Rassismus im Sommerloch

Ich, Catocon, war persönlich nie ein besonders glühender Patriot geschweige denn Nationalist. Als die deutsche Nationalmannschaft noch schlechten, unansehnlichen Fußball gespielt hat, war ich öfters sogar für ihre Gegner, einfach um spannende, schöne Fußballspiele sehen zu können. (Auch heute reicht das Gesicht von Frau Merkel nach einem Sieg um mich ins Zweifeln zu bringen…) Die leidigen Fragen der Einwanderungspolitik waren nie mein Thema. Mich hat immer mehr interessiert, was ein Mensch denkt, als wie er aussieht, oder aus welchem Land er kommt. Spannend finde ich verschiedene Kulturen – ob diese Kulturen von Menschen mit bestimmten physiologischen Gemeinsamkeiten, sprich Rassen, gelebt werden, könnte mich nicht mehr langweilen. Ich stehe dem Christen aus Ouagadougou näher als dem Atheisten aus Kassel.

Ich könnte diese Liste beliebig fortsetzen. Doch wenn ich die Scheindebatten lese, die im Moment mal wieder Hochkonjunktur haben, dann offenbart sich mir eine beamtenhafte Lächerlichkeit, die nur noch von ihrer Unsinnigkeit übertroffen wird. Drei Beispiele:

„Rassismus“ gegen Özil

Innenminister schämt sich für deutsche Fans

SPD will Rassebegriff aus Gesetzen streichen

Ich bitte die Leser, diese drei Artikel selbst zu lesen und sich eine eigene Meinung zu den Vorfällen zu bilden.

Ich hätte da nur einige Fragen, deren Antworten nicht so richtig in meinen Kopf wollen:

1. Özil ist, da bin ich sicher, deutscher Staatsbürger. Aber es gibt doch auch so etwas wie eine deutsche Kulturnation und eine deutsche Herkunft, oder nicht? Ist es rassistisch, wenn man davon überzeugt ist, dass Nationalität mehr ist als nur ein Eintrag im Personalausweis?

2. Ist es verwunderlich, dass Fans, die von den sehr schwachen Leistungen Özils enttäuscht sind, und sich fragen, warum er die Nationalhymne nicht mitsingt, in unfreundlicher Weise reagieren? Muss man daraus, selbst wenn man das für falsch hält, gleich Rassismus und implizit Nazitum machen?

3. Wenn Innenminister Friedrich (KPCSU) sich für die deutschen Fans schämt, weil sie „Sieg, Sieg!“ rufen – ist es dann rassistisch, wenn katholische Theologen vom „Heil“ sprechen? Oder vom „Reich Gottes“?

4. Was sollen die deutschen Fans denn rufen? „Niederlage, Niederlage!“ oder „Unentschieden, Unentschieden“?

5. Was unterscheidet Deutschland von einer ideologischen Gesinnungsdiktatur, wenn der Inneminister solche Töne von sich gibt:  „Über den Kurznachrichtendienst Twitter war unter anderem geschrieben worden, der Sohn zweier türkischer Eltern sei kein Deutscher. Dies sei nur die „Spitze des Eisberges“, unterstrich der Innenminister. Derzeit könnten die Täter jedoch wegen der fehlenden Vorratsdatenspeicherung nicht zur Rechenschaft gezogen werden. Es soll also strafbar sein, wenn man so etwas sagt? Was kommt als nächstes? Wird man verhaftet, wenn man sagt, Mesut Özil sei Schwede?

6. Was ist „indirekte rassistische Diskriminierung“, die die SPD in allen Bevölkerungsschichten in üblicher linkssozialistischer Stasi-Manier überwacht haben möchte? Wenn jemand sagt, Franz Beckenbauer sei kein Deutscher, sondern Bayer? Wenn jemand „Danzig“ statt „Gdansk“ sagt? Wenn eine schwangere Frau die Straßenseite wechselt, wenn ihr nachts fünf türkische Jugendliche mit Bierflaschen in der Hand entgegen kommen?

7. Was ist die „antirassistische Zivilgesellschaft“ wenn nicht ein anderes Wort für die politisch korrekte Gesinnungsdiktatur, die anstelle der Alleinherrschaft der Partei von linker Seite eingeführt werden soll?

8. Wenn alle möglichen ganz harmlosen Äußerungen „rassistisch“ sein sollen – wer bestimmt dann, wessen „Rassismus“ verfolgt wird? Natürlich am Ende die Mächtigen. Ist das die Absicht der Mächtigen? Oder wissen sie nicht, dass diese Inflation von Rassismusvorwürfen den wahren Rassisten genau die Tarnung gibt, die sie brauchen? Wissen sie nicht, dass sie durch ihren hyperventilierenden Antirassismus genau den Rassismus normalisieren, den sie zu bekämpfen vorgeben? Dass die Menschen nach dem 1000. Rassismusvorwurf gegen ganz harmlose Aussagen irgendwann gar nicht mehr zuhören, wenn man mal wirklich jemandem Rassismus vorwerfen müsste?

9. Wenn man den Rassebegriff aus den Gesetzen streichen will, sollte man dann nicht auch den Rassismusbegriff aus der Alltagssprache streichen? Oder dürfen wir dann nicht mehr „Schwarzes Loch“ sagen, weil es einer Beleidung „dunkelhäutiger MitbürgerInnen“ zu nahe käme?

10. Ist umgekehrter Rassismus besser als die gewöhnliche Art? Wäre es nicht schön, wenn wir einfach akzeptieren könnten, dass manche Menschen eben anders aussehen als wir, und dass sie in vielerlei Hinsicht anders sind als die meisten Menschen deutscher Herkunft, und diese Differenzen, diese Unterschiede, ebenso schön und gut finden, wie andere Arten von Unterschieden? Und dann gegen die (wenigen) Rassenhasser sachlich argumentieren, die andere Menschen wegen ihrer biologischen Abkunft verurteilen?

11. Wer hat dieses Land eigentlich so vor die Hunde gehen lassen?

12. Haben wir sonst nichts zu tun?

P.S. Von dem gesamten Text des Liedes, aus dem die heutige deutsche Nationalhymne stammt, fand ich die erste Strophe immer übertrieben pathetisch und die dritte etwas flach und uninteressant. In der zweiten Strophe kommt, so glaube ich, der ursprüngliche Charakter dieses schönen Liedes als Trinklied der nationalbewussten Liberalen in der Mitte des 19. Jahrhunderts zum Ausdruck. Ich schließe also:

Deutsche Frauen, deutsche Treue,
Deutscher Wein und deutscher Sang
Sollen in der Welt behalten
Ihren alten schönen Klang,
Uns zu edler Tat begeistern
Unser ganzes Leben lang –
Deutsche Frauen, deutsche Treue,
Deutscher Wein und deutscher Sang!

Und, mit der in Hoffmann von Fallerslebens handschriftlichen Notizen vorgesehenen alternativen dritten Strophe:

Einigkeit und Recht und Freiheit
Für das deutsche Vaterland!
Danach lasst uns alle streben
Brüderlich mit Herz und Hand!
Einigkeit und Recht und Freiheit
Sind des Glückes Unterpfand –
Stoßet an und ruft einstimmig:
Hoch das deutsche Vaterland!

Und damit Prost und viel Spaß beim Spiel gegen die Griechen!

Der Irrweg der Experten und die Soziallehre

Von Ideologien ist heute nicht mehr viel die Rede. Alle politischen Parteien verkaufen sich als technische Problemlöser ohne feste Grundüberzeugungen, wir leben in einer Zeit der Macher, die eben nicht viel übrig haben für rigide Theoriegebäude, wie sie von überzeugten Liberalen und Sozialisten vertreten werden. Zumindest ist das die Selbstdarstellung der Politiker und Medienleute. Es geht mehr um Sachverstand als um Grundsätze. Politik will sich heute mehr denn je „wissenschaftlich“ geben und die daraus erwachsende Verschränkung des politischen, medialen und universitären Raums zu einer einheitlichen „Expertokratie“ wird eher als Fortschritt denn als Problem gesehen.

Doch schon der Durchschnittsbürger, der sich wenig mit Politik beschäftigt und nicht viel über die fachlichen Fragen weiß, mit denen sie sich heute herumschlägt, ahnt dunkel etwas davon, dass es um den Sachverstand der Politiker und ihrer weithin unbekannten Vordenker und Hintermänner nicht allzu gut bestellt ist. So erkennt eine große Mehrheit der Deutschen intuitiv die Phrasenhaftigkeit und geistige Leere, die hinter dem großen Expertenkult steckt. Verantwortung für große Grundsatzentscheidungen wird abwechselnd auf die Meinung der Experten oder auf unmittelbaren Sachzwang abgeschoben. Sachverstand wird ersetzt durch den Anschein desselben.

Ist diese Intuition des einfachen Bürgers falsch? Gibt es inzwischen wirklich eine sachverständige Elite, welche die Geschicke des Staates und der Gesellschaft besser zu lenken versteht, als die einfachen Bürger? Wenn unter Berufung auf das Urteil der Ökonomen – ob einheillig oder nicht – die weitgehende Abtretung nationaler Souveränität und sogar des hart von den Königen und Kaisern erkämpften Budgetrechts an eine weder demokratisch noch anderweitig legitimierte kleine Gruppe von Menschen gerechtfertigt wird, dann liegt dieser Schluss nahe. Ebenso wenn unter Berufung auf das Urteil der Pädagogen und Kinderpsychologen immer mehr Eingriffe in das elterliche Erziehungsrecht vorgenommen werden, um etwa „Kinder aus bildungsfernen Schichten“ vor dem drohenden Unheil materieller und geistiger Rückständigkeiten zu bewahren. Den größten Sieg des Expertenkultes finden wir jedoch bei der Debatte um den sogenannten Klimawandel. Ein internationales Wissenschaftlergremium, das International Panel on Climate Change (IPCC), spricht unter Berufung auf eine Vielzahl von Klimaforschern von einer gefährlichen Erwärmung des Klimas auf der Erde. Und unter Berufung auf das Urteil der Experten soll nach dem Willen der Befürworter dieser Entwicklungen eine radikale Reform der Weltwirtschaft geschehen, durch die die Gefahr für das Weltklima so weit wie möglich minimiert werde.

Diese drei Beispiele mögen genügen, doch viele weitere ließen sich anführen. In jedem Falle wird unter Berufung auf den überlegenen Sachverstand der Experten eine Entdemokratisierung angestrebt. Man handelt schließlich aufgrund von Sachzwängen und ist ausgestattet mit wissenschaftlich bewiesenen Vorstellungen.

Lassen wir die eindeutige Tatsache, dass es in der Naturwissenschaft gar keine „Beweise“ geben kann, sondern nur Wahrscheinlichkeiten, und dass deshalb jede Theorie falsifizierbar sein muss, damit sie überhaupt als eine naturwissenschaftliche Theorie gelten darf, einmal beiseite und konzentrieren uns nur auf die verwandte Frage, ob eine solche Expertenherrschaft wirklich einen Schritt in die richtige Richtung darstellt. Dies ist der Fall, wenn der Experte wirklich über einen einschlägigen größeren Sachverstand verfügt. Ist der Experte wirklich einer, der es besser weiß, dann wäre es nur vulgärer Antiintellektualismus, begehrte man gegen seine weisen Worte und Empfehlungen auf. Doch weiß „es“ der Experte in der heutigen politischen Diskussion wirklich besser?

Die naheliegende Antwort ist: Es kommt auf das Thema und den Experten an. Manche wissen wirklich bescheid, andere nicht, und in manchen Fragen weiß der Experte mehr, nämlich wenn es um sein Fachgebiet geht, und in anderen wiederum womöglich nicht. Diese Antwort ist natürlich nicht falsch. Aber sie ist auch nicht vollständig. Denn wenn wir spezifisch nach „politischen“ Diskussionen fragen, dann müssen wir hinzufügen, worin denn die Natur spezifisch politischer Diskussionen besteht.

Um die Frage nach der Rechtfertigung von Politik unter Berufung auf Experten und Sachzwänge beantworten zu können, ist daher eine Antwort auf die Frage nach der Natur des politischen Diskurses notwendig. Was ist überhaupt Politik? Die Natur einer Sache läßt sich aus ihrem Zweck erkennen. Wofür ist also Politik da? Dem Leser fallen hier sicherlich ziemlich viele Aufgaben ein: Landesverteidigung, Rechtssprechung, je nach politischer Ausrichtung auch die Bereitstellung von Schulen oder allgemein wohlfahrtsstaatlicher Maßnahmen. Doch das sind nur nachgeordnete Zwecke der Politik. Sie rechtfertigen sich wieder durch innerpolitische Argumente. Auch sie sind wieder „für etwas da“, haben einen Zweck. Bereitstellung von Landesverteidigung und einer verlässlichen Rechtssprechung sind einzelne Aufgaben des Staates, aber nicht der Zweck des Staates. Sie sind die Mittel und Wege, durch die Staaten ihren eigentlichen Zweck zu erfüllen versuchen. Manche dieser Mittel und Wege sind unstrittig, wie die Landesverteidigung, andere sind strittig, wie bestimmte sozialpolitische Maßnahmen, aber sie alle werden von ihren Befürwortern gerechtfertigt unter Berufung auf etwas, das in der Regel „Gemeinwohl“ genannt wird. Dieser abstrakte Begriff ist von vielen politischen Theoretikern und Praktikern bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt worden, so dass er heute einen negativen Beiklang besitzt. Was ist nicht alles im Namen des Gemeinwohls gerechtfertigt worden! Es scheint, als ob die Gemeinschaft ohne Gemeinwohl besser dran wäre. Doch der Missbrauch einer Sache schließt nicht den korrekten Gebrauch aus. Wir sollten nicht „das Kind mit dem Bade“ ausschütten.

Gemeinwohl bezieht sich auf das (irdische) Wohl der Gemeinschaft. In der christlich geprägten Tradition des Westens gab es immer schon eine klare Unterscheidung zwischen dem Staat, dessen Zweck ein rein Diesseitiger ist, und der Kirche, welche auch und vor allem für das Heil der Seelen verantwortlich ist. Natürlich spielt die Sorge um das Heil der Seelen in mancher Frage – nämlich in Glaube und Sittenlehre – in weltliche Angelegenheiten herein, und umgekehrt sind die weltlichen Dinge nicht unbedeutend für das Seelenheil der Menschen, so dass diese Trennung keine strikte und absolute sein kann. Sprechen wir im politischen Sinne von Gemeinwohl, so kann nur das irdische Wohl der Menschen, der Individuen und ihrer Familien gemeint sein. Doch etwas gereicht einem Menschen zum Wohl, wenn es gut für ihn ist. Die Frage nach dem Guten, und zwar dem Guten in einem spezifisch ethischen Sinne, kommt über das Gemeinwohl unweigerlich in die Politik. Denn es reicht für das Gemeinwohl eben nicht, wenn etwas nur „gut für mich“ oder „gut für dich“ ist – das ist purer Egoismus. Ebenso ist es nicht ausreichend, wenn etwas „gut für die Mehrheit“ ist, denn es kann aus der Sicht der Mehrheit durchaus gut sein, andere Menschen auszurotten oder ihnen das Leben schwerer als nötig zu machen. Und dass etwas „gut für alle“ sein könnte, dass also alle Menschen einer Gesellschaft eine bestimmte Handlung zugleich als für sie selbst gut einstufen könnten, ist vollkommen utopisch. Wir benötigen also für die Frage nach dem Gemeinwohl eine Begrifflichkeit des „objektiv Guten“ – dessen, was nicht für irgendjemanden oder irgendetwas gut ist, sondern gut als Solches, oder gut an sich. Etwas also, dass für den Menschen gut ist, insofern er nicht irgendetwas anderes ist, sondern eben ein Mensch. Diesen Begriff des Guten nennen wir aber einen „ethischen“ Begriff.

Dies schließt freilich nicht aus, dass im Gemeinwohl auch einige nichtethische Zusammenhänge ihre Rolle und ihren angemessenen Platz haben könnten. Aber ohne einen Begriff vom moralisch Guten können wir das Gemeinwohl nicht definieren. Ohne Moral kein Gemeinwohl, und ohne Gemeinwohl keine Politik. Moral ist die Voraussetzung des Gemeinwohls und Gemeinwohl ist der Zweck der Politik. Daraus folgt streng logisch: Ohne Moral ist Politik zwecklos. Moral ist entscheidender Bestandteil der Politik. Politik befasst sich mit der Verwirklichung des moralisch Guten im menschlichen Zusammenleben nach irdischem Maß.

Nun zeichnet sich aber die Moral gerade dadurch aus, dass es in ihr keine Experten gibt, die sich diesen Expertenstatus durch irgendein intellektuelles Wissen erworben hätten. Kein Diplom und kein Abschluss macht einen Menschen zu einem besseren Menschen, sondern höchstens zu einem gebildeteren Menschen, was etwas ganz anderes ist, wie uns spätestens die Geschichte der vergangenen Jahrhunderte gelehrt haben müsste. Der Experte ist derjenige, der den Gegenstand besser kennt als der Nicht-Experte. Der einzige Experte in der Moral ist also der tugendhafte moralische Mensch, dem das moralische Gesetz zur zweiten Natur geworden ist. So ein Mensch dürfte selten genug sein, und er ist an Universitäten gewiss nicht häufiger als woanders.

In der Moral können alle Menschen mitreden, weil jedem Menschen das moralische Gesetz ins Herz geschrieben ist, und jeder Mensch gleichermaßen dazu fähig ist, den Antreiben des Gewissens zu folgen oder sie im Laufe der Jahre immer schwächer wetrden zu lassen, bis die Stimme des Gewissens letztlich von dem wilden Kreischen der niederen Gelüste und Antriebe übertönt und damit unhörbar geworden ist. Alle Menschen sind ihren Fähigkeiten und Anlagen nach gleichermaßen moralfähig. Kurz können wir sagen: Der Mensch ist seiner Natur nach moralfähig.

Der Professor und der Bauer mögen unterschiedliches Vokabular verwenden, wenn sie über Moral sprechen. Der Ethiker mag ein scharfes philosophisches Verständnis diverser ethischer Ansätze entwickelt haben, das dem Bauern vollkommen fehlt. Aber wenn der Ethiker die Tötung der Unschuldigen rechtfertigt, und der Bauer sagt, „man tut das nicht“, dann ist der Bauer der ethische Experte und der Ethiker der Dumme.

Wenn es aber in der Moral keine Experten gibt, die sich durch formale Qualifikationen auszeichnen, dann gilt das auch für das Gemeinwohl, das der moralischen Fundierung bedarf, wenn es nicht zu einem reinen Kampf um den größtmöglichen selbstbezogenen Vorteil werden soll, bei dem die Stärkeren immer gewinnen. Doch wenn das Gemeinwohl ebenfalls keine diplombewehrten Experten kennt, dann gilt dasselbe auch für die spezifisch politischen Fragen.

Natürlich weiß der Ökonom wahrscheinlich mehr über Ökonomie als der Bauer. Er kann uns aber nur sagen, zu welchen Folgen bestimmte Handlungen seiner Theorie nach führen werden. Im Idealfall, wenn er wirklich bescheid weiß, dann werden diese Prognosen auch eintreffen. Davon sind wir natürlich weit entfernt. Doch selbst unter Annahme absoluten Expertenwissens wäre der Ökonom keine Hilfe bei der Frage nach dem Ziel.

Vielleicht könnte der perfekte Klimaforscher ausrechnen, dass „x“ Emissionen zu einem Temperaturanstieg von „y“ führen. Doch ob wir bereit sind, diesen Temperaturanstieg hinzunehmen, ob wir ihn als etwas Gutes sehen, und die negativen Folgen zu lindern versuchen, oder ob wir ihn als etwas Schlechtes sehen, und die guten Folgen als eher geringfügig betrachten, das ist keine Frage der Klimaforschung, sondern eine der Politik. Denn es ist die Frage nach dem Ziel, die Frage danach, was dem Gemeinwohl am besten dient, und damit letztlich eine moralische Frage.

Die Expertokratie ist daher ein Irrweg. Experten, die sich durch den einen oder anderen Abschluss auszeichnen, und mit genug Diplomen wedeln können, um als Alleinverantwortliche für die Abholzung der Regenwälder zu erscheinen, wissen vielleicht in ihrem Fachgebiet viel, doch sagt dies nicht das Geringste über den Zustand ihres Gewissens aus.

Kein Bildungszertifikat kann jemals so viel Weisheit vermitteln wie eine dieser zeitlosen Banalitäten, die sich schon die Bauern vor tausenden von Jahren erzählt haben.

Eine andere Folge dieser ganzen Überlegung ist aber, dass die Experten, wenn sie ihre politischen Meinungen gar nicht aus ihrem Expertenstatus schöpfen können, an ihre politischen Positionen ebenso herankommen wie die Nicht-Experten. Vielleicht können sie sie geschliffener formulieren, doch das konnten die Sophisten auch. Vielleicht sind die Sophisten sogar heute mal wieder wortgewandter als die Nachfolger des Sokrates, was womöglich daran liegt, dass die Nachfolger des Sokrates sich weithin den Sophisten angeschlossen haben. Die Experten haben kein privilegiertes Wissen in Fragen von Moral und Politik – daher sind diejenigen, die sich auf Experten für ihre politischen und moralischen Ansichten berufen, entweder einfach einer Täuschung erlegen, oder maskieren durch die Berufung auf die angeblich wissensbedingte Autorität der Experten nur eine bestimmte politisch-moralische Ideologie.

Da die Expertenlüge eigentlich sehr leicht zu durchschauen ist, zumal die Experten ja nicht einmal in ihren Fachgebieten wirklich fähig sind – ein Beispiel: welcher Ökonom hat die Krise von 2008 vorhergesagt? – trifft die Hypothese der Maskierung einer politischen Ideologie vermutlich auf die meisten Personen des öffentlichen Lebens zu, die sich, quer durch alle Parteien und Medien, Regierungs- und Nichtregierungsorganisationen, auf die scheinbare Autorität der Experten berufen.

In diesem Sinne erscheint gerade die repetitive Vehemenz, mit der immer wieder vorgetragen wird, es handle sich nicht um ideologische Ziele, sondern um Sachzwänge, die etwa die Zentralisierung politischer und wirtschaftlicher Macht in den Händen der Wenigen, die sogenannte „Globalisierung“, die Reaktion auf den Klimawandel, die Abtretung nationalstaatlicher Budgetsouveränität und dergleichen mehr erforderlich machten, als indirekter Beweis für die ideologische Absicht, die hinter den gegenteiligen Beteuerungen steckt.

Man sagt uns immer wieder, es gebe keine Alternative. Ist das wirklich so? Gibt es keine Alternative? Die generell vorgeschlagenen Alternativen sind die bekannten politischen Ideologien, die längst alle gescheitert sind, und deren Scheitern ihre Anhänger der Selbstdarstellung folgend auf wundersame Weise zu nüchternen, sachlichen, technokratische „Lösungen“ vorschlagenden Experten gemacht hat. Doch ansonsten? Wenn wir keine Liberalisten, Sozialisten oder Nationalisten sein wollen, wenn wir weder dem Markt noch dem Staat über den Weg trauen, bleibt uns denn dann etwas anderes übrig, als uns auf den puren Sachverstand der Experten zu verlassen, selbst wenn er nur ein schöner Schein ist, hinter dem sich eine seltsame Mischung von Egozentrismus und politischer Ideologie verbirgt?

Und ob. Denn der gemeinsame Punkt aller gescheiterten Ideologien und der heutigen Schein-Expertokratie ist eben dieser: Dass sie sich alle in der einen oder anderen Weise auf die zeitlosen Banalitäten der Moral berufen, von denen beiläufig schon die Rede war. Dass sie alle aber ein bestimmtes an sich richtiges moralisches Prinzip herausgreifen und es so weit unter Ausschluss aller anderen Prinzipien radikalisieren, bis es über den Status der Richtigkeit hinaus zum Irrtum aufgestiegen ist.

Dem gegenüber steht einsam die katholische Soziallehre, die peinlich die Übersteigerung eines einzelnen moralischen Prinzips meidet, indem sie das ganze moralische Gesetz berücksichtigt. Hier haben wir ein Ideal, das, Chesterton zufolge, nicht versucht und für schlecht befunden, sondern für schwer befunden, und deswegen nicht versucht worden ist. Wäre es nicht eine gute Idee, dieser Idee eine Chance zu geben, nachdem alle anderen Ideen heillos gescheitert sind, und bevor wir uns in den radikalen Nihilismus stürzen, der die Folge des Scheiterns sinngebender Ideologien zu sein pflegt?

Erzbischof Woelki beklagt Intoleranz der Linken

Wie kath.net berichtet, ist der frisch ins Amt eingeführte Erzbischof von Berlin, Rainer Maria Woelki, „erstaunt“ über die Intoleranz der Linken. Anlass des Erstaunens ist scheinbar der Aufruf von mehr als der Hälfte der Politiker der Linkspartei, den Papst im Bundestag zu boykottieren. „Seit ich Erzbischof von Berlin bin, höre ich überall, dass Berlin eine offene, liberale, tolerante Stadt ist. Der Papst hat es verdient, dass man ihm in genau dieser Offenheit, mit Respekt und Toleranz begegnet“, erklärte Woelki dem oben verlinkten Bericht zufolge.

Was der sprichwörtlichen Toleranz der modernen, aufgeklärten, nicht-so-rückständigen Linken noch die Krone aufsetzt, ist dass einige der Anhänger eines Boykotts gegen den Papst noch nicht sicher sind, ob sie wirklich seiner Rede fernbleiben werden – manche wollen vielleicht auch einen Protest im Bundestag starten, vielleicht mit Kondomen am Finger, wie laut kath.net die Süddeutsche Zeitung berichtet.

Was also ist mit der Toleranz der Linken? Wo ist sie? Scheinbar wird sie ja nur dann eingefordert, wenn es um das „Tolerieren“ von moralisch wie gesundheitlich unsinnigen sexuellen Aktivitäten geht – in allen anderen Bereichen ist die heutige Linke (und damit meine ich jetzt nicht nur die Mitglieder der „Linkspartei“, sondern die gesamte Linke, was faktisch alle im deutschen Bundestag vertretenen Parteien mit einschließt) extrem intolerant. Ich weiß natürlich nicht, ob Seine Exzellenz diese offensichtliche Tatsache gerade erst bemerkt hat, oder derartige Einsichten schon länger hat, aber an erster Stelle ist ihm für diese wichtige Einsicht zu gratulieren.

Dass einige linksradikale, rot-totalitäre Bundestagsabgeordnete nicht einmal den minimalen Anstand besitzen, abweichende Meinungen von anderen Staatsoberhäuptern oder religiösen Persönlichkeiten wenigstens schweigend anzuhören, um sie später zu kritisieren, folgt letztlich notwendig aus der sittlichen Verrohung, welche mit der konsequenten Umsetzung der Ideologie des moralischen Relativismus einhergeht, und wird vom Papst als „Diktatur des Relativismus“ bezeichnet. Unser Heiliger Vater kennt den Geist der Linken sehr genau, da er anständig genug ist, sich ihre Worte anzuhören, und wird daher am besten wissen, wie mit solchen ungezogenen Kindlein umzugehen ist. (Ich als Traditionalist bin allerdings der Ansicht, ihr Vater sollte ihnen einfach mal den Hintern versohlen…)

Warum kommt es zur Diktatur des Relativismus, wann immer die Linke die Macht erlangt? (Und, erneut, „Linke“ im Zusammenhang der folgenden Ausführungen bezeichnet nicht nur die Mitglieder der gleichnamigen Partei, auch wenn diese die entsprechende Ideologie gleichsam paradigmatisch verkörpern, sondern gerade auch die Linken, die sich nicht in der Linkspartei beheimatet fühlen, und manchmal weniger aggressiv dieselbe Ideologie verfolgen – dazu gehören alle im deutschen Bundestag vertretenen Parteien. Denn Sozialismus und Liberalismus entspringen beide derselben ideologischen Wurzel, nämlich den Zielen der französischen Revolution, die ein sehr frühes Beispiel für die Diktatur des Relativismus im Völkermord gegen die königstreuen Bauern in der Vendée und im Wohlfahrtsausschuss, darstellt)

Die Ideologie der heutigen Linken in nichts anderes als die politische Umsetzung des Sündenfalls mit den Mitteln des Staates. Beim Sündenfall waren Adam und Eva nicht bereit, sich Gottes Willen unterzuordnen, und wollten für sich, unabhängig von Gott, ihr Glück machen. Modern formuliert wollten sie sich selbst verwirklichen, sie erstrebten die Befreiung von Autoritäten. Eva war die erste Achtundsechzigerin, Adam, indem er seine Frau ganz freiheitlich machen ließ, der erste Liberale. Ich möchte damit nicht bezweifeln, dass es in allen Zeiten wohlmeinende Sozialisten und Liberale gegeben habe. Einem Friedrich Ebert oder einem Walther Rathenau wären derartige Geschmacklosigkeiten, wie sie heute auf der Linken zum guten Ton gehören, niemals eingefallen. Doch sowohl der Liberalismus als auch der Sozialismus verengen den Menschen letztlich aufs rein Materielle, auf materiellen Wohlstand, materielle Gleichheit, materielle Rechte; damit widersprechen sie nicht nur fundamental dem katholischen Glauben (wie diverse Päpste immer wieder klargestellt haben, besonders die Enzykliken Libertas Praestantissismum und Quod Apostolici Muneris von Leo XIII. zeigen die Fehler dieser Lehren hellsichtig auf), sondern sogar dem Licht der natürlichen Vernunft, leugnen sie doch zumindest die öffentlich-gesellschaftliche Bedeutung der aus der natürlichen Vernunft erkennbaren Existenz Gottes, indem sie alle religiösen Fragen als reine Privatsache auffassen und derartige Betrachtungen aus dem Reich der Politik und der Moral zu verbannen unternehmen.

Diese Verengung aufs Materielle ist letztlich fatal, nicht nur für die Religion, sondern gerade auch für die liberale oder sozialistische Ideologie selbst. Denn woher nimmt der Liberalismus seinen Wert der Freiheit, woher der Sozialismus sein Gleichheits- und Gerechtigkeitsideal, wenn nicht aus dem Sittengesetz der natürlichen Vernunft, welches aber eben nicht materiell zu begründen ist, sondern nur unter Rückgriff auf Naturzwecke (Teleologie im klassischen aristotelischen Sinne), welche seit Beginn der Moderne in der Philosophie systematisch geleugnet werden? Letztlich gibt es außerhalb des moralischen Gesetzes weder Freiheit noch Gleichheit, und erst recht keine Brüderlichkeit, da alle moralischen Werte letztlich aus diesem gemeinsamen Schatz stammen, wie C. S. Lewis in seinem kleinen, aber immens bedeutenden Buch „The Abolition of Man“ (deutscher Titel: Die Abschaffung des Menschen) überzeugend dargelegt hat.

Ohne Rückgriff auf diese Verankerung im natürlichen moralischen Gesetz verselbständigt sich die Freiheitsidee des Liberalismus, indem sie andere wesentliche Güter ignoriert, und wird daher zur Ideologie. Ähnlich, nur in noch schlimmerem Maße, verhält es sich mit dem Gleichheitsideal des Sozialismus. Ohne die Ergänzung durch konkurrierende Prinzipien führt diese Ideologie zu der Vorstellung, man müsse durch menschliche Macht alles „gleichmachen“ – Einkommen, Geschlecht, Bildung usw.

In beiden Fällen kann Dissens nur im Rahmen der Ideologie geduldet werden. Wer gar nicht im Sinne des Liberalismus „frei“, d.h. im Wesentlichen ein ungebundener, moralisch beliebiger Produzent oder Konsument sein will, der stört im Liberalismus. Es ist eine ganz natürliche Entwicklung, dass der Liberale früher oder später fordert, gesellschaftliche Traditionen zu bekämpfen, die zwar auf natürliche Weise und ohne staatlichen Zwang gewachsen sind, aber dem Ideal des Liberalismus entgegenstehen (wie etwa die Kirche und die traditionelle Familie mit Hierarchien und lebenslangen Treuebindungen). Der Mensch muss zu seiner „Freiheit“ gezwungen werden. Der Sozialismus ist eine wesentlich krudere und gefährlichere Ideologie, da Gleichheit viel weiter geht als nur Freiheit. Gleichheit ist absolut grenzenlos – es gibt immer noch mehr Eigenschaften, die man einebnen kann, und von Natur aus treten ständig neue Ungleichheiten auf, da die Menschen von Natur aus eben nicht gleich, sondern grundverschieden sind. Sozialismus ist daher eine besonders virulente Ideologie, die besonders stark zu Intoleranz gegenüber Abweichlern neigt, auch da ihr Ziel besonders unplausibel und widernatürlich ist. Nicht zwei Menschen, die es je gegeben hat, waren „gleich“, aber der Sozialismus will tendenziell die ganze Menschheit in eine amorphe Gleichheitsmasse umformen. Ein sozialplanerischer Zoo mit gleich großen Käfigen für alle.

Und wer nicht in diese Käfige will? Nun, der ist einer dieser ekelhaften Bremser, ein Volks- oder Klassenfeind, je nach Färbung des angestrebten sozialistischen Paradieses.

Nun ist die katholische Kirche nicht bloß das stärkste, sondern sogar beinahe das einzige verbliebene Gegengewicht gegen die Ideologien des Sozialismus und des Liberalismus im „modernen Westen“. Sozialismus und Liberalismus sind Geschwister, auch wenn sie sich zuweilen im stark beschränkten heutigen politischen Diskurs wie Gegner benehmen und sich zu Gegensätzen hochstilisieren. Und die einzige ernstzunehmende Institution, die bis heute entschlossen beide Irrlehren ablehnt, ist eben die katholische Kirche. Deswegen sind intelligente Liberale und Sozialisten sich ihres echten Gegners bewusst. Die Gefahr kommt sozusagen aus Rom.

Nun leben wir in einer Zeit, in der die jahrzehntelange Arbeit von Sozialisten und Liberalen Früchte getragen hat, und fast alle Menschen einer der beiden Ideologien anhängen – was durch unser Bildungssystem, die Hauptmedien, und besonders durch den Appell an die Todsünden Hochmut, Gier und Wollust sichergestellt worden ist. Deswegen können Liberale und Sozialisten ganz offen gegen die Kirche (und die Familie) kämpfen, denn es ist keine gesellschaftliche Strömung da, die stark genug wäre, die Ideologen an ihrem Zerstörungswerk zu hindern. Die nur noch von einer kleinen Minderheit unterstützte katholische Kirche ist also nicht nur das logische Hauptziel der Angriffe der Ideologen, sondern stellt auch noch ein besonders leicht angreifbares Ziel dar.

Das Resultat ist dann der Fall von Hemmschwellen, die bei früheren Generationen von liberalen und sozialistischen Politikern aufgrund ihrer Erziehung noch verankert waren, auch wenn es in ihren jeweiligen Ideologien keinerlei Rechtfertigung für sie gab. Doch solche Hemmschwellen sind ja durch die freie Erziehung, frei von Regeln, frei von Disziplin, frei von Strafen und frei von Vernunft, längst abgeschafft worden – schließlich wollte man ja die Persönlichkeitsentwicklung von Kindern nicht mit so trivialen und altmodischen Vorstellungen wie Vernunft, Sittlichkeit, Wissen oder gar Wahrheit einschränken. So macht nun heute jeder seine eigenen Regeln, je nach subjektiv empfundenem Nutzen – mit bekannten Resultaten.

Die Intoleranz der „Papstgegner“ im Bundestag und anderswo hat aber neben der grundsätzlich unmoralischen ideologischen Basis der Kritiker und dem Verfall von Erziehung und Hemmschwellen in allen Bereichen noch einen viel tieferen philosophischen Grund, durch den der Begriff von der „Diktatur des Relativismus“ erst richtig erfüllt wird – es geht um die Leugnung absoluter Wahrheit. Gern wirft man den „Absolutisten“ vor, ihre starre Haltung sei die Ursache für Kriege und Terror. Doch wenn es ein absolutes moralisches Gesetz gibt, an das die Menschen gebunden sind, das sie erkennen und durch Vernunftgebrauch einsehen können, dann gibt es objektiv wahre Richtlinien, an denen man einzelne Handlungen messen kann. Erst durch die Existenz solcher objektiver moralischer Gesetze ist die Beurteilung einer Handlung als „verwerflich“ überhaupt erst möglich. Wenn sich ganz modern und freiheitlich jeder seine eigenen Regeln macht, wer kann ihm dann etwas vorwerfen, egal was er tut? Denn seine Taten befanden sich ja in Übereinstimmung mit dem von ihm anerkannten Wertesystem. Niemandes Taten können dann jemals als wirklich falsch angesehen werden – alles ist damit zulässig. Der moralische Relativismus ist damit nicht nur falsch, sondern zerstört sich selbst. Denn der Satz „es gibt keine objektive Wahrheit“ behauptet ja von sich selbst, objektiv wahr zu sein. Über diese elementaren Selbstwidersprüche hinaus führt er jedoch grundsätzlich zu einer langsamen Abstumpfung des Gewissens, das ja nun den Versuchungen nicht mehr das unbeugsame objektive moralische Gesetz entgegenzustellen vermag, sondern nur noch subjektive, von Person zu Person verschiedene, jederzeit veränderbare Prinzipien. Das Gewissen wird damit faktisch ausgeschaltet; bloß persönliche Präferenzen sind kaum in der Lage, starken Versuchungen lange zu widerstehen.

Auch objektive Moral kann natürlich missbraucht werden. Der Unterschied ist nur, dass solcher Missbrauch nach den eigenen Prinzipien falsch ist, während der Relativist einfach seine Moral ändern kann, wenn sich seine Präferenzen verändern.

In der Praxis sind nicht alle sittlich verrohten Menschen Relativisten und nicht alle Relativisten sittlich verroht. Aber das aus dem moralischen Relativismus entstehende gesellschaftliche Klima der sittlichen Beliebigkeit, das mehr und mehr die westlichen Gesellschaften erobert, begünstigt sittliche Verrohung nicht nur aus den hier aufgeführten Gründen, sondern auch noch auf andere Weise, etwa durch den Zerfall von Bindungen an traditionelle Institutionen wie die Kirche und die Familie, was ich im Detail anderswo behanden werde.

Abschließend kann man festhalten, dass die heute herrschende gesellschaftliche Sittenlosigkeit, der Fall von noch vor kurzem als selbstverständlich betrachteten Hemmschwellen, nicht zur Entstehung der von Erzbischof Woelki beklagten Intoleranz geführt hat, sondern ihr nur zum hemmungslosen Durchbruch verhilft. Die Intoleranz selbst wird aber vom moralischen Relativismus verstärkt, da erstens Toleranz selbst vom Relativismus auch wieder nur als relativ begriffen werden kann, und zweitens da durch den Wegfall objektiver moralischer Gesetze das Gewissen entmachtet und durch flackernde persönliche Vorlieben ersetzt werden. Und wenn eine der Vorlieben eben eine Abneigung gegen die Kirche ist, dann wird man auch diese ausleben.

Erzbischof Woelki beklagt zurecht die dem Papst entgegengebrachte Intoleranz, und er wird noch erleben, dass diese sich auch gegen ihn richtet, sobald er erstmals die Lehre der Kirche wahrnehmbar in der Öffentlichkeit vertritt. Wenn sich die aktuellen gesellschaftlichen Trendlinien fortsetzen, woran ich nicht zweifle, wird diese Intoleranz noch stärker werden, und sich vielleicht irgendwann einmal in Gewaltausbrüchen gegen Menschen statt gegen Sachen oder den allgemeinen Anstand niederschlagen. Verwundern würde es jedenfalls nicht.