Keine natürliche Hoffnung (Teil 2/2)

Dies ist der zweite Teil einer Artikelserie über natürliche und übernatürliche Hoffnung des Christen in der modernen Welt. Im ersten Teil habe ich einen ganz kurzen, inadäquaten historischen Abriss der geistesgeschichtlichen Veränderungen bis zum Liberalismus des 19. Jahrhunderts gegeben, der nun im zweiten Teil fortgesetzt werden soll. Sodann will ich versuchen, einige Schlussfolgerungen aus diesen Entwicklungen zu ziehen.

Letztlich stellt man aber doch fest, dass auch der religionsfreie, säkulare, öffentliche Diskurs nicht rational ist, sondern ebenso „subjektiv“ wie die Religion nach der modernen Konzeption. Nicht nur rein materielle Interessen, sondern auch moralische Werthaltungen sind bestimmend für die Politik. Religion soll Privatsache sein, weil sie keine objektive Gültigkeit beanspruchen kann, sondern nur private Sinndeutung. Doch ohne den Pfeiler der Religion geraten mehr und mehr auch die moralischen Werthaltungen, die bislang im Wesentlichen gar nicht angetastet worden waren, unter den Verdacht der Subjektivität. Locke begründete seine liberale Moral noch eindeutig mit dem Besitzanspruch Gottes; aber selbst Kant kann seine Moral nicht zureichend begründen ohne Gott als „Postulat der praktischen Vernunft“ wiederzubeleben. Die Utilitaristen versuchen im 19.Jahrhundert eine säkulare Moral auf dem Prinzip des diesseitigen Nutzens aufzustellen, scheitern damit aber an der einfachen Tatsache, dass es keinen objektiven Nutzen gibt, sondern so viele verschiedene Nützlichkeiten wie Menschen, und daran, dass man nach dem Nutzen nicht entscheiden kann, weil man ihn nicht kennt, solange man die Folgen einer Handlung nicht absehen kann – und das kann man eben nur selten schon vor der Handlung in zureichender Form.

Trotz all seiner tödlichen Schwächen ist der Utilitarismus in der Praxis heute das vorherrschende sittliche Modell, und damit kann man sagen, es gebe überhaupt kein sittliches Modell, weil Sittlichkeit gerade besagt, dass man das Gute tut, auch wenn es gar nicht nützlich ist. Doch das nur am Rande.

Letztlich muss der moderne Mensch, seiner eigenen Vorstellung von Rationalität folgend, die Möglichkeit einer objektiven Moral fallenlassen. Moral kann nur noch das sein, was das Individuum für gut, nützlich, oder was auch immer befindet. Objektiv bindende Prinzipien kann es nicht geben. Damit ist ein weiterer Schritt auf der Reise in die Gegenwart getan. Der noch in der Aufklärung gegenwärtige Anspruch einer rationalen Moralbegründung ist praktisch erledigt. Doch wenn Moral nur noch die Setzung des Individuums ist, dann ist es ungerecht, diese Setzung anderen Menschen aufzuzwingen, die vielleicht ganz andere Präferenzen haben. Und damit sind wir endlich im 20. Jahrhundert angekommen. Die subjektive Moral des Einzelnen bleibt notwendig Individualmoral. Jeder muss tun, was sein Gewissen ihm diktiert, doch was sein Gewissen ihm diktiert, ist das kontingente Ergebnis sozialer Einflüsse, doch diese sozialen Einflüsse sind vom Menschen gemacht – konkret von den Herrschenden, die den einfachen Menschen unterdrücken. Moral ist das Mittel der Mächtigen, die Schwachen zu beherrschen.

Moral, und das ist jetzt immer bloß die „herrschende“ Moralvorstellung, muss also, im Namen der Interessen der Schwachen, überwunden werden. Hier haben wir den Marxismus, der die „bourgeoise“ Moralität überwinden will. Doch während der klassische Marxismus noch die Produktionsmittel in den Vordergrund stellt, weil er letztlich dem neuzeitlichen, liberalen Materialismus verhaftet ist, erkennt man im 20. Jahrhundert, dass nicht das Sein das Bewusstsein bestimmt, sondern eher umgekehrt, das Bewusstsein das Sein. Bevor die materielle Basis des Eigentums an Produktionsmitteln umgestürzt werden kann, muss man zuerst den Überbau, das heißt die religiösen und moralischen Vorstellungen, umstürzen. Oder, treffender ausgedrückt, man muss sie unterwandern.

Welche moralischen und religiösen Vorstellungen sind das? Nun, die christliche Religion ist zwar im Rahmen des modernen Denkens praktisch erledigt und subsistiert meist bloß noch in einer abgestumpften, rein subjektiven Weise in der modernistischen Theologie, doch sehr viele Menschen sind am Anfang des 20. Jahrhunderts noch fromm und gläubig. Spätestens ihren Kindern muss man dies abgewöhnen. Entsprechend werden Bildungsstätten „säkularisiert“ – Religion darf dort nicht mehr, oder nur noch als individuelle, subjektive Intuition, als ein „Sinnangebot“ unter vielen, existieren. Sie darf nicht mehr als Wahrheit gelehrt werden, und schon gar nicht in Form praktisch gelebter Frömmigkeit (Gebet, Gottesdienst usw.) praktiziert werden.

Doch nicht nur die christliche Religion, sondern auch die „herrschende Moral“ muss als Teil des „bürgerlichen“ Überbaus unterwandert werden. Wie macht man das? Man spielt die natürlichen, ungeordneten Triebe des Menschen gegen moralische Prinzipien aus, und bringt den Menschen bei, ihre Triebe seien doch eigentlich ganz gesund, und es gebe gar keinen Grund sie ständig zu „unterdrücken“, solange „es niemandem schadet“. So etwas sei gar nicht gut. Freud, ob er es nun so meinte, oder nur verdreht wurde, bietet dafür den idealen Ansatzpunkt. Verbindet man ihn mit der kulturell gewendeten Form des Marxismus, wie die „Frankfurter Schule“ ihn lehrt, so kann man ganz erstaunliche Resultate erzielen, was uns in die 60er-Jahre bringt.

Der Angriff auf die christliche Religion ist praktisch erfolgreich abgeschlossen. Nur eine kleine Minderheit, ein kleines gallisches Dorf sozusagen, verteidigt noch den ganzen christlichen Glauben als objektive Wahrheit. Selbst die katholische Kirche ist seit dem letzten Konzil zumindest in der Praxis kaum noch als Trägerin dieser Wahrheit zu erkennen, auch wenn sie es in ihrer offiziellen, lehramtlichen Theologie natürlich weiterhin ist. Diese verbliebenen Gallier, die bösartigen, antimodernistischen Traditionalisten, sind nie ganz zum Schweigen zu bringen, doch es wäre Verblendung, wenn wir glaubten, wir könnten nach Maßgabe menschlicher Kräfte das Blatt noch zugunsten des christlichen Glaubens wenden.

Der Angriff auf die Moral ist auf theoretischer Ebene auch praktisch abgeschlossen. Objektive Moralität wird kaum noch ernsthaft verteidigt. Moral wird entweder aus dem praktischen Nutzen für die Menschheit begründet, oder aus dem Zeitgeist bzw. der Mehrheit, oder einfach, ebenso pervers wie ehrlich, aus bloßem individuellem, nicht weiter begründungsbedürftigem Willen.

Der Angriff auf die Moral in praktischer Hinsicht ist ebenfalls sehr weit fortgeschritten. Zwar erkennen die meisten Menschen – rational betrachtet vollkommen unbegründet – noch einige moralische Haltungen an und versuchen sie auch umzusetzen, doch es ist gelungen, die kulturelle Weitergabe der Sitten von Generation zu Generation auszuhebeln, so dass spätestens in den nächsten Generationen absehbar die noch vorhandenen Spuren irrationaler moralischer Vorurteile (etwa gegen Inzest, Mord, Diebstahl und Pädophilie) fallen werden. Um dies zu verhindern, wäre eine verlässliche Weitergabe moralischer Überzeugungen an die nachfolgenden Generationen notwendig. Doch ohne ein auf sittliche Erziehung achtendes Schulsystem, oder wenigstens sehr starke, sehr eng geknüpfte Familienbande, ist ein solches Projekt wiederum nach Maßgabe der menschlichen Kräfte vollkommen aussichtslos.

Das „christliche Abendland“ hat damit seine christliche Religion in Theorie und Praxis fast vollkommen verloren, und die verbliebenden Kraftreserven sind so schwach, dass sie selbst gegenüber einer kleinen Minderheit entschlossener islamischer Fundamentalisten vollkommen wehrlos ist, und deswegen die Fiktion des „Multikulturalismus“ erfindet, um ihr eigenes Abdanken wenigstens noch ehrbar als „Toleranz“ zu verbrämen. Dasselbe gilt für die christliche Sittenlehre, die unter dem Ansturm der 60er-Jahre zusammengebrochen ist, weil ihre Verteidiger es zugelassen haben, dass die entscheidenden Bastionen ihrer Weitergabe (Familien, Schulen, Medien) in die Hände der moralischen Unterwanderer gefallen sind.

Nach menschlicher Maßgabe gibt es daher keine Hoffnung. Der christliche Westen ist aus eigener Kraft vollkommen unfähig, sich wieder aus seinem Grab zu erhaben. Er ist tot. Hilaire Belloc sagte: Europa ist der Glaube und der Glaube ist Europa. Er hatte Recht. Doch da der Glaube nach menschlicher Maßgabe tot ist, wird auch Europa in Kürze sterben. Man könnte argumentieren, dass die EU bloß noch eine Nachlassverwalterin ist, die aber keinen Wert auf den Nachlass legt, sondern ihn stattdessen veruntreut.

Nach menschlichem Maßstab ist keine Rettung mehr möglich. Das christliche Abendland ist tot.

Doch es gibt da einen, habe ich mir sagen lassen, der nicht an den menschlichen Maßstab gebunden ist, und der auch mit den Toten noch nicht fertig ist. Dieser Jemand trägt den Namen Jesus Christus, und die Schar seiner Getreuen ist zwar klein, doch ebenfalls nicht nur an menschliche Maßgaben gebunden. Thomas Fleming schrieb einmal, wenn die Welt zur Hölle fahre, heiße das ja noch längst nicht, dass man selbst mitfahren müsse. So ist es. Die christliche Kirche ist nicht an bloß menschliche Hoffnungen gebunden. Ihr hat Gott selbst versprochen, dass sie am Ende siegreich aus den Kämpfen hervorgehen wird, weil der eigentliche Kampf, der einzige Kampf, auf den es wirklich ankommt, bereits gewonnen ist – Christus hat den Tod besiegt und uns das ewige Leben trotz unserer Unwürdigkeiten zum Geschenk gemacht.

Jetzt müssen wir es nur noch annehmen, dieses Geschenk, indem wir ihm nachfolgen, als Pilger durch diese Welt, was auch immer in dieser Welt geschehen mag, und das Kreuz auf uns nehmen, wie er vor uns.

Und dann brauchen wir keine bloß „natürliche Hoffnung“ nach „menschlichen Maßstäben“, weil es eine viel größere wahre Hoffnung gibt, nämlich die Hoffnung auf die ewige Schau Gottes, auf die ewige Seligkeit.

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Keine natürliche Hoffnung (Teil 1/2)

Dies ist der erste Teil einer zweiteiligen Artikelreihe. Der zweite Teil wird voraussichtlich morgen veröffentlicht.

Betrachtet man die Lage der westlichen Kultur und der christlichen Religion, auf der sie basiert, so muss man eigentlich zu dem Ergebnis kommen, dass es keine Hoffnung mehr gibt. Seit dem 16. Jahrhundert, in dem allgemein die Entstehung der Moderne angesetzt wird, geht es eigentlich mit der Christenheit bergab. Erst die protestantische Revolte gegen die Kirche, die sich einiger real existerender Missbräuche bediente, um gegen die kirchliche Autorität und das Papsttum aufzuwiegeln, dann die geistige Wende fort von der klassischen Philosophie, eingeleitet von so unterschiedlichen Denkern wie Bacon, Descartes, Hobbes und Locke. Beide Tendenzen, sicher nicht unabhängig voneinander, führten gemeinsam zu einer fortschreitenden Auflösung genau jener Weltsicht, die bis dahin die Grundlage der christlichen Religion, und damit eine der wesentlichen Grundpfeiler der westlichen Kultur gewesen war. Hier ist nicht der Ort, auf die genaue Natur dieser sehr vielfältigen Veränderungen einzugehen – ich möchte lediglich auf ein interessantes Buch von Charles Taylor verweisen, in dem wesentliche Aspekte dieser Veränderung betrachtet werden.

Der Paradigmenwechsel hin zur Vorherrschaft des individuellen Gewissens anstelle kirchlicher Autorität zerstörte die Einheit der Christenheit in Europa. Die Spaltung war keine Spaltung der Kirche, sondern eine Abspaltung von ihr, aber sie war eine Spaltung der Christenheit. Als solche war sie schon destruktiv genug, doch das ist nicht alles. Da sich aus der Schrift allein nur sehr wenig schlüssig und ohne möglichen Widerspruch begründen lässt (wie spätestens die modernen ahistorisch-unkritischen Bibel-„Wissenschaftler“ unwiderlegbar beweisen haben), war der protestantische Teil des Glaubens entweder zum Indifferentismus oder zur ständigen Aufspaltung in immer kleinere Sekten gezwungen. Beides geschah unvermeidlich. Die Hoheit des individuellen Gewissens verunmöglichte jede Unterordnung unter die Offenbarung. Denn was die Offenbarung war, bestimmte wieder der individuelle Mensch durch sein imperiales Gewissen. Religion wurde so unvermeidlich, zuerst unbewusst, später mehr und mehr eingestandenermaßen, zum Ausdruck individueller, gewissenhafter Präferenzen, und konnte, sollte, durfte nicht mehr als Unterordnung unter die von Gott geoffenbare Wahrheit verstanden werden.

Vor diesem Hintergrund ist auch leicht verständlich, warum die Kriegswirren des 16. und 17. Jahrhunderts schließlich zur Festigung des Indifferentismus in den gebildeten Kreisen führten, und so den Grundstein für die „Aufklärung“ legten. Warum sollte man sich über bloße individuelle Präferenzen auch streiten? War nicht das Wichtigste, dass wir, egal welche Streitigkeiten über religiöse Dinge wir auch haben mögen, alle unterschiedlichen religiösen Ansichten tolerierten, und uns auf das konzentrierten, was uns einte? Und das war eben das gemeinsame Bekenntnis zur Verbesserung der diesseitigen Welt. Alles andere konnte, sollte nur noch Privatsache sein.

Gleichzeitig lehnte die moderne Philosophie die klassische Konzeption der natürlichen Teleologie ab. Entscheidend waren nicht mehr aristotelische „Zweckursachen“, die einfach geleugnet oder zumindest für überflüssig erklärt wurden. Alles sollte nun einer materiellen, wissenschaftlichen Erklärung zugänglich sein. Für Descartes gab es die denkende Substanz, die rein geistig und körperlos ist, und die materielle, körperliche Substanz, die nichts Geistiges mehr an sich haben dürfte. Diese Radikalisierung des Dualismus von Körper/Materie und Geist/Seele entfernte aus den materiellen Dingen jede Spur des Geistigen, so dass sie auf eine neue Weise grenzenloser Verfügbarkeit durch die entstehende moderne Wissenschaft ausgesetzt waren. Die Welt sollte nach materiellen Prinzipien erklärt werden. Gott war kein materielles Prinzip. Zunächst fand er noch in einigen Systemen Zuflucht, die ihm seine Rolle als Schöpfer durchaus einräumten, auch wenn sie keinen Platz für direkte Eingriffe Gottes in die Welt mehr fanden.

Dieser Deismus war auch nur die Zwischenstufe zu dem wiederum unvermeidlich heraufziehenden theologischen Modernismus. Wenn Gott nicht materiell war, dann musste er rein geistig sein. Die neue Konzeption der Vernunft, die seit dem 16. Jahrhundert heranreifte, beschränkte Vernunftwissen aber auf nach dem naturwissenschaftlichen Paradigma gewonnene Erkenntnisse. Nach dem naturwissenschaftlichen Paradigma, das keine Zweckursachen kennt, kann man aber keine Erkenntnisse über Gott gewinnen, sondern nur über die Welt, die vielleicht – vielleicht aber auch nicht – als Gottes Schöpfung auszudeuten wäre. Man erkennt leicht, wozu der Paradigmenwechsel führt. Ob Gott wirklich ist, ob die Bibel wirklich Gottes Wort ist, ob Christus wirklich auferstanden ist, und alle weiteren Lehren des christlichen Glaubens, können nicht (natur-)wissenschaftlich bewiesen werden. Doch damit werden sie für das neue Verständnis von Rationalität aus dem Bereich des menschlichen Wissens verbannt. Übrig bleibt nur noch, sie als spezifische, von Person zu Person unterschiedliche, relative Sinndeutung zu verstehen. Religion ist damit in den persönlichen, das heißt subjektiven Bereich zurückgedrängt worden. Hier verstärken sich die geistigen Tendenzen der frühen Neuzeit und die kriegerischen Auseinandersetzungen, von denen vorhin bereits kurz die Rede war.

Doch wenn Religion nur noch subjektive Sinndeutung sein sollte, konnte sie keinen objektiven Wahrheitsanspruch mehr aufstellen. Das wäre ohnehin nur spalterisch gewesen, weil man ja als gemeinsames Ziel die Verbesserung dieser Welt (zunehmend nicht nur als die einzige wissenschaftlich erkennbare, sondern als die wichtigste überhaupt, gesehen) hatte. Wenn man sich über diese entlegenen religiösen Fragen nicht einig wird, dann klammert man sie halt aus. Dies ist die Lösung des Liberalismus. Doch da religiöse Fragen letztlich großen Einfluss auf moralische, aber auch rein praktische Haltungen des Menschen haben, können sie aus dem nun unbeschränkt herrschenden persönlichen Gewissen nicht ausgeklammert werden. Da sie aber, dem Liberalismus zufolge, allein schon aufgrund des großen Konfliktpotenzials, aber auch aufgrund ihrer angeblich fehlenden Wahrheitsfähigkeit (als bloß subjektive Sinndeutungen), keine objektiv bindenden Handlungsnormen zu liefern vermögen, muss der öffentlich-politische Diskurs von religiösen Ideen freigehalten werden. Für den öffentlichen Diskurs wird im 19. Jahrhundert noch Rationalität und Objektivität beansprucht – wir sind in der Hochphase der rationalistischen Moderne. Religion kann diese Rationalität und Objektivität nicht (mehr) bieten, also hat sie in der öffentlichen Sphäre nichts verloren. Religionen, die dies nicht anerkennen, sondern an der traditionellen Konzeption festhalten, werden bekämpft, mal offen, mal versteckt, doch immer entschlossen im Namen der Vernunft.

Fortsetzung folgt…

Rationaler Glaube

In seinem zu empfehlenden Kommentar zur Summa contra Gentiles nähert sich Johannes der Thematik der Gottesbeweise, die ja heute ziemlich diskreditiert sind. Seine These scheint zu lauten, dass man die Vernunft früher für fähig hielt, religiöse Wahrheiten zu erkennen, während man sie heute in eine enge Beziehung zu reinen Gefühlsäußerungen setzt, und dass diese Verschiebung Ausdruck einer breiteren Tendenz in derselben Richtung ist.

Bei Thomas von Aquin und der ganzen klassischen philosophischen Tradition findet sich in der Tat die feste Überzeugung, dass die menschliche Vernunft nicht auf bloß materielle, empirische Zusammenhänge beschränkt werden dürfe, sondern ihre wahre Würde darin bestehe, im Ausgang von elementaren Sinneserkenntnissen und den Gesetzen der Logik auch Aussagen über nichtmaterielle, jenseits der menschlichen Vorstellungskraft liegende Dinge machen zu können. Dass dabei zuweilen übertrieben worden sein mag, möchte ich gar nicht bestreiten. Die menschliche Vernunft ist nicht allmächtig und nicht unfehlbar. Sie kann nicht alle Wahrheiten des christlichen Glaubens aus eigener Kraft erkennen. Doch sie ist auch nicht ganz so machtlos, wie die Moderne sie seit der erkenntnistheoretischen Revolution des 16. und 17. Jahrhunderts darzustellen versucht. Die paradigmatische Wissenschaft ist für die rationalistische Seite der modernen Debatte die Mathematik bzw. die Logik und für die empiristische Seite die empirische Naturwissenschaft. Was sich nicht messen lässt – und daher mit den Mitteln der Naturwissenschaft und der Mathematik nicht verarbeitet werden kann – gibt es für diesen Typus der Wissenschaftlichkeit objektiv gesehen gar nicht.

Philosophie und Religion werden dadurch in der Moderne zu rein subjektiven Angelegenheiten. (Oder man versucht sie zu rationalisieren – nach dem modernen Begriff von Rationalität – was sie ihres spezifischen Charakters beraubt.) Sie verlieren ihre Wahrheitsfähigkeit, weil sie nicht mehr als Aussagen über eine externe, erkennbare Realität betrachtet werden. Diese charakteristische Verschiebung des Wissens- und Wissenschaftsverständnisses stellt Papst Benedikt in seiner hervorragenden „Regensburger Rede“ in beeindruckend klarer Form dar.

Auf der Basis der modernen, naturwissenschaftlichen Vernunft kann die Religion nicht wahr oder falsch sein, weil sie weder in formaler Logik, noch in Mathematik oder Experiment verifiziert oder falsifiziert werden kann. Doch die gesellschaftliche Sphäre soll rational sein – der Religion bleibt einzig der Rückzug ins Private, der dann durch den Liberalismus auch folgerichtig angestrebt wurde. Über dieses Private, so argumentiert man dann ebenfalls folgerichtig, sind verschiedene Ansichten möglich, weil es keine objektiv feststellbare Wahrheit gibt. Damit sind wir beim Pluralismus bzw. religiösen und ethischen Relativismus angelangt.

Man könnte diese geistesgeschichtlichen Entwicklungen weiter verfolgen, und das wäre sicher sehr fruchtbar, doch bereits aus dem Gesagten wird deutlich, dass die Abkehr vom „klassischen“ Vernunftsbegriff weite, die ganze Gesellschaft erschütternde Kreise zieht. Durch die Exklusion von Religion, Philosophie und besonders auch der Sittenlehre aus dem Reich des objektiven Wissens wird eine Entwicklung in Gang gesetzt, die bis heute andauert, und die Grundlagen, auf denen auch die Moderne ruht, nämlich die Möglichkeit rationaler naturwissenschaftlicher Erkenntnis, vollständig auflöst. Wie dies philosophisch genau vor sich geht, zeichnet in englischer Sprache und polemischer Form ganz hervorragend Ed Feser in seinem Buch „The Last Superstition“ nach, wobei er sich mit verständlichen Worten trotz wissenschaftlichen Anspruchs auch an philosophische Laien wendet.

Doch die wichtigste Frage ist, wie meistens, die nach der Wahrheit. Stimmt es tatsächlich, dass der Mensch über Religion durch seine Vernunft nichts herausfinden kann? Ist er wirklich vor die Wahl gestellt, ob er seinen Glauben irgendeiner Offenbarung schenken will, deren Irrationalität er einsehen müsste, wenn er sich mir ihr beschäftigte (ein typisches Kennzeichen des Fundamentalismus), oder Religion zum bloßen Gefühl ohne bestimmten Inhalt werden zu lassen (wie in dem „Christentum“, das in Deutschland Mehrheitsreligion ist)?

Die katholische Kirche hat der menschlichen Vernunft das größtmögliche Kompliment gemacht, indem sie dogmatisch erklärt hat, die Existenz Gottes sei mit den bloßen Mitteln der menschlichen Vernunft nachweisbar. Doch ist dieses Kompliment gerechtfertigt? Für den Katholiken reicht es, dass die Kirche es unfehlbar erklärt hat – „Roma locuta – causa finita“ – doch wird diese Antwort den Nichtgläubigen kaum befriedigen.

Der Hl. Thomas geht noch weiter. Nicht nur die Existenz Gottes kann von der menschlichen Vernunft erkannt werden, sondern auch noch einige weitere Informationen über ihn, etwa seine Güte, dass er weder räumlich noch zeitlich beschränkt ist usw. Er behauptet das jedoch nicht einfach nur, sondern bringt ausführliche Argumente für seine Thesen, antwortet jeweils auf viele mögliche Einwände und bemüht sich nach bestem Wissen darum, fair zu allen Seiten zu sein. Es geht dem Hl. Thomas darum, die Wahrheit zu finden, egal wo sie liegt. Er möchte zeigen, dass er Recht hat, nicht bloß Recht bekommen. Er ist wie Sokrates, nicht wie die Sophisten.

Die Argumente des Hl. Thomas sind bis heute nicht widerlegt, sondern einfach ignoriert worden. Sie stellen auch heute noch die beste Grundlage für den katholischen Glauben dar, gerade weil sie so rational, so durchdacht, so logisch sind. Sie führen den Leser bis an die Grenzen der menschlichen Vernunft, zeigen die Rationalität des Glaubens auf, leugnen jedoch nicht, dass die endliche Vernunft die unendliche Vernunft niemals ganz wird begreifen können, dass es immer Glaubensgeheimnisse geben wird, deren Durchdringen trotz der Fruchtbarkeit unserer Meditationen nie ganz gelingen kann.

Wer sich nicht ernsthaft mit den Argumenten des Hl. Thomas und seinen geistigen Nachfolgern auseinandergesetzt hat, kann wohl kaum für sich in Anspruch nehmen, er habe die Irrationalität des Glaubens erkannt.

Wer wirklich daran interessiert ist, ob die Religion vernunftgemäß ist, kommt an Thomas nicht vorbei. Auf der Basis des traditionellen Vernunftbegriffs kann sich die Religion rational behaupten. Das zeigt Thomas eindeutig. Auf der Basis des modernen Vernunftbegriffs bleiben Glaube und Vernunft unversöhnliche Gegensätze. Wenn man den Hl. Thomas in seinen Grundzügen ablehnt, dann nicht weil seine Argumente schwach oder widerlegt wären, sondern weil man seinen weiten, offenen Vernunftbegriff nicht teilt.

Weil der moderne Vernunftbegriff an der Wurzel der Krise der Moderne liegt, besteht der erste Schritt zur Überwindung dieser Krise in einer Ausweitung der Vernunft über ihre modernen Schranken hinaus, also in einer Rückkehr zum traditionellen Vernunftbegriff, und damit zur klassischen philosophischen Tradition, in deren Zentrum sich der Hl. Thomas befindet.

Und weil die Krise der Moderne an der Wurzel der drängendsten Probleme des 21. Jahrhunderts liegt, ist die Rückkehr zum traditionellen Vernunftbegriff – und damit zu Thomas – kein Akt philosophischer Elfenbeinturm-Mentalität, sondern eine notwendige Voraussetzung für die Lösung der Hauptfragen unserer Zeit.

Gift und Gegengift – Ein Einschub (Teil 7)

Nach einer Betrachtung allgemeiner Grundzüge des atheistischen Kommunismus in den ersten fünf Teilen befinden wir uns nun in einem Einschub zum Liberalismus. Wir hatten im sechsten Teil einige Grundbegriffe eines katholischen Freiheitsverständnisses anhand der Enzyklika „Libertas Praestantissimum“ von Papst Leo XIII. aus dem Jahre 1888 beschrieben und festgestellt, dass in wesentlichen Punkten ein Konflikt mit dem Liberalismus auftritt, welchen zu beleuchten nun Aufgabe dieses Teils sein soll:

Zur Einstimmung ein Zitat aus Libertas Praestantissimum:

„Wenn man, so oft überhaupt von Freiheit die Rede ist, darunter die gesetzmäßige und sittliche Freiheit verstände, wie die gesunde Vernunft und unsere Darlegung sie erwiesen haben, würde niemand es wagen, die Kirche zu tadeln. Leider geschieht es, indem man ihr in höchst ungerechter Weise den Vorwurf macht, sie wäre eine Feindin der Freiheit des Einzelnen oder des Staates. Sehr viele Folgen dem Beispiele Luzifers, der das gottlose Wort sprach: „Ich werde nicht dienen“, und streben im Namen der Freiheit eine unsinnige Zügellosigkeit an. Dazu gehören die Anhänger jener so weit verbreiteten und so mächtigen Sekte, die Liberale genannt werden wollen, indem sie ihren Namen von der Freiheit (libertas) herleiten. „

In diesem Zitat ist nicht nur das Übel des Liberalismus als solches benannt, sondern auch noch die Person Luzifers, nach dessen Vorbild die Liberalen, ob absichtlich oder unwissentlich, handeln, wenn sie das fordern, was nach ihren Begriffen Freiheit, in Wahrheit jedoch nur Abhängigkeit von der Sünde ist.

Einige wesentliche Grundideen des Liberalismus sind der Rationalismus, die Unabhängigkeit der Moral und die Bedeutung des Volkswillen. Der Reihe nach beginnen wir mit dem Rationalismus:

Der Rationalismus besagt, dass die Vernunft allein (unter Ausschluss des Glaubens) dem Menschen wahre Erkenntnis ermöglicht. Als objektiv und wirklich gültig kann demnach nur das gelten, was allein unter Gebrauch der Vernunft, und darunter ist die instrumentelle, wissenschaftliche Vernunft zu verstehen, zweifelsfrei aufgewiesen werden kann. Wenn nun nach Wittgenstein der Grundsatz gilt, man könne die wichtigsten Dinge, worunter er Moral und Religion rechnete, nicht sagen, sondern nur zeigen, also nicht mit formal logischer Strenge und demonstrativer Sicherheit aus unbezweifelbaren Prämissen herleiten, sondern nur aufweisen, darlegen, dann schließt dies für den Katholiken keinesfalls die Möglichkeit aus, dass auch dieses „zeigen“ noch rational sein kann. Doch der Rationalismus und mit ihm der Liberalismus kann dies nicht dulden. Was nicht logisch oder naturwissenschaftlich zu beweisen ist, kann keine objektive Geltung verlangen. (Was für Moral und Religion bedeutet, dass sie ihre Rechtfertigung aus dem Bereich der persönlichen Erfahrung beziehen müssen, und damit ihre Objektivität und Rationalität verlieren. Im Bereich der Religion ist diese Verlagerung ihrer Rechtfertigung in den Bereich der subjektiven Erfahrungen die Wurzel der modernistischen Irrlehre.)

Doch wenn man Moral und Religion nach den Kriterien des Liberalismus gar nicht rational beweisen kann, dann sind verschiedene moralische Vorstellungen und religiöse Bekenntnisse in letzter Konsequenz nur private, subjektive Optionen. Der gemäßigte Liberalismus duldet ihre Ausübung im Privatbereich durchaus und sehr viele gemäßigt Liberale leben im privaten Bereich durchaus eine sehr strenge Sittlichkeit und ein festes religiöses Bekenntnis aus. Doch im öffentlichen Raum können Moral und Religion dann nichts mehr zu suchen haben. Denn öffentliche Entscheidungen sollten eine rationale Basis haben und nicht der Willkür der Herrscher entspringen. Was staatliches Gesetz wird, was also nach bürgerlichem Gesetz untersagt ist, kann nun nicht mehr dem Glauben oder der sittlichen Wahrheit entspringen, sondern nur noch einer Mehrheitsentscheidung.

Wenn es gar kein objektives Sittengesetz und keinen objektiv wahren Glauben gibt (wie es der radikale Liberalismus behauptet), dann darf sich das menschliche Gesetz natürlich nicht nach diesen Fiktionen richten. Im Namen der Freiheit sind dann immer noch Menschen zu dulden, die diesen Fiktionen anhängen, doch dürfen diese Fiktionen keinen Einfluss auf die Findung menschlicher Gesetze haben.

Wenn der Liberale meint, es gebe ein objektives Sittengesetz und einen wahren Glauben, dies jedoch aus seiner religiösen Erfahrung und seinem privaten Gewissen ableitet, so stellt sich die Lage nicht anders dar. Sein Gewissen sagt ihm etwas und seine religiöse Erfahrung auch, aber sein Gewissen und seine Erfahrung sind subjektiv, privat und nicht geeignet, anderen Menschen Vorschriften zu machen. Menschliche Gesetze vermögen dieses Gewissen und diese religiöse Erfahrung nicht zu rechtfertigen. Doch da jedes Gesetz einer Legitimation bedarf, muss auch der gemäßigt Liberale menschliche Gesetze ablehnen, die sich moralisch oder religiös begründen.

Als Basis für menschliche Gesetze ist damit nur noch die Willensentscheidung der Volksmehrheit verfügbar. Eine Gesellschaft gibt sich dann selbst die Gesetze, nach denen sie leben will. Sie muss dies dann nach den Mehrheitsverhältnissen im Rahmen einer demokratischen oder republikanischen Staatsverfassung tun. (Monarchien sind damit per se illegitim und unterdrückerisch, was auch christlicher Sicht nicht notwendigerweise so ist).

Diese drei Grunddogmen des Liberalismus – Rationalismus, Unabhängigkeit von Moral und Volkssouveränität – prägen das Staatsverständnis des Liberalen. Für den Liberalen ist der Staat nur noch zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung da, die sich das Volk selbst gegeben hat. Um die Stärkung des menschlichen Willens im Angesicht moralischer Versuchungen oder gar den Schutz vor das Seelenheil bedrohenden Irrlehren geht es dem Liberalismus überhaupt nicht mehr. Eine derartige Funktion wäre für den Liberalen völlig unvereinbar mit dem eigentlichen Staatszweck, nämlich der Sicherung möglichst großer persönlicher Entscheidungs und Gestaltungsfreiheiten für die menschlichen Individuen.

Wenn Moral und Religion Privatsache sind, oder zumindest bei der Gesetzgebung keine Rolle spielen dürfen, ist ein nach utilitaristischen Gesichtspunkten gesetztes Recht die logische Folge. Verboten ist, gemäß liberalem Dogma, dann nur noch das, was der demokratische Staat tatsächlich verbietet, und das auch nur, sofern die Begründung des Verbots weder moralischer noch religiöser Natur ist.

Dies ist eine gefährliche Irrlehre, weil alle ihre drei Grundprinzipien falsch sind.

Der Rationalismus ist falsch, weil der menschliche Verstand selbst ohne die Hilfe der Offenbarung zu Einsichten fähig ist, welche nicht dem logischen oder wissenschaftlichen Standard der Rationalisten genügen. Dazu zählen etwa das dem Menschen ins Herz geschriebene Wissen um das natürliche Sittengesetz und auch echtes intuitives Wissen. Zudem ist der Rationalismus falsch, weil es echtes Glaubenswissen gibt.

Die Unabhängigkeit der Moral ist falsch, weil jeder Mensch in seinem Herzen wahre moralische Prinzipien vorfindet, die objektive Gültigkeit haben, und gegen die zu handeln kein Mensch berechtigt sein kann, und weil der Mensch, wie C.S. Lewis in The Abolition of Man (deutsch: Die Abschaffung des Menschen) formvollendet nachweist, überhaupt gar kein anderes moralisches Gesetz „erfinden“ kann als das, was er in seinem Herzen vorfindet, und seine „neuen“ Ideen zu diesem Thema immer nur aus partieller Missachtung dieses moralischen Grundwissens ziehen kann.

Die Lehre von der unbeschränkten Volkssouveränität ist falsch, weil auch das Volk in seiner Gesamtheit oder Mehrheit immer an das natürliche Sittengesetz gebunden ist. Auch die Mehrheit darf keine unmoralischen Gesetze beschließen.

Insgesamt ist die Lehre des Liberalismus falsch, weil auch der Staat die Gebote Gottes befolgen muss. Sie gelten nicht nur für alle Individuen in einem Staat, sondern auch für den Zusammenschluss dieser Individuen im Staat. Es gibt zudem keine Privatmoral, da Moral immer das Handeln von Menschen zum Gegenstand hat, und der Mensch ein Gemeinschaftswesen ist, das immer in der einen oder anderen Form mit Anderen interagiert und sie durch sein Handeln beeinflusst.

Daraus ergeben sich allerlei Folgerungen, die Papst Leo auch zieht, und die hier nur kurz erwähnt werden sollen: Sowohl die moderne Religionsfreiheit, als auch ihre Äquivalente hinsichtlich anderer Gesellschaftsbereiche (Pressefreiheit, Meinungsfreiheit, allgemein Gewissensfreiheit usw.) können nicht durch das natürliche Recht gedeckt werden. Es ist oft sinnvoll, Toleranz zu üben, wenn Menschen verschiedener Religionen, Ansichten, Gewissensentscheidungen usw. zusammenleben, wie dies im modernen Staat in der Regel der Fall ist. Dies kann auch bedeuten, dass man die Ausübung falscher Religionen, das Äußern häretischer Ansichten, das Ausleben des irrenden Gewissens usw. faktisch duldet und diese Duldung sogar zum staatlichen (menschlichen) Gesetz erhebt, solange man beachtet, dass diese Freiheiten eben vom Menschen gemacht und vom Staat aus gutem Grunde eingerichtet worden sind, dass sie aber weder absolut noch universell noch Voraussetzung einer guten gesellschaftlichen Ordnung sind.

Der Liberalismus ist aufgrund seiner zahlreichen Irrtümer und auch aufgrund seiner praktischen Folge, einem Verfall der nun nicht mehr unter öffentlichem Schutz stehenden Sitten, keinesfalls als Alternative zum atheistischen Kommunismus zu empfehlen. Er mag kurzfristig zu einem kleineren Leichenberg führen, doch ist die durch den Liberalismus verursachte Auflösung des Fundamentes des wahren Glaubens und des natürlichen Sittengesetzes ein fruchtbarer Boden für eine Unzahl anderer Ideologien, darunter auch der Kommunismus, die selbst diesen scheinbaren Vorzug des Liberalismus relativieren.

Als Alternative zum Kommunismus ist er für den Katholiken also keinesfalls tauglich. Im nächsten Teil werden wir wieder zur Enzyklika „Divini Redemptoris“ zurückkehren und die Antwort der Kirche auf die Herausforderungen von atheistischem Kommunismus und Liberalismus skizzieren.

Gott? Welcher Gott?

Wieder einmal hat es eine Umfrage gegeben, in der sich die Mehrheit der Deutschen als gottgläubig bezeichnet, und sogar 59% erklärten, sie glaubten, Christus sei Gottes Sohn. Ferner gab knapp die Hälfte der Befragten an, sie hätten vor einen Weihnachtsgottesdienst zu besuchen. In diesem Fall ist es eine repräsentative Umfrage von Emnid, also eines durchaus renommierten Meinungsforschungsinstituts. Das Problem ist nur, dass man daraus keine vernünftigen Schlüsse ziehen kann. Denn dieselbe Umfrage findet auch heraus, dass nur 6 (in Worten: s e c h s) Prozent der Deutschen ein Tischgebet sprechen. Weniger als ein Drittel glaubt an das bereits im Glaubensbekenntnis verankerte jüngste Gericht. Nur fünf Prozent lesen regelmäßig in der Bibel. Wir wissen ferner, dass nur etwa 10% der Katholiken und 5% der Protestanten sonntags einen Gottesdienst besuchen. Das macht, bezogen auf die Gesamtbevolkerung eine Gottesdienstteilnahme von etwa 5%.

Insgesamt lässt sich also konstatieren, dass etwa fünf Prozent der deutschen Bevölkerung dem christlichen Glauben anhängt, und da sind die evangelischen Gemeinschaften bereits eingerechnet. Dazu kommen, wenn manandere relevante Weltreligionen auch noch hinzurechnen möchte, mikroskopisch kleine Grüppchen praktizierender Juden und die hinlänglich durchdiskutierten Moslems, die wohl realistisch betrachtet als die derzeit größte und wichtigste religiöse Gruppe in Deutschland gelten müssen.

Vor dem Hintergrund der bekannten sonstigen Zahlen, der anderen Umfrageergebnisse aus der oben erwähnten Emnid-Umfrage, und dem allgemeinen, generell unwidersprochen hingenommenen antichristlichen gesellschaftlichen Klima, erscheint die Behauptung, fast 60% der Deutschen glaubten an die Gottessohnschaft Jesu Christi und sogar mehr als 60% glaubten an Gott, fast wie ein schlechter Scherz. Wenn 60% der Deutschen an einen Gott glaubt, dann ist es offenbar kein christlicher Gott.

Doch es scheint nur so. In Wahrheit ist es kein schlechter Scherz. Denn nicht nur die gläubigen Christen glauben an die Gottessohnschaft Jesu Christi. Auch der Satan glaubt – und zittert.

Abschlussfrage: Soll sich die Kirche dieser Welt wirklich öffnen, oder wäre es nicht angemessener, aus der Kirche eine Trutzburg gegen den heraufziehenden Sturm zu machen, die dann allen gutwilligen Menschen eine Zuflucht bieten könnte?

EFSF im Kontext der Moderne (2/2)

Dies ist der zweite Teil des Artikels zum Rettungsschirm EFSF im Kontext der Moderne. (Teil 1)

Weitere Strategien: Medien und Mobilität

Zugleich lassen sich aber noch Parallelstrategien verfolgen, die dasselbe Ziel der allgemeinen Bindungslosigkeit verfolgen. Ein wesentlicher Aspekt ist etwa die Medienlandschaft. Massenmedien aller Art begünstigen das Ziel des Staates ebenso wie überhaupt jede Form von unpersönlichem Informationsaustausch. Der Fernseher ist nach bisherigen Erkenntnissen ideal. Man kann die gewünschten Informationen unkompliziert an alle Haushalte übermitteln, und durch den Fernseher wird selbst in noch stabilen Familien das Zentrum der Aufmerksamkeit von den anderen Familienmitgliedern auf eine mechanische Apparatur verlagert, was gleich den Keim dessen in sich trägt, was viele Geschiedene als „sich auseinanderleben“ bezeichnen. Dasselbe gilt auch, in geringerem Maße, für das Radio („Volksempfänger“).

Man täusche sich jedoch nicht. Das Internet, obzwar seine effiziente Kontrolle zugunsten der Zentralisierung momentan noch schwerfällt, bietet enorm chancenreiche Perspektiven für den modernen Staat. Durch Plattformen wie „Facebook“ lassen sich auf bisher ungeahnt effizientem Wege alle möglichen Details über das Privatleben der Menschen ganz ohne Agenten ausschnüffeln, die Vorstellung einer „Privatsphäre“ nimmt ab, was spätere effiziente Kontrolle erleichtert, und ganz nebenbei ersetzen einige Bürger ihre realen Außenweltbeziehungen durch virtuelle Kontakte – die ihrer Natur nach schwächer und dank der weltweiten Vernetzung leichter zu kontrollieren sind. Alles in Allem ist das Internet also ein Vorteil für die Moderne und ihren allmächtigen Staat.

Generell ist ferner Mobilität sehr erstrebenswert. Je mehr die Menschen umziehen, je weniger sie an einem Ort für viele Jahre leben, umso weniger Wurzeln schlägt der Mensch in seinem nächsten Umfeld. Aus Freunden werden Bekannte. Besonders für die Kinder ist es nützlich, wenn sie oft die Schule und den Wohnort wechseln müssen – vor allem, wenn dies an den beruflichen Bedürfnissen der Eltern liegt.

Wohlstandsnomaden

Der so entstandene Bürger ohne familiäre Bindungen, ohne religiöse Überzeugungen, ohne historisches Bewusstsein und daraus erwachsenden Patriotismus, ohne feste, langfristige, persönliche Freundschaften, ohne Bindung an unveränderliche moralische Werte, ohne die Art von Bildung, die es dem Gebildeten ermöglicht, in eine Gemeinschaft mit allen anderen Gebildeten aller Zeiten einzutreten, ist die perfekte Knetmasse für den modernen Staat. Der moderne Wohlstandsnomade ist seinem steinzeitlichen Kameraden nur insofern unähnlich, als letzterem eben nur die Ortsbindung fehlte, dem modernen Nomaden jedoch Bindungen aller Art.

Dieser Wohlstandsnomade ist fast beliebig programmierbar. Ein nationalistischer Staat vermag ihn in einen wilden Hass gegen andere Völker zu peitschen, und er wird sich willig für die Nation opfern. Ebenso kann er zum Selbsthass und Hass auf seine eigene Heimat erzogen werden, indem man ihm einfach mundgerecht die richtigen historischen Floskeln über die Vergangenheit seines Vaterlandes vorlegt (und da gibt es in jedem Land sehr dunkle Flecken, die sich aufbereiten lassen).

Dieser Wohlstandsnomade kann jederzeit zum Sozialisten erzogen werden, aber auch zum Liberalisten, und für beide Ideologien wird er sich willig einsetzen. Er hat keine eigenen Maßstäbe, nach denen er Ideologien messen kann – er hat nur noch, was der Staat ihm gegeben hat.

Wenn es dem Staat angenehm ist, kann er einen geradezu puritanischen (und völlig unbegründeten) Moralismus in seinem Mündel verursachen – gegen Raucher, um ein aktuelles Beispiel zu nennen. Ebenso kann er aber auch zur vollständigen Amoralität gebracht werden.

Mit dem Wohlstandsnomaden hat die Moderne das ideale Nutztier herangezogen. Es ist gleichermaßen einsetzbar für alle Ideologien, es wird sich nicht wehren, es wird nicht verstehen, was man mit ihm macht, es wird sich, wenn man nur für eine Sekunde die Schützende Hand wegzieht, sofort nach derselben sehnen, weil es weiß, dass es außerhalb des Nutztierstalls niemals überleben könnte.

Unabhängig davon, welcher Geschmacksrichtung die gerade aktuelle moderne Ideologie angehört (links oder rechts, national oder international, feministisch oder chauvinistisch, liberal oder sozialistisch, Gleichgültigkeit oder übertriebene Glorifizierung der Natur…), das willige Nutztier steht für den Ideologen mit minimalen Modifikationen bereit.

Der moderne Mensch als williges Nutztier der Ideologen ist natürlich nicht demokratiefähig. Er hat nicht die starke Verankerung in seinem Gewissen und dem natürlichen moralischen Gesetz, die für eine Demokratie nötig ist, er vermag nicht zwischen Gerechtigkeit und seinem persönlichen Willen oder Gefühl zu unterscheiden. Doch das muss er ja auch gar nicht. Er hat ja seine Viehtreiber, die ihm schon sagen, wo er sein Kreuz zu machen hat.

EFSF: Ein kleiner Schritt für die Moderne…

Um nun wieder auf den oben erwähnten aktuellen Anlass zurückzukommen: Die Moderne zeichnet sich durch eine Zentralisierung aus, die durch den Abbau aller Arten von Institutionen ermöglicht wird, welche den Menschen mit anderen Menschen ohne Umweg über den Staat verbinden. Je weiter dieser Staat von den Menschen entfernt ist, je zentraler die maßgeblichen Körperschaften sind, je weniger stark lokaler oder regionaler Einfluss ist, umso stärker verwischen die Unterschiede, die einmal jede Region unverkennbar gemacht haben, und werden erst zu nicht mehr verstandenen kulturellen Artefakten, und dann vergessen. Der Abbau solcher lokaler und regionaler Besonderheiten schwächt wiederum die Fähigkeit der Bürger, sich mit diesen Lokalitäten oder Regionen zu identifizieren, und stärkt daher den modernen Staat. Je mehr eine Region der anderen ähnlich wird, umso geringer ist das Potenzial für Regionalismus oder Lokalpatriotismus. Gleichen sie wie ein Ei dem anderen, so ist eine weitere Quelle zentralstaatsunabhängiger Loyalität eliminiert.

Verschiedene Regionen und Nationen können daher nur noch als „Wirtschaftsstandorte“ gesehen werden, die sich im gegenseitigen Wettstreit befinden. Durch diese Erosion nationaler Loyalität (die auf eine ähnliche Erosion familiärer, religiöser, lokaler und religionaler Loyalitäten folgt) verliert der Bürger eine weitere Ebene staatsunabhängiger Bindung und transzendiert so selbst den dumpfen Nationalismus, der ihm in früheren Zeiten wenigstens noch die toxische Version einer realen Bindung hatte liefern können.

Befreit von diesen ganzen „sentimentalen“ Bindungen an Gott, Familie, Heimat und Vaterland irrt er ziellos umher und nennt dieses Umherirren Freiheit. Während er auf diese Weise sich frei wähnend umherirrt, gehen die Technokraten und Architekten der nächsten Stufe der Zentralisierung an die Verwirklichung des Endziels der Moderne.

In diesem Kontext gesehen, ergibt der als „alternativlos“ verkaufte Rettungsschirm EFSF auf einmal Sinn. Natürlich geht es in erster Linie um Wirtschaftspolitik. Doch letztlich ist die aktuelle Krise – wie viele hundert vor ihr – nichts als ein Vorwand, eine Gelegenheit, die man nicht ungenutzt verstreichen lassen möchte. Nicht vergessen: Der bindungslose Bürger verfügt gar nicht mehr über die innerliche Stärke, einer Krise ins Gesicht zu sehen – er ist der Sklave seiner Ängste, oder vielmehr der Sklave derjenigen, die solche Ängste schüren.

Aber das braucht er ja gar nicht. Schließlich hat er ja ein Herrchen, das ihm schöne kleine Käfige aus reinem Gold zu bauen verspricht. Mit ganz viel Entertainment. Brot und Spiele. Und im Namen der Gerechtigkeit sind alle Käfige dieses sozialplanerischen Zoos der Moderne gleich groß.

Schlussbemerkung: Man kann übrigens in dem obigen Artikel ohne Probleme das Wort „Staat“ jeweils durch das Wort „Großkonzerne“ ersetzen. Die beiden sind Zwillinge. Sie haben im Wesentlichen dieselben Interessen und dieselbe Art von Macht; dieselben Ziele und dieselben Mittel. Es gibt keinen Interessengegensatz zwischen ökonomischer und staatlicher Machtelite. Beide pochen auf mehr Zentralisierung in allen Bereichen – und erst wenn das erreicht ist, werden sie darum kämpfen, ob die nun fertig zentralisierte Macht über Milliarden und Abermilliarden gezähmter Nutztiere nun faktisch in den Händen einer Oligarchie von Konzernchefs oder einer Oligarchie von Politikern liegt.

Mich kümmert nicht im Geringsten, welche Variante am Ende obsiegt. Beide sind prinzipiell abzulehnen.

Verweise:

Stellungnahme des Bundestagsabgeordneten Dr. Frank Schäffler (FDP) im Wortlaut. (Diese Worte waren ein wesentlicher Anstoß für den Artikel. Definitiv lesenswert.)

Assisi (3/3) – Entweltlichung

Dies ist der dritte und letzte Teil einer Artikelserie über das interreligiöse Treffen in Assisi. Hier geht es zum ersten und zweiten Teil.

Entweltlichung

Bei seinem Besuch in Deutschland betonte der Papst in seiner Ansprache vor kirchlich aktiven Laien die Notwendigkeit einer „Entweltlichung“. Damit ist nicht gemeint, dass die Kirche sich nicht mehr um die Belange und Sorgen der Menschen außerhalb der Kirche kümmern soll, sondern dass sie sich nicht an die Wünsche, Irrtümer und Fehler der Welt anpasst. Sie soll sich frei von weltlichen Bindungen an staatliche Strukturen, aber auch, wie viele hinterher spekuliert haben, frei von finanziellen Reichtümern, die immer auch Abhängigkeiten mit sich bringen, wie etwa im Fall der deutschen Kirchensteuer, um ihren wesentlichen Auftrag kümmern. Und was ist dieser Auftrag?

Er ist nicht in erster Linie sozial-karitativ, sondern geistlich. Die Kirche soll den Menschen Gott näherbringen, wie man formulieren könnte. Dies geschieht durch die Vermittlung des Wahren Glaubens, die Sakramente, unter diesen besonders das Allerheiligste Sakrament des Altares, und auch durch soziale Hilfestellung, also praktische Nächstenliebe. Alle drei Wege, auf denen die Kirche Gott zu den Menschen bringt, haben gemeinsam, dass es, wenn man sie korrekt versteht, immer zuerst um die Liebe zu Gott geht. Aus dieser Liebe ergibt sich dann die Liebe zum Menschen.

Genauso, also unter den Vorzeichen der Entweltlichung, zu der der Papst aufgerufen hat, können wir die Frage nach dem Frieden wieder aufgreifen, um die es im zweiten Teil des Artikels ging. Wir hatten allerlei Unterschiede zwischen dem weltlichen und dem Frieden Christi aufgeführt, und diese am Beispiel eines Orchesters verdeutlicht. Jetzt können wir noch einen Schritt weiter gehen und den Frieden Christi als entweltlichten Frieden erkennen, also als Frieden, der sich nicht in erster Linie um den weltlichen Frieden der Menschen kümmert, sondern um die Liebe zu Gott.

Dieser wahre christliche Friede hängt eng mit der Entweltlichung zusammen. Denn wer nach diesem wahren Frieden strebt, der strebt zuerst gar nicht nach dem, was man heute unter Frieden versteht. Sein Wirken mag dem oberflächlichen Betrachter (und heute sind die meisten Betrachter oberflächlich) gar nicht als um Frieden bemüht erscheinen. Wer nach dem Frieden Christi strebt, der strebt nach Einklang seines Willens mit Gottes Willen. Die Mittel zum Frieden Christi finden sich im Gebet, in den Sakramenten, im Leben im und aus dem Glauben, wie manche es heute formulieren wollen.

Selig sind diejenigen, die Frieden stiften – aber wer sind diese Friedensstifter? Sind es die verweltlichten Diplomaten, die einen Waffenstillstand aushandeln? Sie mögen ja einen guten und wichtigen Dienst tun, aber sie können höchstens den arg defizitären weltlichen Frieden stiften, welcher ein Friede ist, der, wenn er anhält, zu Apathie, Anspruchsdenken, und, besonders wenn er noch mit materiellem Wohlstand einhergeht zur Mentalität einer „Made im Speck“ einlädt. Es ist ein materieller, aber kein geistlicher Friede, der dort von den Diplomaten ausgehandelt wird.

Die wirklichen Friedensstifter sind hingegen die Heiligen, die Frieden mit Gott gemacht haben. Sie lieben zuerst Gott, und weil sie Gott lieben, haben sie Frieden mit ihm und tun seinen Willen. Er ist die Liebe und ruft zur Nächstenliebe auf. Da die Heiligen das richtige Verhältnis zu Gott haben, sind sie auch imstande, das richtige Verhältnis zum Nächsten zu finden. Zwischen dem Heiligen und seinem nächsten herrscht daher auch bloß weltlicher Friede, sofern sich sowohl der Heilige als auch der Nächste im richtigen Verhältnis zu Gott befinden. Wenn nicht, wird der betreffende Nächste den Heiligen oft genug verfolgen. So entstehen Märtyrer.

Die wirklichen Friedensstifter, die Heiligen, sind Friedensstifter, weil sie Frieden mit Gott gemacht haben, und damit auch Frieden mit sich selbst, und Frieden mit ihrem Nächsten. Weil sie Frieden mit Gott haben, achten und bewahren sie auch die Schöpfung. Weil sie Frieden mit Gott haben, helfen sie ihren Nächsten, und verhindern so die sozialen Katastrophen, an die wir uns in einer Welt voller säkularer Besserwisser, die alle den neuesten Plan im „Kampf gegen den Hunger“ haben, natürlich schon längst gewöhnt haben.

Die wirklichen Friedensstifter sind die Heiligen, und ihr Friede ist umfassend. Doch wer sind diese Heiligen? Sind das nicht irgendwelche Menschen, die einmal hier auf Erden waren, aber heute nicht mehr sind? Die wenigen Auserwählten? Eine besondere Gruppe mit heroischer Stärke? Nein, das sind sie nicht.

Die Heiligen, das sind die Menschen, die sich entschlossen haben, Gottes Willen zu tun, und nicht ihren eigenen. Das sind die, die gesagt haben, „Dein Wille geschehe“. Heiligkeit ist nicht schwer und jeder Mensch ist zu ihr berufen. Wir müssen es nur wollen, und dann nach diesem Willen handeln. Wenn wir beten, „Dein Wille geschehe“, und es wirklich so meinen, wer kann uns dann noch auf diesem Weg zur Heiligkeit aufhalten?

Wir sind also diejenigen, die zur Heiligkeit berufen sind, und wenn wir noch nicht zu heldenhafter Tugend gelangt sind, so nur deswegen, weil wir nicht wirklich wollen, weil irgendwo in unserem Herzen noch eine Ecke ist, die „non serviam“ sagt. Doch weil wir zur Heiligkeit berufen sind, sind wir, jeder von uns, auch berufen, Friedensstifter zu sein, indem wir den Frieden Christi stiften.

Daher ist der beste Weg zum Frieden tatsächlich das Gebet, in Verbindung mit den Sakramenten und dem wahren Glauben, aber es ist kein Gebet um bloßen Waffenstillstand (so gut das für sich genommen auch sein mag). Es ist ein Gebet um den Mut zur bedingungslosen Kapitulation vor Gott.

Ein solches Friedensgebet wird es in Assisi nicht geben, weil dem kaum ein anwesender Vertreter einer Weltreligion zustimmen könnte. Daher ist das Treffen, selbst wenn alle negativen Befürchtungen, über die ich in den beiden ersten Teilen geschrieben habe, nicht eintreten sollten, nicht allzu sinnvoll.

Beten wir also um diesen Mut zur bedingungslosen Kapitulation vor Gott und zusätzlich, so es denn Gottes Wille ist, um etwas Waffenstillstand in unserer Zeit.

Der Papst: Ein Fremder in der Heimat

Deutschland, und besonders Ostdeutschland, ist eine immense Wüste des Glaubens. Selbst verglichen mit unseren Nachbarstaaten sind die verbliebenen christlichen Reserven schwach. Dechristianisierung ist in Deutschland kaum noch ein Thema – weil selbst die überwältigende Mehrheit der getauften Christen kein Interesse an einem Leben nach den Geboten Gottes mehr zeigt. Erlaubt ist, was gefällt, und verboten ist nur erwischt zu werden.

Moral beschränkt sich auf die derzeitigen Modethemen, hauptsächlich Umweltschutz und Zwangsenteignung Wohlfahrtsstaat. Am Rande spielen noch diverse unreflektierte Vorstellungen von Wirtschaft, Europa und Moslems eine Rolle, vor dem Hintergrund generellen Ressentiments gegen alles und nichts. Eine hoffnungslose Gesellschaft, d.h. eine Gesellschaft, die selbst keine Hoffnung mehr hat, und diese Hoffnungs- und Sinnlosigkeit in immer groteskeren Formen des „Entertainments“ zu ersticken sucht.

Das ist das Land, in dem sich der Heilige Vater momentan aufhält. Das ist auch die Mentalität, die zu vielen Christen in Deutschland innewohnt. Es ist ein Land, in dem 99% der Menschen die Worte des Papstes nicht reflektieren können oder wollen, in dem ein offenes Herz so selten ist wie Gold.

Diese Symptome wiegen in Ostdeutschland wesentlich stärker als im Westen, in Städten mehr als auf dem Land, im Norden generell mehr als im Süden, doch selbst in den besten Regionen ist die Tendenz klar.

Der Deutsche hat heute so viel „Spaß“, dass er die Fähigkeit zur tieferen „Freude“ verloren hat. Er kann lustig sein, aber er ist nicht froh. Er mag zufrieden sein (auch wenn das sicher nicht auf die Mehrheit zutrifft), aber er ist nicht glücklich. Denn Glück geht tiefer als Zufriedenheit, genauso wie Liebe tiefer geht als Zuneigung. Der Zufriedene, der Zuneigung empfindende Mensch lebt an der Oberfläche, der glückliche, liebende Mensch kennt eine tiefere Dimension. Glück und Liebe sind eben nicht gefühlsmäßige Eindrücke oder Emotionen, sondern objektive Wirklichkeiten. Glück kann, so Aristoteles, nicht ganz ohne materielle Güter gedacht werden – um glücklich zu sein müsse man wenigstens ein Mindestmaß an „Glücksgütern“ haben, so dachte er. Doch selbst für den Heiden Aristoteles geht wahres Glück über emotionales Glücklichsein hinaus – es findet sich auf der Ebene praktischen Handelns in der Tugend und in besonderem Maße in der Theorie, der Kontemplation des Wahren. Für den Christen ist dies in noch größerem Maße bedeutsam. Denn die Tugend ist die Gewohnheit, im Einklang mit den Gesetzen und dem Willen Gottes sowie zugleich im Einklang mit der Natur, die Gott geschaffen hat, zu leben. Im Widerstand zu Gott zu leben führt niemals zum Glück, sondern wenn überhaupt zur Zufriedenheit.

Genauso ist es auch mit der Kontemplation. Schon Aristoteles sieht sie als die höchste irdische Haltung an, doch für den Christen nimmt sie eine noch größere Bedeutung ein. Der Christ erkennt in dem Wahren, dem Guten und dem Schönen, das das Objekt der Kontemplation ist, zugleich Gott, den Schöpfer derselben Natur, deren Ordnung wir durch Einhaltung des moralischen Gesetzes zu respektieren haben. Sowohl die Bedeutung der Sittlichkeit als auch die der Kontemplation sind höher für den Christen als für den Heiden Aristoteles. Doch mehr noch: sie gehören stärker zusammen. Dem Christen erschließt sich aus der Erkenntnis des einen Gottes in drei Personen als Schöpfer der Natur die Einsicht, dass die Gewohnheit im Einklang mit der menschlichen Natur zu leben, letztlich nichts anderes ist als Dienst am Schöpfer – der diese Natur wie auch die Natur der Umwelt schließlich erschaffen hat. Tugendhaft zu leben ist zugleich Leben nach Gottes Geboten, also für sich genommen schon eine Art Kontemplation der Wahren, Guten und Schönen, nur eben, wenn es so etwas gibt, eine „praktische Kontemplation“, eine „praktische Betrachtung“.

„Ora et labora“ – „bete und arbeite“. Das sind nicht zwei verschiedene Dinge, so als ob wir manchmal beteten und manchmal arbeiteten, sondern letztlich identisch. Zu beten ist zu arbeiten und zu arbeiten ist zu beten – wenn die Arbeit im EInklang mit Gottes Willen steht. Jedes gute Werk ist ein Gebet und Gebete sind gute Werke. Praxis und Theorie kommen für den Christen zu einer Einheit, wie sie selbst für die weisesten Heiden niemals denkbar gewesen wären. Praxis und Theorie sind für den Christen keine Gegensätze, sondern zwei Seiten derselben Medaille, zwei Seiten des Dienstes an Gott, zwei Seiten der Hingabe des Selbstwillens an den Willen Gottes. Man könnte sagen: Nur wer sich selbst aufgibt, kann sich finden.

Wenn Aristoteles zwischen Glück in der praktischen Sphäre (Tugend) und in der theoretischen Sphäre (Kontemplation) unterscheidet, dann ist diese Unterscheidung natürlich richtig. Und sie ist auch im Christentum erhalten geblieben, etwa im Gegensatz Welt – Kloster. Das Christentum kennt diese Unterscheidung, aber sie ist nicht mehr unüberbrückbar. Moral und Religion haben auf eine Weise zusammengefunden wie es im Heidentum nicht denkbar war – bereits im Judentum war dies der Fall. Dort ist Gott der moralische Gesetzgeber und der Schöpfer der Natur – sowohl der materiellen als auch der menschlichen Natur.

Die Verbindung der durch Christus vervollständigten jüdischen Offenbarungswahrheit mit den scharfsinnigen Erkenntnissen der griechischen Philosophie blieb jedoch dem Christentum vorbehalten. Die Synthese zwischen der menschlichen Vernunft der Griechen und der göttlichen Offenbarung war jedoch keine der gegenseitigen Kompromisse. Vielmehr verwendete man die Einsichten der Offenbarung zur Perfektion der philosophischen Vernunft und die geschäfte philosophische Vernunft wiederum zum besseren Verständnis und zur theologischen Erfassung der Offenbarung. So ergänzen sich für den Christen Offenbarung und Vernunft in einem harmonischen Gleichgewichtsverhältnis der Befruchtung – es liegt nahe, die von außerhalb kommende göttliche Offenbarung des Vaters und die dem Menschen innerliche Vernunftweisheit („sophia“) mit dem Bild der geschlechtlichen Einheit zu vergleichen. Auf sich gestellt ist Sophia unfruchtbar – sie braucht den transzendeten Gott und die mit ihm verbundene Rationalitätsgarantie der Welt, um zur vollen Blüte ihrer Kraft zu gelangen.

So ist die Einheit von Vernunft und Glaube eben keine des gegenseitigen Kompromisses, sondern eine wirkliche Einheit, die ein wenig an die Einheit von Mann und Frau in der Ehe erinnert. Die Tragik der Neuzeit scheint mir nun die Scheidung dieses unzertrennlichen Paares zu sein. Frömmelnde Fundamentalisten leugnen selbst die offenkundigsten wissenschaftlichen Erkennisse (es gibt sogar Leugner der Kugelgestalt der Erde – die Erde ist eine Schallplatte…). Ihnen gegenüber stehen ebenso unfähige Ungläubige, die den Versuch einer wissenschaftlichen Durchdringung der Welt mit bloß materiellen Mitteln unternehmen.

Es verwundert nicht, dass beide Seiten scheitern mussten. Der frömmelnde Fundamentalist glaubt weil er glaubt, dreht sich im Kreis und kann sich nicht mehr rechtfertigen. Er macht sich selbst lächerlich und kann niemanden überzeugen, weil er das rationale Argument aufgrund seines Glaubens ablehnt. Ebenso ist die rationalistische Wissenschaft längst gescheitert. Immer verzweifeltere und vergebliche Versuche einer Rechtfertigung der Verlässlichkeit unserer Vernunfterkenntnisse stehen dort der sich mehr und mehr durchsetzenden Erkenntnis gegenüber, dass wir, unter der Annahme des Materialismus, nichts, absolut nichts, sicher wissen können, und daher Wissenschaft als Ganzes eine gewisse Willkürlichkeit und Beliebigkeit gewinnt. Der Versuch der Neuzeit, Glaube und Vernunft gegeneinander auszuspielen, endet mit der totalen Niederlage der Vernunft, die inzwischen mehr und mehr vor einem amoralischen Irrationalismus kapituliert, demzufolge der Mensch gar nicht wissen kann, sondern nur meinen. Doch wenn alles Meinung ist, dann gibt es gar keine Wahrheit, und ohne Wahrheit keine objektiv gültigen moralischen Standards. Der Versuch, den angeblich „irrationalen“ Glauben aus dem menschlichen Denken zu entfernen, führt nicht zum Tod des Glaubens, sondern zum Tod der Vernunft.

Doch auch der Glaube erleidet eine totale Niederlage. Er wird zwar nicht gänzlich besiegt, aber er wird seines wesentlichen Kerns beraubt. Der Glaube, der sich von der rationalen, menschlichen Vernunft „befreit“ hat, ist substanzlos. Er ist noch da, aber er verliert jeden bestimmten Inhalt – er gleitet in die Beliebigkeit, ebenso wie auch der Vernunft durch ihre Selbstaufopferung beliebig geworden ist.

Wenn es keine Wahrheit gibt, nur Meinung, dann kann nicht ein Glaube richtiger sein als ein anderer. Jeder Glaube ist dann bloß noch subjektives Gefühl – religiöse Erfahrung ersetzt religiöse Erkenntnis. Man nennt diese Häresie sehr treffend „Modernismus“, und es ist die Mutter aller Häresien. Denn sie ermöglicht ihrem Anhänger aus allen Definitionen und Dogmen auszubrechen, wenn nur seine persönliche religiöse Erfahrung (die nicht einmal unbedingt authentisch ist, aber selbst wenn nur einen winzigen Teil der Wahrheit repräsentieren kann) dies von ihm verlangt. Solcherlei Auffassung ist damit die Grundlage aller modernen Häresien, doch das nur am Rande.

So kommen die beiden am Beginn der Neuzeit getrennten Pfade heute wieder zusammen. Aus dem Vernunftglauben der modernen Philosophie und der positivistischen Wissenschaft des 19. Jahrhunderts ist ein Irrationalismus geworden, der selbst wissenschaftlichen Erkenntnissen konsequenterweise den Status des Wissens abzusprechen verpflichtet ist. Aus dem vernunftfreien Glauben ist entweder ein bloßes Frömmlertum geworden (in seltenen Fällen), oder (meistens) ein Glaube, der nur noch einige Floskeln und Plattitüden glaubt, und nichts mehr mit der Offenbarung zu tun hat. So wird die Vernunft unvernünftig und der Glaube ungläubig.

Doch kehren wir zu der früheren Konzeption zurück, wonach Glaube und Vernunft einander gegenseitig befruchten, wo der Glaube der Funke ist, der der Vernunft immer tiefere Einsichten ermöglicht, die wiederum ein immer besseres Verständnis der dem göttlichen Logos entsprechend geordneten Welt aber auch der Offenbarung ermöglichen, welche wieder in einem immer weiter sich aufschaukelnden Zirkel der Einsicht und der Weisheit ein tieferes Durchdringen sowohl der Offenbarungswahrheit als auch der Schöpfungsordnung (wissenschaftlich wie moralisch) erreichbar machen, dann haben wir keines dieser Probleme. Sophia ist, wie oben schon gesagt, ohne göttlichen Logos unfruchtbar. Und ohne die Verwendung der von Gott gegebenen natürlichen menschlichen Einsichtskraft bleiben alle Offenbarungseinsichten letztlich fruchtlos – da niemand sie zu durchdringen vermag. Sophia ohne Logos – Logos ohne Sophia: Beides ist eine Art geistige Selbstbefriedigung, und, wie ihre körperliche Variante, letztlich steril, fruchtlos, freudlos, nutzlos, ziellos, sinnlos.

So wie Maria erst das Jawort geben musste, damit Gott in der Welt sein Erlösungswerk vollbringen konnte, muss die menschliche Weisheit erst ihr Jawort zur göttlichen Offenbarung geben, bevor diese ihr fruchtbares Werk verrichten kann. Neues Leben kommt nur durch die natürliche Vereinigung von Mann und Frau in die Welt. Beide müssen die Bedeutung des Anderen anerkennen und sich der natürlichen Anlagen und Fähigkeiten des Anderen zum gemeinsamen Zweck – in diesem Fall Fortpflanzung – bedienen. Ebenso müssen auch Glaube und Vernunft die Bedeutung des Anderen anerkennen, sich der natürlichen Fähigkeiten und Anlagen des Anderen zum gemeinsamen Zweck – in diesem Fall fruchtbare Erkenntnis – bedienen.

Um das Gute tun zu können, bedarf der Mensch der Einsicht in das natürliche moralische Gesetz, das ihm ins Herz geschrieben ist. Dafür muss er nicht intelligent sein. Aber er muss weise sein, da die Erkenntnis des Guten dem gefallenen, zerbrochenen Meisterwerk Mensch nicht leicht fällt. Um das Wahre finden zu können, muss er sich sowohl des Verstandes als auch des Glaubens bedienen können. Und selbst der Genuss des Schönen verblasst, wenn alles nur hübsch oder „sexy“  ist, aber nichts im vollen Sinne schön. Denn auch Schönheit ist, in gewissem Sinne, etwas Wirkliches, Objektives, nicht bloße Emotion oder subjektives Gefallen. Schönheit ist mehr als Gefälligkeit.

Wenn, wie nach Auffassung der Neuzeit, das Wahre, Gute und Schöne bloß relativ sind, dann ist die Welt eintönig grau, steril, langweilig, öde, sinnlos, zwecklos, und liegt im Sterben.

Wenn ich „meine Wahrheit“ und jemand anders „seine Wahrheit“ haben kann, dann erlischt der menschliche Wissensdrang, denn wir finden bloß immer nur noch mehr Ansichten, Meinungen, Gefühle, Überzeugungen, Ideologien, aber niemals die Wahrheit. Wenn es da doch gar nichts zu finden gibt, warum dann suchen? Schon Bacon gab im 17. Jahrhundert die einzig denkbare Antwort: Macht.

Wenn Moral bloß das Produkt gesellschaftlicher Konditionierung ist, dann ist es plötzlich legitim, die Grundfesten der Moral zu bezweifeln, weil sie ja auch wieder nur die Manifestationen der gesellschaftlichen Machtverhältnisse sind. (Die, die uns konditionieren, beherrschen uns dann über internalisierte Hemmungen, die abzustreifen somit zum Akt der Befreiung wird). Warum dann noch ein wirklich „guter“ Mensch werden, wenn doch „gut“ nur das Produkt des Willens der Mächtigen ist, wenn „gut“ nur noch bedeutet, „den Mächtigen gefällig“? Die einzige Antwort gibt uns der „Marsch durch die Institutionen“: Die Macht erlangen, um die Moral zu ändern.

Wenn Schönheit bloß darin besteht, dass ich meine persönlichen psychischen Empfindungen und Vorlieben in die Außenwelt projiziere, dann ist in Wirklichkeit gar nichts schön, sondern alles gleichermaßen grau. Und auf manche Grautöne spreche ich persönlich dann eben stärker an. Doch wenn ich glaube, dass das alles nur in meinem Kopf sich abspielt, wie kann ich mich dann noch an dem Schönen erfreuen? Schönheit verliert also seinen Reiz – übrig bleiben biologische Triebe, psychologische Konditionierung und die schiere Macht der Gewohnheit. Warum dann noch den Versuch unternehmen, einen feinen Geschmack für das Schöne zu entwickeln, statt einfach gefällig herunterzuwürgen alles was mir so in die Quere kommt? Die einzige Antwort gibt uns der moderne Mensch zwischen zwei triebgesteuerten, doch lieblosen Orgien: Eroberung, also Macht.

Getrennt enden sowohl Glaube als auch Vernunft im absoluten Relativismus, für den es weder Wahrheit, noch Güte, noch Schönheit geben kann. Doch ohne die feste Überzeugung, dass das Wahre wirklich wahr, das Gute wirklich gut, und das Schöne wirklich schön ist, verblasst das ganze Leben vor der endlosen Abfolge rein materieller, gesellschaftlich konditionierter, von Trieben und Macht gesteuerter, mechanischer Akte.

Der Papst ist nun in Deutschland, und da ich dies schreibe gerade in Ostdeutschland, wo die Probleme noch weitaus schlimmer sind als im Westen, und er trifft auf ein apathisches Land voller Sinnlosigkeit, voller Überdruss, voller derzeit nur sporadisch sich entladender Unzufriedenheit – das heißt: er trifft auf ein modernes Land. Ein Land, wie es dem christlichen Glauben mit seiner Vereinigung scheinbarer Gegensätze zu einem in sich schlüssigen, sinnvollen, fruchtbaren Ganzen nicht fremder sein könnte.

Ein Land, das, ganz im Einklang mit seinen faktischen Grundwerten, selbst in Bezug auf die Kirche nur noch in Machtkategorien denken kann. Und als Folge ganz klein ist – klein an Werten, klein im Geiste und klein im Herzen. So klein, dass selbst seine Sünden kleinkariert und öde sind. So klein, dass es selbst einen alten, schwachen Mann als Bedrohung empfindet, die mit journalistischem Napalm behandelt werden muss. So klein wie die graue Stadt, die C.S.Lewis in „The Great Divorce“ als Sinnbild der Hölle gebraucht.