Ein Interview mit Pater Schmidberger

Ein sehr gutes, neutral und mit Sachverstand von Paul Badde geführtes Interview kann man auf der Homepage der WELT lesen. Es folgen einige Auszüge aus dem Interview mit Kommentaren von Catocon in feuerroter Färbung.

Die Welt: In Rom mehren sich die Signale, dass es endlich zu einer vollständigen Aussöhnung mit der Priesterbruderschaft Pius X. kommen könnte und dass sie bald schon eine eigene Personalprälatur haben dürften, die dem Status des Opus Dei nicht nachsteht.  (Das wäre wunderbar. Aber es scheint etwas zu optimistisch, es sei denn es hat dogmatische Annäherungen und Klärungen gegeben, die mich noch nicht erreicht haben, was nicht verwunderlich wäre, erfahre ich doch traditionell alles immer zuletzt.) Es heißt aber auch, die Verhandlungen des Vatikans mit der Pius-Bruderschaft seien gescheitert. (Diese Meldung, soll man sie als Ente, als Wunschdenken oder als Fehlinterpretation einer zweifelhaften Predigt bezeichnen, ist dementiert worden mit einer Schärfe, dass man davon ausgehen kann, dass zumindest noch kein Scheitern feststeht.) Können Sie Klarheit schaffen?

Pater Franz Schmidberger: Nichts lieber als das. Am 14. September 2011 hat Kardinal Levada Bischof Fellay, unserem Generaloberen, eine „lehrmäßige Präambel“ überreicht, deren Annahme die Bedingung sei für eine kirchenrechtliche Anerkennung der Pius-Bruderschaft. Wir haben über den Text eingehend beraten und sind zu dem Schluss gekommen, dass er so nicht annehmbar ist. Schließlich habe ich selbst am 1. Dezember die Antwort des Generaloberen nach Rom gebracht, und auf die römische Bitte hin hat er diese Antwort dann noch einmal präzisiert. Jetzt warten wir mit Spannung auf das Ergebnis der Beratungen der Glaubenskongregation. (Gute, knappe Zusammenfassung der Lage, soweit sie öffentlich zugänglich ist.)

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Die Welt: Erzbischof Lefevbre, der Gründer der Priesterbruderschaft, wird der Satz zugeschrieben, dass er „mit ganzem Herzen am Ewigen Rom“ hänge? Hätte er sich nicht schon längst mit dem Papst versöhnt, bei dessen ausgestreckter Hand? (Mir gefällt, wie Badde hier und an anderer Stelle den Erzbischof Lefebvre als Maßstab der FSSPX anerkennt und sein Verhalten mit dem der jetzigen Anführer der Bruderschaft kontrastiert. Auf diese Weise kommt er mit den Piusbrüdern ins Gespräch auf der Basis einer Autorität, die beide Seiten für relevant halten und nicht von vornherein ablehnen. Das ist geschickte Interviewführung und ermöglicht eine inhaltliche Auseinandersetzung.)

Pater Franz Schmidberger: So einfach sind die Dinge nicht. Während der Visitation unseres Werkes durch Kardinal Gagnon im Jahre 1987 schrieb Erzbischof Lefebvre dem Kardinal einen Brief und machte Vorschläge für eine kirchenrechtliche Struktur unserer Bruderschaft. Dabei machte er sehr deutlich, dass der heutige Ökumenismus unter dem Zeichen des religiösen Relativismus, die Religionsfreiheit, deren Frucht der heutige Säkularismus ist, und die Kollegialität, die das gesamte kirchliche Leben lähmt, für uns unannehmbar sind. Leider gibt es auch hier heute noch Differenzen mit dem regierenden Papst. (Das sind die bekannten Streitfragen. Die Struktur wird von selbst folgen, sobald diese Streitfragen zufriedenstellend gelöst sind.)

Die Welt: Welche vernünftigen Argumente hat die Bruderschaft eigentlich noch gegen die Religionsfreiheit, deren Durchsetzung heute geradezu eine Schlüsselrolle für den Weltfrieden zukommt?

Pater Franz Schmidberger:(Es folgt eine klare Darstellung der traditionellen Lehre der Kirche zum Thema, ohne Polemik und ohne Übertreibungen. So muss Kritik am Konzil sein, wenn man sie üben möchte.) Die Religionsfreiheit ist nicht in erster Linie eine praktische Frage, sondern eine Frage der Lehre: Die Verurteilung der Religionsfreiheit durch die Päpste hat nie besagt, dass man andere Menschen zur katholischen Religion zwingen will, sondern dass ein Staat mit katholischer Bevölkerungsmehrheit die katholische Religion als die von Gott geoffenbarte anerkennen soll. Dabei kann er anderen Religionen und Bekenntnissen sehr wohl im öffentlichen Bereich eine Duldung einräumen und diese sogar durch bürgerliche Gesetze festschreiben.Selbstverständlich müsste in der heutigen Zeit des Pluralismus diese Toleranz eine breite Anwendung finden. Andererseits hat der Irrtum nie ein (Natur-)Recht. Wenn es aber darum geht, dass der Mensch kraft des Lichtes der Vernunft Gott erkennen und um die wahre Religion wissen kann, dann gilt dies auch für den Staatsmann; und genau dies haben die Päpste bis einschließlich Pius XII. festgehalten, indem sie die Religionsfreiheit verurteilt haben. Alles andere ist eben letztendlich Agnostizismus. (Also der Versuch religiöser Neutralität seitens der Staatsmänner)

Die Welt: Die letzten Päpste haben sich alle der -kumene verschrieben, sogar der Vereinigung der Konfessionen – nach dem Wort Christi, „dass sie doch alle eins sein mögen“, wie Jesus betete (Joh. 17,21). Was wollen Sie dagegen vorbringen?

Pater Franz Schmidberger:(Auch hier wieder eine klare, polemikfreie Darstellung der traditionellen Position zur Ökumene. Vorbildlich, wie Pater Schmidberger die traditionalistische Position artikuliert, sie durchaus auch mit modernen Vorstellungen kontrastiert, aber dabei immer sachlich bleibt. Wie gesagt, solche Kritik am Konzil muss zulässig sein.) Jeden Sonntag singen die Gläubigen: „Ich glaube an die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche“; das Gebet Christi bezieht sich nicht darauf, dass sie erst eins werden müsste. Allerdings sind im Laufe der Geschichte immer wieder Gruppen von dieser einen Kirche weggebrochen, so im 11. Jahrhundert die Griechen, im 16. Jahrhundert Luther mit seinen Gefolgsleuten. Für jeden aufrechten Christenmenschen ist dies ein großer Schmerz, und so beten wir täglich um die Rückkehr der von der Kirche Getrennten ins eine Vaterhaus.

Die Welt: Bisher hat noch jede Sekte der Dünkel ausgezeichnet, auf der richtigen Seite zu stehen – mit einer guten Portion Überheblichkeit für die große Mehrheit. Bei Erzbischof Lefevbre war es nicht so. (Wieder dieser geschickte Bezug auf Erzbischof Lefebvre…) Er hat noch sehr gelitten unter der drohenden Spaltung und dem Notstand des ungeklärten Status der Bruderschaft. Hat sich die Priesterbruderschaft inzwischen an diesen Notstand gewöhnt – oder ist das Bewusstsein für die Gefahr einer bleibenden Abspaltung hier immer noch als Not verbreitet?

Pater Franz Schmidberger: Ein Notstand ist ein Notstand, er ist abnormal und strebt zur Normalisierung hin. Wie aber sollen wir mit Assisi-Treffen, die implizit (nicht explizit!) behaupten, alle Religionen seien Heilswege, zu einem Ausgleich kommen? (eine GANZ wichtige Unterscheidung zwischen implizit und explizit. Diese Assisi-Treffen suggerieren unterschwellig bestimmte Haltungen, selbst wenn man ihnen angestrengt mit Worten widerspricht. Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Das ist die eigentliche traditionalistische Kritik, nicht das, was man von mancherlei Traditionalisten gehört hat, etwa dass der Papst selbst an die Gleichwertigkeit aller Religionen glauben würde oder so. Es ist einfach, dass solche Treffen keinen anderen Eindruck vermitteln können, selbst wenn das nicht beabsichtigt sein sollte. Der Indifferentismus ist implizit, nicht explizit. Auch hier wieder hervorragende, sachliche Kritik ohne Polemik) Gewiss leiden wir unter der heutigen Situation; aber wir leiden noch tausendmal mehr darunter, dass dieser religiöse Relativismus schließlich zu Indifferenz und Atheismus führt und unzählige Seelen ins Verderben stürzt. (Ein wahres Wort.)

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Die Welt: Sogar die Anglikaner finden nun in der katholischen Kirche eine Heimat. Was hat denn eigentlich verhindert, dass Sie sich seit Jahrzehnten in der Kirche nicht mehr so zu Hause fühlen durften?

Pater Franz Schmidberger: Im Grunde haben sich die gleichen Tendenzen, die die Anglikaner zur katholischen Kirche fliehen lassen, nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil auch innerhalb der katholischen Kirche breitgemacht und zu einem verheerenden Glaubensverlust, zu einem sittlichen Niedergang und zu einer Verwüstung in der Liturgie geführt. (Es ist eine gesamtgesellschaftliche Krise. Deswegen kann man die Schuld nicht nur dem Konzil geben. Die Schuld des Konzils besteht darin, diesen Strömungen nicht entschlossen genug entgegengetreten zu sein, und dies ist auch die Schuld der Kirche nach dem Konzil.) Wenn Sie nur jetzt während der Faschingszeit an die Narrenmessen denken (daran möchte ich gar nicht denken…), die überall in die Kirchen eindringen. Sehen Sie, ich habe hier die Ansprache des Papstes an die Vertreter des Zentralkomitees der deutschen Katholiken vom 24. September 2011 vor mir. (Piusbruderschaft zitiert den „nachkonziliaren“ Papst. Bischofskonferenz spielt ihn herunter…) Darin sagt er: „Die eigentliche Krise der Kirche in der katholischen Welt ist eine Krise des Glaubens. Wenn wir nicht zu einer wirklichen Erneuerung des Glaubens finden, werden alle strukturellen Reformen wirkungslos bleiben.“ (Problem der Zweideutigkeit: Erneuerung hat eben in der modernen Sprache immer die Bedeutung von „Altes durch Neues ersetzen“, und darum geht es bei der Erneuerung der Kirche eben nicht. Es geht darum, den Wahren Glauben wieder im Vollmaß anzunehmen.) Durch das Konzil hat eben nicht der Geist der Kirche die Welt durchdrungen, sondern umgekehrt ist der Geist der Welt in die Kirche eingedrungen. (Treffende Diagnose. Der Rauch Satans usw. Das wusste schon Paul VI.)

Die Welt: Ich sage Ihnen nichts Neues, wenn ich auf den Rest in Ihrer Mitte (oder am Rand) hindeute, der keine Einigung mit dem Papst mitmachen wird. Sind Sie bereit, um dieses Restes willen die Versöhnung scheitern zu lassen, oder sind Sie bereit, sich von ihm zu trennen?

Pater Franz Schmidberger: Wenn die römischen Autoritäten für eine kirchenrechtliche Anerkennung der Bruderschaft nicht etwas fordern, was der traditionellen Lehre und Praxis der Kirche widerspricht, so wird es kein allzu großes Problem für eine Regularisierung geben. Wenn dagegen Rom fordern sollte, wir müssten das ganze zweite Vatikanum ohne Wenn und Aber anerkennen, dann sehe ich keine Möglichkeit für eine Lösung. (Das gibt Hoffnung für eine Einigung. Denn „ohne Wenn und Aber“ muss das Konzil niemand anerkennen. Er kann eine Menge „wenns“ und „abers“ vortragen, und immer noch ein Katholik in voller Einheit mit dem Papst sein.)

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Pater Schmidberger versteht es auch in diesem Interview wieder, die Position der Piusbruderschaft deutlich und unmissverständlich klarzustellen, ohne sich in wilden Polemiken, Verschwörungstheorien und Anschuldigungen zu ergehen, wie es dem leider nicht immer völlig unbegründeten Zerrbild des Traditionalisten oder Piusbruders entspricht. Ich denke, dass eine Einigung auf dieser Basis möglich sein müsste, solange sichergestellt wird, dass inhaltliche Kritik auch an den Texten des Konzils, in der Form wie Pater Schmidberger sie hier vorbringt, jederzeit gestattet ist, und die Praxis der Piusbrüder hinsichtlich Lehre und Liturgie nicht angetastet wird.

Jetzt gilt es weiterhin abzuwarten, auf eine positive Antwort aus Rom zu hoffen und für sie und alle Beteiligten auf beiden Seiten der Verhandlungen zu beten.

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Roberto de Mattei im Interview

Ein ausführliches Interview mit dem Autor des kürzlich hier auf Kreuzfährten thematisierten Geschichtswerks „Das Zweite Vatikanische Konzil – eine bislang ungeschriebene Geschichte“ kann man derzeit auf kath.net nachlesen. Hier folgen nun einige Auszüge mit kurzen Kommentaren von Catocon in rot.

Was waren die vornehmlichen Ergebnisse des Konzils unter einem theologischen und doktrinellen Aspekt sowie hinsichtlich des Glaubenslebens? Wie haben sich Stil und Art der christlichen Verkündigung geändert?

de Mattei: Als Johannes XXIII. das II. Vatikanische Konzil eröffnete, erklärte er, dass dieses ein pastorales und kein dogmatisches Konzil sei (was der Heilige Vater genauso sieht, wie schon die anderen Päpste seit dem Konzil), da es sich zur Aufgabe mache, mit einer neuen pastoralen Sprache die beständige Lehre der katholischen Kirche vorzulegen. Die Erfordernis, eine neue Sprache für die Welt zu finden, entsprang – wie es nicht anders sein konnte – dem Verlangen, den Glauben zu verbreiten. Das Ziel also war praktischer Natur, und ausgehend von den praktischen Ergebnissen muss darüber geurteilt werden, ob die Mittel zur Erlangung des Ziels wirksam und angemessen waren. Die Tatsachen sagen uns leider, dass das Konzil nicht die Ergebnisse erreichte, die es sich gesetzt hatte. So entsteht das sogenannte hermeneutische Problem: etwas „ist schief gegangen“.(Dies ist eine wichtige Einsicht. Ob es nun objektiv einen theologischen und dogmatischen Bruch mit der Tradition der Kirche gegeben hat oder nicht – wozu sich de Mattei als Historiker nicht äußert – man muss das Konzil an seinen Früchten erkennen, und diese Früchte waren nun einmal größtenteils ungenießbar. Etwas ist schief gegangen. Das ist eine historische und keine theologisch-dogmatische Aussage.)
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Ich gehöre zu dieser [römischen, Anm. von Catocon] Schule, und ich denke, dass die Veränderung des Stils und der Art der christlichen Verkündigung im Sinne einer Anpassung an die Kultur des 20. Jahrhunderts der Kirche nicht gut getan hat. Sie hätte vielmehr die Welt „herausfordern“ müssen, ohne Ängste und Komplexe.(Es ist ein abgegriffener und viel mißbrauchter Satz – aber das ist, was Jesus tun würde. Er hat die Zeit, in der er auf Erden wandelte, auch nicht besänftigt, sondern herausgefordert. Und er ist dafür umgebracht worden, wie es auch uns geschehen kann, wenn wir unsere Zeit richtig herausfordern. Das ist sozusagen „Berufsrisiko“ eines jeden Christen.)

Seit Papst Benedikt XVI. in seiner Weihnachtsansprache an die Römische Kurie am 22. Dezember 2005 vom Gegensatz zwischen einer „Hermeneutik der Reform“ und einer „Hermeneutik der Diskontinuität oder des Bruchs“ gesprochen hat, bestimmen diese Begriffe die aktuelle Diskussion um das Konzil als Ereignis und in seinen Folgen. Ein Problem für die „Hermeneutik der Reform“ besteht in der Unterscheidung zwischen dem „Ereignis“ des Konzils, zusammen mit seiner Vor- und Nachgeschichte, und der „Produktion“ des Konzils.

Kann es eine Dichotomie zwischen den Lehren des Konzils und den sie erzeugenden Fakten geben? Was sind die Folgen, wenn eine derartige Trennung nicht statthaft ist?

de Mattei: Es ist statthaft, die beiden Aspekte des Konzils, das heißt die doktrinellen Dokumente und das Ereignis, voneinander zu unterscheiden. Sie dürfen jedoch nicht getrennt werden. Zu ersteren äußern sich die Theologen, zum zweiten die Historiker. (Hier ist wieder die Unterscheidung von vorhin…) Das letzte Ziel ist dasselbe, doch die Methode der Forschung ist im Fall der Geschichte auf die Wahrheit der Fakten, im Fall der Theologie auf die Glaubenswahrheiten anzuwenden. Der Glaube muss die Schritte des Historikers erleuchten, vor allem wenn die Kirche Gegenstand seiner Forschung ist, doch die Fragen, die der Historiker stellen muss, und die Antworten, die er zu geben hat, sind weder die des Theologen noch des Hirten. Der Anspruch, eine geschichtliche Arbeit mit zu anderen Disziplinen gehörenden Kategorien zu bewerten, ist also nicht allein ein epistemologischer Irrtum, sondern auf moralischer Ebene auch ein vorschnelles Urteil als Folge eines ideologischen Apriori.

Mir wurde vorgeworfen, die Dokumente des Konzils zu vernachlässigen oder sie mit dem Schlüssel der Diskontinuität mit der Tradition der Kirche zu interpretieren. (Jetzt nimmt er Stellung zu dem oben bereits erwähnten Vorwurf:) Doch die Interpretation der Konzilsdokumente kommt den Theologen und dem Lehramt der Kirche zu. Was ich rekonstruiere, ist der historische Kontext, in dem jene Dokumente entstanden sind. Und ich sage, dass der historische Kontext, das Ereignis, keinen geringeren Einfluss in der Geschichte der Kirche hatte als das Lehramt des Konzils und das nachkonziliare Lehramt: der Kontext setzte sich selbst als paralleles Lehramt und beeinflusste so die Ereignisse.

Ich bin überzeugt, dass auf einer geschichtlichen Ebene die Nachkonzilszeit nicht ohne das Konzil erklärt werden kann, wie auch das Konzil nicht ohne die Vorkonzilszeit zu erklären ist, da in der Geschichte jede Wirkung eine Ursache hat und das Geschehen in einen Prozess eingeordnet wird, der oftmals sogar mehrere Jahrhunderte umfasst und nicht allein den Bereich der Ideen angeht, sondern den Bereich der Denkart und der Sitten.

Dass die Kirche in den letzten 50 Jahren in eine bisweilen dramatische Zeit der Krise getreten ist, dürfte niemand bestreiten. Worin liegen Ihrer Ansicht nach die Ursachen dieser Krise? Kann das Konzil als „Hauptursache“ für die Verdunstung des katholischen Glaubens angesehen werden?

de Mattei: (…) Die Übel der Kirche gehen dem Konzil voraus, sie begleiten es und folgen ihm natürlich. Diese Übel der Kirche sind nicht mit dem Konzil entstanden, sondern vielmehr explodiert.

Es ist kein Zufall, dass mein Buch nicht mit dem Datum des Beginns des II. Vatikanischen Konzils anhebt, sondern mit dem Modernismus und mit der Analyse der theologischen und intellektuellen Irrtümer, die unter den Pontifikaten von Pius X. bis Pius XII. zutage getreten sind. Der Modernismus war vom heiligen Pius X. hart bekämpft und schwer getroffen worden. Nachdem er dem Anschein nach verschwunden war, tauchte er langsam und schrittweise wieder in der Geschichte der Kirche auf, mit immer größerer Arroganz, bis er in das II. Vatikanische Konzil einmündete.

Der Anspruch, das Konzil von jeglicher Verantwortung für die gegenwärtige Krise freizusprechen, um sie allein einer schlechten Lesart seiner Dokumente zuzuweisen, scheint mir eine intellektuelle Vorgehensweise zu sein, die gegen die Geschichte geht und der Kirche nicht einmal einen guten Dienst leistet. Wer anders wäre denn für diese schlechte Interpretation der Dokumente verantwortlich wenn nicht die auf das Konzil folgenden Päpste, die dies gestattet haben?

Ein Hauptpunkt der Auseinandersetzung mit dem Konzil kann in der Bestimmung der „Tradition“ ausgemacht werden. Wie definieren Sie das Verhältnis zwischen Lehramt und Tradition?

de Mattei: In seinem nachsynodalen Apostolischen Schreiben „Verbum Domini“ hat Benedikt XVI. die Tradition zusammen mit der Heiligen Schrift als „die höchste Richtschnur des Glaubens“ bestimmt. Tatsächlich ist in der Kirche die „Richtschnur des Glaubens“ hinsichtlich dessen, was keinen definitorischen Rang besitzt, weder das II. Vatikanische Konzil noch das lebendige gegenwärtige Lehramt, sondern die Tradition, das heißt das unvergängliche Lehramt, das zusammen mit der Heiligen Schrift eine der beiden Quellen des Wortes Gottes bildet. Es wird unfehlbar mit dem Beistand des Heiligen Geistes vom Papst und den mit ihm vereinten Hirten gelehrt und vom gläubigen Volk geglaubt.

Es bedarf keiner theologischen Wissenschaft, um zu begreifen, dass im unangenehmen Fall eines – wahren oder scheinbaren – Kontrastes zwischen dem „lebenden Lehramt“ und der Tradition der Primat der Tradition zugewiesen werden muss, dies aus einem einfachen Grund: Die Tradition, die das in seiner Universalität und Kontinuität betrachtete „lebende Lehramt“ ist, ist an sich unfehlbar, während das sogenannte „lebende“ Lehramt – verstanden als die aktuelle Verkündigung des kirchlichen Hierarchie – dies nur unter bestimmten Bedingung ist. Die Tradition steht nämlich stets unter dem göttlichen Beistand; für das Lehramt trifft dies nur dann zu, wenn es sich außerordentlich äußert oder wenn es in ordentlicher Form in der Kontinuität der Zeit eine Glaubens- oder Sittenwahrheit lehrt.(Wenn es also zu einem Konflikt zwischen dem, was das Lehramt heute auf ordentliche Weise verkündet – nicht auf außerordentliche Weise im Wege dogmatischer Definitionen – und der Überlieferung der Kirche kommt, so ist der Überlieferung der Kirche der Vorzug zu geben. Das ist eine ganz wichtige Einsicht.)
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Ließe man dagegen zu, dass das II. Vatikanische Konzil das hermeneutische Kriterium für die Art ist, die Tradition zu lesen, so müsste paradoxerweise dem Deutungshoheit zugewiesen werden, was der Deutung bedarf.
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Das Konzil und der Kommunismus: wie beurteilen Sie die verfehlte Verurteilung des Kommunismus seitens des Konzils? Worin bestanden die Folgen, vor allem im Hinblick auf die Kulturrevolution der 68-Jahre? Kann man von einem Paradigmenwechsel in der Position der Kirche und ihres Lehramtes sprechen?
de Mattei: Die verfehlte Verurteilung des Kommunismus seitens eines Konzils, das sich die Auseinandersetzung mit den Problemen seiner damaligen Zeit vorgenommen hatte, scheint mir eine unverzeihliche Unterlassung zu sein. Die Konzilskonstitution „Gaudium et spes“ suchte den Dialog mit der modernen Welt in der Überzeugung, dass der von ihr zurückgelegte Weg, ausgehend vom Humanismus und Protestantismus bis hin zur Französischen Revolution und zum Marxismus, ein irreversibler Prozess sei. Tatsächlich aber stand die Moderne am Vorabend einer tiefen Krise, die dann in ein paar Jahren ihre ersten Symptome in der 68-Revolution offenbaren sollte. (Wobei Chesterton schon über vierzig Jahre vorher die Zeichen der Zeit erkannt hatte, und eine Revolution dieser Art durchaus erwartete… Die „ersten Symptome“, in denen sich die Krise der Moderne zeigte, waren sogar schon für de Tocqueville über 100 Jahre vor dem Konzil erkennbar. Man hätte also durchaus schon auf dem Konzil ganz ohne prophetische Gaben wissen können, wie tief die Krise war, in der die Moderne schon damals steckte. Und einige Köpfe auf dem Konzil wussten es – leider konnten sie sich nicht durchsetzen.)
Die Konzilsväter hätten mit einer prophetischen Geste die Moderne vielmehr herausfordern(ja! Das könnte man heute auch noch tun – es geschieht nur leider kaum, obwohl die tiefe Krise der Moderne und der sie nur noch steigernden Postmoderne bereits grell und offensichtlich vor unseren Augen liegen. Wir sind immer noch am dialogisieren und passen uns der „neuen Zeit“ an…) sollen als deren verwesenden Leib (treffendes Bild!) zu umarmen, wie dies leider geschah.
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Warum scheint es so schwer zu sein, dem Modernismus auf rationaler, philosophischer und theologischer Ebene zu begegnen?
de Mattei: Meines Erachtens besteht die Hauptursache der Niederlage der Konservativen und die Wurzel der Schwäche der Kirche in der heutigen Zeit im Verlust jener theologischen, für das christliche Denken charakteristischen Sicht, die die Geschichte bis zum Ende der Zeiten als unaufhörlichen Kampf zwischen den beiden „Städten“ im Sinne des heiligen Augustinus interpretiert: der Stadt Gottes und der Stadt Satans. (Ecclesia militans sind wir hier auf Erden. Ein geistlicher Kampf – das ist ein wesentliches Charakteristikum der Welt, in der wir leben. Wie oft hat man das in Predigten der letzten fünfzig Jahre hören können? Selbst in päpstlichen Verlautbarungen fehlt dieser Aspekt oft völlig, oder wird zumindest so heruntergespielt, dass er seine Wirkung nicht entfalten kann.)

Als der kroatische Bischof von Split, Frane Franić, am 12. Oktober 1963 vorschlug, im Entwurf „De Ecclesia“ dem neuen Kirchentitel „peregrinans“ („pilgernd“) die traditionelle Benennung „militans“ („streitend“) hinzuzufügen, wurde sein Vorschlag abgelehnt. Das Bild, das die Kirche der Welt von sich bieten wollte, war nicht jenes des Kampfes, der Verurteilung oder der „controversia“, sondern des Dialogs, des Friedens, der ökumenischen und brüderlichen Zusammenarbeit mit allen Menschen.

Die Minderheit der Progressisten erlangte dabei nicht so sehr eine Änderung der Lehre der Kirche als vielmehr eine Ersetzung des hierarchischen und streitenden Bildes der Braut Christi mit dem Bild einer demokratischen, dialogisierenden und in die Geschichte der Welt eingegliederten Versammlung. In Wirklichkeit aber kämpft die Kirche, die im Fegefeuer leidet und im Paradies triumphiert, im Namen Christi auf Erden und wird daher „militans – streitend“ genannt. Diesen Geist neu zu finden scheint mit eine der dringenden Notwendigkeiten der Kirche unserer Zeit zu sein.

Abschließend eine Frage zur Liturgie. (…) Worin sehen Sie die Bedeutung der seit dem Motu proprio „Summorum Pontificum“ wieder mit vollem Heimatrecht in der Kirche ausgestatteten Liturgie der außerordentlichen Form des Römischen Ritus? Handelt es sich wirklich „um einen zweifachen Usus ein und desselben Ritus“ (vgl. Benedikt XVI., Schreiben anlässlich der Publikation des Motu proprio „Summorum Pontificum“, 7. Juli 2007) oder muss die heute „ordentliche Form“ als „Übergang“ zu jenen Ursprüngen gesehen werden, in denen die Zukunft liegt?
de Mattei: Das Heilige Opfer ist gewiss ein einziges, doch der „Novus Ordo“ Pauls VI. ist, wie mir scheint, sowohl im Geist als auch in der Form zutiefst verschieden vom alten Römischen Ritus. (Diesen Eindruck habe ich auch, besonders seitdem ich mit einiger Regelmäßigkeit beiden Formen beiwohnen kann.) In letzterem sehe ich nicht die Vergangenheit, sondern die Zukunft der Kirche. Die traditionelle Liturgie bildet in der Tat die wirksamste Antwort auf die Herausforderung des laizistischen Säkularismus, der uns angreift. (Ja, denn sie kann nicht säkularisiert werden. Ihre Formen sind zu klar und deutlich, zu fixiert, ihre Worte zu treffend, zu großartig, als dass der heilige, übernatürliche Charakter selbst jemandem, der nur beiläufig und ihne Vorwissen in eine solche Messe „hineingerät“, verborgen bleiben könnte. Genau dies ist auch der Grund, warum sie von den Anhängern der Anpassung an die Zeit so beharrlich unterdrückt wird.)
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Die „Reform der Reform“, von der die Rede ist, hat Sinn und Wert nur als „Übergang“ des „Novus Ordo“ hin zum traditionellen Ritus und nicht als Vorwand zur Aufgabe des letzteren, der in seiner Unversehrtheit und Reinheit bewahrt werden muss.

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Ein sehr schönes Interview, dem ich mit meinem bescheidenen Sachverstand gar nicht mehr viel hinzufügen kann. De Mattei drückt klar und deutlich aus, dass er (1) entschlossen und in kindlicher Anhänglichkeit zum Heiligen Vater und zur Kirche steht, (2) jedoch sehr viel und in sehr tiefgreifender Weise an den Aktionen vieler Mitglieder dieser Kirche in verantwortlichen Positionen, auch und gerade auf dem II. Vatikanischen Konzil, zu kritisieren hat, und bringt (3) diese Kritik mit dem gebotenen Respekt zum Ausdruck, und nimmt diese Kritik nicht zum Anlass, einen theologischen Bruch zu konstruieren, der so gar nicht stattgefunden haben mag.

Interview mit Pater Zimmer, FSSP

Pater Walthard Zimmer, von der Petrusbruderschaft in Linz, ist von mir bereits einmal im Zusammenhang mit der Pfarrer-Initiative und ihrem Aufruf zum Ungehorsam erwähnt worden. Ein Interview mit ihm auf Gloria.tv möchte ich dem Leser nachdrücklich empfehlen. Dort geht es zum einen auch um die Pfarrer-Initiative um Schüller, andererseits werden ebenso generelle Fragen der heutigen Kirche besprochen. Es geht um die Glaubenskrise, Frauenpriestertum, die Piusbruderschaft und einige andere Themen.