Mut zur Lebensferne

Immer wieder begegnet mir die Aussage, irgendetwas sei „lebensfern“, „lebensfremd“ oder „weltfremd“. Oft geht es dabei um die Kirche. Es sei etwa lebensfremd, dass die Kirche bis heute die Sündhaftigkeit gelebter Homosexualität oder die grundsätzliche Verwerflichkeit von Verhütungsmitteln lehre. So etwas sei den Menschen von heute nicht mehr zu vermitteln. Es ist lebensfern. Diese Aussage ist in der Regel gleichbedeutend mit: „Es soll geändert werden“. Schließlich, so geht die bekannte Rede, müsse die Kirche zu den Menschen gebracht werden. Die Kirche müsse den Menschen nahe sein.

Natürlich stimmt das in einer gewissen Hinsicht auch. Ein Auftrag der Kirche ist tatsächlich, den Menschen zu helfen. In allen Zeiten hat die Kirche sich für die Armen und Schwachen eingesetzt. Selbst Kirchenfeinde würdigen oft ihre soziale Tätigkeit und kaum jemand möchte ernsthaft auf die Leistungen der Kirche in dieser Funktion verzichten – nicht einmal Claudia Roth. Für diese Aufgabe muss die Kirche also ganz nah bei den Menschen sein. Der Helfer muss nah bei den Menschen sein, um helfen zu können und es bringt nicht viel, wenn der Arzt während einer diffizilen Operation zehn Kilometer von seinem Patienten entfernt ist.

Doch selbst wenn wir dies den Agitatoren der „Lebensnähe“ zugestehen, bleibt doch die Frage übrig, ob sich der Auftrag der Kirche in dieser sozialen Tätigkeit erschöpfe. Es ist notwendig, dass die Kirche den Menschen hilft. Doch reicht das schon? Um welche Hilfe geht es dabei? Ist nicht die Aufgabe der Kirche in erster Linie das Seelenheil der Menschen und hilft sie nicht am meisten, indem sie bei der Erlösung hilft? Ist nicht der größte Dienst am Menschen der Dienst an ihrem Seelenheil? Ist das nicht die wahre Grundlage der kirchlichen Tätigkeit?

Was bedeutet es, einem Menschen zu helfen? Man hilft einem Menschen, indem man ihm gibt, was er braucht. Was er braucht kann durchaus etwas ganz anderes sein, als was er will. Der Helfer, und das gilt bei weltlichen ebenso wie bei geistigen Dingen, steht oft vor der Herausforderung, dass der, dem geholfen werden soll, die Hilfe einfach ablehnt. Im Endeffekt muss man das akzeptieren, wenn es sich um einen mündigen Erwachsenen handelt. Wer die Hilfe ablehnt, dem kann nicht geholfen werden. Wer selbst nach hundertfacher Aufforderung nicht klopfen möchte, dem wird auch nicht aufgetan. Am Ende sind die Menschen für sich selbst verantwortlich, und die Kirche kann sie nicht zwingen, sich helfen zu lassen.

Doch sie kann versuchen, sie zu überzeugen. Wenn ein Mensch eine schwere Krankheit hat, und der Arzt weiß, allein die Therapie „x“ kann ihm jetzt noch helfen, dann wird er versuchen, den Patienten von den Vorzügen dieser Therapie zu überzeugen. Vielleicht ist die Therapie schmerzhaft, doch sie ist notwendig, wenn der Patient überleben möchte. Man könnte sagen, der Arzt sei „lebensfremd“, weil er „unbarmherzig“ die Schmerzen des Patienten ignoriert und einfach mit seiner „dogmatischen“, „rigiden“, „unflexiblen“ Therapie fortfährt, ohne sich um die offensichtlichen Bedürfnisse des Patienten zu kümmern.

Niemand würde dies ernsthaft behaupten. Der Arzt möchte den Patienten retten, und deswegen rät der Arzt seinem Patienten zu der schmerzhaften Therapie. Das ist keine Lebensferne, und keine Unbarmherzigkeit, sondern einfach gesunder Menschenverstand.

Dasselbe gilt für die Kirche. Auch sie möchte den Menschen helfen. Auch die Therapie, die sie den Menschen anbieten kann, hat öfters schmerzhafte Nebenfolgen. Man muss von seinen Sünden ablassen, stetig gegen sie ankämpfen. Man muss umkehren. „Kehrt um! Das Himmelreich ist nahe!“, sagt Jesus. Bei vielen Menschen, etwa bei Ehebrechern, ist es notwendig, den ganzen Lebenswandel zu ändern und völlig neu anzufangen. Das kann schmerzhaft und schwierig sein, und wer wollte es dem Einzelnen verübeln, dass er Ressentiments gegen den Arzt entwickelt, der so eine schmerzhafte Therapie verordnet. Das kommt auch bei wirklichen Ärzten manchmal vor.

Doch allein der gesunde Menschenverstand sagt schon, dass eine notwendige Therapie auch dann notwendig bleibt, wenn sie unangenehm ist. So etwas ist in gewisser Hinsicht „lebensfern“, weil man von dem konkreten Schmerz absehen und gewissermaßen die Vogelperspektive einnehmen muss. Man muss das Ganze in den Blick nehmen. Und vor diesem Ganzen relativiert sich der weltliche Schmerz, der auftritt, wenn etwa der Ehebrecher zu Umkehr, Reue, Buße aufgerufen wird, und den ernstlichen Versuch unternimmt, diesen Weg auch tatsächlich zu gehen.

Aus der Vogelperspektive, ganz fern vom einzelnen, individuellen Leben und seinen alltäglichen und besonderen Sorgen, wird sichtbar, dass der Schmerz der Umkehr, die Umstellung des eigenen Lebenswandels, nicht einmal ein kleines Staubkorn ist, wenn man ihn mit dem Lohn vergleicht, der den Heiligen im Himmel erwartet.

Denn eines wird oft vergessen: Das Leben, das wahre Leben, endet nicht mit dem Tod. Der Tod ist nicht der Anfang vom Ende, sondern das Ende vom Anfang.

Oft ist es daher notwendig, diesem Leben fern zu sein, um jenem ganz nahe zu kommen. Unsere Schätze als Christen liegen im Himmel und nicht auf Erden, und keine noch so attraktive Geliebte kann so verzückend sein, wie die Ewige Anschauung des Herrn, der die Liebe ist.

Aber ja, das ist alles lebensfern und weltfremd. Es holt die Menschen nicht da ab, wo sie sind. Viele werden das weder hören noch verstehen wollen. Es spricht den Menschen von heute nicht an.

Na und?

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Wulff und die Eidbrecher

Eigentlich hatte ich mir fest vorgenommen, zu diesem Thema nichts zu sagen und es vollständig zu ignorieren. Dieses Schweigen werde ich mit dem vorliegenden Beitrag auch nur insofern brechen, als Wulff und die ihn umgebende Affäre der Anlass für die folgenden Worte ist. Die diversen Details der Debatte um die Verfehlungen des (Ex-)Bundespräsidenten überlasse ich anderen.

Was auch immer man am Ende dem Herrn Wulff wird vorwerfen können – es gilt ja nach wie vor die Unschuldsvermutung, auch für Menschen des öffentlichen Lebens, und verurteilt ist er noch nicht – der Fall Wulff gewährt uns einige interessante Einblicke in die Seele unserer Gesellschaft, und ganz besonders der Medien- und Politikelite.

Obwohl ich mir Mühe gegeben habe, die obsessive Berichterstattung nur am Rande zu verfolgen, habe ich in den „Nachrufen“ auf seine kurze Präsidentschaft mindestens vier oder fünfmal gehört, es sei wenigstens positiv, dass er „frische Luft“ ins Schloss Bellevue habe einziehen lassen, dass er „eine moderne Patchworkfamilie“ gelebt habe, und nicht an diesen alten verstaubten Klischees festgehalten hätte, die scheinbar kaum noch jemand für wichtig hält. Was allerdings daran positiv sein soll, wenn das Staatsoberhaupt, welches ja auch unser Land repräsentiert, ein stolzer Ehebrecher ist, der sich nicht einmal schämt, seine Konkubine als seine „neue Ehefrau“ auszugeben, kann sich mir beim besten Willen nicht erschließen.

Doch bietet Herrn Wulffs Familienleben einen wichtigen Einblick in sein Verhalten. Wie kann man denn eigentlich von einem Menschen, der einem anderen Menschen ewige Treue geschworen hat, und diesen dann einfach aus Interesse an „jüngerem Fleisch“ im Stich lässt, erwarten, dass er seinen Amtseid einhalten wird? Theoretisch mag es möglich sein, dass ein Eidbrecher wirklich kehrtmacht, und seine anderen Eide nunmehr einhält. Dies ist allerdings, abgesehen von wirklichen religiösen Bekehrungen, mehr als selten. Wenn ich einem Menschen etwas schwöre, und dieser Schwur für mich nur gilt, bis mir was Attraktiveres über den Weg läuft, dann werden auch andere Schwüre für mich in aller Regel nur bindend sein, wenn niemand mir gerade ein attraktiveres Angebot macht.

Treulosigkeit, Eidbrechertum, Betrug, das sind alles Eigenschaften, die man nicht an- und ausknipsen kann, sondern den ganzen Charakter prägen und durchziehen. Wenn ich im Privatleben treulos bin, meine feierlichen, vor Gott gegebenen Versprechen breche, meinen Ehepartner und meine Familie betrüge, dann werden diese Laster nicht vergehen, wenn ich die heimische Tür hinter mir schließe und ins öffentliche Leben eintrete. Mein ganzer Charakter ist dann von ihnen geprägt. Die Trennung von „privat“ und „öffentlich“ hat ihren guten Sinn und ist sehr wichtig, doch sie kann niemals vollständig sein, weil es derselbe Mensch ist, der da im Privaten betrügt und im Öffentlichen ebenso.

Wie jemand glauben kann, ein erklärtermaßen unbußfertiger Ehebrecher wie Herr Wulff könne ein guter Bundespräsident sein, ist mir vollkommen schleierhaft. Wie gesagt, Menschen können sich wirklich ändern, wirklich umkehren. Doch wenn sie das tun, dann kehren sie ab von ihren Sünden und zeigen Reue. Dies war bei Herrn Wulff nicht der Fall. Zumindest in keiner wahrnehmbaren Weise.

Es war ein grundsätzlicher Fehler, einen unbußfertigen Ehebrecher ins Amt des Bundespräsidenten zu wählen, und dieser Fehler erweist sich nun als solcher. Auch vorbildliche Familienmenschen können korrupte Politiker sein. Ehebruch ist keine notwendige Bedingung für Bruch des Amtseides. Aber in den meisten Fällen doch ein hervorragender Indikator für die allgemeine Wichtigkeit, die Eiden zugemessen wird.

Wulff überhaupt zu wählen, war daher ein Fehler, und seinen Rücktritt vermag ich deswegen nicht zu bedauern.

Doch dieser Fehler ermöglicht eine weitere Feststellung. In keiner vernünftigen, christlichen Gesellschaft wäre es denkbar, dass man einen unbußfertigen Ehebrecher nicht nur in das höchste Amt im Staate wählt, sondern noch weiter geht, und dieses unbußfertige Ehebrechertum auch noch zu einer Hauptqualifikation für dieses Amt erhebt. Herr Wulff hat doch im Schloss Bellevue die Neue Normalität, die Moderne Familie, die Patchworkfamilie vorgelebt, und man wurde bis zum Schluss nicht müde, dies als zentrales Verdienst seiner kurzen Amtszeit herauszuheben, selbst nachdem bereits als sehr wahrscheinlich gelten konnte, dass er nicht nur privat seine Schwüre bricht, sondern ihm dies logischerweise dann auch in der Öffentlichkeit nicht mehr viel ausmacht.

Keine christliche Gesellschaft würde einen Menschen von einem politischen Amt ausschließen, weil er einmal Ehebruch begangen hat. Menschen können bereuen und sie können sich ändern. Doch darum geht es hier gar nicht, denn Herr Wulff wurde nicht TROTZ seines Ehebruchs, sondern WEGEN seines Ehebruchs so hochgeschätzt. Es ist die Patchworkfamilie, die Deutschland repräsentieren sollte. Deswegen hat die Partei der Familienzerstörung (CDU) diesen so unbedeutenden wie uncharismatischen und inhaltsleeren Politiker vor sich her getragen wie die sprichwörtliche Monstranz, was diesem Zusammenhang fast schon eine unheilige Brisanz gibt.

(Nebenbei bemerkt könnte man Herrn Wulff fragen, ob er vielleicht wegen der islamischen Polygamievorschriften den Islam so gern anstelle des Christentums als religiöses Fundament dieses Landes etablieren möchte, aber das wäre eine andere Debatte.)

Schließlich ist selbst von Erzbischof Zollitsch immer wieder das Signal ausgesandt worden, Herr Wulff sei doch ein achso guter Christ. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz hat seinen inoffiziellen Segen für den Ehebruch des Herrn Wulff gegeben, was ich vor einigen Monaten kommentierte. Wie kann man unter diesen Umständen noch gegen Ehebruch sein? Oder, um die naheliegende Analogie einmal zu erwähnen, gegen den Bruch des Zölibats? Beide Kirchen* haben in Deutschland zumindest seit drei oder vier Jahrzehnten nicht gerade die Heiligkeit von Ehe und Familie verteidigt, sondern an ihrer Zersetzung nach Kräften mitgewirkt, um weiter in den Genuss staatlicher, zwangsweise von den Gläubigen eingetriebener Kichensteuermilliarden zu kommen. Macht korrumpiert, Entweltlichung heiligt – doch das nur am Rande.

In dieser Gesellschaft ist Ehebrecher zu sein ein Gütesiegel, durch das sich ein Politiker besonders gut als Repräsentant des neuen, modernen Deutschlands und seiner politisch korrekten, mundtoten, aufgeklärten, modernen, gottlosen, fortschrittlichen Untertanen und ihrer Brot-und-Spiele-Mentalität eignet.

Und so wie jedes Volk die Regierung bekommt, die es verdient, so bekommt auch jedes Volk den Bundespräsidenten, den es verdient.

Und nun bekommt es einen neuen Bundespräsidenten, den das Volk auch verdient haben wird.

Ich schließe mit einem Davila-Wort, welches so ziemlich das Problem der heutigen Gesellschaft und ihrer politischen Auffassungen zusammenfasst:

„Der Progressive vergißt, daß die Sünde jedes Ideal, das er verehrt, zum Scheitern verurteilt, der Konservative vergißt, daß sie jede Realität verdirbt, die er verteidigt.“

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Anmerkung: „Beide Kirchen“ ist eine sprachliche Kurzform. Selbstverständlich ist die Katholische Kirche die einzige Kirche in Deutschland, und bei der „evangelischen Kirche“ handelt es sich im strengen Sinne nicht um eine Kirche. Dies nur, um Missverständnisse, wie in einem Kommentar aufgekommen, auszuschließen.

Erzbischof Zollitsch zum Dritten…

Das inoffizielle Motto des Dialogprozesses...

Das inoffizielle Motto des Dialogprozesses...

[Bild auf Aliveandyoung.net gefunden.]

O hätte er doch geschwiegen – und hätten vor allem seine Verteidiger geschwiegen, so wären sie, nicht Philosophen, so doch gute Katholiken geblieben. Doch so, leider, ein drittes Interview des Erzbischofs, in dem er seine Position richtigzustellen versucht. Einige Zitate aus dem Kath.net-Artikel zum Thema:

Erzbischof Robert Zollitsch wehrt sich gegen den Vorwurf, er wolle die Unauflöslichkeit der Ehe infrage stellen. «Das tue ich ganz und gar nicht», sagte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz und Freiburger Erzbischof in einem Interview des «Mannheimer Morgen» (Montag).
(…)
In der Seelsorge stelle sich aber die Frage nach einem «theologisch verantwortungsvollen und pastoral angemessenen Umgang. Darüber gilt es offen und unaufgeregt zu beraten.»

Zuerst ist es natürlich zu begrüßen, dass Erzbischof Zollitsch die Unauflöslichkeit der Ehe nicht aufheben möchte – das könnte er auch gar nicht. Doch dann stößt er leider erneut in dieselbe Kerbe, die ich verschiedentlich (Links siehe unten) bereits kritisiert hatte. Man solle einen „theologisch verantwortungsvollen und pastoral angemessenen Umgang“ finden, über den man „offen beraten“ müsse. Das ist allerdings zunächst einmal eine Leerfloskel. Alle Seiten sind sich einig, dass eine Lösung nur theologisch verantwortungsvoll und pastoral angemessen sein dürfe. Hat jemals in der Geschichte der Kirche jemand behauptet, er wolle theologisch verantwortungslos und pastoral unangemessen handeln? Die ganze Frage besteht doch gerade darin, was denn theologisch verantwortungsvoll und pastoral angemessen sei. Da behaupten die einen, man müsse Wiederverheiratet-Geschiedene zur Kommunion zulassen, und andere lehnen dies ab.

Aus der Unauflöslichkeit der Ehe, zu der Zollisch sich anscheinend in dem neuen Interview bekennt, und dem katholischen Eucharistieverständnis folgt allerdings notwendig der Ausschluss von der Kommunion für Menschen, die nach einer zivilrechtlichen Scheidung in eine neue sexuelle Beziehung eintreten. Das ist keine Frage pastoralen Umgangs, sondern zuerst nur theologischer Wahrheit. Wie man diese Tatsache, diese nicht veränderbare Tatsache, pastoral vermittelt, mit wieviel Fingerspitzengefühl man vorgeht, das alles kann offen und unaufgeregt diskutiert werden. Doch die theologischen Tatsachen stehen nicht ständig offen zur Diskussion. Sie sind eben längst Tatsachen, an denen sich weitere Diskussionen zu orientieren haben.

Aber bei aller Kritik am Erzbischof, die hier in den letzten Wochen laut geworden ist, bleibt er weit unter dem was sein Stellvertreter, der Bischof von Aachen Heinrich Mussinghoff, erklärt. Während Erzbischof Zollitsch die Unauflöslichkeit der Ehe wenigstens noch formal unangetastet lassen möchte, strebt Mussinghoff eine vollständige Protestantisierung des Themas an. Kath.net schreibt:

[Bischof Mussinghoff] betonte, dass keine offizielle Zulassung zu den Sakramenten angestrebt werde. In Einzelfällen sollte aber beispielsweise die subjektive Gewissensentscheidung eines Katholiken toleriert werden, die Kommunion zu empfangen. Auch weil Kinder aus diesen Beziehungen nur schwer in den Glauben finden könnten, wenn ihre Eltern dauerhaft nicht zur Kommunion gehen dürften.

(Hervorhebungen von Catocon)

Das geht über die Worte des Erzbischofs von Freiburg deutlich hinaus. Die Zulassung zur Kommunion zur „individuellen Gewissensentscheidung“ zu machen, erkennt den Primat des Gewissens gegenüber der kirchlichen Lehre an. Wenn mein individuelles Gewissen mir sagt, es sei akzeptabel in Ehebruch zu leben und eine Konkubine zu haben, wer ist dann Gott mir Vorschriften zu machen!? Schließlich bin ich doch ein freier, aufgeklärter, moderner Mensch – ich bin emanzipiert von diesen ganzen verstaubten Autoritäten, die mir vorschreiben wollen, was ich zu tun und was zu lassen habe! Wenn ich Ehebruch begehen will, dann nenne ich das „Neue Erfahrungen machen“ und „mich umorientieren“, und das ist doch nichts Schlimmes! Kirche und Gott haben sich aus meinem Leben herauszuhalten! Außerdem gehe ICH zur Kommunion, wann ICH das WILL. NON SERVIAM!

In dem Moment, in dem die subjektive Gewissensentscheidung eines Katholiken bei einem Thema von öffentlicher Relevanz – etwa wenn ein Paar offen im Konkubinat oder in Ehebruch lebt, wie in diesen Fällen häufig – als ausschlaggebend gewertet wird, hat das Lehramt der Bischöfe offiziell abgedankt. Bischof Mussinghoff fordert nichts weniger als eine zweite Reformation – das Primat des Gewissens.

Damit wird abermals ratifiziert, was die Bischofskonferenz schon mit der Königssteiner Erklärung 1968 angedeutet hat. Wir verneigen uns vor dem Zeitgeist, wir sind ein Fähnchen im Wind, keine Kompassnadel, die immer zum Herrn zeigt. Wir lassen alles zu, solange ihr euer Gewissen zu Brezeln verknoten könnt, um euch selbst zu rechtfertigen. Wir glauben an die Rechtfertigung nicht durch Gnade, nicht durch den Glauben, nicht durch gute Werke, sondern durch den menschlichen Willen. Sünde ist keine Sünde, wenn ihr euer Gewissen vorher erstickt habt, und es jetzt alles mit sich machen lässt.

Der Zustand der katholischen Kirche in Deutschland ist allerdings inzwischen so schlecht, dass selbst die Worte von Bischof Mussinghoff noch gemäßigt und katholisch anmuten gegen das was scheinbar in den normalen deutschen Gemeinden alltägliche Praxis ist:

Unterstützung hatte Zollitsch auch von einzelnen Kirchenrechtlern und Moraltheologen erhalten: Der emeritierte Münsteraner [Münster: Das Große Häreticum für alle, ohne Numerus Clausus! – Anmerkung von Catocon] Kirchenrechtler Klaus Lüdicke sagte, schon heute sei es in Deutschland der Normalfall, Gläubigen, die in einer neuen Ehe lebten, die Kommunion nicht zu verweigern. Das solle die Kirche auch amtlich akzeptieren.

Ist das wirklich so? Ich kenne nur eine Gemeinde, und die erst seit kurzem. Wer dort geschieden ist und wer wiederverheiratet, ist mir vollkommen unbekannt. Wenn in Deutschland wirklich allwöchentlich der Leib unseres Herrn entweiht wird, wenn allwöchentlich mit priesterlichem Segen massenhaft bekanntermaßen in schwerer Sünde lebende Menschen zur Kommunion zugelassen werden, dann repräsentiert Bischof Mussinghoff wohl den traditionalistischen Flügel der Kirche. Man sagt, der Fisch stinkt vom Kopf her. Aber was ist, wenn der katholische Fisch gar nicht vom Kopf her stinkt, sondern von den Füßen?

Natürlich ändert sich an der Lehre der Kirche auch dann nichts, wenn 99,9% oder selbst 100% aller dem Namen nach katholischen Gemeinden gegen sie aufbegehrten. Auch ein spontanes Massenschisma der deutschen Gemeinden vermöchte nicht einen einzigen Buchstaben an der Wahrheit verändern, dass zivilrechtlich geschiedene Menschen, die eine neue Sexualbeziehung mit einem anderen Menschen eingehen, in schwerer Sünde leben. Daher ist es auch manifest falsch, was Eberhard Schockenhoff, einer der bekannteren Radikalhäretiker der Schimatischen Kirche Deutschlands, vertritt:

Der Freiburger Moraltheologe Eberhard Schockenhoff sagte, Zollitsch habe die Unauflösbarkeit der Ehe nicht infrage gestellt. Er wolle nur einen barmherzigeren Weg des Umgangs mit Menschen, deren Ehe gescheitert sei [Von sich aus scheitern keine Ehen – das besorgen schon die Eheleute selbst! – Anmerkung von Catocon] . «Man kann von außen nicht jede Entscheidung für eine zivile Zweitehe als objektiv schwere Sünde qualifizieren», fügte der Theologe hinzu.

Doch, Herr Schockenhoff, OBJEKTIV ist es auf jeden Fall eine schwere Sünde. Inwiefern Menschen für dieses Verhalten die Schuld tragen, hängt natürlich von ihrem Kenntnisstand ab. Wer gar nicht über die Lehre der Kirche und die Wahrheit informiert ist, dessen individuelle Schuld ist anders zu bewerten als die Schuld des wissentlichen und willentlichen Überzeugungstäters. Objektive schwere Sünden liegen vor bei Sünden hinsichtlich einer schwerwiegenden Materie. Die Ehe ist als Sakrament der Kirche auf jeden Fall eine schwerwiegende Materie. Ferner muss die Sünde noch wissentlich und willentlich begangen werden, damit die schwere Sünde auch wirklich schuldhaft ist. Jeder Mensch, der in Deutschland eine Zivilehe eingeht, tut dies willentlich – sonst wäre die Ehe ungültig.

Nun kann es immer sein, dass jemand zum Zeitpunkt des Eheschlusses gar nicht über die objektiv schwere Sündhaftigkeit seines Verhaltes informiert war. In solchen Fällen ist die individuelle Schuld natürlich entsprechend zu reduzieren oder gar zu verneinen. Doch spätestens nachdem ein guter Pastor dem betroffenen Paar die Wahrheit ganz pastoral gesagt hat, liegt die Sache klar. Ein weiteres Persistieren in schwerer Sünde kann dann nicht mehr als „unwissentlich“ gewertet werden, sondern nur noch als „wissentlich“. Dasselbe gilt für einen Priester, der in vollem Wissen um die Situation einem solchen Paar die Kommunion spendet. Was mit Hirten geschieht, die zulassen, dass ihre Schäfchen sich „das Gericht essen“, wie Paulus das ausdrückt, die ihre Schäfchen in den Abgrund stoßen, kann man in der Bibel nachlesen. Jesus, soviel möchte ich verraten, hält nicht viel von schlechten Hirten.

Man kann fürchterlich komplizierte Einzelfälle konstruieren, meinetwegen ein Mensch, der nach einer zivilen Wiederheirat vom orthodoxen zum katholischen Glauben konvertiert, mit einer russisch-orthodoxen Frau verheiratet ist (hier wäre prinzipiell die Interkommunion möglich, wenn ich richtig informiert bin), vier kleine Kinder hat usw. Doch solche extrem seltenen Einzelfälle müssen nicht durch individuellen Gewissensprimat der Betroffenen (Mussinghoff), amtskirchliche Anpassung an gängige häretische Praxis (Lüdicke) oder theologische Diskussion im Dalogprozess (Zollitsch) gelöst werden, sondern durch individuelle pastorale Beratungsgespräche auf der Grundlage kompromisslos feststehender dogmatischer Wahrheit.

Ich hatte gehofft, nach den letzten beiden Wochen nicht jetzt schon wieder negativ über unsere deutschen Bischöfe schreiben zu müssen, aber es bleibt nicht aus. Der Papstbesuch scheint in der deutsch-katholischen Landschaft so einige in Unruhe zu versetzen. Da muss man sich dringend noch einmal von Rom absetzen, um nur ja nicht unter die Räder der rapide rollenden Medienmaschine zu geraten. Man will ja ankommen – um jeden Preis.

Links zu früheren Artikeln über die Zollitsch-Interviews:

Erzbischof Zollitsch und die Häresie

Erzbischof Zollitsch und die Häresie: Weitere Stimmen

„Herr Zollitsch und das Zirkuspferd“

Erzbischof Zollitsch legt nach

Links zur leidigen Zollitsch-Debatte