Mosebach über Unglauben, Islam und Wohlstand

Es folgt ein langer Auszug aus dem Interview der WELT mit Martin Mosebach, dem bekannten Schriftsteller und Anhänger der traditionellen Messe. Herr Mosebach hat einige sehr interessante Sachen zu Themen wie Islam und Atheismus zu sagen. Wir üblich sind die Kommentare in roter Schrift gehalten, Hervorhebungen durch Unterstreichung stammen von Catocon.

Welt Online: Herr Mosebach, waren Sie Karfreitag in der Kirche?

Martin Mosebach: Selbstverständlich. In Frankfurt wurde in diesem Jahr erstmals seit der katholischen Liturgiereform 1968 wieder die Karfreitagsliturgie nach altem lateinischem Ritus gefeiert. Daran habe ich teilgenommen. (Schön, dass sich die traditionelle Messe auch in Deutschland langsam wieder ausbreitet.)

Welt Online: Dann haben Sie ja auch für die Atheisten gebetet. Die Kirche bittet an Karfreitag: „Lasst uns auch beten für alle, die Gott nicht erkennen, dass sie mit seiner Hilfe ihrem Gewissen folgen und so zum Gott und Vater aller Menschen gelangen.“ Warum erhört Gott das immer seltener?

Mosebach: Er hat das doch schon sehr vielfältig erhört. Die Kirche ist über die Jahrtausende in einem ständigen Wachstum befindlich. (Auch heute wächst die Kirche weltwelt gesehen Jahr für Jahr, wenn sie auch in Europa schrumpft.) Es gibt sehr viel mehr Christen auf der Welt als noch vor hundert Jahren und erst recht als noch vor 500 Jahren.

Welt Online: Aber das Wachstum ist regional unterschiedlich. Laut der neuen Studie der Universität Chicago sind in Ostdeutschland 46 Prozent der Menschen überzeugte Atheisten. Warum engagiert sich Gott dort nicht stärker? (Gott zeigt sich denen, deren Herz für Ihn offen ist. Wessen Herz ist in unserer gottlosen Zeit noch offen für etwas, dass sich nicht nach Effizienz- und Wohlstandsgesichtspunkten messen lässt?)

Mosebach: Die große Regel von Gracián lautet: Den göttlichen Mitteln so vertrauen, als gäbe es die menschlichen nicht, und den menschlichen so vertrauen, als gäbe es die göttlichen nicht. Die Kirche – und das heißt jeder einzelne Getaufte – hat die Aufgabe, für den Glauben zu werben. (Jeder Getaufte. Hier, nicht in der ständigen Forderung nach diesem oder jenem offiziellen Amt, findet sich die Aufgabe der Laien.) Nicht nur dadurch, dass er über seinen Glauben spricht, sondern indem er ein Leben führt, das auf Ungläubige so überzeugend wirkt, dass sie nachdenklich werden. (Das ist das Wichtigste. Missionsarbeit ist umso erfolgreicher, je heiliger der Missionar ist.) Mission hat eine göttliche und eine menschliche Seite. Auf der menschlichen Seite wird manches geleistet, aber vieles auch nicht.

Welt Online: Laut der Studie ist Ostdeutschland die atheistischste Region der Welt. Ist das eigentlich schlimm? (Was für eine Frage! Aber Herr Mosebach beantwortet sie grandios.)

Mosebach: Für die Christen ist es immer schlimm, wenn Menschen die Verbindung zu Christus verlieren. Weil sie davon überzeugt sind, dass diese Verbindung die Fähigkeit, Mensch zu sein, erst zur Vollendung bringt. Diejenigen, die religiös unmusikalisch sind – wie man das heute so flott formuliert –, sind in ihrer Vollausbildung als Menschen beeinträchtigt. (Religion ist keine Zugabe, sondern das Wesentliche, von dem alles andere abhängt.) Unglaube ist ein Mangel. Ein Leben in völliger Abkehr von Gott ist eine reduzierte Existenz. Die seelische und auch die rationale Fülle des Menschseins ist dann nicht gegeben, wenn die Verbindung zum Schöpfer verödet ist.

Welt Online: Ist die DDR schuld am Rückzug des Glaubens in Ostdeutschland? (Ist der Rückzug des Glaubens schuld an der DDR bzw. dem Kommunismus als solchem?)

Mosebach: Die Entwicklung hat lange vor der DDR begonnen. Der Sozialismus war zwar sehr eifrig in der strammen atheistischen Erziehung (unser heutiges Bildungssystem müht sich nach Kräften und nähert sich in dieser Hinsicht der DDR immer mehr an.) , aber das war er auch in anderen Ländern, in Russland, Polen oder Rumänien. Dort ist die Kirche wieder erstarkt, als der Sozialismus gestürzt war. Moskau hat heute Hunderte von Kirchen. Zur bolschewistischen Zeit gab es dort nur drei Kirchen, in denen noch die Liturgie gefeiert wurde.

Welt Online: Warum ist das in Ostdeutschland anders?

Mosebach: Weil es das Erbe Preußens hat. Es gab in Preußen seit dem 18. Jahrhundert einen die Kirche aushöhlenden Prozess. Friedrich II., dessen religiöse Toleranz in diesem Jahr so gefeiert wurde, war ja nur deswegen so tolerant, weil er die Religion verachtete, sich geradezu vor ihr ekelte. Dann kamen preußische Philosophen wie Friedrich Julius Stahl mit Formeln wie „Staatsdienst ist Gottesdienst“ (eine treffende Charakterisierung des totalitären Staatsverständnisses, das, in leicht abgewandelter Form, heute Allgemeingut ist), man konzentrierte sich auf Ethik, wollte weg vom Übernatürlichen. (Entmythologisierung. Modernismus. Anpassung an den „wissenschaftlichen“ Zeitgeist) In Goethes „Buch des Parsen“ kam der Zeitgeist zum Ausdruck: „Schwerer Dienste tägliche Bewahrung, sonst bedarf es keiner Offenbarung.“ Das war ein Protestantismus, der die Verbindung zu Sakralität und lebendiger Christus-Beziehung weitgehend verlassen hat. (Kann es wundern, dass die Protestantisierung der Kirche dieselben Ergebnisse gezeitigt hat?)

Welt Online: Ist es mehr als eine Laune der Geschichte, dass der Atheismus in dem Teil Deutschlands so stark ist, von dem auch die Reformation ausging? (Nein. Das eine folgt logisch aus dem anderen. Oder die lehramtliche Garantie ist die Offenbarung der Bibel beliebig flexibel und kann im Laufe der Zeit nicht mehr ernst genommen werden.)

Mosebach: Das ist keineswegs eine Laune der Geschichte. Das hat seine Logik. Deutschland war immer ein geteiltes Land. Schon als es in die Geschichte eintrat, bestand es aus einem römisch beherrschten Teil und einem barbarisch gebliebenen Teil. Tatsächlich laufen unsere heutigen religiösen Grenzen teilweise an den alten römischen Militärgrenzen entlang. (Eine sehr interessante Beobachtung, die in Zeiten minimaler historischer Kenntnisse wohl viele überraschen dürfte.)  Im Osten gab es schon vor der Reformation einen antirömischen Affekt, den Luther dann verstärkte. Auch die Staatsreligiosität mit dem König als Bischof und dem Landesherrn als oberstem religiösem Chef ist durch die Reformation entstanden. (Im Katholizismus waren Staat und Kirche nie in eins gesetzt, sondern immer verschieden, selbst wenn sie eng zusammengearbeitet haben. Die heute geforderte radikale Trennung von Kirche und Staat ist eine übertriebene Gegenreaktion gegen die reformatorische Nationalkirche: Das Pendel schlägt in die entgegengesetzte Richtung aus.)Dann hat das Bündnis mit der Aufklärung die Religion Stück für Stück entkernt.

Welt Online: War die Reformation Voraussetzung für den Atheismus?

Mosebach: Keineswegs zwangsläufig. Es gibt ja auch den evangelikalen Protestantismus, in den USA zum Beispiel.  Es gibt in Deutschland fromme protestantische Bewegungen wie die Pietisten oder die Herrnhuter. Aber tatsächlich ist es so, dass der Protestantismus, so wie er sich im Osten entwickelt hat, mit seinem Hang zur Säkularisierung fast notwendig zur Schwächung des Glaubens geführt hat. Sonst hätte der Kommunismus den Glauben dort nicht so nachhaltig zerstören können.

Welt Online: Als Zeitungsleser verbindet man mit Ostdeutschland höhere Arbeitslosigkeit, niedrigere Löhne und sinkende Einwohnerzahlen. Haben wirtschaftliche Faktoren auch etwas mit Glauben zu tun? (Das hat etwas mit einem Kamel und einem Nadelöhr zu tun. Die Reichen passen nicht hindurch.)

Mosebach: Es ist jedenfalls ein Faktum, dass sich bei der Religiosität in Deutschland die sozialen Verhältnisse umgekehrt haben: Im 19. Jahrhundert waren für den aufgeklärten, religiös bereits distanzierten Preußen die katholischen Regionen die rückständigen. Dort wohnten die Faulen, Ineffizienten, die an die Moderne nicht Adaptierten. Frömmigkeit war was für arme Leute. (Damals gab es in Deutschland noch richtig arme Leute. Heute nur noch „relative“ Armut, die verglichen mit wirklicher Armut als Reichtum erscheinen muss, für den das Wort mit dem Kamel und dem Nadelöhr wieder gilt.) Das hat sich verblüffenderweise umgedreht. Gegenwärtig ist Religion dort stabiler, wo der wirtschaftliche Erfolg ist, wo es ein etabliertes Bürgertum gibt. Die Erfolgreichen, die mit der modernen Welt Zurechtkommenden sind heute eher auch die Gläubigen. (Sind sie? Oder sind sie nicht viel eher die Anhänger des status quo, die einfach in der Kirche bleiben, weil es ihnen Trost und Nutzen bringt, während die Ärmeren eher austreten? Ich fürchte, Herr Mosebach irrt sich an dieser Stelle. Man kann im heutigen Deutschland Kirchenmitgliedschaft und Glaube nicht gleichsetzen. Das wohlhabende Bürgertum ist seltener konfessionslos; es ist nicht unbedingt religiöser.) In Ostdeutschland leben immer mehr Atheisten – und man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die neuen Bundesländer nicht gerade Horte der Innovation, des Produzierens und der Vitalität sind. (Der Atheismus ist auch nicht gerade Ausdruck einer gesunden gesellschaftlichen Lage.) Das Beunruhigende für die Kirche liegt darin, dass sie ihre alte Verbindung zu den Armen verloren hat – die Armen galten immer als der Schatz der Kirche. (Das sind sie auch heute noch. Man sehe sich nur die Regionen der Welt an, wo es noch wirklich arme Menschen gibt. Dort ist die Kirche stark. Nur in unserer nivellierten Wohlstandsgesellschaft, wo man als arm gilt, wenn man sich mal keinen Urlaub oder kein neues Auto leisten kann, ist die Kirche schwach. Das hat wieder mit dem Kamel und dem Nadelöhr zu tun.)

Welt Online: Müssen sich die Religionen angesichts des wachsenden Atheismus fragen lassen, ob sie attraktiv genug sind für die Menschen? (Schönheitswettbewerbe sind nicht wünschenswert.)

Mosebach: Zuerst muss ich sagen: Ich habe ganz andere Erfahrungen. Ich habe viele Menschen kennengelernt, die sich haben taufen lassen. (Ja, aber es sind trotzdem sehr wenige.)Aber wir müssen sowieso anders über Religion sprechen. Entweder die Religion besitzt die Wahrheit über das Wesen des Menschen, seine Herkunft und sein Ziel – oder sie besitzt sie nicht. Und wenn sie diese Wahrheit besitzt, muss man nicht über sie sprechen wie über eine Kaufhoffiliale, die Kunden verliert, sodass sich der Filialleiter fragt, woran das wohl liegen kann. Die Wahrheit unterliegt nicht einer Mehrheitsabstimmung. Es ist gut für den, der sie erkennt, es ist schlecht für den, der sie nicht erkennt. Die Wahrheit ist auf Zustimmung nicht angewiesen. (So ist es. Die Wahrheit allein genügt. „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.“)

Welt Online: Warum sehen so viele Menschen in Deutschland den Islam als Konkurrenz, obwohl sich immer weniger zum Christentum bekennen?

Mosebach: Die Sorge vor dem Islam in Deutschland ist weniger eine Sorge von Christen als von Leuten, die sich von der Kirche schon sehr weit entfernt haben.  Die empfinden Religion an sich als gefährlich, und im Islam sehen sie eine Rückkehr der Religion. (Sehr treffend formuliert! Nicht der Islam, sondern ernsthafte Religion, ist die wahre Gefahr für den modernen Westen, dessen sittlicher Verfall nur noch von seiner Gottlosigkeit übertroffen wird.)

Welt Online: Ist Ihnen aus christlicher Sicht ein Muslim lieber als ein Atheist? (Natürlich.)

Mosebach: Was heißt lieber. Er ist mir auf jeden Fall näher. Selbstverständlich.

Welt Online: Sie fürchten nicht, dass der Islam das Christentum in Europa verdrängt? (Nein. Es gibt kein zu verdrängendes Christentum in Europa. Der „Kulturkampf“ wird zwischen den Moslems und den Gralhütern der Aufklärung ausgefochten, und die Christen werden die Dritten sein, die sich freuen, wenn zwei sich streiten.)

Mosebach: Dem Christentum ist ja nicht der historische Erfolg geweissagt. In den verschiedenen Apokalypsen ist ihm geweissagt, dass die Kirche in den letzten Tagen vor dem Ende der Welt fast vollständig verschwinden wird. (Die Frage drängt sich auf, ob es bald soweit ist. Die Zeichen der Zeit sollten unsere Aufmerksamkeit erhalten.) Die Kirche ist ja auch aus Kernregionen, aus denen sie entstanden ist, vollständig verschwunden. (Und die Reste, etwa in Ägypten, dem Irak und Syrien, wo es sehr alte christliche Wurzeln gibt, werden gerade mit freundlicher Beihilfe der sogenannten westlichen Befreier und Demokratisierer ausgelöscht.) Aus Regionen, in denen sie ihre Prägung empfangen hat. Augustinus kam aus Nordafrika, Basilius der Große kam aus Zentralanatolien, da gibt es heute kaum noch Christen. Dafür gibt es heute in Ländern Christen, die man in der Antike nicht einmal kannte. Das ist eine Wanderungsbewegung. Die Kirche wandert über den Erdkreis. Jetzt entwickelt das Christentum zum Beispiel eine große Strahlkraft in China. (Wo es politisch unterdrückt wird. So ist das immer. Es wird Zeit, dass wir auch mal wieder eine richtige Verfolgung bekommen. Dann werden wir sehen, wer wirklich Christus liebt, und wer nur die Bequemlichkeit. Da werden wir uns noch wundern.) Das dürfte politisch gesehen die interessantere Nachricht sein als die, ob in Cottbus die Kirche voll ist.

Welt Online: Gehört der Islam zu Deutschland, wie es Christian Wulff gesagt hat und wie es Volker Kauder jetzt in Abrede stellt? (Nein. Herr Mosebach erklärt ganz vorzüglich den Grund.)

Mosebach: Wenn ein Politiker sich über den Islam äußert, kann er sagen: Die Deutschen, die sich zum Islam bekennen, haben dieselben Bürgerrechte wie die anderen Deutschen. Das ist eine Selbstverständlichkeit. Aber der Satz „Der Islam gehört zu Deutschland“ ist eine verantwortungslose und demagogische Äußerung. Was hat der Islam zu unserer politischen und gesellschaftlichen Kultur bisher beigetragen? Unser Grundgesetz fußt auf dem Christentum, auf der Aufklärung und auf weit in die deutsche Geschichte zurückreichenden Konstanten, wie etwa dem Partikularismus. Da gibt es kein einziges islamisches Element – woher sollte das auch kommen? Wenn die muslimischen Deutschen die kulturelle Kraft besitzen sollten, der deutschen Kultur islamische Wesenszüge einzuflechten, dann mag man in hundert Jahren vielleicht einmal sagen: der Islam gehört zu Deutschland.

Welt Online: Gehört das Christentum noch zu Ostdeutschland?

Mosebach: Natürlich. Dieses Land ist ein Geschöpf des Christentums. Seine Städte, seine Sprache, seine Kunst, alles. Das vergeht nicht in ein paar Jahrzehnten religiöser Ausdünnung.

(…)

Insgesamt ein sehr interessantes Interview, wobei mir besonders die Aussagen über Armut, Reichtum und ihr Verhältnis zum christlichen Glauben zu denken gibt. Kann das Christentum überhaupt in einer Gesellschaft gedeihen, die so reich ist wie die unsere? Um so reich zu sein, wie wir heute sind, müssen die meisten Menschen das Hauptaugenmerk in ihrem Leben auf die Vermehrung ökonomischer Ressourcen legen. Verlieren sie dabei nicht das Wesentliche, nämlich das Streben nach Heiligkeit? Sind Heiligkeit und Reichtum ohne weiteres zu kombinieren? In Einzelfällen auf jeden Fall, doch gilt das auch für die ganze Gesellschaft? Über diese Fragen lohnt es sich ausführlicher nachzudenken.

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Ein paar Worte zum Islam…

… anlässlich der aus vielerlei Richtung kritisierten Koran-Verteilungsaktion.

25 Millionen Exemplare des Korans sollen also verteilt werden. Die Piusbruderschaft, mit ihrem vielgescholtenen Verständnis vom Christlichen Staat, verurteilt dies natürlich auf genau dieser Basis, und steht mit ihrer Argumentation auf sicherem Boden. Man muss ihre Prämissen nicht teilen. Aber die massenhafte Verteilung des Korans, aus Sicht der Bruderschaft das Buch einer falschen Religion, ist aus dieser Perspektive heraus in jedem Fall verwerflich.

Doch nicht nur die Piusbrüder und andere Traditionalisten regen sich über die Aktion auf. Kritik kommt auch von Anhängern diverser Versionen der Religionsfreiheit. Vertreter von CSU und SPD haben sich kritisch dazu geäußert. Ebenso auch Stimmen aus dem Umfeld der deutschen Bischofskonferenz. Dies kommt natürlich nicht unerwartet, doch gibt es eigentlich rationale Gründe für dieses Verhalten? Unter der Annahme der Religionsfreiheit müssten alle Religionen tun und lassen können, was sie wollen, solange sie sich an die weltanschaulich neutral formulierten Gesetze halten. Wenn in einem „religiös neutralen“ Staat das Verteilen von Bibeln erlaubt ist, muss auch das Verteilen des Korans erlaubt sein. Warum dann auf einmal die Kritik? Warum der Ruf nach „Überwachung“ der Aktion? Selbst wenn man sich an den Initiatoren der Aktion, den als radikal geltenden Salafisten, hochzieht – der Koran ist der Koran, egal wer ihn verteilt, und kann doch eigentlich für einen religiös neutralen Staat nicht mehr und nicht weniger gefährlich sein als die Bibel, oder?

In unserem „religiös neutralen“ Staat dürfte es diese Debatte gar nicht geben. Es sei denn man ist der Meinung, dass religiöse Aussagen generell – dann aber alle religiösen Aussagen gleichermaßen – der staatlichen Zensur bedürfen. In diesem Falle wäre auch das Verteilen von Bibeln zu untersagen oder zu überwachen. Darauf wird es in Zukunft auch hinauslaufen, sobald die Christen es schaffen, mal wieder etwas zu missionieren, statt nur im ermatteten Siechtum zu verharren.

Dass sich manche sonst immer auf Religionsfreiheit pochenden gesellschaftlichen Kräfte auf einmal gegen die Verteilung des Korans wehren, liegt nicht an der Natur des Korans – denn die darf ja unter der Annahme religiöser Neutralität keine Rolle spielen – sondern in der Natur des religiösen Glaubens allgemein. Der Islam ist gefährlich für den deutschen Staat. Nicht aufgrund irgendeiner besonderen dem Islam innewohnenden Eigenschaft, sondern einfach, weil seine Anhänger tatsächlich daran glauben.

Die Moslems glauben an ihren Gott und ihre Heilige Schrift, und deswegen stellen sie für den modernen Westen eine Bedrohung dar.

Die traditionellen Katholiken und konservativen Protestanten glauben an ihren Gott und ihre Heilige Schrift, und deswegen stellen sie für den modernen Westen eine Bedrohung dar.

Die orthodoxen Juden glauben an ihren Gott und ihre Heilige Schrift, und deswegen stellen sie für den modernen Westen eine Bedrohung dar.

Doch die Bedrohung durch gläubige Juden und Christen ist gering, weil ihre Anzahl winzig ist. Die bei weitem größte Gruppe von tatsächlich gläubigen Menschen stellt in Deutschland der Islam.

Das Problem der säkularen, liberalen Islamkritiker ist nicht speziell der Islam, sondern der Wahrheitsanspruch einer außerstaatlichen Instanz, die den Menschen an etwas bindet, das über dem Staat steht. Der religiös neutrale Staat kann alles tolerieren, nur keine Religion, die wirklich geglaubt wird. Solange die Menschen friedlich zur Kirche gehen und dort eine entschärfte, „moderne“ Version ihrer Religion vorgesetzt bekommen, stellen sie keine Gefahr für den Staat dar. Das wäre auch für eine „modernisierte, verwestlichte“ Moschee nicht anders. Eine solche Religion, ein solcher „Gott“ ist keine Konkurrenz.

Aber wenn die Menschen tatsächlich glauben und ihre Religion tatsächlich für wahr halten, dann steht die Religion über dem Staat und die Loyalität der Gläubigen gilt in erster Linie der Wahrheit, und eben nicht dem „toleranten“, „modernen“ Staat.

Der Islam ist heute das beste Beispiel für diesen Effekt. In Westeuropa ist er auf dem Vormarsch. Er wird von einigen wenigen Konservativen und Traditionalisten aus ehrenwerten, durchaus zutreffenden theologischen Gründen angegriffen. Meist ist Islamkritik jedoch Lob für die „Errungenschaften der modernen Gesellschaft“, darunter besonders Feminismus, religiöser Indifferentismus, Individualismus, Atheismus und Säkularisierung. Diese sollen gegen den Islam verteidigt werden. Für viele Islamkritiker ist das die westliche Kultur, die sie schützen wollen. Und so ist es. Das ist heute die reale „westliche Kultur“.

Man müsste diese „westliche Kultur“ allerdings auch gegen das Christentum verteidigen.

Wenn dieses nicht weithin in Ehrfurcht vor den Götzen der Moderne zur Salzsäule erstarrt wäre.

Buchempfehlung: Die Türkei in Europa

Wer Roberto de Matteis hervorragende Konzilsgeschichte (Das zweite Vatikanische Konzil: Eine bislang ungeschriebene Geschichte) gemocht hat, dem wird wahrscheinlich auch sein Buch über den Beitritt der Türkei zur EU gefallen. Mit gewohnter historischer Fachkompetenz analysiert de Mattei tiefenscharf und treffsicher die diversen Argumente für und gegen eine weitere Annäherung der Türkei an Europa. Er greift auch Themen auf, die sonst in der öffentlichen Diskussion nicht angesprochen werden können.

Das Buch ist keine Polemik gegen einen EU-Beitritt, sondern eine wissenschaftliche Arbeit, auch wenn das Ergebnis, zu dem de Mattei kommt, nicht gerade positiv für die Türkei ausfällt. Breiten Raum erhält in dem Buch „Die Türkei in Europa: Gewinn oder Katastrophe“, 2010 in deutscher Übersetzung erschienen, die Geschichte der Türkei als laizistischem (kemalistischem) Staat und seine langsame, schleichende Transformation zu einem Verbündeten des Islamismus und die seltsame Rolle der Demokratie bei der Islamisierung, doch auch demographische, geopolitische und natürlich religiöse Probleme bleiben nicht unberücksichtigt.

Für den Gegner eines türkischen EU-Beitritts stellt das Buch eine Fundgrube guter Argumente dar, den Befürworter könnte es aufgrund seiner Sachlichkeit ins Zweifeln bringen, und wer das Buch einfach nur liest, um sich über die Fakten zu informieren und alle Seiten der Debatte zu hören, bevor er sich eine fundierte Meinung bildet, der wird seine Freude an der hervorragend recherchierten Arbeit haben und auch nicht enttäuscht werden.

Katholizismus und modernes Judentum

Ein interessanter kurzer Artikel samt sich daran anschließender lebhafter Diskussion findet sich auf Ultramontan. Ich möchte meine Leser dazu aufrufen, dort vorbeizuschauen. Es geht um die Frage, ob man beim modernen Judentum von unseren „Brüdern“ oder „Vätern“ im Glauben sprechen kann, und ferner um das Verhältnis zum Islam.

Ökumanische Irrwege

Erklärtermaßen sollte der Papstbesuch im Zeichen der Ökumene stehen. Zumindest dies, so kann man feststellen, ist wohl auch gelungen. Ökumene und interreligiöser Dialog machten einen signifikanten Anteil der Zeit aus – die ewigen Debatten mit den diversen Gremien der christlichen und nichtchristlichen Religionen haben den Papst beansprucht.

Allerdings hat mir noch niemand erklären können, was das eigentlich soll. Wir leben in einem Land, in dem über 40% der Menschen überhaupt nicht mehr an Gott glauben, und selbst ein großer Teil der anderen 60% keine Gottesvorstellung mehr hat, die auch nur annähernd als christlich zu erkennen wäre. Ein ähnliches Bild ergibt sich leider auch in der katholischen Kirche – 90% der katholischen Christen in Deutschen besuchen nicht mehr die Messe, sind also nicht einmal bereit, eine Stunde pro Woche explizit für die Verehrung Gottes bereitzustellen. Von den 30% Katholiken sind nur 10% Kirchgänger – also nur 3% der Bevölkerung. Das Bild in der evangelischen Glaubensgemeinschaft sieht noch schlimmer aus – dort besuchen teilweise weniger als 5% der Mitglieder die Gottesdienste am Sonntag. 3% der Bevölkerung sind katholische Messbesucher, vielleicht 1,5% evangelische Gottesdienstbesucher. Alles in allem weniger als 5%. Die anderen 95% sind in keinem erkennbaren Sinne am christlichen Glauben interessiert. Unter ihnen sind sicher einige, die für ein solches Interesse offen wären, doch darum geht es hier gar nicht.

Dazu kommt eine kleine, ebenfalls voll und ganz säkularisierte jüdische Gemeinde, und einige Millionen Moslems – vermutlich die größte Religionsgruppe, wenn man aktive Gläubige als Berechnungsgrundlage nimmt.

Wenn nun, aus welchen mir intransparenten Gründen auch immer, der Papst unbedingt einen Hauptschwerpunkt seines Besuchs auf „Gespräche“ mit anderen Religionen legen wollte, warum hat er sich dann auf so winzige und spätestens in 10 oder 20 Jahren praktisch vollkommen ausgestorbene Gruppen wie die EKD-Protestanten konzentriert? Wäre es nicht viel sinnvoller gewesen, sich mit der faktisch gut 90% umfassenden Mehrheit der Nichtgläubigen zu befassen?

Doch selbst darüber hinaus erscheint es mir nicht allzu sinnvoll, sich mit irgendwelchen Gremienvertretern der Evangelischen „Kirche“ Deutschlands zu treffen – solche Gremiendebatten sind sinnlos im „Dialogprozess“ der katholischen Kirche, und sie sind ebenso sinnlos bei den Seelenverwandten der Gremienkatholiken am anderen Ufer des Luthermeers. Die Vertreter der EKD glauben ebensowenig an Christus und seine Lehre wie ihre verbandskatholischen Genossen – und ich gebrauche angesichts der vertretenen politischen Ideologien dieses Wort durchaus mit Bedacht. Und weder die einen noch die anderen haben auch nur die Absicht, sich auf eine ernsthafte Diskussion mit dem Papst über die Irrtümer des Protestantismus einzulassen.

Scheinbar war es dem Papst aber auch nicht so wichtig, irgendjemanden vom Irrtum seiner Wege zu überzeugen. Die Ökumene auf Augenhöhe – das sich selbst vorgaukeln, die lutheranische Häresie sei irgendwie besonders ehrenwert oder gar ein möglicher Weg zur Erlösung – ist nicht nur dogmatisch gesehen zumindest höchst problematisch, sondern nicht einmal praktisch.

Auf evangelischer Seite wird ohnehin nicht verstanden, warum die Kirche nicht einfach einen diplomatischen Kompromiss schließt und sich dann alle in die Arme nehmen. Die evangelische Kirche hat nur ein Dogma (die Dogmenlosigkeit), nur einen absoluten moralischen Grundsatz (den Relativismus). Selbst dort wo früher evangelische und katholische Gläubige hätten kooperieren können – etwa beim Lebensschutz – stehen die Protestanten der EKD heute auf der Seite des Zeitgeists, nicht auf der Seite der Christen und vernünftigen Atheisten. Die moralische Ebene war, bis tief ins 20. Jahrhundert hinein, der eine Lichtblick am Horizont der Kirchenspaltung. Heute ist selbst das entfallen. Ökumenischer Dialog kann daher ohne jeden Verlust ebenso entfallen.

Dasselbe gilt auch für das was heute unter interreligiösem Dialog verstanden wird. Natürlich wird man Gremienvertretern des Judentums, allein schon aufgrund der deutschen Geschichte, einen Besuch abstatten. Man könnte ihnen „Guten Tag“ sagen und einander viel Glück wünschen. Doch warum setzt man einen besonderen Schwerpunkt auf diese Tagesordnungspunkte, so als ob doch etwas dabei heraus kommen könnte, etwas anderes als die üblichen unsachlichen, böswilligen Vorwürfe Antisemitismus, Rassismus, Mittelalterlichkeit usw. usf. gegen alle, die nicht auf Linie des Zeitgeistes sind?

Was könnte man im Sinne von Ökumene und interreligiösem Dialog machen? Nun, ein Papst hätte sicher durch ein Treffen mit einer traditionellen lutheranischen Gruppe (etwa der SELK) Akzente setzen können. Er hätte ihnen sogar ein Ordinariat anbieten können, ähnlich wie den Anglikanern vor zwei Jahren. Auch sind Gespräche mit der Orthodoxen Kirche auf möglichst hoher Ebene sinnvoll und notwendig. Was die nicht-christlichen Religionen betrifft, so könnte man sich mit orthodoxen Juden (nicht dem Zentralrat des Jüdischen Zeitgeists) wenigstens über viele Fragen der Sittenlehre verständigen, und gemeinsam für das Leben, traditionelle Familienwerte und gegen die Diktatur des Relativismus kämpfen. Da gibt es Gemeinsamkeiten, und es spricht nichts dagegen, auf der Basis dieser Gemeinsamkeiten auch zu handeln.

Wofür kann man mit ZdK, EKD, ZdJ und den anderen Buchstabensuppen-Gruppen kämpfen (außer natürlich für Mülltrennung und gegen die Piusbruderschaft)?

Der Ökumene-Fetisch der derzeitigen katholischen Kirche besonders in Deutschland, aber, wie man bei diesem Papstbesuch leider wieder feststellen musste, auch in Rom, hat keinen objektiven Sinn und bringt nichts als Schaden.

Immer wieder war in den Ansprachen, Reden und Predigten des Papstes von Umkehr die Rede. Und darum muss es wirklich gehen. Wenn wir den Willen Gottes tun, wie er in Schrift und Lehre überliefert ist, wenn wir wirklich glauben, ihm wirklich nachfolgen, unser Kreuz wirklich tragen, dann werden die Menschen wieder erkennen – wie sie schon einmal erkannt haben – wo Liebe und Wahrheit sind. Und sie werden um Einlass bitten.

Die beste Ökumene ist die Heiligkeit eines jeden einzelnen Menschen. Jeder Mensch ist zur Heiligkeit berufen. Ein knappes Dutzend Heilige ist ausreichend, um die ganze westliche Welt zu bekehren, das zeigt die Geschichte. Selbst ein einziger Heiliger kann viele Menschen zum Glauben führen. Doch selbst zehntausend Gremientreffen überzeugen niemanden.

Der Wahlspruch bleibt also: Katechese statt Dialog.

Und viel wichtiger noch: HEILIGKEIT STATT DIALOG!

Droht ein dritter Weltkrieg?

Normalerweise beschäftige ich mich auf diesem Blog mit dem Katholizismus. Doch aus aktuellem Anlass empfehle ich den folgenden Artikel aus einer kanadischen Zeitung, dem „Ottawa Citizen“.

Es geht um die Lage im Nahen Osten, die in den letzten Wochen dramatisch eskaliert ist, was nicht zuletzt an den Bemühungen der türkischen Staatsführung zu liegen scheint. Der Artikel ist eine klare und deutliche Meinungsäußerung, der man zustimmen kann oder nicht. Aber die möglichen Implikationen sind erschreckend. Hier nur zwei kurze Auszüge aus dem Artikel, der es verdient in Gänze gelesen zu werden:

Erdogan is also a „democrat,“ who has no reason not to be, because he enjoys tremendous and abiding domestic popularity. The party he founded came to power by a landslide, and has been twice re-elected. (He had a stand-in for prime minister at first, for he was still banned from public office.) There are demographic reasons, too, why Turkish secularism has been overwhelmed by Turkish Islamism. The Muslim faithful have babies; modern secularists don’t.

(…)

Turkey’s military was the guarantor of pro-western Turkish secularism, under the Ataturk constitution. With characteristic incomprehension of the consequences, western statesmen supported Erdogan’s efforts to establish civilian control over the generals – our old NATO friends. By imprisoning several senior officers on (probably imaginative) charges of plotting a coup, Erdogan was able to induce the entire Turkish senior staff to resign, last month.

They did this because they had run out of allies. Hillary Clinton and company hung the only effective domestic opposition to Erdogan out to dry. Turkey’s powerful, western-equipped military is now entirely Erdogan’s baby, and the country’s secularist constitution is a dead letter. Erdogan, the Islamist, now has absolute power.

Der ganze Artikel findet sich, erneut, hier.

Nur eine kurze Anmerkung inhaltlicher Natur zum Thema: Man lasse sich die, man kann sie nicht anders bezeichnen, sträfliche Dummheit der westlichen Mächte einmal im Mund zergehen, die allen Ernstes die „Demokratisierung“ der Türkei gefördert hat, während man doch um die demographische und religiöse Struktur des Landes wusste, die zugleich den „arabischen Frühling“ enthusiastisch, und in Libyen sogar militärisch, unterstützt hat, die damit in den betroffenen Ländern die anti-israelische Volksmehrheit mit deutlich größerem Einfluss ausgestattet hat, und sich jetzt wundert, warum die mit freundlicher Unterstützung der westlichen Außenpolitiker erstarkten anti-israelischen Kräfte auf einmal anders als in den vielen Jahren zuvor die direkte Konfrontation mit Israel herbeizuführen versuchen.

Manchmal fragt man sich, ob die westliche Außenpolitik wirklich ihre eigene „Pro-Demokratie“-Propaganda glaubt. Das ist der größte Fehler: Seine eigene Propaganda für bare Münze zu nehmen.

Religiöse Sammelkarten beim deutschen Papisten

Religiöse Sammelkarten – eine Mischung aus schmerzlichen Wahrheiten und satirischer Brillianz findet man beim German Papist.

Manche der „Sammelkarten“ sind einfach zu lustig, andere, besonders die letzte, haben aber auch einen ernsten Hintergrund. Doch sehen Sie selbst…