Inzest entert Parlamente

Ich schrieb bereits mehrfach über den allgemeinen Zerfall moralischer Werte und Normen, selbst solcher, die problemlos ohne Rückgriff auf religiöse Wahrheiten begründet werden können. Es gibt eine innere Logik, die von Verhütung und Scheidung über diverse Stationen bis zur völligen Aufgabe sexueller Normen führt – und ohne Normen im sexuellen Bereich zerfallen Gesellschaften relativ zügig.

Doch selbst ich hatte nicht erwartet, dass es mit der Piratenpartei jemand in einen deutschen Landtag schaffen würde, der bereits heute so schnell so weit geht. Doch die Bloggerkollegen auf b-logos dokumentieren, dass dies der Fall ist. Lektüre sei empfohlen.

Pädophilie: Bloß eine alternative Sexualneigung

… das folgt zumindest logisch aus diesen Worten einer Wahlkreiskandidatin der Linkspartei in Berlin. Einige Zitate:

Ich lehne Scham als Konzept grundsätzlich ab. Sie wird Menschen anerzogen, um sich schlecht und schuldig zu fühlen. Doch kein Mensch ist schuldig, weil er nackt ist oder Sexualität ausleben möchte. Die systematische Unterdrückung kindlicher Nacktheit und Sexualität und völlig unnötige Anerziehung von Schamgefühlen ist eine extreme Menschenrechtsverletzung, die den Kindern in unserer Gesellschaft von klein auf angetan wird“

(Wenn es eine Menschenrechtsverletzung ist, Kinder nicht frühzeitig zu sexualisieren, müssen dann nicht alle gläubigen Katholiken sofort vor den Menschenrechts-Gerichtshof, wie Milosevic?)

„Die systematische Unterdrückung kindlicher Sexualität ist eine extreme Menschenrechtsverletzung“. Man lasse sich diesen einen Satz auf der Zunge zergehen.

Nun, das sehen die Pädophilen ganz ähnlich. Sie betätigen sich ja bloß als liebevolle „Geburtshelfer“ einer frühkindlichen Sexualität. Denn, wie die Kandidatin weiters behauptet:

Schließlich entwickelten Kinder und Jugendliche eigene Wertvorstellungen, und jedes Kind lebe von Geburt an als sexuelles Wesen.

Ja, jedes Kind. Von Geburt an. Wenn Sie mal mit Ihrem dreijährigen Nachbarssohn Sex haben sollten, schreiben Sie’s einfach der Emanzipation zu. Und wenn die Eltern des Sohns was dagegen haben? Nun, die Bezirkskandidatin weiß auch hier die Antwort:

Die „ungebetene Einwirkung“ der Eltern auf die Sexualität ihrer Kinder könnte diese seelisch sehr verletzen…

Die Eltern sollen sich aus Sachen heraushalten, die sie gar nichts angehen.

So ist das eben, ohne Naturrecht, ohne objektive Moral, und dafür mit Selbstverwirklichung, sexueller Revolution und Freiheit!

Ich habe bereits vor einigen Wochen über Tendenzen zur Normalisierung von Sexualität von und mit Kindern geschrieben. Mancher Leser wird sich vielleicht, trotz einiger Anhaltspunkte, die meine Befürchtungen bestätigten, noch gedacht haben, ich sei ein Pessimist. Falsch!

Freier Sex von und mit Kindern, demnächst auch in Ihrem Wahlkreis!

Einen kleinen Ratschlag, wenn Sie Kinder haben: Schicken Sie diese Kinder AUF KEINEN FALL in eine staatliche Schule, und auf kirchliche Schulen auch nur dann, wenn Sie sich persönlich vergewissern können, ob dort auf Sittenreinheit geachtet wird. Suchen Sie sich am besten kleine konservative Privatschulen (egal ob aus evangelisch-freikirchlichem oder katholischem Bereich – beide sind um Längen besser als das Standardprogramm vieler katholischer Diözesen und des Staates). Wenn Sie das Geld haben, packen Sie Ihre Sachen und gehen in ein Land, das Homeschooling (Heimunterricht) erlaubt, am besten einen US-Bundesstaat, in dem es diesbezüglich kaum Beschränkungen gibt.

Lassen Sie sich Ihre Kinder nicht von perversen Umerziehern stehlen, stehen Sie gerade für die Unschuld und die Sittenreinheit Ihres Nachwuchses!

Große Schlachten oder Großes Schlachten?

Wie man auf Katholisches derzeit lesen kann, ist der Versuch eines Abtreibungsverbotes in Polen ganz knapp gescheitert. Mit 191 zu 186 Stimmen bei fünf Enthaltungen fiel das Gesetz, das ein vollständiges Abtreibungsverbot vorsah, und in der Bevölkerung den Rückhalt einer breiten Mehrheit besitzt, aufgrund der strengen Parteidisziplin der sich selbst als konservativ gebenden Regierungspartei PO („Bürgerplattform“) im Sejm durch. Damit bleibt das derzeitige Abtreibungsrecht gültig, das in Polen zu 500 Abtreibungen im letzten Jahr geführt hat, und die Tötung der Ungeborenen nur in seltenen Ausnahmefällen zulässt. Ein Versuch der Sozialdemokraten, die Abtreibung zu liberalisieren (und damit die Tötung der Unschuldigen auf den in Deutschland längst üblichen Stand zu bringen) scheiterte mit riesiger Mehrheit.

Alles in allem hat Polen die nach Irland und Malta besten Abtreibungsgesetze in der ganzen EU – und steht deswegen von derselben massiv unter Druck. Nachdem in diesem Jahr Ungarn eine neue Verfassung beschlossen hat, die das Grundrecht auf Leben ab dem Moment der Befruchtung bis zum natürlichen Tod festschreibt (was mit Sicherheit zu Verfassungsklagen gegen die derzeitige Abtreibungsgesetzgebung in Ungarn führen wird), ist Polen damit das zweite osteuropäische Land, in dem sich etwas für das Lebensrecht bewegt.

Das ist ganz sicher an erster Stelle dem seligen Papst Johannes Paul II. zu verdanken, der in Polen eine ganze Generation junger Wähler bewegt zu haben scheint:

A June 3rd (2011) survey showed 65% of Poles agreeing that the law “should unconditionally protect the life of all children since conception.”  Only 23% supported abortions in cases where unborn children of 24 weeks or less were diagnosed with a “serious disease.”

Significantly, 76% of those aged 15 to 24-years-old wanted total protection for the unborn – the most of any age group.  The lowest level of support came from the oldest age bracket, 55 to 70 years old, but still with 57% supporting total protection.

Mehr als drei von vier Polen unter 25 Jahren unterstützen also das Gesetzesvorhaben, das gerade gescheitert ist. Es ist überhaupt nur darüber abgestimmt worden, weil hunderttausende Polen dafür unterschrieben hatten. Und im Oktober sind Wahlen – vielleicht wird die scheinkonservative in Wahrheit lebensfeindliche Bürgerplattform von Merkel-Verbündeten Donald Tusk für das Katzbuckeln vor der internationalen Abtreibungslobby und ihrem Erfüllungsgehilfen EU an der Wahlurne bezahlen. Wir werden es sehen.

Doch ganz abgesehen von der aktuellen Lage in Polen, die sicher, trotz der vorübergehenden Abstimmungsniederlage ziemlich hoffnungsvoll stimmt, möchte ich an dieser Stelle den Kontrast zu Deutschland ansprechen. Wann hat hier in Deutschland zuletzt ein Politiker gefordert, alle Abtreibungen müssten strafrechtlich ebenso relevant sein wie die Tötung der Unschuldigen in anderen Lebensphasen? Wann hat überhaupt jemand das Lebensrecht in der Öffentlichkeit entschlossen verteidigt, nicht mit technokratischen Phrasen, sondern in eindeutigen unmissverständlichen Worten? Selbst Kardinal Meisner, der ja zuweilen scharfe Worte gegen Abtreibung spricht, bis hin zu der Erkenntnis, es handle sich um einen „Super-Gau“ vor einigen Monaten (und dazu ist ihm zu gratulieren!), hat meines Wissens nicht direkt ein Abtreibungsverbot gefordert. (Man möge mich korrigieren, wenn ich mich täusche).

Darüber spricht man in Deutschland nicht. Auch nicht in der Kirche. Zum Ausstieg aus der Blankovollmacht zur Tötung der Unschuldigen (die fälschlich „Beratungsschein“ genannt wird) musste man die Bischofskonferenz zwingen, und bis heute arbeitet man, wo immer möglich und ohne Aufsehen vertretbar, mit der Abtreibungslobby zusammen.

Eines jedenfalls hat Papst Johannes Paul II. nie getan: Zum Thema Lebensrecht geschwiegen. Seine (meines Erachtens beste) Enzyklika Evangelium Vitae hat er zu genau diesem Thema verfasst. Er hat in Polen viele Menschen inspiriert.

Auch Benedikt XVI. hat zum Lebensrecht nie geschwiegen. Auch er zieht immer wieder die Verbindungslinien von den aktuellen ökonomischen Problemen bis zur Abtreibung, auch er spricht immer wieder in klaren Worten von der gemeinsamen Wurzel so vieler heutiger Probleme, von der Kultur des Todes. Er wandelt in dieser Frage in den Fußstapfen seines Vorgängers. Dieser inspirierte in Polen, seinem Heimatland, sehr viele, er half bei der Entstehung einer neuen Generation mit, die Abtreibung als das sieht, was sie wirklich ist: Als Tötung der Unschuldigen.

Nur eines ist Benedikt bisher nicht gelungen, und nicht weil er es nicht versucht hätte: In Deutschland die Menschen zu inspirieren. Davon ist leider nichts zu spüren. Eher im Gegenteil. Während die Polen „ihrem“ Papst zujubelten, und sehr viele seinem Weg nachfolgen, gerade auch bei so wichtigen Fragen wie dem Lebensrecht für alle, haben die Deutschen nur aus nationalistischen Gründen kurz „ihrem Papst“ zugejubelt, bevor sie sich apathisch wieder ihrem üblichen Alltagstrott aus Sünde, Entertainment und Erwerbsarbeit zugewandt haben, nur um alle paar Monate empört den Kopf zu schütteln über die „antiquierte“ Moral der Kirche, in der Leben wirklich noch etwas zählt, und Menschen wirklich noch Würde besitzen, statt bloß Geld.

Worin besteht der Unterschied? Ist Benedikt unfähig, Menschen von sich zu überzeugen, Menschen mitzureißen? Er ist sicher weniger „telegen“ als sein Vorgänger. Doch der wesentliche Unterschied ist nicht der Papst, sondern das Volk. Die meisten Polen haben ihre Erfahrung mit einer atheistischen Diktatur schon hinter sich, und zu ihren Lebzeiten. Die Ostdeutschen auch. Doch könnte der Unterschied nicht größer sein. Während die meisten Polen heute für das Lebensrecht und stolz auf ihren katholischen Glauben sind, vegetiert der Osten im eigenen Saft vor sich hin, stirbt vor sich hin, im Griff der Kultur des Todes, wenn überhaupt noch mehr als der Westen.

Es sind nicht die Umstände, und schon gar nicht die Leistung des Papstes, sondern schlicht die spirituelle Offenheit der Polen, die es in Deutschland einfach nicht mehr gibt. In gewissem Sinn kann man vielleicht sogar sagen, Wohlstand verneble den Geist. Es ist eben schwer als wohlhabender Mensch in den Himmel zu kommen. Eher geht ein Kamel durchs Nadelöhr, hat einmal ein den meisten modernen Deutschen nicht mehr bekannter Weiser aus dem Nahen Osten gesagt. (Hinweis an alle modernen Leser: Nein, es war nicht Mohammed!)

Die Kultur des Todes hat eine große Schlacht in Polen vorerst gewonnen, doch das letzte Wort ist noch nicht gesprochen.

In Deutschland hat es zum Lebensrecht keine großen Schlachten gegeben, sondern nur das große Schlachten. Bedauerlich, dass eine Kulturnation wie Deutschland in nur 100 Jahren gleich zweimal so tief fallen konnte.

Das moderne Wrack

Ich verstehe nicht viel von Kunst, um das gleich vorweg zu sagen, doch das folgende Bild scheint mir ästhetisch ziemlich ansprechend zu sein, und zugleich irgendwie sehr gut auf die heutige gesellschaftliche Lage und die zukünftigen Aussichten zu passen, die uns bevorstehen, wenn wir nicht umkehren, oder es einen direkten Eingriff von GANZ oben gibt.

Gefunden habe ich es hier. Das Bild ist von William Turner und heißt „The Wreck of the Minotaur“. Es stammt aus dem Jahr 1810.

Doch natürlich geht es mir nicht nur darum, meinen vermutlich nicht vorhandenen Kunstgeschmack zu zelebrieren, oder den Leser auf dieses Bild aufmerksam zu machen, sondern eigentlich um etwas anderes, nämlich den Zustand unserer Gesellschaft. Der Gewohnheitsleser des Blogs wird wissen, dass sein Autor eher zum Pessimismus neigt, um das einmal vorsichtig auszudrücken, zumindest kurz- und mittelfristig. Langfristig wird die Sache natürlich ganz anders aussehen, darüber haben wir als Katholiken recht zuverlässige Informationen, um auch dies vorsichtig zu formulieren.

Doch in den nächsten 10, 20 vielleicht 50 Jahren? Wir haben gesehen, wie stark sich die Welt in 50 Jahren verändern kann. Nur die hellsichtigsten Zeitgenossen waren 1960 in der Lage die nahezu vollständige Zerstörung des sogenannten traditionellen Familienbildes vorhersehen, und selbst dass nur 20 Jahre später in fast ganz Europa und Nordamerika scheinbar zivilisierte Völker die Tötung der schutzlosesten Menschen, der Ungeborenen, legalisiert haben würden, wäre vermutlich den meisten völlig absurd vorgekommen.

Ähnliches gilt für den Kult, und man beachte dieses Wort, denn ich gebrauche es mit Bedacht, der um „alternative Sexualneigungen“ getrieben wird. Generell ist jedes Verständnis für die Tatsache, dass beide Geschlechter (und es gibt nur zwei, nicht zehn oder dreihundertneunundachtzig, egal was die Genderisten uns weismachen wollen) gerade weil sie so wertvoll und großartig sind, verschieden sein müssen, dass diese Verschiedenheit einen guten, lebensspendenden Grund hat, abhanden gekommen. Klar, auch heute würden nur die radikalsten Ideologen die EXISTENZ der Geschlechterdifferenz leugnen. Die Menschen sehen die Differenz, aber sie sehen nicht mehr, dass sie gut und schützenswert ist. Und doch basiert auf ihr die Fortexistenz des Menschen durch natürliche Fruchtbarkeit, und die natürliche Familie aus Mann, Frau und Kindern, auf der wiederum die Gesellschaft unverzichtbar aufbaut. All dies wird in der Theorie und zunehmend auch in der Praxis geleugnet. All dies hätten die Menschen 1960 nicht verstanden.

Ich bin überzeugt, dass ein Zeitreisender aus dem Jahre 1960, selbst wenn man ihm die ganze neue Technik erklärt und er sie verstanden hätte, sich 2010 nicht mehr zurechtfinden könnte. Es hat keinen großen Krieg gegeben, und doch lässt man Kinder nicht bei ihren Eltern, bei Vater und Mutter, verbunden durch den Bund der Ehe, aufwachsen, sondern in künstlichen Anstalten, fernab von der so notwendigen elterlichen Liebe. Es gibt keine immense finanzielle Not, und trotzdem sind Mütter nicht mehr für ihre Kinder, sondern nur noch für den wirtschaftlichen Austausch da (und scheinen das auch noch gut zu finden). Und Männer, die mit einer Frau ein Kind zeugen, heiraten diese nicht mehr, sondern zahlen lieber etwas Unterhalt, und es gibt kaum gesellschaftlichen Druck auf sie. Und selbst wenn sie heiraten, lassen sie sich bald wieder scheiden.

Unser fiktiver Zeitreisender sähe Kirchen, in denen die Lehre der Kirche nicht mehr gepredigt wird, sondern nur noch ihre Leere herbeigeredet. Er sähe eine evangelische Kirche, die inzwischen offen antichristliche Thesen vertritt, die Tötung der Ungeborenen akzeptiert hat. Er sähe eine katholische Kirche, doch er wäre unfähig, sie als solche zu erkennen. Wo ist der Altar? Was macht dieser komische hässliche Tisch da vorn im Heiligtum? Wo ist der Tabernakel? Warum starrt mich der Priester während der Messe an, hat der nichts Besseres zu tun, wie etwa zu Gott zu beten? Warum verschweigt er uns, wenn er an diesem komischen, lächerlichen Redepult da vorne steht, die Hälfte der Wahrheit? Warum erkennt man ihn nicht als Priester, wenn er nicht gerade die Messe liest? Und was machen die ganzen Mädchen am Altar? Warum hält keiner diese anmaßenden Laien auf, die permanent im Heiligtum umherlaufen, als sei es ein Schauspielhaus? Warum gibt es keinen Respekt vor dem Priester? Warum gibt es keine jungen Leute mehr in der Kirche, und wo sind die ganzen Kinder? Warum ist ein Drittel der Katholiken geschieden? Warum geht niemand beichten? Warum hassen viele von ihnen den Papst so sehr? Die Liste seiner entsetzten Fragen ließe sich endlos fortsetzen. Doch man könnte ihm nicht verübeln, wenn er zu dem Ergebnis käme, er hätte sich in der Tür geirrt, da dies offensichtlich nichts mit einer katholischen Kirche zu tun hat.

Vermutlich würde er Sedisvakantist, wenn ihm niemand gründlich erklärte, was wirklich abgelaufen ist.

Die heutige, moderne Gesellschaft ist ein Wrack, sie befindet sich derzeit noch auf hoher See, doch die Felder von Eisbergen werden immer dichter. Und die Kirche, die sie vielleicht aus diesem Moloch befreien könnte, ist intern mit kleinen Streitfragen beschäftigt, die sie seit Jahrzehnten ihres Missionseifers berauben. Irgendwelche anmaßenden Laienvertreter befassen sich mit Dingen, die sie nichts angehen, und viele Priester und Bischöfe leben und predigen, als ob sie sich niemals vor ihrem Schöpfer verantworten müssten. Manche treiben es bis in die Strafbarkeit (etwa beim Missbrauchsskandal), andere sind moralisch weniger verdorben, lassen dafür ihre Schäfchen massenhaft ins Verderben laufen, indem sie Häresien predigen, den Glaubensverfall „pastoral“ begleiten, statt ihn ernsthaft zu bekämpfen (was wirklich pastoral ist, denn der Pastor ist der Hirte, und der Hirte ist dafür verantwortlich, dass die Schafe nicht in den Abgrund stürzen), und nicht den Eindruck machen, als ginge es ihnen um die Wahrheit, sondern nur um Popularität.

Natürlich gibt es gute Priester und Bischöfe, und es gibt gute Laien (und durch das Internet können sie sogar etwas mehr Einfluss gewinnen, und so vielleicht den Niedergang verlangsamen, vielleicht mit viel Glück sogar lokal stoppen oder umkehren). Genauso wie es sie immer gab und immer geben wird. Doch die große Masse der Menschen ist, so unpopulär und „undemokratisch“ das klingen mag, letztlich immer einigen wenigen gefolgt, die sie geführt haben. 99% der Menschen führen ihr Leben nicht nach sorgfältig durchdachten, logischen, zusammenhängenden Prinzipien, aber sie haben Vorbilder, Neigungen, Eltern, eine sie umgebende Gesellschaft, und all dies prägt die Menschen und beeinflusst ihren Willen. Kaum jemand ist wirklich unabhängig von „den Anderen“ und ihren Ansichten – heute im Zeitalter der Massenmedien noch weniger als je zuvor. Langfristig, und ich spreche von mindestens den letzten 400 Jahren, ist die Tendenz der Zersplitterung, des Glaubensverfalls, immer wieder als Sieger aus den Auseinandersetzungen hervorgegangen – das ist die Periode, die Geschichtswissenschaftler unter Moderne zusammenfassen, etwa seit dem frühen 17. Jahrhundert. Und in dieser Periode hat es immer wieder kurzfristige Siege der Kirche gegeben, aber niemals haben diese Siege lange gehalten. Immer war die nächste Flut höher als die letzte, und die Wasser des „Fortschritts“ gingen niemals wieder so weit zurück, wie bei der letzten Ebbe.

War alles, was die Moderne gebracht hat, notwendigerweise schlecht? Nein, es gab auch viele gute Errungenschaften. Technischer Fortschritt hat das Leben vereinfacht und verlängert. Das positive Potenzial dieser Art Fortschritt ist enorm. Aber wofür haben die Menschen es genutzt? Mord, Zerstörung, zwei schreckliche Weltkriege und eine niemals dagewesene Vernichtung ihrer natürlichen Lebensumgebung, der meist so bezeichneten „Umwelt“. Und hat selbst so etwas wunderbares wie ein höheres Lebensalter wirklich nur positive Auswirkungen auf die Seele des Menschen? Oder gibt es nicht die Versuchung, je länger man lebt, dem alten Traum von der Unsterblichkeit mit den Mitteln des Menschen, statt mit denen Gottes nachzuhängen? Und was ist mit Technologien wie dem Automobil? Klar, Menschen können nun weitere Strecken zurücklegen, sie sind flexibler. Das KANN gute Auswirkungen haben. Doch hat es nicht die Zerstreuung von Familieneinheiten über das ganze Land begünstigt, in dem vergeblichen Geiste, man könne einander ja besuchen? Hat es nicht mehr zur Zerstörung echter lokaler Gemeinschaften beigetragen, als kaum eine Erfindung der letzten 200 Jahre? Ähnlich lassen sich Fragen aufwerfen bezüglich aller großen gefeierten technischen Fortschritte außerhalb des strikt medizinischen Bereichs – Handy, diverse Kühltechnologien, und ganz sicher der Computer.

Technik verlängert den Arm des Menschen, noch wofür nutzt er den verlängerten Arm? Das hängt von seiner sittlichen Grundhaltung ab, und die ist noch nie besonders gut gewesen. Die technische Unfähigkeit der Menschen, ihre starke lokale Gebundenheit, ihre kurze Lebensspanne, all dies hat die Fähigkeit des Menschen zum Guten wie zum Bösen immer geschwächt. Für sich ist Technologischer Fortschritt also neutral – doch der Mensch ist nicht neutral; er untersteht zunächst einmal dem Fürsten dieser Welt und ist von der Erbsünde gezeichnet. Auch wir Christen sündigen ständig und tun anderen großes Leid an. Mit den Mitteln moderner Technik multiplizieren wir dieses Leid tausendfach. Wir können auch das Gute multiplizieren, auf dieselbe Weise. Aber es gibt nur so wenige Heilige, und so viele unbußfertige Sünder! Die Schwäche des Menschen ist Gottes Quarantäne – und wir haben sie unterwandert. Doch wir haben unsere Krankheit, die die Quarantäne notwendig gemacht hat, dabei nicht abgelegt, wir haben unsere Seelen nicht geheilt, sondern sie immer kränker gemacht, uns immer mehr berauscht an Gier, Neid, Hochmut, Wollust und ihren Gefährten.

Und selbst heute: Kehren wir um? Es gibt kaum ein Anzeichen, dass ein signifikanter Anteil der Menschen überhaupt erkennt, dass es Grund zur Besorgnis gibt. Wir plappern von großen Bedrohungen, doch verstehen tun wir nichts. Wir können noch so sehr gegen die Banker, Spekulanten, Kapitalisten, Sozialschmarotzer, Ausländer, Moslems, Patriarchen, Reaktionäre, Juden und all die anderen Sündenböcke hetzen – die Schuld tragen wir selbst, mit jeder einzelnen Sünde, mit der wir unseren Erlöser erneut kreuzigen, sein zartes Herz durchbohren, und unsere eigenen Seelen und die unserer Mitmenschen verderben und verführen. Für unsere Missetaten ist niemand verantwortlich als wir selbst – und unsere Missetaten sich wirklich, ernst, und haben schreckliche Folgen in diesem und im nächsten Leben. Doch wer hört das heute noch in Kirchen? Kaum jemand. Und so schlafwandeln wir in den irdischen, zeitlichen Abgrund, aber auch in den ewigen.

Klar gibt es diejenigen, die sagen, alles sei auf dem Weg der Besserung. Selbst der sonst so realistische Fr. Longenecker stimmt in diesem Triumphalismus hemmungslos mit ein. Ja, traditionelle Orden und Priesterbruderschaften haben mehr Nachwuchs, und es mag auch sein, dass unter den heutigen Kirchgängern unter 30 die Einsicht der Papsttreue sich durchsetzen wird oder schon hat. Doch es sind so wenige, und es werden weniger! Und wir leben nun einmal in einer Demokratie, wo die Mehrheit entscheidet, d.h. es entscheidet die Elite, die in der Lage ist, die Mehrheit effektiv zu indoktrinieren. Und diese Elite ist nicht auf unserer Seite und wird es auch in Zukunft nicht sein.

Nein, wir sind nicht auf dem Weg der Besserung, zumindest nicht auf viele Generationen hinaus, zumindest nicht in Westeuropa und Nordamerika. Wir sind vielmehr, und damit komme ich zum Schluss, in der gleichen Lage, wie die Passagiere des oben abgebildeten Schiffs. Es gibt Rettungsboote, und wir werden nicht alle umkommen, aber die Lage ist ernst. Und es bringt nichts, nachdem die Titanic den Eisberg schon gerammt hat, und bereits im Sinken begriffen ist, noch fröhlich auf Deck Liedchen zu pfeifen, wie schön frisch doch der Tag ist, wenn man nicht wenigstens die wirkliche Lage realisiert. die moderne Gesellschaft lebt von Voraussetzungen, die sie selbst nicht hervorbringen kann – sie kann nur von der Substanz aus vormoderner Zeit zehren. Doch diese Substanz ist nicht unendlich, sie wird irgendwann aufgebraucht sein, und dann Gnade uns Gott.

Hörempfehlung: Manche diskutieren über den Verfall der Kultur, oder die „Kultur des Todes“. Anthony Esolen stellt in dieser Tonaufzeichnung eines Vortrags (in englischer Sprache) die Frage, ob wir überhaupt noch eine Kultur haben – und antwortet für die USA mit nein. Doch seine Analyse trifft auch auf uns zu. (Titel des Vortrags: „Is Culture a Thing of the Past?“)

Relativismus als Dialogmittelweg?

Kath.net ist eine der wenigen Nachrichtenquellen, die ein gläubiger Katholik normalerweise in Ruhe lesen kann, ohne redaktionellen Anfeindungen ausgesetzt zu sein. Das trifft auch (wenn auch nur zu einem geringen Teil) auf den Gastkommentar von Andreas Püttmann zur sogenannten Dialoginitiative und ihrem Auftakt in Mannheim zu. Leider ist es jedoch auch das Beste, was man aus katholischer Perspektive dazu sagen kann. Ansonsten ist er ein unklares Sammelsurium zur Schau getragener „Offenheit“ gegenüber denjenigen, die den Glauben und die Sittenlehre der Kirche im Geiste des Säkularismus zu demontieren suchen. Beispiele gefällig?

(1) Suggestive Titelwahl

Püttmann schreibt bereits im Titel – „Dialogseligkeit und Dialogressentiment“ – einen Gegensatz hoch, der wohl nur in seinem Kopf als solcher zu verurteilen ist. Wenn man der Meinung ist, dass Glaubens- und Sittenwahrheiten auf den Tisch gehören und abgebaut werden sollen, damit die Kirche an oberflächlicher „Relevanz“ gewinnt, dann wird man zu den „Dialogseligen“, denn es ist transparent, dass dies das einzige Ziel der Dialoginitiative ist. Ansonsten hätte man die Sache ganz anders aufziehen müssen. Ist man hingegen der Meinung, dass Glaube und Sittenlehre durch das ordentliche Lehramt der Kirche festgelegt sind und nicht dem Mehrheitswillen angepasst werden dürften, dann wird man diesen Dialogprozess ablehnen. Püttmann bezeichnet diese beiden Gegensätze extrem tendenziös als „Seligkeit“ und „Ressentiment“. Wie wir alle wissen, ist im katholischen Kontext „Seligkeit“ etwas sehr Gutes, während „Ressentiment“ eie nicht von Argumenten zu untermauerndes, generell vorurteilsbehaftetes, irrationales Gefühl der Abneigung ist, von dem Menschen normalerweise Abstand nehmen sollten. Schon die Titelwahl zeigt also die Tendenz des Kommentars: Die Abrißbirnen der Kirche sind „selig“, während die Verteidiger des Lehramts von „Ressentiments“ zerfressen sind.

(2) Die Kirche für 30 Silberstücke und etwas weltliches Ansehen verjuxen?

In den ersten zwei Absätzen scheint es dann, als ob der Titel unberechtigt oder unbedacht gewählt sei. Püttmann schreibt, man habe in der Dialoginitiative zwischen der „Diskursethik von Habermas“ und der naturrechtlichen Tradition der Kirche, besonders des Papstes Benedikt zu wählen. Er charakterisiert damit treffend die Wahl, vor der der heutige Katholik steht. Er kann sich der Lehre der Kirche, dem sittlichen Naturrecht und dem Heiligen Vater anschließen, oder einem kruden Soziologismus, der jeder Fundierung in der Wahrheit entbehrt und immer das als „richtig“ ansieht, was die Mehrheit im „Diskurs“ oder „Dialog“ beschließt.

„Nimmst Du nicht an der Wahrheit Maß, dann bleibt Dir nur der Habermas“, lautet ein Bonmot des Professors für Christliche Gesellschaftslehre, Lothar Roos. Er hält es offensichtlich mehr mit Ratzinger, dem Naturrecht und der Lehrtradition als mit dem berühmten „Diskursethiker“.

Zwischen der Erkenntnislehre dieser beiden „Päpste“ haben die deutschen Katholiken in gewisser Hinsicht jetzt zu wählen.

Man ist geneigt, Püttmann für diese klare Darstellung der Alternativen zu loben. Umso erschreckender ist das was folgt:

Denn alle Stuhlkreise hatten drei Prioritäten einer zukünftigen Kirche „mit großer Ausstrahlungskraft“ zu wählen und von dieser wiederum die wichtigste, die dann coram publico vorgetragen wurde. Hierbei dominierten – ohne dass es dazu im Plenum Widerworte der anwesenden Bischöfe gab – die bekannten „Reizthemen“: Frauenpriestertum (oder –diakonat), Zölibat, Machtverteilung zwischen Geweihten und Laien sowie Fragen des Sechsten Gebotes, insbesondere zum Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen und Homosexuellen.

Darüber lässt sich trefflich debattieren, mit guten Argumenten auf beiden Seiten. Modifikationen kirchlicher Morallehre unter veränderten zivilisatorischen Bedingungen und humanwissenschaftlichen Erkenntnissen gab es früher schon, etwa bei den „Ehezwecken“, der Todesstrafe, der Sklaverei, oder dem Zinsverbot. Wo „Glaube und Vernunft“ wirklich voneinander lernen sollen, ist die geistig-geistliche Anstrengung auch zur Überprüfung kirchlicher Lehren legitim, zumal wenn diese nicht zum „Credo“ des Christentums gehören.

An dieser Stelle angekommen, muss man sich fragen, ob Herr Püttmann nicht vielleicht lieber einer Glaubensgemeinschaft beitreten sollte, in der die Wahrheit dasselbe ist wie die Meinung der Mehrheit. Man lasse sich diese zwei Absätze auf der Zunge zergehen. Erst stellt Püttmann absolut klar, worum es geht: Kirche, Papst, Lehramt, Naturrecht auf der einen Seite, Habermas, Zeitgeist, Diskursethik und Relativismus auf der anderen Seite. Dann plädiert er auf Neutralität zwischen beiden Seiten! Es hätten, so Püttmann, die üblichen Reizthemen dominiert, darunter Frauenpriestertum, Homosexualität, „Machtverteilung“ zwischen Laien und Geweihten, „Fragen des sechsten Gebots“ – also Sexualmoral auf Dialogchinesisch verklausuliert.

Das alles sind aber keine „Diskussionsthemen“, sondern Teil der unveränderlichen Lehre der Kirche. Homosexuelle Akte sind sündig, Frauen können nicht Priester werden, Sexualität außerhalb der Ehe, Scheidung, Verhütung, Abtreibung usw. sind ebenfalls durch das Lehramt klar entschieden worden. Püttmann behauptet, alle diese Fragen seien diskutabel, mit guten Argumenten auf beiden Seiten, auch innerhalb der Kirche, schließlich habe die Kirche ja schon früher ihre Lehre abgeändert. Nun, wenn Püttmann das wirklich glaubt, kann er dann guten Gewissens das Apostolische Glaubensbekenntnis sprechen? „Ich glaube an… die heilige katholische Kirche…“? Wenn die Kirche als Institution ihre Lehre abgeändert hat, und dies wieder tun kann, dann ist sie nicht die Kirche, die Gott „in die ganze Wahrheit führen“ wollte. Dann ist sie eine menschliche Erfindung und alles was sie sagt ist prinzipiell so suspekt, wie die Worte gewohnheitsmäßiger Lügner. Denn dann wäre die Kirche nichts anderes als eine gewohnheitsmäßige Lügnerin, die seit 2000 Jahren viele Millionen Menschen verführt hat. Sie wäre die schändlichste Institution, die jemals die Erde besudelt hätte. Sie hätte ferner ihre Existenzberechtigung verloren.

Eine bloß menschliche Organisation kann nämlich auch nicht Brot und Wein in den Herrn verwandeln. Es gäbe damit in der katholischen Kirche keine Eucharistie, keine Realpräsenz, keine Wandlung, im Tabernakel keinen Herrn. Keine Existenzberechtigung für Priester, kein Lehramt, nichts. Die Kirche wäre ihres ganzen Sinnes beraubt, wenn sie ihre Lehre wirklich abändern könnte.

Kann die Kirche von Zeit zu Zeit disziplinarische Vorschriften modifizieren? Ja, sie kann, und sie hat. Das ist etwa bei der Todesstrafe der Fall. Die Kirche lehnt die Tötung Unschuldiger generell ab. Sie lehnt NICHT generell die Todesstrafe ab, aber sie hält dazu an, sofern möglich, andere Mittel zu wählen, wie etwa lebenslange Haftstrafen. Die Todesstrafe ist in modernen westlichen Gesellschaften, gegeben aktuelle Sicherheitsstandards in Gefängnissen, gegeben die Möglichkeit lebenslanger Haftstrafen usw. nicht notwendig. Dies ist jedoch keine Veränderung der kirchlichen Moral, sondern eine Veränderung der gesellschaftlichen Umstände, auf die die kirchliche Moral angewendet wird. Die Sittenlehre ist dieselbe: Die Tötung als Strafe für ein Kapitalverbrechen ist nicht an sich unmoralisch, aber sie ist in der heutigen Gesellschaft kaum oder gar nicht notwendig. Lesen Sie den Katechismus, Herr Püttmann, bevor Sie behaupten, die Kirche habe „ihre Lehre verändert“.

Soweit zu der lächerlichen Behauptung, die Kirche könne in den von Püttmann und den „Dialogseligen“ aufgebrachten Themengebieten, einfach das Gegenteil von dem sagen, was sie immer gelehrt hat, ohne damit jegliche Glaubwürdigkeit zu verspielen, die sie je gehabt haben mag. Denn bei ihnen geht es nicht um die Anwendung moralischer Prinzipien auf eine neue Zeit, sondern um eine Änderung der Prinzipien. Sexualität ist natürlich auf die Fortpflanzung hingeordnet – daher sind sexuelle Akte, die prinzipiell die Möglichkeit der Fortpflanzung willentlich ausschließen, immer moralisch falsch. Darunter fallen sowohl Verhütung, als auch Homosexualität, um nur zwei Reizthemen der Kirchendemonteure zu nennen. (Für Katholiken sind das übrigens keine „Reizthemen“, sondern wunderschöne Glaubenswahrheiten!) Und es gibt auch keine „Wiederverheiratet-Geschiedene“ aus dem einfachen Grund, dass es keine „Geschiedenen“ gibt. Scheidung ist unmöglich. Was durch den Ehebund zusammengefügt worden ist, ist zusammengefügt. Kein Mensch kann diesen Bund aufheben – und der Versuch ist moralisch verwerflich. Man kann also Menschen, die freiwillig und öffentlich in schwerer Sünde persistieren, obgleich ihnen die Möglichkeit gegeben worden ist, aus diesem Zustande zu entfliehen, keinesfalls zur Kommunion zulassen.

Herr Püttmann behauptet ferner, die genannten Glaubens- und Sittenwahrheiten gehörten nicht zum Credo. Wie oben schon gezeigt, stimmt auch das nicht. Wer seinen Glauben an die Kirche bekennt, und dann die Lehre der Kirche nicht akzeptiert, der widerspricht sich selbst. Eine von zwei Aussagen muss falsch sein – entweder man glaubt an die Kirche, oder man glaubt ihr nicht. Da muss man sich schon entscheiden.

Die meisten im Mannheimer Meinungsbild vertretenen Thesen sind offen oder versteckt häretisch. Und das zu sagen ist „Ressentiment“, um Herrn Püttmanns Kommentartitel zu zitieren.

(3) Der Ausverkauf des Glaubens

Doch Herr Püttmann ist offenbar entschlossen, allen irgendwie zu gefallen, und damit ein Kind seiner Zeit – nur die Kirche bewahrt den Menschen vor der Sklaverei, ein Kind seiner Zeit zu sein, wie Chesterton sagen würde. Denn er kritisiert dann auch noch die „Seligen“, um Herrn Püttmanns Dialogterminologie zu folgen:

Man kann dies der „Reformpartei“ [Püttmann meint die Mutablilität der Glaubens- und Moralwahrheiten, von der er oben verklausuliert sprach – Anm. von Catocon] zugestehen und dennoch finden, dass die „Reizthemen“-Fixation an der radikalsten Herausforderung, der Glaubenskrise, vorbeigeht: [1] An den Zweifeln an unserer christlichen Auferstehungshoffnung, [2] der göttlichen Allmacht und Güte angesichts von Leid und Katastrophen, [3] der Realpräsenz Christi in der Eucharistie, [4] am Sinn des Bußsakraments, [5] am Auftrag zur Mission. Von all dem hörte man aber kaum etwas in Mannheim.

Nun, wenn die Kirche die Lehre in Glaubens- und Moralfragen einfach so abändern kann, was Herr Püttmann ja seinen „Dialogseligen“ zugesteht, dann gibt es kein einziges Argument mehr gegen den Reformeifer, denn Herr Püttmann hier ungerecht kritisiert. Wenn die Lehre der Kirche wirklich beliebig ist – was er den Neo-Reformatoren ja erklärtermaßen zugestanden hat – warum soll man dann nicht versuchen „anzukommen“ und der Welt zu gefallen? Gehen wir die obenvon mir mit Ziffern versehenen Anliegen Püttmanns vor dem Hintergrund seines zur Schau gestellten und zugestandenen Relativismus also durch:

[1] Die Auferstehungshoffnung: Sie basiert auf den durch das Neue Testament überlieferten Worten Jesu. Das Neue Testament ist eine Sammlung von frühchristlichen Schriften, die verbindlich von der Kirche zu einem Kanon zusammengestellt worden ist. Wenn aber die Kirche ihre Lehren einfach so ändern kann, vielleicht ist dann ja demnächst das Thomas-Evangelium Teil des Kanons, und das Johannes-Evangelium nicht mehr, um nur ein Beispiel zu nennen. Die Bibel bezeugt, interpretiert durch die Linse der Tradition, die Auferstehungshoffnung, doch wenn die Linse Tradition (=Lehramt) suspekt geworden ist, was sie werden muss, wenn man den Neo-Reformatoren Püttmanns Zugeständnisse macht, dann kann man die Bibel auch anders interpretieren. Fragen Sie mal Herrn Bultmann. Die Auferstehungshoffnung kann nicht bestehen ohne das Lehramt der Kirche, und das ist, nach Herrn Püttmanns Auffassung, schön öfters im Irrtum gewesen, kann also keine Glaubwürdigkeit mehr für sich beanspruchen.

[2] Die göttliche Allmacht und Güte im Angesicht von Katastrophen: Ist ebenfalls nicht mehr notwendig, wenn man erst einmal Herrn Püttmanns Zugeständnisse gemacht hat. Die Gnostiker waren in der Lage, sich die Texte so zurechtzulegen, dass der Gott des Alten Testaments böse war, und Jesus ihn abgelöst hat. Das passiert eben schonmal ohne Treue zum Lehramt der Kirche…

[3] Die Realpräsenz Christi in der Eucharistie: Wenn das Lehramt der Kirche in wichtigen Fragen der Sitten- oder Glaubenslehre irrt, kann man ihm kein Vertrauen mehr schenken. Und da die einzig Gott angemessene Anbetung eines bloßen Brotes nichts anderes ist als Gotteslästerung er schlimmsten Art, reicht schon ein geringer Zweifel an der absoluten Vertrauenswürdigkeit des Lehramts dazu aus, um davon Abstand zu nehmen. Es ist aber einzig die Überlieferung der Kirche – in Bibel und Lehramtstexten – die uns die Realpräsenz garantiert. Das Dogma fällt dann also auch.

[4] Der Sinn des Bußsakraments: Beichten ist unangenehm. Warum beichten, wenn ich einfach behaupten kann, da müsse sich bei meiner Lieblingssünde die Kirche einfach geirrt haben!? Unter Herrn Püttmanns Konzessionen an die „Dialogseligen“ GIBT ES KEINEN Sinn des Bußsakraments mehr.

[5] Auftrag zur Mission: Wenn die Kirche sich in Fragen des Glaubens und der Sittenlehre korrigieren kann und fortan eine neue, modernere, Moral vertreten kann, dann ist die Wahrheit entweder bloß relativ, oder die Kirche hat sich in ihrer Geschichte über 2000 Jahre geirrt, bis die Aufgeklärten „Dialogseligen“ sie unter ihrer abgestandenen Dunstglocke von, um Herrn Püttmann zu zitieren, „Ressentiments“ zu befreien. So eine Institution hat eigentlich keinen Grund zur Mission. Und der Auftrag Jesu zur Mission ist im Neuen Testament – das, wie wir weiter oben gesehen haben, ja aus der Feder der frühen Kirche stammt, und von der nicht ganz so frühen Kirche im 4. Jahrhundert kanonisiert worden ist. Sie ist also auch nicht mehr zuverlässig.

Wir sehen also: Alle für Herrn Püttmann wichtigen Punkte sind faktisch nicht mehr haltbar oder zumindest extrem fragwürdig, wenn man den „Dialog-Seligen“ Püttmanns Zugeständnisse erst einmal gemacht hat. Warum sich die Mutter aller Stuhlkreise in Mannheim also mit solchen Trivialitäten befassen soll, sagt Herr Püttmann uns nicht.

(4) Scheinargumente

Herr Püttmann nennt dann noch drei „Argumente“, die die „Dialogseligen“ zu größerer „Mäßigung“ anhalten sollen:

Mehr Skepsis gegenüber allzu leichtfüßigem „Reform“-Eifer sollte auch wecken, dass die Reformideen der Mannheimer Wunschliste (1.) genau die Agenda widerspiegeln, die der Kirche von der säkularen Gesellschaft und ihren Medien ständig aufgedrängt werden; sie (2.) im noch rascher geschrumpften deutschen Protestantismus bereits weitgehend realisiert sind; und dass sie (3.) nicht von der deutschen Kirchenprovinz, sondern nur von der römisch-katholischen „Weltkirche“ zu entscheiden sind, in der die Deutschen kaum 2 Prozent der Mitglieder auf die Waage bringen. Rom aber hat in diesen Fragen schon klar gesprochen, teilweise definitiv wie Johannes Paul II. zum Priestertum der Frau.

Doch Herr Püttmann hat von Anfang an gesagt, dass die von ihm jetzt kritisierte Agenda sehr gute Argumente für sich habe, und die Kirche diese Fragen auch abändern könnte, wenn sie wollte. Warum soll eine Agenda schlecht sein, nur weil sie von Säkularisten stammt, da doch die Kirche nicht als verlässlich gelten kann, wenn man Herrn Püttmanns Annahmen zu Ende denkt? Das Argument, die Kirche solle sich nicht protestantisieren, weil die Protestanten noch stärker geschrumpft seien, könnte da schon eher tragen, ist jedoch bloß Marketingstrategie. Und dass Deutschland nur 2% in der Weltkirche ausmacht, ist irrelevant, wenn man so denkt wie die „Dialogseligen“ und in Teilen auch Herr Püttmann – denn das bedeutet ja bloß, dass die anderen noch nicht so aufgeklärt sind wie wir und wir die Chance haben, intellektuelle Avantgarde für einen neuen, aus dem Sumpf der Papisten und der „Ressentiments“ befreiten Glauben zu werden. Eine verlockende Aussicht, wenn man die Unfehlbarkeit des Lehramts in Glaubens- und Sittenfragen erst einmal aufgegeben hat, wie die „Dialogseligen“ und ihr faktischer, wenn auch nicht erklärter, Erfüllungsgehilfe Herr Püttmann.

Dasselbe gilt für das Argument, der Papst habe die Priesterweihe der Frau definitiv ausgeschlossen. Ja, aber wenn die Kirche doch ihre Lehre schon öfters geändert hat, wie Herr Püttmann weiter oben ja behauptet, dann kann sie dies wieder tun. Und wenn man Humanae Vitae und Casti Connubii dem Zeitgeist opfern kann, was Herr Püttmann zumindest für „mit guten Argumenten auf beiden Seiten“ diskutabel hält, warum dann nicht auch Ordinatio Sacerdotalis?

(5) Der Feldzug gegen die Wahrheit

Püttmann fährt dann fort, nachdem er pflichtgemäß einige Konzessionen an die „Ressentiment“-Seite der Debatte gemacht hat, die Kritiker der Mutter aller Stuhlkreise anzugreifen. Beispiel Lebensrecht:

Im gleichen Blatt klagte der Vorsitzende des „Bundesverbandes Lebensrecht“, man habe bei der Teilnehmerauswahl die Lebensschützer wohl „vergessen“.

Die Erklärung ist viel einfacher: Sie gehören dort als Organisationen nicht hin. Denn die „Aktion Lebensrecht für Alle“ oder die „Christdemokraten für das Leben“ sind aus gutem Grund überkonfessionell konzipiert. Ihre Sprecher dürfen nicht selbst dazu beitragen, den Lebensschutz als eine katholische Sondermoral erscheinen zu lassen und so das Geschäft ihrer Gegner zu betreiben, die das Thema gern in die Kirchenecke abdrängen.

Dieses Argument schießt in seiner Inköhärenz wirklich den Vogel ab und übertrifft fast noch die vorherigen Einlassungen des Kommentators. Lebensrechtsverbände gehören nicht an den Verhandlungstisch innerhalb der katholischen Kirche, weil sie nicht allein katholisch, sondern überkonfessionell sind? Ich fürchte, da erübrigt sich jedes Argument, ich versuche es aber trotzdem. In allen heute diskutierten Fragen der Sittenlehre kann die Wahrheit von allen Menschen guten Willens, ob gläubig oder nicht, erkannt werden. Wenn allein die Tatsache, dass es auch nichtkatholische Lebensrechtler gibt, den Ausschluss der Lebensrechtler vom Verhandlungstisch in der Kirche bedeutet, dann darf überhaupt keine an Fragen der Sittenlehre interessierte Gruppe, die auch vielleicht Nichtkatholiken beinhalten könnte, mehr in der Kirche mitreden.

Komisch, wie Herrn Püttmanns „Sorge“ um die Überkonfessionalität des Lebensschutzes immer wieder zu den gleichen Ergebnissen führt, wie die „Sorge“ der Abtreibungslobbys, die alle Lebensschützer von der öffentlichen Debatte ausschließen möchten. Wieder einmal liegt Herr Püttmann mit den Konsequenzen seiner Worte voll auf der Linie seiner „Dialogseligen“, „Säkularisten“ und „Diskursethiker“. Herr Püttmann weiter:

Fatal wäre auch der Eindruck, die 300 am Gesprächsforum beteiligten Katholiken hätten sich nicht alle um das menschliche Lebensrecht zu sorgen, weil es dafür spezielle Organisationen gebe.

Aha. Und weil Mitglieder von Gemeinderäten in den Stuhlkreisen vertreten waren, könnte der Eindruck entstehen, es müssten sich nicht „alle beteiligten Katholiken“ um den Zustand der Gemeinden sorgen, weil es dafür spezielle Organisationen gebe? Es wird immer lächerlicher. Es geht nur darum, das Lebensrecht aus der Kiche auszusperren, die Anliegen der Lebensschützer zusammen mit ihren Kreuzen in der Spree zu versenken, wie Herrn Püttmanns Gesinnungsgenossen (?) es jedes Jahr beim Marsch für das Leben in Berlin vormachen!

Ferner beklagt sich Herr Püttmann noch darüber, dass viele „Konservative“ – gemeint sind kirchentreue Katholiken – die Gremienkatholiken einer „schweigenden Mehrheit“ von Katholiken an der Basis gegenübersetzten. Er argumentiert, wenn man das so nennen kann:

Der Veränderungsdruck, den die Mannheimer Stuhlkreise ventilierten, entspricht durchaus der letzten großen Repräsentativbefragung deutscher Katholiken im „Trendmonitor“ 2010: Vier von fünf Katholiken kritisieren den Zölibat, drei von vier „die Rolle der Frau in der Kirche“, eine Zweidrittelmehrheit „den Umgang mit Kritikern innerhalb der katholischen Kirche“. Noch breitere und wachsende Mehrheiten stören sich an der „Haltung zur Sexualität“ (79%), am „Umgang mit Homosexuellen in der Kirche“ (68%) und an der Lehre zur Empfängnisverhütung (85%)

Nun, ich möchte noch einige Zahlen hinzufügen: 90% der Katholiken gehen nicht zur Messe. Mehr als 70% glauben nicht an die Realpräsenz usw. Die Umfrage unterschiedet, wie Herr Püttmann später selbst kleinlaut zugesteht, nicht nach Kirchgängern und apathischen Taufscheinchristen, denen der Austritt zu stressig ist. Zur letzteren Gruppe gehören die 90% der Katholiken, die es nicht einmal mehr für nötig halten, regelmäßig zur Messe zu kommen – eine Stunde in der Woche für den Herrn scheint ihnen zuviel. Ja, diese 90% sind säkularisiert. Und sie vertreten säkularistische Positionen. Kein Wunder.

Doch was ist mit den 10% der Katholiken, die noch die Kirche aufsuchen? Denken dort auch große Mehrheiten, die Kirche solle aufhören Kirche zu sein und sich lieber als Sozialverband und Umweltschutzorganisation neu definieren? Man weiß es nicht. Eine andere Umfrage zeigt aber, dass über 40% der regelmäßigen Kirchgänger eine in ihrer Pfarrei angebotene Messe in der außerordentlichen Form zumindest einmal monatlich aufsuchen würden, und 68% fänden es normal, wenn beide Formen in der Pfarrei zelebriert würden. Ich fürchte, dass diese Leute nicht gerade erbaut wären, wenn die Kirche ihren Glauben „zeitgemäßer“ gestaltete, und sich damit selbst ad absurdum führte.

Abschließend sagt Herr Püttmann noch und offenbart damit die Wurzel seines Irrtums:

Wo der Dialog nur als Mittel zur Durchsetzung der eigenen Einsichten betrachtet wird, muss er in Frustration enden.

Hier offenbart sich Herr Püttmann als einfacher Relativist. Beide Seiten des „Dialogs“ werden, völlig unabhängig vom Wahrheitswert ihrer Aussagen, als gleichberechtigt nebeneinanderstehend gedacht, und dann müssten sie von ihren „eigenen Einsichten“ abstrahieren und nicht mehr versuchen sie durchzusetzen. Ein wundervolles Rezept – wenn es keine objektive Wahrheit gibt, sondern alles, Habermas folgend, als „Diskurs“ verstanden wird, in dem jede Gruppe ihre „Ethik“ demokratisch beschließt. Diese Mentalität verunmöglicht es Herrn Püttmann leider, sich erfolgreich für die Lehre der Kirche und die Wahrheit einzusetzen.

Natürlich muss der Dialog in Frustration enden, wie Herr Püttmann sagt, aber nicht weil es da „Selige“ und „Ressentimentgeladene“ gibt, sondern weil die Kirche von ihrem Herrn, nicht von ihrem Stuhlkreis und den Massenmedien, in die ganze Wahrheit geführt wird.

Zusammenfassend bleibt zu sagen, dass es sich bei dem Gastkommentar um das Schwächste handelt, das ich bei kath.net jemals gelesen habe. Herr Püttmann unternimmt den Versuch, einen Mittelweg zwischen „Dialogseligen“ und „Dialogressentiment“ zu finden, spricht aber sowohl durch die Titelwahl als auch durch den Inhalt des Kommentars den lehramtstreuen Katholiken jegliches Argument ab und schreibt ihnen stattdessen eben diffuse „Ressentiments“ gegen die ehrlichen, wenn auch teilweise aus seiner Sicht fehlgeleiteten und übereifrigen, „Reformbemühungen“ der „Seligen“ zu. Dass das nicht gerade ein Mittelweg ist, sondern eher eine distanzierte Parteinahme für den „Reformflügel“ der Kirche, ist aber auch klar.

Eine solche Parteinahme ist Herrn Püttmanns gutes Recht, aber man sollte sie auch als solche bezeichnen, und nicht als „Mittelweg“ verkaufen.

Abtreibung und Subjektivismus

In der heutigen Diktatur des Relativismus tauchen solche Fragen schon einmal auf:

Wenn die Einstellung zur Abtreibung entweder modern oder antimodern ist und nicht der Würde der menschlichen Natur entsprechend oder widersprechend, muß man sich dann überhaupt noch wundern?

Wir leben in einer Gesellschaft, die als wesentlichen Standard der moralischen Bewertung menschlichen Verhaltens entweder emotionale Bedürfnisse oder „gesellschaftlichen Fortschritt“ anlegt. Die Würde der menschlichen Natur ist ein objektives Kriterium, dessen Anwendbarkeit – wie alle objektiven Kriterien – notwendigerweise auf der Existenz einer objektiven, d.h. vom Beobachter unabhängigen Außenwelt beruht, über die wir mit den Mitteln der naturwissenschaftlichen oder philosophischen Rationalität etwas erfahren können. Ferner setzt sie voraus, dass diese objektive Außenwelt ebenfalls objektiv eine natürliche moralische Ordnung beinhaltet.

Derartige Annahmen sind seit dem 17. oder 18. Jahrhundert in der Philosophie außer Mode. Stattdessen gehen Philosophen seitdem davon aus, dass wir gar nicht fähig sind, objektive Muster in der Außenwelt wahrzunehmen, sondern dass alles durch den Filter unseres Wahrnehmungsapparates möglicherweise bis zur Unkenntlichkeit verfremdet worden sein könnte. Auf dieser Basis kann eine objektive Menschenwürde ebensowenig angenommen werden wie allgemein ein objektives moralisches Gesetz. Und wer jetzt glaubt, diese philosophischen Abstraktionen seien für das Alltagsleben der Menschen irrelevant, der irrt sich gewaltig. Natürlich denken die wenigsten Menschen bewusst über ihre Philosophie nach. Aber das heißt nicht, dass sie keine hätten. Wer nicht über seine Philosophie nachdenkt, der bekommt sie unbemerkt durch seine Umgebung, durch Massenmedien, durch die dominanten Paradigmen in Schule und Universität usw. „aufgedrängt“.

Und was für eine Philosophie bekommen wir aufgedrängt, wenn wir uns nicht aktiv mit solchen Fragen befassen? Diejenige, die sich in den letzten 250 Jahren von den Philosophen und einigen damals modernen Theologen über die Universitäten und von dort in alle gesellschaftlichen, medialen und politischen Bereiche ausgebreitet hat – eben die oben beschriebene Philosophie des Relativismus und Subjektivismus.

Diese Philosophie ist, soviel steht außer Frage, inkompatibel mit jeglichem traditionellem Christentum, da sie uns sicheres Wissen über eine natürliche Schöpfungsordnung ebenso verbaut wie sicheres Glaubenswissen über Gott. Alles was uns dann bleibt, sind religiöse „Erfahrungen“, die ihrem Charakter nach immer subjektiv und anfechtbar bleiben. Glaube wird damit zur bloßen „subjektiven Präferenz“, und da es in allen Religionen Mystiker und Visionäre gibt (Menschen mit tiefgreifenden religiösen Erlebnissen) kann keine Religion für sich das Mantel der Wahrheit behaupten. Das ist die Wurzel des religiösen Indifferentismus, der heute so viele öffentliche Einlassungen „progressiver“ Theologen entscheidend prägt.

Diese Philosophie ist ebenso inkompatibel mit traditionellen moralischen Werten, da die rationale Argumentation für sie unausweichlich auf der Annahme natürlicher Zwecke („Finalursachen“ in der technischen Terminologie) beruht, welche letztlich nur dann objektiv in der Wirklichkeit feststellbar sein können, wenn wir uns zumindest teilweise auf die Zuverlässigkeit unserer Wahrnehmungsorgane berufen können. Doch genau diesen Schritt macht die Philosophie des Subjektivismus unmöglich. Jede Wahrnehmung ist nur (persönlich gefärbte) Erfahrung, keine besitzt irgendeinen Wahrheitsanspruch. Das gilt auch für die Wahrnehmung natürlicher Zwecke oder natürlicher Funktionen in der Außenwelt. Biologisch gesehen ist etwa Sexualität zur Fortpflanzung da. Doch ohne natürliche Zwecke ist dies ein bloßes Faktum ohne jede moralische Schlussfolgerung – so wie etwa in der modernen Evolutionsbiologie und -psychologie. Nur wenn es Finalursachen, natürliche Zwecke, gibt, d.h. wenn die Funktion der Sexualität objektiv, unabhängig von den persönlichen Wünschen und Emotionen des Beobachters, den Zweck der Fortpflanzung hat, dann kann man es als moralischen Fehler qualifizieren, wenn jemand vorsätzlich gegen diese Zwecke handelt.

Solange aber der Subjektivismus in den Köpfen der Menschen herrscht, wird es immer dabei bleiben, dass der eine sagt, er sehe den Naturzweck der Sexualität in der Fortpflanzung und der Andere, er sehe ihn in etwas anderem, vielleicht in der Freude, die durch den Sexualakt entsteht, und ein dritter leugnet die Existenz von Naturzwecken vollständig. Gegeben die Annahme des Subjektivismus, ist es vollkommen unmöglich, dass einer der drei im Recht und die anderen im Unrecht sein könnten. Eine objektive, wahrhaft gültige Moralität kann es damit ebensowenig geben wie eine objektiv wahre Religion.

Der Subjektivismus macht daher die christliche Religion und christliche Moral zu einem Ding der Unmöglichkeit.

Ein überzeugter Subjektivist kann Abtreibung nicht objektiv als Verstoß gegen die moralische Ordnung oder die Menschenwürde sehen, sondern höchstens eine „persönliche Meinung“ zu dem Thema haben, die er „natürlich niemandem aufzwingen will“. Er ist „persönlich gegen Abtreibung“, aber „tolerant“. Und wenn diese Art Toleranz modern ist, ja dann ist Abtreibung tatsächlich „modern“ und Abtreibungsgegner „antimodern“.

Denn auch Begriffe wie „Fortschritt“, „Rückschritt“, „modern“ oder „antimodern“ sind wieder rein relativistische oder subjektivistische Begriffe – sie basieren auf den persönlichen Präferenzen des Redners. Insofern gesellschaftliche oder moralische Ordnung auf sich gestellt ähnlich der physikalischen Entropie immer zum Zerfall tendiert, ist in der Tat Abtreibung „fortschrittlich“, insofern sie ein fortgeschrittenes Stadium der moralischen und gesellschaftlichen Entropie darstellt.

Gier, Umkehr und Unruhe

Wow. Ich hatte mich gerade ein wenig mit der aktuellen wirtschaftlichen Krise in Europa und Nordamerika beschäftigt und in den Nachrichten etwas über die Unruhen in England gehört. Da stieß ich auf diesen Artikel von Fr. Longenecker. Er spricht wirklich jeden Aspekt an, der mir im Kopf herumgeisterte, und einige mehr. Doch vor allem bringt er den inneren Zusammenhang zwischen den Problemen, die uns heute von allen Seiten einzukreisen scheinen, auf den Punkt. Ich erlaube mir daher, den Artikel hier (mit einigen eingestreuten Kommentaren meinerseits) wiederzugeben. Doch jeder Leser sollte den ganzen Artikel lesen – und Fr. Longenecker in die Liste regelmäßig zu verfolgender Blogger aufnehmen. Seine Worte sind es wirklich wert.

Doch hier nun der Artikel: (Hervorhebung von Catocon, Kommentare in rot]

Riots have broken out in London again. Last night and tonight organized gangs are rampaging through parts of the city burning and looting. Who’s to blame? [Kapitalisten? Der Wohlfahrtsstaat? Zuwanderer?]

Everybody’s to blame. That’s who. In the present economic climate many people are suffering with the loss of jobs, the loss of savings and the loss of their homes and security. Why is that? Because of greed at every level of society–greed amongst the middle classes, but also greed amongst the lower classes the upper classes. [Endlich einmal jemand, der die Gier nicht nur bei den bösen Kapitalisten sieht, sondern die tiefen Wurzeln unbeschränkter Gier auch in der Mittel- und Unterschicht erkennt]

Greed amongst a lazy, dependent underclass of people who won’t work and feel entitled to more and more and more free handouts. Greed amongst the ’nice‘ middle class people who invest their money is shady get rich quick schemes. Greed amongst ’nice‘ rich people who devise the schemes, take usury to vile and obscene extremes [eine der vergessenen Sünden im modernen Leben – auf ihr basiert unser ganzes modernes Finanzsystem] and rake in the cash as fast as they can. Greed amongst money lenders and property speculators and stock market ‚geniuses‘. Greed amongst those who will use the financial crises that come along every ten years to use their already huge wealth to buy up everything they can at a cheap price–robbing everyone they can of the true value.

A society worm eaten with greed. [Eine zerfressene Gesellschaft ist bald gar keine Gesellschaft mehr…] Greed where every store tries to offer their goods at the cheapest possible prices and every housewife and shopper covets a ‚bargain‘ so much and cheerfully degrades their lives for yet another cheap trinket purchased not because he needs it, but because it’s cheap. Greed where manufacturers cut corners and offer nasty, poor quality goods with a veneer of ‚quality‘. Greed where consumers buy such junk. Greed woven into our children’s worldview. Greed where everybody is grabbing whatever they can however they can. [Gier, nicht bloß angeblich mangelnde staatliche Regulierung, ist die Ursache. Jedes Regulierungsschema ist fehlerhaft und immer gibt es Lücken, und wer es wirklich will, kann das System immer austricksen, notfalls durch Bestechung. Ein gerechtes Wirtschaftssystem wird nicht durch mehr (oder weniger) Staat erreicht, sondern nur durch eine innere Reform des Menschen, doch lesen wir weiter…]

The problem with a society fueled by greed is that lurking beneath the sin of greed is always violence. Violence because I can only have all the goodies I want at the expense of someone else. [Konkurrenz. Aber nicht nur. Denn es gibt auch gesunde Konkurrenz – nämlich dann, wenn die Konkurrenten sich an ein internalisiertes, gerechtes System von Spielregeln halten – „fair play“. Ohne dieses System, das nur funktioniert, wenn es selbstverständlich ist und eben nicht ständiger Überwachung bedarf, entartet gesunde Konkurrenz zur Schlacht am kalten Buffet:] If I have it you can’t have it. I will have my cheap consumer goods, but just don’t tell me about the child labor, the sweatshops, the slave labor level of wages and the rape of the environment in order to get me all my cheap goodies. [Wahre „soziale Gerechtigkeit“ und wahrer „Umwertschutz“ beginnen beim individuellen Menschen – nicht bei globalen, gigantomanischen Bürokratieapparaten, denn die verändern nicht die Mentalität, nicht die Gier. Das sollten sich einige „sozialpolitisch“ engagierte Katholiken hinter die Ohren schreiben…] All of this is a form of violence, and the riots in London are simply an outward expression of the reality of our Western society–a society that is thoroughly materialistic and therefore atheistic.

Pope John Paul II said there were two materialistic atheistic world systems and that both would eventually collapse in on themselves. The first was communism. The second was unrestrained capitalism. The first is built on power. The second is built on greed. [Eines ist schon kollabiert – das andere steht kurz davor. Was wird sie ersetzen? Wo sind die Ideen für ein christliches Wirtschaftssystem, das wieder die sittlichen Tugenden und die natürlichen Grenzen der menschlichen Natur anerkennt? Lesen wir Rerum Novarum usw.]

Do you see the burning shops and police cars in the streets of London? Do you see the gangs wearing hoods and masks rampaging through the streets bashing into banks, burning stores and looting shopping malls? It is a prophetic image. It shows us who we are, and we had better take a good, long, hard look. [Volltreffer. Wir sind unter den Masken der Randalierer, denn es ist auch unsere Gier, unsere Mentalität. Nur ist die Gier bei den meisten von uns verborgen.]

The news shows rioting gangs of lawless youths burning and pillaging and taking whatever they want and no one can stop them. [Es gibt keine kürzere und zugleich treffendere Zusammenfassung unseres modernen moralischen Selbstbildes: Nehmen was immer wir wollen, und keiner kann uns stoppen.] But I see behind their ugly faces, their frightening masks and their hoods and weapons a whole society of people who do the very same thing they do, but with business suits instead of hoodies, masks of polite smiles and good manners instead of balaclavas, and the weapons of lawsuits and legislation and corporate lawyers and contracts to force their way on the world.

What’s wrong with the world? G.K.Chesterton [unbedingt lesen! Der Autor mit den tiefsinnigsten Einsichten in die Perversionen und Paradoxien des modernen des 20. Jahrhunderts!] answered the question: „I am.“ For I too am greedy. Greedy with my time. Greedy with my talents. Greedy with my money. Greedy with my life, and if this is true of me it is true of every other person and the only answer to this desperate human condition is….

…true conversion of life. [Kehrt um! Das Himmelreich ist nahe! Die Antwort auf die heutige Krise ist eine Christliche Antwort. Hierzu lese man auch diesen Artikel auf Rorate Caeli und die programmatischen Einlassungen des exzellenten Father Z, beide bezogen auf die Enzyklika Quadragesimo Anno von Pius XI.]

Junius Caesur: Kleine Typologie des Homo Catholicus

Es folgt ein kurzer Auszug aus dem Bericht des Kulturanthropologen Junius Caesur, der nach einer langen theoretischen Vorbereitung an der angesehenen Elfenbein-Universität von Wolkenkuckucksheim aufgebrochen war, um dem fernen Land, aus dem er stammt, und das noch nie von der katholischen Kirche gehört hatte, Informationen über dieses seltsame Völkchen mitzubringen. Er beschäftigte sich zuerst intensiv mit kirchlichen Dokumenten und verbrachte danach mehrere Jahre in verschiedenen katholischen Gemeinden Europas und Nordamerikas. Er beobachtete scharf, diagnosizierte eifrig, analysierte alles und schrieb es in seinem umfassenden Werk „Kultur und Leben des Homo Catholicus“ nieder.

Alle Katholiken lassen sich mehr oder weniger in vier Stämme einteilen. Nicht alle gehören zu genau einem Stamm – es gibt auch einzelne (wenige), die eine Art Doppelmitgliedschaft in zwei angrenzenden Stämmen haben, doch 95% der mir bekannten Katholiken passen in dieses Muster hervorragend hinein.

Es gibt den Stamm des Novus Ordo und den Stamm der Forma Extraordinaria (der sich oft auch Tridentinisch nennt).

Unter den Anhängern des Novus Ordo gibt es zwei Gruppen: Die Orthodoxen und die Heterodoxen.

Die Orthodoxen sind papsttreu und glauben die ganze Lehre der Kirche, selbst wenn sie unpopulär ist (wie die Sexualmoral). Sie glauben an die Realpräsenz und legen deshalb großen Wert auf Ehrfurcht und Andacht während der Messe. Fast immer haben sie große Toleranz für lateinische Messen, auch in der außerordentlichen Form, sogar wenn sie selbst kein persönliches Interesse an ihnen haben. Meist sind sie nicht nur dem Papst treu, sondern bewundern Johannes Paul II. und / oder Benedikt XVI. Sie bestehen darauf, dass man das II. Vatikanische Konzil anerkennen müsse und scheinen besonderes Vergnügen daran zu empfinden, den Heterodoxen vor Augen zu halten, wie wenig Respekt sie den Aufforderungen der Konzilstexte entgegenbringen.

Die Heterodoxen sind nicht papsttreu und glauben nur den Teil der Lehre der Kirche, der ihnen modern oder fortschrittlich erscheint. Generell haben sie wenig Respekt vor der kirchlichen Überlieferung und möchten diese abändern – Frauenordination, generell die ganze Sexualmoral, Abtreibung und einige weitere Themen. Besonders auffällig ist ihre scheinbare Unfähigkeit, die offensichtlichen Unterschiede zwischen den beiden Geschlechtern zu erkennen. Sie haben sehr oft ein quasi lutheranisches Verständnis von der Realpräsenz (sehen sie vorwiegend oder ausschließlich als Symbol). Die Lateinische Kultsprache ist ein rotes Tuch, da sie die Vergangenheit repräsentiert. Die außerordentliche Form wird immer als Auslaufmodell gesehen und prinzipiell abgelehnt. Neben der Ablehnung des kirchlichen Lehramts wird auch Benedikt XVI. als Fehlgriff eingeschätzt. Johannes Paul II. kommt besser weg, aber auch ihm werden manchmal „konservative“ Tendenzen unterstellt. Sie beschwören ständig den „Geist des Konzils“; dabei scheint es sich um einen magischen oder totemistischen Ritus zu handeln, da eine Nähe zu den „Texten des Konzils“ nicht nachzuweisen ist.

Aber auch bei den Anhängern der Tridentinischen Messe (forma extraordinaria in der Terminologie von Summorum Pontificum) gibt es zwei Gruppen, die ich hier traditionelle und traditionalistische Katholiken nennen möchte.

Die Traditionellen sind absolut papsttreu, erkennen die Gültigkeit des Novus Ordo fraglos an, sind aber davon überzeugt, dass die neue Messe theologisch ärmer ist als die alte. Sie sagen, viele einzelne neue Messen seien aufgrund ihrer eklatanten Verstöße gegen die liturgischen Normen vielleicht ungültig und definitiv schädlich für die Teilnehmer. Ausnahmslos stehen sie hinter der gesamten theologischen und sittlichen Lehre der Kirche und halten fast immer die besonders unpopulären Aspekte (etwa Verhütung) für besonders wichtig. Neben ihrer lehramtlichen Papsttreue bekunden viele Traditionelle eine persönliche Sympathie für Benedikt XVI, aber nicht so sehr für seinen Vorgänger.

Die Traditionalisten sind ebenfalls absolut papsttreu und erkennen die Gültigkeit des Novus Ordo an. Jedoch sind sie davon überzeugt, dass die neue Messe grundsätzlich nicht empfehlenswert sei, selbst wenn sie im Einklang mit den liturgischen Normen gefeiert wird. Ihre Papsttreue ist ferner ausschließlich explizit lehramtlicher Natur. Mit den konkreten Päpsten der letzten Jahrzehnte sind sie nur selten einig, da sie für Gegner der Tradition gehalten werden. Benedikt XVI. kommt noch am besten weg – aber er wird als Zauderer gesehen. Alle stehen voll und ganz hinter der Theologie und der Sittenlehre der Kirche, bezweifeln aber, dass dasselbe für das letzte Konzil gilt.

Diese vier Gruppen scheinen mir typisch für die Unterschiede zwischen den verschiedenen Stämmen der Katholiken. Besonders auffällig ist, wie sehr die Trennlinien bei den unterschiedlichen Themengebieten, über die in der Kiche gestritten wird, fast immer an denselben Stellen verlaufen. Man kann fest davon ausgehen, dass der regelmäßige Besucher einer Messe in der außerordentlichen Form gegen Abtreibung und Feminismus ist, man braucht ihn gar nicht zu fragen. Ebenso sicher ist, dass der liturgisch experimentierfreudige Pfarrer fast niemals über umstrittene moralische Themen predigen wird – es sei denn, er verbindet dies mit einer rituellen Totembeschwörung des Heiligen Konzilsgeists, der dann durch ihn verkündet, dass die Kirche sich 2000 Jahre lang getäuscht hat.

Die Trennlinien verlaufen bei allen Themen an derselben Stelle. Bei jedem Streitthema sind dieselben Personen heterodox. Alle Heterodoxen scheinen irgendwie zusammenzuhängen – sie denken alle fast dasselbe. Ich überlasse es den Metaphysikern und Ontologen der Elfenbein-Universität in Wolkenkuckucksheim, etwaige Theorien über eine geistige Einheit (hive mind?) aller Heterodoxen der Welt aufzustellen. Aber mir als bescheidenem Kulturanthropologen drängt sich der Eindruck eines Stamms auf, dessen Mitglieder nicht individuell, sondern nur als Kollektiv denken.

Auch die Orthodoxen und die beiden Spezies der Traditionsgebundenen sind zu einer gedanklichen Einheit verschweißt. Doch hier ist die Quelle offenbar. Die Orthodoxen richten sich nach den lehramtlichen Texten der Kirche aus, wobei sie oft die Texte nach dem letzten Konzil nutzen, wenn auch sie ältere Texte nicht für ungültig halten. Sie haben ihre Inspiration also alle aus dem Lehramt der Kirche. Dasselbe gilt für die Traditionellen, wobei diese ältere Texte bevorzugen, ohne jedoch die Gültigkeit der neueren (bei korrekter Interpretation) zu leugnen. Und auch die Traditionalisten haben ihr sichtbares Prinzip der Einheit im Lehramt der Kirche, wobei sie jüngere Texte (etwa nach 1960) generell mit Skepsis betrachten. Daher bieten sich die gedanklichen Ähnlichkeiten zwischen diesen drei Gruppen nicht unbedingt als Material für wilde Spekulationen der Art, wie unsere Metaphysiker sie daheim gern betreiben, an. Doch der innere Zusammenhalt der Heterodoxen ist mir ein Rätsel. Ich habe keine Erklärung, warum sie sich erst zu „Freidenkern“ erklären, die sich nicht an geistliche Autoritäten binden wollen, nur um dann allesamt exakt dasselbe zu denken! Bei uns in Wolkenkuckucksheim habe ich die Erfahrung gemacht, dass die Menschen, wenn sie „frei denken“, oft zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Das gibt es in den Spezies des „homo catholicus“ auch – und zwar bei den Orthodoxen und beiden traditionsgebundenen Stämmen in allen Fragen, zu denen das Lehramt bisher geschwiegen hat. Aber unter den selbsternannten Freidenkern findet sich kaum eine Meinungsverschiedenheit hinsichtlich der Denkrichtung. Es gibt sehr wohl unterschiedliche Schwerpunkte, aber unter den Heterodoxen kommen alle zu den gleichen Ansichten, ohne sich auf eine äußere Autorität zu berufen.

Junius Caesur ist Professor für angewandte Kulturanthropologie an der Elfenbein-Universität von Wolkenkuckucksheim. Er ist verheiratet mit Cleomatra Transrubiconiensis und hat Kinder. Wie viele sagt er nicht.

Kirchliche Kooperation mit Abtreibungsindustrie

In der unendlichen und unübersichtlichen Verflechtung hunderter undurchschaubarer Gremien, Gruppen, Verbände, Vereinigungen usw. fällt es oftmals dem nicht eingeweihten Katholiken gar nicht auf, wofür seine Kirchensteuer eingesetzt wird. (Nicht dass es den durchschnittlichen deutschen Katholiken interessieren würde, denn er ist religiös apathisch und quasi-agnostisch). Wenn man dann aber einmal genauer hinschaut, erkennt man so einiges. Zum Beispiel: Die Katholische Bundesarbeitsgemeinschaft kooperiert laut dem unverzichtbaren Nachrichtenportal kath.net mit der Abtreibungsvereinigung „pro familia“ (obwohl natürlich die Tötung Unschuldiger gegen Geld nicht gerade „für“ Familien ist, sondern eher „gegen“ sie, aber so nennen sie sich etikettenschwindlerisch nun einmal).

Vielleicht wird diese Kooperation auf öffentlichen Protest hin in Zukunft abgebrochen – vielleicht nicht. Womöglich wird man sie einfach nur besser vertuschen und verstecken. Doch eines ist bereits jetzt klar. Es interessiert die deutschen Bischöfe nicht im Geringsten, ob Abtreibungen stattfinden, wie viele, und aus welchen Gründen. Sie haben sich über viele Jahre krampfhaft geweigert, das Ausstellen von Tötungslizenzen bei kirchlichen Schwangerschaftsberatungen sein zu lassen – mit dem Segen und der Lizenz der Kirche, dem Beratungsschein, konnten tausende Frauen „legal“ ihr ungeborenes Kind abschlachten lassen. Dieses Blut klebt an den Händen der deutschen katholischen Kirche, und vor allem an den Händen der Verantwortlichen, der Bischöfe.

Doch sie waschen sich nicht rein durch Reue und Buße, sondern machen immer weiter. Inzwischen dürfen sie keine Beratungsscheine für legale Abtreibung mehr ausstellen, also finanzieren und unterstützen sie die Abtreibungsindustrie auf anderen Wegen. Das wundert mich nicht. Ich befürchte, wir werden einsehen müssen, dass allerhöchsten Kardinal Meisner wirklich gegen Abtreibung ist – der deutsche Episkopat ist in dieser Frage entweder gleichgültig, oder insgeheim sogar für die „legale Abtreibung“. Der damalige Erzbischof Marx verweigerte Lebensschützern gar den Zutritt zu seiner Kirche, weil er sie für „rechtsextrem“ hielt! (Und wenn Marx über „Lebensschutz“ redet, dann denkt er im Wesentlichen an noch mehr Sozialstaat, mehr Geld für Familien usw., nicht an die legale Tötung von mindestens 8 Millionen Babys im Mutterleib – interessante Prioritätenfolge!)

Das ist schwer zu verkraften für einen Konvertiten, der in der Abtreibungsfrage selbst als er noch Atheist war, immer schon genauso dachte wie der Papst. Doch wir müssen leider sehen: Die deutschen Bischöfe sind in der Abtreibungsfrage gleichgültig, und das noch im BESTEN Fall. Die deutsche Bischofskonferenz ist leider praktisch vollständig im Bann einer quasi-sozialistischen, gesellschaftlich linksliberalen Clique, die sich nicht im Geringsten an schwerwiegendem Bruch der naturrechtlichen christlichen Moral, etwa im Lebensrecht oder bei Ehe und Familie, stört, solange es nur ihr gesellschaftliches Ansehen nicht beschädigt. Politischer Aktivismus mit starkem Linksdrall scheint wichtiger als die authentische Verkündigung des Glaubens, sofern man bei dem politisch korrekten halb pantheistisch-naturreligiösen Mischmasch überhaupt noch um einen erkennbar katholischen Glauben handelt.

Traurig, aber wahr. Martin Luther wäre so manchem deutschen Bischof definitiv zu katholisch. Mit Sicherheit würde er nicht den Heiligen Geist im Buddhismus suchen, wie die offiziell von der Bischofskonferenz getragene Gruppe „Renovabis“ in ihrer Pfingstnovene.

Die Tugend der Reinheit

Anthony Esolen ist, wie ich schon früher auf diesem Blog geschrieben habe, einer der wenigen verbliebenen Weisen im besten Sinn des Wortes. Auch sein neuer Artikel, „Purity: Youth Restored“ ist so reichhaltig und auf einer so tiefgreifenden Ebene richtig, dass es fast unmöglich ist, einzelne Abschnitte hervorzuheben. Er sollte unbedingt zur Gänze gelesen (und wiedergelesen, und an andere weitergegeben) werden.

Ich will trotzdem versuchen einige Höhepunkte zu isolieren – doch niemand sollte glauben, das wäre alles was der Artikel zu bieten hat. Er ist ein Gesamtkunstwerk, wie alles was Esolen schreibt.

Der Hintergrund ist eine Romanvorstellung: Quo Vadis von Henryk Sienkiewicz. Über die Qualität des Romans kann ich nichts sagen, weil ich ihn nicht kenne. Aber was aus dem Artikel hervorscheint deutet an, dass auch der Roman die Lektüre verdient.

Es geht um einen römischen Zenturio, Marcus, der sich auf eine ziemlich dekadente Weise in Ligia verliebt – eine Christin, wie sich herausstellt. Er begehrt sie auf tierische Art und Weise, läßt sie sogar entführen, um sie dann zu verführen, doch stellt dann fest:

Slowly he comes to understand, though long in confusion, that even if he could have Ligia in these ways, he would not want to, because it would spoil the very quality in her that most attracts him.

Doch er wundert sich:

What normal woman wouldn’t jump at the chance to be the concubine of a handsome young patrician? Had they set themselves in pride against ordinary pleasures, like the Cynics? But the Cynics were as bitter as gall, and these Christians were mild, almost to a fault. What Marcus comes to see is that Ligia has too exalted a view of happiness for his understanding. Her human desires – and she has fallen in love with him – are caught up in the divine, and transformed. To love Ligia is to love her in that radiant integrity.

Was Marcus an Ligia anzuziehen scheint, ist eine Qualität, die wir mit dem Wort Reinheit („purity“) bezeichnen können. Diese Fähigkeit ist letztlich der Schlüssel zu vielem, unter anderem zu einem glücklichen Leben. In seinen lesenswerten „Screwtape Letters“ läßt C.S. Lewis den Oberteufel Screwtape über Gott sagen, er sei im tiefsten seines Herzens ein Hedonist, verstanden als jemand, der sehr großen Wert auf Freude legt. Und G.K: Chesterton verwendet irgendwo (ich glaube in „Orthodoxy“) das Bild von den Geboten und Verboten des Christentums als Zaun um einen Kinderspielplatz: Um den Spielplatz findet sich ein Abgrund, doch die Kinder können auf dem Spielplatz Freude haben, gerade weil es den Zaun zu ihrem Schutz gibt. Der Zaun ist, genauso wie die christliche Moral, auf den ersten Blick restriktiv, ja sogar ein Gefängnis. Aber er ermöglicht erst wahre Freiheit und wahre Freude. Ohne den Zaun könnten die Kinder nicht so sorglos spielen und wären nicht so glücklich.

Die Art Glück, die wir Menschen in einem ständigen Durchbrechen der Zäune, durch Tabubrüche, erlangen können, ist kurzfristig schön, langfristig schon in dieser Welt höchst schädlich und in Ewigkeit erst recht. Doch die Art Glück, die wir erlangen können, indem wir die Zäune achten und pflegen, und in den Grenzen der Zäune bleiben, ist, wie das Glück der Kinder in dem obigen Bild, langfristig schon in diesem Leben schön, und die wahre Belohnung kommt natürlich in der Ewigkeit. Doch das ist ein Gedanke, der, wie mir scheint, auch Esolens Zusammenfassung zugrunde liegt. „Her human desires – she has fallen in love with him – are caught up in the divine, and transformed“ – Ihre bloß menschlichen Begierden stehen nicht mehr für sich, sie haben ihren angemessenen Platz in dem kosmischen Drama der Schöpfung und des Schöpfers, sie werden durch diese Einordnung in die göttliche Ordnung (mitsamt moralischen Geboten) transformiert, verwandelt, und zwar nicht in Form einer Erkaltung oder Abschwächung dieser Begierden. Die Einordnung in den ihnen angemessenen Zusammenhang bewirkt gerade das Gegenteil. Eheliche Liebe ist nicht nur moralisch besser als ein „One-Night-Stand“, sondern macht auch viel eher glücklich als die Leere der Objektifizierung des Partners als bloßes Mittel zum Zweck der Trieb- oder Leidenschaftsbefriedigung. Das gilt für die gesamte menschliche Sphäre. Begierden, Leidenschaften, Triebe, die in ihren gesunden moralischen Zusammenhang eingeordnet und in diesen Grenzen ausgelebt werden, erfahren keine Schwächung sondern eine Stärkung. Das ist das christliche Paradox. Gerade durch die Unterordnung unter Gott und seine Gebote wird der Mensch erst frei. Sünde ist Sklaverei. Reinheit, Heiligkeit sind Voraussetzungen der Freiheit.

Das alles ist, unterschwellig, in einer Erfahrung enthalten wie Marcus sie macht.

Esolen weiter:

Ligia becomes the means of Marcus’ salvation. She is so not because she meets him halfway, becoming a little bit debauched for the debauched, or a little bit of a whore for the whoremonger. Had she done so, Marcus would have had his way with her, enjoying her for a while, and then tiring of the emptiness.

We do not become impure for the impure, dishonest for the dishonest. Such qualities are not actually things in themselves, but deficiencies or corruptions. When a man is hungry, we do not feed him with cardboard. We give him real meat and bread. When a man is shivering with cold, we do not give him rags. We give him real clothing.

(Hervorhebungen von Catocon)

Wenn Jesus sagt wir sollen uns zu den Sündern begeben, so wie er gekommen ist, um die Sünder zu retten, dann meint er nicht, wir sollen die Sündhaftigkeit der Sünder annehmen oder entschuldigen, um irgendwie zu zeigen, dass „wir ja alle im gleichen Boot sitzen“. Er meint, dass wir den Irrenden Wahrheit, den Hungernden Brot, den Dürstenden Wasser, den Sündern Heiligkeit, den Unterdrückten wahre Freiheit bringen sollen. Den Grund dafür nennt Esolen auch: Das Böse ist gar nicht an sich, sondern immer nur als Parasit einer eigentlich guten Qualität oder Eigenschaft. Es saugt das Gute aus, nährt sich an ihm. Sexualität ist etwas sehr Gutes, und gerade deshalb ist ihre Perversion etwas sehr Schlechtes. Und gerade weil Freiheit ein hohes Gut ist, vermag sie so viel Schaden anzurichten, wenn sie pervertiert wird. Ähnliches gilt für alle menschlichen Güter.

Doch was will uns Heutigen das sagen? Die Antwort gibt Esolen ebenfalls:

Modern man is like Marcus. He no longer knows what his body is for. He has no sense of the integrity of the person, body and soul, as cooperating with God in the making of new life.  He has at best a hazy view of the eternal love for which we are made. He is hungry and cold.

Der moderne Mensch, so Esolen, weiß nicht mehr, wofür sein Körper ist. Er weiß mehr über seinen Körper als jede frühere Generation. Aber er kennt nicht mehr den Zweck, den Gründ für seinen Körper. Er glaubt, der Körper sei ein Instrument, das er benutzen könne wie und wann er wolle („Mein Körper gehört mir!“) Er erkennt nicht mehr, dass er als Person, als Bild Gottes, zur Liebe berufen ist. (Liebe, in diesem Sinne, bedeutet aber nicht bloß ein Gefühl, sondern, dem Hl. Thomas folgend, „das (objektiv) Gute des Nächsten zu wollen“, was in der christlichen Theologie das Fachwort „caritas“ zugewiesen bekommen hat). Diese Liebe äußert sich in der Beziehung zu Gott, aber im derzeit behandelten Zusammenhang steht die Liebe zum Nächsten im Vordergrund.

Diese Art Liebe hat der heutige Mensch gegen Liebe als Emotion, als Leidenschaft, eingetauscht. Das ist ein Verlustgeschäft, weil die höchsten Formen der Liebe dabei in Vergessenheit geraten. Es ist auffällig, dass der Mensch umso hungriger nach Liebe geworden ist, umso weiter er sich von den Normen der christlichen Moral entfernt hat. Ohne ein solides Wissen um den Zweck des Leibes kann man keine sinnvollen Entscheidungen über ihn treffen. Doch der Zweck des Leibes, hinsichtlich seiner Sexualität, ist Fortpflanzung und, untrennbar damit verbunden, Vereinigung mit dem Partner zu einer unauflöslichen Einheit. Und was der Mensch im Bereich der Liebe vergessen hat, wirkt sich nicht nur auf Ehe und Familie aus, sondern auf die gesamte menschliche Existenz. Alles gerät aus dem Gleichgewicht, wenn man das Ziel, den Zweck aus den Augen verliert. In diesem Sinne ist es auch klar, dass Ligia eine Christin sein muss. Denn natürlich besteht der allerletzte Endzweck der ganzen Schöpfung in Gott.

Der heutige Mensch ist dagegen orientierungslos. Er driftet vom einen Ort zum nächsten, ist nirgendwo verwurzelt, und ist auch mit niemandem untrennbar verbunden. Es ist ein Leben als Nomade – welch ein Rückschritt für den Fortschrittlichen!

Esolen verweist dann noch auf einige der Auswirkungen dieses Auseinanderbrechens der Gesamtschau, des Zerfalls des einen Endzwecks in viele kleine subjektive, vom Menschen gemachte, Zwecke, von denen keiner dem Menschen wirklich gerecht werden kann, weil das Wesentliche – oder vielmehr: der Wesentliche – fehlt. Die Auswirkungen die Esolen nennt, ergeben in der Summe den totalen Zusammenbruch unserer Hochkultur und einen Rückfall in barbarische Zeiten. Es ist nichts weniger als die Entzivilisierung der Zivilisation. Und wir eilen weiter voran, unermüdlich, alle Zäune einreißend, immer unbefriedigt dem nächsten Tabubruch nachhaschend, in der vergeblichen Hoffnung, er möge uns endlich erfüllen. Doch erfüllen kann uns nur das Wahre: Nur die Wahre Liebe, die Wahre Schönheit, die Wahre Freiheit und so weiter. Doch Jesus sagte, er sei die Wahrheit. Er hat sie nicht nur – er ist sie. Daher kann auch nur er uns erfüllen.

Esolen schließt brillant:

Modern man, then, needs to behold that virtue that spiritualizes the body, uniting the natural appetites in an integral orientation towards what is holy. That virtue is purity

Dem ist vorbehaltlos zuzustimmen. Solange der Mensch „seinen“ Körper nur als materielles Werkzeug begreift, wird der im Westen begonnene Verfall sich immer weiter ausbreiten, da auch der Westen sich ausbreitet, durch die ökonomische Globalisierung, die durch und durch westlich ist – nicht nur aufgrund der Tatsache, dass es derzeit noch westliche Kulturen sind, die im globalen Wettbewerb die Nase vorn haben, sondern aus dem tieferen Grund, dass die Werte, die der Globalisierung zugrunde liegen, wie etwa der Universalismus, letztlich Perversionen der Christlichen Kultur des Westens sind.

Den Körper als „spirituelle“, geistliche Realität zu begreifen und ihn entsprechend zu behandeln, ist in der Tat notwendig. Denn unsere Leiber sind ein Tempel des Heiligen Geistes (1. Kor 6:19), wie schon Paulus wusste.