Gift und Gegengift – Ein Einschub (Teil 7)

Nach einer Betrachtung allgemeiner Grundzüge des atheistischen Kommunismus in den ersten fünf Teilen befinden wir uns nun in einem Einschub zum Liberalismus. Wir hatten im sechsten Teil einige Grundbegriffe eines katholischen Freiheitsverständnisses anhand der Enzyklika „Libertas Praestantissimum“ von Papst Leo XIII. aus dem Jahre 1888 beschrieben und festgestellt, dass in wesentlichen Punkten ein Konflikt mit dem Liberalismus auftritt, welchen zu beleuchten nun Aufgabe dieses Teils sein soll:

Zur Einstimmung ein Zitat aus Libertas Praestantissimum:

„Wenn man, so oft überhaupt von Freiheit die Rede ist, darunter die gesetzmäßige und sittliche Freiheit verstände, wie die gesunde Vernunft und unsere Darlegung sie erwiesen haben, würde niemand es wagen, die Kirche zu tadeln. Leider geschieht es, indem man ihr in höchst ungerechter Weise den Vorwurf macht, sie wäre eine Feindin der Freiheit des Einzelnen oder des Staates. Sehr viele Folgen dem Beispiele Luzifers, der das gottlose Wort sprach: „Ich werde nicht dienen“, und streben im Namen der Freiheit eine unsinnige Zügellosigkeit an. Dazu gehören die Anhänger jener so weit verbreiteten und so mächtigen Sekte, die Liberale genannt werden wollen, indem sie ihren Namen von der Freiheit (libertas) herleiten. „

In diesem Zitat ist nicht nur das Übel des Liberalismus als solches benannt, sondern auch noch die Person Luzifers, nach dessen Vorbild die Liberalen, ob absichtlich oder unwissentlich, handeln, wenn sie das fordern, was nach ihren Begriffen Freiheit, in Wahrheit jedoch nur Abhängigkeit von der Sünde ist.

Einige wesentliche Grundideen des Liberalismus sind der Rationalismus, die Unabhängigkeit der Moral und die Bedeutung des Volkswillen. Der Reihe nach beginnen wir mit dem Rationalismus:

Der Rationalismus besagt, dass die Vernunft allein (unter Ausschluss des Glaubens) dem Menschen wahre Erkenntnis ermöglicht. Als objektiv und wirklich gültig kann demnach nur das gelten, was allein unter Gebrauch der Vernunft, und darunter ist die instrumentelle, wissenschaftliche Vernunft zu verstehen, zweifelsfrei aufgewiesen werden kann. Wenn nun nach Wittgenstein der Grundsatz gilt, man könne die wichtigsten Dinge, worunter er Moral und Religion rechnete, nicht sagen, sondern nur zeigen, also nicht mit formal logischer Strenge und demonstrativer Sicherheit aus unbezweifelbaren Prämissen herleiten, sondern nur aufweisen, darlegen, dann schließt dies für den Katholiken keinesfalls die Möglichkeit aus, dass auch dieses „zeigen“ noch rational sein kann. Doch der Rationalismus und mit ihm der Liberalismus kann dies nicht dulden. Was nicht logisch oder naturwissenschaftlich zu beweisen ist, kann keine objektive Geltung verlangen. (Was für Moral und Religion bedeutet, dass sie ihre Rechtfertigung aus dem Bereich der persönlichen Erfahrung beziehen müssen, und damit ihre Objektivität und Rationalität verlieren. Im Bereich der Religion ist diese Verlagerung ihrer Rechtfertigung in den Bereich der subjektiven Erfahrungen die Wurzel der modernistischen Irrlehre.)

Doch wenn man Moral und Religion nach den Kriterien des Liberalismus gar nicht rational beweisen kann, dann sind verschiedene moralische Vorstellungen und religiöse Bekenntnisse in letzter Konsequenz nur private, subjektive Optionen. Der gemäßigte Liberalismus duldet ihre Ausübung im Privatbereich durchaus und sehr viele gemäßigt Liberale leben im privaten Bereich durchaus eine sehr strenge Sittlichkeit und ein festes religiöses Bekenntnis aus. Doch im öffentlichen Raum können Moral und Religion dann nichts mehr zu suchen haben. Denn öffentliche Entscheidungen sollten eine rationale Basis haben und nicht der Willkür der Herrscher entspringen. Was staatliches Gesetz wird, was also nach bürgerlichem Gesetz untersagt ist, kann nun nicht mehr dem Glauben oder der sittlichen Wahrheit entspringen, sondern nur noch einer Mehrheitsentscheidung.

Wenn es gar kein objektives Sittengesetz und keinen objektiv wahren Glauben gibt (wie es der radikale Liberalismus behauptet), dann darf sich das menschliche Gesetz natürlich nicht nach diesen Fiktionen richten. Im Namen der Freiheit sind dann immer noch Menschen zu dulden, die diesen Fiktionen anhängen, doch dürfen diese Fiktionen keinen Einfluss auf die Findung menschlicher Gesetze haben.

Wenn der Liberale meint, es gebe ein objektives Sittengesetz und einen wahren Glauben, dies jedoch aus seiner religiösen Erfahrung und seinem privaten Gewissen ableitet, so stellt sich die Lage nicht anders dar. Sein Gewissen sagt ihm etwas und seine religiöse Erfahrung auch, aber sein Gewissen und seine Erfahrung sind subjektiv, privat und nicht geeignet, anderen Menschen Vorschriften zu machen. Menschliche Gesetze vermögen dieses Gewissen und diese religiöse Erfahrung nicht zu rechtfertigen. Doch da jedes Gesetz einer Legitimation bedarf, muss auch der gemäßigt Liberale menschliche Gesetze ablehnen, die sich moralisch oder religiös begründen.

Als Basis für menschliche Gesetze ist damit nur noch die Willensentscheidung der Volksmehrheit verfügbar. Eine Gesellschaft gibt sich dann selbst die Gesetze, nach denen sie leben will. Sie muss dies dann nach den Mehrheitsverhältnissen im Rahmen einer demokratischen oder republikanischen Staatsverfassung tun. (Monarchien sind damit per se illegitim und unterdrückerisch, was auch christlicher Sicht nicht notwendigerweise so ist).

Diese drei Grunddogmen des Liberalismus – Rationalismus, Unabhängigkeit von Moral und Volkssouveränität – prägen das Staatsverständnis des Liberalen. Für den Liberalen ist der Staat nur noch zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung da, die sich das Volk selbst gegeben hat. Um die Stärkung des menschlichen Willens im Angesicht moralischer Versuchungen oder gar den Schutz vor das Seelenheil bedrohenden Irrlehren geht es dem Liberalismus überhaupt nicht mehr. Eine derartige Funktion wäre für den Liberalen völlig unvereinbar mit dem eigentlichen Staatszweck, nämlich der Sicherung möglichst großer persönlicher Entscheidungs und Gestaltungsfreiheiten für die menschlichen Individuen.

Wenn Moral und Religion Privatsache sind, oder zumindest bei der Gesetzgebung keine Rolle spielen dürfen, ist ein nach utilitaristischen Gesichtspunkten gesetztes Recht die logische Folge. Verboten ist, gemäß liberalem Dogma, dann nur noch das, was der demokratische Staat tatsächlich verbietet, und das auch nur, sofern die Begründung des Verbots weder moralischer noch religiöser Natur ist.

Dies ist eine gefährliche Irrlehre, weil alle ihre drei Grundprinzipien falsch sind.

Der Rationalismus ist falsch, weil der menschliche Verstand selbst ohne die Hilfe der Offenbarung zu Einsichten fähig ist, welche nicht dem logischen oder wissenschaftlichen Standard der Rationalisten genügen. Dazu zählen etwa das dem Menschen ins Herz geschriebene Wissen um das natürliche Sittengesetz und auch echtes intuitives Wissen. Zudem ist der Rationalismus falsch, weil es echtes Glaubenswissen gibt.

Die Unabhängigkeit der Moral ist falsch, weil jeder Mensch in seinem Herzen wahre moralische Prinzipien vorfindet, die objektive Gültigkeit haben, und gegen die zu handeln kein Mensch berechtigt sein kann, und weil der Mensch, wie C.S. Lewis in The Abolition of Man (deutsch: Die Abschaffung des Menschen) formvollendet nachweist, überhaupt gar kein anderes moralisches Gesetz „erfinden“ kann als das, was er in seinem Herzen vorfindet, und seine „neuen“ Ideen zu diesem Thema immer nur aus partieller Missachtung dieses moralischen Grundwissens ziehen kann.

Die Lehre von der unbeschränkten Volkssouveränität ist falsch, weil auch das Volk in seiner Gesamtheit oder Mehrheit immer an das natürliche Sittengesetz gebunden ist. Auch die Mehrheit darf keine unmoralischen Gesetze beschließen.

Insgesamt ist die Lehre des Liberalismus falsch, weil auch der Staat die Gebote Gottes befolgen muss. Sie gelten nicht nur für alle Individuen in einem Staat, sondern auch für den Zusammenschluss dieser Individuen im Staat. Es gibt zudem keine Privatmoral, da Moral immer das Handeln von Menschen zum Gegenstand hat, und der Mensch ein Gemeinschaftswesen ist, das immer in der einen oder anderen Form mit Anderen interagiert und sie durch sein Handeln beeinflusst.

Daraus ergeben sich allerlei Folgerungen, die Papst Leo auch zieht, und die hier nur kurz erwähnt werden sollen: Sowohl die moderne Religionsfreiheit, als auch ihre Äquivalente hinsichtlich anderer Gesellschaftsbereiche (Pressefreiheit, Meinungsfreiheit, allgemein Gewissensfreiheit usw.) können nicht durch das natürliche Recht gedeckt werden. Es ist oft sinnvoll, Toleranz zu üben, wenn Menschen verschiedener Religionen, Ansichten, Gewissensentscheidungen usw. zusammenleben, wie dies im modernen Staat in der Regel der Fall ist. Dies kann auch bedeuten, dass man die Ausübung falscher Religionen, das Äußern häretischer Ansichten, das Ausleben des irrenden Gewissens usw. faktisch duldet und diese Duldung sogar zum staatlichen (menschlichen) Gesetz erhebt, solange man beachtet, dass diese Freiheiten eben vom Menschen gemacht und vom Staat aus gutem Grunde eingerichtet worden sind, dass sie aber weder absolut noch universell noch Voraussetzung einer guten gesellschaftlichen Ordnung sind.

Der Liberalismus ist aufgrund seiner zahlreichen Irrtümer und auch aufgrund seiner praktischen Folge, einem Verfall der nun nicht mehr unter öffentlichem Schutz stehenden Sitten, keinesfalls als Alternative zum atheistischen Kommunismus zu empfehlen. Er mag kurzfristig zu einem kleineren Leichenberg führen, doch ist die durch den Liberalismus verursachte Auflösung des Fundamentes des wahren Glaubens und des natürlichen Sittengesetzes ein fruchtbarer Boden für eine Unzahl anderer Ideologien, darunter auch der Kommunismus, die selbst diesen scheinbaren Vorzug des Liberalismus relativieren.

Als Alternative zum Kommunismus ist er für den Katholiken also keinesfalls tauglich. Im nächsten Teil werden wir wieder zur Enzyklika „Divini Redemptoris“ zurückkehren und die Antwort der Kirche auf die Herausforderungen von atheistischem Kommunismus und Liberalismus skizzieren.

Gift und Gegengift – Ein Einschub (Teil 6)

In den ersten fünf Teilen dieser längeren Artikelserie über den atheistischen Kommunismus haben wir uns an einer Passage aus der einschlägigen Enzyklika „Divini Redemptoris“ von Papst Pius XI. aus dem Jahr 1937 orientiert. In dieser Passage wurden wesentliche Grundkennzeichen des Kommunismus und die Bewertung derselben durch die Kirche dargestellt. Man konnte erkennen, dass für die Verurteilung des Kommunismus durch das kirchliche Lehramt bei weitem nicht nur die Frage nach der Legitimität des Privateigentums ausschlaggebend ist, sondern auch eine Vielzahl weiterer Merkmale dieser Ideologie sehr negativ bewertet werden müssen.

In meinem Kommentar hatte ich immer wieder hervorgehoben, dass, abgesehen von der Abschaffung des Privateigentums, sehr viele kommunistische Ideen auch heute noch weithin positiv bewertet und umgesetzt werden, und teilweise sogar nahezu unumstritten als Konsens der Mehrheitsgesellschaft gelten. Dies betrifft einen sehr großen Teil dessen, was heute unter dem Begriff „Feminismus“ läuft, aber auch viele sozialdemokratische Ideen. Weniger offensichtlich, aber nichtsdestoweniger sehr gefährlich sind jene aus dem geistigen Umfeld des Kommunismus stammenden, selbst von Liberalen und vielen selbsternannten Konservativen geteilten geistigen Grundannahmen, darunter das vorherrschende materialistische Weltbild und der universelle Evolutionismus (im Unterschied zur biologischen Evolutionstheorie, über deren Richtigkeit und weder das Lehramt noch irgendeine Ideologie urteilen kann).

Der logisch nächste Schritt, der auch schon im fünften Teil der Serie angekündigt worden ist, besteht nun darin, die inhaltliche Antwort der Kirche aufzuzeigen. Wir wissen nun, dass der Kommunismus zu verurteilen und jegliche Zusammenarbeit mit ihm unzulässig ist. Doch offensichtlich sprechen die diversen Teile der kommunistischen Ideologien real existierende Probleme, wie etwa die Verarmung weiter Teile der Menschheit, an. Diesen Problemen kann man nicht bloß lehramtliche Verurteilungen entgegensetzen. Wir brauchen also einen Gegenentwurf zum kommunistischen Gesellschaftsmodell. Ein solcher Gegenentwurf findet sich in der katholischen Soziallehre, und zumindest zum Teil entwickelte sich diese auch in expliziter Gegenüberstellung zum Kommunismus.

Dies wäre, wie gesagt, der logisch nächste Schritt. Es ist jedoch angemessen, bevor wir diese Aufgabe in Angriff nehmen, einige Worte über andere Gegenentwürfe zum Kommunismus, namentlich den Liberalismus, zu verlieren. Nicolás Gómez Dávila, ein kolumbianischer Autor und Reaktionär, schreibt in einem seiner Scholien, der Kommunismus sei aus dem Liberalismus entstanden. Dies stimmt in historischer Perspektive, aber auch zum Teil ideengeschichtlich und logisch. Und so kann mit Fug und Recht behauptet werden, dass auch die katholische Soziallehre nicht nur eine Antwort auf den Kommunismus, sondern auch auf den Liberalismus ist und ebenfalls zur Abwehr der liberalistischen Gesellschaftsmodelle dient. Das oft fast als Inbegriff der Sozialenzykliken gesehene Rundschreiben „Rerum Novarum“ von Leo XIII. befasst sich hauptsächlich mit der Arbeiterfrage und positioniert sich ebenso klar gegen den damals vorherrschenden Liberalismus, wie „Quadragesimo Anno“ und die anderen Sozialenzykliken bis heute sich von den zu ihren jeweiligen Zeiten vorherrschenden Spielarten des Liberalismus abgrenzen.

Daher folgt nun ein kurzer Einschub über den Liberalismus, dessen Zweck darin besteht, jenen kurz zu definieren, und dann zu erklären, warum der Liberalismus ebenso wie der Kommunismus abzulehnen ist. Dabei werde ich mich hauptsächlich auf die Enzyklika „Libertas Praestantissimum“ von Papst Leo XIII. aus dem Jahre 1888 beziehen, in welchem die Verurteilung des Liberalismus ausführlich begründet und das richtige Verständnis der Freiheit dargelegt wird.

Da es dem Liberalismus inhaltlich wie dem Namen nach um die Freiheit als höchstem Grundwert geht, ist es hilfreich, zunächst den Begriff der Freiheit zu definieren. Doch bereits daran scheiden sich Liberalismus und Katholizismus. Die wichtigste Freiheit des Katholiken ist die Freiheit von der Sünde, also die Freiheit zur Heiligkeit. Alle Freiheiten, welche mit dieser Freiheit in unauflöslichen Widerstreit treten, sind aus diesem Grund abzulehnen. Worin besteht nun das Wesen der Freiheit nach katholischem Verständnis? Es ist immer Willensfreiheit, also die Freiheit des Willens sich so oder anders zu entscheiden, zwischen Optionen zu wählen. Diese Willensfreiheit besitzt jeder Mensch, sie ist unbeschränkt, soweit er die Fähigkeit zur Umsetzung seines Willens besitzt. Doch ist nach katholischem Verständnis die Willensfreiheit immer an die Wahrheit und an die Sittlichkeit gebunden, weil sie ansonsten mit der Freiheit von der Sünde in Konflikt gerät. Es kann also kein unbegrenztes natürliches Freiheitsrecht auf Irrtum oder auf Sünde geben.

Das bedeutet, um ein häufiges Missverständnis auszuräumen, übrigens nicht, dass alle Sünden vom menschlichen Gesetz verboten werden müssten oder sollten. Es ist oft angemessen und sinnvoll, den Irrtum und die Sünde insofern zu tolerieren, als man von ihrer strafrechtlichen Verfolgung absieht. Dies ist ein Unterschied zwischen Naturrecht und menschlichem Recht. Eine menschliche Freiheit zu Irrtum und Sünde ist sehr oft ganz sinnvoll. Sie erspart uns den Tugendterror, den ein fehlbarer Staat unzweifelhaft einrichtete, gäbe man ihm die Vollmacht, jede Sünde und jeden Irrtum zu verfolgen. Doch ist diese Klugheitsregel, die uns etwa in gemischt-konfessionellen Staaten nahelegt, die falschen Religionen zu dulden und ihre freie ungehinderte Ausübung unbeschränkt zu gestatten, oder die die Sünde des Homosexuellen und die Irrlehren der Kommunisten vor Verfolgung schützen, so wichtig und unverzichtbar sie auch ist, keinesfalls ein natürliches Recht. Ein natürliches Recht auf Irrtum und Sünde kann es nicht geben, da Irrtum und Sünde Unvollkommenheiten sind, und ein natürliches Recht auf eine Unvollkommenheit bedeuten würde, dass Gott diese Unvollkommenheit aktiv gewollt hat. Das natürliche moralische Gesetz sagt uns, was wir tun sollen. Hätten wir die natürliche Freiheit zu sündigen oder zu irren, so wären weder Irrtum noch Sünde falsch oder schlecht. Und ein Recht zu Irrtum und Sünde ist nichts anderes als die Freiheit zu irren oder zu sündigen.

Ein menschliches Recht zu irren oder zu sündigen ist oft eine notwendige Konzession an die Unvollkommenheit dieser gefallenen Welt, und ist als solche akzeptabel.

Nach katholischem Verständnis besitzt jeder Mensch Willensfreiheit, doch bestimmte Äußerungen dieser Willensfreiheit sind unzulässig nach natürlichem oder göttlichem Gesetz (Irrtum und Sünde) und eine Teilmenge dieser Äußerungen müssen auch durch das menschliche Gesetz als unzulässig bezeichnet werden (Mord, Diebstahl…). Die Größe dieser Teilmenge kann je nach Bedürfnis der Gesellschaft in gewissem Maß variieren.

Die Freiheit von der Sünde bedarf aufgrund der menschlichen Tendenz zur Sünde immer des Schutzes, welchen bereitzustellen unter anderem Aufgabe der moralischen Erziehung und – hier besonders entscheidend – des bürgerlichen Gesetzes ist. Auch das menschliche Gesetz hat also nicht nur die Aufgabe, die öffentliche Ordnung aufrecht zu erhalten, wie das gern genannt wird, sondern darüber hinaus – in Art und Umfang durchaus variabel – den sittlichen Charakter des Volkes zu stärken. Dies geschieht auf zwei Weisen: Entweder das bürgerliche Gesetz kodifiziert das natürliche oder göttliche Gesetz, indem es bestimmte von diesem untersagte Verhaltensweisen auch unter die Strafe des menschlichen Gesetzes stellt, oder, wie es Papst Leo formuliert:

Andere Gesetze der bürgerlichen Obrigkeit aber fließen nicht unmittelbar und zunächst aus dem Naturrecht ab, sondern in weiterem Abstande und indirekt; sie behandeln verschiedene Dinge, für welche die Natur nur im allgemeinen und ohne genauere Detaillierung Sorge getragen hat. So befiehlt z.B. das Naturgesetz, dass die Bürger sorgen müssen für die öffentliche Ruhe und Wohlfahrt; wie viel sie beisteuern müssen, in welcher Weise, was sie zu leisten haben, wird nicht durch das Naturgesetz, sondern durch menschliche Weisheit genauer bestimmt.

In jedem Fall bedarf also das menschliche Gesetz der Verankerung im natürlichen oder göttlichen Gesetz. Dies verunmöglicht jede positivistische Rechtsauffassung, nach der nur dasjenige falsch wäre, was das Gesetz auch verbietet. Diese Auffassung ist heute sehr weit verbreitet und hat ihre Wurzel im Liberalismus, wozu wir weiter unten noch kommen werden. Das Gegenteil ist jedoch richtig: Nur das menschliche Gesetz, das seine Fundierung in jenem höheren Gesetz hat, vermag überhaupt den Menschen in seinem Gewissen zu binden.

Und hier sind wir an einem grundlegenden Konflikt mit dem Liberalismus angelangt, für den nämlich ein ganz anderer Freiheitsbegriff maßgeblich ist, und der Religion und Moral zur Privatsache erklärt, welche keine Rolle für die menschlichen Gesetze spielen dürfe. Doch dazu mehr im nächsten Teil der Reihe.