Unpraktische Scholastiker

Die Haltung des durchschnittlichen modernen Menschen und oft genug selbst des durchschnittlichen Philosophen zur „mittelalterlichen“ Scholastik ist keine rationale Ablehnung einer bekannten Sache sondern basiert auf Unkenntnis und Vorurteilen. Das allein ist nicht schlimm – fast all unser Wissen basiert auf Vorurteilen, und wir können das aufgrund unserer Endlichkeit auch gar nicht verhindern.

Man sagt: Die mittelalterlichen Philosophen und Theologen sind ja so schrecklich unpraktisch. Sie debattierten jahrelang über die Frage wie viele Engel auf einer Nadelspitze Platz finden, und ignorieren alle wirklich bedeutenden Probleme, sie beschräftigen sich mit abstrakten Konzepten, die uns völlig absurd vorkommen und nichts bringen. Wir sind heute praktisch orientiert und verstricken uns niemals in sinnlose Debatten über Wesen oder Natur der Dinge.

Dazu Chesterton in seinem Buch „Heretics“:

Suppose that a great commotion arises in the street about something, let us say a lamp-post, which many influential persons desire to pull down. A grey-clad monk, who is the spirit of the Middle Ages, is approached upon the matter, and begins to say, in the arid manner of the Schoolmen, „Let us first of all consider, my brethren, the value of Light. If Light be in itself good–“ At this point he is somewhat excusably knocked down. All the people make a rush for the lamp-post, the lamp-post is down in ten minutes, and they go about congratulating each other on their unmediaeval practicality. But as things go on they do not work out so easily. Some people have pulled the lamp-post down because they wanted the electric light; some because they wanted old iron; some because they wanted darkness, because their deeds were evil. Some thought it not enough of a lamp-post, some too much; some acted because they wanted to smash municipal machinery; some because they wanted to smash something. And there is war in the night, no man knowing whom he strikes. So, gradually and inevitably, to-day, to-morrow, or the next day, there comes back the conviction that the monk was right after all, and that all depends on what is the philosophy of Light. Only what we might have discussed under the gas-lamp, we now must discuss in the dark.

(Chesterton: Heretics, 9)

Eine kleine, rohe Übersetzung von Catocon:

Nehmen wir an, auf der Straße entsteht eine große Aufregung über etwas, sagen wir über einen Laternenmast, den viele einflußreiche Personen abreißen möchten. Ein graugekleideter Mönch im Geiste des Mittelalters wird dazu befragt und beginnt in der trockenen Weise der Scholastiker zu sagen: „Lasst uns als erstes den Wert des Lichts bedenken. Wenn Licht an sich gut sei…“ Zu diesem Zeitpunkt wird er einigermaßen verständlich niedergeschlagen. Das ganze Volk stürmt nun zum Laternenmast, der Laternenmast ist in zehn Minuten abgerissen, und sie beglückwünschen sich für ihre unmittelalterliche Sachlichkeit. Aber die Dinge entwickeln sich nicht so leicht. Manche haben den Laternenmast abgerissen, weil sie ein elektrisches Licht wollten; manche, weil sie altes Eisen wollten; manche weil sie Dunkelheit wollten, denn ihre Taten waren böse; für manche war er zu sehr Laternenmast, für manche nicht genug; manche handelten, weil sie städtische Anlagen zerschlagen wollten; manche weil sie irgendetwas zerschlagen wollten. Und es herrscht Krieg in der Nacht, und niemand weiß wen er schlägt. Also, Stück für Stück und ausausweichlich, heute, morgen oder übermorgen, kommt die Überzeugung zurück, dass der Mönch recht hatte, und dass alles davon abhängt, was die Philosophie des Lichts ist. Nur was wir unter der Gaslaterne hätten diskutieren können, müssen wir jetzt im Dunkeln diskutieren.

Religiöse Gewalt: Unfreiwilliger Haarschnitt

Chesterton hätte das ganz und gar nicht gefallen:

In one attack, the men allegedly packed a horse-drawn buggy, rode to a home and cut the hair off some men and women in the house.

Theviolent haircuts are meant to humiliate and punish those Amish who are supposedly weak in the faith.

It’s left the police baffled.

Nicht nur die Polizei, mich auch…

Das geht bei den Amish offenbar als religiös motivierte Gewalt durch. Wenn nur alle Religionen, besonders die des Propheten Mohammed, das genauso sähen und daher ihre Apostaten nicht den Kopf sondern die Haare verlören…

Doch selbst das wäre bekanntlich zu viel für Chesterton.

[H]er hair shall not be cut short like a convict’s; no, all the kingdoms of the earth shall be hacked about and mutilated to suit her. She is the human and sacred image; all around her the social fabric shall sway and split and fall; the pillars of society shall be shaken, and the roofs of ages come rushing down, and not one hair of her head shall be harmed.

 

[Ihr Haar soll nicht geschoren werden, wie das eines Sträflings; nein, alle Königreiche der Erde sollen zertrümmert und verstümmelt werden, um sich ihr anzupassen. Sie ist das menschliche und heilige Abbild; der ganze Gesellschaftsbau um sie herum soll wanken und zerspringen und fallen; die Säulen der Gesellschaft sollen erzittern und die Gewölbe der Zeiten niederstürzen, und nicht ein Haar ihres Hauptes soll ein Leid erfahren]

Die Tugend der Reinheit

Anthony Esolen ist, wie ich schon früher auf diesem Blog geschrieben habe, einer der wenigen verbliebenen Weisen im besten Sinn des Wortes. Auch sein neuer Artikel, „Purity: Youth Restored“ ist so reichhaltig und auf einer so tiefgreifenden Ebene richtig, dass es fast unmöglich ist, einzelne Abschnitte hervorzuheben. Er sollte unbedingt zur Gänze gelesen (und wiedergelesen, und an andere weitergegeben) werden.

Ich will trotzdem versuchen einige Höhepunkte zu isolieren – doch niemand sollte glauben, das wäre alles was der Artikel zu bieten hat. Er ist ein Gesamtkunstwerk, wie alles was Esolen schreibt.

Der Hintergrund ist eine Romanvorstellung: Quo Vadis von Henryk Sienkiewicz. Über die Qualität des Romans kann ich nichts sagen, weil ich ihn nicht kenne. Aber was aus dem Artikel hervorscheint deutet an, dass auch der Roman die Lektüre verdient.

Es geht um einen römischen Zenturio, Marcus, der sich auf eine ziemlich dekadente Weise in Ligia verliebt – eine Christin, wie sich herausstellt. Er begehrt sie auf tierische Art und Weise, läßt sie sogar entführen, um sie dann zu verführen, doch stellt dann fest:

Slowly he comes to understand, though long in confusion, that even if he could have Ligia in these ways, he would not want to, because it would spoil the very quality in her that most attracts him.

Doch er wundert sich:

What normal woman wouldn’t jump at the chance to be the concubine of a handsome young patrician? Had they set themselves in pride against ordinary pleasures, like the Cynics? But the Cynics were as bitter as gall, and these Christians were mild, almost to a fault. What Marcus comes to see is that Ligia has too exalted a view of happiness for his understanding. Her human desires – and she has fallen in love with him – are caught up in the divine, and transformed. To love Ligia is to love her in that radiant integrity.

Was Marcus an Ligia anzuziehen scheint, ist eine Qualität, die wir mit dem Wort Reinheit („purity“) bezeichnen können. Diese Fähigkeit ist letztlich der Schlüssel zu vielem, unter anderem zu einem glücklichen Leben. In seinen lesenswerten „Screwtape Letters“ läßt C.S. Lewis den Oberteufel Screwtape über Gott sagen, er sei im tiefsten seines Herzens ein Hedonist, verstanden als jemand, der sehr großen Wert auf Freude legt. Und G.K: Chesterton verwendet irgendwo (ich glaube in „Orthodoxy“) das Bild von den Geboten und Verboten des Christentums als Zaun um einen Kinderspielplatz: Um den Spielplatz findet sich ein Abgrund, doch die Kinder können auf dem Spielplatz Freude haben, gerade weil es den Zaun zu ihrem Schutz gibt. Der Zaun ist, genauso wie die christliche Moral, auf den ersten Blick restriktiv, ja sogar ein Gefängnis. Aber er ermöglicht erst wahre Freiheit und wahre Freude. Ohne den Zaun könnten die Kinder nicht so sorglos spielen und wären nicht so glücklich.

Die Art Glück, die wir Menschen in einem ständigen Durchbrechen der Zäune, durch Tabubrüche, erlangen können, ist kurzfristig schön, langfristig schon in dieser Welt höchst schädlich und in Ewigkeit erst recht. Doch die Art Glück, die wir erlangen können, indem wir die Zäune achten und pflegen, und in den Grenzen der Zäune bleiben, ist, wie das Glück der Kinder in dem obigen Bild, langfristig schon in diesem Leben schön, und die wahre Belohnung kommt natürlich in der Ewigkeit. Doch das ist ein Gedanke, der, wie mir scheint, auch Esolens Zusammenfassung zugrunde liegt. „Her human desires – she has fallen in love with him – are caught up in the divine, and transformed“ – Ihre bloß menschlichen Begierden stehen nicht mehr für sich, sie haben ihren angemessenen Platz in dem kosmischen Drama der Schöpfung und des Schöpfers, sie werden durch diese Einordnung in die göttliche Ordnung (mitsamt moralischen Geboten) transformiert, verwandelt, und zwar nicht in Form einer Erkaltung oder Abschwächung dieser Begierden. Die Einordnung in den ihnen angemessenen Zusammenhang bewirkt gerade das Gegenteil. Eheliche Liebe ist nicht nur moralisch besser als ein „One-Night-Stand“, sondern macht auch viel eher glücklich als die Leere der Objektifizierung des Partners als bloßes Mittel zum Zweck der Trieb- oder Leidenschaftsbefriedigung. Das gilt für die gesamte menschliche Sphäre. Begierden, Leidenschaften, Triebe, die in ihren gesunden moralischen Zusammenhang eingeordnet und in diesen Grenzen ausgelebt werden, erfahren keine Schwächung sondern eine Stärkung. Das ist das christliche Paradox. Gerade durch die Unterordnung unter Gott und seine Gebote wird der Mensch erst frei. Sünde ist Sklaverei. Reinheit, Heiligkeit sind Voraussetzungen der Freiheit.

Das alles ist, unterschwellig, in einer Erfahrung enthalten wie Marcus sie macht.

Esolen weiter:

Ligia becomes the means of Marcus’ salvation. She is so not because she meets him halfway, becoming a little bit debauched for the debauched, or a little bit of a whore for the whoremonger. Had she done so, Marcus would have had his way with her, enjoying her for a while, and then tiring of the emptiness.

We do not become impure for the impure, dishonest for the dishonest. Such qualities are not actually things in themselves, but deficiencies or corruptions. When a man is hungry, we do not feed him with cardboard. We give him real meat and bread. When a man is shivering with cold, we do not give him rags. We give him real clothing.

(Hervorhebungen von Catocon)

Wenn Jesus sagt wir sollen uns zu den Sündern begeben, so wie er gekommen ist, um die Sünder zu retten, dann meint er nicht, wir sollen die Sündhaftigkeit der Sünder annehmen oder entschuldigen, um irgendwie zu zeigen, dass „wir ja alle im gleichen Boot sitzen“. Er meint, dass wir den Irrenden Wahrheit, den Hungernden Brot, den Dürstenden Wasser, den Sündern Heiligkeit, den Unterdrückten wahre Freiheit bringen sollen. Den Grund dafür nennt Esolen auch: Das Böse ist gar nicht an sich, sondern immer nur als Parasit einer eigentlich guten Qualität oder Eigenschaft. Es saugt das Gute aus, nährt sich an ihm. Sexualität ist etwas sehr Gutes, und gerade deshalb ist ihre Perversion etwas sehr Schlechtes. Und gerade weil Freiheit ein hohes Gut ist, vermag sie so viel Schaden anzurichten, wenn sie pervertiert wird. Ähnliches gilt für alle menschlichen Güter.

Doch was will uns Heutigen das sagen? Die Antwort gibt Esolen ebenfalls:

Modern man is like Marcus. He no longer knows what his body is for. He has no sense of the integrity of the person, body and soul, as cooperating with God in the making of new life.  He has at best a hazy view of the eternal love for which we are made. He is hungry and cold.

Der moderne Mensch, so Esolen, weiß nicht mehr, wofür sein Körper ist. Er weiß mehr über seinen Körper als jede frühere Generation. Aber er kennt nicht mehr den Zweck, den Gründ für seinen Körper. Er glaubt, der Körper sei ein Instrument, das er benutzen könne wie und wann er wolle („Mein Körper gehört mir!“) Er erkennt nicht mehr, dass er als Person, als Bild Gottes, zur Liebe berufen ist. (Liebe, in diesem Sinne, bedeutet aber nicht bloß ein Gefühl, sondern, dem Hl. Thomas folgend, „das (objektiv) Gute des Nächsten zu wollen“, was in der christlichen Theologie das Fachwort „caritas“ zugewiesen bekommen hat). Diese Liebe äußert sich in der Beziehung zu Gott, aber im derzeit behandelten Zusammenhang steht die Liebe zum Nächsten im Vordergrund.

Diese Art Liebe hat der heutige Mensch gegen Liebe als Emotion, als Leidenschaft, eingetauscht. Das ist ein Verlustgeschäft, weil die höchsten Formen der Liebe dabei in Vergessenheit geraten. Es ist auffällig, dass der Mensch umso hungriger nach Liebe geworden ist, umso weiter er sich von den Normen der christlichen Moral entfernt hat. Ohne ein solides Wissen um den Zweck des Leibes kann man keine sinnvollen Entscheidungen über ihn treffen. Doch der Zweck des Leibes, hinsichtlich seiner Sexualität, ist Fortpflanzung und, untrennbar damit verbunden, Vereinigung mit dem Partner zu einer unauflöslichen Einheit. Und was der Mensch im Bereich der Liebe vergessen hat, wirkt sich nicht nur auf Ehe und Familie aus, sondern auf die gesamte menschliche Existenz. Alles gerät aus dem Gleichgewicht, wenn man das Ziel, den Zweck aus den Augen verliert. In diesem Sinne ist es auch klar, dass Ligia eine Christin sein muss. Denn natürlich besteht der allerletzte Endzweck der ganzen Schöpfung in Gott.

Der heutige Mensch ist dagegen orientierungslos. Er driftet vom einen Ort zum nächsten, ist nirgendwo verwurzelt, und ist auch mit niemandem untrennbar verbunden. Es ist ein Leben als Nomade – welch ein Rückschritt für den Fortschrittlichen!

Esolen verweist dann noch auf einige der Auswirkungen dieses Auseinanderbrechens der Gesamtschau, des Zerfalls des einen Endzwecks in viele kleine subjektive, vom Menschen gemachte, Zwecke, von denen keiner dem Menschen wirklich gerecht werden kann, weil das Wesentliche – oder vielmehr: der Wesentliche – fehlt. Die Auswirkungen die Esolen nennt, ergeben in der Summe den totalen Zusammenbruch unserer Hochkultur und einen Rückfall in barbarische Zeiten. Es ist nichts weniger als die Entzivilisierung der Zivilisation. Und wir eilen weiter voran, unermüdlich, alle Zäune einreißend, immer unbefriedigt dem nächsten Tabubruch nachhaschend, in der vergeblichen Hoffnung, er möge uns endlich erfüllen. Doch erfüllen kann uns nur das Wahre: Nur die Wahre Liebe, die Wahre Schönheit, die Wahre Freiheit und so weiter. Doch Jesus sagte, er sei die Wahrheit. Er hat sie nicht nur – er ist sie. Daher kann auch nur er uns erfüllen.

Esolen schließt brillant:

Modern man, then, needs to behold that virtue that spiritualizes the body, uniting the natural appetites in an integral orientation towards what is holy. That virtue is purity

Dem ist vorbehaltlos zuzustimmen. Solange der Mensch „seinen“ Körper nur als materielles Werkzeug begreift, wird der im Westen begonnene Verfall sich immer weiter ausbreiten, da auch der Westen sich ausbreitet, durch die ökonomische Globalisierung, die durch und durch westlich ist – nicht nur aufgrund der Tatsache, dass es derzeit noch westliche Kulturen sind, die im globalen Wettbewerb die Nase vorn haben, sondern aus dem tieferen Grund, dass die Werte, die der Globalisierung zugrunde liegen, wie etwa der Universalismus, letztlich Perversionen der Christlichen Kultur des Westens sind.

Den Körper als „spirituelle“, geistliche Realität zu begreifen und ihn entsprechend zu behandeln, ist in der Tat notwendig. Denn unsere Leiber sind ein Tempel des Heiligen Geistes (1. Kor 6:19), wie schon Paulus wusste.

Was Gott zusammengeführt hat… (Teil 2)

(Dies ist der zweite Teil eines Artikels zum Thema Scheidung, anlässlich der Legalisierung der Scheidung in Malta. Im ersten Teil hatte ich zum Thema hingeführt und dann die Aussichten Maltas für die Zukunft im Hinblick auf die breitere Thematik stabiler Ehen und Familien untersucht. Nun kommen wir zu den zwei offengebliebenen Fragen.)

2. Auswirkungen auf Ehe und Familie im Allgemeinen

Bei der Argumentation zum vorstehenden Punkt hatten wir die Frage nach Ehe und Familie schon kurz berührt. Jetzt wollen wir jedoch etwas genauer auf die naturrechtlichen und moralischen Grundlagen eingehen, die bereits vor der religiös motivierten Einsicht in die Worte Jesu und der Kirche erkennbar sind. Die Integrität einer jeden Gesellschaft basiert auf der Stärke ihrer Familien. Doch Familien können nur aus sich heraus stark und verlässlich sein, wenn die Ehen, die die Grundlage für sie bilden, stark und verlässlich sind. Das ist aber wiederum nur der Fall, wenn jedes Familienmitglied sich sicher sein kann, dass eine Ehe, die einmal geschlossen worden ist, auch bestehen bleibt. Und während zwar theoretisch einige wenige rechtliche Ausnahmetatbestände für wirkliche Härtefälle vom weltlichen Standpunkt aus bedenkenlos hinnehmbar wären, zeigt die Erfahrung, dass es niemals bei diesen Härtefällen bleibt. Scheidung wird mehr und mehr als Gewohnheitsrecht und selbstverständlicher Teil des Gesellschaftssystems begriffen. Daher ist schon das Zulassen weniger Ausnahmetatbestände der erste Schritt auf dem Weg zur Zerstörung der Integrität der Ehe, und damit der Integrität der Familie, und schließlich zur Zerstörung der Gesellschaft.

Der empfundene Zuwachs an Freiheit, der durch liberale Scheidungsgesetze entsteht, ist sowohl kurzlebig als auch weitgehend illusorisch. Kurzlebig, weil eine Gesellschaft mit liberalen Scheidungsgesetzen im Laufe der Jahre und Jahrzehnte auf schwerwiegende strukturelle und teils sogar finanzielle Probleme stoßen wird, deren Lösung mehr und mehr staatliche Gesetzgebungstätigkeiten erfordert. Und dies führt langfristig selbst bloß von der Perspektive der Freiheit gesehen, zu weniger Freiheit. Daher ist die durch Scheidung gewonnene Freiheit kurzlebig. Doch selbst diese kurzlebige Freiheit ist wesentlich illusorischer Natur: Wer frei ist sich zu scheiden, ist nicht frei sich dauerhaft zu binden. Die Legalisierung der Scheidung fügt die Freiheit hinzu, seinen Ehepartner zu verlassen. Sie nimmt die Freiheit hinweg, in einer sicheren, dauerhaften Paarbindung zu leben. Nicht alle Menschen werden sich scheiden lassen – aber alle könnten es. Die Verlässlichkeit der Bindung entfällt. Doch wenn ein Partner den anderen jederzeit verlassen kann, dann ist keiner der Partner mehr frei, eine unauflösliche Bindung einzugehen. Der englische Autor G.K.Chesterton schrieb einmal (in seinem Buch „Orthodoxy“), er lege besonderen Wert auf die Freiheit sich zu binden, und an seine Versprechen wirklich gebunden zu sein. Diese Freiheit verliert man in einem Regime liberaler Scheidungsgesetze unwiderruflich. Die Liberalisierung der Scheidung gibt eine Freiheit dazu, nimmt eine andere hinweg. Unterm Strich ändert sich nichts – nicht mehr und nicht weniger Freiheit, sondern nur eine andere Art Freiheit: Ist Scheidung illegal, hat der Mensch die Freiheit zur Verlässlichkeit, ist sie legal, hat er die Freiheit des Verlassens. Menschen, die sich immer ein Hintertürchen aufhalten und niemals an ihre Versprechen gebunden sein wollen, werden sicherlich die zweite Art Freiheit bevorzugen. Doch die moralische Qualität eines Menschen, der Freiheit bloß als Recht auf Unzuverlässigkeit und Anspruch auf Beliebigkeit versteht, lässt zu Wünschen übrig – nicht nur von einem traditionell katholischen Standpunkt.

Der Zuwachs an Freiheit, der durch Scheidungsliberalisierung zu entstehen scheint, ist also sowohl kurzlebig als auch illusorisch. Der Verlust an gesellschaftlicher Stabilität hingegen ist dauerhaft und real. Selbst vom Standpunkte der bloß weltlichen Vernunft ist Scheidung generell abzulehnen und in keinem Falle zu rechtfertigen. Für wirkliche Härtefälle gibt es die Möglichkeit des Getrenntlebens. Dies ist, wie gesagt, vom Standpunkt der rein weltlichen Vernunft bereits der Fall. Das Scheidungsverbot ist nicht bloß Teil der christlichen Offenbarung, sondern schon Teil des moralischen Naturrechts. Es ist daher zugänglich für jeden gutwilligen Menschen, der sich ernsthaft und informiert Gedanken über das gute Zusammenleben in der Gesellschaft – also über Ethik – macht. Es setzt keinen Offenbarungsglauben voraus. Der Offenbarungsglaube des Katholizismus bestätigt oder ratifiziert hier nur noch bereits aus natürlicher moralischer Reflektion erlangte Einsichten. Auch ohne die Offenbarung des Christentums, ohne Neues und Altes Testament, ohne Bibel, ohne kirchliches Lehramt, wäre Scheidung verwerflich und nicht im Interesse des Gemeinwohls.

Daher ist, nebenbei erwähnt, ein Scheidungsverbot selbst vom Standpunkt des modernen säkularen Staates aus betrachtet, kein Eingriff der Religion in die Gesetzgebung, sondern höchstens ein Eingriff der natürlichen moralischen Vernunft – die vermutlich selbst säkulare Staaten nicht ablehnen.

3. Lehren für Katholiken aus dem Fall Malta

Die erste und wesentliche Einsicht, die wir als Katholiken aus dieser Situation ziehen sollten, ist, dass wir uns in dieser Frage keinesfalls auf religiöse Erklärungsmuster zu verlassen brauchen. Solche Erklärungsmuster stellen zwar sicheres Wissen dar (Glaubenswahrheiten), sind aber nur für gläubige Katholiken zugänglich. Der allergrößte Teil der christlichen Moral – darunter ausnahmslos jede heute ernsthaft umstrittene moralische Frage, wie Verhütung, Abtreibung, Euthanasie, Homosexualität und eben Scheidung – gehört nicht zum Glaubensgut im strengen Sinn. Alle Glaubenswahrheiten müssen vom Katholiken geglaubt werden. Jedoch gibt es Glaubenswahrheiten, die sich nicht durch die menschliche Vernunft beweisen lassen (Dreifaltigkeitsdogma, Realpräsenz usw.). Andere Glaubenswahrheiten, vor allem im Bereich der Sittenlehre, lassen sich hingegen durch die Mittel der natürlichen Vernunft aufweisen. Diese weltlichen, nicht-religiösen Argumente für die moralischen Überzeugungen des Christen sind die einzigen, die einen Nicht-Christen überzeugen könnten. Wer Jesus nicht für Gott hält, wird schwerlich seine Maximen für besonders wichtig halten. Aber sachliche Argumente und weltlich-rationale Vernunft lassen sich nicht so leicht leugnen.

Sehr viele Katholiken scheinen diese Argumente aber weitgehend zu ignorieren. Modernisten spielen die Offenbarung kräftig herunter oder leugnen sie glatt, weil sie unpopulär ist und nicht als „zeitgemäß“ erscheint – und im selben Atemzug werden auch die nicht gesellschaftlich respektablen Teile des Sittengesetzes geleugnet, obgleich sie nicht der Kraft der Offenbarung bedürfen – einfach um der Anpassung an den Zeitgeist Willen. Doch auch auf traditionell katholischer Seite geraten die weltlich-ethischen Argumente gegen die Irrtümer der Moderne oft ins Hintertreffen. Hier beruft man sich sehr gern auf die Bibel, die Kirchenväter, lehramtliche Dokumente und dergleichen. Das alles ist gut und richtig und hat seinen würdigen Platz. Aber damit überzeugt man keine Skeptiker – damit hätte man mich vor fünf Jahren definitiv nicht überzeugt. Wenn auch aus unterschiedlichen Gründen, so ignorieren doch die verschiedenen Strömungen innerhalb der heutigen Kirche gern die weltlichen Einsichten der natürlichen Vernunft.

Doch selbst wenn wir die besten nicht auf der Annahme der Gottheit Christi basierenden Argumente vorlegen, werden sich natürlich die meisten Menschen nicht überzeugen lassen. Der Zug Scheidung scheint weitgehend abgefahren zu sein. Lohnt es sich überhaupt, sich darüber noch aufzuregen? Natürlich! Etwas wird nicht dadurch besser, dass es älter ist. Wenn etwas verwerflich ist, dann bleibt es verwerflich, auch wenn alle es akzeptieren. Werden wir die Mehrheit überzeugen? Wahrscheinlich nicht. Sollten wir es versuchen? Klar!

Doch auch wenn das Scheidungsverbot sich aus der natürlichen Vernunft heraus a-religiös begründen lässt, sollten Katholiken natürlich trotzdem versuchen, die Wahrheit zum Thema Scheidung, wenn angemessen und aussichtsreich, auch mit religiösen Argumenten zu begründen. Vor allem, da sich unter den Scheidungsbefürwortern überall auch viele Christen, und eben auch viele Katholiken befinden. Malta ist zu 98% katholisch. Mindestens die Hälfte dieser Katholiken muss für die Liberalisierung der Scheidungsgesetzgebung gestimmt haben – gegen den direkten Aufruf ihrer Hirten. Vermutlich zumindest teilweise unter Berufung auf die angebliche religiöse Neutralität des weltlichen Staates – doch damit kommen wir, wie eben schon einmal erwähnt, in sehr tiefe Gewässer, die ich heute unberührt lassen möchte, bis auf einen einzigen Hinweis: Wenn etwas wahr ist, dann wird es nicht dadurch falsch, dass Atheisten es nicht erkennen können. Und wenn etwas sehr Wichtiges wahr ist, dann ist es die Pflicht aller gutwilligen Menschen, die diese Wahrheit erkannt haben, für ihre Anerkennung, sofern sinnvoll, auch durch staatliche Gesetze zu kämpfen. Das ist keine Theokratie, sondern Nächstenliebe.

Viele weitere Schlüsse ließen sich noch ziehen, doch dieser Artikel ist ohnehin schon lang genug. Daher muss eine weitere Frage genügen, mit deren Beantwortung ich den Leser allein lassen möchte: Wie viele deutsche Bischöfe würden die Liberalisierung der Scheidung in Deutschland rückgängig machen, wenn sie könnten? 5 Prozent? 10 Prozent? Überhaupt jemand? Die Antwort auf diese Frage zeigt, dass möglicherweise das Hauptproblem der Katholiken nicht so sehr in der Überzeugungskraft nach außen zu suchen ist, als im Abfall vom Glauben im Inneren.

Was Gott zusammengeführt hat… (Teil 1)

(Dies ist der erste Teil eines Artikels zum Thema Scheidung, anlässlich der Legalisierung der Scheidung in Malta. Aufgrund seiner Länge habe ich den Artikel in zwei Hälften zerschnitten. Die zweite Hälfte wird in Kürze veröffentlicht.)

Einleitung: Scheidung in Malta

Als vor kurzem per Referendum knapp 53% der Wähler Maltas für eine (vorerst begrenzte) Legalisierung der Scheidung stimmten, endete damit eine Periode der Sonderstellung für das kleine katholische Land: Es war das einzige europäische Land, in dem Scheidung nicht zugelassen war. Am Ende brach Malta unter einer intensiven Kampagne angeblich fortschrittlicher Kräfte zusammen, obgleich die Bischöfe sich auf eine in Deutschland gänzlich unbekannte Art entschlossen gegen das Anliegen des Referndums ausgesprochen hatten. Dass nur knapp 53% der Bürger für die Abschaffung des Scheidungsverbots stimmten, zeigt wie umstritten das Thema war. Und es ist sicher, aus katholischer Perspektive, ein gutes Zeichen, dass fast die Hälfte der Bürger die Ehe für unauflöslich zu halten scheinen. Doch nun, da die Gesetzesänderung infolge des Referendums per Parlamentsbeschluss endgültig angenommen worden ist, muss Bilanz gezogen werden: Was bedeutet die Aufhebung des Scheidungsverbots für Malta und für die Stellung von Ehe und Familie in dem kleinen Inselstaat? Wie ist die korrekte katholische Haltung zum Thema Scheidung? Gibt es überhaupt eine? Zumindest die letzte Frage kann eindeutig mit ja beantwortet werden: Was Gott zusammengeführt hat, soll der Mensch nicht trennen. Für Jesus ist die Ehe grundsätzlich unauflöslich, und dies ist eine der wenigen Fragen, bei denen man selbst aus der Schrift allein kaum einen anderen Schluss zu ziehen vermag, will man die Worte Jesu in ihrer alltäglich verständlichen und ziemlich eindeutigen Formulierung verstehen. Natürlich kann man bizarre und absurde Konstrukte aufrichten, die begründen sollen, dass Jesus „in Wahrheit“ doch etwas ganz Anderes gemeint habe – etwas, das sich besser mit den provinziellen Vorurteilen des Europäers im 21. Jahrhundert verträgt. Doch täuschen wir uns nicht: Jesus war gegen Scheidung, und zwar ausnahmslos. Natürlich bedeutet dies noch nicht, dass ein Staat die Scheidung zu verbieten hat, zumal europäische Staaten heute generell großen Wert auf die Trennung der religiösen und politischen Sphären legen (ob zurecht oder nicht sei hier dahingestellt – das ist zu tiefes Wasser für mein heutiges Anliegen).

Stellen wir uns also die drei Fragen der Reihe nach: Was bedeutet die Legalisierung der Scheidung für Malta? Was bedeutet sie für Ehe und Familie im Allgemeinen? Wie sollten Katholiken mit der Lage umgehen?

1. Auswirkungen der Legalisierung von Scheidung

Natürlich rufen derzeit alle, es gehe ja nur um einige wenige, wirklich zerrüttete Ehen. Und man wolle damit ja eigentlich die Ehe stärken. Einen Ausweg für verzweifelte Paare schaffen. Die Malteser haben sich jedenfalls von derlei „Argumenten“ mehrheitlich überzeugen lassen. Zwar ist die Wahrheit nicht immer auf der Seite der Mehrheit zu finden, aber in Demokratien geht dieser Unterschied aus Staatsraison verloren. Was sind die Auswirkungen der Legalisierung von Scheidungen in der Realität (statt in den Elfenbeintürmen der Sozialingenieure)? Sowohl der gesunde Menschenverstand als auch die Erfahrung aus Ländern, in denen die Scheidung seit langem legal ist, deuten auf ein klares Ergebnis hin: Je leichter eine Scheidung möglich ist, umso weiter geht das gesellschaftliche Ansehen der Ehe zurück, umso mehr schwindet die Erwartung an ein Ehepaar, dass es auch zusammen bleibt, umso schwächer werden die sozialen Verbindungen, das soziale Gefüge, das eine Gesellschaft zusammenhält. Die Ehe ist die Grundlage der Familie, Mann und Frau zeugen Kinder, und die Familie ist die Keimzelle oder Urzelle der Gesellschaft. So lehrt es die Kirche – und so lehrt es schon der gesunde Menschenverstand – ohne Familien gibt es keine Zukunft.

Die Bürger Maltas mögen es nicht wissen, aber hierzulande wird mindestens jede dritte Ehe geschieden, und geschieden zu sein gehört beinahe schon zum guten Ton. Niemand käme in Deutschland oder anderen „fortschrittlichen“ westlichen Staaten auf die Idee, jemanden schief anzusehen, „bloß weil er geschieden ist“. Scheidung ist normal. Und da der längste Weg mit einem ersten kleinen Schritt anfängt, ist die scheinbar harmlose Gesetzesänderung in Malta für diesen Staat der Anfang eines bereits jetzt vorgezeichneten Weges. Die Zerstörung der unauflöslichen Ehe bedeutet ganz praktisch einen Rückgang des gesellschaftlichen Erwartungsdrucks. Was zuerst als mehr Freiheit erscheinen mag, entpuppt sich in der Praxis als tiefes Meer persönlicher und familiärer Tragödien, steigender Kinderarmut (neben Arbeitslosigkeit ist Scheidung der größte Einflussfaktor für Kinderarmut) und einer Vielzahl anderer gesellschaftlicher Übel. Je weiter dieser Prozess voranschreitet, umso stärker wird der Druck auf den Gesetzgeber, sich „der veränderten Situation anzupassen“ und die Gesetze weiter zu „liberalisieren“. Ein Teufelskreis entsteht, in dem jede neue Liberalisierung von einem weiteren Zerfall der Familienstrukturen begleitet wird, der wiederum zu Rufen nach liberaleren Scheidungsgesetzen führt. Eine neue Generation wächst in einer Kultur auf, in der Scheidung nicht mehr als Stigma sondern zunehmend als Selbstverständlichkeit gilt. Diese Generation wird das alte Verständnis der Bedeutung von Ehe und Familie nicht mehr kennenlernen – und daher auch nicht weiter bewahren wollen. Der Druck verstärkt sich dann noch mehr, und immer radikalere Forderungen werden laut.

Wenn es erst einmal so weit ist, dass Scheidung eine Selbstverständlichkeit darstellt, dann hat sich die Vorstellungswelt der Bevölkerung so weit von den ursprünglichen moralischen Werten gelöst, dass der intrinsische Zusammenhang von Ehe und Familie nicht mehr erkannt wird. Wenn man Kinder zeugen und aufziehen kann, ohne verheiratet zu sein (eine notwendige Folge der legalen Scheidung), dann hat sich längst die Einstellung breitgemacht, Kinder bräuchten nicht eine Mutter und einen Vater, sondern irgendwelche „Aufsichtspersonen“ oder „Betreuer“ genügten. Die Folgen sind: Homosexuelle Adoption, zunehmende Auslagerung der Kindererziehung aus der (scheinbar nicht mehr benötigten) Familie, generelles Zerreißen des Bundes zwischen Eltern und Kind. Die weiteren Folgen sind weotreichend: Gibt es einen Sozialstaat in dem betreffenden Land, so wird dieser für die entstandene Kinder- und Mütterarmut und die vielen Betreuungsplätze aufkommen müssen. Selbst die Staatsfinanzen blieben also nicht lange unberührt.

Jeder Mensch kann diese Folgen heute kennen. Sie alle haben sich abgespielt, wo immer man Scheidungen legalisiert hat. Nur ein fester, unauflöslicher Ehebund bietet die notwendige Sicherheit für Kinder (und für die Eltern, die im Falle lebenslanger Verbundenheit viel besser planen und innerfamiliäre Arbeitsteilung organisieren können). Ohne einen solchen durch strenge gesellschaftliche Tabus abgesicherten Ehebund keine starken Familien. Und ohne starke Familien langfristig keine gesunde Gesellschaft, keine Gesellschaft mit Zukunft, sondern ein Auslaufmodell – wie die BRD.

Malta hat sich für die Scheidung entschieden. Der Prozess wird nun auch in Malta seinen Lauf nehmen – schneller und immer schneller. Die Revoluzzer haben ein weiteres Land, das letzte seiner Art in Europa, zu Fall gebracht. Kann man den Prozess umkehren? Theoretisch ja, und man sollte es mit allen legalen Mitteln versuchen. Aber Illusionen braucht man sich keine zu machen. Demokratien, die einmal Scheidung legalisiert haben, schaffen sie nicht mehr ab. Das Volk gewöhnt sich an oberflächliche Freiheiten, ist aber nicht intelligent und interessiert genug, um die tieferliegenden Folgen zu erkennen – die dann auf allerlei Sündenböcke abgeschoben, aber niemals behoben werden. Schon Aristoteles hatte gewusst: Das Verhalten der Bürger in einer Demokratie ist eben oft nicht das Verhalten, das der Demokratie zugute kommt.

Damit kommen wir zum Ende des ersten Teils. Im zweiten Teil werden wir uns die zwei anderen Fragen anschauen.