Ein kleiner Selbstversuch

Es wird ja viel über den Zustand der Theologie in Deutschland gesagt. Man verbreitet Memoranden, in denen wesentliche Teile des katholischen Glaubens bezweifelt und zumindest indirekt geleugnet werden, und diese Memoranden finden die Unterstützung hunderter angesehener Theologen. So viel Schlechtes hatte ich bereits über die deutsche Theologie gehört, dass ich es mir nicht verkneifen konnte, einmal den Selbstversuch zu machen. Also habe ich mich einfach in katholische Theologievorlesungen bzw. Seminare gesetzt und den faszinierenden Ausführungen der Dozenten gelauscht. Dieses Experiment ist noch nicht alt – es hat erst in der letzten Woche begonnen – doch eigentlich könnte ich es abbrechen, denn meine schlimmsten Befürchtungen sind bestätigt worden.

Was die Theologen in ihren Büchern an haarsträubend agnostisch klingenden Thesen verbreiten, was sie in ihren Memoranden fordern, nimmt sich fast noch harmlos gegenüber dem aus, was die Theologiestudenten täglich anstelle des katholischen Glaubens präsentiert bekommen. Natürlich steckt in den falschen Lehren dieser Theologen bereits der Kern des Unglaubens, doch so richtig offensichtlich wird dies, wenn sie unterrichten, wenn sie sozusagen die Chance erhalten, eine neue Generation Theologen zu formen. Dann legen sie so richtig los.

In vier Stunden habe ich nunmehr das Folgende „gelernt“:

– Der Anfang des Johannesevangeliums ist verklausulierter Antisemitismus und zusammen mit dem Judenhass der Kirche für „unzählige Judenpogrome“ verantwortlich.

– Die Wunder Jesu haben gar nicht stattgefunden, sondern sind nur „theologisch wahr“, nicht „historisch wahr“. Das bedeutet, dass man aus ihnen zwar metaphorische Einsichten gewinnen kann, sie aber nur nachträgliche Hinzufügungen sind.

– Dass „Johannes“ nicht der Autor des Johannesevangeliums sei, und schon gar nicht der Johannesbriefe oder der Apokalypse.

– Dass das Johannesevangelium eine theologische Meditation und kein historischer Erlebnisbericht des Lebens Jesu sei.

– Dass die Kirche seit dem 2. Vatikanischen Konzil (natürlich!) nicht mehr an die Hölle als Ort der Bestrafung glaubt.

– Dass die Trennung der christlichen von der jüdischen Religion die Folge politischer Notwendigkeiten, und nicht religiöser Differenzen war, und zum Teil aus einem exzessiven Abgrenzungswillen der schon damals „antisemitischen“ Christen folgte.

– Dass es zentrale Aufgabe der katholischen Theologie sei, die Traditionen der Kirche zu „hinterfragen“, also Munition gegen sie zu sammeln.

– Dass Paulus ein Frauenhasser gewesen sei.

– Dass der Teufel nur eine Metapher für das Böse im Menschen sei. [Anmerkung: Dann lassen sich überraschend viele Theologieprofessoren von einer Metapher verführen. Wirklich kläglich.]

Diese kurze Zusammenstellung mag genügen. Sie genügt in jedem Fall, um den christlichen Glauben zu einer Absurdität zu machen, und zwar zu einer abstoßenden Absurdität. Wenn das der christliche Glaube ist, kann man nur noch aus der Kirche austreten. Und weil das als christlicher Glaube gelehrt wird, kann man sich nicht wundern, wenn so viele Menschen aus der Kirche austreten. Sie haben das Christentum nie kennengelernt, also lehnen sie einen weitgehend fiktiven Glauben ab. Und sie lehnen ihn zurecht ab.

Wenn die Wunder Jesu nicht historisch real sind, dann ist das Christentum Unsinn. Denn ein bloß menschlicher Jesus kann uns nicht aus unseren Sünden erlösen. Er kann nicht auferstehen.

Die neue Religion der Theologen ist nicht mehr katholisch, ja nicht einmal mehr christlich. Sie leugnet implizit den einen absolut zentralen Inhalt der christlichen Religion.

Es kann nicht verwundern, dass man einen menschlichen Jesus nicht anbetet, dass die Realpräsenz geleugnet wird, dass die Liturgie bloß eine menschliche Mahlfeier sein soll, die der kreativen Gestaltung unterliegt, wenn Jesus nicht Gott war, nicht auferstanden ist, und bloß nette ethische Geschichtchen erzählt hat.

Es kann nicht verwundern, dass man eine Religion nicht ernst nimmt, die kaum mehr zu sagen hat, als jeder halbwegs weise heidnische Bauer an moralischer Weisheit in seinem eigenen Herzen vorfinden kann.

Es kann nicht verwundern, dass es keinen Priesternachwuchs gibt. Denn wer braucht Priester für eine Ethische Gesellschaft?

Das alles kann nicht verwundern, wenn an katholischen Fakultäten keine katholische Theologie mehr gelehrt wird. Was da gelehrt wird, das ist ein neuer Glaube, eine neue Theologie, eine neue Religion. Es ist weder katholisch noch christlich.

Die Bischöfe dulden es im Großen und Ganzen, zwischen stillschweigender Zustimmung und zustimmendem Stillschweigen schwankend. Es scheint ihnen durchaus nicht negativ aufzustoßen, jedenfalls nicht so negativ, dass sie ein Eingreifen für geboten hielten.

Wir haben eine massive Glaubenskrise. Ihr Ausmaß war mir theoretisch auch schon vor zwei oder drei Wochen bekannt. Aber es praktisch einmal selbst zu erleben, steigert vielleicht nicht die logische Überzeugungskraft, aber doch die subjektive Eindrücklichkeit einer solchen Einsicht.

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