt hat. Liegt es nicht nahe zu glauben, dies sei geschehen, nicht obwohl, sondern gerade weil er nie etwas gegen die Kirche gesagt hat? Er ist lehramtstreu und scheut sich nicht die Missstände anzusprechen, die auch der Papst bei seinem Deutschlandbesuch thematisiert hat. Er spricht über die Gefahren der Verweltlichung, der Anpassung an den Zeitgeist, er redet von Glaubensmangel und das alles an einem Ort, wo er nicht nur Katholiken, sondern Konservative aller Glaubensrichtungen erreicht, nämlich in einer der größten entschieden konservativen Zeitungen des Landes.

Bischof Zdarsa mag einem Irrtum aufgesessen sein. So etwas kommt vor, und man kann es niemandem vorwerfen. Er kann von interessierten Kreisen in seiner Diözese falsch informiert worden sein. Man kann ihn getäuscht und er kann etwas falsch verstanden haben. All dieses ist normal und menschlich. Doch in diesen Situationen erkennt man dann seinen Fehler und macht ihn rückgängig. Dies ist die Grundeinsicht des Christen: Wir sind nicht vor Fehlern gefeit, aber wir sollten sie bereuen, wenn wir sie gemacht haben.

Einer wohlartikulierten Stimme eines konservativen Katholizismus das Wort abzuschneiden, ohne dies in irgendeiner Form sachlich zureichend begründen zu können, ist eine glatte Fehlentscheidung. Unter der Annahme, dass es dem Bischof um das Wohl seines Bistums geht, wäre die einzig richtige Handlungsweise die Aufhebung dieses unseligen Schreibverbots. Prof. Hoeres spekuliert in dem oben zitierten Ausschnitt, inwiefern die Anpassung an den Zeitgeist innerhalb der deutschen katholischen Kirche inzwischen dazu geführt hat, dass konservative Positionen gar nicht mehr vertreten sein dürfen.

Das ist mit der CDU ja bereits geschehen. Die CDU ist heute keine konservative Partei mehr, und den Versuch christlich zu sein hat sie spätestens in dem Moment aufgegeben, da sie sich mit der staatlich legitimierten und teilweise öffentlich finanzierten Massentötung der Unschuldigen Kinder arrangiert und sich dadurch gegen Jesus Christus auf die Seite des Herodes und seiner Günstlinge zu stellen entschied. Dass die CDU im Wesentlichen die Kaderpartei der Katholiken der Reformation darstellt, ist inzwischen wahrlich kein Geheimnis mehr. Was Verbände wie der ZdK wollen, deckt sich weitgehend mit den, was gerade in der CDU Konsens ist. Die unangemessenen Einmischungen von Partei- und Staatsfunktionären in die inneren Angelegenheiten der Kirche – Beispiel Norbert Lammert – sprechen hier eine deutliche Sprache.

Wenn nun in der CDU konservative Ideen nicht mehr akzeptabel sind, dann liegt der Schluss nahe, dass der verbandskatholische Flügel der Kirche alsbald nachziehen möchte, und das äußern katholisch-konservativer Positionen auch innerkirchlich immer stärker negativ zu sanktionieren wünscht.

Doch während der Abschied einer Partei von christlichen und konservativen Positionen, so unglücklich und schädlich dies auch für dieses Land gewesen sein mag, letztlich nur für die Ausrichtung dieser Partei Relevanz besitzt, wäre der Abschied der Kirche von christlichen und konservativen Positionen wohl nicht ohne ein Schisma zu haben. Die CDU ist nicht mit Rom verbunden und braucht auch nicht die Positionen Roms zu vertreten. Aber die Bischöfe sollten es.

Und während ein guter Katholik natürlich nicht konservativ sein muss, fällt doch auf, dass konservative Positionen sich in vielen Bereichen, besonders in der Sexual- und Familienmoral, aber nicht nur dort, mit christlichen Ansichten decken. Wie könnte die Kirche von der konservativen Position abgehen, dass alles menschliche Leben, auch das Ungeborene des Schutzes durch Recht und Gesetz bedarf? Wie könnte die Kirche die konservative Position verlassen, derzufolge die Ehe ausschließlich zwischen Mann und Frau bestehen kann? Die Liste ließe sich fast beliebig verändern.

Die Verbannung des Konservatismus aus der Kirche ist daher zu großen Teilen auch eine Verbannung der kirchlichen Moral aus der Kirche – und als solche durchaus erwartbar, hat sich doch die Bischofskonferenz spätestens mit der Königssteiner Erklärung 1968 auf einen passiven Widerstand gegen die Sittenlehre der Kirche festgelegt und beschränkt sich seither in diesem Bereich auf Einzelaktionen (wie wir sie von Kardinal Meisner zuweilen erleben dürfen) und emotional gefärbte Leerfloskeln im besten Fall, während sie zugleich zulässt, dass auf Gemeindeebene aus diesem passiven Widerstand ein aktiver Abwehrkampf gegen eine christliche Moral wird.

Insofern steht dieses Schreibverbot gegen den hochwürdigen Pfarrer Georg Alois Oblinger in einer unheilvollen Tradition der Abkehr von christlichem Glauben und christlicher Sittenlehre inmitten der katholischen Bistümer der Bundesrepublik Deutschland.

Man fragt sich nur, ob die dafür verantwortlichen Leute überhaupt noch ohne Schamesröte in den Spiegel schauen können, wenn sie mal wieder gegen die angeblich illiberale, autoritäre Kirche hetzen, die ja alles verbietet und nur noch eine Drohbotschaft verbreite.

Immer drängender stellt sich die Frage, welchem Geist wir folgen wollen: Dem unheiligen Zeitgeist oder dem Heiligen Geist Gottes. Die Antworten des Papstes und des Pfarrers Oblinger waren so klar wie identisch: Wir folgen dem Heiligen Geist und seiner Kirche. Die Antwort des Bistums Augsburg ist nach einigen Wochen Schreibverbot auch ziemlich klar: Sie folgen dem Zeitgeist und demjenigen, der in seiner Rolle als Fürst dieser Welt für die Schaffung der Zeitgeister aller Zeiten verantwortlich zeichnet.

P.S: Ich möchte noch einmal diese wunderbar treffende Kolumne von Pfarrer Oblinger empfehlen, die dieser einige Wochen vor seinem Schreibverbot in der Jungen Freiheit veröffentlicht hat. Er kritisiert dabei das Ziel einiger innerkirchlicher Kreise, eine „protestantische, priesterlose Kirche“ zu schaffen. Ich frage mich, wem er mit Artikeln wie diesem wohl zu nahe getreten sein könnte…

Ein altes unfreies Bistum?

Dies möchte man vom Bistum Augsburg wohl annehmen – ein altes, unfreies Bistum zu sein – verbietet es doch, diesem Artikel von kath.net zufolge, dem angesehenen Pfarrer Oblinger für die konservative Wochenzeitung „Junge Freiheit“ zu schreiben, für die er seit Jahren regelmäßig Kolumnen verfasst hat. Darüber hinaus scheint es sich, diesem Artikel zufolge, auch um ein generelles Schreibverbot für den Pfarrer Oblinger zu handeln, bei dem seine zukünftigen Schreibaktivitäten durch das Bistum vorher abgesegnet werden sollen.

Ich möchte von der kirchenrechtlichen Frage, ob dies formal erlaubt ist, Abstand nehmen. Mangels Sachkenntnis überlasse ich jegliches Urteil hinsichtlich der juristischen Zulässigkeit des Verhaltens des Bistums den Kirchenrechtlern. (Wobei man sich fragen muss, warum ein glaubenstreuer Pfarrer wie Oblinger Schreibverbot erhält, aber dasselbe nicht gegenüber der Vielzahl heterodoxer Schreiberlinge geschieht, die die Kirche heute aufzubieten hat.

Vielmehr möchte ich eine Frage der Gerechtigkeit stellen: Ich möchte nicht fragen, ob es eine juristische Grundlage für das Verhalten des Bistums gibt, sondern ob dieses Verhalten im moralischen Sinne gerechtfertigt werden kann. Und da kann, besonders hinsichtlich der Kolumnen des Pfarrers in der „Jungen Freiheit“ wohl kein Zweifel bestehen. Bei der Jungen Freiheit handelt es sich um eine konservative, deutsche Wochenzeitung – mit allem, was das impliziert. Dort sind eher liberal-wirtschaftsfreundliche Autoren vertreten, dazu welche mit christlichem Hintergrund (sowohl evangelisch als auch katholisch), die sich der Entchristlichung erwehren möchten, und natürlich auch nationalkonservative Autoren. Dies ist nun einmal das Profil des Konservatismus in Deutschland – christliche, liberale und nationalkonservative Strömungen koexistieren hier in ihrem gemeinsamen Kampf gegen den antichristlichen, antifreiheitlichen und internationalistischen Zeitgeist, dabei für die Bewahrung der wirtschaftlichen Freiheit, der christlichen Werte des Abendlands und der deutschen Nation als Träger souveräner Gestaltungsmacht in der Weltpolitik kämpfend.

Je nach politischer Ausrichtung kann man dieses Engagement richtig oder falsch finden. Ich bin auch kein regelmäßiger Leser der Jungen Freiheit, wenn ich auch die Kolumnen von Pfarrer Oblinger, die in der Onlineausgabe verfügbar sind, immer gern gelesen habe. Sie enthielten auch keinen übertriebenen Nationalismus oder irgendetwas, das vielleicht aus Sicht eines wohlmeinenden katholischen Bischofs anstößig sein könnte. Vielmehr verströmten sie einen christlichen, katholischen Geist, behandelten oft in freundlicher, aber klarer Weise die Probleme einer mehr und mehr entchristlichten Gesellschaft und scheuten sich auch nicht in respektvoller Weise auf die innerkirchliche Glaubenskrise hinzuweisen. Wenn die Kolumnen des Pfarrers Oblinger in der Jungen Freiheit in irgendeiner Form repräsentativ für sein ganzes Schrifttum sind, dann ist dieses Schreibverbot für einen rechtgläubigen, konservativ denkenden Pfarrer nichts weniger als ein gewollter Affront gegen alle rechtgläubigen, konservativ denkenden Katholiken seitens eines Bistums, das gerade in den letzten Jahren, gerade hinsichtlich der unwürdigen Behandlung des Bischofs Mixa, durch solcherlei Affronts aufgefallen ist, sich jedoch konstruktiver Beiträge im Kampf gegen die Kirchenkrise oder im Zuge der Neuevangelisierung nahezu gänzlich enthalten hat.

Ein deutsches Musterbistum eben.

Wie gesagt – wenn des Pfarrers Worte in der Jungen Freiheit repräsentativ für sein ganzes Schrifttum sind. Vielleicht wissen wir nicht alles, und es ist – wie immer – angemessen, den zuständigen Stellen die Möglichkeit der Rechtfertigung ihres Verhaltens vor dem Hintergrund katholischer Rechtgläubigkeit zu geben. Vielleicht steckt mehr hinter der Sache, als wir von außen erkennen können. Jedoch scheint es mir dafür derzeit keinen Anhaltspunkt zu geben, so dass ich von der zumindest allgemeinen Zuverlässigkeit der vorliegenden Informationen ausgehen muss.

Und diese Informationen lassen einen relativ klaren Schluss zu: Im Bistum Augsburg darf nur schreiben, wer zumindest mit der Häresie sympathisiert, oder sie nicht zu ausdrücklich verurteilt, und wer bereit ist, mit klaren Worten zu den Ursachen der Kirchenkrise „hinterm Berg“ zu halten.

Sollte das Bistum seinen für mich unverständlichen Schritt in irgendeiner Form mit der Kolumne des Pfarrers Oblinger bei der Jungen Freiheit rechtfertigen, so nähme diese Affäre noch hässlichere Züge an – denn in diesem Fall unternähme es ganz offiziell ein deutsches Bistum, den politischen und gesellschaftlichen Konservatismus, an den „rechtsextremen“ Pranger zu stellen, an den man der Jungen Freiheit aus interessierten Kreisen immer wieder zu stellen versucht hat.

Wobei natürlich die Frage ist, ob eine Zeitung, die Bundeskanzler Adenauer vermutlich als ziemlich mild in ihrer christlichen und nationalkonservativen Ausrichtung angesehen hätte, wirklich sinnvoll als rechtsextrem gebrandmarkt werden kann, oder inwiefern eine solche Etikettierung heutzutage nicht jeglichen Erkenntniswertes entbehrt. Ist ein Festhaltenwollen am nationalstaatlichen Ordnungsprinzip, der Wunsch zur Begrenzung der Zuwanderung besonders nichteuropäischer Menschen usw. bereits unchristlich oder rechtsextrem? Ein solcher Wunsch ist vielleicht politisch falsch – da mag man geteilter Ansicht sein – aber keinesfalls unchristlich, haben doch alle christlichen Gesellschaften zu jeder Zeit das Recht beansprucht, die nationalen Grenzen nach eigenem Wunsche zu regulieren.

Aber ein Bistum, das Pfarrer Oblinger Schreibverbot erteilt, hätte wohl auch jedem rechtgläubigen katholischen Pfarrer vor 1970 Schreibverbot erteilen müssen, um das elementare Gerechtigkeitsprinzip der Gleichbehandlung des Gleichen nicht zu verletzen.

Ein solches Bistum ist auch zwangsläufig kein Magnet für junge Katholiken, die ihren Glauben frei leben wollen, ohne sich ständig darum fürchten zu müssen, für ihre lehramtstreuen Positionen in die rechte Ecke gestellt zu werden. Denn in den antifaschistischen Gruppen, die oft die Hauptprofiteure des staatlichen „Kampfes gegen Rechts“ sind, wird nicht selten auch die Opposition gegen die „Reproduktionsfreiheit der Frau“ oder die Ablehnung der „Freiheit von Homosexuellen zu heiraten“, als faschistisch und rechtsextrem gesehen. Wie lange noch, bis im Bistum ähnliche Haltungen im Zuge der Anpassung an die Welt und ihren Zeitgeist eingenommen werden?

Wie gesagt, dies alles unter der Annahme, dass die mir vorliegenden Informationen stimmen. Vielleicht gibt es ja einen besseren Grund – doch wenn es ihn gibt, dann sollte das Bistum ihn nennen.

Hier übrigens ein direkter Link zum Archiv der Kolumnen des Pfarrers Oblinger bei der Jungen Freiheit. Dort können sich die Leser gern selbst überzeugen, ob Pfarrer Oblinger durch seine Schriften wirklich eine Bedrohung für den katholischen Glauben darstellt – was ja ein kirchliches Schreibverbot allenfalls rechtfertigen könnte – oder ob sie nicht einfach eine Gefahr für den säkularisierten Katholizismus der Reformation darstellen, welcher heute in Deutschland seitens der offiziellen Stellen allzuoft angeboten wird. Besonders angesichts der Tatsache, dass erst vor gut zwei Monaten eine Kolumne des Pfarrers Oblinger erschienen ist, in der er (klarsichtig wie meistens) erkannte, dass „bestimmte innerkirchliche Kreise eine protestantierte, priesterlose Kirche“ wollen. Ob sich da wohl jemand angesprochen gefühlt hat?