Der Konservative als Nachhut

Gemeinhin wird in unserem politischen System zwischen fortschrittlichen und konservativen Kräften unterschieden. Die einen, so geht dieser Mythos, arbeiteten auf die Umgestaltung der Gesellschaft durch Reformen hin, die anderen wollten den bestehenden Zustand bewahren. Sofern der heutige politische Diskurs überhaupt noch über kohärente Kategorien verfügt, die sich nicht am unmittelbaren Nutzen einer Wählergruppe oder der ökonomischen, politischen und medialen Elite orientieren, reduziert sich politisches Denken auf die Differenz zwischen Liberalen und Sozialdemokraten bzw. Sozialisten und den Kontrast zwischen Fortschrittlichen und Konservativen.

Nun kann man sich auf den Standpunkt stellen, diese Begriffe hätten einen sinnvollen Inhalt, der sich tatsächlich zumindest ungefähr abgrenzen läßt. Dies ist auch nicht falsch, denn schließlich kann man wirklich relevante Unterschiede zwischen diesen politischen Grundhaltungen oder Ideologien angeben. Doch verdecken diese oberflächlichen Unterscheidungen meiner Erfahrung nach eine viel tiefere Verbundenheit, als die teils heftig ausgetragenen Differenzen zunächst den Anschein machen.

Mögen sich liberale und sozialdemokratische Redner auch über die optimale Höhe der Steuersätze uneinig sein, und mag zwischen fortschrittlichen und konservativen Politikern ein Unterschied etwa über den Ausbau der frühkindlichen Betreuung bestehen, so basieren diese Unterschiede doch wieder auf viel tiefer liegenden Gemeinsamkeiten. So leugnen weder die meisten Liberalen noch die meisten Sozialdemokraten oder Sozialisten, dass der Staat das Recht hat, Steuern einzuziehen – sie streiten sich nur über die Höhe. Sie sind sich einig, dass die Globalisierung so unumgänglich wie großartig ist – nur schwärmen die einen für den globalen Markt, und die anderen hätten am liebsten den Weltwohlfahrtsstaat, der die bösen Kapitalisten in ihre Schranken verweist.

Ebenso streiten sich fortschrittliche und konservative Kräfte tatsächlich über das Betreuungsgeld. Doch sie sind sich einig, dass Männer und Frauen prinzipiell die gleichen gesellschaftlichen und familiären Rollen übernehmen sollen, dass kostenlose „Betreuung“ in Krippen für Kleinkinder überhaupt staatlich unterstützt werden soll, dass spätestens am dem dritten Lebensjahr des Kindes möglichst alle Mütter wieder einer ganztägigen Erwerbsarbeit nachgehen sollen usw.

In allen diesen Fällen überdecken oberflächliche Streitigkeiten eine viel grundsätzlichere Einigkeit. Ein wesentlicher Grund dafür liegt in der Natur des Konservatismus. Es gab einmal eine Zeit, nämlich im 19. Jahrhundert, als nationalistische und liberale Bestrebungen die Avantgarde des Fortschritts und der Modernisierung darstellten. Konservative, die dagegen opponierten, hielten meist an den christlichen Monarchien Europas oder am monarchischen Absolutismus fest. Doch bald verdrängten neue Ideen die Liberalen und Nationalen von der Speerspitze des Fortschritts. Sozialistische und Sozialdemokratische Ideen übernahmen spätestens am Anfang des 20. Jahrhunderts diese Rolle. Liberale, Nationale und Konservative fanden sich nun gemeinsam auf der „Rechten“ wieder – sie alle lehnten die sozialistische Ideologie ab. Unter diesen Bedingungen war es nur sinnvoll, dass sie gemeinsam gegen den Sozialismus antraten. Der Liberalismus, der im 19. Jahrhundert der Linken angehörte, verband sich mit den klassischen konservativen Vorstellungen. Im Laufe der Jahrzehnte ging diese Drift weiter. Spätestens nach dem 2. Weltkrieg waren Liberalismus und Konservatismus in den meisten westlichen Ländern fest verwachsen.

Im Moment erleben wir den nächsten Schritt dieser Entwicklung. Mit dem Aufkommen des radikalen Feminismus und der sogenannten 68er-Bewegung fanden sich klassische Sozialdemokraten der alten Schule immer mehr von der Speerspitze des Fortschritts verdrängt – ebenso wie einige Generationen vor ihnen die Liberalen und Nationalisten verdrängt worden waren. In den USA ist dies besonders drastisch an den Demokraten zu erkennen, die sich mit dem New Deal einer im Wesentlichen sozialdemokratisch ausgerichteten Position zugewandt hatten, nur um dann spätestens 1972 von der Neuen Linken übernommen zu werden, die die Partei heute zu einer Interessenvereinigung transformiert hat, in der enthusiastische Zustimmung zu Abtreibung und Feminismus jederzeit klassische soziale Ziele übertrumpfen. Aber auch in Europa gibt es diesen Effekt. Es sind nicht umsonst gerade die sozial schwachen Schichten, in denen der unartikulierte Widerstand gegen Multikulturalismus, Feminismus und andere Ziele der Neuen Linken besonders stark brodelt, und in denen diverse Protestparteien (gleich welcher Ausrichtung) besonders starken Zuspruch finden.

So werden nun klassische Sozialdemokraten mehr und mehr nach „rechts“ abgedrängt, und finden sich damit in der Position wieder, die die Liberalen ausgangs des 19. Jahrhunderts bereits vorgefunden hatten. Der Marsch des Fortschritts ist weitergegangen, die Avantgarde hat ein neues Hobby gefunden – die „Gleichheit“ von Frauen, Homosexuellen, Ausländern usw. hat die „Gleichheit“ der Arbeiter längst überflügelt.

So verwundert es auch nicht, dass ein Thilo Sarrazin mit seinen Thesen generell als „rechts“ eingeordnet wird, obgleich seine Lösungen meist klassisch sozialdemokratisch sind.

Die alte liberal-national-konservative Koalition, die wohl unter Adenauer und Erhard in Deutschland ihren Höhepunkt gehabt haben dürfte, hat sich im Laufe der Jahrzehnte immer mehr von ihrem konservativen (und damit aufgrund der historischen Bedeutung des Christentums für Europa auch christlichen) Standbein verabschiedet. Faktisch haben explizit christliche oder traditionell konservative (also gegen „Freiheit – Gleichheit – Brüderlichkeit“ und die Werte von 1789 eingestellte) Kräfte praktisch kein politisches Gewicht mehr in den westlichen Ländern. Aus der liberal-national-konservativen Koalition ist wohl schon unter Kohl und Lambsdorff, spätestens aber in der Merkel-CDU das konservative Standbein weggebrochen.

Und angesichts der aktuellen Eurokrise versucht man das nationale Standbein auch zu verscharren, weil es für den Machterhalt der derzeitigen Elite hinderlich geworden ist.

Die „Rechte“ wird – zumindest sofern sie sich nicht nationalsozialistisch geriert (und das ist nur eine winzige Minderheit) – heute nahezu total von einer wirtschaftsliberalen Elite beherrscht, die noch vor 150 Jahren als links und äußerst progressiv gegolten hätte. Die heutige „Rechte“ ist internationalistisch, befürwortet eine globale Marktwirtschaft und einen globalen Nachtwächterstaat, lehnt traditionelle Bindungen an Familie, Heimat, Gott und Vaterland als rückschrittlich und unmodern ab, und möchte sie im Namen von Flexibilität und Fortschritt überwinden.

Die heutige Rechte ist also bloß die gestrige Linke und die gestrige Rechte bloß die vorgestrige Linke. So kann man erwarten, dass die morgige Rechte die heutige Linke sein wird. Diese Tendenzen sind in der Merkel-CDU bereits zu erkennen. Eine Ursula von der Leyen, deren etatistische Allmachtsphantasien wohl früheren sozialdemokratischen Wählern zu extremistisch vorgekommen wären, repräsentiert diese Rechte der Zukunft, die bloß die Linke der Gegenwart ist.

Dies ist letztlich das Problem des Konservatismus. Er bewahrt immer die Irrtümer seiner Vorgänger. Er ist die Nachhut des Fortschritts.

Vorhut und Nachhut sind zwei ganz unterschiedliche Teile einer Formation – doch sie gehören beide zu derselben Formation, selbst wenn sie in ihr verschiedene Aufgaben erfüllen.

Konservatismus ist daher überhaupt keine nennenswerte politische Kraft. Die „Konservativen“ des 19. Jahrhunderts konservierten bloß die politischen Strukturen des 18. Jahrhunderts, so wie die „Konservativen“ des 20. Jahrhunderts krampfhaft am liberalen und nationalen Denken des 19. Jahrhunderts klebten, und wie die heutigen Konservativen stupide die Ideen des 20. Jahrhunderts verteidigen.

„Konservativ“ ist kein politisches Bekenntnis, sondern ein Offenbarungseid. Der Konservative bekennt sich zu den gescheiterten Ideen von gestern, statt zu den Ideen von heute, die erst noch scheitern werden. Weder der Progressive noch der Konservative besitzen die geistige Munterkeit, sich auf die zeitlosen Ideen zu stützen, ganz gleich, ob sie gerade populär sind, oder als absurd gelten.

Der Konservative bewahrt die Strukturen, die der Progressive gestern eingeführt hat. Chesterton definierte den Progressiven als jemanden, der ständig neue Fehler mache, und den Konservativen als den, der die Korrektur dieser Fehler verhindere.

Konservatismus ist daher immer schwammig und fließend. Er beharrt auf Strukturen, nicht auf grundsätzlichen Wahrheiten.

Natürlich gibt es auch Menschen, die sich in Abgrenzung von dem hier beschriebenen Konservatismus als „wertkonservativ“ bezeichnen, um damit anzudeuten, dass sie nicht bloß irgendwelche historisch zufälligen gesellschaftlichen Entwicklungsstadien mumifizieren und für immer beibehalten wollen, sondern dass sie ganz bestimmte absolute, nicht verhandelbare Werte besitzen, in denen sie keine Handbreit nachgeben werden, komme was wolle. Diese „Wertkonservativen“ trifft meine Kritik nicht. Sie sind nicht Nachhut, sondern Überbleibsel. Sie sind der Rest, der sich mit dem Fortschritt gar nicht versöhnen kann, der nicht immer bloß einen Schritt hinter dem Fortschritt herzurennen gedenkt, sondern der starr und unflexibel auf seinen Überzeugungen beharrt.

Wenn sie wirklich fest und treu an den westlichen Traditionen, an Athen, Rom und Jerusalem, festzuhalten gedenken, dann haben sie ein solides Fundament, auf dem ihr Denken und ihr Handeln aufbauen kann. Sie sind keine orientierungslosen Mitläufer des Fortschritts – wie die heutigen etablierten „Konservativen“. Sie sind aber auch nicht gesellschaftsfähig. Sie sind ewige Störenfriede, weil sie sich nicht anpassen wollen und nicht anpassen können.

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EFSF im Kontext der Moderne (2/2)

Dies ist der zweite Teil des Artikels zum Rettungsschirm EFSF im Kontext der Moderne. (Teil 1)

Weitere Strategien: Medien und Mobilität

Zugleich lassen sich aber noch Parallelstrategien verfolgen, die dasselbe Ziel der allgemeinen Bindungslosigkeit verfolgen. Ein wesentlicher Aspekt ist etwa die Medienlandschaft. Massenmedien aller Art begünstigen das Ziel des Staates ebenso wie überhaupt jede Form von unpersönlichem Informationsaustausch. Der Fernseher ist nach bisherigen Erkenntnissen ideal. Man kann die gewünschten Informationen unkompliziert an alle Haushalte übermitteln, und durch den Fernseher wird selbst in noch stabilen Familien das Zentrum der Aufmerksamkeit von den anderen Familienmitgliedern auf eine mechanische Apparatur verlagert, was gleich den Keim dessen in sich trägt, was viele Geschiedene als „sich auseinanderleben“ bezeichnen. Dasselbe gilt auch, in geringerem Maße, für das Radio („Volksempfänger“).

Man täusche sich jedoch nicht. Das Internet, obzwar seine effiziente Kontrolle zugunsten der Zentralisierung momentan noch schwerfällt, bietet enorm chancenreiche Perspektiven für den modernen Staat. Durch Plattformen wie „Facebook“ lassen sich auf bisher ungeahnt effizientem Wege alle möglichen Details über das Privatleben der Menschen ganz ohne Agenten ausschnüffeln, die Vorstellung einer „Privatsphäre“ nimmt ab, was spätere effiziente Kontrolle erleichtert, und ganz nebenbei ersetzen einige Bürger ihre realen Außenweltbeziehungen durch virtuelle Kontakte – die ihrer Natur nach schwächer und dank der weltweiten Vernetzung leichter zu kontrollieren sind. Alles in Allem ist das Internet also ein Vorteil für die Moderne und ihren allmächtigen Staat.

Generell ist ferner Mobilität sehr erstrebenswert. Je mehr die Menschen umziehen, je weniger sie an einem Ort für viele Jahre leben, umso weniger Wurzeln schlägt der Mensch in seinem nächsten Umfeld. Aus Freunden werden Bekannte. Besonders für die Kinder ist es nützlich, wenn sie oft die Schule und den Wohnort wechseln müssen – vor allem, wenn dies an den beruflichen Bedürfnissen der Eltern liegt.

Wohlstandsnomaden

Der so entstandene Bürger ohne familiäre Bindungen, ohne religiöse Überzeugungen, ohne historisches Bewusstsein und daraus erwachsenden Patriotismus, ohne feste, langfristige, persönliche Freundschaften, ohne Bindung an unveränderliche moralische Werte, ohne die Art von Bildung, die es dem Gebildeten ermöglicht, in eine Gemeinschaft mit allen anderen Gebildeten aller Zeiten einzutreten, ist die perfekte Knetmasse für den modernen Staat. Der moderne Wohlstandsnomade ist seinem steinzeitlichen Kameraden nur insofern unähnlich, als letzterem eben nur die Ortsbindung fehlte, dem modernen Nomaden jedoch Bindungen aller Art.

Dieser Wohlstandsnomade ist fast beliebig programmierbar. Ein nationalistischer Staat vermag ihn in einen wilden Hass gegen andere Völker zu peitschen, und er wird sich willig für die Nation opfern. Ebenso kann er zum Selbsthass und Hass auf seine eigene Heimat erzogen werden, indem man ihm einfach mundgerecht die richtigen historischen Floskeln über die Vergangenheit seines Vaterlandes vorlegt (und da gibt es in jedem Land sehr dunkle Flecken, die sich aufbereiten lassen).

Dieser Wohlstandsnomade kann jederzeit zum Sozialisten erzogen werden, aber auch zum Liberalisten, und für beide Ideologien wird er sich willig einsetzen. Er hat keine eigenen Maßstäbe, nach denen er Ideologien messen kann – er hat nur noch, was der Staat ihm gegeben hat.

Wenn es dem Staat angenehm ist, kann er einen geradezu puritanischen (und völlig unbegründeten) Moralismus in seinem Mündel verursachen – gegen Raucher, um ein aktuelles Beispiel zu nennen. Ebenso kann er aber auch zur vollständigen Amoralität gebracht werden.

Mit dem Wohlstandsnomaden hat die Moderne das ideale Nutztier herangezogen. Es ist gleichermaßen einsetzbar für alle Ideologien, es wird sich nicht wehren, es wird nicht verstehen, was man mit ihm macht, es wird sich, wenn man nur für eine Sekunde die Schützende Hand wegzieht, sofort nach derselben sehnen, weil es weiß, dass es außerhalb des Nutztierstalls niemals überleben könnte.

Unabhängig davon, welcher Geschmacksrichtung die gerade aktuelle moderne Ideologie angehört (links oder rechts, national oder international, feministisch oder chauvinistisch, liberal oder sozialistisch, Gleichgültigkeit oder übertriebene Glorifizierung der Natur…), das willige Nutztier steht für den Ideologen mit minimalen Modifikationen bereit.

Der moderne Mensch als williges Nutztier der Ideologen ist natürlich nicht demokratiefähig. Er hat nicht die starke Verankerung in seinem Gewissen und dem natürlichen moralischen Gesetz, die für eine Demokratie nötig ist, er vermag nicht zwischen Gerechtigkeit und seinem persönlichen Willen oder Gefühl zu unterscheiden. Doch das muss er ja auch gar nicht. Er hat ja seine Viehtreiber, die ihm schon sagen, wo er sein Kreuz zu machen hat.

EFSF: Ein kleiner Schritt für die Moderne…

Um nun wieder auf den oben erwähnten aktuellen Anlass zurückzukommen: Die Moderne zeichnet sich durch eine Zentralisierung aus, die durch den Abbau aller Arten von Institutionen ermöglicht wird, welche den Menschen mit anderen Menschen ohne Umweg über den Staat verbinden. Je weiter dieser Staat von den Menschen entfernt ist, je zentraler die maßgeblichen Körperschaften sind, je weniger stark lokaler oder regionaler Einfluss ist, umso stärker verwischen die Unterschiede, die einmal jede Region unverkennbar gemacht haben, und werden erst zu nicht mehr verstandenen kulturellen Artefakten, und dann vergessen. Der Abbau solcher lokaler und regionaler Besonderheiten schwächt wiederum die Fähigkeit der Bürger, sich mit diesen Lokalitäten oder Regionen zu identifizieren, und stärkt daher den modernen Staat. Je mehr eine Region der anderen ähnlich wird, umso geringer ist das Potenzial für Regionalismus oder Lokalpatriotismus. Gleichen sie wie ein Ei dem anderen, so ist eine weitere Quelle zentralstaatsunabhängiger Loyalität eliminiert.

Verschiedene Regionen und Nationen können daher nur noch als „Wirtschaftsstandorte“ gesehen werden, die sich im gegenseitigen Wettstreit befinden. Durch diese Erosion nationaler Loyalität (die auf eine ähnliche Erosion familiärer, religiöser, lokaler und religionaler Loyalitäten folgt) verliert der Bürger eine weitere Ebene staatsunabhängiger Bindung und transzendiert so selbst den dumpfen Nationalismus, der ihm in früheren Zeiten wenigstens noch die toxische Version einer realen Bindung hatte liefern können.

Befreit von diesen ganzen „sentimentalen“ Bindungen an Gott, Familie, Heimat und Vaterland irrt er ziellos umher und nennt dieses Umherirren Freiheit. Während er auf diese Weise sich frei wähnend umherirrt, gehen die Technokraten und Architekten der nächsten Stufe der Zentralisierung an die Verwirklichung des Endziels der Moderne.

In diesem Kontext gesehen, ergibt der als „alternativlos“ verkaufte Rettungsschirm EFSF auf einmal Sinn. Natürlich geht es in erster Linie um Wirtschaftspolitik. Doch letztlich ist die aktuelle Krise – wie viele hundert vor ihr – nichts als ein Vorwand, eine Gelegenheit, die man nicht ungenutzt verstreichen lassen möchte. Nicht vergessen: Der bindungslose Bürger verfügt gar nicht mehr über die innerliche Stärke, einer Krise ins Gesicht zu sehen – er ist der Sklave seiner Ängste, oder vielmehr der Sklave derjenigen, die solche Ängste schüren.

Aber das braucht er ja gar nicht. Schließlich hat er ja ein Herrchen, das ihm schöne kleine Käfige aus reinem Gold zu bauen verspricht. Mit ganz viel Entertainment. Brot und Spiele. Und im Namen der Gerechtigkeit sind alle Käfige dieses sozialplanerischen Zoos der Moderne gleich groß.

Schlussbemerkung: Man kann übrigens in dem obigen Artikel ohne Probleme das Wort „Staat“ jeweils durch das Wort „Großkonzerne“ ersetzen. Die beiden sind Zwillinge. Sie haben im Wesentlichen dieselben Interessen und dieselbe Art von Macht; dieselben Ziele und dieselben Mittel. Es gibt keinen Interessengegensatz zwischen ökonomischer und staatlicher Machtelite. Beide pochen auf mehr Zentralisierung in allen Bereichen – und erst wenn das erreicht ist, werden sie darum kämpfen, ob die nun fertig zentralisierte Macht über Milliarden und Abermilliarden gezähmter Nutztiere nun faktisch in den Händen einer Oligarchie von Konzernchefs oder einer Oligarchie von Politikern liegt.

Mich kümmert nicht im Geringsten, welche Variante am Ende obsiegt. Beide sind prinzipiell abzulehnen.

Verweise:

Stellungnahme des Bundestagsabgeordneten Dr. Frank Schäffler (FDP) im Wortlaut. (Diese Worte waren ein wesentlicher Anstoß für den Artikel. Definitiv lesenswert.)

EFSF im Kontext der Moderne (1/2)

Aus aktuellem Anlass unterbreche ich hier auf Kreuzfährten das übliche Programm katholischen Kommentars eines Konvertiten, um auf einen signifikanten Vorgang hinzuweisen, der durch die Entscheidung zugunsten des sogenannten Rettungsschirms EFSF zwar nicht in Gang gesetzt, aber doch auf eine neue Stufe gehoben worden ist: Die Zentralisierung der politischen Macht in Europa.

Modernisierung und Zentralisierung

Wie ich auf Kreuzfährten bereits dokumentiert habe, besteht eine der zentralen Entwicklungstendenzen der Moderne in der immer weiter fortschreitenden Zentralisierung der Gesellschaft. Waren es im Mittelalter größtenteils kleine lokale Fürsten, die in einem komplexen Netz von Verantwortlichkeiten, Rechten und Privilegien eingesponnen, und zudem noch von der Macht der Kirche eingeschränkt waren, so entwickelte sich dieses hochkomplexe System bald zur Monarchie, also der Herrschaft eines einzelnen Herrschers. Dieser Herrscher reklamierte mehr und mehr quasi-göttliche Autorität für sich, was sich in der Innovation des Herrschers „von Gottes Gnaden“ sowie der Nationalkirchenbewegung des 16. und 17. Jahrhunderts zeigte.

Während die französische Revolution mit ihren Nachwehen in ganz Europa zuerst als eine Art Gegenbewegung gegen die am Hofe zentrierte Macht erscheinen mag, zeigt sich bei genauerer Betrachtung doch auch diese quintessentiell moderne Revolution als eine Entwicklung hin zur Zentralisierung. Später führen das Effizienzdenken im 19. Jahrhundert, die Industrialisierung, sowie dann die Ausbildung der Wohlfahrtsstaaten und zwei Weltkriege in dieselbe Richtung. Mit dieser Entwicklung einher gingen die Zentralisierung von Bildungssystem und Eherecht in den Händen des säkularen Staates.

Dieser nahezu universellen Tendenz zur Zentralisierung liegt allerdings ein anderes Phänomen zugrunde, das man vielleicht so beschreiben könnte: Alle Institutionen zwischen dem Individuum und dem Staat, die das Individuum vom Einfluss des Staates abschirmen, sind mit fortschreitender „Modernisierung“ der Gesellschaft immer schwächer geworden. Was für Institutionen sind gemeint? Alle Institutionen, die für den Bürger alltägliche Bedeutung besitzen, ein Zugehörigkeitsgefühl im Bürger auslösen, ihm einen Platz in einer geordneten Gesellschaftsstruktur zuweisen. An erster Stelle gehören natürlich die Kirche (besonders die katholische Kirche) und die Familie (besonders die Großfamilie mit ihren vielen Verästelungen) in diese Kategorie. Auch vormoderne Gildenvereinigungen, eng geknüpfte lokale Gemeinschaften, ethnische Gruppen und einige mehr passen hinein.

Sie alle haben gemeinsam, dass sie den Bürger vor dem Staat schützen. Sie geben dem Bürger ein dicht geknüpftes Netzwerk von Verbindungen in die Hand, die ihm eine gewisse Resistenz gegenüber staatlichem Druck verleihen. Zudem vermitteln sie ihm eine staatsunabhängige Loyalität, die oft selbst durch direkten staatlichen Zwang nicht zu beeindrucken ist. Das beste Beispiel dafür sind natürlich die Märtyrer der Kirche, denen mit mehr Gewalt nie beizukommen war. Doch auch die Loyalität gegenüber seiner Familie, seiner lokalen Gemeinschaft usw. kann den Menschen unempfindlich gegen mögliche Repressionen machen. Kurzum: Diese vermittelnden Institutionen geben dem Menschen Orientierung, Halt und Sicherheit.

Zum modernen Staat

Der moderne Staat kann mit dieser Art Menschen nichts anfangen. Sie sind zu sperrig, zu störrisch, zu stur für seinen Geschmack. Er kann sie nicht nach seinem Willen formen. Sie müssen umerzogen werden. Also werden sie so früh wie möglich aus ihrer natürlichen Familienumgebung entfernt (am Besten haben sie erst gar keine, was auch erklärt, warum alleinerziehende Eltern oder homosexuelle Adoptionen heute so positiv gesehen werden). Je weniger sie frühzeitig in ihrer Familie Halt finden, umso leichter können sie später im Sinne des Staates geformt werden.

Die Kinder müssen ferner nicht nur in destabilisierten Familienverhältnissen aufwachsen, sondern auch möglichst früh in staatliche oder zumindest staatlich reglementierte Bildungsinstitutionen eingewiesen werden – und dort einen möglichst großen Anteil ihrer Zeit verbringen. Damit sie sicher vor dem Halt sind, den eine Religion bieten kann, ist die Erziehung entweder komplett religionslos und atheistisch zu halten, oder, besser noch, aus einer Vielzahl religiöser Überlieferungen zusammenzustückeln. (Selbst ein konsequent materialistisch denkender Atheist, der wirklich von seiner Weltanschauung überzeugt ist, vermag noch Widerstand gegen die Formung durch den Staat zu leisten. Die ideale Formbarkeit wird erreicht, indem der werdende Bürger überhaupt keine festen Überzeugungen entwickelt, sondern nur ein dumpfes Ressentiment gegen Alles und Nichts, das später je nach Bedarf entweder in irrationalen Hass oder existenzielle Angst umgewandelt werden kann.) Diese Bildung, man könnte von „staatsbürgerlicher Erziehung“ sprechen, ist besonders effektiv, wenn der Schüler wenig tatsächliches Wissen, besonders im Feld der Geschichte, vermittelt bekommt. Die stetige Repetition einiger pseudohistorischer Floskeln verhindert wenigstens, dass der werdende Bürger Wurzeln in der Geschichte seines Vaterlandes schlägt, die wiederum hinderlich für die spätere Nutzbarkeit des Bürgers sein könnten.

Damit das staatliche Bildungssystem diese Früchte aber wirklich tragen kann, muss es von einer Destabilisierung des natürlichen Gewissens begleitet werden. Diese tritt bis zu einem gewissen Grad bereits in der beschriebenen Umgebung mangels moralischer Anhaltspunkte von selbst auf, doch es braucht noch einen weiteren Anstoß, um zur wirklichen Amoralität zu gelangen (und diese ist erstrebenswert, da jeder moralische Grundsatz wiederum eine Bindung an etwas anders als die Wohltätigkeit des Staates bietet und zudem dem Bürger staatsfremde Handlungsanreize gibt).

Dieser Anstoß muss so beschaffen sein, dass der Schüler möglichst früh lernt, sich nicht auf seinen Verstand zu verlassen, sondern auf seine Triebe. Um ersteren zu überzeugen braucht es Argumente, für zweitere reichen Stimuli, die sich problemlos herbeischaffen lassen. Je weniger der Schüler sich selbst verstandesgemäß zu kontrollieren weiß, umso leichter kann er von außen über seine Triebe gesteuert werden. Auf diese Weise kann der lästige Freie Wille des Menschen nahezu ausgeschaltet werden, da die solcherart übermächtig gewordenen Triebe gezielt in die Richtungen gelenkt werden können, in die der Staat möchte.

Einige Effekte der Sexualisierung

Bestens geeignet für diese Aufgabe ist der Sexualtrieb. Er zählt zu den mächtigsten Trieben im Menschen, er verspricht bei korrektem, verstandesgemäßem Einsatz eine der höchsten irdischen Freuden (man kann also leicht alle Gegner des hemmungslosen Umgangs mit ihm als „sexualfeindlich“ und damit freudlos einstufen) und er ist aufgrund seiner Zentralität und Stärke in der Lage den Menschen vollständig zu beherrschen. Ferner kann er jederzeit hervorgerufen werden, selbst durch geschickt placierte Bilder, Worte, oder, sofern die Zöglinge entsprechend trainiert sind, sogar durch noch geringere Stimuli.

Daher lernt der Schüler sehr früh mit seinem Sexualtrieb umzugehen, er lernt, dass es immer gut ist ihn auszuleben, solange man verhütet. Dies hat den schönen Nebeneffekt, dass diese Art der Auslebung des Sexualtriebs oft zu ungewollten Schwangerschaften, und damit zur Nachfrage nach Abtreibung führt – damit kann das Gewissen des werdenden Bürgers weiter abgestumpft werden, indem man ihn dazu bringt, die Tötung der Unschuldigen im Namen seines imperialen, allmächtigen Sexualtriebs zu rechtfertigen. Umwertung aller Werte ist immer gut, da es Bindungen zerstört, die vollständige Kontrolle des Staates über den Menschen verhindern. Nicht vergessen: Solange es auch nur eine Bindung gibt, die den Menschen mit einem anderen Menschen ohne Umweg über den Staat verbindet, ist der Sieg der Zentralisierung (und damit des modernen Projektes) noch nicht total.

Zum Feminismus als Teil des modernen Projekts

Aufgrund der ungewöhnlichen Stärke der Mutter-Kind-Beziehung ist besonders die Frau als Ziel für weitere Umerziehungsmaßnahmen auszumachen. Die Mütterlichkeit der Frau muss aus dem natürlichen Ort ihrer Erfüllung in der Familie heraus umgelenkt werden, da sonst der Kern der Familie mit all ihren schädlichen Bindungseffekten noch nicht beseitigt worden ist. Wo kann diese Mütterlichkeit einen besseren Einsatz finden als in der Berufswelt? Die Berufswelt, besonders in ihrer modernen, flexiblen, computerisierten Büroversion, ist unpersönlich. Aufgrund hoher Personalfluktuation, dem stetigen Wunsch nach Aufstieg (auf Kosten der Anderen, falls nötig), Konkurrenzdenken usw. entstehen nur sehr selten wirklich dauerhafte Bindungen der Freundschaft oder gar der Liebe. die Mütterlichkeit der Frau, die ihr Kind wie eine Löwin verteidigt, wird sich daher ganz von selbst an den einzigen Ort begeben, an der sie in dieser Umgebung Platz finden kann: Sie wird nicht mehr ihre Kinder wie eine Löwin verteidigen, sondern ihren eigenen beruflichen Platz, oder den ihres Unternehmens, ihrer Filiale usw. Die engste natürliche Bindung zwischen Mutter und Kind ist damit umgeleitet auf weitläufigere und vor allem nutzenbasierte Beziehungen. Aus Mutterliebe ist Berechnung geworden, und aus leidenschaftlichem Einsatz für das Kindeswohl brachiale Konkurrenz mit allen Mitteln und angespitzen Ellbogen. Diese Bindung ist damit neutralisiert, und vermag dem Staat nicht mehr gefährlich zu werden – besonders, wenn das neue Objekt der löwenhaften Mütterlichkeit nicht ein eigenes Unternehmen, sondern eine Behörde oder ein Schreibtisch in einem Großunternehmen ist.

Die Mobilisierung möglichst aller Frauen für das Berufsleben ist daher ganz entscheidend für den langfristigen Erfolg der Moderne und der Zentralisierung.

Nun, da die Kernfamilie gesprengt, und ihr Herz herausoperiert worden ist, verstärkt sich der Kreislauf, der oben schon angesprochen worden ist: Denn die nächste Generation wird nun noch bindungsloser sein als die vorige, wächst sie doch mit noch weniger familiärem Halt auf.

Hier endet der erste Teil des Artikels. Teil 2 wird in Kürze veröffentlicht.