Ankündigung einer kleinen Serie

Ich habe eine Idee, doch dazu möchte ich erst einmal etwas ausholen und etwas zum Hintergrund sagen:

Am letzten Sonntag wurde mir in der Kirche plötzlich bewusst, dass dies der erste Palmsonntag seit meinem Übertritt zur katholischen Kirche war. Natürlich war mir das theoretisch auch vorher schon bekannt – doch so richtig bewusst gemacht hatte ich es mir vorher noch nicht. Und doch kommt mir vieles schon so vertraut vor, als ob ich nie etwas anderes gemacht hätte. Obwohl Zeit sonst immer sehr schnell vergeht, habe ich nicht das Gefühl erst seit gut 11 Monaten katholisch zu sein und vor 18 Monaten erstmals eine katholische Messe besucht zu haben.

An verschiedenen praktischen Schwierigkeiten merke ich natürlich immer noch, dass ich sozusagen ein „Anfänger“ bin. Die „Veteranen“ des Glaubens, die fast jedes Kirchenlied auswendig können, das schon länger als drei Jahre gesungen wird, höre ich jede Woche. Ich finde das beeindruckend. Man unterstellt mir zwar zuweilen ein gutes Gedächtnis, doch ich glaube, ich könnte noch 100 Jahre katholisch sein, ohne die Gesangbücher auswendig absingen zu können. Bis auf das Vaterunser, das Glaubensbekenntnis und an guten Tagen das Confiteor bin ich auf die in der Kirche reichlich ausliegenden „Spickzettel“ angewiesen. Das wird mir besonders an Tagen wie dem Palmsonntag bewusst. Die Liturgie beginnt draußen, und es gibt keine „Spickzettel“. Die Gemeinde singt aus vollem Hals mit und ich höre dem nicht immer glockenreinen Gesang zu.

Andererseits fühle ich mich nicht überall wie ein Anfänger. Entsetzt stelle ich immer wieder fest, wie wenig die meisten Gläubigen, selbst diejenigen, die sich in der Kirche sehen lassen, über den Glauben wissen. So etwas ist fatal, wenn man sich nicht blind auf die Kirche verlässt, sondern zu allen Fragen, wie heute üblich, seine eigene Meinung haben will. In Gesprächen mit Gläubigen meiner Heimatgemeinde stelle ich fest, dass man sich generell gar keine Gedanken über den Glauben macht. Man ist katholisch, weil man das immer war. Konsequenzen zieht man daraus keine – dazu weiß man gar nicht genug. Und man lernt es auch nicht, weil die Predigten nicht besonders erhellend, sondern mehr aufs Wohlfühlen ausgelegt sind, und auch sonst keine ernsthafte Glaubensvermittlung stattfindet. Selbst die zerredete Liturgie, in der sich alle fünf Minuten jemand berufen fühlt, aus dem Ritus auszubrechen, um irgendeine gutgemeinte Erklärung anzufügen, spricht nicht vom katholischen Glauben, sondern nur von der Kreativität der Gemeinde. Eine gute Liturgie spricht wortlos vom Glauben. Sie kommt ohne langwierige Erklärungen aus, weil die Sprache ihrer Zeichen mehr sagt als tausend Worte. Aber das nur am Rande.

Manche Sachen sind für mich inzwischen selbstverständlich geworden – die Kniebeuge, das Weihwasser, das Kreuzzeichen und die drei kleinen Kreuzzeichen zum Evangelium (die mir am Anfang immer extrem seltsam vorgekommen sind…) Andere Sachen sind zwar in der Theorie selbstverständlich, in der Praxis aber ziemlich schwer. An erster Stelle liegt dabei der Vorsatz, doch endlich das Sündigen sein zu lassen. Theoretisch ganz leicht, aber praktisch schwer. Vor allem, da das Gewissen immer mehr von einem Menschen fordert, wenn er es wirklich zu befolgen versucht. Das Gewissen kann abstumpfen, und dann schlägt es kaum noch Alarm. Doch wenn man sein Gewissen systematisch zu bilden und zu schärfen versucht, dann nimmt es an Empfindlichkeit und Feinfühligkeit zu. Auch die Bemühungen zur Schärfung des Gewissens, die regelmäßige (nicht selten auch vergessene…) Gewissensbeschau, und die Beichte sind inzwischen normal geworden. Sie sind nicht mehr seltsam. Seltsam ist nur, dass sie kaum genutzt werden.

Wenn ich aber, um nicht endlos weiterzuschwafeln, auf das letzte Jahr zurückblicke, dann steht über allen guten und schlechten Erfahrungen, von denen es reichlich gab, über allem, was einmal seltsam war und jetzt selbstverständlich ist, ein Eindruck oder eine Empfindung, die alles überstrahlt, nämlich die Dankbarkeit. Einmal die Dankbarkeit gegenüber Gott für die Kirche, für die Gnaden, die er über mich auszuschütten bereit ist, obwohl ich sie nicht verdient habe. Aber ebenso auch die Dankbarkeit gegenüber den Menschen, die durch ihr Handeln dazu beigetragen haben, dass ich auf die Schätze, die sich in der Kirche verbergen, und die Wahrheit, die in ihnen liegt, überhaupt erst aufmerksam geworden bin, und sie nicht länger einfach so verurteilt oder als absurd abgetan habe. Und damit kommen wir endlich zu meiner Idee… (Was lange währt wird endlich fertig!)

Da sich meine Bekehrung nicht von einem Tag auf den anderen vollzogen hat, sondern ein langer Prozess über mehrere Jahre war, und zumindest in ihrer frühen Phase fast ausschließlich über das Internet und später mehr und mehr durch Bücher geschehen ist, möchte ich in den nächsten Tagen bis Ostern (und wenn ich dann noch nicht fertig bin, auch darüber hinaus) eine Serie veröffentlichen, in der ich eine kleine Auswahl der Bücher und Internetseiten kurz vorstelle, die mir auf meinem Weg zum katholischen Glauben geholfen haben, in der Hoffnung, dass andere vielleicht einen ähnlichen Nutzen aus ihnen ziehen können.

Die Tugend der Dankbarkeit

Ich schaute kürzlich während einer ausgedehnten Periode starken Regens aus dem Fenster. Ich sah ein weißes, dreistöckiges Wohnhaus mit einem dunklen Spitzdach, und dahinter zwei Bäume im Wind. Ihre Zweige und Äste schüttelten und bewegten sich, denn der Wind frischte auf. Plötzlich kam mir in den Sinn, wie wenig wir doch für diese Alltäglichkeiten dankbar sind. Zwei Bäume wiegen sich im Wind. Das ist keine Selbstverständlichkeit, bloß weil wir es tausendmal gesehen haben. Wir glauben, es sei selbstverständlich, dass alles „seinen geordneten Gang geht“, aber das ist eine gefährliche Illusion. Denn so vergessen wir, dass nichts in unserem Leben im strikten Sinne „alltäglich“ ist. Es gibt kein „normales Leben“. Alles ist nur durch den Schöpfungsakt Gottes, alles könnte auch „nicht sein“, denn Gott bedarf der Schöpfung nicht – wir bedürfen ihrer; und Seiner.

Während dieser kurzen Reflektion, oder intuitiven Einsicht, kamen mir die ersten zwei Verse des folgenden kleinen Gedichts in den Sinn, das ich danach verfasste.

Hast heute du dem Herrn gedankt,

dem Herrn von Sturm und Woge,

aus dessen großer Schöpferkraft

all dies einmal entstanden ist,

und ohne ihn verginge?

Hast heute du vorm Herrn gekniet,

dem Herrn von Wind und Regen,

von dessen edler Hand allein

die ganze Welt gefüttert wird,

obgleich sie ihn ermordet?

Hast heute du den Herrn verflucht,

den Herrn von Mensch und Leben,

durch dessen ew’ges Wort allein

du bist und hoffst und schläfst und lebst

als ob es ihn nicht gäbe?