Woelki zur Entweltlichung

Der kürzlich in sein Amt eingeführte Erzbischof von Berlin, Rainer Maria Woelki, hat sich in einem bei kath.net veröffentlichten Interview zum Thema Entweltlichung und Kirchensteuer geäußert. Da es sich bei Woelki um einen der wenigen Hoffnungsträger der katholischen Kirche im deutschen Episkopat handelt, war ich gespannt, was der Erzbischof zu diesen Themen zu sagen haben würde. Wie üblich werde ich hier einige Auszüge präsentieren, für den Rest des Interviews auf die oben zitierte Quelle verweisen und meine Kommentare und Hervorhebungen einfügen. Vorweg möchte ich allerdings sagen, dass ich von dem Interview ziemlich enttäuscht bin.

KNA: Herr Erzbischof, der Besuch von Papst Benedikt XVI. in Berlin liegt inzwischen gut einen Monat zurück. Was bleibt?

Woelki: (…) Es bleibt die Erfahrung, in einem vollen Stadion mit dem Papst Gottesdienst [Warum nicht „Messe“ sagen? Gottesdienste gibt es viele.] zu feiern. Jetzt geht es darum, das, was Benedikt XVI. gesagt hat, zu studieren und für unsere Diözese fruchtbar zu machen. Aus der Vertiefung des Glaubens kann dann auch unser gesellschaftliches Engagement wachsen.

KNA: Bei seiner letzten Station in Deutschland, in Freiburg, hat der Papst für eine «Entweltlichung» der Kirche plädiert. Wie bewerten Sie die darüber in Gang gekommene Debatte?

Woelki: Ich denke, der Papst hat mit «Entweltlichung» nicht gemeint, dass wir uns aus der Welt heraushalten, sondern dass wir mit der Botschaft Jesu in die Welt hineingehen sollen. [Genau. Mit der Botschaft Jesu. Nicht mit einem Arm voll Geld und Businessinteressen. Und Porno-Angeboten vom Weltbild-Verlag.] Aber wir müssen natürlich Strukturen überprüfen, die nicht mit dem Evangelium vereinbar sind. [Um welche Strukturen handelt es sich dabei, Exzellenz?] Es ist notwendig zu untersuchen, woran wir künftig festhalten und woran nicht. [Wer übernimmt die Untersuchung? Das Gremium zur Abschaffung der Gremien? Der Entbürokratisierungsausschuss?] Dies gilt natürlich auch für das Erzbistum Berlin, auch hier sind weiter strukturelle Veränderungen notwendig. [Welche Veränderungen? Wir wünschen uns Hirten, keine Schwämme.]

KNA: Manche Kirchenkritiker [Nicht nur Kritiker. Gerade die Liebhaber der Kirche sehen mit Sorge, dass die Kirche sich erpressbar gemacht hat] sehen sich durch die Worte des Papstes in ihrer Forderung nach einer Abschaffung der Kirchensteuer bestätigt…

Woelki: Natürlich gibt es jetzt den einen oder anderen, der die Worte des Papsts so interpretiert und alte Forderungen wiederholt. In Deutschland hat sich aber das zwischen Staat und Kirche gewachsene System der Kirchensteuer bewährt – für beide Seiten. [Ich fürchte, der Erzbischof hat einen über den Durst getrunken. Oder sagen wir lieber – ich hoffe, dass bloß etwas Alkoholeinfluss diese absolut lächerliche Aussage erklärt. Das System der Kirchensteuer hat sich bewährt? Ernsthaft? Dann sind die Kirchen also voll, der Glaube lebendig, die Priesterschaft motiviert und eifrig im Spenden der Sakramente, die Schlangen an Beichtstühlen lang, das Engagement der Gläubigen hoch, die Liebe der Gläubigen zu ihrem Herrn und Erlöser sowie der von Ihm eingesetzten Kirche tief und innig, die Kirche in einer Lage voller Zukunftschancen?], Die Kirche ist in Deutschland eine wichtige gesellschaftliche Gruppe und übernimmt Aufgaben des Staates [Nur, dass es nicht die Funktion der Kirche ist, die Aufgaben des Staates zu übernehmen. Gebt dem Kaiser was des Kaisers ist, auch im Bereich der Funktionen], wenn ich alleine an das große soziale Engagement [worin besteht dieses Engagement? Darin, dass man die ach so engagierte deutsche Kirche fast schon mit Gewalt von der ans HErz gewachsenen Ausstellung von Darf-Scheinen zur Tötung der Unschuldigen Kinder abhalten musste? Dass man sich im Wesentlichen dem sozialtechnokratischen Club angeschlossen hat und statt aus der Liebe Christi aus der Liebe zum staatlichen Finanztrog arbeitet?]   oder an Einrichtungen für Erziehung und Bildung denke. [Katholische Schulen? Ich würde niemals ein Kind in eine durchschnittliche katholische Schule in Deutschland schicken. (Bestimmt gibt es rühmliche Ausnahmen.) Wenn ich mein Kind sexualisieren lassen möchte, nehme ich die Odenwald-Schule. Vielen Dank. Katholische Schulen unterscheiden sich kaum von weltlichen, staatlichen Schulen, außer dass die Eltern eingelullt werden, und deswegen vom aggressiven Säkularismus und der systematischen Glaubenszerstörung besser abgelenkt werden können.] Da ist dieses Geld sinnvoll eingesetzt. [Im Kamin wäre es besser eingesetzt. Da hat man wenigstens noch ein schönes Feuer davon, nicht nur Glaubensverlust.]

KNA: Ein anderes Thema des Papstes war die Ökumene. Jetzt wirft der evangelische Berliner Bischof Markus Dröge dem Papst in einem Zeitungsbeitrag vor, kein Konzept für die Ökumene zu haben. Wie stehen Sie dazu? [Kein Konzept zur Ökumene ist das bestmögliche Konzept.]

Woelki: Schon in seiner Zeit als Präfekt der Glaubenskongregation hat sich Papst Benedikt XVI. große Verdienst um die Ökumene erworben [Ich fürchte, der Erzbischof hat Recht], wenn wir allein an die Erklärung zur Rechtfertigungslehre denken. [Ja, Formelkompromisse sind populär. Aber fide sola ist trotzdem häretisch.] Auch in seinen wissenschaftlichen Beiträgen hat er sich immer wieder mit dem Thema beschäftigt. Schon von daher kann man sagen, dass der Papst ein klares Konzept von Ökumene hat, allerdings nicht nur mit den Kirchen der Reformation. [„Kirchen“ der Reformation? Ist der Erzbischof etwa auch Indifferentist? Alle wandeln wir auf einem Pfade von der Erde hin zum unerkennbaren Unendlichen. Wir tappen alle im Dunkeln und keiner weiß was von der Wahrheit. Wir sind alle Suchende. Daher sind auch die „Kirchen“ der Reformation – ebenso wie die Kirche der „Neo-Reformation“, die hier scheinbar in ihrer Gründung vorbereitet wird – untereinander gleich und vergleichbar. Sie sind alle „Kirchen“. Katholizismus? Nein, danke. Nicht wahr, Herr Erzbischof Woelki?] Dem Papst genauso wichtig sind auch die ökumenischen Kontakte mit den orthodoxen und orientalischen Kirchen. Manches mag da einfacher sein, weil dort altkirchliche Strukturen vorhanden sind. [Man könnte sagen: Dort sind, im Gegensatz zu Gemeinschaften, die aus Luthers und Calvins Revolten entstanden sind, überhaupt kirchliche Strukturen vorhanden, und nicht bloß ein imperialer Gewissensindividualismus.]

KNA: Was ist für Sie die wichtigste Botschaft des Treffens zwischen dem Papst und Vertretern der evangelischen Kirche im Erfurter Augustinerkloster? [Dass ökumenische Treffen mit Vertretern der Evangelischen Sozialverbände Deutschlands sinnlos sind?]

Woelki: Benedikt XVI. hat bei dem Gespräch ausdrücklich Martin Luther und dessen Eintreten für die Authentizität des Evangeliums gewürdigt. [Ja, Martin Luther erscheint vor dem Antlitz eines Landesbischofs der Evangelischen Sozialverbände Deutschlands tatsächlich als Muster der Christlichkeit und gar der Katholizität.] Eine wichtige Botschaft war in diesem Zusammenhang auch der Ort des Treffens selbst, das heute evangelische Augustinerkloster, in dem der junge Luther seine Prägung erfuhr.

KNA: Viele Protestanten haben sich mehr erhofft … [Ja, sie haben sich erhofft, dass der Papst die Kirche auflösen und sich der lutheranischen Häresie und ihren modernistischen EnkelInnen anschließen würde. Das hätte er nämlich de facto tun müssen, um die E“K“D zufrieden zu stellen.]

Woelki: Es ist sicher auch immer eine Frage, mit welchen Erwartungen man an die Begegnung in Erfurt herangegangen ist. Vielleicht waren die Erwartungen ja auch zu hoch. Auch in der Rückschau bleibt, dass das Gespräch und das Gebet mit Vertretern der evangelischen Kirche ein vom Papst so gewünschter Schwerpunkt der Reise war, nicht nur von der zeitlichen Dauer. [So schwammig, so schwammig. Jesus ging nicht über’s Wasser – nein, er schwamm drüber!]

KNA: Können Sie schon sagen, ob das Erzbistum beim Papstbesuch in dem Kostenrahmen von rund 3,5 Millionen Euro bleiben wird? [Jetzt kommt das für die moderne Kirche der Neo-Reformation wahrhaft entscheidende: Mammon]

Woelki: Die Bilanzierung der finanziellen Seite des Papstbesuchs wird noch bis Ende des Jahres dauern. So wie es sich derzeit abzeichnet, werden wir im Kostenrahmen bleiben. Ich bin sicher, dass das Geld gut investiert ist. Ein deutscher Papst besucht vermutlich zum letzten Mal offiziell sein Heimatland, wo viele Menschen nach Sinn und Orientierung suchen. [Sie mögen ja suchen – doch wie sollen sie finden, wenn die Kirche ihre Antworten so geschickt tarnt?] Das war das auch medial angekündigte Jahrhundertereignis. [Leider erschöpft sich das öffentliche Auftreten der Kirche in Deutschland in medialen Ereignissen, aufrührerischen Aktionen gegen die Kirche und ihren Stifter Jesus Christus, dem Eintreiben finanzieller Ressourcen und dem Auftritt als Nachhut von 1789 und 1968.]

Zusammenfassung: Erzbischof Woelki gilt als einer der Hoffnungsträger der Kirche in Deutschland. Beim Papstbesuch ist er mir in Berlin positiv aufgefallen. Doch dieses Interview konnte den positiven Eindruck nicht bestätigen. Im Gegenteil: Eine schwammige Formulierung folgt der nächsten, nur unterbrochen von einem Kotau vor dem religiösen Indifferentismus der vielen verschiedenen „Kirchen“ der Reformation und einem respektvollem Kopfnicken in die Richtung der Kirchensteuer und ihres Systems der finanziellen Maulkörbe für christliche Hirten. Wenn sich der neue Erzbischof von Berlin noch fünf Jahre in dieser Art Zeitungsinterview übt, hat er wohl eine sehr gute Chance, Vorsitzender der Bischofskonferenz zu werden und die Fußstapfen von Erzbischof Zollitsch vollkommen auszufüllen.

Ein weiterer Verwalter des Niedergangs. Das ist der Eindruck, den ich von diesem Interview habe.

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Beteiligung der Laien

Man spricht in reformkatholischen Zirkeln immer gern von mehr Beteiligung der Laien, versteht dies aber leider bloß als „Laien sollen wie Priester werden“. Die Gegenüberstellung zweier Artikel auf kath.net zeigt, dass in manchem Felde tatsächlich Priester und Bischöfe sich etwas von Laien abschauen können – zumindest von papsttreuen Laien wie Matthias Matussek:

Matussek zur Kirchensteuer

Erzbischof Zollitsch zum selben Thema

Also: Lasst den Priestern und Bischöfe ihre besonderen Funktionen im Zusammenhang mit Sakramenten, Liturgie usw., versucht also nicht die Rolle der geweihten Kirchendiener zu übernehmen, sondern tut das, wofür Laien da sind; verbreitet mit Mut und Klarheit den Glauben, ohne Angst vor inner- und außerkirchlicher „politischer Korrektheit“.

In diesem Sinne interpretiert, ergeben die konziliaren Aufforderungen nach mehr Beteiligung der Laien auf einmal Sinn. Vor allem, wenn man die apathische, zuweilen kontraproduktive Herangehensweise einiger deutscher Hirten betrachtet.

Dialog und Schisma

Auf Papsttreu im Pott findet sich ein Teilnehmerbericht vom Dialogtreffen des Bistums Essen in Duisburg. Ich möchte hier einige Kommentare zum Thema abgeben, es lohnt sich jedoch, zuerst den verlinkten Artikel zu lesen.

Wie inzwischen scheinbar üblich fand auch dieses Treffen wieder in einer Kirche vor dem Allerheiligsten statt. Selbstverständlich kümmerten sich die Dialogisten nicht allzu sehr um Jesus oder irgendwelche anderen altmodischen Vorstellungen wie Anbetung oder Verehrung. Das kann auch nicht verwundern, denn unveränderliches Lehramt der Kirche umstoßen zu wollen, deutet nicht gerade auf Respekt vor Jesus und seiner von ihm eingesetzten Kirche hin.

Im Gegenteil: Geht es den Teilnehmern des Dialogprozesses nicht vielmehr um eine „neue Kirche“? Der Eindruck scheint sich unter den Verbandskatholiken, die generell die größten Befürworter des Dialogprozesses sind, immer mehr zu bestätigen. Besonders die Katholische Frauengemeinschaft Deutschlands mit ihren immer extremeren Aktionen, die schon an schismatische Akte grenzen, wie kürzlich die Einleitung einer Unterschriftenaktion gegen unveränderliches Lehramt zum Thema Beihilfe zum Essen des Gerichts für unbußfertige Ehebrecher gezeigt hat. Ich habe den Link, werde ihn aber hier nicht angeben – jeder kann etwa durch Google die Unterschriftenaktion problemlos finden. Hier wird öffentlich Stimmung gegen die Lehre der Kirche gemacht – und das von einer offiziellen katholischen Organisation. Kein Wunder, dass gläubige katholische Vereinigungen wie das Forum deutscher Katholiken inzwischen fordern, die Bischöfe mögen doch bitte überprüfen, ob sich diese radikal-feministische, in ihren Haltungen zu wichtigen Fragen von Theologie und Sittenlehre offen anti-katholische Gruppierung weiterhin „katholisch“ nennen dürfe.

Es gibt dabei nur ein Problem: Stimmt nicht zumindest der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, wie auf diesem Blog schon mehrfach berichtet und kommentiert, der Haltung der „katholischen“ Frauengemeinschaft weitgehend zu? Und sind nicht die anderen Bischöfe sehr zurückhaltend mit Aktionen, die sie in der Öffentlichkeit als offensichtlich katholisch – und stolz darauf – brandmarken könnten? Es ist also nicht damit zu rechnen, dass Bischöfe, von denen selbst die Besseren, wie Bischof Overbeck, einen Dialogprozess mittragen und Veranstaltungen wie die, auf die sich der oben verlinkte Erlebnisbericht bezieht, offensichtlich gutheißen, eine klare Haltung zum immer weiter herannahenden Schisma in Deutschland finden werden.

Wie schon öfters seit mindestens 40 Jahren werden die deutschen Bischöfe sich formal korrekt verhalten, oder von der Korrektheit nur abweichen, wenn es keine Konsequenzen aus Rom zu befürchten gibt, aber weder mit der Kirche fühlen noch mit ihr denken. „Sentire cum Ecclesia“ ist nicht nur an theologischen Fakultäten in Deutschland ebenso fremd geworden wie die Sprache, in der die Sentenz formuliert ist, sondern auch unter den für besagte Fakultäten zuständigen Bischöfen. Sie werden das Nötigste tun, um ein formales Schisma zu vermeiden, aber nicht mehr.

Also wird der Dialogprozess weitergehen, der religiöse Glaube in Deutschland wird weiter verfallen, die Kirche wird langsam aber sicher aussterben.

Auf Papsttreu im Pott wird darauf hingewiesen, dass unter den (wenigen) anwesenden Jugendlichen die meisten eher den Papst und die Kirche in Schutz nahmen. Es ist auch nur zu leicht einzusehen warum: Ich kommentierte auf dem Blog:

Die Kirchendemokraten sterben aus. Sie haben 98% der nachwachsenden Generation davon überzeugt, dass sie sich ihre eigene Wahrheit und ihren eigenen Glauben machen können – die nachwachsende Generation hat das vollkommen verinnerlicht. Wenn sie sich ihre eigene Wahrheit machen kann, dann braucht sie die Kirche ja gar nicht mehr. Warum also die ganze Mühe? Warum sonntags früher aufstehen, warum endlose Sitzungen, warum das ganze Volksbegehren und Aufbegehren, wenn man sich doch einfach seinen eigenen Glauben und seine eigene Wahrheit konstruieren kann, so wie man sie gerade braucht?
98% der nachwachsenden Generation stimmen den Kirchendemokraten völlig zu. Konsequent bleiben sie also aus der Kirche fort – sie vermag ihnen nichts zu bieten, was sie nicht auch woanders bekommen könnten.
Übrig sind die 2% die den Glauben der Kirche weitertragen.
Eine Reinigung im Säurebad, aber eine nötige Reinigung.

Wenn das stimmt, und davon bin ich überzeugt, wäre dann nicht die beste Chance für die katholische Kirche, das ohnehin kommende Schisma zu forcieren, um die verbliebenden Gläubigen zu einer Entscheidung zu zwingen? Ich bin mir nicht sicher.

Einerseits:

Kommt es zum Schisma, dann wird man endlich klar sehen, wer wo steht, wer dem Bischof von Rom seine Treue hält, und wer bloß dem Kanzler in Berlin, wer katholisch und wer deutsch-katholisch sein will. Die meisten Bischöfe würden vermutlich eher zum deutsch-katholischen Lager zählen, ebenso viele Priester, und wenn wir ehrlich sein wollen, auch 90% der katholisch Getauften. Die anderen könnten dann, ohne die lähmende Last bürokratischer Strukturen und mit einem neuen Missionseifer in Unabhängigkeit von einem zunehmend christenfeindlichen deutschen Staat und dem Konformität statt Glaube fördernden Kirchensteuersystem eine Renaissance des christlichen Glaubens in Deutschland einleiten. Sie könnten eine kleine, aber aufgrund ihrer außerordentlichen Treue zur Kirche in Glauben, Sittenlehre und Liturgie starke Kirche in diesem Missionsland sein. Sie könnten eine christliche Kultur im Kleinen leben, und für die vielen Unzufriedenen und vom Modernismus innerhalb und außerhalb der Gotteshäuser enttäuschten Menschen ein Zufluchtsort werden.

Andererseits:

Kommt es zum Schisma, wird die katholische Kirche in Deutschland von ihren derzeit 25 Millionen Mitgliedern mindestens 90% verlieren. Damit entfielen auch Einnahmen in Höhe von mehr als 90% der derzeitigen Einkünfte der Kirche, oder gar mehr, falls die Kirche sich dann entschlösse, keine Kirchensteuer mehr zu nehmen. Damit wäre es nicht länger möglich, ein ausgesdehntes Netz karitativer Vereinigungen oder Mission in anderen Ländern zu unterhalten. Es wäre eine Kirche, die vermutlich gerade genug Finanzmittel hätte, um den Gläubigen die Messe und die Sakramente zu bringen. Und mehr noch, der Verlust vieler Millionen Schäfchen würde das ohnehin gefährdete Seelenheil der Betroffenen noch weiter bedrohen, da außerhalb der Kirche kein Heil ist – ein gewichtiges Argument. Zudem kann man davon ausgehen, da die Reformkatholiken langsam aussterben, dass sich das Problem in 30 bis 40 Jahren von selbst gelöst haben wird. (Father Z nennt das „biologische Lösung“) Je länger ein formales Schisma herausgezögert wird, so könnte man argumentieren, umso schwächer wird die Position der Neo-Reformatoren.

Also:

Ich bin mir aufgrund widerstreitender Argumente nicht ganz sicher, ob ein Schisma nicht gut für die Kirche wäre. Dass es aber irgendwann kommen muss, einfach weil sich Verbandselite und Bischöfe immer weiter von Rom entfernen, daran habe ich keinen Zweifel. Wie auch immer die weiteren Entwicklungen verlaufen werden, wir sollten für alle Verantwortlichen für den Kurs der deutschen katholischen Kirche beten und dabei immer den Wunsch des Heiligen Vaters nach „Ent-Weltlichung“ der Kirche, nach Lösung von weltlicher Gewalt, beherzigen.

Vertrauen wir auf Jesus Christus, nicht auf die weltliche Macht der Gremien.

Ihr wollt Strukturreformen? Könnt ihr haben!

Liebe Reformkatholiken!

Ihr fordert ständig Strukturreformen in der deutschen katholischen Kirche. Ich stimme mit euch überein, dass die derzeitigen Strukturen marode und morsch sind. Lasst uns also mutig im Heute reformieren, um Kirche wieder produktiv für ihren eigentlichen Zweck zu machen.

Hier ein kleiner Denkanstoß für echte Strukturreformen, die, darin sind wir uns einig, dringend erforderlich sind:

1. Abschaffung der Kirchensteuer. Stattdessen sollten alle kirchlichen Unternehmungen durch Spenden der Gläubigen finanziert werden.

2. Auflösung oder wenigstens Neuverhandlung aller Verträge der Kirche mit der Bundesrepublik Deutschland, die die Handlungsfreiheit der ersteren beschränken. (Wenn der Erzbischof von Berlin vor dem Regierenden Bürgermeister einen Treueeid schwören muss, ist das Maß voll. In der Kirche darf es keine Loyalitätskonflikte zwischen weltlicher und kirchlicher Gewalt geben.) Ziel ist umfassende Handlungsfreiheit der Kirche in Deutschland ohne Rücksicht auf weltliche Mächte.

3. Abschaffung von Gemeinderäten, Liturgieräten und allen anderen derartigen Strukturen auf Gemeinde- oder Pfarreiebene. (Idealerweise auch auf Diözesanebene) Stattdessen soll es in jeder Gemeinde eine vom Pfarrer auszuwählende Person geben, die für die notwendige Bürokratie zuständig ist. Der Pfarrer soll sich wieder ganz auf sein „Kerngeschäft“ (Spendung der Sakramente, Verbreitung des Glaubens, bestimmte Arten der Seelsorge) beschränken können.

4. Zusammenlegung von Gemeinden, so dass jeder Priester für genau eine Gemeinde zuständig ist. Weitere Wege für Gläubige sind akzeptabel – man kann ja statt Pfarrgemeinschaften einfach Fahrgemeinschaften gründen.

5. Sicherstellen, dass alle Bischöfe vom Papst bestimmt werden können – keine Vorschlagslisten oder sonstige Methoden zur Verwässerung der Auswahl. Der Papst sollte bei seiner Auswahl nicht von lokalkirchlichen Machtpolitikern eingeschränkt werden können. Gegenteilige Absprachen oder Traditionen sind abzuschaffen.

6. Auflösung der Bischofskonferenzen. Es ist lächerlich, dass, gerade in der globalisierten Welt, die Bischöfe eines Nationalraums faktisch als Einheit gesehen werden. Das Konferenzwesen hat sich nicht bewährt. Jeder Bischof ist für seine Diözese zuständig; wenn alle Bischöfe für alle Diözesen zuständig sind oder auch nur zu sein scheinen, ist niemand mehr für irgendetwas zuständig.

7. Priesterseminare unter Diözesanaufsicht stellen. Alle Priesterseminare müssen vollständig aus den staatlichen Universitäten herausgelöst werden. Stattdessen sollte es eine Handvoll Seminare in Deutschland geben, die direkt von den Diözesen selbst durch Spenden betrieben werden. Nicht jede Diözese braucht ihr eigenes Seminar, da manche kaum Priesteramtskandidaten haben. (Höchstens ein Seminar pro 100 Seminaristen.)

8. Alle Mitarbeiter der Kirche auf Gemeinde- oder Diözesanebene sowie im Bereich der karitativen Tätigkeiten müssen einen speziellen Eid der Treue zu Papst und Lehramt schwören, wenn sie weiter tätig bleiben wollen. Es ist notwendig, dass die katholische Kirche in allen Tätigkeitsbereichen wieder erkennbar katholisch wird – und ohne Einheit mit dem Papst und dem Lehramt ist keine Katholizität zu haben.

Werdet Ihr diese Strukturreformen bei eurem nächsten Treffen diskutieren? Oder wird es wieder nur um diese alten konservativen Zöpfe wie Gegnerschaft zu Zölibat, Priestertum, Kirche und Sakramenten gehen?

Wer hat das Kirchensteuer in der Hand?

Nach dem Papstbesuch geht nun die Schlacht um die korrekte Interpretation seiner Worte los. Erzbischof Zollitsch hat, laut kath.net, behauptet, der Papst habe nichts gegen die Kirchensteuer einzuwenden. Regelmäßige Leser dieses Blogs wissen, dass ich den Erzbischof von Freiburg schon früher öfters kritisiert habe. Und auch diesmal komme ich nicht umhin, dem Erzbischof mitzuteilen, dass der Papst ganz sicher nicht der Auffassung ist, das deutsche Kirchenfinanzierungsmodell sei wunderbar und nicht reformbedürftig.

Ob es uns gefällt oder nicht, die faktische Entscheidungsmacht trägt derjenige, der das Geld in der Hand hat. Fast 90% der Katholiken in Deutschland sind, gemessen am Kirchenbesuch schlicht kirchenfern, aber sie sind für die überwältigende Mehrheit der Kirchensteuersumme verantwortlich. Das bedeutet: In Deutschland lebt die Kirche größtenteils vom Geld derjenigen, die nicht viel von der Kirche halten, die sie lieber als Zeitgeistreligion neu erfinden möchten, die wollen, dass die Kirche ihnen nach dem Mund redet, statt sie mit der Wahrheit herauszufordern.

Entweder das, oder sie sind einfach apathisch und befassen sich mit dem Thema Kirche und Glaube überhaupt nicht mehr.

Doch wenn etwa 90% des Kirchensteueraufkommens von kirchenfernen Katholiken stammt, dann bedeutet das im Umkehrschluss, dass dieses Geld größtenteils fortfiele, wenn die Zwangssteuer abgeschafft wird. Die nun von der Kirchensteuer befreiten kirchenfernen Katholiken wären mehrheitlich nicht an freiwilligen Spenden interessiert, und selbst wenn, so wäre die Hauptbegünstigte sicher nicht die Kirche, sondern diverse säkulare Hilfsorganisationen, die in der Gunst der Mehrheit stehen.

Es ist also nicht zu übersehen, dass der Lebensstil der heutigen Hauptamtlichen (und auch der geweihten Priester) massiv bedroht wäre, sobald die Kirchensteuer abgeschafft würde. Ebenso müssten auch die ganzen „karitativen“ Gruppen (deren katholisches Profil entweder ziemlich blass ist oder ganz geleugnet wird) kürzer treten. Die Kirche müsste sich wieder auf ihr Kerngeschäft beschränken, überschüssiges Personal abbauen, das derzeit noch mit der endlosen Produktion von Dokumenten und Gremiensitzungen beschäftigt gehalten werden kann, sich radikal entbürokratisieren und verschlanken. Vielleicht wäre es sogar wieder möglich, eine Kirche zu erreichen, die sich weniger an Umfragen ausrichtet als am Evangelium (doch das wäre wohl arg utopisch).

Wenn der Papst von Ent-Weltlichung spricht, davon, dass die Kirche sich weniger weltlichen Besitztümern verpflichtet wissen müsse, dann hat er vollkommen Recht. In dieser Hinsicht können wir von den Katholiken anderer Kontinente sehr viel lernen. Doch nicht nur exzessive Besitztümer charakterisieren die Welt, sondern auch eine ganz gewisse Mentalität, die ich schon oft an dieser Stelle mit dem Begriff „Zeitgeist“ charakterisiert habe, eine Mentalität, der neuesten Mode hinterherzulaufen, weil sie neu ist, nicht weil sie wahr und gut ist. Sowohl Besitztümer, Reichtümer, die finanzielle Basis der Kirche, als auch ihre Verwurzelung im bequemen Chefsessel der höflichen Gesellschaft mit ihren kleinen politisch korrekten Dogmen und Orthodoxien müssen dringend erschüttert werden.

Dies ruft den Widerstand der Hüter des Status Quo auf den Plan – welche sich natürlich als „fortschrittlich“ sehen, während sie zugleich jede wirkliche Reform eifrig blockieren. Die Hüter des Jetztzustands sehen sich selbst immer als fortschrittlich, weil sie glauben, dass die Geschichte in ihre Richtung läuft. Wahre Revolutionäre sind immer unbeliebt, nicht respektabel, und werden von der Mehrheit und Elite immer belächelt, wenn nicht verachtet oder zuweilen gar verfolgt. Wahre Revolutionäre sind anfangs immer unpopulär und in der höflichen Gesellschaft inakzeptabel – bis ihre Ideen Verbreitung gefunden haben, bis sie sich durchgesetzt haben. Erst dann werden sie respektabel.

Das ist der Weg jeder friedlichen Revolution in der Weltgeschichte – erst unpopulär, belächelt, verfolgt, dann mehr und mehr akzeptabel, dann selbstverständlich. Nicht umgekehrt. Wer dem Zeitgeist hinterhereilt, der wird ihn niemals einholen, er wird immer hinter der Zeit sein, er wird immer unmodern bleiben. Nur wer unabhängig vom Zeitgeist und den Ansichten von Mehrheit und Elite mit Überzeugung die Wahrheit spricht, der kann vielleicht überzeugen. Und dann wird er (im nachhinein) als Reformer oder Revolutionär gesehen.

Heute halten die meisten Menschen die Ideen der Französischen Revolution für gut, richtig und selbstverständlich. Doch das war nur möglich, weil die Revolutionäre von 1789 eben NICHT sich dem herrschenden System von Adel, Privilegien, Königtum und Kirche angepasst haben. Sie sind nicht dem Zeitgeist hinterher gelaufen, also konnten sie einen neuen Zeitgeist schaffen, dem dann die ANDEREN hinterherzueilen unternahmen.

Dasselbe gilt auch für die 1968er. „Freie Liebe“ und all die anderen Parolen waren 1968 noch längst nicht akzeptabel. Sie richteten sich gegen den damaligen bürgerlichen Zeitgeist, und konnten so einen neuen Zeitgeist schaffen, hinter dem heute die Bürgerlichen herlaufen, ohne ihn jemals einzuholen.

Egal was man von den Zielen der Revolution oder ihren zuweilen unmoralischen Methoden halten mag – und ich halte nicht viel von beiden – sie konnten nur Erfolg haben, weil sie sich widerborstig dem Zeitgeist entgegengestellt haben, um einen neuen Zeitgeist zu schaffen.

Von dieser Methode kann man lernen.

Die Kirche kann nur dann wieder gesellschaftlich relevant werden, wenn sie der Gesellschaft eine Alternative zum derzeitigen besinnungslosen Wettlauf um Geld, Macht, Spaß und Sex entgegenstellt. Und dann werden die von den leeren Versprechen der Welt Enttäuschten einen Zufluchtsort haben, an dem sie eine Heimat finden können.

Um aber dieses Niveau an Unabhängigkeit gegenüber der Welt zu erreichen, darf die Kirche keinerlei Verquickungen mit einem Staat haben, der mehr und mehr zum Knecht der radikalen Elemente des Säkularismus wird. Ebenso darf sie nicht von den Bevölkerungsschichten abhängen, die letztlich keine Loyalität zur katholischen Kirche haben, sondern nur zu einem verweltlichten Idealbild ihrer medial angeheizten Vorstellungskraft. Nur eine unabhängige Kirche kann die Welt verändern, und nur eine entweltlichte Kirche kann unabhängig sein.

Doch wie soll sich die Kirche in Deutschland entweltlichen, solange sie finanziell am Tropf der vollkommen verweltlichten Mehrheit hängt?

Erzbischof Zollitsch realisiert das wahrscheinlich auch – dumm ist er ja nicht. Das lässt dann allerdings sein Verhalten in einem anderen, weniger positiven, Licht erscheinen.